Unsere tägliche Arbeit und unsere Stellung auf der Erde
In den Kapiteln 2, 3, 4 und 5 unseres Buches haben wir die Stellung, die wir als Christen in dieser Welt einnehmen, aus vier verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Wenn wir uns nun die ganz praktische Frage stellen, wie unser tägliches Leben hier auf der Erde aussehen soll, so lässt sich diese Frage in drei Teile gliedern:
- Der erste Punkt ist unser Verhältnis zur Regierung; darüber haben wir in Kapitel 6 („Christen und Politik“) gesprochen.
- Zweitens haben die meisten von uns eine gesellschaftliche Verantwortung, einen Arbeitsbereich, in dem wir den größten Teil unserer verfügbaren Zeit verbringen.
- Drittens haben wir unsere Freizeit, unsere Entspannung, unsere Hobbys, in denen wir uns mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie wir zur Kultur dieser Welt stehen sollen.
Diese letzte Frage wird in Kapitel 8 („Christen und Kultur“) behandelt; in vorliegenden Kapitel beschäftigen wir uns mit der zweiten Frage: wie wir uns als Christen in unserer täglichen Arbeit verhalten sollen. Dabei gehen wir erneut von den vier Blickwinkeln aus Kapitel 2 bis 5 aus:
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Zunächst einmal ist unser neuer wahrer Platz im Himmel; wir sind mit Christus in die himmlischen Örter versetzt, und das hat unmittelbar Konsequenzen für unser Leben hier auf der Erde (vgl. Kap. 2: „Versetzt in die himmlischen Örter“).
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Da wir in die Familie Gottes aufgenommen sind und Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn haben, ist die Welt für uns zu einem feindlichen, fremden Terrain geworden. Es gibt eine scharfe Trennlinie zwischen der Familie Gottes auf der einen Seite und der Welt auf der anderen Seite (vgl. Kap. 3: „Die Familie Gottes“).
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Auf der Erde haben wir den verworfenen Jesus von Nazareth als Herrn anerkannt. Ihm wollen wir gehorchen; in sein Reich, unter seine Herrschaft sind wir gestellt (vgl. Kap. 4: „Das Königreich Gottes“).
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Wer jedoch Christus gehorchen will in einer Welt, die Ihn verworfen hat, muss unweigerlich mit Feindseligkeit und Leiden rechnen: Er wird ein Pilger, ein Fremder und Gast auf Erden (vgl. Kap. 5: „Fremdlinge und Beisassen“).
A | Der himmlischen Berufung würdig leben
Unsere wahren christlichen Segnungen sind nicht auf der Erde, sondern im Himmel. Dort ist der Herr Jesus als Mensch erhöht zur Rechten Gottes, nachdem Er das Erlösungswerk vollbracht hat; dort hat Gott uns in Ihm mit allen geistlichen Segnungen gesegnet. Die Erde ist für uns nur der Weg, der zu unserem endgültigen Ziel führt. Wir sind im Himmel zu Hause und Fremdlinge auf der Erde. Das hat zur Folge, dass wir anders sind als die Menschen um uns herum, und das muss sich in unserem Leben widerspiegeln.
Die Schrift wacht jedoch sorgfältig darüber, dass wir nicht in eine Art Übergeistlichkeit verfallen und meinen, wir seien so himmlisch, dass die irdischen Dinge keine Bedeutung mehr hätten. Im Laufe der Jahrhunderte gab es im Christentum zahlreiche Gruppierungen und Sekten, die behaupteten, Christen hätten keine Aufgabe in dieser Welt. Noch vor kurzem predigten die Children of God[1] eine solche Haltung: Zieht euch ganz aus dieser gottlosen Welt zurück! – Das klingt überaus geistlich, ist aber überaus fleischlich, wie die weitere Geschichte der Children of God deutlich zeigt. Gott ist es natürlich wichtig, dass wir unsere geistlichen Reichtümer, die wir in Christus Jesus im Himmel besitzen, noch sehr viel tiefer erkennen. Andererseits will Er aber nicht, dass wir dadurch unsere tägliche Arbeit vernachlässigen oder sie als minderwertig betrachten. Gerade in dem Brief, der sich vor allem mit unseren himmlischen Segnungen befasst (der Epheserbrief), finden wir Ermahnungen für unser tägliches Leben.
Die Gläubigen in Thessalonich rechneten so sehr mit dem baldigen Kommen Christi, dass sie dazu neigten, alles hinzuwerfen – denn was hatte ihre tägliche Arbeit noch für einen Sinn, wenn der Herr jeden Augenblick kommen konnte?
Der Apostel Paulus ermahnt sie jedoch eindringlich, ihr eigenes Brot zu verdienen (1Thes 4,10-12; 2Thes 3,11-12). Und auch Titus musste die Kreter (die von Natur aus faul[2] waren) ermahnen, für ihren notwendigen Lebensunterhalt zu arbeiten (Tit 3,14). Es ist keineswegs geistlich, wenn wir unter dem Deckmantel allerlei frommer Argumente der Faulheit nachgeben. Der Apostel Paulus ging selbst mit gutem Beispiel voran. In Milet sagte er zu den Ältesten der Gemeinde von Ephesus: „Ihr selbst wisst, dass meinen Bedürfnissen und denen, die bei mir waren, diese Hände gedient haben“ (Apg 20,34). Sogar der Herr Jesus ging uns darin voran: Aus der Tatsache, dass Er „der Zimmermann“ genannt wird (Mk 6,3), können wir zumindest ableiten, dass Er vor seinem öffentlichen Wirken den harten Beruf des Zimmermanns ausübte.
Es ist daher nicht ohne Bedeutung, dass gerade der Brief an die Epheser sieben Bemerkungen enthält, die unseren Wandel (d.h. unser praktisches Glaubensleben) in dieser Welt betreffen. Wir tun gut daran, diese Bemerkungen nacheinander zu betrachten.
a. Wandelt würdig eurer Berufung
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Eph 4,1: Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid.
Mit diesen Worten beginnt Paulus das vierte Kapitel des Briefes an die Epheser. Es ist eigentlich die Überschrift für Epheser 4 bis 6 und fasst auch die praktischen Konsequenzen unserer himmlischen Berufung bestmöglich zusammen. In Epheser 1 bis 3 erklärt der Apostel, welche Segnungen wir besitzen: alle geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern. Die Erwählung; die Sohnschaft; die Vergebung; die Offenbarung seiner Ratschlüsse; das Erbe; die innige Verbindung mit Christus; die Versiegelung mit dem Heiligen Geist (Eph 1,1-14); die wunderbare Wirklichkeit der Barmherzigkeit Gottes und seiner Liebe (Eph 2,4); die Tatsache, dass Er uns lebendig gemacht und mit Christus auferweckt hat (Eph 2,5-6); die Errettung aus Gnade (Eph 2,8); die Stellung als Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes (Eph 2,19) und als Miteinverleibte in Christus Jesus, denen die verborgene Herrlichkeit des unergründlichen Reichtums des Christus verkündet worden ist (Eph 3,6.8) – all diese Herrlichkeiten breitet Paulus vor unseren staunenden Augen aus.
Und nun beginnt er den zweiten Teil seines Briefes, in dem es um die praktischen Verantwortlichkeiten geht, die mit all diesen Segnungen verbunden sind. Dabei fasst er seine Ausführungen gleich in wenigen Worten zusammen: „Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid.“
Adel verpflichtet! Wenn wir so reich gesegnet sind, sagt der Apostel, dann muss sich das auch in unserem täglichen Leben zeigen. Alle Ermahnungen zum Wandel, über die wir noch nachdenken werden, fallen unter dieselbe Überschrift: Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen seid! Wie aus den folgenden Versen hervorgeht, denkt der Apostel dabei insbesondere an das, was wir am Ende von Epheser 2 lesen: dass Juden und Heiden zusammen eine Gemeinde bilden. Epheser 3,2-21 bildet eindeutig einen Zwischensatz,[3] und dann fährt der Apostel dort fort, wo er aufgehört hat, und wendet dies praktisch an: Wir müssen uns entsprechend dieser Berufung verhalten; daher sind wir aufgerufen, dass wir es anstreben sollten, diese Einheit auch zu verwirklichen.
