- 1. Wie sich alttestamentliche Prophezeiungen im Alten Testament erfüllten
- 2. Wie sich alttestamentliche Prophezeiungen im Neuen Testament erfüllten
- a) Jungfrauengeburt
- b) Geburt des Messias in Bethlehem
- c) Der Geist des HERRN auf dem Messias
- d) Unglaube des Volkes Israel
- e) Hass ohne Ursache
- f) Einzug in Jerusalem auf einem Eselsfüllen
- g) Verteilung/Verlosung seiner Kleidung
- h) Durst am Kreuz
- i) Die Schriften müssen sich erfüllen
- j) Fazit: Einheitliche Auslegung der Prophetie
- 3. Unterscheidung zwischen Erfüllung und Anwendung alttestamentlicher Prophezeiungen
- 4. Bilder und Symbole in der Prophetie
- 5. Ein Prüfstein für einen wahren Propheten
- 6. Die ursprünglichen Hörer der Prophezeiungen
- 7. Gott verherrlicht sich durch die Erfüllung seiner Verheißungen
- 8. Zusammenfassung: Auslegungsregeln für die Prophetie
Im letzten Teil dieser Ausarbeitung wollen wir uns speziell mit der Auslegung der biblischen Prophetie beschäftigen. Bibelausleger wenden unterschiedliche Regeln für die Auslegung prophetischer Texte an und kommen so zu unterschiedlichen Ergebnissen. Hierin liegt im Kern der Unterschied zwischen dem Prämillennialismus[1] und dem Amillennialismus[2]. So gibt es unter Bibelauslegern beispielsweise ein unterschiedliches Verständnis der Frage, ob das Volk Israel eine Zukunft in einem buchstäblichen messianischen Friedensreich auf der Erde hat. Einige Ausleger verstehen die Prophezeiungen über das Tausendjährige Reich lediglich geistlich und betrachten sie als bereits in der Gemeindezeit „geistlich erfüllt“. Andere Ausleger sind der Auffassung, dass diese Prophezeiungen buchstäblich zu verstehen sind und sich in einer zukünftigen Zeit noch buchstäblich erfüllen werden. Diesen Ansichten liegt ein unterschiedliches Verständnis darüber zugrunde, wie prophetische Texte richtig gelesen und ausgelegt werden müssen. Daher hat diese Frage eine große Relevanz für unser Bibelverständnis – vor allem, wenn man bedenkt, dass die Heilige Schrift (Altes und Neues Testament zusammen) nach verschiedenen Berechnungen zu etwa 25 bis 30 Prozent aus prophetischen Texten besteht.
Die Frage lautet also: Muss die biblische Prophetie buchstäblich oder geistlich ausgelegt werden? Es geht nicht darum, ob ein Bibeltext neben der buchstäblichen Bedeutung auch eine typologische Bedeutung haben kann oder ob wir Anwendungen aus prophetischen Texten für uns ableiten können – beides ist möglich und legitim. Vielmehr geht es um die Frage, ob Prophezeiungen der Bibel von vornherein nicht buchstäblich, sondern ausschließlich geistlich verstanden werden müssen. Kann also bei Prophezeiungen eine geistliche Auslegung die buchstäbliche Aussage des Textes vollständig ersetzen? Wenn die Propheten des Alten Testaments beispielsweise die Umkehr und Wiederherstellung des Volkes Israel am Ende der Tage angekündigt haben, ist das dann buchstäblich gemeint, so dass wir die buchstäbliche Erfüllung dieser Prophezeiung noch erwarten dürfen? Oder sind diese Texte ausschließlich geistlich zu verstehen, so dass sie bereits in der heutigen Zeit geistlich erfüllt sind, mit der Folge, dass das Volk Israel als Nation in den Wegen Gottes keine besondere Rolle mehr spielt?
Auch die Frage, wie die biblische Prophetie auszulegen ist, können wir nur anhand der Bibel selbst beantworten. Auch hierfür müssen wir die Auslegungsregeln der Bibel selbst entnehmen. Wir müssen also untersuchen, wie die Bibel mit ihren eigenen prophetischen Aussagen umgeht.
1. Wie sich alttestamentliche Prophezeiungen im Alten Testament erfüllten
Zunächst wollen wir anhand einiger Beispiele untersuchen, wie das Alte Testament mit Prophezeiungen umgeht, die sich bereits zur alttestamentlichen Zeit erfüllt haben. Gingen die Schreiber des Alten Testaments von einer buchstäblichen oder von einer geistlichen Erfüllung aus?
a) König Josia
In 1. Könige 13,1-2 heißt es:
1Kön 13,1-2: Und siehe, ein Mann Gottes kam aus Juda durch das Wort des HERRN nach Bethel, und Jerobeam stand beim Altar, um zu räuchern. Und er rief aus gegen den Altar durch das Wort des HERRN und sprach: Altar, Altar, so spricht der HERR: Siehe, ein Sohn wird dem Haus Davids geboren werden, Josia sein Name; und er wird auf dir die Priester der Höhen schlachten, die auf dir räuchern, und man wird Menschengebeine auf dir verbrennen!
Es wird prophezeit, dass ein König namens Josia aus dem Geschlecht Davids geboren werden wird. Außerdem wird eine konkrete Handlung von ihm prophezeit: Er wird auf dem Altar in Bethel die Priester der Höhen schlachten und Menschengebeine auf ihm verbrennen. Über dreihundert Jahre später erfüllten sich diese Prophezeiungen buchstäblich, wie in 2. Könige 22 und 23 nachzulesen ist:
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2Kön 22,1-2; 23,16.20: Acht Jahre war Josia alt, als er König wurde, und er regierte einunddreißig Jahre in Jerusalem; und der Name seiner Mutter war Jedida, die Tochter Adajas, von Bozkat. Und er tat, was recht war in den Augen des HERRN; und er wandelte auf allen Wegen seines Vaters David und wich weder zur Rechten noch zur Linken ab. … Und als Josia sich umwandte und die Gräber sah, die dort in dem Berg waren, da sandte er hin und ließ die Gebeine aus den Gräbern holen und verbrannte sie auf dem Altar und verunreinigte ihn, nach dem Wort des HERRN, das der Mann Gottes ausgerufen hatte, der diese Dinge ausrief. … Und er [Josia] schlachtete alle Priester der Höhen, die dort waren, auf den Altären und verbrannte Menschengebeine darauf. Und er kehrte nach Jerusalem zurück.
b) König Kores
In Jesaja 44,28 wird prophezeit, dass ein König namens Kores auftreten und sagen wird, dass die Stadt Jerusalem wieder aufgebaut und der Tempel gegründet werden soll:
Jes 44,28: … der von Kores spricht: Mein Hirte und der all mein Wohlgefallen ausführt, und zwar, indem er von Jerusalem sagen wird: Es werde aufgebaut!, und vom Tempel: Er werde gegründet!
Etwa hundertsechzig Jahre später erfüllte sich diese Prophezeiung buchstäblich, wie wir in Esra 1,1-3 lesen:
- Esra 1,1-3: Und im ersten Jahr Kores’, des Königs von Persien – damit das Wort des HERRN aus dem Mund Jeremias erfüllt würde – erweckte der HERR den Geist Kores’, des Königs von Persien; und er ließ einen Ruf ergehen durch sein ganzes Königreich, und zwar auch schriftlich, indem er sprach: So spricht Kores, der König von Persien: Alle Königreiche der Erde hat der HERR, der Gott des Himmels, mir gegeben; und er hat mich beauftragt, ihm ein Haus zu bauen in Jerusalem, das in Juda ist. Wer irgend unter euch aus seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem, das in Juda ist, und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels (er ist Gott), in Jerusalem.
Es ging um einen tatsächlichen König namens Kores[3], um die buchstäbliche Stadt Jerusalem und den buchstäblichen Tempel in Jerusalem.
c) Babylonische Gefangenschaft und Rückkehr nach siebzig Jahren
Gott hatte durch den Propheten Jeremia prophezeit, dass Er Juda in die babylonische Gefangenschaft führen, aber nach siebzig Jahren wieder in das Land der Väter zurückbringen werde:
Jer 25,11-12: Und dieses ganze Land wird zur Einöde, zur Wüste werden; und diese Nationen werden dem König von Babel dienen siebzig Jahre. Und es wird geschehen, wenn siebzig Jahre voll sind, werde ich an dem König von Babel und an jenem Volk, spricht der HERR, ihre Schuld heimsuchen, und an dem Land der Chaldäer; und ich werde es zu ewigen Wüsteneien machen.
Jer 29,10-11: Denn so spricht der HERR: Sobald siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen. Denn ich weiß ja die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der HERR, Gedanken des Friedens und nicht zum Unglück, um euch Ausgang und Hoffnung zu gewähren.
Genauso hat es sich erfüllt: Nach siebzig Jahren babylonischer Gefangenschaft eroberten die Meder und Perser das babylonische Weltreich, und der persische König Kores erließ das Edikt, das den Juden die Rückkehr in das Land Israel erlaubte. Es ging um eine buchstäbliche Rückkehr nach buchstäblich siebzig Jahren.
Andere Propheten, die Jeremia lasen, verstanden seine Prophezeiungen buchstäblich. In Daniel 9,2 heißt es von dem Propheten Daniel:
Dan 9,2: … im ersten Jahr seiner Regierung verstand ich, Daniel, in den Schriften die Zahl der Jahre, bezüglich derer das Wort des HERRN an den Propheten Jeremia ergangen war, dass nämlich siebzig Jahre für die Verwüstung Jerusalems vollendet werden sollten.
Daniel verstand sowohl die Stadt Jerusalem als auch die Zeitangabe wörtlich. Er las den Propheten Jeremia nach der historisch-grammatischen Methode, so wie alle Propheten und alle anderen Texte der Bibel gelesen werden müssen.
2. Wie sich alttestamentliche Prophezeiungen im Neuen Testament erfüllten
Nun wollen wir anhand einiger Beispiele untersuchen, ob die Schreiber des Neuen Testaments die Prophezeiungen des Alten Testaments buchstäblich oder geistlich auslegten.
a) Jungfrauengeburt
Jes 7,14: Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.
Mt 1,21-23: Sie wird aber einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden. Dies alles geschah aber, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen“, was übersetzt ist: Gott mit uns.
Die Prophezeiung Jesajas, dass eine Jungfrau den Messias gebären sollte, war keine Allegorie, beispielsweise für die reine Herkunft des Messias, sondern sie war buchstäblich gemeint. Es wurde tatsächlich eine Jungfrau schwanger und gebar einen Sohn, den man Immanuel (griechische Form: Emmanuel) nennen würde.
b) Geburt des Messias in Bethlehem
Mich 5,1: Und du, Bethlehem-Ephrata, zu klein, um unter den Tausenden von Juda zu sein, aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her.
Mt 2,1: Als aber Jesus in Betlehem in Judäa geboren war in den Tagen des Königs Herodes …
Der Messias wurde buchstäblich in Bethlehem geboren. Selbst die Feinde des Herrn Jesus verstanden die Propheten wörtlich. Sie erwarteten eine wörtliche, keine „geistliche“ Erfüllung von Micha 5,1. Der König Herodes fragte die Hohenpriester und Schriftgelehrten, wo der Christus geboren werden sollte:
- Mt 2,5-6: Sie aber sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht durch den Propheten geschrieben: „Und du, Bethlehem, Land Juda, bist keineswegs die Geringste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird ein Führer hervorkommen, der mein Volk Israel weiden wird.“
c) Der Geist des HERRN auf dem Messias
Jes 61,1-2: Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, die zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen; auszurufen das Jahr des Wohlgefallens des HERRN.
