Ein Brief von Martin Luther
An Johannes Lang – 1517

Martin Luther

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Hier schicke ich Euch abermals neue Paradoxen (die Ablassthesen); vielleicht ärgern sich Eure Theologen auch an diesen und sagen – wie es alle ohne Unterschied von mir tun –, dass ich unbedacht und stolz mit meinem Urteil herausfahre und die Meinungen anderer verwerfe. Darauf antworte ich ihnen durch diesen Brief und Euren Mund: Bewiesen nur auch sie ihre gereifte Zurückhaltung und ihren vorsichtigen Ernst in ihrem Tun, so fände ich daran ebenso großen Gefallen, als sie Missfallen an meiner Leichtfertigkeit und vorschnellen Unbedachtsamkeit finden. Sehe ich sie doch leicht bereit, an mir dieses Laster zu strafen. Aber mich nimmt wunder, warum sie nicht mit denselben Augen ihren Aristoteles ansehen. Was meine Kühnheit und Bescheidenheit angeht, so weiß ich gewisslich, dass die Wahrheit weder an Wert gewinnt, wenn ich bescheiden bin, noch entwürdigt wird, wenn ich allzu kühn bin. Meine große Bitte an Euch und die Erfurter Theologen ist darum, die Mängel des Verfassers einmal zu vergessen, lediglich über meine Schriften und Sätze Euer Urteil zu fällen und vor allem die etwa darin enthaltenen Irrtümer zu bezeichnen. Ist es doch bekannt, dass nichts Neues ohne Hoffart oder wenigstens ohne einen Schein von Hoffart und Zanksucht hervorgebracht werden kann. Gesetzt, die Demut selbst wollte eine Neuerung ins Werk zu setzen versuchen, bald würde es ihr von denen, die andrer Meinung sind, als Hoffart ausgelegt werden. Warum hat man Christus und alle Märtyrer getötet? Weshalb sind die Kirchenlehrer auf Missgunst gestoßen? Weil man in ihnen stolze Verächter der alten geachteten Weisheit und Wissenschaft sah; weil sie solche neue Gedanken ohne den Rat der alten Schule zu äußern unternommen haben.

Darum sollen meine Feinde nicht jene heuchlerische Demut von mir erwarten, die ihren Rat und Schluss einholte, ehe sie etwas veröffentlicht. Durch Gottes, nicht durch Menschenfleiß und Rat soll getan sein, was ich tue. Denn wenn das Wort aus Gott ist, wer wird’s hindern? Ist’s aber nicht aus Gott, wer wird’s fördern? Es geschieht nicht mein noch ihr noch unser, sondern Dein Wille, heiliger Vater, der Du bist im Himmel, Amen.

Bruder Martinus Eleutherius
(doch mehr Dulos der Sklave, der in zu festen Banden ist)
Augustinermönch zu Wittenberg.
An Johannes Lang, 11. November 1517


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