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Leitvers: 1. Timotheus 4,16
1Tim 4,16: Habe acht auf dich selbst und auf die
Lehre.
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Vorwort der Redaktion
Es tut uns immer ein wenig leid, wenn wir auf Missstände
aufmerksam machen müssen. Umso mehr dann, wenn es sich um die
Verurteilung mancher Lehren eines von vielen geschätzten Bibellehrers
handelt. Gibt es nicht genug Missstände bei einem selbst und im eigenen „Lager“? Muss man denn immer von sich weg auf andere weisen?
Das sind Überlegungen, die uns dann solche Veröffentlichungen schwermachen, und unser Bruder, der diese Ausarbeitung gemacht hat, wird dies
sicher ähnlich empfunden haben. Doch lieben wir die Gemeinde Gottes, und
wir stehen unter dem Eindruck, dass der Herr uns mit dieser
Internetpräsenz auch die Verantwortung nahelegt, auf verschiedene
Missstände einmal hinzuweisen, obwohl es unser erklärtes Ziel mit dieser
Internetseite ist, positive und nicht verurteilende Literatur zur
Verfügung zu stellen. Da die MacArthur-Studienbibel jedoch einen immer
breiteren Raum auch in der sog. Brüderbewegung einnimmt, möchten wir
hier einige Gefahren aufzeigen und dringend davon abraten, diese
Studienbibel für das persönliche Bibelstudium zu verwenden. Exemplarisch
legen wir hier einige kritische Passagen aus dem Römerbrief vor. Es wäre
allerdings noch vieles mehr anzumerken.
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Inhalt Ist das mosaische Gesetz die Lebensregel des Christen? Die Lehren MacArthurs Die Lehre der Bibel Rechtfertigung aus dem Gesetz? Die Lehren MacArthurs Die Lehre der Bibel Der Mensch aus Römer 7 Die Lehren MacArthurs Die Lehre der Bibel Einzelne Stellen
MacArthur schreibt, das Gesetz vom Sinai sei „der Maßstab, wie Gläubige ihm
[Gott] gefallen können“, und: „Jeder Gläubige findet darin den Maßstab für sein
Verhalten“ (MacArthurs Anmerkung zu Römer 7,12 und 8,4).
Zu Römer 7,7 schreibt er:
Das Gesetz offenbart den Maßstab Gottes. Wenn ein Gläubiger sich an diesem
Maßstab misst, kann er seine Sünde genau erkennen, denn sie ist all das, was
nicht diesem Maßstab entspricht.
Zu 8,4 schreibt MacArthur:
Der zeremonielle Teil des mosaischen Gesetzes ist beiseitegesetzt worden (Kol
2,14-17). Die grundsätzliche Verantwortung für den zivilen Teil (die Anwendung
des Moralgesetzes in einer Gesellschaft) ist auf die menschlichen Regierungen
übertragen worden (13,1-7). Das Moralgesetz ist im Charakter Gottes begründet
und in den Zehn Geboten als Grundriss dargestellt. Die komprimierteste Form
ist das Gebot Jesu: Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst. Das Moralgesetz wurde niemals außer Kraft gesetzt, sondern
wird im Neuem Bund autoritativ bestätigt.
MacArthur teilt dass mosaische Gesetz also in zwei Bereiche ein:
- das zeremonielle Gesetz
- das moralische Gesetz.
Das zweite (das moralische Gesetz) sei von den Christen heute noch zu
erfüllen und sei seine Lebensregel.
Das Gesetz vom Sinai war dem Volk Israel als Zuchtmeister gegeben (Gal 3,24)
[1]. Nirgends wird gesagt, dass Gott einem anderen Volk das Gesetz
auferlegt habe. Auch die Zeit der Gültigkeit des mosaischen Gesetzes ist in der
Heiligen Schrift angegeben: Es kam 430 Jahre nach Abraham (Gal 3,17) und galt
nicht für immer. Es galt nur, „bis der Same käme, dem die Verheißung gemacht
war“ (Gal 3,19), also bis auf Christus. Dieses „bis“ klärt die Frage und
wird durch Galater 3,24 nochmals bestätigt: „Also ist das Gesetz unser
Zuchtmeister gewesen auf Christus hin.“ Epheser 2,15 sagt, dass Christus in seinem Fleisch
„das Gesetz der Gebote in Satzungen, hinweggetan hatte“,
und Kolosser 2,14 bestätigt, dass Christus die uns entgegenstehende Handschrift
in Satzungen ausgetilgt hat. Er hat sie aus der Mitte weggenommen, indem Er sie
an das Kreuz nagelte.