Lk 4,16-21: Und er kam nach Nazareth, wo er auferzogen worden war; und er ging nach seiner Gewohnheit am Tag des Sabbats in die Synagoge und stand auf, um vorzulesen. Und es wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht; und als er das Buch aufgerollt hatte, fand er die Stelle, wo geschrieben war: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen und Blinden das Augenlicht, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen das angenehme Jahr des Herrn.“ Und als er das Buch zugerollt hatte, gab er es dem Diener zurück und setzte sich; und die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Er fing aber an, zu ihnen zu sagen: Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt.
Der Geist Gottes kam buchstäblich auf den Messias (Lk 3,21-22). Als der Herr zu den Leuten in der Synagoge sagte: „Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt“, bezeugte Er die buchstäbliche Erfüllung dieser Prophezeiung.
d) Unglaube des Volkes Israel
Jes 53,1: Wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des HERRN offenbar geworden?
Joh 12,37-38: Obwohl er aber so viele Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn, damit das Wort des Propheten Jesaja erfüllt würde, das er sprach: „Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des Herrn offenbart worden?“
Auch diese Prophezeiung hat sich wörtlich erfüllt. Das buchstäbliche Volk Israel hat buchstäblich nicht an den Messias geglaubt.
e) Hass ohne Ursache
Ps 69,5: Mehr als die Haare meines Hauptes sind die, die ohne Ursache mich hassen; mächtig sind meine Vertilger, die mir ohne Grund feind sind; was ich nicht geraubt habe, muss ich dann erstatten.
Joh 15,24-25: Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie gesehen und doch gehasst sowohl mich als auch meinen Vater. – Aber damit das Wort erfüllt würde, das in ihrem Gesetz geschrieben steht: „Sie haben mich ohne Ursache gehasst.“[4]
Ebenso hat sich diese Prophezeiung im messianischen Psalm 69 buchstäblich erfüllt: Das Volk Israel hat seinen Messias ohne Ursache gehasst.
f) Einzug in Jerusalem auf einem Eselsfüllen
Sach 9,9: Frohlocke laut, Tochter Zion; jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König wird zu dir kommen: Gerecht und ein Retter ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin.
Mt 21,1-5: Als sie sich Jerusalem näherten und nach Bethphage kamen, an den Ölberg, da sandte Jesus zwei Jünger und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf euch gegenüber; und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir. Und wenn jemand etwas zu euch sagt, so sollt ihr sprechen: Der Herr benötigt sie, und sogleich wird er sie senden. Dies aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und auf einer Eselin reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen des Lasttiers.“[5]
Hätte man diese Prophezeiung Sacharjas nicht geistlich deuten können, indem man beispielsweise das Reiten auf dem Fohlen lediglich als eine bildliche Beschreibung der Demut des Messias versteht? Die Prophezeiung hat sich jedoch bis in die Einzelheiten hinein wörtlich erfüllt. Es zog buchstäblich der König Israels auf einem Eselsfohlen in die Stadt Jerusalem ein.
g) Verteilung/Verlosung seiner Kleidung
Ps 22,19: Sie teilen meine Kleider unter sich, und über mein Gewand werfen sie das Los.
Joh 19,23-24: Die Soldaten nun nahmen, als sie Jesus gekreuzigt hatten, seine Kleider und machten vier Teile, jedem Soldaten einen Teil, und das Untergewand. Das Untergewand aber war ohne Naht, von oben an durchgehend gewebt. Da sprachen sie zueinander: Lasst uns dies nicht zerreißen, sondern darum losen, wem es gehören soll – damit die Schrift erfüllt würde, die spricht: „Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen.“ Die Soldaten nun haben dies getan.
Auch diese Prophezeiung hat sich wörtlich erfüllt. Es ging um buchstäbliche Kleidung, die buchstäblich aufgeteilt beziehungsweise verlost wurde.
h) Durst am Kreuz
Ps 69,22: … in meinem Durst gaben sie mir Essig zu trinken.
Joh 19,28-30: Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war, spricht er – damit die Schrift erfüllt würde –: Mich dürstet! Es stand nun ein Gefäß voll Essig da. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und brachten ihn an seinen Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.
Menschen, die gekreuzigt wurden, hatten aufgrund des hohen Blut- und Flüssigkeitsverlusts[6] quälenden Durst. Als der Herr Jesus am Kreuz hing, hat Er ausgesprochen, dass Er Durst hat. Der Bibeltext nennt den Grund: „damit die Schrift erfüllt würde“. Auch diese Prophezeiung musste sich noch erfüllen – und zwar buchstäblich. Nur weil Er es hörbar aussprach, gaben sie Ihm Essig zu trinken. Er nahm den Essig und erfüllte so die Prophezeiung aus Psalm 69,22.
i) Die Schriften müssen sich erfüllen
Der Herr Jesus betont mehrfach, dass sich die Schriften erfüllen müssen, und zwar so, wie Gott es vorhergesagt hat. Als Er mit seinen Jüngern das letzte Mal zusammen im Obersaal war, sagte Er zu ihnen:
- Lk 22,37: Denn ich sage euch, dass noch dieses, was geschrieben steht, an mir erfüllt werden muss: „Und er ist unter die Gesetzlosen gerechnet worden“; denn auch das, was mich betrifft, hat eine Vollendung.
Als der Herr Jesus im Garten Gethsemane verhaftet wird und Petrus mit dem Schwert dazwischengeht, sagt der Herr zu ihm:
- Mt 26,52-54: Stecke dein Schwert an seinen Platz; denn alle, die das Schwert nehmen, werden durch das Schwert umkommen. Oder meinst du, dass ich nicht meinen Vater bitten könnte und er mir jetzt mehr als zwölf Legionen Engel stellen würde? Wie sollten denn die Schriften erfüllt werden, dass es so geschehen muss?
Daraufhin spricht der Herr zu denen, die gekommen waren, um Ihn festzunehmen:
- Mt 26,55-56: In jener Stunde sprach Jesus zu den Volksmengen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber, mit Schwertern und Stöcken, um mich zu fangen? Täglich saß ich lehrend im Tempel, und ihr habt mich nicht gegriffen. Aber dies alles ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. Da verließen ihn die Jünger alle und flohen.
Nachdem Er aus den Toten auferstanden war, sagte er zu seinen Jüngern:
- Lk 24,44: Er sprach aber zu ihnen: Dies sind meine Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen.
Welch ein Gewicht legt der Herr Jesus auf die Erfüllung der Schriften der Propheten! Sie haben geweissagt, dass der Messias leiden und sterben würde (Lk 24,26.46; Apg 17,3; 26,23). Dies musste sich buchstäblich erfüllen. Die Propheten haben auch geweissagt, dass der Messias einmal als Richter erscheinen und öffentlich in seinem Reich auf dieser Erde herrschen wird. Auch diese Prophezeiungen über Ihn müssen sich noch erfüllen.
Dies wird durch den Apostel Petrus in seiner Predigt in Apostelgeschichte 3 bestätigt. Dort sagt er zum Volk:
- Apg 3,18-21: Gott aber hat so erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten zuvor verkündigt hat, dass sein Christus leiden sollte. So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und er den euch zuvorbestimmten Christus Jesus sende, den freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.
Die „Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge“, von denen die Propheten des Alten Testaments geredet haben, beziehen sich auf die großen Veränderungen in der Schöpfung im messianischen Friedensreich, beispielsweise in der Tierwelt (vgl. Jes 11,6-8). Die Folgen der Sünde für die Schöpfung werden weitestgehend beseitigt werden. Alle Dinge werden wiederhergestellt werden. Genauso wie sich die Prophezeiungen über die Leiden Christi buchstäblich erfüllt haben, werden sich auch die Prophezeiungen über die Wiederkunft Christi und sein Friedensreich buchstäblich erfüllen. Für eine „geistliche Erfüllung“ der letztgenannten Prophezeiungen findet sich in den Worten von Petrus kein Hinweis.
j) Fazit: Einheitliche Auslegung der Prophetie
Wenn man einen Teil der biblischen Prophetie buchstäblich und einen anderen Teil geistlich auslegt, führt dies zu einer starken Uneinheitlichkeit in der Bibelauslegung. Mal müssten Prophezeiungen buchstäblich, mal nur geistlich verstanden werden, obwohl die betreffenden Bibelstellen keinen Hinweis für diese Unterscheidung enthalten. Es müssten also völlig unterschiedliche Auslegungsregeln auf dieselbe Art von Bibeltexten angewendet werden. Dies ist eine sehr problematische Hermeneutik. Wenn beispielsweise in einem Bibelabschnitt sowohl von dem ersten Kommen Christi als auch von seinem zweiten Kommen und seiner messianischen Herrschaft die Rede ist (z.B. Jes 9,5-6), müsste man sogar innerhalb eines einzigen Abschnitts die Auslegungsregeln immer wieder ändern, also zwischen historisch-grammatischer und geistlich-allegorischer Auslegung hin- und herspringen. Es gäbe dann keine objektiven und klar definierbaren Regeln für die Auslegung prophetischer Bibeltexte. Das öffnet die Tür für Willkür in der Auslegung.
3. Unterscheidung zwischen Erfüllung und Anwendung alttestamentlicher Prophezeiungen
Wenn wir die Stellen im Neuen Testament untersuchen, in denen alttestamentliche Prophezeiungen zitiert werden, müssen wir beachten, dass die Schreiber des Neuen Testaments diese nicht nur dann zitieren, wenn sie aufzeigen möchten, dass sie sich erfüllt haben. Sie führen Bibelstellen aus den Propheten auch deshalb an, weil sie das in einer bestimmten prophetischen Bibelstelle liegende Prinzip auf eine bestimmte Situation anwenden möchten oder weil eine Analogie (Ähnlichkeit) besteht. Dieser Unterschied wird oft nicht beachtet. Dabei gehen wir selbst nicht anders mit der Bibel um. Wenn wir eine bestimmte Bibelstelle zitieren, dann tun wir das nicht immer, um aufzuzeigen, was sie in ihrem ursprünglichen historischen Kontext bedeutete, sondern wir wenden oft die in einer Bibelstelle enthaltene göttliche Wahrheit auf eine bestimmte Lebenssituation an. Auch die Schreiber des Neuen Testaments wurden vom Heiligen Geist häufig so geleitet.
Um festzustellen, ob es sich bei der Anführung einer alttestamentlichen Prophezeiung um ihre Erfüllung oder lediglich um eine Anwendung oder eine Analogie handelt, müssen wir
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die Stelle im Alten Testament in ihrem ursprünglichen Kontext untersuchen und dann mit dem Kontext vergleichen, in dem die Stelle im Neuen Testament zitiert wird. Beispielsweise wird in Sacharja 9,9 prophezeit, dass der König Israels auf einem Eselsfüllen in Jerusalem einreiten wird. Vergleichen wir dies mit Matthäus 21,1-5, so stellen wir fest, dass sich beide Stellen in ihrem Kontext auf dasselbe Ereignis beziehen. Sacharja 9,9 hat sich in Matthäus 21,1-5 erfüllt.