Die folgenden Worte beziehen sich dann auch in direktem Sinne auf das erste Thema von Epheser 4 bis 6: das Zusammenleben der Gemeinde Gottes. Wir werden aufgerufen, „mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut einander in Liebe zu ertragen“ (Eph 4,2). Andererseits tun wir aber auch gut daran, diese Ermahnung für unser ganzes Leben zu beherzigen. Demut ist etwas ganz anderes als die oft prahlerische, selbstgefällige Lebensweise, die wir überall in der Welt finden und leider oft auch bei Christen. Sanftmut unterscheidet sich wie Tag und Nacht von der knallharten egoistischen Selbstgerechtigkeit, wodurch so viel zerstört wird. Am besten (und das gilt übrigens für alle diese Ermahnungen) können wir an den Herrn Jesus denken: Gab es jemals jemand, der so demütig und sanftmütig war wie Er? Nun, es liegt an uns, in dieser Welt etwas vom Charakter unseres Heilands zu offenbaren. Er ist der Himmlische, wir sind die Himmlischen (1Kor 15,40). Das muss in unserem Leben sichtbar werden.
b. Wandelt nicht wie früher
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Eph 2,1-2: Ihr wart tot in euren Vergehungen und Sünden, in denen ihr einst wandeltet nach dem Zeitlauf dieser Welt, nach dem Fürsten der Gewalt der Luft, des Geistes, der jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams.
Nicht mehr wie früher! Das ist der Kernpunkt dieses Textes. Wie war es denn früher? Bevor wir zum Glauben an Christus kamen, entsprach unser Verhalten ganz dem Zeitgeist der Welt; so darf es nicht mehr sein.
Der Ausdruck „Zeitlauf dieser Welt“ (aion tou kosmou) ist sehr wichtig, weil hier beide Wörter für Welt, nämlich kosmos und aion (siehe Eph 3), miteinander verbunden werden.
Früher ließen wir uns von den „Trends“ dieser Welt mitreißen; alles, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Welt „in“ war, schluckten wir, ohne es zu hinterfragen. Die Ermahnung ist hier eigentlich in dem Wort „einst“ enthalten; der Apostel geht stillschweigend davon aus, dass die Epheser jetzt nicht mehr so leben.
Vor diesem Zeitgeist müssen wir eigentlich immer auf der Hut sein, umso mehr, als es manchmal verschiedene geistliche Strömungen gibt, die einander entgegengesetzt sind, aber dennoch alle weltlich sind. So passt sich beispielsweise jemand genau dem Zeitgeist dieses Jahrhunderts an, wenn er viel zu hart arbeitet, nur um befördert zu werden, eine bessere Position zu bekommen, ein höheres Einkommen zu erzielen usw. Wer sich hingegen den Kritikern unserer Leistungsgesellschaft anschließt und bei der Arbeit nur das Nötigste tut, „wandelt“ ebenso „nach dem Zeitlauf dieser Welt“.
Man sieht, wie differenziert wir hier urteilen müssen: Es geht vor allem um den inneren Zustand, der hinter unserem Handeln steht: Warum tun wir dies oder jenes? Oder vielleicht tun wir manche Dinge unbewusst, ohne richtig darüber nachzudenken – das hieße dann ebenso, „den Willen des Fleisches zu tun“. Noch schlimmer ist es, wenn wir wissen, dass wir uns in gewisser Weise dem Geist dieser Welt anschließen, es aber einfach tun, weil es uns aus irgendeinem Grund gerade besser passt: Dann tun wir „den Willen … der Gedanken“ (Eph 2,3). Wir lassen uns nur allzu leicht von dem mitreißen, was in der heutigen Welt als höchste Weisheit gepriesen wird.
Für uns geht es darum, von ganzem Herzen den Willen des Herrn zu tun. Ihm in allem zu gehorchen – aber das ist das Thema des Reiches Gottes, über das wir unter Punkt 3 weiter unten in diesem Kapitel sprechen werden.
c. Wandelt in guten Werken
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Eph 2,10: Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.
Als Nichtkatholiken finden wir es schnell seltsam, wenn von „guten Werken“ die Rede ist – jedoch völlig zu Unrecht, denn es handelt sich um einen sehr schriftgemäßen Begriff. Wir dürfen dabei jedoch nicht an gute Werke als Mittel denken, um uns damit den Himmel zu verdienen,[4] und auch nicht an eine Art Pfadfindertum, bei dem ab und zu eine gute Tat vollbracht wird. Was sind denn gute Werke?
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Erstens sind es Werke; ein Christ hat gelernt, mit den Händen zu arbeiten: „Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, damit er dem Bedürftigen etwas zu geben habe“ (Eph 4,28). In dieser Hinsicht steht das Christentum in scharfem Gegensatz zum Beispiel zum Hinduismus, der Meditation auf eine viel höhere Stufe stellt als Arbeit, und zum Islam, einer Religion des Fatalismus, der „Gottes Wasser über Gottes Acker laufen lässt“, das heißt, der die Hände in den Schoß legt.[5]
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Zweitens sind es gute Werke, und das bedeutet hier: gut für andere (agatha erga). Diese Bedeutung wird sehr deutlich zum Beispiel in Apostelgeschichte 9,36; 14,17 (ein verwandtes Verb); 2. Korinther 9,8; 1. Timotheus 5,10. Siehe auch Römer 2,10; 6,12; 2. Timotheus 2,21; 3,17; Titus 1,16; 3,1. Die Ermahnung, solche guten Werke zu tun, könnten wir vielleicht auch mit dem Ausdruck aus Römer 12,17 formulieren: „Seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen.“
Im Neuen Testament wird jedoch auch noch in einem etwas anderen Sinn von „guten Werken“ (kala erga) gesprochen. Der Ausdruck bedeutet dann „schöne Werke“ im Sinne von „moralisch schön vor Gott“. Dabei steht nicht der Nutzen für andere im Vordergrund, sondern dass diese Werke von Gott (oder unseren Mitmenschen) geschätzt werden. Siehe Johannes 10,32; Matthäus 5,16; 26,10; 1. Timotheus 3,1; 5,10; 5,25; 6,1; Titus 2,7.14; 3,8.14; Hebräer 10,24; 1. Petrus 1,12. Es gibt übrigens auch Texte, in denen beide Ausdrücke vorkommen (Apg 9,36; 1Tim 5,10; 6,18). Wer all diese Texte genau studiert, wird verstehen, dass „gute Werke“ in der Schrift nicht als eine Art Hobby oder Freizeitbeschäftigung angesehen werden.
„Gute Werke“ – so muss man unsere tägliche Arbeit beschreiben können. In manchen Fällen ist der Nutzen unserer täglichen Arbeit für andere unmittelbar ersichtlich. Ärzte, Krankenschwestern, Sozialarbeiter und Hebammen haben wenig Mühe, zu erkennen, dass ihre Arbeit für ihre Mitmenschen nützlich ist. Jemand, der am Fließband steht oder den ganzen Tag damit beschäftigt ist, Zollformulare auszufüllen, wird damit mehr Schwierigkeiten haben. Dennoch – und das ist für die Berufswahl von unmittelbarer praktischer Bedeutung – sollte ein Christ keinen Beruf ausüben, in dem er Menschen Schaden zufügt, statt Gutes zu tun. Wir haben bereits im vorigen Kapitel gesehen, dass dies viele Fragezeichen aufwirft zum Beispiel hinsichtlich der Situation, dass Christen Militärdienst ableisten.
Wie dem auch sei: Unsere Arbeit muss vor Gott rein sein (siehe Tit 3,14). Andererseits ist es eine große Ermutigung, dass die einfachste Arbeit für Gott Wert hat, wenn wir sie im Gehorsam Gott gegenüber tun.
d. Wandelt anders als die Weltmenschen
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Eph 4,17-19: Dies nun sage und bezeuge ich im Herrn, dass ihr fortan nicht wandelt, wie auch die Nationen wandeln, in Eitelkeit ihres Sinnes, verfinstert am Verstand, entfremdet dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens, die, da sie alle Empfindung verloren, sich selbst der Ausschweifung hingegeben haben, um alle Unreinheit mit Gier auszuüben.
Wie wandeln dann „die Nationen“, die Menschen um uns herum? Wie ist ihr Verhaltensmuster? Es ist schon viel wert, wenn wir das zumindest wissen, damit wir gut im Auge behalten können, welche Klippen wir vermeiden müssen. Nun, Epheser 4,17-19 lässt uns darüber nicht im Unklaren:
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Ihr Verstand ist verfinstert. Oft laufen wir Christen mit dem Gedanken herum, der christliche Glaube sei völlig irrational und unvernünftig: Wenn man seinen Verstand benutzte, sei man kein Christ, aber auf der Grundlage des Glaubens akzeptieren wir die Dinge, die uns die Schrift sagt. Kurz gesagt: Wir schalten unseren Verstand aus. Hier steht jedoch genau das Gegenteil: Gerade bei den Ungläubigen ist der Verstand verfinstert und deshalb können sie nicht zur richtigen Einsicht gelangen.
