- Römer 12,3-8
- 1. Korinther 12,4-11
- 1. Korinther 12,28-31
- Epheser 4,7-16
- Jeder hat Gnade zum Dienst empfangen (V. 7)
- Der Sieg Christi (V. 8-10)
- Der verherrlichte Christus gibt Gaben (V. 11)
- Der Zweck der Gaben – Zurüstung und Wachstum (V. 12)
- Der Zweck der Gaben – Einheit und geistliche Reife (V. 13)
- Der Zweck der Gaben – Standfestigkeit (V. 14)
- Hinwachsen zu Christus (V. 15)
- Gelenke der Darreichung (V. 16)
Im Neuen Testament werden insgesamt 23 Gnadengaben erwähnt. Wir finden sie in Römer 12; 1. Korinther 12 und Epheser 4, wobei einige dieser Gnadengaben mehrfach erwähnt werden. Wir sollten die im Neuen Testament ausdrücklich erwähnten Gnadengaben jedoch nicht als vollständige Listen betrachten, sondern als repräsentative Beispiele, die uns zeigen, was Gnadengaben sind und welche Arten oder Kategorien von Gnadengaben es gibt. Es gibt auch Gnadengaben, die in den Gabenlisten des Neuen Testaments nicht ausdrücklich erwähnt werden. Dazu gehört beispielsweise die Gabe, geistliche Lieder zu schreiben, oder die Gabe, biblische Inhalte kindgerecht zu vermitteln. Das kann nicht jeder, sondern dazu bedarf es einer geistlichen Befähigung durch Gott. Einige der im Neuen Testament erwähnten Gnadengaben wurden besonders für den Beginn des Christentums gegeben; darauf werden wir noch zurückkommen.
In der nachfolgenden Tabelle sind alle Gnadengaben aufgelistet, die in den Gabenlisten des Neuen Testaments erwähnt werden:
| Röm 12,6-8 | 1Kor 12,8-10 | 1Kor 12,28-30 | Eph 4,11 |
| Weissagung | Wort der Weisheit | Apostel | Apostel |
| Dienst | Wort der Erkenntnis | Propheten | Propheten |
| Lehre | Glaube | Lehrer | Evangelisten |
| Ermahnung | Gnadengaben der Heilungen | Wunderkräfte | Hirten |
| Geben | Wunderwirkungen | Gnadengaben der Heilungen | Lehrer |
| Vorstehen | Weissagung | Hilfeleistungen | |
| Barmherzigkeit üben | Unterscheidungen der Geister | Regierungen | |
| Arten von Sprachen | Arten von Sprachen | ||
| Auslegung der Sprachen | Auslegung der Sprachen |
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Gnadengaben in Gruppen oder Kategorien einzuteilen. Ich schlage folgende Einteilung vor:
| Personengaben | Rede-/Wortgaben | Dienstgaben (im engeren Sinn) | Zeichen- und Wundergaben |
| Apostel | Weissagung | Dienst (Diakonie) | Gnadengabe der Heilung |
| Propheten | Lehre | Hilfeleistung | Wunderwirkungen |
| Evangelisten | Ermahnung | Geben | Wunderkräfte |
| Hirten | Wort der Weisheit | Barmherzigkeit üben | Arten von Sprachen |
| Lehrer | Wort der Erkenntnis | Vorstehen | Auslegung der Sprachen |
| Regierungen | |||
| Glaube | |||
| Unterscheidung der Geister |
„Personengaben“ bedeutet, dass die Personen selbst die Gaben sind, die Christus den Seinen geschenkt hat. Beispielsweise ist der Hirte als Person eine Gabe Christi an seine Gemeinde (Eph 4,11).
„Rede- und Wortgaben“ sind Gnadengaben, die den Empfänger zu einem mündlichen Dienst befähigen. Hierbei gibt es natürlich Überschneidungen mit den Personengaben. So sind der Evangelist oder der Lehrer als Personen Gaben Christi an seinen Leib und haben zugleich selbst Gnadengaben empfangen, die sie zu ihren mündlichen Diensten befähigen.
Unter „Dienstgaben (im engeren Sinn)“ sind alle Gnadengaben zusammengefasst, die nicht zu mündlichen Diensten befähigen. Selbstverständlich befähigt jede Gnadengabe zu einem Dienst. Die Unterteilung zwischen Redegaben auf der einen und Dienstgaben (im engeren Sinn) auf der anderen Seite lässt sich jedoch der Schrift selbst entnehmen. In 1. Petrus 4,11 schreibt Petrus im Zusammenhang mit Gnadengaben: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus, dem die Herrlichkeit ist und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Mir ist bewusst, dass sich die Gruppe der „Dienstgaben“ noch weiter unterteilen ließe. So könnte man die Gnadengaben des Vorstehens und der Regierungen beispielsweise als Gruppe der „Führungsgaben“ bezeichnen. Die Gnadengaben des Dienstes (Diakonie), der Hilfeleistung, des Gebens und der Barmherzigkeit könnten beispielsweise als „Verwaltungs- und Unterstützungsgaben“ zusammengefasst werden. Auch die Gnadengaben des Glaubens und der Unterscheidungen der Geister scheinen eine besondere Kategorie zu bilden.
Bei den „Zeichen- und Wundergaben“ handelt es sich um Gnadengaben, die die Empfänger zu Wunderwirkungen befähigten, die einen zeichenhaften Charakter hatten. Diese Gnadengaben gehörten zur Anfangszeit des Christentums und bestätigten die Verkündigung der ersten Christen, während das Neue Testament noch im Entstehen war (vgl. Mk 16,20).
Im nächsten Teil möchten wir uns alle Gnadengaben Gottes im Einzelnen anschauen und darüber nachdenken, worin die jeweilige geistliche Fähigkeit besteht. Dabei werden wir die Gnadengaben jedoch nicht thematisch nach Art oder Kategorie betrachten, sondern innerhalb der jeweiligen Gabenlisten in Römer 12; 1. Korinther 12 und Epheser 4, um den Kontext, in dem sie stehen, zu berücksichtigen.
Römer 12,3-8
Mit Römer 12 beginnt der dritte große Teil des Römerbriefes. Dieser Teil (Röm 12–16) lehrt uns praktische Konsequenzen, die die Rechtfertigung für das Leben der Gläubigen haben soll.
In Römer 12 werden verschiedene Beziehungen aufgezeigt, in denen wir als Gläubige stehen. Wir können dabei folgende Beziehungen unterscheiden:
- unsere Beziehung zu Gott (Röm 12,1)
- unserer Beziehung zu diesem Weltsystem (Röm 12,2)
- unsere Beziehung zu uns selbst (Röm 12,3)
- unsere Beziehung zueinander als Glaubensgeschwister (Röm 12,3-13.15-16)
- unsere Beziehung zu den Menschen in der Welt (Röm 12,14.17-21)
Die ersten drei Verse von Römer 12 machen bereits drei wichtige Voraussetzungen für eine segensreiche Ausübung von Gnadengaben deutlich:
- die Hingabe an Gott (Röm 12,1)
- ein durch Gottes Wort erneuertes Denken (Röm 12,2)
- eine richtige Selbsteinschätzung (Röm 12,3)
Richtige Selbsteinschätzung (V. 3)
Röm 12,3: Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben worden ist, jedem, der unter euch ist, nicht höher von sich zu denken, als zu denken sich gebührt, sondern so zu denken, dass er besonnen sei, wie Gott einem jeden das Maß des Glaubens zugeteilt hat.
In Römer 12,4-8 werden wir dazu aufgefordert, einander mit unseren Gnadengaben zu dienen. Bevor Paulus diese Aufforderung ausspricht und einige Beispiele für Gnadengaben nennt, stellt er jedoch in Vers 3 eine Ermahnung voran. Durch die Gnade, die ihm gegeben worden ist – das bezieht sich auf sein Apostelamt und die damit verbundene Autorität –, sagt er jedem einzelnen Gläubigen in der Gemeinde in Rom, „nicht höher von sich zu denken, als zu denken sich gebührt, sondern so zu denken, dass er besonnen sei, wie Gott einem jeden das Maß des Glaubens zugeteilt hat“.
Wir sollen eine gesunde Selbsteinschätzung haben. Wir sollen verstehen, wozu Gott uns befähigt und welchen Platz Er uns zum Dienen gegeben hat. Diesen Platz sollen wir anerkennen und damit zufrieden sein. Wir sollen nicht nach Aufgaben trachten, für die Gott uns nicht berufen und begabt hat. Es gibt ein Denken über uns selbst, das sich gebührt oder angemessen ist. Dies wird durch das „Maß des Glaubens“ bestimmt, das Gott uns zugeteilt hat. Dieser Ausdruck bezieht sich in diesem Zusammenhang auf den Glauben, der im Dienst tätig wird. Gott hat jedem von uns in seiner Weisheit und Souveränität ein bestimmtes Maß für den Dienst zugeteilt.[1] Dieses Maß betrifft sowohl Art und Inhalt als auch Umfang des Dienstes. Über dieses Maß sollen wir nicht hinausgehen. Aber wir sollen auch nicht dahinter zurückbleiben. Eine falsche Selbsteinschätzung kann sich nicht nur in Selbstüberschätzung zeigen, sondern auch in einer falschen Demut. Je näher wir beim Herrn leben, desto leichter werden wir erkennen, was wir tun sollen und was nicht. Er wird uns entsprechend des uns zugeteilten Maßes leiten.
Ein Leib – viele Glieder und Tätigkeiten (V. 4-6a)
Röm 12,4-6a: Denn ebenso, wie wir in einem Leib viele Glieder haben, aber die Glieder nicht alle dieselbe Tätigkeit haben, so sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander. Da wir aber verschiedene Gnadengaben haben, nach der uns verliehenen Gnade …
Jeder wiedergeborene Christ gehört zur Gemeinde, dem Leib Christi. Die Gemeinde ist wie unser Körper ein lebendiger Organismus. Genauso wie die einzelnen Teile unseres Körpers nicht alle dieselbe Tätigkeit ausführen, sondern ganz verschiedene, so haben auch die Glieder am Leib Christi unterschiedliche Aufgaben. Damit wir diese Aufgaben erfüllen können, hat Gott uns Gnadengaben gegeben, die wir zum Nutzen anderer einsetzen sollen. Wir haben „verschiedene Gnadengaben … nach der uns verliehenen Gnade“. Diese Vielfalt soll im Versammlungsleben sichtbar werden. Dabei soll sich jeder Einzelne immer bewusst sein, dass alles „verliehene Gnade“ ist. Nichts kommt aus uns selbst, nichts haben wir uns selbst erarbeitet, alles ist Gnade.
Gnadengaben zum Dienst (V. 6b–8)
Röm 12,6b-8: … es sei Weissagung, so lasst uns weissagen nach dem Maß des Glaubens; es sei Dienst, so lasst uns bleiben im Dienst; es sei, der lehrt, in der Lehre; es sei, der ermahnt, in der Ermahnung; der gibt, in Einfalt; der vorsteht, mit Fleiß; der Barmherzigkeit übt, mit Freudigkeit.
Nun zählt der Apostel Paulus einige Gnadengaben beispielhaft auf und verbindet sie jeweils mit einem Hinweis, wie sie ausgeübt werden sollen:
Weissagung
„Es sei Weissagung, so lasst uns weissagen nach dem Maß des Glaubens.“ Die Weissagung oder Prophetie (griech. propheteia) bezeichnet das prophetische Reden. Der prophetische Dienst war zu allen Zeiten durch das folgende Merkmal gekennzeichnet: Gott gibt seinem Boten eine Botschaft für eine bestimmte Empfängergruppe, die dieser als Sprachrohr Gottes in eine konkrete Situation hinein verkündigt. Dabei hat prophetisches Reden immer den Charakter, dass es Verborgenes aufdeckt. Solange der neutestamentliche Kanon noch nicht abgeschlossen war, beinhaltete dieser Dienst auch die Verkündigung neuer Offenbarungen, also göttlicher Wahrheiten, die bis dahin unbekannt waren (Röm 16,26; 1Kor 14,29-30; Eph 3,5). Auch das Voraussagen zukünftiger Dinge gehörte dazu (Apg 11,27-28; 21,10-11). Heute haben wir das vollendete Wort Gottes in unseren Händen. Daher ist Weissagung heute ausschließlich die Verkündigung einer Botschaft auf der Grundlage des geschriebenen Wortes.