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Als weiteres Unterscheidungskriterium müssen wir prüfen, ob der Schreiber bei der Anführung des alttestamentlichen Zitats sagt, dass sich diese Schrift „erfüllt“ hat. Wenn im Neuen Testament eine Prophezeiung aus dem Alten Testament zitiert wird, um aufzuzeigen, dass sie sich erfüllt hat, wird dies in aller Regel ausdrücklich gesagt (siehe die obigen Stellen aus dem Neuen Testament). Es werden jedoch im Neuen Testament – besonders in der Apostelgeschichte und den Briefen – auch viele Stellen aus dem Alten Testament zitiert, ohne dass von einer „Erfüllung“ die Rede ist. Hierbei handelt es sich in der Regel nur um eine Anwendung oder eine Analogie.
An folgenden Stellen im Neuen Testament wird im Zusammenhang mit der Anführung einer alttestamentlichen Prophetie von einer „Erfüllung“ gesprochen:
- 14-mal im Matthäusevangelium (Mt 1,22; 2,15.17.23; 4,14; 5,17; 8,17; 12,17; 13,14.35; 21,4; 26,54.56; 27,9)
- 11-mal im Markusevangelium (Mk 14,49)
- 4-mal im Lukasevangelium (Lk 4,21; 21,22; 22,37; 24,44)
- 7-mal im Johannesevangelium (Joh 12,38; 13,18; 15,25; 17,12; 19,24.28.36)
- 4-mal in der Apostelgeschichte (Apg 1,16; 3,18; 13,27.33)[7]
- kein einziges Mal in den Briefen
Dies bestätigt, dass es sich bei der Anführung alttestamentlicher Prophezeiungen in den Briefen und in den meisten Fällen auch in der Apostelgeschichte nicht um Erfüllungen, sondern lediglich um Anwendungen und Analogien handelt.
Der Unterschied zwischen Erfüllung und Anwendung alttestamentlicher Prophezeiungen soll nun anhand einiger Beispiele verdeutlicht werden:
a) Sacharja 12,10 in Johannes 19,37
In Sacharja 12,10 heißt es:
Sach 12,10: Ich werde über das Haus David und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen gleich der Wehklage über den einzigen Sohn und bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen Leid trägt.
In Johannes 19,33-37 lesen wir vom Herrn Jesus am Kreuz:
Joh 19,33-37: Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten durchbohrte mit einem Speer seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. … Denn dies geschah, damit die Schrift erfüllt würde: „Kein Bein von ihm wird zerbrochen werden.“ Und wiederum sagt eine andere Schrift: „Sie werden den anschauen, den sie durchstochen haben.“
Wenn wir die Stelle in Sacharja 12,10 in ihrem Kontext untersuchen, wird deutlich, dass sie sich nicht auf das erste Kommen des Herrn und seine Kreuzigung bezieht, sondern auf sein Kommen als Richter, wenn Er am Ende der großen Drangsal sichtbar in Herrlichkeit erscheint. Dann werden die Bewohner von Jerusalem auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Diese Prophezeiung hat sich bis heute nicht erfüllt.
Als der Herr Jesus am Kreuz hing, gab es eine ähnliche Situation: Bewohner von Jerusalem waren anwesend und schauten auf den Gekreuzigten. Aus diesem Grund führt der Heilige Geist durch den Apostel Johannes Sacharja 12,10 an. Achten wir auf den Unterschied in der Formulierung: Während bei der Aussage, dass Ihm kein Bein zerbrochen wird, der Bibeltext sagt, dass die Schrift erfüllt wurde, heißt es bei der Anführung von Sacharja 12,10 nur: „Dies sagt eine andere Schrift.“ Denn diese Prophezeiung hat sich hier noch nicht erfüllt. Es handelt sich lediglich um eine Anwendung oder Analogie. Wie genau ist Gottes Wort!
b) Hosea 2,1.25 in Römer 9,25-26
Der Apostel Paulus schreibt in Römer 9,24, dass Gott nicht nur Menschen aus den Juden, sondern auch aus den Nationen berufen hat. In Römer 9,25 und 26 führt Er dann zwei Zitate aus Hosea 2 an (Hos 2,25 und 2,1):
Röm 9,25-26: Wie er auch in Hosea sagt: „Ich werde Nicht-mein-Volk mein Volk nennen und die Nicht-Geliebte Geliebte.“ „Und es wird geschehen, an dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden.“
Schauen wir uns anhand von Hosea 1 bis 3 den Kontext der von Paulus zitierten Bibelstellen an:
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Hos 2,1-3: Doch die Zahl der Kinder Israel wird sein wie der Sand des Meeres, der nicht gemessen und nicht gezählt werden kann; und es wird geschehen, an dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: „Ihr seid nicht mein Volk!“, wird zu ihnen gesagt werden: „Kinder des lebendigen Gottes“. Und die Kinder Juda und die Kinder Israel werden sich miteinander versammeln und sich ein Haupt setzen und aus dem Land heraufziehen; denn groß ist der Tag von Jisreel. Sprecht zu euren Brüdern: „Mein Volk“, und zu euren Schwestern: „Begnadigte“.
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Hos 1,6-8; 2,25: Gib ihr den Namen Lo-Ruchama; denn ich werde mich fortan nicht mehr über das Haus Israel erbarmen, dass ich ihnen irgendwie vergebe. Aber über das Haus Juda werde ich mich erbarmen und sie retten durch den HERRN, ihren Gott; und nicht werde ich sie retten durch Bogen und durch Schwert und durch Krieg, durch Pferde und durch Reiter. Und sie entwöhnte Lo-Ruchama. Und sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Und er sprach: Gib ihm den Namen Lo-Ammi; denn ihr seid nicht mein Volk, und ich will nicht euer sein. … Und ich will sie mir säen im Land und will mich über Lo-Ruchama erbarmen. Und ich will zu Lo-Ammi sagen: „Du bist mein Volk“; und es wird sagen: „Mein Gott“.
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Hos 3,4-5: Die Kinder Israel werden viele Tage ohne König bleiben und ohne Fürsten und ohne Schlachtopfer und ohne Bildsäule und ohne Ephod und Teraphim. Danach werden die Kinder Israel umkehren und den HERRN, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich zitternd zu dem HERRN und zu seiner Güte wenden am Ende der Tage.
Untersuchen wir Hosea 1 bis 3 im Kontext, so stellen wir fest, dass es dort nicht um die Heidenvölker, sondern ausschließlich um Gottes Handeln mit dem Volk Israel geht. Gott hat durch Hosea prophezeit, dass es eine Zeit geben wird, in der Er das Volk Israel nicht mehr als sein Volk anerkennen wird. Israel wird dann „Lo-Ammi“ (= Nicht-mein-Volk) sein. Dieser Zustand Israels besteht bis zum heutigen Tag. Doch Gott wird das Volk Israel einmal wiederherstellen. Er wird sie aus den Völkern, unter die sie zerstreut wurden, herausführen und sie im Land Israel säen, wo sie in Sicherheit wohnen werden (Hos 2,20). Das Volk Israel wird viele Tage ohne König und ohne Opferdienst bleiben, aber am Ende der Tage zum HERRN umkehren. Gott wird sich über sie erbarmen und zu dem Volk, das Er „Nicht mein Volk“ nannte, sagen: „Du bist mein Volk.“
Die Tatsache, dass Paulus Hosea 2 in Römer 9 zitiert und auf die Nationen bezieht, hat Bibelausleger zu dem Schluss geführt, dass Paulus damit sagen will, Hosea 2 habe sich bereits erfüllt. Nach dieser Ansicht gibt Paulus uns hier den Schlüssel, wie man mit der alttestamentlichen Prophetie umgehen muss. Indem Paulus den Propheten Hosea zitiert, mache er deutlich, dass sich die alttestamentliche Prophezeiung über Israel in der Gemeinde erfüllt habe. Das ist der hermeneutische Ansatz in der sogenannten Substitutionstheologie[8] beziehungsweise dem Amillennialismus. Nach diesem Auslegungsansatz sei für die richtige Auslegung der alttestamentlichen Prophetie nicht der ursprüngliche Kontext maßgebend, in dem Gott die jeweilige Prophezeiung gegeben hat, sondern der neutestamentliche Kontext, in dem die alttestamentliche Prophezeiung zitiert wird. Man geht in der Auslegung rückwärts: Ausgehend vom Hosea-Zitat in Römer 9 betrachtet man die ursprüngliche Prophezeiung als „transformiert“ oder „vergeistlicht“, so dass sie sich entgegen dem Wortlaut nicht auf das Volk Israel und seine Wiederherstellung am Ende der Tage bezieht, sondern sich geistlich in der Gemeinde erfüllt habe. Die Vertreter dieses Auslegungsansatzes sind der Ansicht, dass diese Vorgehensweise durch das Neue Testament legitimiert sei.
Ein Vergleich des Kontextes von Hosea 1 bis 3 mit demjenigen in Römer 9 zeigt allerdings, dass es sich bei dem Hosea-Zitat nicht um eine Erfüllung handeln kann. Außerdem sagt Paulus gar nicht, dass sich die zitierten Stellen aus Hosea „erfüllt“ haben. Er schreibt in Römer 9,25 nicht: „Dies geschah, damit erfüllt würde …“, sondern: „Wie er auch in Hosea sagt“. Paulus wendet diese Bibelstellen aus Hosea lediglich an. Es handelt sich um eine Analogie, eine Parallele. Die eigentliche Bedeutung von Hosea 1 bis 3 bleibt davon unberührt.
Worin liegt die Analogie in Römer 9? In Hosea 1 bis 3 geht es darum, dass Gott das Volk Israel, obwohl es dies nicht verdient hat, einmal wiederherstellen und im Land Israel unter seinen Segen bringen wird. Dies wird ein Handeln reiner Gnade Gottes sein. Hier besteht eine Parallele zu Gottes Handeln mit den Nationen in der Gemeindezeit: Menschen aus den Nationen gehörten nie zu Gottes Volk. Daher konnten sie schon immer als „Nicht-mein-Volk“ und „Nicht-Geliebte“ bezeichnet werden. Jetzt sind sie aber unter die Begnadigung gekommen und können „mein Volk“ und „Geliebte“ genannt werden. Wenn Gott also Menschen aus den Nationen, die nie „mein Volk“ und nie „Geliebte“ waren, allein aufgrund seiner Gnade errettet und jetzt „mein Volk“ und „Geliebte“ und „Söhne des lebendigen Gottes“ nennt, dann handelt Er bereits so, wie Er auch in Zukunft handeln wird. Das kennen wir bereits aus der Prophezeiung in Hosea 1 bis 3. Genauso wird Er gemäß der Hosea-Prophezeiung einst auch das Volk Israel, das jedes Anrecht auf seinen Segen verwirkt hat, allein aufgrund seiner Gnade wieder als „mein Volk“ annehmen. In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen dem Volk Israel und den Nationen. Beide brauchen die unverdiente Gnade Gottes, um errettet zu werden. Das Handeln Gottes mit Israel in der Zukunft und sein Handeln mit den Nationen in der Gemeindezeit zeigen dasselbe Prinzip der Gnade Gottes. Paulus führt Hosea 2 hier also lediglich zum Zweck der Beweisführung an.
c) Joel 3,1-5 in Apostelgeschichte 2,16-21
Im Zusammenhang mit der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag zitiert der Apostel Petrus Joel 3,1-5 in Apostelgeschichte 2,16-21:
Apg 2,16-21: … sondern dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, dass ich von meinem Geist ausgießen werde auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, und eure Jünglinge werden Gesichte sehen, und eure alten Männer werden Träume haben. Und sogar auf meine Knechte und auf meine Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie werden weissagen. Und ich werde Wunder geben in dem Himmel oben und Zeichen auf der Erde unten: Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne wird in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. Und es wird geschehen: Jeder, der irgend den Namen des Herrn anruft, wird errettet werden.“
Das große Thema des Propheten Joel ist der „Tag des HERRN“, der zukünftige Gerichtstag, der sowohl im Alten als auch im Neuen Testament an mehreren Stellen erwähnt wird. Im Buch des Propheten Joel wird dieser Tag des Gerichts in jedem Kapitel erwähnt (Joel 1,15; 2,1.11; 3,4; 4,14). Ausgangspunkt für die Ausführungen über den Tag des Herrn waren die verheerenden Auswirkungen einer großen Heuschreckenplage, die über das Land Israel gekommen war (Joel 1,2-4).