Da das Gesetz durch die Kreuzigung weggetan wurde, stehen wir als Christen
heute nicht mehr unter dem mosaischen Gesetz und es kann folglich auch nicht
unsere Lebensregel sein. Darum sagt der Apostel den Römern unmissverständlich:
„Ihr
seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14).
Wer die Stellen aufmerksam nachliest, wird feststellen, dass nirgends in der
Bibel eine Trennung zwischen Moral- und Zeremonialgesetz gemacht wird. Viele
dieser Stellen beziehen sich im Zusammenhang sogar deutlich auf moralische
Dinge.
Nun gibt es im Gesetz vom Sinai tatsächlich Gebote mit zeremoniellem
Charakter und Gebote mit moralischem Charakter. Zeremoniellen Charakter haben z.B. die Opfervorschriften in 3. Mose
1ff. oder die Vorschriften über den
Gottesdienst; moralische Gebote findet man z.B. in 2. Mose 23,1-5. Aber obwohl
man solche inhaltlichen Unterscheidungen im Gesetz machen kann, fordert uns das
Neue Testament an keiner einzigen Stelle auf, zwischen zeremoniellen und
moralischen Geboten zu unterscheiden, um die einen zu ignorieren und die anderen
noch zu halten. Das Neue Testament lehrt vielmehr ganz entschieden, dass das
Gesetz als gesamtes System vergangen ist.
Manchmal wird eingewendet, das Gesetz könne doch von der Sünde überführen und
habe deshalb seinen Wert. Dieser Einwand ist richtig und hat Wert, wenn man ihn
auf Ungläubige anwendet. Das Gesetz ist bestimmt „für Gesetzlose und
Zügellose, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Ungöttliche, Vaterschläger
und Mutterschläger, Menschenmörder“ usw. (1Tim 1,9).
Es gibt auch einen ganz einfachen Grund, warum das Gesetz für den Gläubigen
keine zu befolgende Lebensregel mehr sein kann: Das Gesetz richtet sich nur an
lebende Menschen. Der Gläubige ist aber (geistlich gesehen) tot. Das ist die
Belehrung von Römer 7,1-4 und Galater 2,19.
Was ist nun die Lebensregel des Christen? Nicht das Gesetz des Mose, sondern
die Person des Herrn Jesus selbst; nicht Gesetz, sondern Gnade regelt heute
unser Leben und unterweist uns:
„Denn die Gnade Gottes ist erschienen, Heil bringend für alle Menschen, und
unterweist uns, damit wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste
verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf“
(Tit 2,11-12).
Zu Römer 3,21 schreibt MacArthur:
Christi Tod zahlt stellvertretend die Strafe, die den Übertretern des
Gesetzes Gottes rechtmäßig auferlegt ist. Und sein vollkommener Gehorsam
gegenüber allen Anforderungen des Gesetzes erfüllt Gottes Forderung
unumschränkter Gerechtigkeit (2Kor 5,21; 1Pet 2,24; vgl. Heb 9,28).
Zu Römer 3,24 erklärt MacArthur, was Gottes rechtfertigendem Urteilsspruch
seines Erachtens beinhaltet:
Vergebung der Sündenschuld und -strafe und das Zurechnen bzw. Verleihen der
Gerechtigkeit Christi zugunsten des Gläubigen. Dadurch erhält der Mensch die
positive Gerechtigkeit, die er braucht, um von Gott angenommen zu werden. Gott
erklärt einen Sünder allein auf der Grundlage der Verdienste von Christi
Gerechtigkeit als gerecht. Die Sünden des Gläubigen rechnete Gott Christus an,
als Er den Opfertod am Kreuz starb (Jes 53,4-5; 1Pet 2,24) und Er rechnet Jesu
vollkommenen Gehorsam gegenüber dem Gesetz dem gläubigen Christen an (vgl.