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Ihre Empfindungen sind abgestumpft. Auch die natürlichen Gefühle der elterlichen Liebe, der Sympathie, des Mitleids und der ehelichen Liebe sind abgestumpft und verzerrt. Wir haben keine Vorstellung davon, wie sehr ein Leben in einer Welt voller Sünde unsere Gefühle abstumpfen würde.
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Sie missbrauchen ihren Leib in „Ausschweifung“, indem sie „alle Unreinheit mit Gier ausüben“. Wir erleben in unserer Zeit die totale Entartung der Sexualität: Wir sehen um uns herum, wie sie nicht mehr den Platz einnimmt, den Gott ihr gegeben hat innerhalb der von Gott bestimmten Grenzen der Ehe, sondern wie sie zu einem Vergnügen ohne moralische Normen entwertet ist, bei dem alles erlaubt und alles möglich ist.
Was sollen wir dem nun entgegenstellen? Denn es ist zwar wichtig, zu wissen, wie es nicht sein soll, aber wie sollen wir dann leben? Die folgenden Verse in Epheser 4,20-32 zeigen uns das auf wunderbare Weise:
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Eph 4,20-32: Ihr aber habt den Christus nicht so gelernt, wenn ihr wirklich ihn gehört habt und in ihm gelehrt worden seid, wie die Wahrheit in dem Jesus ist: dass ihr, was den früheren Lebenswandel betrifft, abgelegt habt den alten Menschen, der nach den betrügerischen Begierden verdorben wird, aber erneuert werdet in dem Geist eurer Gesinnung und angezogen habt den neuen Menschen, der nach Gott geschaffen ist in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit. Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander. Zürnt, und sündigt nicht. Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen das Gute, damit er dem Bedürftigen etwas zu geben habe. Kein faules Wort gehe aus eurem Mund hervor, sondern was irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, damit es den Hörenden Gnade darreiche. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, durch den ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung sei von euch weggetan, samt aller Bosheit. Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.
„Ihr seid ganz anders“, sagt die NBG-Übersetzung in Epheser 4,20, „ihr aber habt den Christus nicht so gelernt.“ Ihr habt den neuen Menschen angezogen, sagt der Apostel; das Vorbild, dem ihr folgen sollt, ist der Herr Jesus selbst. Seine moralischen Schönheiten müssen in uns sichtbar werden. Die folgenden Verse beziehen sich direkt auf unser Verhalten als Christen untereinander, aber wir können daraus wichtige Grundsätze für unser tägliches Leben ableiten, sei es bei der Arbeit oder anderswo:
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„Redet Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten“ (Eph 4,25) und legt somit die Lüge ab. Auch dann, wenn es uns weniger gelegen kommt! Auch wenn viele Probleme vermieden werden können, wenn wir die Dinge etwas anders darstellen! Auch wenn durch eine Halbwahrheit die Aufmerksamkeit von der eigentlichen Sache abgelenkt werden kann!
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„Zürnt, und sündigt nicht“ (Eph 4,26). Es kann vorkommen, dass wir zornig werden müssen. Das ist an sich nicht sündig; auch Gott muss über Ungerechtigkeit zürnen. Ein Chef muss manchmal zornig auf seine Untergebenen werden. Aber … sündigt nicht! Wie oft wird ein an sich berechtigter Zorn durch Jähzorn zur Sünde? Wie oft entsteht Bitterkeit und Entfremdung? Und wie oft spielen falsche Motive eine Rolle? Wie oft bleibt etwas hängen? Und das oft viel länger als bis nach Sonnenuntergang, wodurch die Arbeitsatmosphäre getrübt wird?
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„Arbeite vielmehr und wirke mit deinen Händen das Gute“ (Eph 4,28). Fleiß ist für den Christen eine Tugend. Der junge Mann, der die Zeit seines Chefs nutzte, um Traktate zu verteilen und von „wunderbaren Gelegenheiten, das Evangelium zu verkünden“, sprach, war eindeutig auf dem falschen Weg. Evangelisieren ist schön und gut, aber bei unserer Arbeit wird von uns in erster Linie Einsatz verlangt – mindestens hundert Prozent!
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„Kein faules Wort gehe aus eurem Mund hervor“ (Eph 4,29). Wenn wir uns der Sprache unserer Kollegen anpassen, besteht eine große Gefahr, dass schon einmal schmutzige Worte über unsere Lippen kommen. Das soll bei uns nicht so sein; vielmehr soll von uns ein gutes Wort, das aufbaut, gehört werden. Und zwar dann, wenn es zur Erbauung nötig ist – so steht es ausdrücklich dabei. Wir sollen nicht den ganzen Tag lang frommes Geschwätz von uns geben, das weder Hand noch Fuß hat.
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„Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung sei von euch weggetan“ (Eph 4,31). Geschrei ist kein Argument, in keiner Diskussion, auch wenn es oft in diesem Sinne verwendet wird. Verleumdung ist leider oft eine gute Beschreibung für Gespräche unter Kollegen beim Kaffee. Die innere Wurzel davon, Bitterkeit und Zorn und Wut, müssen wir ausrotten. Gerade in solchen Dingen muss man an uns sehen, dass wir ganz anders sind.
e. Wandelt in Liebe
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Eph 5,2: Wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch.
Das Wesentliche des Christentums – so meinen viele – sei, dass wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Dieser Gedanke ist jedoch ein kapitaler Irrtum: Das ist kein Christentum, sondern Judentum! Der christliche Glaube geht einen großen Schritt weiter: Wir müssen (dürfen!) Gott nachfolgen als geliebte Kinder. Gottes Liebe ist durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen (Röm 5,5), und diese Liebe dürfen wir weitergeben. Das ist viel mehr als Nächstenliebe. Denn Gott hat keinen Nächsten! So wie Gottes Liebe sich den verlorenen Menschen zugewandt hat, so muss auch in unserem Lebenswandel die Liebe Gottes sichtbar werden, und dabei dürfen wir uns nicht fragen, ob unsere Mitmenschen das verdienen. Das ist etwas ganz anderes als der Egoismus dieser Welt, der auch uns so oft anhaftet …
f. Wandelt als Kinder des Lichts
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Eph 5,8: Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn; wandelt als Kinder des Lichts.
Gott ist nicht nur Liebe, Er ist auch Licht. Er ist nicht nur gnädig, Er ist auch heilig. Er liebt den Sünder, aber Er hasst die Sünde. Deshalb werden wir nicht nur aufgefordert, in Liebe zu wandeln, sondern auch „als Kinder des Lichts“ zu wandeln, als „Heilige“ (vgl. Eph 1,1). Das bedeutet: Wir sollen eine tiefe Abscheu vor der Sünde haben. In Epheser 5 werden einige konkrete Beispiele genannt:
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Über Unzucht, Unreinheit und Habgier sollen wir gar nicht reden (Eph 5,3.12). Der Heilige Geist deckt hier eine unangenehme Eigenschaft vieler von uns auf: Zwar verurteilen wir bestimmte Sünden, dennoch sprechen wir (in abwertendem Sinne) mit anderen darüber. Auch dadurch können wir jedoch durchaus verunreinigt werden.
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Wir sollen nicht Mitgenossen der Söhne des Ungehorsams sein (Eph 5,6-7) und nicht an ihren Werken teilhaben (Eph 5,11). Damit berühren wir das Problem der Zusammenarbeit mit Ungläubigen; ich hoffe, darauf später in diesem Kapitel zurückzukommen.
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Güte (Liebe zu anderen), Gerechtigkeit (jedem geben, was ihm zusteht) und Wahrheit (ehrlich zu uns selbst und zu anderen sein) sind die Früchte des Lichts (Eph 5,9).