In Joel 2,1-11 wird im Zusammenhang mit dem Tag des HERRN der Angriff eines großen militärischen Heeres auf Israel beschrieben. Dabei handelt es sich um den von Norden kommenden Feind (Joel 2,20), den Assyrer, dem wir oft in den prophetischen Schriften begegnen. Es gab bereits in der Vergangenheit einen Angriff des Assyrers auf das nördliche Zehn-Stämme-Reich. Der Prophet Joel zeigt uns jedoch, dass dieser Feind Israels in der Endzeit wieder auftauchen und erneut einen verheerenden Angriff auf Israel verüben wird.
In Joel 2,20 beschreibt Gott das Gericht über diesen Feind und sagt:
- Joel 2,20: Ich werde den von Norden Kommenden von euch entfernen und ihn in ein dürres und wüstes Land vertreiben, seinen Vortrab in das vordere Meer und seinen Nachtrab in das hintere Meer; und sein Gestank wird aufsteigen, und aufsteigen sein übler Geruch, weil er Großes getan hat.
In Joel 2,18-27 beschreibt Gott durch den Propheten neben dem Gericht über diesen endzeitlichen Feind Israels aus dem Norden eine große Segenszeit, die für das Volk Israel anbrechen wird. In Joel 2,18-19 heißt es beispielsweise:
- Joel 2,18-19: Dann eifert der HERR für sein Land, und er hat Mitleid mit seinem Volk. Und der HERR antwortet und spricht zu seinem Volk: Siehe, ich sende euch das Korn und den Most und das Öl, dass ihr davon satt werdet; und ich werde euch nicht mehr zum Hohn machen unter den Nationen.
In Joel 2,23-27 heißt es weiter:
- Joel 2,23-27: Und ihr, Kinder Zions, frohlockt und freut euch in dem HERRN, eurem Gott! Denn er gibt euch den Frühregen nach rechtem Maß, und er lässt euch Regen herabkommen: Frühregen und Spätregen wie zuvor. Und die Tennen werden voll Getreide sein und die Fässer überfließen von Most und Öl. Und ich werde euch die Jahre erstatten, die die Heuschrecke, der Abfresser und der Vertilger und der Nager gefressen haben – mein großes Heer, das ich unter euch gesandt habe. Und ihr werdet essen, essen und satt werden und werdet den Namen des HERRN, eures Gottes, preisen, der Wunderbares an euch getan hat. Und mein Volk soll nie mehr beschämt werden. Und ihr werdet wissen, dass ich in Israels Mitte bin und dass ich, der HERR, euer Gott bin und keiner sonst. Und mein Volk soll nie mehr beschämt werden.
Dies ist eine Beschreibung des Segens im messianischen Friedensreich. Es wird eine Zeit für das Volk Israel kommen, in der es eine gewaltige Fülle irdischen Segens genießen wird und nie wieder zum Hohn sein wird unter den Nationen. Es wird nie mehr beschämt werden. Die Erfüllung dieser Prophezeiungen steht noch aus. Gott wird dem Volk Israel den Mangel erstatten, der durch sein Gericht über sie gekommen ist. So wie Gottes Gericht über sein Volk Israel eingetroffen ist, so wird Gott auch seine Segensverheißungen für Israel wahrmachen.
In diesem Zusammenhang steht Joel 3: „Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch“ (Joel 3,1). Die Erfüllung dieser Prophezeiung wird zu Beginn des Tausendjährigen Reiches stattfinden, nachdem Gott sein Gericht über die Feinde Israels vollstreckt und den verheißenen Segen eingeführt hat. Dies ergibt sich aus dem Kontext von Joel 2 sowie dem Wort „danach“ in Joel 3,1.
Wenn wir dies nun mit Apostelgeschichte 2,16-21 vergleichen, stellen wir – wie schon beim Vergleich von Hosea 2 mit Römer 9 – fest, dass beide Stellen in einem unterschiedlichen Kontext stehen. Während Joel 3 von der Ausgießung des Heiligen Geistes über alles Fleisch zu Beginn des messianischen Friedensreiches spricht, kam der Heilige Geist in Apostelgeschichte 2 zu Beginn des Pfingsttages lediglich über etwa hundertzwanzig gläubige Juden (Apg 1,15), wodurch die neutestamentliche Gemeinde, der Leib Christi, entstand (Apg 1,5; 1Kor 12,13). Beide Bibelstellen handeln somit von unterschiedlichen Kontexten und Zeitpunkten. Deshalb ist Apostelgeschichte 2,16-21 allenfalls eine Vorerfüllung im Blick auf die Juden, die an Pfingsten den Heiligen Geist empfingen, aber nicht die endgültige Erfüllung von Joel 3.
Warum zitiert Petrus hier Joel 3? Um dies zu verstehen, müssen wir den Anlass beachten, der zu diesem Zitat geführt hat. Eine unmittelbare Auswirkung des Pfingstereignisses war, dass der Heilige Geist den Jüngern die Gabe verlieh, in anderen Sprachen reden zu können. Einige verspotteten die Jünger und meinten, sie seien betrunken (Apg 2,13). Darin liegt der Vorwurf, hier würde etwas geschehen, das nicht von Gott gewirkt wurde und nicht zu seinem Wesen passt. Indem Petrus Joel zitiert, weist er seine Volksgenossen darauf hin, dass sie über die Pfingstereignisse nicht erstaunt zu sein brauchen, da das Alte Testament bereits eine Zeit der Geistausgießung angekündigt hatte, die mit Zeichen und Wundern begleitet sein würde. Das, was hier zu Pfingsten geschah, war also mit dem Wort Gottes in Übereinstimmung. Diejenigen, die Gott als den Urheber dieses Geschehens leugneten, konnten eine Geistausgießung in ihren eigenen Schriften vorausgesagt finden. Es ging also alles mit rechten Dingen zu.
Bemerkenswert ist dabei, dass Petrus ausgerechnet den Propheten Joel zitiert. Denn auch andere Propheten haben von der Ausgießung des Heiligen Geistes geweissagt:
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Jes 32,15: … bis der Geist über uns ausgegossen wird aus der Höhe …
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Jes 44,3: Ich werde meinen Geist ausgießen auf deine Nachkommen und meinen Segen auf deine Sprösslinge.
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Hes 39,29: Ich werde mein Angesicht nicht mehr vor ihnen verbergen, wenn ich meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen habe, spricht der Herr, HERR.
Diese drei Stellen reden ausschließlich von der Ausgießung des Heiligen Geistes über das Volk Israel. Es heißt: „über uns ausgegossen“, „auf deine Nachkommen“, „auf deine Sprösslinge“ und „über das Haus Israel“. Am Pfingsttag stand Gott jedoch im Begriff, das Heil in Christus über die engen Grenzen Israels hinaus allen Nationen zuzuwenden. In seinem Auftrag in Apostelgeschichte 1,8 hatte der Herr bereits gesagt: „Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ Deshalb gab es im Alten Testament keine passendere Stelle als Joel 3, denn nur dort wird von der Ausgießung des Heiligen Geistes über alles Fleisch gesprochen.
Der Gesamtzusammenhang der Botschaft des Propheten Joel zeigt, dass die Prophezeiung über die Ausgießung des Heiligen Geistes dort eine viel weitreichendere Bedeutung hat als das, was sich zu Pfingsten ereignet hat. Das Pfingstereignis ist eine teilweise Vorerfüllung und zugleich ein Fingerzeig auf die eigentliche Erfüllung. Deshalb konnte Petrus zwar sagen: „Dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist“, jedoch nicht, dass sich Joel 3 am Pfingsttag erfüllt habe. Zwischen Joel 3 und Apostelgeschichte 2 bestehen starke Ähnlichkeiten, aber auch bedeutende Unterschiede: Am Pfingsttag lesen wir beispielsweise nicht, dass die alten Männer Träume hatten oder die von Joel angekündigten Wunder im Himmel und auf der Erde geschahen. Der Heilige Geist wurde am Pfingsttag auch nicht über alles Fleisch ausgegossen – und das ist bis heute nicht geschehen. Zu Beginn des messianischen Friedensreiches, wenn alle Ungläubigen vom Herrn gerichtet worden sind (Jud 14-15) und ausschließlich Erlöste in das Reich eingehen werden, sowohl aus dem Volk Israel als auch aus den Nationen, wird Gott seinen Geist buchstäblich über „alles Fleisch“ ausgießen.
d) Amos 9,11-12 in Apostelgeschichte 15,16-17
Zunächst werfen wir einen Blick auf den Wortlaut von Amos 9,11-15:
- Amos 9,11-15: An jenem Tag werde ich die verfallene Hütte Davids aufrichten und ihre Risse vermauern und ihre Trümmer aufrichten, und ich werde sie bauen wie in den Tagen vor alters; damit sie den Überrest Edoms und alle Nationen in Besitz nehmen, über denen mein Name genannt werden wird, spricht der HERR, der dieses tut. Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da der Pflüger an den Schnitter und der Traubentreter an den Sämann reichen wird; und die Berge werden träufeln von Most, und alle Hügel werden zerfließen. Und ich werde die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden; und sie werden die verwüsteten Städte aufbauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und deren Wein trinken und Gärten anlegen und deren Frucht essen. Und ich werde sie in ihrem Land pflanzen; und sie sollen nicht mehr herausgerissen werden aus ihrem Land, das ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott.
Wie in Hosea 1 bis 3 und in Joel 3 wird auch in diesen Versen aus dem Buch des Propheten Amos von der zukünftigen Wiederherstellung Israels gesprochen. Wenn Gott hier durch den Propheten von einer Gefangenschaft des Volkes Israel spricht, aus der Gott sein Volk befreien und wieder in ihr Land zurückbringen wird, dann ist nicht die babylonische Gefangenschaft gemeint, auch wenn der Prophet Amos zeitlich davor gewirkt hat. Denn in Amos 9,15 sagt Gott: „Sie sollen nicht mehr herausgerissen werden aus ihrem Land, das ich ihnen gegeben habe.“ Nach der babylonischen Gefangenschaft wurden die Juden jedoch erneut aus ihrem Land herausgerissen, nämlich im Zuge der Zerstörung Jerusalems und des Tempels im Jahr 70 n.Chr. Gott spricht hier von einer endgültigen Wiederherstellung des Volkes Israel. Diese Prophezeiung ist bis heute noch nicht erfüllt.