5,19; 1Kor 1,30; s. Anm. zu 2Kor 5,21; Phil 3,9).
Für MacArthur hat die Rechtfertigung des Sünders also zwei Aspekte:
- Der Mensch muss von seiner Sünde und Schuld befreit werden. Das geschieht
durch den Opfertod am Kreuz.
- Der Mensch braucht Gerechtigkeit. Christus war dem Gesetz gegenüber
vollkommen gerecht und dieser vollkommene Gehorsam Christi gegenüber dem
Gesetz wird dem gläubigen Christen angerechnet [2].
Auf die Frage „Wodurch erweist Gott seine Gerechtigkeit?“ antwortet MacArthur
(in seiner Anmerkung zu Römer 3,26) also zusammenfassend: „Durch die
Fleischwerdung, das sündlose Leben und den stellvertretenden Tod Christi.“
MacArthur hat recht, wenn er betont, dass Gott die Sünden des Gläubigen seinem Sohn am Kreuz zugerechnet hat. Das Blut vom Kreuz ist in der Bibel immer
die Grundlage der Rechtfertigung (Röm 5,9), der Vergebung (Heb 9,22), der
Erlösung (1Pet 2,18f.; Eph 1,7), des Loskaufs (Off 5,9), der Reinigung (1Joh 1,7), des Friedens (Kol 1,20) und der Versöhnung (Kol 1,22; Röm 5,10) [3].
Aber für MacArthur ist der Kreuzestod Christi zu unserer Rechtfertigung
offenbar nicht ausreichend, denn er glaubt, dass Gott dem ehemaligen Sünder nun
zusätzlich die vollkommene Gesetzeserfüllung Christi zurechnen müsse. Erst dann
habe der Gläubige „Gerechtigkeit“.
Aber in der Bibel ist Rechtfertigung eine Sache, die völlig getrennt vom
Gesetz zustande kommt: „Aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm [Gott]
gerechtfertigt werden“ (Röm 3,20); „Wir urteilen, dass ein Mensch durch
Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke“ (Röm 3,28); „[Wir] wissen,
dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch
den Glauben an Jesus Christus, auch wir haben an Christus Jesus geglaubt, damit
wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt würden, und nicht aus Gesetzeswerken,
weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt werden wird“ (Gal
2,16); „… dass aber durch Gesetz niemand vor Gott gerechtfertigt wird, ist
offenbar, denn ,der Gerechte wird aus Glauben leben‘“ (Gal 3,16). In Philipper 3
schreibt Paulus von seinem ehemaligen Wandel (als Jude) und sagt, er sei „was
die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, tadellos erfunden“ worden (V.
6). Aber drei Verse später sagt er, wie es später wurde, als er zum
Glauben kam: „… indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz
ist, sondern die durch den Glauben an Christus ist, die Gerechtigkeit aus Gott
durch den Glauben [und eben nicht mehr, wie vorher, durch das Gesetz].“
Man könnte einwenden, dass alle diese Stellen nur besagen wollten, dass man
nicht durch eigene gesetzliche Werke gerechtfertigt werde, aber sehr wohl durch
die Gesetzestreue Christi. Aber wer die Stellen erneut liest, wird zugeben
müssen, dass sie viel allgemeiner formuliert sind; sie sagen, dass man überhaupt
nicht durch Gesetzeswerke irgendwelcher Art gerechtfertigt wird, also weder
durch eigene noch durch die eines anderen. Ganz deutlich sagt das Römer 3,21: „Jetzt
aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden.“ Also „ohne
Gesetz“, das heißt außerhalb oder getrennt von irgendwelchem Gesetz.