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„Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist“ (Eph 5,10) ist schließlich eine äußerst wichtige Ermahnung. Wir haben bereits viele (teilweise sehr konkrete) Hinweise gegeben, und es besteht durchaus die Gefahr, dass wir daraus eine Art Verhaltenskodex machen, eine Liste von Geboten und Verboten. Dann würden wir uns jedoch wie Juden verhalten und nicht wie Christen. Christsein bedeutet nicht, automatisch eine Reihe von Geboten zu befolgen, sondern im Gegenteil: sich jedes Mal neu zu fragen, was in der gegebenen Situation der Wille des Herrn ist. Das ist eine geistliche Übung für unser Gewissen, in der der Herr uns schulen will, zu unterscheiden, was nach seinem Willen ist. Wir sollen „nicht gleichförmig dieser Welt“ sein (Röm 12,2), sondern – so heißt es weiter im Vers – wir sollen „verwandelt werden durch die Erneuerung unseres Sinnes, dass wir prüfen mögen, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist“. Wir werden dann jedes Mal sozusagen genötigt, auf die Knie zu gehen und uns von unserem Gott abhängig zu wissen.
g. Wandelt sorgfältig
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Eph 5,15-16: Gebt nun acht, wie ihr sorgfältig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise, die die gelegene Zeit auskaufen, denn die Tage sind böse.
Dies ist die letzte Ermahnung im Epheserbrief über unseren Wandel, unsere Lebenspraxis. Wir werden noch einmal darauf hingewiesen, dass wir für unser praktisches Leben in dieser Welt Weisheit brauchen. Geistliche Weisheit, wohlgemerkt. Und: Wir sollen nicht nachlässig leben, sondern genau darauf achten, wie wir leben, denn, so sagt der Apostel gleichsam, die Zeit, die der Herr uns gibt, damit wir Ihm auf der Erde dienen, ist begrenzt! Diese Zeit müssen wir, wie es wörtlich heißt, „auskaufen“, das heißt: Wir müssen alle Gelegenheiten nutzen, um dem Herrn zu dienen! Jetzt ist es noch möglich. Später im Himmel werden wir Ihm für immer dienen, aber die Chancen, die wir jetzt haben, Ihn bei unserer täglichen Arbeit großzumachen, werden wir dann nie wieder bekommen.
B | „Liebt nicht die Welt“
a. Keine Liebe zur Welt
Der Apostel Johannes hat eine ganz einfache Sicht auf das Verhältnis des Christen zur Welt. Er ist so beeindruckt von der Liebe des Vaters, von der Herrlichkeit des Herrn Jesus und von der Kostbarkeit der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn, dass er eine scharfe Grenze zieht:
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1Joh 2,15: Liebt nicht die Welt noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm.
Es gibt zwei Bereiche: die Welt auf der einen Seite und die Familie Gottes auf der anderen Seite. Wo verläuft nun die Grenze zwischen diesen beiden Bereichen? Mit anderen Worten: In welcher Verbindung können wir noch zur Welt stehen und welche Verbindung ist nicht mehr möglich?
Die erste Warnung lautet: „Liebt nicht die Welt.“ Welche notwendigen Bindungen wir auch immer durch unsere Arbeit, durch unser tägliches Leben, durch unser Tun in dieser Welt haben mögen, es dürfen niemals Bindungen der Liebe sein. Wir müssen uns davor hüten, Liebe für diese Welt zu empfinden. In dieser Welt tätig zu sein, ist unvermeidlich, aber unser Herz muss ganz den Dingen Gottes gelten und nicht denen der Welt.
Im Griechischen steht hier das Wort agapao. Es wird verwendet, wenn es um die göttliche Liebe geht (Joh 3,16; 1Joh 4,10-11.19) oder um unsere Liebe zu Gott (z.B. 1Joh 4,19-21; 5,1) oder unsere Liebe zueinander (1Joh 2,10; 3,10-11.14.23; 4,7.11-12.20-21; 5,2; 2Joh 5; 3Joh 1). Es weist auf eine tiefe Liebe hin, die mehr ist als oberflächliche Zuneigung. Diese Liebe müssen wir für Gott und für die Kinder Gottes bewahren; diese Liebe dürfen wir nicht auf die Welt richten.
Demas tat dies jedoch. Er empfand zu einem bestimmten Zeitpunkt Liebe für die gegenwärtige Welt, für „den jetzigen Zeitlauf“ (aioon) (2Tim 4,10). Wir sollten nicht denken, dass Demas sich in ein ausschweifendes Leben gestürzt hätte. Dass er nach Thessalonich ging, die damals die größte Handelsstadt Griechenlands war, deutet eher darauf hin, dass er sich für das Geschäftsleben interessierte. Schade, dass dieser Mann sich so mitreißen ließ! Aber hüten wir uns davor, seinem Beispiel zu folgen.
Nicht umsonst endet der erste Brief des Johannes mit den vielsagenden Worten: „Kinder, hütet euch vor den Götzen!“ (1Joh 5,21). Damit ist im Grunde dasselbe gesagt, denn wer die Welt liebt, setzt andere Dinge an die Stelle Gottes. Und was ist das anderes als Götzendienst? Einige Beispiele:
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In Epheser 5,5 und Kolosser 3,5 wird Habsucht als Götzendienst bezeichnet. Das muss nicht unbedingt Geiz oder Knauserigkeit bedeuten, sondern einfach nur, dass man mehr haben will: „Die Nachbarn haben einen Wohnwagen, also sollten wir nicht auch …?“ Setze selbst Produkte ein, die man hinzufügen könnte: ein zweites Auto, eine Gefriertruhe, einen Wäschetrockner, einen Kamin, einen Winterurlaub …, all das kann zu Götzen werden!
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Sexuelle Zügellosigkeit ging in der Antike oft mit Götzendienst einher: Tempelprostitution und erotische Opferrituale gehörten praktisch zu jedem Götzendienst. Es ist daher kein Wunder, dass Paulus in Epheser 5,5 Unzucht ebenfalls als Götzendienst bezeichnet. In einer Zeit, in der Sex zu einem Götzen werden kann (sogar innerhalb der Ehe), ist das eine wichtige Warnung.
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Samuel bezeichnet Ungehorsam ebenfalls als Götzendienst (1Sam 15,23). Wenn wir in einer selbstbewussten Haltung leben, so dass wir unser Leben nach unseren eigenen Wünschen gestalten, und wenn wir nicht in Abhängigkeit von Gott leben, dann dienen wir nur einem Götzen: unserer eigenen Ansicht und damit eigentlich unserem eigenen Ich.
Damit kommen wir zum Kern allen Götzendienstes: dem eigenen Ich dienen. Darauf basiert das gesamte Weltgefüge. Errichten wir nicht manchmal in unserem Herzen ein Götzenbild von uns selbst, wie es Nebukadnezar einst in der Ebene von Dura tat (Dan 3,1)? Errichten wir uns selbst nicht gerne ein Denkmal, so wie es Saul es tat (1Sam 15,12)?
b. Keine Freundschaft mit der Welt
Wir dürfen der Welt nicht nur nicht jene tiefe Liebe entgegenbringen, die im tiefsten Sinne nur Gott zusteht – wir dürfen uns nicht einmal gefühlsmäßig an die Welt binden; wir dürfen keine Zuneigung hegen für die Bestrebungen der Welt.
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Jak 4,4: Ihr Ehebrecher, wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes.
Hier finden wir denselben Gegensatz wie im ersten Brief des Johannes, aber jetzt wird das schwächere Wort für „lieben“ verwendet (hier das Substantiv philia, abgeleitet von phileo; hier mit „Freundschaft“ übersetzt). Zum Unterschied zwischen beiden Wörtern siehe Johannes 21,15-17. Nach allem, was wir über 1. Johannes 2 gesagt haben, braucht hier nicht viel hinzugefügt zu werden.
Aus dem Zusammenhang heraus müssen wir unter „Freundschaft mit der Welt“ zunächst einmal eine Zuneigung verstehen für die besondere Art des Denkens und Fühlens und für die Verhaltensweise, die die Menschen dieser Welt kennzeichnen. Es geht um eine Geisteshaltung: Kriege, Zank, Leidenschaften, Begierden, Mord, Neid, Kämpfe und Streitigkeiten sollten uns nicht kennzeichnen, und wir sollten auch keine Vorliebe haben für die weltliche Denkweise, zu der diese Dinge passen.
c. Keine Zusammenarbeit mit Ungläubigen
Die Schrift beschränkt sich jedoch nicht auf die Warnung, die Welt zu lieben und Zuneigung zu ihr zu empfinden. Wir werden auch ernst davor gewarnt, uns auf ein ungleiches Joch einzulassen:
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2Kor 6,14-18: Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen. Denn welche Genossenschaft haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: „Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.“ Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt Unreines nicht an, und ich werde euch aufnehmen; und ich werde euch zum Vater sein, und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige.