In 1. Korinther 14,24-25 lesen wir etwas über die Wirkung der Weissagung:
- 1Kor 14,24-25: Wenn aber alle weissagen, und irgendein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt; das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so, auf sein Angesicht fallend, wird er Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist.
In 1. Korinther 14,3.31 sehen wir, welches Ergebnis Weissagung bei den Zuhörern hervorbringt:
- 1Kor 14,3.31: Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung. … Denn ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden.
Diese Schriftstellen zeigen uns, was Weissagung bis heute ist: Sie ist die Gabe, aus der Gegenwart Gottes heraus eine Botschaft aus dem Wort an die Herzen und Gewissen der Zuhörer zu richten, die direkt in ihre Lebensumstände hineinspricht, sie trifft und ihren geistlichen Bedürfnissen entspricht. Durch Weissagung wird der Wille Gottes deutlich vorgestellt und auf die Umstände bezogen. Sie stellt die Gewissen der Zuhörer unmittelbar vor Gott. Weissagung überführt, beurteilt und macht das Verborgene der Herzen offenbar. Das Ergebnis ist, dass die Zuhörer erbaut, ermahnt und getröstet werden. Der Dienst der Weissagung ist vom Lehrdienst zu unterscheiden. Dies wird schon dadurch deutlich, dass Paulus die Gabe des Lehrens in Römer 12,7 gesondert nennt.
Der Dienst der Weissagung hat im Neuen Testament einen besonders hohen Stellenwert. In 1. Korinther 14 werden die Brüder zweimal aufgefordert, danach zu eifern, zu weissagen – geleitet von dem Wunsch, die Gemeinde zu erbauen (1Kor 14,1.3.9). Einerseits ist es ein Dienst, nach dem jeder Bruder, der das Wort verkündigt, streben soll.[2] Andererseits gibt es Brüder, die von Gott besonders begabt wurden, das Wort Gottes auf diese Weise zu verkündigen.
Die Gabe der Weissagung soll „nach dem Maß des Glaubens“ ausgeübt werden. Das griechische Wort für „Maß“ (analogia) ist hier in Römer 12,6 ein anderes Wort als in Römer 12,3 (metron). Man kann es hier auch übersetzen mit „in der Entsprechung zum Glauben“ (so Elberfelder 2006) oder „in Übereinstimmung mit dem Glauben“ (so Schlachter 2000). Der Dienst der Weissagung muss dem Maß unserer persönlichen Gemeinschaft mit Gott entsprechen. Diesen Dienst können wir nur in dem Maß tun, wie wir uns in der Praxis unseres Lebens in Gottes Gegenwart aufhalten, sein Wort studieren und von Ihm abhängig sind.
Dienst
„Es sei Dienst, so lasst uns bleiben im Dienst.“ Der Ausdruck „Dienst“ (griech. diakonia) kommt im Neuen Testament 34-mal vor und kann sich auf unterschiedliche Arten von Diensten beziehen, beispielsweise auf:
- den Dienst des Apostelamtes (Apg 1,17.25)
- die Bedienung am Tisch (Apg 6,1)
- den Dienst am Wort (Apg 6,4)
- die finanzielle Hilfeleistung (Apg 11,29)
- Paulusʼ Dienst (Apg 20,24; Röm 11,13)
- den Dienst im Werk des Herrn allgemein (1Kor 12,5; Eph 4,12)
Da Paulus „Dienst“ hier in Römer 12,7a jedoch als eigenständige Gnadengabe aufführt, muss es sich in diesem Zusammenhang um eine konkrete Aufgabe und Funktion im Leib Christi (Röm 12,4-5) handeln und kann nicht eine allgemeine Bedeutung im Sinne von Dienstbereitschaft oder Ähnlichem haben. Außerdem wird diese Gnadengabe von den Gnadengaben Weissagen, Lehren, Ermahnen, Geben, Vorstehen und Barmherzigkeitüben unterschieden.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass Paulus hier an Diakonie denkt. Damit sind Dienste gemeint, die sich besonders um die praktische Organisation, Verwaltung und Versorgung der materiellen Bedürfnisse der Gemeinde kümmern (vgl. Apg 6,1-2; 11,29; Röm 15,25.31; 16,1). Diese Gnadengabe steht weniger im Vordergrund als andere, ist für das Leben in der Gemeinde jedoch unentbehrlich.
Wer diese Gabe empfangen hat, soll sie freudig ausüben und sich auf seine Aufgabe konzentrieren, mag sie auch in den Augen der Menschen weniger Beachtung finden als andere. Dadurch werden diejenigen freigestellt, die Gott auf anderen Gebieten begabt hat, so dass auch diese sich auf ihre Aufgabe konzentrieren können. Ein schönes Beispiel für dieses Prinzip finden wir in Apostelgeschichte 6,3-4.
Lehren
„Es sei, der lehrt, in der Lehre.“ Wer die Gnadengabe des Lehrens empfangen hat, ist von Gott dazu befähigt, das Wort Gottes verständlich auszulegen und zu erklären (Röm 12,7b). Diese Gabe ähnelt dem „Wort der Erkenntnis“ in 1. Korinther 12,8. Während Weissagung das Verkündigen des Wortes Gottes auf eine Weise ist, die sich direkt an das Gewissen richtet und das Verborgene des Herzens aufdeckt, ist Lehren mehr die systematische Erklärung der biblischen Lehre. Es gibt Brüder, deren Verkündigungsdienst nicht primär durch das systematische Lehren ganzer Bibelbücher oder die detaillierte Erklärung biblischer Lehrwahrheiten gekennzeichnet ist. Sobald sie jedoch predigen, merkt man, wie Gott durch sein Wort zu einem spricht und das Gewissen in sein Licht stellt. Es gibt auch Prediger, denen Gott beide Gaben gegeben hat, wobei die eine Gabe ausgeprägter sein kann als die andere. Bei der Beschäftigung mit dem „Lehrer“ in Epheser 4,11 und 1. Korinther 12,28-29 werden wir noch etwas näher auf die geistliche Fähigkeit des Lehrens eingehen.
An dieser Stelle wird die Formulierung persönlicher. Während es zuvor hieß: „es sei Weissagung“ (Röm 12,6b), und: „es sei Dienst“ (Röm 12,7a), heißt es nun: „der lehrt“ (Röm 12,7b). Ebenso ist es bei den weiteren Gaben: „der ermahnt“, „der gibt“, „der vorsteht“ und „der Barmherzigkeit übt“.
Das Wort steht zunächst als Verb („der lehrt“) und dann als Substantiv („in der Lehre“). Dies kann zweierlei bedeuten:
- Derjenige, der lehrt, soll bei der gesunden Lehre der Bibel bleiben und diese unverfälscht weitergeben.
- Wer die Gabe des Lehrens empfangen hat, soll seinen Fokus auf diesen Dienst legen.
Ermahnen/Ermutigen
„Es sei, der ermahnt, in der Ermahnung.“ Das griechische Wort für ermahnen (parakaleo) kann je nach Zusammenhang die folgenden Bedeutungen haben: herbeirufen, aufrufen, auffordern, ermahnen, bitten, ermutigen, trösten, gut zureden, bestärken.[3] Wer die Gnadengabe der Ermahnung und Ermutigung empfangen hat, ist von Gott besonders dazu befähigt, andere in ihrem Glaubensleben und ihrem Dienst zu einem gottgewollten Verhalten anzuleiten, sie, wenn nötig, zu ermahnen oder sie zu trösten, zu stärken und anzuspornen (Röm 12,8a). Gläubige, die diese Gabe besitzen, haben oft einen direkten Zugang zu den Seelen. Sie müssen jedoch auch eine gute Kenntnis des Wortes Gottes haben, um diesen Dienst zum Segen für die Geschwister ausüben zu können. Nur wer das Wort Gottes gut kennt und es richtig anwenden kann, kann andere auf biblische Weise ermahnen und ermutigen.
In 2. Timotheus 4,2 wird Timotheus aufgefordert: „Ermahne [parakaleo] mit aller … Lehre.“ Wer also die biblische Lehre nicht kennt, kann nicht richtig ermahnen. Das gleiche Prinzip sehen wir in Titus 1,9. Dort schreibt Paulus über den Ältesten, dass er dem „zuverlässigen Wort nach der Lehre“ anhängen muss, „damit er fähig sei, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen [parakaleo] als auch die Widersprechenden zu überführen“.
Die Gabe der Ermahnung und Ermutigung weist Parallelen zum Dienst der Weissagung auf. In Apostelgeschichte 15,32 und 1. Korinther 14,3.31 werden der prophetische Dienst und parakaleo (in 1Kor 14,3 das Substantiv paraklesis) zusammen erwähnt.
Es heißt: „der ermahnt, in der Ermahnung“ (Röm 12,8a). Wer diesen Dienst empfangen hat, sollte sich darauf konzentrieren und seinen Schwerpunkt nicht plötzlich auf Dienste legen, für die Gott ihn nicht ausgerüstet hat. Auch wenn der Dienst der Ermahnung und Ermutigung in gewisser Weise uns alle angeht (vgl. Röm 15,14; 1Thes 4,18; 5,11; Heb 10,24-25), gibt es Geschwister, die Gott dazu besonders begabt hat. Beispiele für diesen Dienst finden sich in Apostelgeschichte 11,23; 14,21-22; 16,40; 20,1-2. Zur Gesinnung desjenigen, der ermahnt, siehe 2. Korinther 10,1.
Geben
„Es sei, … der gibt, in Einfalt.“ Die Gnadengabe des Gebens oder Mitteilens ist die geistliche Befähigung, Geld oder materielle Dinge für das Werk des Herrn oder für persönliche Bedürfnisse mit Weisheit und zum richtigen Zeitpunkt gerne zu geben. Zwar ist jeder Gläubige zum Geben aufgerufen (vgl. Eph 4,28; Lk 3,11; 2Kor 9,7). Es gibt jedoch Geschwister, die von Gott besonders mit dem Verlangen und der Weisheit ausgerüstet sind, anderen durch großzügiges und opferbereites Geben zu helfen.
Das Geben soll „in Einfalt“ geschehen (Röm 12,8b). Das bedeutet, dass die Freigebigkeit aufrichtig sein soll, ohne Nebengedanken, beispielsweise ohne das Ziel, dadurch einen persönlichen Vorteil zu erzielen.
Vorstehen
„Es sei, … der vorsteht, mit Fleiß.“ Die Gnadengabe des Vorstehens oder Leitens ist die geistliche Fähigkeit, Führungsaufgaben in der Gemeinde zu übernehmen. In diesem Sinn kommt das Wort noch zweimal im Neuen Testament vor (1Thes 5,12; 1Tim 5,17). Diese Gabe zeigt sich insbesondere in der Ausübung des Ältestendienstes. Ohne geistliche Führung kann eine Gemeinde nicht bestehen (vgl. Spr 11,14). Brüder mit dieser Gabe sind besonders dazu ausgerüstet, den Gläubigen voranzugehen, sie anzuleiten, sie zu begleiten, sich um sie zu kümmern, sich schützend vor sie zu stellen sowie geistliche Entscheidungen zu treffen. Diese Gabe ähnelt der Gabe der „Regierungen“ in 1. Korinther 12,28.
Dass es diese Gnadengaben gibt, macht deutlich, dass für Leitungsaufgaben im Volk Gottes eine Befähigung durch Gott erforderlich ist. Nur weil jemand aufgrund seiner Ausbildung und seines Charakters ein weltliches Unternehmen führen könnte, bedeutet das nicht automatisch, dass er auch geistliche Führung im Volk Gottes übernehmen kann. Setzt man diese Dinge gleich, besteht die Gefahr, dass weltliche Führungsprinzipien in die Gemeinde Einzug halten und die Gemeinde „gemanagt“ statt geistlich geführt wird.