Christus hat zwar tatsächlich das Gesetz vom Sinai erfüllt, aber nie sagt die
Bibel, dass uns diese Gesetzeserfüllung irgendwie zugerechnet werde. Überhaupt
spricht Paulus (ganz anders als MacArthur) niemals von der Gerechtigkeit
Christi, sondern immer nur von der Gerechtigkeit Gottes. Diesen Ausdruck hat
MacArthur nicht verstanden, denn in seiner Anmerkung zu Römer 1,17 sagt er, eine
bessere Übersetzung dafür wäre „Gerechtigkeit von Gott her“. Aber wenn Paulus
wirklich „Gerechtigkeit von Gott her“ gemeint hätte, dann hätte er das doch auch
so schreiben müssen [4], oder versteht MacArthur den Begriff etwa besser als
Paulus selbst? Der Ausdruck „Gottes Gerechtigkeit“ ist nicht schwieriger zu
verstehen, als wenn man z.B. von der „Gerechtigkeit des Bundespräsidenten“
spricht. Damit meint man, dass der Bundespräsident gerecht ist und gerecht
handelt. Auch der Ausdruck der „Gerechtigkeit Gottes“ meint genau das, was jeder
theologisch nicht vorbelastete Mensch darunter verstehen würde: das Gerechtsein
und gerechte Handeln Gottes [5].
Von dieser Gerechtigkeit Gottes steht in Römer 3,21 unmissverständlich, dass
sie „ohne Gesetz“ offenbart wurde, aber MacArthur schreibt von einer
Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, denn wenn Christus sich dem Gesetz
gegenüber als völlig gerecht erweist, dann ist das eben eine Gerechtigkeit aus
dem Gesetz und nicht ohne (getrennt von) Gesetz.
Wenn MacArthur in seinen Anmerkungen auch auf 2. Korinther 5,21 verweist, dann sagt
dieser Vers eben nicht: „Christus hat für uns das Gesetz vollkommen gehalten,
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden“, sondern: „Den, der Sünde nicht kannte
[= Christus] hat er für uns zur Sünde gemacht [d.h. am Kreuz von Golgatha],
damit wir Gottes Gerechtigkeit würden.“ Dieses Zur-Sünde-Machen war also das
Mittel, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden. Ebenso sagt Römer 5,9, dass wir
durch Christi Blut gerechtfertigt worden sind (nicht durch seinen Gehorsam
gegenüber dem Gesetz).
Für MacArthur ist der Kreuzestod also nicht ausreichend; es muss auch noch
die Gesetzeserfüllung Christi dazukommen. Diese Hinzufügung ist das Gefährliche
in Mac Arthurs Lehre: Ähnlich wie in der katholischen Kirche wird die Bedeutung
des Kreuzes Christi zwar nicht geleugnet, aber es wird ein anderer unbiblischer
Punkt hinzugefügt. In der katholischen Kirche sind das die angeblich ebenfalls
notwendigen guten Werke (seitens der Menschen), bei MacArthur ist dies die
angebliche Gesetzeserfüllung Christi. Beide Lehren fügen zur Heiligen Schrift
etwas hinzu.
Zu Römer 7,7 bemerkt MacArthur:
Paulus verwendet im restlichen Teil des Kapitels das Personalpronomen
„ich“. So spricht er von seiner eigenen Erfahrung als Beispiel für das, was
sowohl für Unerlöste gilt (V. 7-12) als auch für Christen (V. 13-25).
In einer Vorbemerkung zu Römer 7,14-25 schreibt er:
Dass Paulus in Vers 14-25 das Präsens verwendet, ist ein starkes Indiz dafür,
dass er sein gegenwärtiges Leben als Christ beschreibt.
und etwas später:
Aber das Personalpronomen „ich“ bezieht sich auf Paulus selbst, der ein
Vorbild an geistlicher Gesundheit und Reife war. So muss Vers 14-25 also eine
Beschreibung aller Christen sein — einschließlich der geistlichsten und
reifsten.
Der Mensch aus Römer 7 ist jemand, der gerne das Gute tun will, es aber nicht
schafft. Er weiß, dass das „Gesetz heilig und das Gebot heilig und gerecht
und gut“ ist (V. 12) und dass „das Gesetz geistlich ist“ (V. 14);
das Wollen ist bei ihm vorhanden (V. 18), und er hat „Wohlgefallen an dem
Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen“ (V. 22).
