Die Zahl Eins (3)
Das Prinzip der Einigkeit

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 20.09.2026, aktualisiert: 02.10.2026

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, der im Rahmen unseres monatlichen Online-Bibel-Seminars gehalten wurde. Anlass war die häufige Erwähnung von Zahlen in den Kapiteln des zweiten Buches Mose zur Stiftshütte. Wer die symbolische Bedeutung der Stiftshütte verstehen möchte, sollte sich vor allem mit der Bedeutung der Zahlen in diesem Zusammenhang beschäftigen.

Neben den Prinzipien der Alleinigkeit und der organischen Einheit entfaltet die Zahl Eins auch das wichtige Feld der Einigkeit. Während die Einheit primär das von Gott gestiftete, organische Wesen und das unteilbare Sein beschreibt (wie in der Ehe oder im Leib Christi), zielt die Einigkeit auf die bewusste, praktische Gesinnung, das zielgerichtete Zusammenwirken und das gemeinsame Stehen in einer Sache ab.

Einigkeit ist die praktische Erprobung der Einheit im Alltag. Sie beschreibt den Zustand, in dem mehrere Personen ihre eigenen Interessen, Meinungen und Willensakte einem gemeinsamen Ziel oder einer höheren Autorität unterordnen. In der biblischen Zahlensymbolik zeigt die Zahl Eins, dass Einigkeit eine enorme geistliche und praktische Kraft freisetzt – allerdings sowohl im Guten als auch im Bösen.

Schriftstellen zum Prinzip der Einigkeit

Drei zentrale Passagen verdeutlichen die gewaltige Dynamik der Einigkeit – von der menschlichen Machtentfaltung über den göttlichen Maßstab für die Gemeinde bis hin zum souveränen Handeln Gottes im Weltgeschehen:

1. Die Macht der einmütigen Rebellion (1Mo 11)

1Mo 11,6: Und der HERR sprach: Siehe, sie sind ein Volk und haben alle eine Sprache, und dies haben sie angefangen zu tun; und nun wird ihnen nichts vorenthalten werden, was sie zu tun ersinnen.

Bei der Schilderung des Turmbaus zu Babel wird die gewaltige Zerstörungskraft sichtbar, die in einer geschlossenen menschlichen Einigkeit liegt. Selbst im Abfall von Gott setzt die sprachliche und praktische Einmütigkeit eine Dynamik frei, die menschlich kaum aufzuhalten ist. Gott selbst bezeugt hier das Gesetz der Bündelung: Wo Menschen in einem Geist zusammenstehen, erlangen sie eine enorme Durchsetzungskraft. Deshalb muss Einigkeit stets an Gottes Wahrheit gebunden sein, um nicht in eine stolze Selbstüberhebung abzugleiten.

2. Das Gebot zur erarbeiteten, geistlichen Einmütigkeit (Phil 2)

Phil 2,2: So erfüllt meine Freude, dass ihr gleich gesinnt seid, dieselbe Liebe habend, einmütig, eines Sinnes.

Hier begegnet uns der göttliche Maßstab für die Gemeinde. Während die Einheit eine geistlich geschenkte Tatsache ist, muss die Einigkeit im Miteinander aktiv erarbeitet und eingeübt werden. Die Einigkeit der Gläubigen basiert nicht auf fleischlichen Kompromissen, sondern auf einer gemeinsamen Haltung des Herzens („gleich gesinnt“). Sie erfordert das bewusste Zurückstellen des eigenen Egoismus, um ungeteilt „auf das eine“ – die Ehre Christi und das Wohl des Nächsten – ausgerichtet zu sein.

3. Die von Gott gewirkte Einigkeit im Gerichtsrat (Off 17)

Off 17,17: Denn Gott hat in ihre Herzen gegeben, seinen Sinn zu tun und in einem Sinn zu handeln und ihr Königreich dem Tier zu geben, bis die Worte Gottes vollbracht sein werden.

Diese Stelle zeigt eine weitere Dimension: Einigkeit kann nicht nur menschlich erarbeitet, sondern auch souverän von Gott von außen eingegeben werden, damit seine Weltregierungsziele erreicht werden. Selbst bei gottlosen Herrschern, die primär von Eigeninteressen getrieben sind, bewirkt Gott eine plötzliche, vollkommene Einmütigkeit („in einem Sinn zu handeln“), damit sie sein prophetisches Wort so erfüllen, wie Er es möchte.

Die Bedeutungsfelder der Einigkeit

Während die Einheit den unteilbaren Zustand eines Ganzen beschreibt, offenbart sich die Einigkeit in der praktischen Abwesenheit von Differenzen. Wo Einigkeit herrscht, klaffen Ideal und Wirklichkeit, Empfinden und Handeln nicht auseinander.