Wer vorsteht, soll dies „mit Fleiß“ tun (Röm 12,8c). Man kann dieses Wort auch mit „Eifer“ übersetzen. Ein Leiter ist nicht jemand, der danebensteht, sondern der mit Eifer vorangeht und den Gläubigen ein Vorbild ist (1Pet 5,3). Er ist ein fleißiger Arbeiter.
Barmherzigkeit üben
„Es sei, … der Barmherzigkeit übt, mit Freudigkeit.“ Wer die Gnadengabe der Barmherzigkeit empfangen hat, empfindet ein besonders tiefes Mitleid mit dem Leid und Elend anderer. Ein solcher Bruder oder eine solche Schwester ist von Gott mit einem außergewöhnlichen Verlangen begabt, in der Not zu helfen. Diese Gabe geht weit über bloßes Mitempfinden hinaus; sie wird aktiv und findet Mittel und Wege, um die Not zu lindern („Barmherzigkeit übt“). Dies kann sich in finanzieller Hilfe äußern, aber auch darin, Menschen bei sich aufzunehmen oder sich auf andere Weise für sie aufzuopfern.
Obwohl damit viel Mühe verbunden ist, sollen die mit der Gnadengabe der Barmherzigkeit Begabten ihren Dienst nicht als unangenehme Arbeit oder bloße Pflichtaufgabe ansehen, sondern die Barmherzigkeit „mit Freudigkeit“ üben.
Jeder Jünger Jesu soll durch Barmherzigkeit gekennzeichnet sein (vgl. Mt 5,7; Lk 6,36; Kol 3,12; Jak 3,17; 1Pet 3,8). Es gibt jedoch Gläubige, die von Gott besonders dazu begabt werden, barmherzige Werke zu tun.
1. Korinther 12,4-11
Das Thema der Kapitel 12 bis 14 des ersten Korintherbriefes ist die Ausübung der geistlichen Gaben und Dienste in der Gemeinde. Sie zeigen uns, wie wir unsere Gnadengabe oder unseren Dienst so ausüben können, dass die Gläubigen geistlich erbaut[4] werden. Sie sind von überragender Bedeutung für den Dienst in der Gemeinde. In diesen Kapiteln wird die Gemeinde in dem Bild eines Leibes gesehen. Sie ist der Leib Christi und die Gläubigen sind Glieder seines Leibes.
Anlass für die Abfassung dieser Kapitel waren Missstände unter den Gläubigen in Korinth. Zwar hatten sie „an keiner Gnadengabe Mangel“ (1Kor 1,7), es mangelte ihnen jedoch an geistlichem Verständnis darüber, zu welchem Zweck Gott die Gaben gegeben hatte. Viele der Gläubigen in Korinth dachten, dass sie sich mit ihrer Gabe selbst darstellen und verwirklichen könnten. In ihren Gemeindezusammenkünften übten sie ihre Gaben daher auf eine Weise aus, die für die anwesenden Geschwister keinen geistlichen Nutzen brachte. Aufgrund ihres falschen oder fehlenden Verständnisses für den Sinn und Zweck der Gnadengaben betonten sie besonders die Zeichen- und Wundergaben, da diese mehr als andere Gaben dazu geeignet waren, andere zu beeindrucken. Sie ließen sich also von der Frage leiten, wie sie sich selbst am meisten hervortun konnten, statt sich zu fragen, wie sie ihren Glaubensgeschwistern am besten dienen konnten.
Diesen Missständen begegnet der Apostel Paulus in diesen drei Kapiteln:
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In 1. Korinther 12 sehen wir, dass es in dem einen Leib Christi (Einheit) viele verschiedene Gnadengaben und Dienste gibt (Vielfalt). Gott hat alle Gaben „zum Nutzen“ gegeben, damit wir einander damit dienen und erbauen. Jeder braucht den anderen, keiner ist überflüssig. Gott hat in seiner Weisheit und Souveränität jedem Christen einen bestimmten Platz mit einer konkreten Funktion am Leib Christi gegeben (1Kor 12,18), und der Segen Gottes wird nur dann in vollem Maß fließen können, wenn jeder den ihm von Gott zugedachten Platz einnimmt und ausfüllt. Der Heilige Geist wird in diesem Kapitel zwölfmal erwähnt (1Kor 12,3-4.7-9.11.13). Wir sehen Ihn hier als den Geber der Gaben. Er ist in der Gemeinde anwesend und bewirkt zur Ehre des Herrn und zur Erbauung der Heiligen die verschiedenen Dienste.
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1. Korinther 13 ist eine Einschaltung zwischen 1. Korinther 12 und 14 (vgl. 1Kor 12,31; 14,1). In diesem Kapitel wird uns gezeigt, dass die Liebe die Triebfeder für die Ausübung jedes Dienstes sein soll. Die Liebe „sucht nicht das Ihre“ (1Kor 13,5), sondern den Nutzen des anderen. Dieser Vers trifft daher den Kern dieser drei Kapitel.
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In 1. Korinther 14 geht es schließlich um die praktische Ausübung der Gaben mit dem großen Leitgedanken: „Alles geschehe zur Erbauung“ (1Kor 14,26). Dieses Kapitel enthält viele praktische Hinweise für einen nutzbringenden Dienst. Dabei geht Paulus vor allem auf das Problem ein, dass die Korinther der Gabe des Sprachenredens eine übermäßige Bedeutung beimaßen und bei ihrer Ausübung nicht darauf achteten, ob die Zuhörer überhaupt verstehen und aufnehmen konnten, was sie äußerten. Andererseits vernachlässigten sie, nach der Ausübung jener Gaben zu streben, die besonders zur Erbauung der Gläubigen geeignet waren. Aufgrund ihrer ichbezogenen Beweggründe setzten sie ganz falsche Gewichtungen. Auch wenn Paulus in 1. Korinther 14 ein spezielles Problem der Korinther behandelt, finden wir darin viele Prinzipien, die wir auch auf unsere Zeit und unseren Dienst übertragen können.
Paulus wollte nicht, dass die Korinther im Hinblick auf die geistlichen Gaben unwissend waren (1Kor 12,1). Gerade ihre Unwissenheit darüber führte zu der oben beschriebenen falschen Ausübung der Gaben. Deshalb ist es auch für uns sehr wichtig, die Gedanken Gottes zu diesem Thema zu verstehen. Gerade auf dem Gebiet der Gnadengaben und ihrer Ausübung gibt es heute viele Irrtümer und Verführungen. Umso wichtiger ist es, die klare und tiefgründige Lehre des Apostels in diesen Kapiteln zu studieren und zu verinnerlichen.
Im Rahmen dieser Ausarbeitung werden wir uns auf 1. Korinther 12,4 bis 11 beschränken, da wir uns vor allem mit den Gnadengaben selbst beschäftigen möchten. Die obigen Ausführungen dienten lediglich dazu, den Zusammenhang zu verstehen, in dem diese Verse stehen.
Der Geist gibt die Gnadengaben (V. 4)
1Kor 12,4: Es sind aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber derselbe Geist.
Es gibt eine große Vielfalt an geistlichen Fähigkeiten unter den Gläubigen. So wie jeder Körperteil seine eigene Funktion hat und erst das Zusammenwirken aller Körperteile den Körper gesund erhält, so ist es auch im geistlichen Bereich. Die Vielfalt ist ein ganz wesentlicher Gesichtspunkt, wenn es um die Gemeinde als Leib Christi geht. Wir Gläubigen brauchen einander. Der eine kann das, was der andere nicht kann. Wenn die Gaben auf eine geistliche Weise ausgeübt werden, ergänzen sie sich auf wunderbare Weise.
All diese verschiedenen Gnadengaben gibt „derselbe Geist“. Sie haben alle dieselbe Quelle. Hier ist also der Heilige Geist der Geber der Gaben. In Epheser 4,11, wo es um „Personengaben“[5] geht, ist Christus der Geber. Da Gott einer ist, ist selbstverständlich Gott immer der Geber. Die Schrift unterscheidet jedoch die Personen der Gottheit auch im Bereich der Gnadengaben. Das sehen wir auch in den beiden folgenden Versen.
Die Begabung und Berufung[6] durch den Heiligen Geist kann durch keine Bibelschule oder andere theologische Ausbildungsstätte ersetzt werden. Die durch eine Geistesgabe verliehene geistliche Fähigkeit kann nicht selbst erlernt werden. Es handelt sich um eine verliehene Gnade (Röm 12,6), die nur Gott geben kann.
Der Diener ist dem Herrn verantwortlich (V. 5)
1Kor 12,5: Und es sind Verschiedenheiten von Diensten, und derselbe Herr.
Der Heilige Geist gibt den Gläubigen eine Gnadengabe, um sie zu einem bestimmten Dienst zu befähigen. In 1. Korinther 12,4-5 werden die Gnadengabe und der Dienst direkt miteinander verbunden. Wer eine Gnadengabe empfangen hat, soll den Gläubigen damit dienen. Er ist, wie es 1. Petrus 4,10 ausdrückt, ein „Verwalter“ der ihm anvertrauten „Gnade Gottes“.
So wie es ganz unterschiedliche Gaben gibt, so gibt es auch ganz unterschiedliche Dienste und Aufgaben in der Gemeinde. Aber jeder empfängt seinen Dienst von demselben Herrn. Es ist der Herr Jesus, der in einen Dienst einsetzt. Er ist der „Herr der Ernte“ (Mt 9,38). Er bereitet seine Diener zu und stellt sie in den Dienst. Wir werden nicht durch die Gemeinde, die Ältesten oder eine sonstige menschliche Ordination in einen Dienst gestellt.[7] Dieses Recht hat nur der Herr, der uns entsprechend der uns verliehenen natürlichen und geistlichen Fähigkeiten nach seinem Willen leiten wird. Abhängigkeit ist eines der wichtigsten Merkmale eines treuen Dieners des Herrn.
Der Diener steht mit der Ausübung seines Dienstes vor dem Herrn und ist Ihm verantwortlich. Er kann seine Gabe nicht jederzeit und überall einsetzen, so wie es ihm beliebt, sondern untersteht der Autorität des Herrn.
Gott wirkt alles in allen (V. 6)
1Kor 12,6: Und es sind Verschiedenheiten von Wirkungen, aber derselbe Gott, der alles in allen wirkt.
Die Ausübung der Gaben in der Gemeinde hat die unterschiedlichsten Auswirkungen. Verlorene Sünder werden überführt und bekehren sich. Andere fassen Mut durch das starke Glaubensvertrauen eines Bruders oder einer Schwester. Man gewinnt an Erkenntnis. Man wird in seinem Gewissen getroffen und erkennt eine verborgene Sünde. Man empfängt Klarheit für den weiteren Glaubensweg. Man erhält eine praktische Hilfeleistung, die gelingt. Man wird ermuntert, gestärkt, überführt, wirksam ermahnt, getröstet und so weiter.
Gott ist es, der „alles“ wirkt, und zwar „in allen“: sowohl in den Dienern als auch in den Empfängern des Dienstes. Was wir auch immer tun mögen – wenn Gott nicht wirkt, wird es nichts ausrichten. Wir sind nur Werkzeuge. Wenn ein Dienst gelingt und ein Segen daraus hervorgeht, dann war dies ein Werk Gottes. Es ist nicht der Diener, der das bewirkt. Dieses Bewusstsein macht uns klein in unseren eigenen Augen. Es macht uns abhängig. Und es treibt uns ins Gebet, um Gott zu bitten, der allein Ehre für seinen Namen und Segen für die Menschen entstehen lassen kann.
In 1. Korinther 3,5-7 schreibt Paulus:
- 1Kor 3,5-7: Wer ist denn Apollos, und wer ist Paulus? Diener, durch die ihr geglaubt habt, und zwar wie der Herr einem jeden gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben. Also ist weder der pflanzt etwas noch der begießt, sondern Gott, der das Wachstum gibt.
Der Geist wirkt zum Nutzen (V. 7)
1Kor 12,7: Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben.