Andererseits muss er anerkennen:
- Ich bin fleischlich, unter die Sünde verkauft (V. 14).
- Nicht, was ich will, das tue ich, sondern was ich hasse, das übe ich aus
(V. 15).
- Ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt (V. 18).
- Das Vollbringen dessen, was recht ist, finde ich nicht (V. 18).
- Das Böse, das ich nicht will, dieses tue ich (V. 19).
Man sieht: Römer 7 spricht von den Erfahrungen eines bekehrten, aber noch
nicht befreiten Menschen. Paulus spricht hier nicht von seinen eigenen
Erfahrungen, denn der von Kindesbeinen als strenger Pharisäer erzogene Saulus
von Tarsus hätte zu keiner Zeit von sich persönlich sagen können: „Ich lebte
einst ohne Gesetz“ (7,9) [6]. Wenn Paulus „ich“ sagt, dann möchte er nur eine
allgemeine Sache aussagen. Wenn er das mit dem Pronomen „ich“ tut, dann ist das
in der griechischen Sprache überhaupt nicht ungewöhnlich. Etwas ganz Ähnliches
tut Paulus z.B. in Galater 2,18, wo er schreibt: „Denn wenn ich das, was ich
abgebrochen habe, wiederum aufbaue, so stelle ich mich selbst als Übertreter
dar.“ Dort meint er nicht sich selbst, sondern er gibt ein Beispiel. Ähnlich
spricht Paulus in 1. Korinther 10,30 [7].
Nun wäre es nicht so tragisch, wenn MacArthur nur lehren würde, Paulus habe
die Erfahrungen aus Römer 7 einmal in der Vergangenheit durchgemacht, sei aber
jetzt davon befreit. Schlimmer ist, dass MacArthur seinen Lesern glauben machen
will, Paulus beschreibe hier seinen eigenen gegenwärtigen Zustand, ja den
Zustand aller Christen, einschließlich der geistlichsten und reifsten. Damit
macht er Römer 7 zum Normalfall.
Aber kann man zur gleichen Zeit sagen „ich elender Mensch“ und „ich
danke Gott“? Sehen wir in irgendeinem der Briefe von Paulus, dass er sich
wie der Mensch aus Römer 7 fühlte? Ein Vergleich von Römer 7 mit Römer 8
beweist, dass Paulus in einer ganz anderen Verfassung lebte als Römer 7. Römer 7
beschreibt nicht Erfahrungen, die für einen Christen normal sind oder sein
sollten. Römer 6 betont, dass die Sünde nicht über uns herrschen wird (V. 14)
und dass wir von der Sünde frei gemacht worden sind (V. 18). Das ist genau das
Gegenteil von dem, was der Mensch aus Römer 7 erlebt. Er versucht, sich unter
das Gesetz zu stellen, kennt aber die Befreiung noch nicht [8].
Wenn man MacArthurs Ausführungen über Römer 7 liest, dann hat man Zweifel, ob
er die Befreiung, wie sie in Römer 8 vorgestellt, überhaupt selbst kennt. Statt
seinen Lesern zu helfen und ihnen zu zeigen, wie sie den elenden Zustand von
Kapitel 7 verlassen können, stellt er ihn als Normalfall dar!
Im Grunde scheint mir MacArthurs irrige Ansicht über die Bedeutung von Römer
7 ein Produkt seiner falschen Meinung über das Gesetz zu sein. Hätte MacArthur
verstanden, dass wir Christen nicht mehr unter dem Gesetz stehen, dann hätte er
sehen müssen, dass der Mensch aus Römer 7, der dieses Gesetz zu halten versucht,
sich in einem Zustand befindet, der Gott nicht gefallen kann.
Die folgende kurze Auflistung soll deutlich machen, dass MacArthur nicht nur
in einigen wichtigen Lehrfragen irrt, sondern auch in Details oft ungenau ist.
Es geht mir nicht darum, eine komplette Kritik von MacArthurs Römerbriefauslegung
zu schreiben, denn dann müsste man noch ausführlicher werden. Auch die
Parallelstellen und die Übersetzung wurden nicht berücksichtigt. Aus Platzgründen
habe ich oft auch auf ausführliche Nachweise verzichtet.
