Unsere Stellung auf der Erde
Irgendwo im Universum, in einer der unzähligen Galaxien, etwa 30.000 Lichtjahre vom Zentrum entfernt, befindet sich eine feurige Kugel mit einem Durchmesser von fast 1,5 Millionen Kilometern. In einer Entfernung von 150 Millionen Kilometern umkreist sie ein kleiner Ball, der nur 1,09 Prozent der Größe dieser Kugel misst. Diesen kleinen Ball nennen wir Erde, und auf ihm leben etwa vier Milliarden Menschen.[1]
Unter diesen Menschen gibt es Christen. Wie viele es sind, weiß nur Gott, aber es gibt sie: Menschen, die in ihrem Leben dem lebendigen Gott begegnet sind, dem Schöpfer und Erhalter dieses ehrfurchtgebietenden Universums. Menschen, die entdeckt haben, dass dieser Gott sie liebt und dass Er seinen einzigen Sohn auf diese Erde gesandt hat, um für sie zu sterben. Menschen, die gesündigt hatten (wie alle anderen auch) und auf das Urteil Gottes warteten, die nun aber wissen, dass Gott dieses Urteil auf Jesus Christus gelegt hat. Menschen schließlich, die wissen, dass ihr Schicksal nicht auf diesen kleinen Erdball beschränkt ist, sondern die sich nach einem ewigen Zuhause im Himmel sehnen, in der Wohnung Gottes.
So stehen wir als Christen auf dieser Erde. Wir stehen zwar noch mit den Füßen auf dem Boden, aber unsere Augen sehen weiter, sie sehen nach oben, zum Himmel! Wir sind in der Welt, aber wir sind auf dem Weg zum Himmel; wir sind Bürger des Himmels, aber wir befinden uns noch auf der Erde.
Wir sind unterwegs, aber wir sind noch nicht im Himmel, und wir können auch nicht so tun, als ob wir es wären. Jeden Tag kommen wir mit den Dingen dieser Erde in Berührung: Wir lesen Zeitungen; wir verrichten unsere tägliche Arbeit; wir werden von politischen Parteien angesprochen, die unsere Stimme haben wollen; wir lesen Bücher; wir gehen zur Schule; wir haben unsere Freizeit und unseren Urlaub … Kurz gesagt: Wir sind vielleicht nicht irdisch, aber wir befinden uns sehr wohl auf der Erde. Und jeder von uns, ob Bankdirektor, Lehrer, Krankenschwester, Hausfrau, Maschinenschlosser, Professor oder Schüler, muss als Christ seine Haltung gegenüber der Welt bestimmen: als Himmelsbürger, der vorübergehend auf dieser Erde weilt. Wir müssen uns fragen, wie Gott will, dass wir in dieser Welt leben.
Christen sind keine Mönche
Mönche können durchaus Christen sein, aber Christen sind keine Mönche. Das Problem unseres Verhältnisses zur Welt lässt sich nicht lösen, indem wir uns in ein Kloster zurückziehen. Gott will keine Einsiedler aus uns machen! Und doch gab es schon früh in der Geschichte des Christentums Menschen, die diesen Weg wählten. Paulus von Alexandrien ging in die Wüste Oberägyptens. Antonius von Koma schloss sich zehn Jahre lang in einer Grabkapelle ein und lebte anschließend zwanzig Jahre lang in einer zerstörten Burg. Pachomios zog sich mit anderen auf eine Insel im Nil zurück. Und das alles bereits im vierten Jahrhundert unserer Zeitrechnung! Dass sich später ein ganzes Mönchssystem entwickelte, ist bekannt.
Gleichzeitig gab es andere, die weit davon entfernt waren, die Welt zu meiden. Sie waren der Meinung, das Reich Gottes sei bereits auf Erden angebrochen; sie glaubten, es sei gerade Aufgabe des Christen, das Reich Gottes in dieser Welt zu verbreiten und sich daher in allen Bereichen des Lebens für die Förderung der Interessen Gottes einzusetzen: in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kultur und so weiter. Wer um die Wende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden um sich blickte, sah christliche Organisationen wie Pilze aus dem Boden schießen: christliche politische Parteien, christliche Gewerkschaften, christliche Sportvereine, christliche Kulturorganisationen, und so könnte man noch eine ganze Reihe aufzählen.