Nun zitiert Jakobus Amos 9,11-12 in Apostelgeschichte 15. Dort heißt es:
Apg 15,13-17: Nachdem sie [Paulus und Barnabas] aber ausgeredet hatten, antwortete Jakobus und sprach: Brüder, hört mich! Simon hat erzählt, wie zuerst Gott darauf gesehen hat, aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen. Und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: „Danach will ich zurückkehren und die Hütte Davids wieder aufbauen, die verfallen ist, und ihre Trümmer will ich wieder aufbauen und sie wieder aufrichten; damit die übrigen der Menschen den Herrn suchen, und alle Nationen, über die mein Name angerufen ist, spricht der Herr, der dieses tut.“
Ein Vergleich beider Kontexte zeigt erneut, dass Apostelgeschichte 15 nicht die Erfüllung von Amos 9,11-12 ist. In Amos 9 geht es um die endgültige Wiederherstellung des Volkes Israel, die noch in der Zukunft liegt. Aus anderen prophetischen Schriftstellen wissen wir, dass dies im Zusammenhang mit der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches geschehen wird. Amos 9,11-15 spricht ebenfalls von einigen der Segnungen, die diese Zeit kennzeichnen werden. Auch Menschen aus den Nationen werden in jener Zeit gerettet werden und an dem Segen für Israel teilhaben (Amos 9,12).
Genauso wenig wie Paulus in Römer 9,25 und Petrus in Apostelgeschichte 2,16 sagt Jakobus, dass sich Amos 9,11-12 hier erfüllt habe. Er sagt vielmehr: „Und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein“ (Apg 15,15). Es gibt eine Übereinstimmung zwischen dem, was der Prophet Amos gesagt hat, und dem gegenwärtigen Handeln Gottes in der Gemeindezeit: Gott rettet in der Gemeindezeit Menschen aus den Nationen, und Er wird im Zusammenhang mit der Wiederherstellung Israels in der Zukunft Menschen aus den Nationen retten. Wenn Gott durch die Propheten gesagt hat, dass Er in jener Zeit Heiden retten wird, dann ist das in Übereinstimmung damit, dass Er es auch heute in der Gemeindezeit tut und aus ihnen ein Volk für seinen Namen nimmt (Apg 15,14).
Hinzu kommt, dass die Propheten im Zusammenhang mit der Errettung von Heiden nie gesagt haben, dass sie beschnitten werden und das Gesetz Moses halten müssten, um an dem Segen Gottes teilzuhaben. Auch in Amos 9,11-12 ist davon nicht die Rede. Dies war nämlich die Frage, die in Apostelgeschichte 15 zu beurteilen war: Müssen sich die an Christus gläubig gewordenen Heiden beschneiden lassen und das Gesetz Moses halten (Apg 15,5)? Jakobus wendete diese Verse auf die damalige Situation an, um zu argumentieren, dass, wenn Gott nichts über die Notwendigkeit der Beschneidung der gläubigen Nationen gesagt hat, dann niemand sie dazu zwingen könne. Jakobus hatte also nicht die Erfüllung von Amos 9,11-12 im Sinn. Vielmehr erkannte er, dass die von ihm zitierten Verse eine Wahrheit oder ein Prinzip enthalten, das Licht auf die in Apostelgeschichte 15 behandelte Frage warf. Auf dieses Schriftwort gründete er sein Urteil: „Deshalb urteile ich, dass man denen, die sich von den Nationen zu Gott bekehren, keine Schwierigkeiten mache, sondern ihnen schreibe, dass sie sich enthalten von den Verunreinigungen der Götzen und von der Hurerei und vom Erstickten und vom Blut“ (Apg 15,19-20). Dies war ein geistliches Urteil von Jakobus, das Licht in diese verwirrte Situation brachte. Wir dürfen von Jakobus lernen, unsere Beurteilungen auf konkrete Schriftworte zu stützen. Es geht hier nicht um eine Erfüllung, sondern um die Anwendung biblischer Prinzipien.
e) Ausnahmen in Matthäus 2?
In Matthäus 2,15 heißt es:
Mt 2,15: Und er [Jesus] blieb dort [in Ägypten] bis zum Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.“
Dies ist ein Zitat aus Hosea 11,1. Im dortigen Wortlaut heißt es:
- Hos 11,1: Als Israel jung war, da liebte ich es, und aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
Im Kontext von Hosea 11,1 geht es also eindeutig um den Auszug Israels aus Ägypten. Matthäus bezieht diese Stelle auf die Rückkehr Jesu aus Ägypten und sagt, dass sie sich dadurch erfüllt hat.
Allerdings ist zu beachten, dass es in Hosea 11,1 nicht um eine Prophezeiung oder Verheißung geht, die Gott dem Volk Israel gegeben hat und die Er nun auf eine geistliche Weise erfüllen würde. Auch wenn es sich bei Hosea 11,1 um den Ausspruch eines Propheten handelt, geht es dort nicht um eine Prophezeiung zukünftiger Dinge, sondern um den Rückblick auf ein geschichtliches Ereignis: den Auszug Israels aus Ägypten. Matthäus 2,15 ist also nicht die geistliche Erfüllung einer Prophezeiung, sondern die typologische Erfüllung eines geschichtlichen Ereignisses.
Was bedeutet das? In der Geschichte Israels ist ein Muster zu erkennen, das typologisch auf Christus hindeutet. In gewisser Hinsicht wiederholt sich in Ihm die Geschichte Israels, zugleich zeigen sich jedoch große Gegensätze: Das Volk Israel war „Sohn“ im gemeinschaftlichen Sinn (vgl. 2Mo 4,22). Der Herr Jesus ist der wahre und vollkommene Sohn Gottes. So wie Israel aus Ägypten zog, so kam Jesus aus Ägypten. So wie Israel vierzig Jahre in der Wüste erprobt wurde, so wurde Jesus vierzig Tage von dem Teufel in der Wüste versucht. Während Israel völlig versagte, bestand Jesus in Vollkommenheit. Der Weinstock Israel brachte keine Frucht für Gott (Ps 80,9; Jes 5,1-7), wohingegen Jesus der wahre Weinstock ist (Joh 15,1), der vollkommene Frucht für Gott brachte. Er ist sozusagen das wahre Israel in dem Sinn, dass Er all das verkörperte, was Gott von seinem Volk erwartete. Matthäus 2,15 ist also kein Beispiel für eine nicht wörtliche Erfüllung einer Prophezeiung, sondern die typologische Auslegung eines historischen Ereignisses.[9] Dabei behält der Vers bei Hosea seine buchstäbliche, historische Bedeutung für Israel.
Eine weitere bemerkenswerte Stelle in Matthäus 2 finden wir gleich darauf in den Versen 16 bis 18:
Mt 2,16-18: Da ergrimmte Herodes sehr, als er sah, dass er von den Magiern hintergangen worden war; und er sandte hin und ließ alle Knaben töten, die in Bethlehem und in seinem ganzen Gebiet waren, von zwei Jahren und darunter, entsprechend der Zeit, die er von den Magiern genau erfragt hatte. Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: „Eine Stimme ist in Rama gehört worden, Weinen und viel Wehklagen: Rahel beweint ihre Kinder, und sie wollte sich nicht trösten lassen, weil sie nicht mehr sind.“
Dabei handelt es sich um ein Zitat aus Jeremia 31,15. Dort heißt es in den Versen 15 bis 17:
- Jer 31,15-17: So spricht der HERR: Eine Stimme wird in Rama gehört, Wehklage, bitteres Weinen. Rahel beweint ihre Kinder; sie will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, weil sie nicht mehr sind. So spricht der HERR: Halte deine Stimme zurück vom Weinen und deine Augen von Tränen; denn es gibt Lohn für deine Arbeit, spricht der HERR, und sie werden aus dem Land des Feindes zurückkehren; und es gibt Hoffnung für dein Ende, spricht der HERR, und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren.
Ein Vergleich der Kontexte beider Stellen zeigt, dass sie sich auf ganz unterschiedliche Situationen beziehen. In Jeremia 31,15 geht es um die Wehklage und das Weinen Rahels über den Verlust ihrer Kinder. Im Kontext dieser Stelle geht es um die Wegführung des Volkes ins Exil. Rahel ist darüber untröstlich, doch Gott tröstet sie mit dem Hinweis, dass ihre Kinder einst aus dem Exil in ihr Gebiet zurückkehren werden (Jer 31,16-17).
Als die Wegführung ins Exil geschah, war Rahel bereits lange gestorben (vgl. 1Mo 35,19). Rahel repräsentiert hier als Stammmutter den Schmerz der israelischen Mütter über die Wegführung ihrer Kinder. Rahel war die Mutter Josephs und Benjamins sowie die Großmutter von Ephraim und Manasse. Ephraim wird im Alten Testament oft als Synonym für das nördliche Zehn-Stämme-Reich verwendet (z.B. Hos 5,9-14). Der Stamm Benjamin dagegen gehörte zum südlichen Zwei-Stämme-Reich. Rahel hatte somit eine Verbindung sowohl zum Nordreich als auch zum Südreich. Die Wehklage in Jeremia 31,15 kann sich daher sowohl auf die Wegführung des Nordreichs in das assyrische Exil (723 v.Chr.) als auch auf die Wegführung des Südreichs in das babylonische Exil (586 v.Chr.) beziehen. Es heißt, dass die Wehklage in „Rama“[10] gehört wurde. Aus Jesaja 10,29 ergibt sich, dass Rama angesichts des Einfalls der Assyrer in das Nordreich bebte. Andererseits wird dieser Ort auch in Jeremia 40,1 erwähnt; aus dieser Stelle ergibt sich, dass die Exilanten des Südreichs dort vor ihrer Wegführung nach Babylon versammelt wurden. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass es in Jeremia 31,15 um das babylonische Exil geht. Beide Deutungen sind möglich. In beiden Fällen herrschte ein großes Wehklagen in Rama.