Ein ungleiches Joch kann eine Ehe zwischen einem Gläubigen und einem Ungläubigen sein; darüber wollen wir hier jedoch nicht sprechen.
Uns geht es jetzt um die Bedeutung für unser Verhalten in der Welt bei unserer täglichen Arbeit. Kann ein Christ beispielsweise zusammen mit einem Nichtchristen Teil einer Handelsgesellschaft sein? Um diese Frage richtig beantworten zu können, müssen wir uns zunächst einmal klarmachen, dass in Vers 14 nicht steht: „Seid nicht in einem Joch“, sondern: „Seid nicht in einem ungleichen Joch“ (me ginesthe heterozugountes); wörtlich: „Werdet nicht ungleich-Joch-tragend.“ Wir werden also nicht davor gewarnt, unter einem Joch zu sein, sondern ein ungleiches Joch zu tragen. Das Bild stammt aus der Landwirtschaft: Wenn man einen Ochsen und einen Esel zusammen unter einem Joch pflügen lässt, führt das zu Problemen (vgl. 3Mo 19,19; 5Mo 22,10).
Das bedeutet also nicht, dass es an sich verboten wäre, mit Nichtchristen zusammenzuarbeiten; wir müssen jedoch darauf achten, keine Kooperationen einzugehen, in denen wir (um ein modernes Bild zu verwenden) grundsätzlich nicht auf derselben Wellenlänge liegen wie unsere ungläubigen Kollegen. Wenn dann gemeinsame Entscheidungen getroffen werden müssen, werden wir entweder nie Einstimmigkeit über bestimmte Dinge erzielen oder wir werden einem unheilvollen Kompromiss verfallen, bei dem wir als Christen einen ordentlichen Schuss Wasser in den Wein gießen müssen.
In der Praxis wird dies in vielen Fällen dazu führen, dass eine Zusammenarbeit zwischen einem Christen und einem Nichtchristen im geschäftlichen Bereich schwer zu realisieren ist – denn früher oder später kommt es zu Problemen. Es hängt jedoch auch ein wenig von der Art der Zusammenarbeit ab: Der gemeinsame Betrieb eines Handels mit Werkzeugen und Eisenwaren wird vielleicht weniger schnell zu Schwierigkeiten führen als die Mitinhaberschaft an einer Immobilienagentur oder, noch stärker, die Zusammenarbeit in einer Ärztegemeinschaftspraxis. Je mehr ethische Entscheidungen bei der Ausübung der Arbeit erforderlich sind, desto schwieriger wird die Zusammenarbeit, zumindest wenn der Christ an seinen Prinzipien festhalten will!
Im Übrigen sollten wir die Frage nicht auf die gemeinsame Ausübung eines freien Berufs beschränken. Auch als Angestellter in einem großen Unternehmen, insbesondere in einer verantwortungsvollen Position, kann man unter ein ungleiches Joch geraten. Man denke nur an die Geschäftsführer einer Firma, die ganz normale Angestellte sind, oder an eine mehrköpfige Unternehmensleitung; an Lehrer, die innerhalb einer Schule zusammenarbeiten; an Gruppenleiter, die gemeinsam in der Behindertenpflege arbeiten, usw. Das Kriterium ist nicht: „Bin ich hier mit Ungläubigen unter einem Joch?“ (denn das ist fast unvermeidlich), sondern stets: „Bin ich unter einem ungleichen Joch?“ Mit anderen Worten: Kann ich in diesem Zusammenhang arbeiten, ohne meinen Gehorsam gegenüber dem Herrn aufzugeben? Ohne meine Prinzipien zu verletzen? Ohne Kompromisse mit der Welt über Dinge einzugehen, bei denen keine Kompromisse möglich sind?
Außerdem müssen wir bedenken, dass es sich um ein Joch handelt, und das deutet auf Zusammenarbeit hin. Das ist ein Anknüpfungspunkt, um eine andere Frage zu beantworten, nämlich ob ein Christ einfach Mitglied in allen möglichen Vereinen sein kann. Auch diese Frage müssen wir differenziert beantworten. Die Mitgliedschaft im ADAC, in einer Bestattungsgenossenschaft, im Verein zur Erhaltung von Naturdenkmälern usw. bedeutet keine Zusammenarbeit. Wer dort Mitglied wird, ist eigentlich Beitragszahler, wofür er mehr oder weniger Vorteile genießt. Schwieriger wird es beispielsweise bei einem Sportverein und noch viel schwieriger bei einer Gewerkschaft.
Wenn wir einer Gewerkschaft beitreten, schließen wir uns ausdrücklich deren Zielen an, und von uns als Mitgliedern wird beispielsweise bei Streiks oder Bummelstreiks eine gewisse Loyalität erwartet. Das wird zwangsläufig zu einem ungleichen Joch. Die völlig andere Herangehensweise des Christen wird – sofern er seinem Herrn treu bleibt – in solchen Zusammenhängen auf Dauer zu Konflikten führen. Es ist daher entschieden davon abzuraten, freiwillig einer Gewerkschaft beizutreten; wenn man dazu verpflichtet wird (wie es beispielsweise im graphischen Gewerbe der Fall ist), täte ein Christ gut daran, sich gegebenenfalls auf Gewissensgründe zu berufen oder vielleicht sogar einen anderen Arbeitsplatz zu suchen.
Das Argument, wir ließen damit andere die Kastanien aus dem Feuer holen, weil wir zwar von den Ergebnissen der Gewerkschaftsaktivitäten profitieren, aber nicht dazu beitragen wollten, ist absolut unhaltbar; denn es ist nicht der Wunsch nach materiellem Vorteil, der uns dazu zwingt, uns herauszuhalten. Dennoch – und das ist nur ein Vorschlag – könnte ein Gläubiger dies in solchen Fällen vielleicht dadurch zum Ausdruck bringen, dass er einen Betrag in Höhe des Gewerkschaftsbeitrags in einen bestimmten Sozialfond einzahlt.
d. Andererseits: kein Leben als Einsiedler führen
Müssen wir noch einen Schritt weiter gehen? Sollen wir den Umgang mit Ungläubigen ganz vermeiden? Das sagt die Schrift ganz sicher nicht, sondern eher das Gegenteil:
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1Kor 5,9-13: Ich habe euch in dem Brief geschrieben, nicht mit Hurern Umgang zu haben; nicht durchaus mit den Hurern dieser Welt oder den Habsüchtigen und Räubern oder Götzendienern, sonst müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen. Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Hurer ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen nicht einmal zu essen. Denn was habe ich die zu richten, die draußen sind? Ihr, richtet ihr nicht die, die drinnen sind? Die aber draußen sind, richtet Gott; tut den Bösen von euch selbst hinaus.
Das ist ein äußerst wichtiger Abschnitt, weil er uns lehrt, dass wir gegenüber Nichtchristen anders handeln müssen als gegenüber Menschen, die sich zwar Christen nennen, aber in Sünde leben. Paulus hatte, wie er in Vers 9 sagt, in den vorangegangenen Versen (1Kor 5,1-8) geschrieben,[6] dass die Korinther keinen Umgang mit Unzüchtigen haben sollten. Nun erklärt er, was er damit meint: Er meint nicht, dass sie mit Hurern, Habgierigen, Räubern und Götzendienern im Allgemeinen keinen Umgang haben dürften – denn dann müssten sie die Welt verlassen! Mit anderen Worten: Wir dürfen uns nicht dem normalen sozialen Umgang mit unseren Nachbarn, Kollegen, Verwandten und Bekannten entziehen, nur weil sie ungläubig sind. Sie stehen „draußen“, außerhalb der Gemeinde (1Kor 5,12), und wir dürfen sie daher nicht verurteilen; das wird Gott später tun. Wir müssen jedoch über die Bösen in unserer Mitte richten (1Kor 5,13): Wenn sich jemand inmitten der örtlichen Gemeinschaft der Gläubigen als böse erweist, muss er ausgeschlossen werden, und mit einem solchen Menschen dürfen wir keinen Umgang mehr haben. Den Umgang mit unseren ungläubigen Kollegen dürfen wir jedoch nicht einfach deshalb einstellen, weil sie keine Christen sind. Dann würden wir zu Einsiedlern oder Mönchen werden.