Das hier mit „Offenbarung“ übersetzte griechische Wort phanerosis ist das Substantiv des Verbs phaneroo, das „offenbar machen, bekanntmachen, zeigen“[8] bedeutet. Es bezeichnet hier nicht die Enthüllung einer bisher unbekannten biblischen Wahrheit, wie es in 1. Korinther 14,30 der Fall ist (dort wird das Wort apokalypto [„enthüllen“] verwendet), sondern die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, die in der Ausübung der Gaben in der Gemeinde sichtbar und erfahrbar wird (1Kor 12,8-11).
Die Offenbarung des Geistes wird „einem jeden“ gegeben. Der Heilige Geist will jedes Glied am Leib Christi zum Segen für die anderen Glieder gebrauchen. In der Gemeinde gibt es nicht die einen, die immer nur geben, und die anderen, die immer nur empfangen. In der Gemeinde ist jeder sowohl Geber als auch Empfänger – an dem Platz, den Er uns am Leib Christi gegeben hat (1Kor 12,18).
Die Gnadengaben sind „zum Nutzen“ anderer gegeben, nicht damit wir uns selbst darstellen oder verwirklichen. Wer mit seiner Gabe dient, sollte sich stets fragen, wie er anderen nützlich sein kann. Der geistliche Nutzen für die Geschwister ist das Ziel des Wirkens des Heiligen Geistes in der Gemeinde. Paulus deutet den Korinthern hier bereits ihr Problem an, geht aber erst in 1. Korinther 14 ausführlich darauf ein.
Die Gaben des Geistes (V. 8-10)
1Kor 12,8-10: Denn dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; einem anderen aber Glaube in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in demselben Geist, einem anderen aber Wunderwirkungen, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen.
Zunächst sollen zwei Schlüsselwörter in diesem Abschnitt hervorgehoben werden: „gegeben“ und „einem anderen“.
Das Wort „gegeben“ kommt in Vers 8 vor („dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben“) und zieht sich durch die Verse 8 bis 10. Es bezieht sich auf alle hier genannten Gaben und Wirkungen des Geistes. Ein „Wort der Weisheit“, „Wort der Erkenntnis“, „Glauben“, „Weissagung“ oder „Unterscheidungen der Geister“ muss uns gegeben werden. Wir haben nichts davon aus uns selbst, sondern sind Empfänger der vielfältigen und reichen Gnade Gottes. „Denn der HERR gibt Weisheit; aus seinem Mund kommen Erkenntnis und Verständnis“ (Spr 2,6).
Der Ausdruck „einem anderen“ wird vor jeder Gnadengabe wiederholt. Insgesamt kommt er in den Versen 8 bis 10 achtmal vor. Gott gibt nicht einem einzigen Gläubigen alles. Es ist Gottes Art, dass Er dem einen das und dem anderen jenes gibt. Das macht deutlich, wie sehr wir einander für unser geistliches Leben brauchen. Je mehr wir diese Wahrheit verstehen, desto weniger werden wir in der Gefahr stehen, auf andere wegen ihrer Gabe(n) neidisch zu sein. Denn sie wurde dem anderen zu meinem Nutzen gegeben. Die Tatsache, dass jemand eine Gabe empfangen hat, ist ein Ausdruck der Liebe Gottes zu seinen Kindern. Hat jemand Weisheit empfangen, dann dürfen wir von ihm lernen und uns über seinen weisen Rat freuen. Hat jemand besonderen Glauben, dann dürfen wir uns dadurch in unserem eigenen Glauben stärken lassen. Hat jemand tiefe Erkenntnis, dann freuen wir uns, weil wir die Bibel dadurch besser verstehen können. Wir sollten nicht denken: „Der kann das so gut, warum kann ich das nicht!“, sondern: „Ich freue mich, dass er das kann; es ist mir zum Nutzen.“ Andererseits hat Gott auch dir und mir etwas gegeben, das wiederum anderen zum Nutzen ist. So hat Er es in seiner Gemeinde eingerichtet.
In den Versen 8 und 9 finden wir in Verbindung mit dem Heiligen Geist drei verschiedene Ausdrucksweisen:
- „durch den Geist“: Der Geist ist der Geber der Gaben, durch Ihn haben wir sie empfangen.
- „nach demselben Geist“: Der Geist ist der Maßstab für die Ausübung der Gaben, das heißt, sie sollen auf eine geistliche, nicht auf eine fleischliche Weise ausgeübt werden.
- „in demselben Geist“: Der Geist ist auch die Kraft zur Ausübung der Gaben.
Wort der Weisheit
Weisheit ist die gottgemäße Anwendung der Wahrheit in der Praxis. Das „Wort der Weisheit“ bringt göttliches Licht in eine bestimmte Situation. Es ist die Gabe, das Richtige zur richtigen Zeit auf die richtige Weise zu sagen, um beispielsweise ein bestehendes Problem zur Zufriedenheit aller zu lösen, Wegweisung in einer schwierigen Situation zu geben oder sich weise vor seinen Anklägern zu äußern. Ein Beispiel hierfür finden wir bei Jakobus in Apostelgeschichte 15,13-21. Diese Worte brachten göttliches Licht in eine verzwickte Situation und lösten das bestehende Problem schlagartig.
Wort der Erkenntnis
Das „Wort der Erkenntnis“ ist ein Wort, das biblische Wahrheit richtig und verständlich vermittelt, so dass die Zuhörer in der Erkenntnis des Wortes Gottes wachsen. Das Ziel der Ausübung dieser Gabe ist, dass die Gläubigen den Willen Gottes besser kennenlernen und danach leben. Mangel an Erkenntnis führt zum Niedergang des Volkes Gottes (vgl. Jes 5,13; Hos 4,6). Diese Gnadengabe ähnelt der Lehrgabe in Römer 12,7.
Glaube
Auch der „Glaube“ wird hier als geistliche Gabe aufgezählt. Nach Hebräer 11,1 ist Glauben „eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht“. Es gibt Christen, die die Gnade empfangen haben, ein außergewöhnlich starkes Vertrauen in Gott zu haben. Ein Christ, der diese Gnadengabe empfangen hat, vertraut trotz größter Schwierigkeiten und Hindernisse unerschütterlich auf das, was Gott gesagt hat. Auch diese Gabe gibt der Heilige Geist „zum Nutzen“. Durch den Glauben solcher Geschwister wird uns vor Augen geführt, dass wir in allen Lebenslagen auf Gott vertrauen können und dass Er zu seinen Zusagen steht. Das ermutigt uns, Gott beim Wort zu nehmen und ebenfalls Glaubensschritte zu machen.
Ein Beispiel für jemanden, der diese Gnadengabe sicherlich hatte, ist Georg Müller, der bekannte Waisenvater von Bristol. Er nannte drei Gründe für den Bau der Waisenhäuser. Der erste und wichtigste Grund war, dass Gott dadurch verherrlicht werden möge, dass seine Kinder im Glauben gestärkt werden. Dies ist ein schönes Beispiel für die hier gelehrte Wahrheit, dass der Heilige Geist alle Gaben „zum Nutzen“ gibt.
Die drei Hauptgründe für den Bau eines Waisenhauses sind:
- Dass Gott verherrlicht werden möge, sollte es Ihm gefallen, mich mit den Mitteln auszustatten, so dass man sehen kann, dass es nicht vergeblich ist, Ihm zu vertrauen, und dass dadurch der Glauben seiner Kinder gestärkt werden möge.
- Das geistliche Wohl von vater- und mutterlosen Kindern.
- Ihr diesseitiges Wohl.[9]
Gnadengaben der Heilungen und Wunderwirkungen
Als Nächstes werden „Gnadengaben der Heilungen“ und „Wunderwirkungen“ genannt (1Kor 12,9-10). Bemerkenswert ist, dass von Gnadengaben (vgl. 1Kor 12,28) und Wunderwirkungen in der Mehrzahl die Rede ist. In Hebräer 2,4 spricht der Schreiber im Zusammenhang mit Zeichen, Wundern und Wunderwerken ebenfalls in der Mehrzahl von „Austeilungen des Heiligen Geistes“[10]. Dies ist für das Verständnis dieser Gnadengaben nicht unwichtig. Die Mehrzahlformen weisen darauf hin, dass der Heilige Geist bestimmten Christen in bestimmten Situationen die übernatürliche Kraft gab, eine Heilung zu vollbringen oder ein anderes Wunder zu wirken. Aber die Gabe des „Wunderheilers“, der, wann immer er wollte, Wunderkräfte einsetzen konnte, gab es auch zu neutestamentlichen Zeiten nicht. Dies war keine Personengabe. Das wird auch durch Vers 28 bestätigt:
- 1Kor 12,28: Und Gott hat einige in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wunderkräfte, dann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen.
Nach den Personengaben „Apostel“, „Propheten“ und „Lehrer“ ist nicht von dem „Wunderheiler“ oder Ähnlichem die Rede, sondern von „Wunderkräften“ und „Gnadengaben der Heilungen“. Einige in der Versammlung waren jedoch dazu „gesetzt“. Es gab also Brüder, die Gott benutze, um Heilungen und andere Wunderwerke zu vollbringen. Dazu gehörte insbesondere, Kranke zu heilen, Tote aufzuerwecken und Dämonen auszutreiben (vgl. Mt 10,8; Mk 16,17-18).
Im Neuen Testament gibt es keine Schriftstelle, die ausdrücklich sagt, dass diese Gaben aufgehört haben. Der Gesamtzusammenhang der Heiligen Schrift deutet jedoch stark darauf hin, dass es sich um Gaben der Anfangszeit des Christentums handelte. Zu entscheidenden Zeitpunkten der Heilsgeschichte wirkte Gott durch Zeichen und Wunder, um die Botschaft seiner Boten zu bestätigen:
- Beim Auszug Israels aus Ägypten bestätigte Gott so die Sendung von Mose (2Mo 4,1-5).
- Angesichts von Israels Abfall bestätigte Gott die Botschaft von Elia und Elisa auf ähnliche Weise.
- Der Dienst des Herrn Jesus wurde durch Zeichen und Wunder bestätigt (Apg 2,22).
- Die Entstehung der Gemeinde wurde durch Zeichen und Wunder begleitet (Mk 16,20).
- Zu Beginn des Tausendjährigen Reiches wird es wieder Zeichen und Wunder geben (Heb 6,5).
Während des apostolischen Zeitalters, als die neutestamentlichen Apostel und Propheten Stück für Stück die lehrmäßige Grundlage für die Gemeinde legten und der neutestamentliche Kanon noch nicht abgeschlossen war (Eph 2,20), bestätigte Gott die Verkündiger des Evangeliums durch Zeichen und Wunder. Dies diente als Zeichen für die Ungläubigen, dass das Evangelium von Gott stammte und die Gemeinde sein Werk war. Gläubige Männer wie Epaphroditus, Timotheus und Trophimus heilte Paulus dagegen nicht (Phil 2,26-27; 1Tim 5,23; 2Tim 4,20). Jetzt, da das Fundament gelegt ist und wir das vollständige Wort Gottes in unseren Händen haben, ist diese Bestätigung nicht mehr erforderlich. In Johannes 20,30-31 heißt es:
- Joh 20,30-31: Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor seinen Jüngern getan, die nicht in diesem Buch geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend Leben habt in seinem Namen.
Es müssen heute keine Zeichen mehr zur Bestätigung des Evangeliums geschehen. Sie sind vielmehr „geschrieben, damit ihr glaubt“. Gottes Wort ist seine eigene Bestätigung. Jeder, der dieses Buch mit aufrichtigem Herzen liest, wird die Wahrheit des Evangeliums erkennen.
Bereits im Hebräerbrief, der vor dem Jahr 70 n.Chr. geschrieben wurde, wird im Rückblick von den Wundergaben gesprochen (Heb 2,4). Sie standen zu diesem Zeitpunkt offensichtlich bereits nicht mehr im Vordergrund. Der Ausdruck „Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“ in Hebräer 6,5 zeigt außerdem, dass Wunderwerke nicht kennzeichnend für das Gemeindezeitalter sind, sondern erst im zukünftigen Zeitalter der messianischen Herrschaft wieder von Gott gewirkt werden.
Der erste Korintherbrief gehört zu den ersten Briefen, die Paulus geschrieben hat (um 55/56 n.Chr.). Aus diesem Grund geht er in diesem Brief besonders auf die Gnadengaben ein, die in der Anfangszeit eine große Rolle spielten. Dies ist auch der einzige Brief, in dem die Gabe des Sprachenredens und die Gabe der Sprachenauslegung erwähnt werden.