Diese Stelle wird in Matthäus 2,18 zitiert und auf den Kindermord in Bethlehem bezogen. Dabei wird gesagt, dass sich dieses Wort des Propheten Jeremia erfüllt habe. Es handelt sich hierbei um eine ähnliche Form der Erfüllung wie in Matthäus 2,15. Jeremia 31,15 ist ein historisches Ereignis, das zur Zeit von Matthäus 2 bereits geschehen war. Das Leid der Mütter Israels angesichts der Wegführung ihrer Kinder ins Exil, das durch die Wehklage Rahels repräsentiert wird, ist ein Typus für das Leid der Mütter Bethlehems wegen der grausamen Ermordung ihrer Kinder durch Herodes. Es handelt sich also erneut nicht um eine Prophezeiung oder Verheißung für Israel, die sich auf geistliche Weise erfüllen würde, sondern um eine typologische Erfüllung eines geschichtlichen Ereignisses. Jeremia 31,15 behält seine ursprüngliche historische Bedeutung, enthält jedoch zugleich eine typologische Bedeutung für den schrecklichen Kindermord in Matthäus 2. Es besteht auch eine direkte historische Verbindung zwischen beiden Ereignissen: Die Tatsache, dass das Nord- und das Südreich wegen seiner Sünden ins Exil geschickt wurden und heidnische Mächte die Herrschaft über das Gebiet Israels übernahmen, legte den Grund dafür, dass Herodes später innerhalb des Römisches Reiches überhaupt König von Judäa sein und den Kindermord in Bethlehem befehlen konnte.
f) Fazit: Keine Transformation der Prophezeiungen
Die alttestamentlichen Prophezeiungen haben sich durch den Übergang zum Neuen Testament nicht verwandelt. Wie bei allen Bibelstellen wird ihre Bedeutung durch die historisch-grammatische Methode bestimmt, indem die betreffende Bibelstelle in ihrem ursprünglichen Kontext untersucht und ausgelegt wird. Der Ausgangspunkt für die Auslegung einer biblischen Aussage, ob im Alten oder im Neuen Testament, ist immer die jeweilige Bibelstelle selbst. Um beispielsweise die Lehre von Römer 6 zu verstehen, muss man dieses Kapitel in seinem Kontext studieren. Dasselbe gilt für die Propheten des Alten Testaments: Wer die Prophezeiungen Jesajas, Jeremias und der anderen Propheten verstehen will, muss sie in ihrem Kontext studieren.[11]
Die Schlussfolgerung, dass sich beispielsweise Hosea 2 bereits erfüllt habe, weil Römer 9 Hosea 2 zitiert, ist ein folgenreicher Auslegungsfehler. Denn dadurch wird dem Volk Israel die bedingungslose Verheißung der Wiederherstellung am Ende der Tage und somit seine nationale Zukunft in Gottes Heilsplan genommen. Dies ist ein Beispiel dafür, dass man dem Wort Gottes durch falsche Schlussfolgerungen nicht nur etwas hinzufügen, sondern auch etwas wegnehmen kann.[12]
Zwar ist es richtig, dass das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments zu deuten ist. Dies ist insbesondere bei der Typologie sowie bei der Anwendung alttestamentlicher Texte auf unser Leben als Christen zu beachten. Die Auslegung des Alten Testaments im Licht des Neuen Testaments bedeutet jedoch nicht, dass alttestamentliche Prophezeiungen beim Übergang in das Neue Testament eine Umdeutung erfahren haben. Das Neue Testament ist nicht der Neuausleger alttestamentlicher Prophezeiungen. Ein solcher hermeneutischer Ansatz entkräftet die Prophetenbücher des Alten Testaments und nimmt ihnen die Autorität, verbindliche Aussagen zu Themen wie dem messianischen Friedensreich und der Zukunft Israels zu treffen. Wir dürfen nicht den Fehler begehen, aus der Tatsache, dass das Neue Testament einige alttestamentliche Prophezeiungen und Verheißungen für Israel auf die Gemeinde anwendet, den Schluss zu ziehen, diese Verheißungen seien für Israel nunmehr annulliert und würden von Gott nicht mehr buchstäblich erfüllt werden.
4. Bilder und Symbole in der Prophetie
Prophezeiungen, einschließlich Verheißungen für die Zukunft, enthalten oft Bilder- und Symbolsprache. Dies wird manchmal als Argument für eine vergeistlichende Auslegung alttestamentlicher Prophezeiungen angeführt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass Prophezeiungen, auch wenn sie Bilder und Symbole enthalten, reale Vorgänge beschreiben beziehungsweise reale Gegenstände betreffen.[13] Die Verwendung von Bildern und Symbolen in der Prophetie hebt nicht den Sinn buchstäblicher Aussagen auf. Sie dienen lediglich dazu, den beschriebenen Sachverhalt anschaulich zu machen. Dazu einige Beispiele:
In Jesaja 51,3 heißt es:
Jes 51,3: Denn der HERR tröstet Zion, tröstet alle ihre Trümmer; und er macht ihre Wüste wie Eden und ihre Steppe wie den Garten des HERRN. Wonne und Freude werden darin gefunden werden, Danklied und Stimme des Gesangs.
Wenn der Prophet sagt, dass Gott die Trümmer Zions tröstet und die Wüste Zions wie Eden macht und ihre Steppe wie den Garten des HERRN, dann handelt es sich um bildhafte Sprache beziehungsweise Vergleiche. Es werden jedoch reale Vorgänge beschrieben, die durch Bildersprache lediglich anschaulich und lebendig gemacht werden: Gott wird Zion wiederherstellen und die Bewohner der Stadt, die in Trümmern gelegen hat, trösten.
Ein weiteres Beispiel aus Joel 2,3:
Joel 2,3: Vor ihm her verzehrt das Feuer, und hinter ihm lodert die Flamme; vor ihm ist das Land wie der Garten Eden, und hinter ihm eine öde Wüste, und auch keine Entronnenen lässt es übrig.
Hier wird der oben bereits erwähnte Angriff der aus dem Norden kommenden Großmacht auf Israel beschrieben. Der Prophet verwendet Bildersprache, um die Zerstörungskraft dieses Heeres zu veranschaulichen. Sein Angriff ist wie ein Feuer, das sich ausbreitet und nichts als lodernde Flammen hinter sich zurücklässt. Bevor das Heer eine Gegend angreift, ist es dort so schön wie im Garten Eden, danach jedoch so öde wie eine Wüste. Die Sprache ist poetisch und bildhaft, das Ereignis real. Es geht um den buchstäblichen Angriff eines buchstäblichen Heeres.
Ein drittes Beispiel aus Sacharja 12,2-3:
Sach 12,2-3: Siehe, ich mache Jerusalem zu einer Taumelschale für alle Völker ringsum; und auch über Juda wird es kommen bei der Belagerung von Jerusalem. Und es wird geschehen an jenem Tag, da werde ich Jerusalem zu einem Laststein für alle Völker machen: Alle, die ihn aufladen wollen, werden sich gewiss daran verwunden.
Gott kündigt an, dass Er Jerusalem zu einer „Taumelschale“ und zu einem „Laststein“ für alle Völker machen wird. Mit dieser bildhaften Ausdrucksweise veranschaulicht Gott die Folgen, die es für alle Völker haben wird, die gegen Jerusalem handeln. Dennoch geht es um reale Vorgänge, die – unter Berücksichtigung der verwendeten Bilder und Symbole – buchstäblich zu verstehen sind. Mit anderen Worten: Jerusalem ist der reale Gegenstand, die Taumelschale und der Laststein sind die Bilder. Diese sind natürlich als Bilder zu verstehen und entsprechend auszulegen. Jerusalem als realer Gegenstand darf jedoch nicht vergeistlicht und beispielsweise durch die Gemeinde ersetzt werden.
Die Verwendung von Bildern und Symbolen in der Prophetie darf also nicht mit einer Transformation oder Vergeistlichung prophetischer Aussagen verwechselt werden. Bei Letzterem wird der Vorgang beziehungsweise Gegenstand selbst vergeistlicht, also durch eine sinnbildliche Bedeutung ersetzt. Ein Vertreter dieses Auslegungsansatzes deutete beispielsweise die Prophezeiung über die Veränderungen in der Tierwelt in Jesaja 11,6-8 in der Weise, dass sie sich auf eine geistliche Verwandlung wie bei Saulus beziehe, der zu Paulus wurde. Paulus war zuvor ein grausamer, wolfsähnlicher Verfolger der Christen, doch dann wurde er ein lammähnlicher Nachfolger Christi.[14] Durch solche und ähnliche geistliche Verwandlungen, die durch das Evangelium bewirkt werden, erfülle sich die genannte Prophezeiung bereits auf geistliche Weise in der Gemeindezeit.[15]
Hier wird der reale Vorgang der prophetischen Aussage (Veränderungen in der Tierwelt) durch eine geistliche Deutung vollständig ersetzt.
Die einzige bildliche Ausdrucksweise in diesem Abschnitt finden wir in Vers 7: „Der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind“ (Jes 11,7). Es handelt sich um einen bildlichen Vergleich: Der Löwe wird zwar kein Rind sein, aber wie das Rind Stroh fressen. Dies wird jedoch ein echter Löwe tun. Es gibt zwar Stellen in der Bibel, in denen beispielsweise der Wolf, der Löwe oder das Lamm bildlich verwendet werden (z.B. Mt 10,16; Off 5,5). Dort macht der Kontext jedoch eindeutig klar, dass es sich um Bilder- und Symbolsprache handelt. Der Kontext von Jesaja 11 gibt uns dagegen keinen solchen Hinweis. Das wörtliche Verständnis im Kontext des messianischen Friedensreiches ergibt ohne Weiteres Sinn. Auch andere Schriftstellen im Alten Testament weisen auf die großen Veränderungen hin, die Gott im Tausendjährigen Reich in seiner irdischen Schöpfung bewirken wird (siehe z.B. Jes 65,17-25). Deshalb müssen wir diesen Text wörtlich auslegen. Darüber hinaus bestätigt auch das Neue Testament die buchstäbliche Bedeutung dieser Prophezeiung. Der Herr Jesus bezeichnet die Erneuerung der Schöpfung, von der die Veränderungen in der Tierwelt lediglich ein Bestandteil sind, als „Wiedergeburt“ (Mt 19,28); Petrus spricht von der „Wiederherstellung aller Dinge“ (Apg 3,21).
Gerade der Glaube an die wörtliche Inspiration der Bibel gebietet Genauigkeit im Umgang mit ihrem Wortlaut. Nur die buchstäbliche Auslegung der Prophetie – unter richtiger Berücksichtigung ihrer oft bildhaften und symbolischen Ausdrucksweise – eröffnet uns den Zugang zu allen Prophezeiungen der Heiligen Schrift. Nur so können wir erkennen, wie sich die Puzzleteile in der Prophetie zu einem wunderbaren Ganzen zusammenfügen lassen (vgl. 2Pet 1,20-21).
5. Ein Prüfstein für einen wahren Propheten
Ein wichtiger Prüfstein für einen wahren Propheten Gottes war, dass seine Prophezeiungen eintrafen:
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5Mo 18,20-22: Doch der Prophet, der sich vermessen wird, in meinem Namen ein Wort zu reden, das ich ihm nicht geboten habe zu reden, oder der im Namen anderer Götter reden wird: Dieser Prophet soll sterben. Und wenn du in deinem Herzen sprichst: „Wie sollen wir das Wort erkennen, das der HERR nicht geredet hat?“ – wenn der Prophet im Namen des HERRN redet, und das Wort geschieht nicht und trifft nicht ein, so ist das das Wort, das der HERR nicht geredet hat; mit Vermessenheit hat der Prophet es geredet; du sollst dich nicht vor ihm fürchten.
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Jer 28,9: Der Prophet, der von Frieden weissagt, wird, wenn das Wort des Propheten eintrifft, als der Prophet erkannt werden, den der HERR in Wahrheit gesandt hat.
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Hes 33,31-33: Und sie kommen scharenweise zu dir und sitzen vor dir als mein Volk und hören deine Worte, aber sie tun sie nicht; sondern sie tun, was ihrem Mund angenehm ist, ihr Herz geht ihrem Gewinn nach. Und siehe, du bist ihnen wie ein liebliches Lied, wie einer, der eine schöne Stimme hat und gut zu spielen versteht; und sie hören deine Worte, doch sie tun sie nicht. Wenn es aber kommt – siehe, es kommt! –, so werden sie wissen, dass ein Prophet in ihrer Mitte war.
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1Sam 3,19-20: Und Samuel wurde groß; und der HERR war mit ihm und ließ keins von allen seinen Worten zur Erde fallen. Und ganz Israel, von Dan bis Beerseba, erkannte, dass Samuel als Prophet des HERRN bestätigt war.