Ist das alles wirklich angebracht? Für viele scheint es selbstverständlich zu sein. Es gibt jedoch auch Christen, die – zu Recht – die himmlische Berufung des Christen stark betonen. Aber auch für sie ist damit nicht das letzte Wort gesagt. Gerade in unserer Zeit kann sich niemand der Frage entziehen, welche Stellung wir als Christen auf der Erde einzunehmen haben. Jeder hat damit zu tun; die Fragen stellen sich in der heutigen Zeit so drängend, dass sie nicht einfach mit dem Verweis darauf abgetan werden können, dass wir Bürger eines Reiches im Himmel sind. Was soll eine Krankenschwester tun, die in ihrer Arbeit auf Methoden und Therapien stößt, die für einen Christen nicht annehmbar sind? Was soll ein Student tun, der sieht, dass die Wissenschaft, die er studiert, von atheistischer Philosophie durchdrungen ist? Was soll ein Geschäftsmann tun, der, ob er will oder nicht, als Direktor eines großen Unternehmens an Tarifverhandlungen beteiligt ist? Was soll ein Wartungsmonteur tun, der unter starken moralischen und rechtlichen Druck gesetzt wird, einer Gewerkschaft beizutreten, deren Politik er als Christ nicht gutheißen kann? Was soll ein Landwirt tun, der von Umweltgruppen unter Druck gesetzt wird, keine phosphathaltigen Kunstdünger zu verwenden, der jedoch sieht, dass die Ergebnisse seines kleinen Betriebs zurückgehen, wenn er diesem Rat folgt? Was soll ein Ladenbesitzer tun, der von seinem Einzelhandelsverband dazu gedrängt wird, sich an einer Protestaktion gegen neue kommunale Vorschriften zu beteiligen? Was soll ein Vertreter tun, der in der Lage wäre, seinen Umsatz erheblich zu steigern, wenn er einige kleine geschäftliche Tricks anwenden dürfte?
Wir könnten natürlich einfach die Augen verschließen und „unsere Pflicht tun“, aber das ist keine Lösung. Nein, gerade in unserer Zeit ist es von größter Bedeutung, dass wir uns unserer Stellung auf dieser Erde bewusst werden. Wo stehen wir und was sagt Gottes Wort dazu? Und wie setzen wir das in die Praxis um?
Drei Faktoren
Im Laufe der Weltgeschichte bis heute haben drei wichtige Ereignisse stattgefunden, die ihre Spuren hinterlassen haben und die entscheidend sind für die Stellung, die wir heute als Christen auf der Erde einnehmen müssen. Wer eines dieser drei Ereignisse nicht beachtet, bekommt von unserer Stellung auf der Erde ein völlig falsches Bild.
Die Schöpfung
An erster Stelle steht die Schöpfung. Am Anfang steht der Schöpfer, der allmächtige, persönliche, unendliche Gott. „Alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen“ (Kol 1,16). Er ist der Ursprung, aber auch das Ziel aller Schöpfung. Er hat alles geschaffen, und es war seine Absicht, dass die gesamte Schöpfung zu seiner Ehre dienen sollte. „Er ist vor allen, und alle Dinge bestehen durch ihn“ (Kol 1,17). Gott war schon immer da, auch bevor diese Schöpfung existierte, und Er wird immer da sein, auch wenn von dieser Schöpfung nichts mehr übrig ist. Das, was man sieht – die Dinge dieser Schöpfung –, ist vergänglich, aber was man nicht sieht, ist ewig (2Kor 4,18). Die Realität, die wir wahrnehmen können, ist nicht absolut. Gott ist nicht die Gesamtheit des Universums, sondern Er steht außerhalb und weit darüber. Wir können das auch so ausdrücken: Er ist transzendent; Er selbst ist nicht Teil seiner eigenen Schöpfung.
Daraus lassen sich zwei äußerst wichtige Grundsätze ableiten:
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Wenn alles vergänglich ist, wird das, was wir hier auf der Erde erleben, äußerst relativ. Wenn wir das erkennen, werden wir uns viel weniger an materielle Dinge binden. „Dies aber sage ich, Brüder: Die Zeit ist gedrängt. Im Übrigen, dass auch die, die Frauen haben, seien, als hätten sie keine, und die Weinenden als nicht Weinende und die sich Freuenden als sich nicht Freuende und die Kaufenden als nicht Besitzende und die die Welt Gebrauchenden als sie nicht als Eigentum Gebrauchende; denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1Kor 7,29-31).
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Zweitens (und das ist die andere Seite der Medaille) ist diese Welt nicht aus etwas Unpersönlichem plus Zeit plus Zufall entstanden, wie uns die Evolutionisten glauben machen wollen. Das Dasein in dieser Welt ist also nicht sinnlos, sondern gerade sinnvoll. Gott hat alles zu seiner eigenen Herrlichkeit geschaffen und Er erhält alles aufrecht: „Er trägt alle Dinge durch das Wort seiner Macht“ (Heb 1,3). Was sich hier auf der Erde und in unserem Leben abspielt, ist zwar vergänglich, aber nicht unwichtig; denn das Universum ist der Ort, an dem Gott „seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit“ offenbaren will (Röm 1,20), und die Erde ist der Ort, wo seine moralische Herrlichkeit durch den Herrn Jesus offenbart wurde (Joh 17,4) und wo wir jetzt in unserem Leib Gott verherrlichen dürfen (1Kor 6,19).
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir uns an die Gesetze halten, die Gott in seiner Schöpfung festgelegt hat. Die Achtung vor dem Leben, ein zentraler Platz für die Ehe und ein achtsamer Umgang mit den Ressourcen dieser Erde sind einige der Dinge, die sich daraus ergeben.