Unterscheidungen der Geister[11]
In 1. Johannes 4,1 werden wir alle dazu aufgefordert, die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind. Wie die Priester im Alten Testament sollen wir unterscheiden können „zwischen dem Heiligen und dem Unheiligen und zwischen dem Unreinen und dem Reinen“ (3Mo 10,10). Wenn wir nahe beim Herrn leben und die Schrift erforschen, wird unser geistliches Unterscheidungsvermögen wachsen (Heb 5,14).
Darüber hinaus gibt es Gläubige, die von Gott die Gabe der „Unterscheidungen der Geister“ empfangen haben. Sie sind von Gott befähigt, besonders gut beurteilen zu können, welcher Art Geist jemanden leitet oder aus welcher Quelle jemand redet, ob aus Gott oder nicht. Diese Gabe zeigt sich besonders dann, wenn die Botschaft von Gott zu sein scheint und die meisten die wahre Quelle nicht erkennen würden. Beispiele für die Ausübung dieser Gabe finden sich wahrscheinlich in Apostelgeschichte 8,18-23; 16,16-18.
Arten von Sprachen
Das Sprachenreden war ebenfalls eine Zeichengabe der Anfangszeit. In Markus 16,17 wird diese Gnadengabe durch den Herrn angekündigt. In der Apostelgeschichte (Apg 2,4-11; 10,46; 19,6) finden wir drei Beispiele für die Ausübung dieser Gabe. In 1. Korinther 12 bis 14 entfaltet Paulus anlässlich der Missstände in der Gemeinde in Korinth die Lehre über das Sprachenreden. Diese Gnadengabe bestand darin, in fremden Sprachen sprechen zu können, die man nicht gelernt hatte (Apg 2,4-11). Darauf weist auch der Ausdruck „Arten [griech. genos] von Sprachen“ hin, der sich auf die verschiedenen Gattungen oder Familien existierender Sprachen bezieht.[12]
Die Schlüsselverse, um den Sinn und Zweck der Sprachengabe zu verstehen, also warum Gott diese Gnadengabe überhaupt gegeben hat, finden sich in 1. Korinther 14,21-22:
- 1Kor 14,21-22: In dem Gesetz steht geschrieben: „Ich will in anderen Sprachen und durch andere Lippen zu diesem Volk reden, und auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.“ Daher sind die Sprachen zu einem Zeichen, nicht den Glaubenden, sondern den Ungläubigen; die Weissagung aber nicht den Ungläubigen, sondern den Glaubenden.
Der Apostel Paulus zitiert hier Jesaja 28,11-12.[13] Im Kontext dieser Stelle kündigt Gott dem Volk Israel an, aufgrund ihrer Sünden die Assyrer über sie zu bringen. Durch die assyrische Invasion würden sie in ihrem eigenen Land Menschen mit einer Sprache hören, die sie nicht verstehen konnten – nämlich die Sprache der Assyrer. Dies würde ein Zeichen für das Gericht Gottes sein, das über ihnen lag. Zuvor hatte Gott durch Propheten in hebräischer Sprache zu ihnen gesprochen, doch darauf hatten sie nicht gehört. Nun würden sie die fremde Sprache eines feindlichen Volkes hören. Aber auch das würde sie nicht zur Umkehr bewegen: „Und auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.“
Paulus bezieht sich auf diese Prophezeiung [des Jesaja], um die Bedeutung des Sprachenredens zu erklären. Dabei müssen wir beachten, dass das Sprachenreden keine Erfüllung dieser Jesaja-Stelle ist. Wie oben ausgeführt, geht es in Jesaja 28 um das Gericht durch die Assyrer. Der Apostel zieht lediglich eine Parallele zum Geschehen in seiner Zeit: „Daher sind die Sprachen zu einem Zeichen, nicht den Glaubenden, sondern den Ungläubigen.“ Dass Gott die Sprachengabe gab und am Pfingsttag und danach in fremden Sprachen zum Volk Israel sprach, die sie nicht verstehen konnten, war – wie im Kontext von Jesaja 28 – ein Zeichen des Gerichts. Es war ein Zeichen für die ungläubigen Juden, die ihren Messias verworfen und gekreuzigt hatten. Es war ein Weckruf für ihre Gewissen, dass Gottes Gericht auf ihnen lag und sie umkehren mussten. Gott sprach im Zentrum des jüdischen Gottesdienstes, in Jerusalem, in fremden Sprachen zu ihnen. Er ließ seine „großen Taten“ nicht auf Hebräisch, sondern in fremden Sprachen verkündigen (Apg 2,11). Sie mussten erkennen, dass Hebräisch nicht mehr die einzige Sprache sein würde, in der man Gott künftig erheben würde. Am Pfingsttag wurde der enge Rahmen Israels gesprengt und angedeutet, dass Gott seine Gnade nun allen Völkern zuteilwerden lassen würde. Doch es kam erneut so, wie Jesaja 28,12 vorhergesagt hatte: „Und auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.“ Das Volk Israel tat keine Buße, was in der Steinigung von Stephanus endgültig deutlich wurde.[14]
Wenn wir den Sinn und Zweck des Sprachenredens verstanden haben, verwundert es nicht, dass alle Stellen in der Apostelgeschichte, in denen das Sprachenreden vorkommt, mit Juden in Verbindung stehen:
- In Apostelgeschichte 2 hörten Juden aus allen Nationen, wie die großen Taten Gottes in ihren eigenen Sprachen verkündigt wurden.
- In Apostelgeschichte 10 hörten Juden, wie Heiden Gott in Sprachen priesen, nachdem sie den Heiligen Geist empfangen hatten. Dadurch erkannten sie, dass Gott auch den Nationen die Buße zum Leben gegeben hat (Apg 11,18).
- In Apostelgeschichte 19 handelt es sich ebenfalls um Juden, die bis zu diesem Zeitpunkt nur die Taufe des Johannes empfangen hatten. Nun hörten sie von Jesus, empfingen den Heiligen Geist und redeten daraufhin in Sprachen.
Vor dem Hintergrund des Zwecks der Sprachengabe ist es ebenfalls nicht überraschend, dass es keine Bibelstelle gibt, die das Sprachenreden direkt mit der Verkündigung des Evangeliums verbindet:
- In Apostelgeschichte 2,11 wurden die großen Taten Gottes verkündigt.
- In Apostelgeschichte 10,46 wurde Gott erhoben.
- In Apostelgeschichte 19,6 wurde geweissagt.
Der Hauptzweck der Sprachengabe war nämlich nicht, fremde Völker mit dem Evangelium zu erreichen, sondern sie diente als Zeugnis für die ungläubigen Juden. Nachdem das Sprachenreden seinen Zweck erfüllt hatte, sollte es im Laufe der Zeit abklingen und aufhören (1Kor 13,8).
Es gibt die Ansicht, dass die Sprachengabe in 1. Korinther 12 bis 14 eine andere sei als die in Apostelgeschichte 2 erwähnte Sprachengabe. Dass es sich in Apostelgeschichte 2 um das Sprechen existierender Fremdsprachen handelt, ergibt sich eindeutig aus dem Bibeltext und kann nicht geleugnet werden (Apg 2,8.11). Diejenigen, die in den beiden Stellen zwei verschiedene Gaben sehen wollen, versuchen, das in heutiger Zeit praktizierte „Zungenreden“, bei dem unverständliche Laute von sich gegeben werden, biblisch zu begründen. Allerdings verwendet der Apostel Paulus in 1. Korinther 12 bis 14 denselben griechischen Ausdruck wie Lukas in der Apostelgeschichte (glossa). Hinzu kommt, dass Lukas ein eng vertrauter Mitarbeiter des Apostels Paulus war und die Apostelgeschichte schrieb, nachdem Paulus den ersten Korintherbrief verfasst hatte. Wenn es sich in der Apostelgeschichte tatsächlich um eine andere Gabe handeln würde, wäre es kaum denkbar, dass der Heilige Geist Lukas leitete, ohne einen erklärenden Hinweis denselben griechischen Ausdruck wie Paulus im ersten Korintherbrief zu verwenden. Es handelt sich demnach in der Apostelgeschichte und im ersten Korintherbrief um dieselbe Gnadengabe, nämlich das Sprechen real existierender Sprachen, ohne sie gelernt zu haben.
Auslegung der Sprachen
Während jemand durch die Gabe des Sprachenredens eine Sprache sprechen konnte, die er nicht gelernt hatte, konnte jemand durch die Gabe der „Auslegung der Sprachen“ eine Sprache verstehen, die er nicht gelernt hatte, und das Gesagte sprachlich und inhaltlich übersetzen. Es handelte sich nicht um eine reine Übersetzungsgabe, sondern umfasste auch die Erklärung des Gesagten.
Die Gabe des Sprachenredens und die Gabe der Auslegung der Sprachen waren zwei unterschiedliche geistliche Gaben. Wenn jemand in Sprachen redete, bedeutete das nicht, dass er die Worte, die er aussprach, auch selbst verstehen konnte. Deshalb war es unter Umständen nötig, dass der Sprachenredner Gott darum bat, das in der Sprache Gesagte auslegen zu können (1Kor 14,13), wenn in den Gemeindezusammenkünften niemand anwesend war, der die Gabe der Auslegung hatte (1Kor 14,28) und er sie auch selbst nicht besaß. Dies bestätigt, dass die Gabe der Auslegung die geistliche Fähigkeit war, das in einer Sprache Gesagte verstehen, übersetzen und erklären zu können, ohne die Sprache gelernt zu haben. Beide Gnadengaben konnten auch in einer Person zusammenfallen (1Kor 14,5).
Diese Gesichtspunkte machen deutlich, dass die Annahme, der Sprachenredner habe das von ihm Gesagte immer auch verstanden, nicht zutreffend ist. Wäre das der Fall, warum dann noch die Gabe der Auslegung der Sprachen? Denn wenn der Sprachenredner die Fremdsprache so verstanden hätte wie eine Sprache, die er jahrelang gelernt hat, hätte er sie auch ohne weiteres in seine Muttersprache übersetzen und den Sinn des Gesagten angeben können. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es in Apostelgeschichte 2,4 heißt: „wie der Geist ihnen gab auszusprechen“. Die Gabe des Sprachenredens bestand darin, die fremde Sprache auszusprechen. Es war ein „Sprechwunder“. Das Verstehen der Sprache war nicht automatisch inbegriffen, sondern erforderte zusätzlich die Gabe der Auslegung der Sprachen.
Der Geist teilt souverän aus (V. 11)
1Kor 12,11: Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will.
Jede geistliche Fähigkeit in der Gemeinde wird durch den Heiligen Geist bewirkt. Der Geist wirkt Vielfalt. Es ist wichtig, dass in der Gemeinde Raum gelassen wird, damit die Vielfalt der Wirkungen des Geistes zum Ausdruck kommen kann und nicht durch menschliche Reglementierungen verhindert wird. Diese Verse beziehen sich allerdings nicht nur auf die Zusammenkünfte als Gemeinde, sondern auf das Gemeindeleben insgesamt. Gott möchte in seinem Volk wirken, zu seiner Ehre und zu unserem Segen. Und das tut Er durch die einzelnen Glieder. Dafür hat Er uns Gnadengaben gegeben.
Wir konnten uns unsere Gnadengabe(n) nicht aussuchen. Der Heilige Geist teilt sie aus, und Er tut das, „wie er will“. Er handelt souverän. Er gibt dem einen diese und dem anderen jene Gabe, und zwar so, wie Er es in seiner Weisheit für richtig hält.[15] Auch in 1. Korinther 12,18, wo es um den individuellen Platz geht, den wir am Leib Christi empfangen haben, wird Gottes Souveränität betont: „Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, jedes einzelne von ihnen an dem Leib, wie es ihm gefallen hat.“ Lasst uns dankbar und zufrieden sein mit dem Platz, den Gott uns zugeteilt hat. Sein Handeln ist immer vollkommen.
