Von Schwachheit zum Sieg (1)
Verzweiflung

John Henry Bosley Menzies

© SoundWords, online seit: 02.05.2014, aktualisiert: 20.07.2017

„Wenn ich die Biographien von Christen aus vergangenen Tagen und fernen Ländern lese, dann fühle ich mich manchmal ziemlich niedergeschlagen. Anscheinend wirkt Gott hier und unter den Leuten, die ich kenne, nicht mehr so so lebendig.“ Kommt dir das bekannt vor? Zweifellos sehnen sich viele von uns danach, das Werk des Herrn vorankommen zu sehen. Wir sagen: „Wenn doch nur mehr Leute zum Gottesdienst kämen!“, oder: „Wenn die Leute Gott doch nur mehr respektieren würden!“ Unsere gebildeten Zeitgenossen scheinen Gott aber nicht zu beachten. Sie scheinen ohne Gott zu wachsen und zu gedeihen, während unsere kleinen Versammlungen in Kraftlosigkeit zu versinken drohen.

In unserer Zeit …

Manche Leute würden jetzt an die Warnungen vor den Übeltätern der letzten Tage erinnern, die Paulus an Timotheus richtet. Auch Petrus und Judas bezeugen, dass es Spötter und Heuchler geben wird. Müssen wir also nicht sogar damit rechnen, dass Gottes Gemeinde jetzt unter Druck gerät? Müssen wir daher nicht mit Anzeichen von Bedeutungslosigkeit rechnen? Für mich ist dies ein „Ratgeber gegen Verzweiflung“. Paulus spricht deutlich von einem Kampf, der gekämpft, und von einem Rennen, das gelaufen werden muss. Er sagt nicht: „Die Kirche wird in den letzten Tagen klein und schwach sein, und ihr müsst damit rechnen, in Bedeutungslosigkeit zu versinken.“

Wenn wir das Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia auf Gottes Gemeinde in den letzten Tagen übertragen, können wir die frohe Botschaft nicht übersehen: „Du hast eine kleine Kraft.“ Zu gerne betonen wir das Wort kleine und übersehen daher das wichtige Wort Kraft. Unser Herr sagt: „Siehe, ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand schließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet“ (Off 3,8).

Petrus schreibt von unserem Vorrecht als auserwähltes Volk, als einer königlichen Priesterschaft und richtet den Blick auf die Aufgaben, die uns beschäftigen sollten: „… damit ihr die Tugenden dessen verkündigt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat“ (1Pet 2,9). Judas legt Wert auf eine praktische und energische Antwort auf die Übel der letzten Tage: „Und der einen, die zweifeln, erbarmt euch, rettet sie, indem ihr sie aus dem Feuer reißt“ (Jud 22.23). Natürlich müssen wir auch auf die Dunkelheit um uns achtgeben. „Erbarmt euch“, sagt Judas, „mit Furcht.“ Aber einfach nur in unseren leeren Räumen zu sitzen, die Welt fürchtend und vor ihr fliehend, wirkt wie das Eingeständnis der Niederlage. Es erinnert an Gideons Jugendzeit.

Ein Mann des Glaubens

Gideon wird im Hebräerbrief als Beispiel für einen Mann des Glaubens aufgeführt. Seine Geschichte beschreibt den Wandel vom bitteren und furchtsamen Geschmack der Schwäche zum Hochgefühl des Sieges. Wir beschäftigen uns oft mit dem Sieg über die Midianiter, aber gerade der Beginn der Geschichte war genau so aussichtslos, wie unsere gegenwärtige Lage es ist, und ist sehr lehrreich.

Das verheißene Land – wundervoll durch den allmächtigen Gott in die Hände seines Volkes gelegt – wurde von Feinden überrannt. Die Midianiter hielten die Israeliten mächtig unter Druck. Diejenigen, denen das Land eigentlich gegeben war, flohen zu einem Leben in Höhlen in der Wildnis. Sie versteckten sich vor den plündernden Eindringlingen, zu verängstigt, um ihr Erbe zu beanspruchen. Wenn die Israeliten ihre Saat gesät hatten, kamen die Midianiter und Amalekiter, um den Ertrag zu ernten. Sie kamen mit ihren Herden und ihren Zelten und umlagerten die Israeliten wie ein Schwarm Heuschrecken. Es gab kaum genug Essen für die Israeliten, um zu überleben.