Können wir dann mit Menschen aus dieser Welt befreundet sein? In den meisten Fällen erledigt sich das von selbst; wenn ein Christ nicht völlig gleichförmig mit dieser Welt geworden ist, wird eine Freundschaft mit Nichtchristen aufgrund der völlig unterschiedlichen Interessen und Denkweisen ohnehin schnell scheitern. Dennoch können wir bis zu einem gewissen Grad – soweit es in unserer Macht steht – eine freundschaftliche Beziehung aufrechterhalten, wo dies möglich ist. Von einigen hohen Beamten in Ephesus, von denen nicht erwähnt wird, dass sie Christen waren, wird gesagt, dass sie Freunde des Paulus waren (Apg 19,31). Im Übrigen müssen wir in diesen Dingen immer gut überlegen, was wir tun. „Wenn jemand von den Ungläubigen euch einlädt und ihr wollt hingehen …“ (1Kor 14,27) – das heißt: Es ist nicht selbstverständlich, dass wir jede Einladung von Ungläubigen annehmen. Wir müssen gut darüber nachdenken, ob wir es tun oder nicht. Nicht ein kompliziertes Regelwerk, sondern die Abhängigkeit vom Herrn soll unser Verhalten bestimmen.
C | Dem Herrn in seinem Reich dienen
Der dritte Aspekt, den die Schrift in Bezug auf unser Verhalten in dieser Welt anspricht, ist Gehorsam. Wie wir bereits in Kapitel 4 gesehen haben, hat dies mit dem Reich Gottes zu tun. Der König mag von dieser Welt verworfen sein, doch wir haben Ihn als Herrn anerkannt. Christsein ist vor allem eine Frage des Gehorsams. In erster Linie natürlich Gehorsam gegenüber dem Herrn, aber darüber hinaus auch Gehorsam gegenüber denen, die eine Stellung der Autorität über uns innehaben. Darüber hinaus dürfen wir „im Wort oder im Werk alles im Namen des Herrn Jesus tun, danksagend Gott, dem Vater, durch ihn“ (Kol 3,17). Das verleiht unseren gewöhnlichen täglichen Arbeiten eine Würde, die weit über diese irdischen Verhältnisse hinausragt.
Nun ist es sehr schön, dass wir im Neuen Testament eine Reihe von Vorschriften für Sklaven und ihre Herren haben. Wir kennen heute keine Sklaverei mehr, aber diese Vorschriften (Eph 6,5-9; Kol 3,22–4,1; 1Pet 2,18) lehren uns viel Wichtiges über das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Obwohl das Wort „Königreich“ dabei nirgends erwähnt wird, passen diese Abschnitte dennoch genau zum wichtigsten Aspekt des Reiches Gottes: Gehorsam.
Wir wollen sie daher im Folgenden kurz betrachten.
1. Christliche Arbeitnehmer
a. Für den Herrn Jesus
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Eph 6,5: Ihr Knechte, gehorcht den Herren nach dem Fleisch mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, als dem Christus …
In 1. Petrus 2,18 wird in etwas allgemeinerer Form von „Unterordnung“ gesprochen. Kolosser 3,22 fügt noch hinzu: „in allem“. Der Kern der Ermahnung in Epheser 6,5 liegt in den letzten Worten: „als dem Christus“. Man kann es mit seinem Chef wirklich schlecht antreffen; er kann unnahbar, unfreundlich, schlecht gelaunt, ungerecht sein – aber der Heilige Geist ermahnt uns hier, über die Person dieses Mannes (oder dieser Frau) hinweg auf den Herrn zu schauen. Ihm sind wir eigentlich gehorsam. Für Ihn tun wir unsere Arbeit. Wenn es auch schwierig ist, für unseren irdischen Chef Gehorsam aufzubringen, dann doch sicher nicht für den Herrn Jesus.
b. Ohne Schmeichelei
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Eph 6,6: … nicht mit Augendienerei, als Menschengefällige
Der Ausdruck in Kolosser 3,22 unterscheidet sich hier nur insoweit, als in Epheser 6 mehr auf das Prinzip der Augendienerei hingewiesen wird, während en ophtalmodouliais in Kolosser 3,22 vielleicht eher auf die verschiedenen Verhaltensweisen hinweist, die alle nur ein Ziel haben: den Vorgesetzten Honig um den Mund zu schmieren. Wenn man einige Aussagen aus den Briefen liest, kommt man zu dem Schluss, dass sich die Welt seit der Zeit der Apostel kaum verändert hat. Das gilt auch für dieses Wort. Wie oft wird das Verhalten von Arbeitnehmern nur von der Frage bestimmt: Was muss ich tun, um in ein gutes Licht zu kommen? Wie bekomme ich so schnell wie möglich eine Beförderung?
Das ist gewissermaßen die Kehrseite dessen, was wir unter (a) gesehen haben. Einerseits besteht die Gefahr, dass wir von unseren Vorgesetzten nichts mehr akzeptieren, weil sie uns alles andere als sympathisch sind; andererseits ist es möglich, dass wir ihnen gerade deshalb nach dem Mund reden, um auf diese Weise aufzusteigen. In beiden Fällen müssen wir daran erinnert werden, dass wir in Wirklichkeit nicht einem Menschen, sondern dem Herrn gehorchen müssen.
c. Ohne Meckerei
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Eph 6,7: Dient mit Gutwilligkeit.
Wir sollen „mit Gutwilligkeit dienen“, während wir „den Willen Gottes von Herzen tun“ (Eph 6,6; Kol 3,23) – so sollte unser praktisches Glaubensleben in unserer täglichen Arbeit aussehen. Meckern am Arbeitsplatz ist eine beliebte Beschäftigung, und das nicht nur beim Militär. Aber als Christen sollten wir uns davon fernhalten. Wir dienen doch dem Herrn?! Wir tun unsere Arbeit nicht, weil wir nichts Besseres zu tun haben, und auch nicht, weil andere uns dazu auffordern, sondern weil Er es von uns verlangt. Und das ist ein unermesslicher Unterschied, vor allem, wenn lästige Aufgaben zu erledigen sind. Für Ihn haben wir doch gerne etwas übrig?
d. Mit Belohnung vom Herrn Jesus
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Eph 6,8: Ihr wisst, dass, was irgend ein jeder Gutes tut, er dies vom Herrn empfangen wird, er sei Sklave oder Freier.
In Kolosser 3,24 wird diese Belohnung noch genauer angegeben: Es ist „das Erbe“. Ist das nicht ein wunderbares Motiv für unsere Arbeit? Am Ende des Monats bekommen wir unseren Lohn. Das ist aber noch nicht alles. Uns erwartet noch eine viel größere Belohnung: die Belohnung, die der Herr für diejenigen bereithält, die Ihm treu gedient haben. Wir arbeiten nicht nur für die vergängliche Speise (Joh 6,27), und wir hoffen nicht auf eine vergängliche Krone, sondern auf eine unvergängliche (1Kor 9,25).
„Das Erbe“ weist auf den Moment hin, in dem der Herr Jesus die Enden der Erde als sein Erbe empfangen wird und wir dann seine Miterben sein werden (vgl. Ps 2,8; Röm 8,17)! Das ist etwas ganz anderes als der kleinere oder größere Betrag, der monatlich auf unserem Gehaltszettel steht. Möge uns dieses Erbe zu großem Einsatz inspirieren auch in unseren gewöhnlichen täglichen Arbeiten.
2. Christliche Arbeitgeber
a. Auch sie haben einen Herrn über sich
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Eph 6,9: Ihr Herren, … ihr wisst, dass sowohl ihr als auch euer Herr in den Himmeln ist und dass bei ihm kein Ansehen der Person ist.
Auch für christliche Arbeitgeber enthält das Neue Testament einige wichtige Ermahnungen. Zu Beginn unserer Zeitrechnung war jemand im Allgemeinen entweder Sklave oder Herr; in unserer Zeit hingegen ist es durchaus möglich, dass jemand Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Chef und Untergebener ist. Für einen solchen Menschen sind sowohl die Ermahnungen für den Arbeitgeber als auch die für den Arbeitnehmer wichtig.
Das Wichtigste, woran ein Arbeitgeber denken muss: Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person. Vor Gott ist jemand nicht mehr wert, wenn er einen dreiteiligen Anzug trägt, hinter einem großen Schreibtisch sitzt und teure Zigarren raucht, sich auf allen Flughäfen der Welt zu Hause fühlt und einen vollen Terminkalender hat. Als Mensch wird man dadurch nicht besser oder wichtiger.