Im Folgenden werden sieben zentrale Bedeutungsfelder entfaltet, die das Wesen der Einigkeit im biblischen Denken beschreiben:

1. Integrität – keine Differenz zwischen Praxis und Idealen

Integrität bedeutet absolute Lauterkeit und Echtheit. Es gibt keine Klüfte oder Widersprüche zwischen dem, was man bekennt, und dem, wie man tatsächlich lebt. Glaubensideale und Alltagspraxis stimmen vollkommen überein.

2. Harmonie – keine Differenz im Verständnis

Geistliche Harmonie entsteht dort, wo Menschen in der Wahrnehmung und der Beurteilung von Göttlichem nicht gegeneinander denken. Es herrscht kein verständnisloser Streit, sondern ein gemeinsamer Sinn und eine vertraute Blickrichtung.

3. Gerechtigkeit (im Empfinden) – keine Differenz in den Empfindungen

Einigkeit prägt auch das Innenleben: Die eigenen Empfindungen, Wünsche und Motivationen stehen im Einklang mit dem Willen Gottes. Das Herz schlägt im selben Takt wie das Herz des Schöpfers, ohne innere Zerrissenheit.

4. Folgerichtigkeit – keine Differenz in der Auswirkung

Folgerichtigkeit bedeutet, dass aus einer richtigen Prämisse und einer einmütigen Haltung auch eine vollkommen schlüssige, konsequente Auswirkung hervorgeht. Wo geistliche Einigkeit herrscht, gibt es keine Brüche oder Widersprüche zwischen Ursache und Wirkung.

Das Handeln führt exakt zu den Früchten, die dem göttlichen Prinzip entsprechen, ohne dass durch unbedachte Kompromisse, Eigenwilligkeit oder innere Zerrissenheit schädliche Nebenwirkungen, unerwartete Querschläger oder ungewollte Fehlauswirkungen entstehen. Die Folge entspricht in absoluter Logik und Reinheit dem Ursprung.

5. Übereinstimmung – keine Widersprüche

Übereinstimmung ist das Fehlen jeglicher inneren und äußeren Dissonanz. Aussagen, Lehren und Handlungen stehen in Logik und Wahrheit zueinander, ohne dass sich Dinge widersprechen oder aufreiben.

6. Gerechtigkeit (im Handeln u. Verteilen) – keine Differenz zwischen Anrecht und Erhalt

Auf der Ebene des Miteinanders bedeutet Einigkeit Gerechtigkeit: Es gibt kein Gefälle zwischen dem, was jemand zusteht, und dem, was er tatsächlich bekommt. Niemand wird benachteiligt, übergangen oder bevorzugt.

7. Frieden (Schalom) – keine Unstimmigkeit und kein Gegeneinander

Frieden ist das gekrönte Gesamtergebnis von Einigkeit. Er beschreibt das absolute Fehlen von Gegeneinander, Rivalität und Unstimmigkeit.

Exkurs: Der biblische Friedensbegriff (Schalom)

Wir verstehen unter „Frieden“ heute meist nur die bloße Abwesenheit von Krieg oder offenem Streit. Im Wort Gottes hat der Frieden jedoch eine weit umfassendere Bedeutung: Das hebräische Wort Schalom wird an vielen Stellen der Heiligen Schrift mit „Wohlergehen“ oder „Gutgehen“ übersetzt (z.B. wenn danach gefragt wird, ob es den Brüdern oder der Seele gut geht).

Schalom meint einen Zustand, in dem alles in göttlicher Harmonie geordnet ist, eine heilsame Atmosphäre herrscht und absolute Unversehrtheit vorliegt. Damit schließt sich der Kreis zum ersten Punkt: Schalom ist der Zustand, in dem keinerlei Differenz mehr existiert zwischen dem idealen Willen Gottes und der erfahrbaren Wirklichkeit.

Die Zahl Eins im ersten Buch Mose: das Prinzip der Einigkeit

Betrachten wir das erste Buch Mose unter dem Aspekt der Einigkeit, so zeigt sich in beeindruckender Weise, wie die Einmütigkeit der Geschöpfe entweder im eklatanten Gegensatz zu Gott stehen kann oder aber als Werkzeug zur Bewahrung seines Volkes dient.

1. Der Turmbau zu Babel und die unheilige Einigkeit (1Mo 11)

In 1. Mose 11 schließt sich die Menschheit in einmütiger Rebellion zusammen: „Kommt, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen!“ Hier wird das Prinzip der Einigkeit missbraucht, um sich von Gott unabhängig zu machen und sich selbst einen Namen zu machen. Die Antwort Gottes offenbart seine überlegene Souveränität: Er verwirrt ihre Sprache und löst diese unheilige Einigkeit auf. Damit setzt Er dem menschlichen Hochmut eine unüberwindbare Grenze.