Der Sündenfall
Der zweite Faktor, der unsere Stellung auf der Erde mitbestimmt, ist die traurige Tatsache, dass Gottes Schöpfung nicht mehr in ihrer vollen Pracht ist wie zu Beginn. Im Garten Eden fielen Adam und Eva in Sünde. Diese Tatsache hat weitreichende Konsequenzen. Wir können nicht so tun, als hätte es den Sündenfall nicht gegeben; wir suchen, wie einst der englische Dichter Milton, vergeblich nach dem Paradise lost, dem verlorenen Paradies. Wir leben in einer Welt, die von der Sünde und ihren Folgen geprägt ist; wir leben inmitten einer gefallenen Menschheit; wir leben in einer Schöpfung, die der Fruchtlosigkeit und Vergänglichkeit unterworfen ist (Röm 8,20-21). Der Weg zurück ist endgültig versperrt; der Cherub, der mit einem flammenden Schwert den Eingang zum Garten Eden bewacht, macht dies deutlich (1Mo 3,24). „Zurück zur Natur“ ist das Motto vieler Bewegungen unserer Zeit: Der Begriff „makrobiotisch“ war vor einigen Jahrzehnten noch weitgehend unbekannt, heutzutage [Ende der 1970er Jahre] lesen wir ihn täglich in der Zeitung. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass eine „Rückkehr zur Natur“ nur in sehr begrenztem Umfang möglich ist. Der Sündenfall ist in der Geschichte der Menschheit eine unauslöschliche Tatsache.
Das Kreuz Christi
Das dritte große Ereignis in der Weltgeschichte – und das mit Abstand wichtigste – ist der Kreuzestod unseres Herrn Jesus Christus. Dieses Ereignis ist in der Tat entscheidend für unsere Stellung auf der Erde. Wir werden sehen, wie die Schrift unsere Stellung als Christen auf der Erde aus vier verschiedenen Blickwinkeln beschreibt, und das hat alles mit den großartigen Ergebnissen des Werkes Christi am Kreuz zu tun.
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Erstens lehrt uns der Epheserbrief, dass Gott uns „in den himmlischen Örtern in Christus Jesus mitsitzen“ lässt (Eph 2,6). Die Gemeinde ist ein himmlischer Leib, und ihre Glieder sind vor Grundlegung der Welt zu einer himmlischen Stellung erwählt worden. Die Konsequenz daraus ist, dass wir nicht auf die Erde gehören, dass wir ein „Fremdkörper“ auf der Erde sind. Das ist eine Folge des Werkes, das der Herr Jesus auf Golgatha zur Verherrlichung Gottes vollbracht hat.
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In seinen Schriften weist Johannes darauf hin, dass es einen Gegensatz gibt zwischen dem, was „von der Welt“ ist, und dem, was „von dem Vater“ ist (1Joh 2,16). Das hängt mit der Lehre des Johannes zusammen; er will uns lehren, dass wir Gemeinschaft haben mit dem Vater und mit dem Sohn. Paulus spricht im Epheserbrief über unsere himmlische Stellung; in Johannes 13 bis 17 und in seinen Briefen spricht er über die Segnungen, die wir in dieser Stellung genießen. Auch das hat also mit dem Werk des Herrn Jesus zur Verherrlichung Gottes zu tun.
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Für unsere Stellung als Christen auf der Erde ist es sehr wichtig, was das Neue Testament über das Reich Gottes sagt. Wir befinden uns in diesem Reich, das erst bei der Wiederkunft Jesu Christi endgültig in Herrlichkeit offenbart werden wird. Dass diese Offenbarung in die Zukunft verschoben werden musste, hat damit zu tun, dass Jesus Christus verworfen und gekreuzigt wurde und auch danach als verherrlichter Herr von den Juden abgelehnt wurde (vgl. Apg 3,12-26). Deshalb nimmt das Reich in dieser Zeit eine ganz besondere Form an.
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Wer auf das Kreuz von Golgatha schaut, sieht also etwas sehr Ernstes: Der Herr Jesus Christus ist von der Welt verworfen worden; die Menschen dieser Welt nehmen Ihn nicht als König an. Wir Christen sind die Einzigen, die seine Autorität anerkennen. Die Menschen um uns herum wollen nichts von der Autorität Christi wissen. Das hat zur Folge, dass wir in dieser Zeit Fremdlinge und Beisassen auf der Erde sind; davon sprechen beispielsweise die beiden Petrusbriefe und der Hebräerbrief. Dieser Aspekt hat mit dem Kreuzestod des Herrn Jesus zu tun, der von der Welt verworfen wird.
Wir wollen die vier hier genannten Aspekte näher betrachten. Dabei ist es wichtig, zu beachten, dass es unter den Punkten 1 und 3 um unsere grundsätzliche Stellung geht und unter den Punkten 2 und 4 um das, was wir in dieser Stellung erleben.
Originaltitel: „1 – Inleiding“
in Hemelburgers op Aarde: De levenspraktijk van christenen in deze wereld,
Vaasen: Medema, 1980, S. 7–15.
Übersetzung: Stephan Winterhoff
Anmerkungen
[1] Anm. d. Red.: Beachte hier und an anderen Stellen, dass das Buch im Jahr 1980 erschien.


