Harry zaubert sich an die Spitze
Die Euphorie um den Zauberlehrling macht viele blind

Carole Huber

© C. Huber, online seit: 18.01.2002, aktualisiert: 11.01.2018

Kaum ist der Pokémon-Boom abgeflaut, werden wir mit einer neuen Art von Fantasy überschwemmt: der Zauberwelt von Harry Potter. Der Junge mit der Narbe auf der Stirn zieht nicht nur Kids, sondern auch Erwachsene in seinen Bann und bricht mit atemberaubender Geschwindigkeit Rekord um Rekord:

  • Bislang sind über 110 Millionen Bücher erschienen.  Mit den von Rufus Beck gelesenen Harry-Potter-Geschichten hat erstmals ein Hörbuch vier Goldene Schallplatten erhalten, eine Auszeichnung, die üblicherweise nur im Bereich Musik verliehen wird, da sie sich einzig auf die Verkaufszahlen abstützt.

  • In Amerika hat der Zauberfilm bereits in der ersten Woche 150 Millionen Dollar eingespielt  so schnell wie noch kein Streifen in der Filmgeschichte. In Europa sind ähnliche Erfolge zu verzeichnen.

  • Das Zauberschloss Hogwarts von Lego soll auf dem Weg sein, zum bestverkauften Lego-Spielzeug aller Zeiten zu werden.

  • Neuesten Pressemeldungen zufolge wurden die Fernsehrechte von „Harry Potter und der Stein der Weisen“ und sein Nachfolgefilm für eine Rekordsumme von 265 Millionen Mark an den Sender ABC vergeben, der die Filme zehn Jahre lang auf seinen Haupt- und Nebenkanälen ausstrahlen darf.

  • 150 Millionen Dollar machte der Coca-Cola-Konzern für Werbung mit Harry Potter locker.

  • Auch Autorin Rowlings Vermögen bricht immer wieder die eigenen Rekorde. 2000 Pfund Vorschuss soll sie für ihren ersten Roman vom englischen Verlag erhalten haben. Drei Monate später kassierte sie für die amerikanischen Rechte desselben Buches bereits 105.000 Dollar und knapp ein Jahr darauf für die Filmrechte 500.000 Dollar (plus Gewinnbeteiligung). Heute soll Rowling die drittreichste Engländerin sein.

Kräftig mitgewirkt und mitverdient an diesen Rekorden hat der amerikanische Unterhaltungskonzern Warner Bros. mit seinen aggressiven Marketing-Methoden. Nachdem er 1998 für einen ungenannten Betrag die globalen Rechte an der Marke Harry Potter erworben hat, zwingt er unbarmherzig all jene in die Knie, die versuchen, mit Harry Potter Geld zu verdienen. Jedem, der eigene Ideen verwirklichen will, droht gerichtliches Vorgehen, und sei es nur einem Teenager, der eine eigene Illustration von Harry ins Internet stellt. Warner diktiert das Logo der Fanartikel, bestimmt, wie oft die Kinobetreiber die Filme ausstrahlen müssen, und wacht rigoros darüber, dass seine Vorstellungen durchgesetzt werden. Und Tausende von emanzipierten Zeitgenossen unterwerfen sich der Diktatur des Unterhaltungsmultis, indem sie brav „konsumieren“, was ihnen an Harry vorgesetzt wird …

Harry Potters Imperium weitet sich ständig aus. Inzwischen bewundern die Kids von China, Vietnam, Russland, Amerika und Europa das Zaubergenie. Sie kennen die Spielregeln von Quidditch, wissen, was es mit dem Fluch Avra Kadavra auf sich hat und verachten Muggels, jene Leute, die nichts mit Zauberei am Hut haben. Die Tendenz einer kulturellen Globalisierung  die mit den tonangebenden Hollywood-Produktionen schon ein ungesundes Ausmaß angenommen hat  wird mit dem Zauberlehrling aus Hogwarts rasant vorangetrieben. Harry Potter ist zur universalen Kultfigur geworden, die Trends, Weltanschauung und Werte beeinflusst  und zwar weltweit!

Vor Euphorie verzaubert scheinen jene Kommentatoren, die den Romanen eine hochstehende Ethik zuschreiben. Harrys „Handlungen zeichnen sich durch Gewitztheit, Mut, Wahrhaftigkeit und tiefe Verbundenheit zu seinen Freunden aus“, wird gelobt. Nüchterner beurteilt es Richard Abanes. Gemäß diesem amerikanischen Kritiker hat „die in Rowlings Werken vorgestellte Moral wenig mit biblischen Maßstäben für Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit zu tun … Rowling verwendet nicht die biblische Definition von ‚böse‘ oder ‚gut‘ … Beide Seiten … handeln in vergleichbarer Weise, um ihren eigenen, wenn auch unterschiedlichen Zielen näherzukommen. Alle Charaktere (gute und böse) sind beispielsweise an verschiedenen Formen des Okkultismus beteiligt, wenn es nötig erscheint. Sie lügen, wenn es angebracht ist, und missachten Regeln, wann immer diese Regeln nicht ihren Bedürfnissen entgegenkommen.“ Und diese Haltung wird zum Vorbild für die nächsten Generationen gemacht?!

Magier, Hexen und Geister haben Hochkonjunktur. Und zwar nicht nur im fernen Afrika, sondern in unserer westeuropäischen Zivilisation. Das gutgläubige Interesse an Rowlings Stoff beweist einmal mehr, dass die gesunden, biblischen Maßstäbe längst neuheidnischen Philosophien gewichen sind. Hexen wie Thea erfreuen sich eines ständig wachsenden Zulaufes. „Harry Potter hat das Bewusstsein für die Magie geöffnet“, sagt sie in einem Interview gegenüber „Bild“ und fährt fort: „Viele Menschen sind auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens. Sie leiden an der Rationalität und der Perspektivlosigkeit ihres Lebens. Ich helfe ihnen, ihre Wurzeln zu finden und ihre Energien in die richtigen Bahnen zu lenken.“

Doch Hexerei und Zauberei führen nicht in die Freiheit. Wo der Mensch das Evangelium von Jesus Christus zurückweist und sich auf andere überirdischen Mächte konzentriert, wird er nur zu schnell von Angst und Knechtschaft beherrscht. In unserer postchristlichen Gesellschaft scheint diese Tatsache vergessen gegangen zu sein. Lassen Christen sich davon herausfordern? Haben wir uns überlegt, was wir Materialismus und Magie entgegenzuhalten haben? Sind wir bereit, uns ganz neu Gedanken darüber zu machen, wie wir das Evangelium einer Welt mit Null Vorwissen verständlich und zugänglich machen können?

Kritik an Harry Potter wird kaum laut. Ein Grund dafür ist nach Beobachtern der Umstand, dass die meisten Menschen die Bücher einfach nur genießen wollen und daher auch bereit sind, angesichts der moralischen Unebenheiten und Gruselszenen ein Auge zuzudrücken. Doch Achtung! Mit einem Auge zu sehen bedeutet, die Tiefenschärfe zu verlieren. Wem die dreidimensionale Sicht fehlt, schätzt seine Umgebung falsch ein und verliert den Überblick. Und gerade dieser Überblick tut in Anbetracht des Rekord brechenden Harry-Potter-Booms dringend Not.


Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift factum – Fakten und Kommentare
www.factum-magazin.ch


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