Diese Bibelstellen zeigen, dass das Eintreffen der Prophezeiungen ein Prüfmerkmal war, anhand dessen die Zuhörer oder Leser beurteilen konnten, ob es sich um einen wahren Propheten handelte. Allerdings können sie nur das buchstäbliche Eintreffen einer Prophezeiung überprüfen. Aus ihrer Sicht trifft eine Prophezeiung nur dann ein, wenn sie sich buchstäblich erfüllt. Wie sollte man das Eintreffen einer Prophezeiung sonst mit Sicherheit überprüfen können? Eine wie auch immer geartete geistliche Erfüllung, die ihrem Wesen nach dem eigentlichen Wortlaut der Prophezeiung nicht entnommen werden kann, kann nicht überprüft werden. Gerade weil Gott keines der Worte Samuels zur Erde fallen ließ, sondern alles buchstäblich eintraf, erkannte ganz Israel, dass er als Prophet des HERRN bestätigt war. Dies ist ein weiteres wichtiges Argument für die Anwendung einer buchstäblichen Hermeneutik bei der Auslegung der gesamten Prophetie.
Wenn Gott Zukünftiges prophezeit oder Verheißungen für die Zukunft gibt, dann ist das stets buchstäblich zu verstehen. Andernfalls wüssten wir nicht mehr, ob und wann wir Gott beim Wort nehmen können. Wenn Prophezeiungen und Verheißungen mal buchstäblich und mal geistlich zu verstehen sind, ohne dass sich dies aus dem Kontext ergibt, wie hätten die Empfänger der Prophezeiungen und Verheißungen je wissen können, dass sie Gottes Wort so nehmen können, wie Er es ihnen gesagt hat? Es gäbe keine Gewissheit mehr bei der Auslegung von Prophezeiungen und Verheißungen.
6. Die ursprünglichen Hörer der Prophezeiungen
In diesem Zusammenhang soll noch auf einen anderen Punkt hingewiesen werden: Die ursprünglichen Hörer hörten die Prophezeiungen in der Regel als öffentliche Verkündigung der Propheten. Bevor erläutert wird, warum dies wichtig ist, folgen zunächst einige Bibelstellen dazu am Beispiel des Propheten Jeremia:
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Jer 7,1-2: Das Wort, das vonseiten des HERRN an Jeremia erging, indem er sprach: Stelle dich in das Tor des Hauses des HERRN, und rufe dort dieses Wort aus und sprich: Hört das Wort des HERRN, ganz Juda, die ihr durch diese Tore eingeht, um den HERRN anzubeten.
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Jer 11,6: Und der HERR sprach zu mir: Rufe alle diese Worte aus in den Städten Judas und auf den Straßen von Jerusalem und sprich: Hört die Worte dieses Bundes und tut sie!
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Jer 19,1-3: So sprach der HERR: Geh und kaufe einen irdenen Töpferkrug, und nimm mit dir von den Ältesten des Volkes und von den Ältesten der Priester; und geh hinaus in das Tal des Sohnes Hinnoms, das vor dem Eingang des Tores Charsut liegt, und rufe dort die Worte aus, die ich zu dir reden werde, und sprich: Hört das Wort des HERRN, ihr Könige von Juda und ihr Bewohner von Jerusalem! So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Siehe, ich bringe Unglück über diesen Ort, dass jedem, der es hört, seine Ohren gellen werden.
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Jer 17,19-20: So sprach der HERR zu mir: Geh hin und stelle dich in das Tor der Kinder des Volkes, durch das die Könige von Juda einziehen und durch das sie ausziehen, und in alle Tore Jerusalems und sprich zu ihnen: Hört das Wort des HERRN, ihr Könige von Juda und ganz Juda und alle Bewohner von Jerusalem, die ihr durch diese Tore einzieht!
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Jer 26,2: So spricht der HERR: Tritt in den Vorhof des Hauses des HERRN und zu allen Städten Judas, die kommen, um im Haus des HERRN anzubeten, rede alle Worte, die ich dir geboten habe, zu ihnen zu reden; nimm kein Wort davon weg.
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Jer 36,4-6: Und Jeremia rief Baruch, den Sohn Nerijas; und Baruch schrieb aus dem Mund Jeremias auf eine Buchrolle alle Worte des HERRN, die er zu ihm geredet hatte. Und Jeremia gebot Baruch und sprach: Ich bin verhindert, ich kann nicht in das Haus des HERRN gehen; so geh du hin und lies aus der Rolle, was du aus meinem Mund aufgeschrieben hast, die Worte des HERRN, vor den Ohren des Volkes im Haus des HERRN am Tag des Fastens; und du sollst sie auch vor den Ohren aller Juden lesen, die aus ihren Städten kommen.
Stellen wir uns folgende Situation vor: Der Prophet Jeremia steht an einem öffentlichen Platz, umgeben von großen Menschenmengen aus Israel. Einmal spricht er von „Jerusalem“ und dem „Haus Juda“ und prophezeit dem zuhörenden Volk das Gericht Gottes und die babylonische Gefangenschaft, wenn es keine Buße tut (z.B. Jer 21,10-12; 25,1-11). Ein anderes Mal spricht er vor derselben Gruppe erneut von „Jerusalem“ und dem „Haus Juda“ und prophezeit die Königsherrschaft des Messias sowie eine wunderbare Segenszeit auf dieser Erde (z.B. Jer 3,17-18; 33,14-16). Nach dem amillennialistischen Auslegungsansatz hat sich die erste Prophezeiung buchstäblich und die zweite nur geistlich erfüllt. Aus dem Wortlaut und dem Zusammenhang der Prophezeiungen Jeremias ist dieser Unterschied jedoch nicht erkennbar und konnte von seinen Zuhörern auch nicht auf andere Weise erkannt werden. Wir, die wir über zweitausend Jahre nach dem Wirken der alttestamentlichen Propheten leben, machen uns die historischen Umstände der Verkündigung der Prophezeiungen vielleicht selten bewusst.
Versetzen wir uns einmal in die damaligen Zuhörer und denken über die Konsequenzen dieses Auslegungsansatzes nach. Es lag auf der Hand, dass die Israeliten völlig falsche Vorstellungen von den Verheißungen haben würden, die Gott ihnen gegeben hat. Wenn das messianische Friedensreich auf der Erde und die nationale Wiederherstellung Israels nie beabsichtigt waren, sondern in Wirklichkeit geistlich zu verstehen sind, dann kann die Wortwahl nur den Zweck gehabt haben, die Hörer zu täuschen. Würden wir so mit unseren Mitmenschen kommunizieren, würde man uns genau das zu Recht vorwerfen. Ist es daher verwunderlich, dass die Juden zur Zeit Jesu ein buchstäbliches messianisches Reich erwarteten? Selbst die Jünger des Herrn fragten Ihn kurz vor seiner Himmelfahrt in Apostelgeschichte 1,6: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“ Vor dem Hintergrund der prophetischen Aussagen des Alten Testaments war diese Frage absolut berechtigt. Die Antwort des Herrn ist bemerkenswert. Wenn sich die Prophezeiungen über das verheißene messianische Reich nur geistlich erfüllen würden, wäre dies nicht der richtige Augenblick gewesen, um die Jünger aufzuklären und ihre falschen Vorstellungen zu korrigieren? Doch das tut der Herr nicht, sondern Er sagt: „Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat“ (Apg 1,7). Er korrigiert die Gedanken der Jünger bezüglich des Reiches für Israel nicht, sondern weist sie lediglich darauf hin, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen ist.
In der amillennialistisch geprägten Hermeneutik wird im Zusammenhang mit der Auslegung alttestamentlicher Prophezeiungen oft auf 1. Petrus 1,10-12 verwiesen:
1Pet 1,10-12: … eine Errettung, über welche die Propheten nachsuchten und nachforschten, die von der Gnade euch gegenüber geweissagt haben, forschend, auf welche oder welcherart Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte; denen es offenbart wurde, dass sie nicht für sich selbst, sondern für euch die Dinge bedienten, die euch jetzt verkündigt worden sind durch die, die euch das Evangelium gepredigt haben durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist – Dinge, in welche die Engel hineinzuschauen begehren.
Diese Stelle wird so ausgelegt, dass die Propheten zwar über konkrete Dinge (z.B. „Juda“, „Jerusalem“, „Land“) sprachen, der eigentliche oder tiefere Sinn ihrer Worte ihnen jedoch selbst verborgen gewesen sein konnte und erst durch das Kommen Christi und die Ausgießung des Heiligen Geistes offenbar wurde. Nach dieser Ansicht kann die eigentliche oder tiefere Bedeutung von „Juda“ oder von „Jerusalem“ auch die Gemeinde sein, so dass sich Prophezeiungen, die ihrem Wortlaut nach eigentlich Israel, Juda oder Jerusalem betreffen, auch geistlich in der Gemeinde erfüllen können.
Es gibt durchaus Offenbarungen an Propheten, die diese nicht oder nicht ohne Erklärung verstanden. Dies ist insbesondere im Zusammenhang mit apokalyptischen Visionen der Fall (vgl. Dan 8,27; 12,8-9; Off 7,13-14). In diesen Fällen handelt es sich allerdings um spezielle göttliche Offenbarungen in einer ganz besonderen Form. Warum jedoch die alttestamentlichen Propheten den eigentlichen Sinn schlichter Aussagen, beispielsweise über „Juda“ und „Jerusalem“, nicht verstanden haben sollen, ist nicht nachvollziehbar. Dies ist auch nicht die Aussage von 1. Petrus 1,10-12. In dieser Stelle geht es um die Prophezeiungen des Alten Testaments über die Errettung durch den Glauben an das Evangelium. Hier ist nicht die Rede davon, dass die Propheten den Inhalt der Prophezeiungen nicht verstanden, sondern dass sie nachsuchten und nachforschten, „auf welche oder welcherart Zeit“ sich diese Prophezeiungen bezogen, also zu welcher Zeit und unter welchen Umständen sie sich erfüllen würden.
In Amos 3,7 steht das bemerkenswerte Wort:
Amos 3,7: Denn der Herr, HERR, tut nichts, es sei denn, dass er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, offenbart habe.
Gott offenbarte seinen Propheten, was Er tun würde. Er offenbarte ihnen seine Pläne. Was Gott also tun will, ist dasselbe, was Er auch seinen Propheten offenbart hat. Er hat ihnen nicht etwas anderes offenbart als das, was Er in Wirklichkeit tun will. Er meinte genau das, was Er ihnen sagte.