In Römer 1,5 sagt Paulus: „… durch den wir Gnade und Apostelamt
empfangen haben.“ Statt „Apostelamt“ übersetzt MacArthur „Aposteldienst“ und
bemerkt dazu, in einem weiteren und weniger offiziellen Sinn könnten alle als
Apostel bezeichnet werden, die von Gott mit der Heilsbotschaft ausgesandt sind.
Offenbar bezieht MacArthur das Wort „wir“ in Römer 1,5 nicht nur auf Paulus,
sondern auch auf die Briefempfänger — und kommt dann in die merkwürdige Lage,
dass er begründen muss, inwiefern alle Gläubigen „Apostelschaft“ empfangen
haben. Einmal schwächt er das Wort „Apostelschaft“ zu „Aposteldienst“ ab und
erklärt dann, „Apostel“ könne auch in weiterem Sinn verwendet werden [9]. Für das
Wort „Apostel“ stimmt das zwar, aber das Wort „Apostelschaft“ (griech.
apostolä) wird nur für Apostel im engeren Sinn verwendet, und zwar immer an
Stellen, wo die offizielle Apostelschaft besonders betont werden soll, siehe Apostelgeschichte
1,25; 1. Korinther 9,2; Galater 2,8. In Römer 1,5 nennt Paulus diese Apostelschaft als
Legitimation dafür, dass er den Römern einen belehrenden Brief schreiben kann,
obwohl sie doch nicht das direkte Ergebnis seines Wirkens waren. Mit „wir“ meint
er nicht sich und die Leser in Rom, sondern sich und die anderen Apostel.
MacArthurs Deutung von „Glaubensgehorsam“ in Römer 1,5 ist ein
Missverständnis. Er versteht „Glaubensgehorsam“ als Gehorsam, der auf den
rettenden Glauben folgt. Aber mit „Glaubensgehorsam“ ist, wie W. Kelly treffend
sagt, „nicht der durch den Glauben bewirkte praktische Gehorsam im Wandel
gemeint, sondern der erste Akt der Seele, Gottes Wort im Glauben zu ergreifen.
Das ist der eigentliche Herzensgehorsam, der Gehorsam gegenüber der Wahrheit,
die Annahme des Zeugnisses Gottes über seinen Sohn“. [10] In ähnlichem Sinn sagt
Apostelgeschichte 6,7, viele Priester seien dem Glauben gehorsam geworden (vgl. auch
Röm
10,16).
Zu dem bei Römer 4,6-8 zitierten Psalm 32 vermerkt MacArthur, es
handle sich um einen „Bußpsalm Davids, den der König nach seinem Ehebruch mit
Bathseba und der Ermordung ihres Gatten schrieb“. Aber woher weiß MacArthur,
dass Psalm 32 sich auf Davids Ehebruch und die Ermordung von Uriah bezieht?
Psalm 32 sagt nichts davon (anders als Psalm 51). Es gab noch andere
Gelegenheiten in Davids Leben, auf die sich Psalm 32 beziehen könnte.
Zum Ausdruck „die gerechte Tat des Einen“ in Römer 5,18 schreibt MacArthur:
„Damit ist kein einzelnes Ereignis gemeint, sondern allgemein der Gehorsam Jesu
(vgl. V. 19; Lk 2,49; Joh 4,34; 5,30; 6,38), der im Tod am Kreuz als höchstem
Erweis dieses Gehorsams gipfelte (Phil 2,8).“ Hätte MacArthur den Wortlaut von
Vers 18 beachtet, dann wäre ihm aufgefallen, dass das Wort „eine“ hier im
Grundtext betont ist. Paulus möchte gerade sagen, dass es eine Sache war, die
zur Rechtfertigung führte. Ein anderer Ausleger schreibt zu diesen Versen: „Die
Dinge, die hier verglichen, oder, genauer gesagt, gegenübergestellt werden, sind
die eine Tat der Übertretung durch den ersten Adam und die eine Tat der
Gerechtigkeit des zweiten Adam. Da dieses so ist, ist die Bedeutung der
Ausdrücke ,Ungehorsam‘ und ,Gehorsam‘ im folgenden Vers offensichtlich (denn der
19. Vers erklärt nur den 18. Vers). Es war die Tat des Ungehorsams von Seiten
Adams, die Sünde einführte; und es war die Tat des Gehorsams (nämlich Gehorsam
zum Tod) von Seiten Christi, die Gerechtigkeit einführte. Das heißt, es werden
einzelne Taten miteinander verglichen.“ [11]
Zur Taufe, die in Römer 6,3 erwähnt wird, schreibt stellt MacArthur:
„Das
bezieht sich nicht auf die Wassertaufe.“(!) Es folgt dann eine abenteuerliche
Umdeutung, bei der der Taufe nur noch ein bildhafter Sinn zugesprochen wird.