Während die Schrift also einerseits fordert, die bestehenden Autoritätsverhältnisse anzuerkennen, macht sie andererseits jegliche Selbstüberschätzung der Arbeitgeber endgültig zunichte: Vor Gott sind sie nichts anderes als seine Untergebenen. Das muss jeden, der sich in einer solchen Position befindet, ermahnen, bescheiden umzugehen mit denen, die seiner Autorität unterworfen sind. Eine wohlwollende, herablassende Freundlichkeit aus einem Elfenbeinturm ist manchmal das Beste, was Menschen aufbringen können (oder man schlägt in die andere Richtung aus und lehnt jede Autoritätsstellung ab). „Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die, die Gewalt über sie ausüben, werden Wohltäter genannt“ (Lk 22,25). Ein christlicher Arbeitgeber muss seine Arbeitnehmer als Menschen betrachten, die vor Gott ihm gleich sind, auch wenn er Autorität über sie hat. Außerdem: Der Arbeitgeber ist niemals die Spitze der Hierarchie. Er muss sich immer bewusst sein, dass auch sein Herr im Himmel ist. Genau wie diejenigen, die ihm unterstellt sind, ist auch er Gehorsam schuldig, und zwar gegenüber dem Herrn.
b. Ohne Drohen
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Eph 6,9: Ihr Herren, … lasst das Drohen.
Der Missbrauch einer Machtposition ist auch in unserer Zeit eine reale Gefahr. Zwar ist die rechtliche Stellung des Arbeitnehmers heute viel besser gesichert, aber der Arbeitgeber ist immer noch sehr wohl in der Lage, Druck auszuüben, indem er beispielsweise den Lohn einbehält usw. Wenn es zu einem Konflikt kommt, ist die Versuchung, solchen Druck auszuüben, sehr groß. Christen dürfen sich jedoch niemals dazu verleiten lassen, die Autoritätsposition, die sie als Arbeitgeber erhalten haben, für Zwecke zu missbrauchen, für die sie nicht gegeben ist.
c. Gerechte Entlohnung
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Kol 4,1: Ihr Herren, gewährt euren Knechten das, was recht und billig ist, da ihr wisst, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt.
Wir leben in einer Zeit, in der Tarifverträge und Mindestlohnregelungen eine Ermahnung wie diese überflüssig erscheinen lassen. In der Praxis ist dies leider keineswegs der Fall. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Arbeitgeber seine Arbeitnehmer benachteiligt: indem er ihnen zu geringe Löhne zahlt, sie zu niedrig einstuft, ihnen nicht regelmäßig Gehaltserhöhungen gewährt, absichtlich ungünstige Beurteilungen in der Personalakte abgibt usw. Es gibt jedoch einen Herrn im Himmel, mit dem wir zu tun haben, und Er fordert Rechenschaft von uns, auch von unserem Verhalten als Arbeitgeber. In allem müssen wir bedenken, dass wir Ihm Gehorsam schuldig sind.
D | Fremdlingschaft und Leiden
Christen sind Menschen, die Jesus Christus als Herrn anerkennen, aber in dieser Welt sind sie Einzelgänger. Der Name Jesus ist für viele hier auf der Erde nur ein historischer Begriff, für unzählige sogar nicht mehr als ein Fluch. Der König hat sein Reich verkündet, aber Er ist verworfen worden, und tatsächlich gibt es nur eine kleine Gruppe von Menschen, die seine Autorität anerkennt und ihn als Herrn annimmt.
Es ist unvermeidlich, dass dies Leiden mit sich bringt. Christen sind quasi grundsätzlich eine unterdrückte Minderheit. Die Welt hat unseren Herrn verworfen, und daher dürfen wir nicht glauben, dass wir Leiden und Schmach entgehen werden. In unserem täglichen Leben in dieser Welt wird jeder von uns zu gegebener Zeit seinen Anteil davon bekommen.
Wir müssen jedoch unterscheiden, dass verschiedene Arten von Leiden über uns kommen können. Nicht alle Not, die wir erdulden müssen, ist eine Folge der Nachfolge Christi. In dieser Hinsicht müssen wir unterscheiden.
a. Das Leiden der Schöpfung
Wenn Paulus in Römer 8,18-19 von „dem Leiden der Jetztzeit“ spricht, meint er nicht das Leiden, das über uns kommt, weil wir Christen sind. Der Apostel hat die ganze Schöpfung im Blick:
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Röm 8,19-23: Das sehnliche Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden (nicht freiwillig, sondern dessentwegen, der sie unterworfen hat), auf Hoffnung, dass auch die Schöpfung selbst frei gemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Geburtswehen liegt bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes.
Wir sind Teil der Schöpfung. Wir haben nur „die Erstlinge des Geistes“, die große Ernte steht noch bevor; aber auch für uns ist die Erlösung noch nicht vollständig. Die Erlösung unseres Leibes (das ist nicht die Erlösung von unserem Leib, sondern die Tatsache, dass unser Leib erlöst werden wird) steht uns noch bevor. Wir sind zwar erlöst, aber an unserem Leib ist das noch nicht zu sehen. Genau wie unsere ungläubigen Nachbarn und Bekannten haben wir Anteil an den Folgen des Sündenfalls, die auf der Schöpfung lasten: Krankheit, Verfall, Schwäche, Tod. Paulus kannte körperliche Schwäche (Gal 4,13); Epaphroditus war „krank, dem Tod nahe“ (Phil 2,27); Trophimus musste krank in Milet bleiben (2Tim 4,20), und wir alle könnten unsere eigene Liste ergänzen. Die Schöpfung seufzt, aber auch wir seufzen. So gibt es sehr viel Leid, das wir mit all unseren Mitmenschen gemeinsam haben.
Das bedeutet übrigens nicht, dass wir in dieser Hinsicht völlig gleichgestellt wären mit allen anderen Menschen. Gott hat gerade mit den Seinen eine besondere Verbindung. Er regiert (wenn auch auf verborgene Weise) über alles, was in der Welt geschieht, aber gerade mit seinen Kindern beschäftigt Er sich besonders, weil Er mit ihnen ein bestimmtes Ziel vor Augen hat: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind“ (Röm 8,28). Welches Ziel will Gott dann mit uns erreichen? „Welche er zuvorerkannt hat, die hat er auch zuvorbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein“ (Röm 8,29).
Gott möchte, dass wir dem Herrn Jesus immer ähnlicher werden, und um dieses Ziel zu erreichen, hält Er es oft für notwendig, Leid in unser Leben zu bringen. Daher auch das Problem, mit dem Asaph zu kämpfen hatte (Ps 73): Er sah, dass die Frommen mehr leiden mussten als die Gottlosen. Die Ursache dafür war das züchtigende Eingreifen Gottes in das Leben der Seinen.[7] „Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er geißelt aber jeden Sohn, den er aufnimmt. … Er züchtigt aber zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden“ (Heb 12,6.10). Aus dieser Bibelstelle geht hervor, dass Gott auch Verfolgungen nutzen kann, um sein Ziel bei den Seinen zu erreichen, denn das war der Fall bei den Gläubigen, an die dieser Brief gerichtet war (siehe z.B. Heb 10,32-39). Damit kommen wir zu zwei weiteren Arten des Leidens.
b. Leiden um der Gerechtigkeit willen
Wer in geschäftlichen Angelegenheiten ehrlich sein will, muss manchmal auf einen gewissen Vorteil verzichten. Wer keine Kompromisse eingehen will, muss manchmal auf bestimmte lukrative Möglichkeiten verzichten, und es kann sogar sein, dass er aus diesem Grund verspottet oder nicht mehr ernst genommen wird.
In solchen Fällen spricht man von Leiden um der Gerechtigkeit willen oder um des Gewissens willen:
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Mt 5,10: Glückselig die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
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1Pet 2,19-21: Dies ist wohlgefällig, wenn jemand um des Gewissens vor Gott willen Beschwerden erträgt, indem er zu Unrecht leidet. Denn was für ein Ruhm ist es, wenn ihr ausharrt, indem ihr sündigt und geschlagen werdet? Aber wenn ihr ausharrt, indem ihr Gutes tut und leidet, das ist wohlgefällig bei Gott. Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.
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1Pet 3,14: Aber wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr!
Auch dies ist also kein Leiden, das einfach über uns kommt, weil wir Christen sind (obwohl es in der Praxis oft schwer zu trennen ist von dem Leiden, das wir unter (c) behandeln werden). Natürlich gibt es einen Zusammenhang mit unserem Christsein: Unser Gehorsam gegenüber dem Herrn führt uns zu einem bestimmten Verhalten, und dieses Verhalten bringt Leiden mit sich. Das Leiden wird jedoch nicht direkt durch unser Christsein verursacht, sondern durch unser Tun und Lassen, das daraus resultiert. Wir müssen den Namen des Herrn Jesus nicht erwähnen, um dieses Leiden zu erdulden.