Der Geist hat die Gaben „einem jeden insbesondere“ ausgeteilt. Das Wort „insbesondere“ (griech. idios) kann auch mit „eigen, eigentümlich, dem Einzelnen gehörig, persönlich, jedem besonders“ übersetzt werden.[16] Das bedeutet: Der Heilige Geist gibt die Gaben ganz individuell, zugeschnitten auf den einzelnen Christen. Jede Gabe ist einzigartig.
Wenn wir 1. Korinther 12,7-10 sorgfältig lesen, fällt auf, dass nicht einfach nur Gnadengaben aufgezählt werden. Es geht einen Schritt weiter: Der Heilige Geist wirkt in den Gläubigen, denen Er eine Gabe gegeben hat, damit diese zum Nutzen anderer ausgeübt wird. Ausgangspunkt dieser Aufzählung ist Vers 7, wo es heißt, dass einem jeden „die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben“ wird. Wie oben ausgeführt, ist damit gemeint, dass die Wirksamkeit des Geistes im Dienst der Gläubigen wahrnehmbar und erfahrbar wird. In diesem Abschnitt liegt der Schwerpunkt also auf der Ausübung der Gaben. Das wird auch dadurch deutlich, dass in Vers 8 von dem „Wort der Weisheit“ und dem „Wort der Erkenntnis“ die Rede ist. Es geht also nicht nur darum, dass jemand Weisheit oder Erkenntnis als Gabe empfängt, sondern er empfängt ein Wort der Weisheit oder ein Wort der Erkenntnis, das er dann zum Nutzen der Geschwister weitergibt. Empfang und Ausübung einer Gabe sind untrennbar miteinander verbunden. Der Heilige Geist teilt eine Gabe aus und wirkt dann auch entsprechend in dem Gläubigen, damit dieser seine Gabe ausübt.
Zusammenfassung wichtiger Schlüsselwörter
In 1. Korinther 12,7-11 haben wir fünf wichtige Schlüsselwörter gefunden:
- „einem jeden“ (1Kor 12,7.11): Gott will jeden von uns gebrauchen, jeder ist zum Dienen berufen.
- „zum Nutzen“ (1Kor 12,7): Gott gibt die Gaben zum Nutzen für andere.
- „gegeben“ (1Kor 12,8): Wir haben nichts, was wir nicht empfangen haben. Wir können uns nichts darauf einbilden.
- „einem anderen“ (1Kor 12,8-10): Gott gibt niemandem alles; wir brauchen einander und ergänzen uns.
- „insbesondere“ (1Kor 12,11): Gott hat jedem von uns individuell zugeschnittene geistliche Fähigkeiten gegeben.
1. Korinther 12,28-31
Gott hat die Gaben eingesetzt (V. 28)
1Kor 12,28: Und Gott hat einige in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wunderkräfte, dann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen.
In 1. Korinther 12,18 lesen wir, dass Gott jedes einzelne Glied an dem Leib gesetzt hat, wie es Ihm gefallen hat. Gott hat jedem Gläubigen einen speziellen Platz mit Aufgaben am Leib Christi gegeben. Jedes Glied ist wichtig. Es gibt jedoch unter den Gläubigen „einige“, die Gott in der Gemeinde mit speziellen Gaben und Aufgaben ausgestattet hat. Das Wort „einige“ zeigt, dass dies nur eine bestimmte Anzahl von Gläubigen betrifft.
Apostel, Propheten, Lehrer
Hier sind die Personen selbst die Gabe (vgl. Eph 4,11). Paulus stellt die Apostel, Propheten und Lehrer in einer Dreiergruppe zusammen. Dies wird durch die Formulierung „erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer“ besonders betont. Dies zeigt, dass diese drei Personengaben in einer sehr engen Beziehung zueinander stehen. Die Hauptaufgabe der Apostel und Propheten bestand darin, die neutestamentliche Wahrheit in inspirierter Form mündlich zu verkündigen und dann auch schriftlich niederzulegen. Durch ihren Dienst haben sie die Grundlage gelegt, auf der die Gemeinde Gottes steht. Diese Grundlage ist Christus und die in Ihm offenbarte Wahrheit (Eph 2,20; 3,5; 1Kor 3,10-11). Das Ergebnis ihres Dienstes halten wir mit den Schriften des Neuen Testaments in unseren Händen. Somit war ihr Dienst mit der Vollendung des Wortes Gottes abgeschlossen (Kol 1,25). Daher gibt es heute keine Apostel mehr und auch keine Propheten in dem hier genannten Sinn.[17] Die enge Verbindung zum Lehrer besteht darin, dass es bis heute seine Aufgabe ist, die von den Aposteln und Propheten im Neuen Testament niedergelegte Wahrheit zu verkündigen und zu erklären.
Die Apostel werden immer zuerst genannt. Es gab dreizehn Apostel: die zwölf Jünger (wobei Matthias Judas ersetzte, Apg 1,26) und Paulus. Eine wesentliche Voraussetzung für die Berufung zum Apostel war, dass man den auferstandenen Herrn gesehen haben musste (Apg 1,21-22; 9,1-9; 1Kor 9,1; 15,8). Die Apostel waren die führenden Werkzeuge Gottes darin, das lehrmäßige Fundament für die Gemeinde zu legen (Apg 2,42). Es waren auch besonders die Apostel, die Gott berufen hatte, das göttliche Wort durch Zeichen und Wunder zu bestätigen (2Kor 12,12). Ein wesentlicher Unterschied zu den Propheten bestand darin, dass die Apostel eine besondere amtliche Autorität hatten. Die Apostel verkündigten nicht nur mündlich und schriftlich die offenbarte Wahrheit Gottes, sondern sie konnten auch mit von Gott verliehener Autorität auf deren Einhaltung bestehen. Ein Apostel konnte verbindliche Anordnungen für Einzelpersonen und ganze Gemeinden treffen, die göttliche Autorität hatten; er konnte gebieten und verbieten (1Kor 7,17; 11,34; 16,1; 1Tim 2,12; 6,13; Phlm 8). Dies war zu Beginn der Gemeindezeit ein wichtiger und erforderlicher Dienst, da der neutestamentliche Kanon noch im Entstehen war. Mit Blick auf die Zukunft befiehlt Paulus die Ältesten von Ephesus jedoch nicht dem Dienst von etwaigen nachrückenden Aposteln, sondern dem Wort Gottes an (Apg 20,32). Mit dem Tod des Apostels Johannes ging das apostolische Zeitalter zu Ende. Es war einzigartig und kann nicht wiederholt werden.
Bei den hier genannten Propheten handelt es sich um neutestamentliche Propheten. Sie waren Werkzeuge der Anfangszeit, die Gott neben den Aposteln benutzte, um inspiriertes Wort entweder mündlich weiterzugeben oder niederzuschreiben (Röm 16,26; weitere Stellen siehe oben). Beispiele sind die Propheten Lukas, Markus, Judas und Jakobus, die neben dem mündlichen Dienst auch dazu benutzt wurden, Teile des Wortes Gottes aufzuschreiben.
Hilfeleistungen
Die Gnadengabe der „Hilfeleistungen“ umfasst alle Dienste zur praktischen Unterstützung von Gläubigen und Mitmenschen, beispielsweise handwerkliche Dienste, Dienste im Haushalt, Botendienste oder Einkaufsdienste. Grundsätzlich sollen wir alle bereit sein, solche Dienste zu leisten, soweit wir dazu in der Lage sind. Es gibt jedoch Christen, die von Gott besonders begabt sind, Dienste der Hilfeleistung zu tun. Sie haben ein besonders gutes Auge für vorhandene Bedürfnisse und notwendige Hilfsdienste und die besondere Begabung, im richtigen Moment selbstlos anzupacken, wodurch andere ermutigt werden und das Band der Liebe zueinander gestärkt wird. Diese Gabe weist Ähnlichkeiten mit der Gnadengabe des „Dienstes“ (Diakonie) in Römer 12,7 auf. Dass mit einem Dienst der Hilfeleistung große Opfer verbunden sein können, zeigt sich am Beispiel von Epaphroditus, der sein Leben riskierte und beinahe gestorben wäre, um Paulus die finanzielle Gabe der Philipper zu überbringen (Phil 2,25-30).
Regierungen[18]
Das Wort „Regierungen“ (griech. kybernesis) kann auch mit „Steuerungen“ oder „Lenkungen“ übersetzt werden. Es ist abgeleitet von einem Wort, das „ein Schiff steuern“ bedeutet.[19] Es handelt sich um eine Gnadengabe, die zur Übernahme von Führungsaufgaben in der Gemeinde befähigt – vergleichbar mit einem Steuermann, der ein Schiff lenkt. Diese Führung wird vor allem durch Älteste ausgeübt, aber nicht nur durch sie. Diese Gabe ähnelt zwar der Gabe des Vorstehens in Römer 12,8, es handelt sich jedoch nicht um identische Gaben. Die Gabe der Regierungen verleiht allgemein die Fähigkeit, in den verschiedenen Bereichen des Gemeindelebens und des Werkes des Herrn in einer guten und geistlichen Weise zu lenken und zu steuern, beispielsweise auch innerhalb eines Missionswerkes oder in einer Kinder- oder Jugendstunde. Die Mehrzahlform „Regierungen“ ergibt sich aus den verschiedenen Tätigkeiten der Leitung und Steuerung, die eine Führungsaufgabe ausmachen. Dieser Dienst ist unentbehrlich. Wie bei einem Steuermann, der ein Schiff lenkt, wächst besonders in den Stürmen des Gemeindelebens die Bedeutung guter Führer.
Die Gaben sind vielfältig – nicht jeder kann alles (V. 29-30)
1Kor 12,29-30: Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle Wunderkräfte? Haben alle Gnadengaben der Heilungen? Reden alle in Sprachen? Legen alle aus?
Dies sind rhetorische Fragen, die allesamt mit „Nein“ zu beantworten sind. Der Apostel betont hier, dass nicht jeder alles ist oder kann. Es ist wichtig, das zu verstehen. Denn nur, wenn wir unseren Platz am Leib Christi kennen und die Aufgaben ausführen, die wir ausführen sollen, kann der Segen Gottes frei fließen. Es wird immer zum Schaden sein, wenn wir Aufgaben ausführen, für die Gott uns nicht begabt hat.
Innerhalb der sogenannten Pfingstbewegung gibt es die Ansicht, dass alle Christen in Sprachen („Zungen“) reden müssten. Dies sei ein notwendiges äußeres Zeichen der Taufe mit dem Heiligen Geist. Paulus fragt jedoch: „Reden alle in Sprachen?“ Die Antwort lautet: Nein. Bereits in 1. Korinther 12,10 hatte Paulus geschrieben, dass der Geist „einem anderen Arten von Sprachen“ gibt. Die Gabe des Sprachenredens war eine von vielen Gaben innerhalb der Vielfalt im Leib Christi. Die Ansicht, dass alle Gläubigen in Sprachen reden müssten, ist mit dieser Vielfalt unvereinbar.
Es fällt auf, dass Paulus die Gaben der „Hilfeleistungen“ und „Regierungen“ bei diesen rhetorischen Fragen nicht wiederholt. Dies hat einen natürlichen Grund. Bei den anderen Gaben ist der Besitz der Gabe zwingende Voraussetzung, um die damit verbundenen Dienste ausführen zu können. Nur Apostel, Propheten und Lehrer konnten beziehungsweise können die entsprechenden Dienste ausführen. Wer nicht zum Lehren begabt ist, kann keinen öffentlichen Lehrdienst ausüben. Nur wer eine Gnadengabe der Wunderkräfte, der Heilungen oder des Sprachenredens empfangen hatte, konnte Wunder wirken oder in Sprachen reden. Dienste der Hilfeleistung kann und soll dagegen jeder Christ tun, wenngleich es Christen gibt, die Gott speziell dafür ausgerüstet hat. Auch bei Führungsaufgaben können Situationen eintreten, in denen Brüder besondere Verantwortung übernehmen und vorangehen müssen, selbst wenn sie nicht die Gabe der Regierungen empfangen haben, beispielsweise wenn bestimmte Brüder ausfallen oder schlichtweg keine Brüder mit dieser speziellen Gabe vorhanden sind.