MacArthurs Ansichten über die Naturen des Gläubigen sind, gelinde gesagt,
undurchsichtig. Zu Römer 6,6 schreibt er: „Der Gläubige hat keine zwei
miteinander wettstreitenden Naturen — die alte und die neue —, sondern eine neue
Natur, die immer noch im unerlösten Fleisch eingeschlossen ist.“
Bei Römer 15,4 behauptet MacArthur, Christen lebten heute „unter dem
Neuen Bund“. Der Gläubige steht tatsächlich nicht unter dem Alten Bund, er steht
aber auch nicht unter dem Neuen Bund (wie oft das auch in der Theologie
behauptet sein mag), denn dieser Bund wird „mit dem Haus Israel“ geschlossen und
liegt noch in der Zukunft. Beides wird in Hebräer 8 und Jeremia 31 klar
dargelegt. [Siehe auch unter dem Stichwort „Der
Neue Bund“.]
Von den Aufgaben einer „Dienerin“ weiß MacArthur bei Römer 16,1 zu
berichten: „Sie unterrichteten Frauen und Kinder (vgl. Tit 2,3-5).“ Aber weder
in Römer 16 noch in Titus 2 steht das. Titus 2,3-5 handelt überhaupt nicht von
Dienerinnen, sondern sagt lediglich, dass ältere christliche Frauen die jüngeren
Frauen im Führen einer guten Ehe unterweisen sollten.
MacArthur ist offensichtlich der Meinung, die in Römer 16,26 genannten
„prophetischen Schriften“ seien Schriften alttestamentlicher Propheten. Er
missachtet, dass hier von einem „Geheimnis“ die Rede ist, dass früher
verschwiegen war, jetzt aber offenbart worden ist. Diese Geheimnis ist also — wie jedes
„Geheimnis“ im Neuen Testament
— etwas, das zur Zeit des Alten
Testamentes noch verborgen war, im Neuen Testament aber enthüllt wurde. Mit den
prophetischen Schriften können also nur neutestamentliche Schriften gemeint
sein. Im Alten Testament sind diese Gedanken noch nicht zu finden.
Am Schluss dieser kurzen (und keineswegs vollständigen) Liste möchte ich in
Erinnerung rufen, dass ich mich des Platzes wegen nur auf einige Kritikpunkte
beziehen konnte und auch diese ja nur im Römerbrief. Die Komplettherausgabe von
MacArthurs Studienbibel würde eine noch größere Fülle an Kritikpunkten offenbar
machen.
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Fußnoten
[1] Die Bibelstellen dieser Schrift sind nach der überarbeiteten
Elberfelder Bibelübersetzung zitiert (Hückeswagen 1999, ISBN 3-89287-012-8). Die
Zitate aus MacArthurs Studienbibel, die nicht im Römerbrief stehen, sind nach
der englischen Ausgabe (The MacArthur Study Bible, Nashville 1997) zitiert
(Übersetzung hier wie auch bei anderen englischen Texten von M. Arhelger). Die
Abschnitte aus dem Römerbrief stammen aus der deutschen Ausgabe, wobei die
Betonungen und Fettdruck aus der deutschen Ausgabe beibehalten wurden.