Im Brief des Petrus wird noch besonders davor gewarnt, durch falsches Verhalten Anlass zu Schmähungen zu geben. Denn das kann leider auch passieren! Manchmal trifft man Menschen, die sich darüber beklagen, dass sie es bei der Arbeit so schwer haben, dass sie so viel Feindseligkeit erfahren usw. Aber wenn man dann nachfragt, stellt sich oft heraus, dass sie selbst daran schuld sind, weil sie sich durch alle möglichen Dinge unmöglich gemacht haben. So darf es nicht sein! „Denn was für ein Ruhm ist es, wenn ihr ausharrt, indem ihr sündigt und geschlagen werdet?“ (1Pet 2,20).
c. Leiden um Christi willen
Wir müssen also darauf achten, nicht zu Recht den Hass der Welt auf uns zu ziehen:
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1Pet 4,16: Dass doch niemand von euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der sich in fremde Sachen mischt; wenn aber als Christ, so schäme er sich nicht, sondern verherrliche Gott in diesem Namen.
Damit kommen wir zum Leiden um Christi willen. Das ist das spezifische Leiden, mit dem wir als Christen zu tun haben. Unter Punkt (b) wurde bereits Matthäus 5,10 zitiert; im nächsten Vers fügt der Herr Jesus hinzu:
- Mt 5,11: Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden um meinetwillen.
Die Welt hat Christus gehasst, sie wird auch uns hassen; die Welt hat Christus verfolgt, sie wird auch uns verfolgen; die Welt hat das Wort Christi nicht bewahrt, sie wird auch unser Wort nicht bewahren (Joh 15,18-20). „Deswegen erkennt uns die Welt nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat“ (1Joh 3,1).
Merken wir davon nichts? In den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang[8] ist die Verfolgung natürlich um ein Vielfaches heftiger. Wenn wir die Situation der Gläubigen dort mit unserer Situation vergleichen, würden wir sagen: Wir merken nichts von Feindseligkeit. Was müssen die Gläubigen in den Ostblockländern alles durchmachen! Beleidigungen, Verleumdungen, Gefangenschaft, manchmal Folter … Dinge, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben. Im Vergleich zu ihnen führen wir ein ruhiges und bequemes Leben. Und doch ist das nur ein gradueller Unterschied, kein wesentlicher Unterschied. Das Ausmaß, in dem sich die Feindseligkeit der Welt hier in unseren westlichen Ländern offenbart, ist in der Tat ungewöhnlich gering. Aber machen wir uns nichts vor: Der wahre Charakter der Welt ist hier nicht anders. Im Wesentlichen ist die Welt so feindselig wie immer und überall. Und das wird sich auch auf die eine oder andere Weise zeigen, wenn wir „Rechenschaft“ geben „über die Hoffnung, die in uns ist“ (1Pet 3,15), wenn wir also aktive, kraftvolle Zeugen unseres Herrn sind.
Vielleicht ist das ein Teil des Problems. Vielleicht erfahren wir so wenig Widerstand, weil so wenig von uns ausgeht. Wenn die Gläubigen in Jerusalem alle in ihren bequemen Sesseln sitzen geblieben wären, wäre es wahrscheinlich nie zu Verfolgungen gekommen. Gerade weil die Apostel „mit großer Kraft Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ablegten“ (Apg 4,33), stießen sie auf Widerstand und Feindseligkeit.
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2Tim 3,12: Alle aber auch, die gottselig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden.
In den kursiven Worten liegt der Kern der Sache. Wenn wir uns kaum darum kümmern, gottesfürchtig zu leben, können wir es sehr leicht haben. Aber wenn wir wirklich nach dem Willen Gottes handeln wollen (es geht nicht in erster Linie um unser Reden!) und uns offen zu unserem Herrn bekennen, wird die Feindseligkeit zweifellos spürbar werden.
Wollen wir das? Am Ende dieses Kapitels, in dem wir über unsere Verantwortung als Christen in der täglichen Arbeit nachgedacht haben, dürfen wir uns das noch einmal fragen. Wollen wir unserem Herrn treu sein? Wollen wir Ihn in Wort und Tat bekennen inmitten dieser Welt, die nichts von Ihm wissen will? Denn darum geht es letztendlich. Es wäre für den Herrn ein Leichtes, uns alle direkt in den Himmel zu holen. Er sehnt sich nach diesem Moment! Aber Er lässt uns noch hier auf der Erde mit der ausdrücklichen Absicht, dass wir in allem, was wir sagen und tun, von Ihm Zeugnis ablegen.
Noch einmal: Wollen wir das? Es ist nicht leicht, ganz und gar nicht. Aber wenn wir an unseren Herrn denken, der uns so unendlich geliebt hat, dann sollte es für uns doch kein Problem sein. Was gab Er nicht alles für uns auf! Was für Leiden, was für Schmähungen, was für Einsamkeit, was für Qualen musste Er erdulden, um uns zu retten. Darf Er für diese große Liebe nicht ein wenig Gegenliebe von uns erwarten? Um es mit den Worten aus 1. Korinther 6,20 zu sagen: „Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlicht nun Gott in eurem Leib.“
Originaltitel: „7 – Christen-zijn in het dagliks werk“
in Hemelburgers op Aarde: De levenspraktijk van christenen in deze wereld,
Vaasen: Medema, 1980, S. 141–155.
Übersetzung: Stephan Winterhoff
Anmerkungen
[1] Anm. d. Red.: Die Sekte der Children of God (deutsch: Kinder Gottes) wurde 1968 von David Berg (1919–1994) in Kalifornien gegründet. Sie nennt sich heute The Family International (Die Familie).
[2] Anm. d. Red.: Vergleiche Titus 1,12.
[3] Anm. d. Red.: Dieser Einschub wird in der CSV-Elberfelder durch eine Klammer gekennzeichnet.
[4] Streng genommen lehrt die römisch-katholische Kirche dies auch nicht; sie lehrt, die guten Werke entsprängen aus der ausgegossenen Gnade Christi. Durch diese unverdiente Gnade habe der Mensch dann etwas Gutes getan, und im Hinblick auf dieses Gute, das durch die Gnade Christi vollbracht werde, gebe Gott ihm etwas zurück, das viel größer und herrlicher sei, nämlich das Heil des Himmels. (D. Bont, C.F. Pauwels (Hrsg.), De Katholieke Kerk. Godsdienstleer en Apologie, Kortrijk: Zonnevende, Utrecht: Het Spectrum, 1942–1946, S. 1107).
[5] In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass Max Weber (1864–1920) den Kapitalismus aus dem Arbeitsethos des Calvinismus erklärte. Siehe M. Weber, „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ in Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen: Verlag von J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Jg. 1, 1920, S. 27–28. Bob Goudzwaard, Kapitalisme en Vooruitgang. Een eigentijdse maatschappijkritek, Assen/Amsterdam: Van Gorcum, 1978, S. 9. Sir Frederick Catherwood, The Christian in Industrial Society, Leicester: InterVarsity Press, 1977.
[6] Die oft geäußerte Meinung, es handle sich hier um einen früheren Brief, der daher nicht erhalten geblieben sei (siehe z.B. Dr. F.W. Grosheide, Korte verklaring der Heilige Schrift: 1 Korinthe, Kampen: J.H. Kok, S. 65), ist meiner Ansicht nach nicht zwingend. Den Ausdruck „Ich habe geschrieben“ können wir genauso gut als einen sogenannten Aoristus epistolarius verstehen, eine Form, die auch wir kennen, wenn wir in einem Brief schreiben: „Ich habe Ihnen diese Dinge geschrieben …“ Vergleiche etwas Ähnliches in 1. Johannes 2,14-16; 5,13; siehe auch Römer 16,22; 2. Thessalonicher 3,14; Titus 1,12.19.
[7] Anm. d. Red. Wir denken, dass es für das Leiden noch andere Gründe außer Zucht gibt.
[8] Anm. d. Red.: Der Eiserne Vorhang war die politische und militärische Trennung zwischen den kapitalistischen Ländern Westeuropas und dem kommunistischen Ostblock unter der Führung der Sowjetunion während der Zeit des Kalten Krieges nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1991.