7. Gott verherrlicht sich durch die Erfüllung seiner Verheißungen
Bei der Erfüllung der Prophezeiungen und Verheißungen für Israel geht es nicht in erster Linie um Israel, sondern um die Verherrlichung Gottes und seines Sohnes. Gott kommt zu seinem Ziel, auch mit seinem Volk Israel. Er wird seine Verheißungen um seines Namens willen erfüllen, nicht um Israels willen. Dazu einige eindrückliche Bibelworte aus dem Buch des Propheten Hesekiel. Sie handeln von der geistlichen Wiederherstellung des Volkes Israel, die bis heute noch aussteht:[16]
Hes 36,22-36: Darum sprich zum Haus Israel: So spricht der Herr, HERR: Nicht um euretwillen tue ich es, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen, den ihr entweiht habt unter den Nationen, wohin ihr gekommen seid. Und ich werde meinen großen Namen heiligen, der entweiht ist unter den Nationen, den ihr entweiht habt in ihrer Mitte. Und die Nationen werden wissen, dass ich der HERR bin, spricht der Herr, HERR, wenn ich mich vor ihren Augen an euch heilige. Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch sammeln aus allen Ländern und euch in euer Land bringen. Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinheiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen. Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und tut. Und ihr werdet in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gegeben habe; und ihr werdet mein Volk, und ich werde euer Gott sein. Und ich werde euch befreien von allen euren Unreinheiten. Und ich werde das Getreide herbeirufen und es mehren und keine Hungersnot mehr auf euch bringen. Und ich werde die Frucht des Baumes und den Ertrag des Feldes mehren, damit ihr nicht mehr den Schimpf einer Hungersnot tragt unter den Nationen. Und ihr werdet euch an eure bösen Wege erinnern und an eure Handlungen, die nicht gut waren, und werdet Ekel an euch selbst empfinden wegen eurer Ungerechtigkeiten und wegen eurer Gräuel. Nicht um euretwillen tue ich es, spricht der Herr, HERR, das sei euch kund; schämt euch und werdet beschämt vor euren Wegen, Haus Israel! So spricht der Herr, HERR: An dem Tag, an dem ich euch reinigen werde von allen euren Ungerechtigkeiten, will ich die Städte bewohnt machen, und die Trümmer sollen aufgebaut werden. Und das verwüstete Land soll bebaut werden, statt dass es eine Wüste war vor den Augen jedes Vorüberziehenden. Und man wird sagen: Dieses Land da, das verwüstete, ist wie der Garten Eden geworden, und die verödeten und verwüsteten und zerstörten Städte sind befestigt und bewohnt. Und die Nationen, die rings um euch her übrig bleiben werden, werden wissen, dass ich, der HERR, das Zerstörte aufbaue, das Verwüstete bepflanze. Ich, der HERR, habe geredet und werde es tun.
Hes 39,7-8.25-29: Und ich werde meinen heiligen Namen kundtun inmitten meines Volkes Israel und werde meinen heiligen Namen nicht mehr entweihen lassen. Und die Nationen werden wissen, dass ich der HERR bin, der Heilige in Israel. Siehe, es kommt und wird geschehen, spricht der Herr, HERR. Das ist der Tag, von dem ich geredet habe. … Darum, so spricht der Herr, HERR: Nun werde ich die Gefangenschaft Jakobs wenden und mich des ganzen Hauses Israel erbarmen und werde eifern für meinen heiligen Namen. Und sie werden ihre Schmach tragen und all ihre Treulosigkeit, mit der sie treulos gegen mich gehandelt haben, wenn sie in ihrem Land sicher wohnen und niemand sie aufschreckt, wenn ich sie aus den Völkern zurückgebracht und sie aus den Ländern ihrer Feinde gesammelt und ich mich an ihnen geheiligt habe vor den Augen der vielen Nationen. Und sie werden wissen, dass ich, der HERR, ihr Gott bin, weil ich sie zu den Nationen weggeführt habe und sie wieder in ihr Land sammle und keinen mehr von ihnen dort zurücklasse. Und ich werde mein Angesicht nicht mehr vor ihnen verbergen, wenn ich meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen habe, spricht der Herr, HERR.
Gott hat Israel die Erfüllung seiner Verheißungen versprochen. Er wird dies um seiner selbst willen tun. Er hat nicht gesagt, dass Er seine Verheißungen an Israel auf irgendeine Weise erfüllen wird, sondern es handelt sich um konkrete Verheißungen speziell für das Volk Israel. Die Ansicht, Gott habe seine Verheißungen bereits erfüllt, nur eben geistlich an der Gemeinde, ist nicht haltbar. Denn dabei handelt es sich nicht um eine Erfüllung in der ursprünglich verheißenen Form. Die Art der Erfüllung ist anders – geistlich statt buchstäblich – und auch die Empfänger der Erfüllung sind verschieden: die neutestamentliche Gemeinde, die ein geistliches Volk ist, statt das ethnisch-nationale Israel, das ein natürliches Volk ist.
Gott betont, dass Er sich dadurch verherrlichen wird, dass Er sein Wort wahr macht. Es würde Gott Ehre nehmen, wenn Er seine Verheißungen nicht buchstäblich erfüllen würde, nicht so, wie Er sie ursprünglich gegeben hat. Gott würde im Widerspruch zu dem handeln, was Er tatsächlich gesagt hat. Die Frage, was Gottes Treue zu seinen Verheißungen eigentlich bedeutet, müsste in diesem Fall völlig neu beantwortet werden. Doch Gott hat dem Volk Israel bedingungslose Verheißungen gegeben, und Er hält, was Er verspricht:
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4Mo 23,19: Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge, noch ein Menschensohn, dass er bereue. Sollte er sprechen und es nicht tun und reden und es nicht aufrechterhalten?
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Ps 89,35: Nicht werde ich entweihen meinen Bund und nicht ändern, was hervorgegangen ist aus meinen Lippen.
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Jer 33,14-16: Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da ich das gute Wort erfüllen werde, das ich über das Haus Israel und über das Haus Juda geredet habe. In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich David einen Spross der Gerechtigkeit hervorsprossen lassen, und er wird Recht und Gerechtigkeit üben im Land. In jenen Tagen wird Juda gerettet werden und Jerusalem in Sicherheit wohnen; und dies wird der Name sein, womit man es benennen wird: „Der HERR, unsere Gerechtigkeit“.
Wenn sich schließlich alle noch ausstehenden Prophezeiungen für das Haus Israel und das Haus Juda erfüllen, wird dies die vollkommene Treue Gottes zu seinen Zusagen und die Wahrhaftigkeit seiner Propheten auf wunderbare Weise bestätigen.
8. Zusammenfassung: Auslegungsregeln für die Prophetie
Nachfolgend eine Zusammenfassung der wichtigsten Auslegungsregeln für die biblische Prophetie:
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Die prophetischen Aussagen der Bibel sind nach der historisch-grammatischen Methode auszulegen. Dabei wird der Wortlaut des prophetischen Textes in seinem historischen Kontext untersucht, um die ursprüngliche Aussageabsicht für die ursprünglichen Empfänger zu ermitteln.
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Da prophetische Aussagen oft in poetischer Sprache ausgedrückt sind, ist bei der Auslegung Bilder- und Symbolsprache zu berücksichtigen. Die Bilder und Symbole dienen dazu, den realen Vorgang oder Gegenstand der Prophetie zu veranschaulichen, nicht diesen zu ersetzen oder wegzunehmen.
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Noch nicht erfüllte Prophetie ist nach dem Maßstab der bereits erfüllten Prophetie auszulegen. Das heißt, die Art und Weise, wie sich Prophezeiungen bereits erfüllt haben, zeigt uns, auf welche Weise sich die noch ausstehenden Prophezeiungen erfüllen werden.
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Bei der Auslegung der biblischen Prophetie ist zu berücksichtigen, dass es Vor- oder Teilerfüllungen geben kann. Das bedeutet, dass prophetische Aussagen zu unterschiedlichen Zeitpunkten wirksam werden können.
Zuerst erschienen auf Biblische Lehre
Anmerkungen
[1] Der Prämillennialismus ist die Lehre, dass Christus vor (prä-) dem Tausendjährigen Reich (Millennium) sichtbar auf die Erde zurückkehrt, um sein Reich buchstäblich aufzurichten und für tausend Jahre öffentlich auf dieser Erde zu herrschen.
[2] Der Amillennialismus ist die Lehre, dass es kein buchstäbliches Tausendjähriges Reich auf der Erde geben wird (a- = ohne). Das „Millennium“ wird geistlich verstanden und bezeichnet die gegenwärtige Herrschaft Christi im Himmel und in der Gemeinde, die bis zu seiner Wiederkunft andauert.
[3] Anm. d. Red.: In der weltlichen Geschichtsschreibung wird er Cyros (o. Kyros) genannt.
[4] Psalm 69 5.
[5] Sacharja 9,9
[6] Oftmals wurden die Gekreuzigten vorher gegeißelt, wodurch sie bereits viel Blut verloren hatten, bevor sie gekreuzigt wurden. So war es auch beim Herrn.
[7] Die Stellen in der Apostelgeschichte beziehen sich auf Judas (Apg 1,16) sowie auf das Kommen und die Leiden Christi (Apg 3,18; 13,27.33).
[8] Die Substitutionstheologie (auch Ersatztheologie genannt) ist die Lehre, dass die christliche Gemeinde das Volk Israel im Heilsplan Gottes ersetzt hat. Damit seien die Verheißungen Gottes an Israel auf die Gemeinde übergegangen, die das „geistliche Israel“ sei, wodurch Israel als nationales Volk keine eigenständige heilsgeschichtliche Rolle mehr habe.
[9] Siehe hierzu unter „Teil (4) Typologie und Allegorie – die Schattenbilder des Alten Testaments“.
[10] Rama war eine Stadt, die etwa acht Kilometer nördlich von Jerusalem lag (das heutige Al-Ram). Sie befand sich an der Grenze des Nord- und Südreiches, gehörte jedoch zum Stammgebiet Benjamins und damit zum Südreich (vgl. Carl Friedrich Keil, Biblischer Commentar über den Propheten Jeremia und die Klagelieder, Band 2, Leipzig: Dörffling und Franke, 1872, S. 327).
[11] Dies schließt selbstverständlich ein, dass wir für die richtige Auslegung prophetischer Aussagen immer wieder Schrift mit Schrift vergleichen und berücksichtigen müssen, was die Schrift an anderen Stellen sagt (2Pet 1,20). Diese Auslegungsregel verändert jedoch nicht die ursprüngliche Bedeutung prophetischer Aussagen, sondern hilft gerade, sie zu verstehen.
[12] Siehe dazu unter Teil (3), 5. „Nichts hinzufügen, nichts wegnehmen“.
[13] Siehe hierzu auch die Ausführungen zu poetischen Texten unter Teil (3), „b) Beachtung der verschiedenen Textgattungen“, ee) Poetische Texte.
[14] Lorraine Boettner, The Millennium, Philadelphia: Presbyterian and Reformed Publishing Co., 1957, S. 90, zitiert in Roy B. Zuck, Grundlagen der Schriftauslegung, Berlin: EBTC, S. 315.
[15] Ähnlich auch der puritanische Bibelausleger Matthew Henry (1662–1714 n.Chr.):
Bei Menschen mit dem feurigsten Temperament wird durch die Gnade Christi ihr Gemüt so wunderbar verändert werden, dass sie sogar mit den schwächsten Menschen und denen, die sie vorher angegriffen haben, in Liebe leben werden. Christus, der unser Friede ist (Eph 2,14), kommt, um unter seinen Nachfolgern jede Art von Feindschaft wegzunehmen und unter ihnen eine bleibende Freundschaft aufzurichten, insbesondere zwischen Juden und Heiden. (Der Neue Matthew-Henry-Kommentar, Jesaja – Maleachi, Waldems: 3L Verlag, 2018, S. 44)
[16] Diese Prophezeiungen enthalten Details, die sich zu keinem Zeitpunkt in der Vergangenheit des Volkes Israel erfüllt haben. Sie werden sich daher in der Zukunft noch erfüllen. Dazu gehören beispielsweise die geistliche Reinigung des ganzen Volkes sowie das Wohnen des Volkes in Sicherheit im eigenen Land.