[2] Sehr knapp und unmissverständlich hat MacArthur diesen Gedanken in einer
Anmerkung der Studienbibel zu Hebräer 5,8 dargelegt: „Er war der vollkommen
Gerechte, dessen Gerechtigkeit den Sündern zugerechnet werden sollte.“ (Vgl.
Röm 3,24-26.)
[3] Leider muss ich an dieser Stelle vermerken, dass MacArthur über die
Bedeutung des Blutes Christi durchaus nicht klar ist. In den Anmerkungen seiner
Studienbibel zu Hebräer 9,7 muss man lesen: „Beachte jedoch, dass das
Blutvergießen in und aus sich selbst ein unvollständiges Opfer ist. Christus
musste nicht nur Sein Blut vergießen, sondern auch sterben. Hebräer 10,10 zeigt
an, dass Er Seinen Leib als Opfer gab. Ohne Seinen Tod hätte Sein Blut keinen
errettenden Wert.“ MacArthur sieht nicht, dass sein vergossenes „Blut“ gerade
seinen Tod ausdrückt. Er hat Frieden gemacht „durch das Blut seines Kreuzes“
(Kol 1,20). Ihm sei Dank dafür!
[4] Im Griechischen wäre das dikaiosunä apo tou theou. Bei vergleichbaren
Ausdrücken hatten die damaligen Schreiber sich entsprechend ausgedrückt, z.B. „Segen von Gott
(her)“ (eulogia apo tou theou) in Hebräer 6,7 oder „Lob von Gott
(her)“ (epainos … apo tou theou) in 1. Korinther 4,5.
[5] Die Gegenüberstellung in Römer 10,3 zwischen
„Gottes Gerechtigkeit“ und „ihrer [der Juden] eigenen Gerechtigkeit“ macht das klar. Zur weiteren Lektüre
über die Rechtfertigung und den biblischen Begriff „Gottes Gerechtigkeit“
empfehle ich J.N. Darby, Collected Writings, Band 7, S. 266-292, und Band 31, S.
323ff. Ferner: Edward Dennett, Recovered Trums, Morganville 1995, S. 1-9. In
deutscher Sprache ist hilfreich: W.J. Ouweneel, Rechtfertigung (Heft 6 aus der
Reihe „Was lehrt die Bibel?“), 3. Auflage Neustadt/Weinstraße 1985.
[6] Um diesen Gedanken dennoch zu fördern, interpretiert MacArthur diesen Satz
um. Paulus habe mit dem Ausdruck „ohne Gesetz“ nur eine „rein äußerliche,
unvollkommene Vorstellung vom Gesetz“ gemeint. Warum sollte Paulus das nicht
geschrieben haben, wenn er es so gemeint hätte? In Wirklichkeit legt MacArthur
einen völlig fremden Gedanken in die Worte von Paulus.
[7] Eine renommierte griechische Grammatik drückt das so aus:
„Um etwas
Allgemeingültiges in lebhafter Weise am Beispiel eines Einzelnen, gleichsam als
gegenwärtig Gedachten, vorzuführen, wählt die Umgangssprache die 1. und 2. Pers.
Sing. [= Person Singular].“ (Blass, F.; Debrunner, A.; Rehkopf, F., Grammatik des
neutestamentlichen Griechisch, 15. Auflage, Göttingen 1979, S. 231 zu § 281.)
[8] Römer 7 beschreibt nicht den Konflikt der beiden Naturen in einem von
Neuem
geborenen Menschen, denn den gibt es auch noch bei einem befreiten Christen
(vgl. Gal 5).
[9] Als Belegstelle gibt er u.a. Römer 16,7 an. Doch in MacArthurs eigener
Auslegung dieses Verses bezieht er das Wort „Apostel“ dort nur auf Apostel im
engeren Sinn, also z.B. Petrus. MacArthurs Auslegung ist hier in sich selbst
widersprüchlich.
[10] W. Kelly, Was von Anfang war. Eine Auslegung der
Johannesbriefe, Schwelm
1982, S. 85.
[11] Edward Dennett, Recovered Truths,
Nachdruck, Morganville, 1995, S. 3.
mit freundlicher Genehmigung
www.martin-arhelger.de
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