Eifer und Liebe (V. 31)
1Kor 12,31: Eifert aber nach den größeren Gnadengaben; und einen noch weit vortrefflicheren Weg zeige ich euch.
Dass wir nach den größeren Gnadengaben eifern sollen, bedeutet nicht, dass wir danach streben sollen, eine größere Gnadengabe zu empfangen als die, die Gott uns gegeben hat. Eine solche Auslegung würde der zuvor in diesem Kapitel gegebenen Belehrung widersprechen, dass Gott jedes Glied am Leib Christi gesetzt hat und wir mit dem uns gegebenen Platz und den uns anvertrauten Gaben zufrieden sein sollen (1Kor 12,11.18). Vielmehr ist gemeint, dass wir danach eifern sollen, dass in der Gemeinde die größeren Gnadengaben zur Ausführung kommen. Die „größeren Gnadengaben“ sind diejenigen, die einen größeren geistlichen Nutzen für die Gläubigen haben. Dabei denkt der Apostel an das Problem, dass die Korinther in den Zusammenkünften der Gemeinde übermäßig das Sprachenreden praktizierten, obwohl die Ausübung anderer Gaben, insbesondere der Gabe der Weissagung, einen weit größeren Nutzen für die Gemeinde gehabt hätte (vgl. 1Kor 14,1-5).
Der „noch weit vortrefflichere Weg“ ist der Weg der Liebe. In 1. Korinther 13 stellt Paulus diesen Weg mit eindrucksvollen Worten vor. Er stellt hier keinen Gegensatz zwischen den Gaben und der Liebe auf, als wären die Gaben letztlich doch nicht so wichtig und es käme nur auf die Liebe an. Vielmehr macht er deutlich, dass es der weit vortrefflichere Weg ist, die Gaben in Liebe auszuüben. Die Liebe ist das größte und wichtigste Motiv zur Ausübung aller Gaben. Daran mangelte es bei den Korinthern leider sehr. Dies war der Anlass für diese Belehrungen. Wie sieht es bei dir und bei mir aus? Paulus spricht von einem „Weg“. Es geht nicht nur um einzelne Werke der Liebe, sondern um einen Lebensweg im Dienst für andere, der von der Liebe Christi geprägt ist.
Epheser 4,7-16
Jeder hat Gnade zum Dienst empfangen (V. 7)
Eph 4,7: Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.
Nachdem der Apostel Paulus in Epheser 4,1-6 über die Einheit des Leibes gesprochen hat, vollzieht er in Vers 7 den Übergang zur Beschreibung der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der einzelnen Glieder.
Jeder Einzelne von uns (es gibt keine Ausnahme!) hat von Christus ein bestimmtes Maß an Gnade empfangen. Das ist die Gnade, die wir benötigen, um unsere Aufgabe am Leib Christi auszuüben. Jeder von uns wurde vom Herrn mit der dafür nötigen Gnade ausgestattet. Deshalb ist jeder von uns gefragt! Kein Christ kann sagen, dass er keinen Dienst für den Herrn hat. Die Gnade ist uns bereits „gegeben worden“. Wir müssen nur zum Dienst bereit sein und diese Gnade im Glauben in Anspruch nehmen.
Sie ist uns „nach dem Maß der Gabe des Christus“ gegeben worden. Jeder von uns hat ein bestimmtes Maß empfangen. Dieses Maß hat Christus bestimmt. Er hat dies in seiner Weisheit und Souveränität getan. Er hat dabei keinen Fehler gemacht. Lasst uns daher unseren Platz am Leib Christi erkennen und von Herzen annehmen. Wir sollten weder über das uns zugeteilte Maß hinausgehen noch dahinter zurückbleiben (vgl. Röm 12,3). Dann werden wir ein Segen für andere sein.
Der Sieg Christi (V. 8-10)
Eph 4,8-10: Darum sagt er: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben. Das aber: Er ist hinaufgestiegen, was ist es anderes, als dass er auch hinabgestiegen ist in die unteren Teile der Erde? Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er alles erfüllte.
In diesem Zusammenhang zitiert Paulus Psalm 68,19. Nach vollbrachtem Erlösungswerk ist der Herr Jesus „hinaufgestiegen in die Höhe“. Er ist in den Himmel zurückgekehrt und hat sich zur Rechten Gottes gesetzt (Mk 16,19; Eph 1,20; 1Pet 3,22). Er hat die „Gefangenschaft gefangen geführt“, das heißt, Er hat den Teufel besiegt und die Erlösten aus seiner Gewalt befreit (vgl. Heb 2,14-15; Apg 26,18; Kol 1,13). Vom Himmel aus hat Er als der Verherrlichte den Menschen Gaben gegeben – ein Beweis seiner Macht und seines Sieges über Satan. Mit „Gaben“ (griech. doma) sind hier nicht, wie in Römer 12,6 und 1. Korinther 12,4, „Gnadengaben“ (griech. charisma) gemeint, also geistliche Fähigkeit, die den Gläubigen verliehen werden, sondern Personen, die den Menschen als Gaben gegeben werden (Eph 4,11). Diese Personengaben sind vor allem den gläubigen Menschen gegeben (Eph 4,12-14), doch wir können dabei auch an den Dienst des Evangelisten denken, der sich an die Ungläubigen richtet. Inmitten des Herrschaftsbereichs Satans gibt der verherrlichte Herr Gaben, damit weitere Menschen aus seiner Gewalt befreit und dann als Gläubige erbaut und vollendet werden. Welch ein Triumph Christi!
Der Weg des Herrn Jesus führte durch Leiden zur Herrlichkeit. Bevor Er in die Höhe hinaufgestiegen ist, war Er „hinabgestiegen … in die unteren Teile der Erde“. Er erniedrigte sich selbst, wurde Mensch und stieg hinab in die Tiefen des Todes. Der, der sich so erniedrigt hatte, ist derselbe, der „hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er alles erfüllte“. Derselbe, der sich zum Niedrigsten von allen gemacht hatte, ist jetzt der über alles und alle Erhöhte. Der Ausdruck „alles erfüllte“ kann zweierlei bedeuten: Als der Erhöhte zur Rechten Gottes erfüllt Christus alles – die sichtbare und die unsichtbare Welt. Es kann aber auch bedeuten, dass Er die Pläne Gottes zur Erfüllung bringt, was beispielsweise auch darin zum Ausdruck kommt, dass Er vom Himmel aus den Menschen Gaben gibt.
Der verherrlichte Christus gibt Gaben (V. 11)
Eph 4,11: Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer.
Diese Gaben hat der verherrlichte Christus zur Auferbauung seines ganzen Leibes gegeben (Eph 4,12). Im Unterschied zu den in 1. Korinther 12 erwähnten Zeichen- und Wundergaben, die das Wirken Gottes in der Anfangszeit bestätigten (vgl. Heb 2,4), wurden die hier genannten Gaben – Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer – ausschließlich zur Förderung des geistlichen Wachstums der Gemeinde gegeben.
Mit den Aposteln und Propheten haben wir uns bereits in 1. Korinther 12,28-29 befasst. Die drei anderen hier genannten Gaben – Evangelisten, Hirten und Lehrer – bleiben bis zur Wiederkunft Jesu bestehen. Man kann die Apostel und Propheten als die grundlegenden Gaben und die Evangelisten, Hirten und Lehrer die aufbauenden Gaben bezeichnen.
Evangelisten
Der Evangelist verkündigt den verlorenen Sündern die Heilsbotschaft von Jesus Christus. Sein Dienst richtet sich in erster Linie an die verlorene Welt, damit sich Menschen aus der Finsternis zum Licht und aus der Gewalt Satans zu Gott bekehren. Auch wenn sich der Dienst des Evangelisten in erster Linie an die Verlorenen richtet, ist auch er als Gabe gegeben „zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus“ (Eph 4,12). Durch seinen Dienst werden Menschen der Gemeinde hinzugefügt. In der Gemeinschaft der Heiligen soll der Neubekehrte geistlich wachsen und lernen, mit seinen Fähigkeiten und Gaben zu dienen (Eph 4,16). Gottes Ziel ist nicht allein die Errettung eines Menschen, sondern seine Errettung und geistliche Vollendung. Dies sollte ein Evangelist immer vor Augen behalten. Er dient der Gemeinde jedoch nicht nur dadurch, dass Menschen sich bekehren und hinzugetan werden. Er ist auch ein Ansporn für alle, evangelistisch aktiv zu sein. Wir können von ihm lernen, wie wir die Botschaft des Heils zum Segen für die Verlorenen weitergeben können.
Jeder Evangelist ist eine einzigartige Gabe des Herrn. Kein Evangelist ist wie der andere. Der Dienst als Evangelist kann ganz unterschiedliche Ausprägungen haben. Der eine Evangelist ist besonders dazu begabt, das Evangelium öffentlich zu predigen, sei es auf der Straße oder bei Raum- oder Zeltevangelisation. Ein anderer hat die besondere geistliche Fähigkeit, das Evangelium in persönlichen Gesprächen und Kontakten weiterzugeben. Es ist zwar die Aufgabe aller Christen, das Evangelium weiterzugeben. Es gibt jedoch Christen, die hierzu vom Herrn besonders berufen und begabt sind. Im Neuen Testament wird nur Philippus ausdrücklich als „Evangelist“ bezeichnet (Apg 21,8). Zu Timotheus sagt Paulus, dass er das „Werk eines Evangelisten“ tun soll (2Tim 4,5).
Hirten und Lehrer
In der Praxis folgt auf den Dienst des Evangelisten der Dienst des Hirten und Lehrers. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass diese drei Gaben in dieser Reihenfolge genannt werden.
Der Hirte ist besonders dazu berufen und begabt, einzelnen Gläubigen in ihren persönlichen Bedürfnissen, Problemen und Fragen mit Gottes Wort zu dienen. Er kümmert sich aufopfernd um die Gläubigen. Er führt sie, gibt ihnen geistliche Nahrung, beschützt sie vor Gefahren und geht ihnen nach, wenn sie sich verirrt haben. Er ist für sie da und nimmt sich Zeit für sie. Dabei hat er nicht nur die Herde insgesamt im Blick, sondern auch den Einzelnen. Das große Vorbild jedes Hirten ist der Herr Jesus, „der große Hirte der Schafe“ (Heb 13,20).
Der Lehrer hat die besondere Begabung, die Lehre der Heiligen Schrift und die biblischen Zusammenhänge verständlich so zu erklären, so dass die Gläubigen die Wahrheit aufnehmen können und geistlich erbaut werden. In 1. Korinther 12,28 sehen wir, dass die Apostel, Propheten und Lehrer in einer Dreiergruppe zusammengestellt werden. Hier werden die Hirten und Lehrer miteinander verbunden. Nach den Hirten lesen wir in Epheser 4,11 nicht: „und andere als Lehrer“, sondern es heißt: „Hirten und Lehrer“. Durch den gemeinsamen Artikel [„anderer“] nur vor „Hirten“ werden diese beiden Gaben zu einer Gruppe zusammengefasst.[20] Der Hirte und der Lehrer sind durchaus zwei verschiedene Gaben, jedoch sind sie sehr eng miteinander verbunden. Denn ein Hirte muss die Lehre kennen, um den Schafen biblisch dienen zu können, und ein Lehrer braucht ein Hirtenherz. In Markus 6,34 finden wir ein sehr schönes Beispiel für die Verbindung von Hirtenherz und Lehrdienst im Leben Jesu:
- Mk 6,34: Als er ausstieg, sah er eine große Volksmenge, und er wurde innerlich bewegt über sie, weil sie wie Schafe waren, die keinen Hirten haben. Und er fing an, sie vieles zu lehren.
Der Zweck der Gaben – Zurüstung und Wachstum (V. 12)
Eph 4,12: … zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus.
In Epheser 4,12-14 erfahren wir, zu welchem Zweck Christus die Gaben gegeben hat und welche Auswirkungen der Dienst der Gaben haben soll. Dabei können wir einen inneren (Eph 4,12-13) und einen äußeren Bereich (Eph 4,14) unterscheiden.