Ich kann mir vorstellen, wie Gideon bedauerte, nur so wenig Korn gerettet zu haben. Er war entschlossen, dass niemand ihm noch etwas davon entreißen sollte. Mit seinem kümmerlichen Rest versteckte er sich in der Kelter und drosch das Getreide mit Furcht im Herzen. Vielleicht sagte er sich selbst: „Es ist eine Zeit der kleinen Dinge, ich sollte darüber froh sein, dass ich überhaupt noch etwas Korn habe. Ich werde aber alles für mich behalten müssen, es ist nicht genug, um es zu teilen. Und wenn jemand davon erfährt, wird er es mir sicher abnehmen.“

Die falsche Idee

Was immer Gideon auch dachte, bald sollte er durch die Stimme eines Fremden aus seinen Gedanken gerissen werden: „Der HERR ist mit dir, du tapferer Held!“ Gideon konnte seinen Ohren kaum trauen. Der Fremde schien zwei Fehler gemacht zu haben.

Er antwortete: „Bitte, mein Herr, wenn der HERR mit uns ist, warum hat uns denn das alles getroffen?“ Gideon wusste alles über Gottes Macht und Kraft. Er hatte alles über die Errettung aus Ägypten gehört, aber dies war nun alles Geschichte. Er hatte keine Erfahrungen mit Gottes Wirken in seinem Alltag gemacht und fühlte sich daher besiegt.

Jeder, der sich heutzutage ständig mit den wundervollen Dingen beschäftigt, die Gott früher einmal getan hat, steht in der Gefahr, den gleichen Fehler zu begehen wie Gideon. Wir erinnern uns an große Sonntagsschulen, wir erinnern uns an machtvolle Predigten von bekannten Rednern in vollen Hallen. Aber was passiert heute? Wir nehmen die Worte aus Offenbarung 3,8 – „Denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet“ – und bewahren diese Worte, wie Gideon sein Getreide bewahrte. Wir verstecken uns in einer Kelter und fühlen uns hilflos.

Gideon dachte, dass der Fremde zwei Fehler gemacht hatte. Zum einen schien er anzunehmen, dass der HERR mit Gideon sei. Gideon fühlte Gottes Kraft nicht. Er sah nur Zusammenbruch und Schwäche, die Kraft des Feindes und die Verzweiflung seines Volkes. Zum anderen schien er Gideon als tapferen Helden wahrzunehmen. Gideon erzählte ihm, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Seiner Einschätzung nach war er wohl das unwichtigste Mitglied einer unwichtigen Familie. Und trotzdem war es ein Zeichen von Stärke, dass Gideon sein Getreide bewahren wollte und entschlossen war, im Land, das seinen Vorfahren verheißen worden war, zu überleben. Er wusste, welches Versprechen Gott gegeben hatte, und tat sein Bestes, um dieses Versprechen zu verwirklichen.

Eine Herausforderung

Wagen wir es, uns mit Gideon gleichzusetzen? Wenn wir Gottes Wort bewahren und seinen Namen nicht verleugnen, dann halten wir damit an der einzigen Überlebensgrundlage in diesen und den kommenden Zeiten fest. Aber genau wie Gideon fühlen wir uns schwach. Wir übersehen, dass wir unseren Besitz austeilen könnten, um eine reiche Ernte zu erhalten. Die liegt auch daran, dass wir uns mit kleinen Dingen zufriedengeben.

„Der in euch ist, ist größer …“

Gott ist gut zu uns und wir genießen die gemeinsame Befolgung seines Wortes. Es ist unser Vorrecht, mit unserem Herrn zusammenzukommen und im Gedenken an Ihn das Brot zu brechen. Gemeinsam bringen wir Ihm Preis dar und loben Ihn für alles, was Er getan hat. Wir wissen, dass wir Ihm gehören. Und weil wir seine Kinder sind, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, so dass wir zu Ihm rufen: Abba! Vater!

Wir haben die Freude, innig mit dem Vater verbunden zu sein. Wir sind sicher in der Beziehung mit unserem Gott (sogar sicherer, als Gideon es war). Wir sind in einer bevorzugten Position und wir sind froh darüber, aber wir sind nicht sehr wirksam. Wir distanzieren uns von den ungehorsamen Israeliten in der Wildnis, die fragten: „Ist der HERR unter uns oder nicht?“ Natürlich ist Er unter uns. Er hat versprochen, bis ans Ende der Zeit bei uns zu sein.

Es erscheint merkwürdig, dass wir vergessen, welche Kraft Er hat. Wir dürfen nie vergessen, dass unser Gott wirklich real ist, dass Er übernatürliche Kräfte hat und dass diese Kraft nicht im Lauf der Zeit abnimmt. Wir sind sicher, dass Er uns nie im Stich lassen oder aufgeben wird.

Und wenn dies alles tatsächlich der Fall ist, dann sind wir vielleicht bereit für den nächsten Teil der Nachricht für Gideon: „Geh in dieser deiner Kraft! Habe ich dich nicht gesandt? Ich werde mit dir sein!“ (nach Ri 6,14-16).

Nächster Teil


Originaltitel: „From Weakness to Winning. 1: Despair“;
aus Scripture Truth, Bd. 50, 1989–1991, S. 2–4

Übersetzung: Johann Gossen


Hinweis der Redaktion:

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