2. Die einmütige Absage Abrahams an die Welt (1Mo 14)

Nach dem Sieg über die Könige bietet der König von Sodom dem Patriarchen Abraham die Beute an. Abraham zeigt hier eine kompromisslose Einigkeit mit seinem Gott: Er weigert sich einmütig, auch nur einen Faden oder Schuhriemen anzunehmen, damit Sodom niemals sagen kann: „Ich habe Abram reich gemacht.“ Abraham steht in unerschütterlicher Gesinnung allein auf der Seite Gottes.

3. Die zerstörerische Einigkeit der Brüder Josephs (1Mo 37)

Bevor Joseph nach Ägypten verkauft wird, zeigt sich unter den Söhnen Jakobs eine erschreckende, böse Einigkeit: Sie verschwören sich einmütig gegen ihren Bruder, um ihn zu töten und seine Träume zunichtezumachen. Diese fleischliche Einigkeit entzweit die Familie und bringt jahrelanges Hadern und Trauern über ihren Vater Jakob.

4. Die Wiederherstellung der Einigkeit in Ägypten (1Mo 45–50)

Den glorreichen Höhepunkt der Einigkeit im ersten Buch Mose finden wir bei der Versöhnung in Ägypten. Zunächst sehen wir, dass die Brüder den in Not geratenen Bruder Benjamin nicht im Stich lassen, sondern mit ihm in die Stadt zurückkehren (s. 1Mo 44,13). Nachdem sie dann echte Buße getan haben und Judah sich bereiterklärt, stellvertretend für Benjamin in der Knechtschaft zu bleiben, bricht Joseph in Tränen aus und offenbart sich ihnen. Die alte Feindschaft weicht einer tiefen, von Gott gewirkten Einigkeit. Als die Familie Jakobs schließlich geeint im Land Gosen wohnt, ist der Grundstein für das Bestehen und das Wachstum des Volkes Gottes gelegt. Mitten in der Hungersnot wird die geschwisterliche Einigkeit unter dem Schutz Josephs zum Raum des Lebens und des Segens.

5. Frieden

Das Thema des Friedens – verstanden in seinem tiefen biblischen Sinn als vollkommenes Wohlergehen, ungestörte Harmonie und heilsamer Gesamtzustand – zieht sich wie ein Rahmen durch das gesamte erste Buch Mose:

1. Der anfängliche Frieden im Paradies (1Mo 1–2)

Ganz besonders am Anfang der Schöpfung begegnet uns der Frieden in seiner ungetrübten Urgestalt. Im Garten Eden herrschte vollkommene Harmonie auf allen Ebenen:

  • Frieden zwischen Gott und Mensch (ungetrübte Gemeinschaft)
  • Frieden im Inneren des Menschen (keine Scham, keine Schuld)
  • Frieden im Miteinander von Mann und Frau („ein Fleisch, keine Uneinigkeit“)
  • Frieden mit der gesamten Schöpfung 

Hier gab es keinerlei Differenz zwischen dem idealen Willen Gottes und der erfahrenen Wirklichkeit – es war die reinste Verkörperung des biblischen Friedensgedankens.

2. Der wiederhergestellte Frieden unter der Herrschaft Josephs (1Mo 45–50)

Nachdem die Sünde diesen paradiesischen Frieden zerrissen und die Menschheitsgeschichte mit Neid, Mord, Streit und Dürre erfüllt hatte, leuchtet der Frieden am Ende des ersten Buches Mose unter der Herrschaft Josephs auf wunderbare Weise wieder auf:

  • Sühnung und Herzensfrieden in der Familie 
    Nach Jahrzehnten bitteren Hasses vergibt Joseph seinen Brüdern aus tiefstem Herzen („Ihr zwar hattet Böses gegen mich im Sinn; Gott aber hatte im Sinn, es gut zu machen“). Die zerrüttete Familie Jakobs findet zur Versöhnung und zur wahren Herzenseinigkeit zurück.

  • Wohlergehen (Schalom) mitten in der Not 
    Unter der weisen und gesegneten Herrschaft Josephs erfahren nicht nur seine Familie, sondern ganz Ägypten und die umliegenden Völker Bewahrung vor dem Hungertod. Joseph wird zum Friedensbringer und Lebensretter.

  • Der Hinweis auf die Zukunft 
    Während das erste Buch Mose im Paradies mit einem göttlichen Friedenszustand beginnt, schließt es unter Joseph mit einem Vorschaufrieden, der zeigt, was geschieht, wenn Gottes Erwählter – sein Christus – herrschen wird. Joseph wird hierin zum klaren Vorbild auf den Herrn Jesus: Er überwindet das Böse durch Vergebung und führt diejenigen, die einst seine Feinde waren, in das volle Wohlergehen (Schalom) seines Reiches.

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