„Zur Vollendung der Heiligen“: Das Wort „Vollendung“ (griech. katartismos) kann auch mit „Zubereitung“, „Ausrüstung“ oder „Zurüstung“ übersetzt werden.[21] Es bedeutet Vollendung in dem Sinne, dass die Heiligen durch die Gaben geistlich so gefördert und vorangebracht werden, dass sie für das Glaubensleben und den Dienst völlig zugerüstet sind.[22]
„Für das Werk des Dienstes“: Das „Werk des Dienstes“ ist hier ganz allgemein und umfassend zu verstehen. Durch den Dienst der Gaben wächst und gedeiht das Werk des Herrn. Die Gläubigen werden dadurch zum Dienst ausgerüstet. Einige Beispiele:
- Durch den Dienst der Evangelisten kommen Menschen zum Glauben, die wiederum Diener des Herrn werden (vgl. 1Thes 1,9-10).
- Evangelisten lernen für ihren Dienst voneinander und spornen andere zum evangelistischen Dienst an.
- Durch den Dienst des Hirten werden Gläubige beispielsweise durch seelsorgliche Hilfestellungen in ihrem persönlichen Dienst unterstützt oder ein verirrtes Schaf wird wieder zum Herrn und zum Dienst zurückgeführt.
- Durch den Dienst des Lehrers verstehen die Gläubigen das Wort Gottes besser, was die Ausübung jedes Dienstes im Werk des Herrn fördert.
- Brüder, die zum Lehren begabt sind, wachsen zu Lehrern heran. Auch bereits im Lehrdienst stehende Brüder werden durch andere Lehrer für ihren Dienst ausgerüstet und rüsten wiederum andere Lehrer für ihren Dienst aus (vgl. 2Tim 2,2).
So breitet sich der Dienst aus, ganz unabhängig von jeder Zentrale und von zentralen Ausbildungsstätten. Diese würden vollkommen verzichtbar, ließen wir uns vom Herrn, dem Geber aller Gaben, führen und beim Gebrauch der Gaben einsetzen.[23]
„Für die Auferbauung des Leibes des Christus“: Das Wort „Auferbauung“ (griech. oikodome) ist dasselbe Wort, das auch für den Bau eines Gebäudes verwendet wird.[24] So wie Stein auf Stein gesetzt wird und das Gebäude wächst, so wachsen auch die Heiligen durch den Dienst der Gaben immer mehr in der Erkenntnis des Herrn und seines Wortes und in der praktischen Umsetzung im Leben.
Die Ausdrücke „Vollendung der Heiligen“ und „Auferbauung des Leibes des Christus“ zeigen, dass der Dienst der Evangelisten, Hirten und Lehrer nicht auf eine bestimmte Ortsgemeinde beschränkt sein muss, sondern auch überörtlich sein kann. Diese Gaben dienen grundsätzlich dem ganzen Leib Christi, wobei jeder Evangelist, Hirte oder Lehrer einen vom Herrn bestimmten Wirkungskreis hat. Der Blickwinkel ist hier umfassender als in 1. Korinther 12, wo das Leben in der Ortsgemeinde im Fokus steht.
Der Zweck der Gaben – Einheit und geistliche Reife (V. 13)
Eph 4,13: … bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus.
In diesem Vers wird der Zweck der Gaben weiter ausgeführt. Im Anschluss an das „bis“ folgt allerdings keine Zeitangabe, sondern ein Zustand, zu dem wir alle durch geistliches Wachstum gelangen sollen. „Wir alle“ zeigt, dass der Heilige Geist hier den ganzen Leib Christi, also die Gesamtheit aller Erlösten, im Blick hat.
„Zu der Einheit des Glaubens“: Der „Glaube“ bezieht sich hier auf den Inhalt unseres Glaubens, das Glaubensgut oder die Glaubenswahrheit. Die Einheit des Glaubens ist die Einheit im Verständnis und im Festhalten der uns überlieferten Glaubenswahrheit (vgl. Jud 3). Der Dienst der Gaben soll das übereinstimmende Verständnis und das gemeinsame Bewahren der biblischen Wahrheit fördern. Dies ist insbesondere die Aufgabe des Lehrers.
„Und der Erkenntnis des Sohnes Gottes“: Durch den Dienst der Gaben sollen die Heiligen in der Erkenntnis des Sohnes Gottes wachsen. Der Sohn Gottes ist der Mittelpunkt der Bibel und muss daher auch das Zentrum des Dienstes sein. Wie jemand einmal gesagt hat: „Der Dienst muss die Menschen zu Christus und Christus zu den Menschen bringen“ (vgl. Kol 1,28; 2,6-7).
„Zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“: Durch den Dienst der Gaben sollen die Gläubigen zu geistlich reifen Christen werden. Dieses Ziel steht in enger Verbindung zu den zuvor genannten Zielen. Wahre geistliche Reife können wir nur durch das Wachstum in der Erkenntnis Christi erlangen (vgl. 1Joh 2,13-14). Der Maßstab für unser geistliches „Erwachsensein“ ist Christus. Wir dürfen nicht uns selbst oder andere zum Maßstab nehmen. Christus immer mehr zu erkennen und Ihm immer ähnlicher zu werden – das ist geistliches Wachstum (Eph 4,15). Dieses Wachstum soll ein Vollmaß erreichen.
Die hier beschriebenen Ziele werden erst im Himmel in Vollkommenheit erreicht sein. Dann werden alle Heiligen eine vollkommene Einheit bilden (Joh 17,23), sie werden erkennen, wie auch sie erkannt worden sind (1Kor 13,12), und dem Bild des Sohnes Gottes gleichförmig sein (Röm 8,29).
Der Zweck der Gaben – Standfestigkeit (V. 14)
Eph 4,14: Er hat die einen gegeben …, damit wir nicht mehr Unmündige seien, hin und her geworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre, die durch die Betrügerei der Menschen kommt, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum
Der Dienst der Gaben befestigt uns im Glauben und lässt uns sicher in der Wahrheit stehen. Wir sollen aus dem Zustand der Unmündigkeit herauswachsen und keine geistlichen Kinder bleiben, die immer wieder ins Wanken geraten, wenn sie dieses oder jenes hören (vgl. Heb 5,13-14). Solche Christen sind wie ein Boot ohne festen Anker, das von jedem Wind der Lehre hin und her geworfen und umhergetrieben wird. Da sie keine eigene Festigkeit haben, keine auf das Wort Gottes gegründeten Überzeugungen, werden sie in ihren Gedanken und Meinungen umhergetrieben. Mal denken sie dieses, mal jenes. Diesen Schutz vor falschen Lehren erlangen wir jedoch nicht dadurch, dass die Gaben (besonders die Lehrer) in ihrem Dienst nur noch die Irrtümer vorstellen und entlarven, sondern vor allem dadurch, dass sie die biblische Wahrheit klar und verständlich erklären. Durch die Wahrheit der Heiligen Schrift können wir jeden Irrtum entlarven. Das Licht des göttlichen Wortes stellt jede Lüge bloß.
Die Irrtümer und Irrwege entstehen „durch die Betrügerei der Menschen …, durch ihre Verschlagenheit[25] zu listig ersonnenem Irrtum“. Diese Ausdrücke zeigen, wie verdorben das menschliche Herz ist. Es ist voller Betrug und Täuschung, voller Arglist und Ränke (vgl. Jer 17,9; Mt 15,19; Röm 1,29-33). Deshalb ist diese Welt erfüllt mit Lügen und Irrwegen. An jeder Ecke lauern sie. Nur in Gottes Wort finden wir das Licht, um in dieser Welt einen festen und geraden Weg nach der Wahrheit zu gehen.
Hinwachsen zu Christus (V. 15)
Eph 4,15: … sondern die Wahrheit festhaltend in Liebe, lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus.
Die Worte „die Wahrheit festhaltend“ geben einen einzigen griechischen Ausdruck wieder (aletheuo), der auch mit „wahrhaftig sein“ oder „die Wahrheit reden“ übersetzt werden kann.[26] Es geht hier also nicht nur darum, die objektive Wahrheit festzuhalten (um nicht durch jeden Wind der Lehre wankend zu werden), sondern auch um ein Verhalten in Übereinstimmung mit der Wahrheit.
Wir sollen die Wahrheit festhalten oder wahrhaftig sein „in Liebe“. Das Gebot der Liebe darf nicht verletzt werden. Wahrheit und Liebe gehören immer zusammen. Das ist zugleich der notwendige und gesunde Nährboden für geistliches Wachstum. Wahrheit ohne Liebe führt zu Kritikgeist und einem harten, gleichgültigen Herzen. Liebe ohne Wahrheit macht die Gefühle und Neigungen zum Maßstab und führt auf geistliche Irrwege. Niemand war so wahrhaftig und zugleich so voller Liebe wie der Herr Jesus. Er war „voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). In allem sollen wir zum Ihm hinwachsen, der das Haupt ist. Christus ist das Ziel allen Wachstums und die Förderung dieses Wachstums ist das Ziel allen Dienstes.
Gelenke der Darreichung (V. 16)
Eph 4,16: Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.
Der ganze Leib ist durch Christus, das Haupt im Himmel, „wohl zusammengefügt und verbunden“ (vgl. Eph 2,21). Hier geht es nicht um unsere oft so mangelhafte Praxis, sondern um das vollkommene Handeln Christi. Er hat uns zu einem Ganzen, zu einer wunderbaren Einheit, zusammengefügt. Wenn wir Schwierigkeiten mit den Eigenarten des anderen haben, sollten wir immer daran denken, dass unser himmlisches Haupt uns zusammengefügt hat und es so richtig ist.
Der Leib Christi ist verbunden durch „jedes Gelenk der Darreichung“. Das Wort „Darreichung“ (griech. epichoregia) kann auch mit „Unterstützung“ oder „Versorgung“ übersetzt werden. Wir stehen nicht für uns allein da, sondern jeder von uns ist innerhalb des Leibes Christi ein „Gelenk“, ein Verbindungsstück, das die Aufgabe hat, anderen darzureichen. Wir sollen nicht nur Empfänger sein, sondern der Unterstützung und Versorgung des Leibes dienen. Dabei hat jedes Gelenk eine unterschiedliche Wirksamkeit oder Wirkkraft, so wie der Herr es gewollt hat (Eph 4,7). Innerhalb unseres Maßes, an dem Platz, den der Herr für uns bestimmt hat, können wir wirklich zum Segen für andere sein. In unserem Körper kommt es auf jedes einzelne Gelenk an. Funktioniert ein Gelenk nicht richtig, hat das oft schwerwiegende Einschränkungen zur Folge. So kommt es auch im Leib Christi auf jeden Einzelnen an. Es heißt: „jedes Gelenk“. Jeder Einzelne ist an seinem Platz ein wichtiges Verbindungsstück, das den anderen zugutekommt.
Die Worte „aus dem“ zeigen, dass alles von Christus, dem Haupt im Himmel, ausgeht. Er ist nicht nur das Ziel, sondern auch die Quelle allen Wachstums. Er wirkt in seinen Gliedern und sorgt für alles, so dass der Leib sich gleichsam selbst aufbauen und sein eigenes Wachstum bewirken kann. Wir können alles von Ihm erwarten!
In Epheser 4,1-16 wird dreimal betont, dass wir etwas „in Liebe“ tun sollen:
- einander in Liebe ertragen (Eph 4,2)
- die Wahrheit in Liebe festhalten (Eph 4,15)
- einander in Liebe erbauen (Eph 4,16)
Die Liebe ist das „Band der Vollkommenheit“ (Kol 3,14). Nur wenn wir in liebevoller Gemeinschaft als Kinder Gottes leben, werden wir einander wirkungsvoll dienen und geistlich erbauen können.
Zuerst erschienen auf Biblische Lehre
Anmerkungen
[1] Vergleiche Epheser 4,7, wo dasselbe Wort für „Maß“ (griech. metron) steht: „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.“
[2] Außerhalb der Gemeindezusammenkünfte (1Kor 14,34-36) können auch Schwestern diesen Dienst ausüben (vgl. 1Kor 11,5; Apg 21,9).
[3] Walter Bauer, Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1988, S. 1247–1248; Rudolf Kassühlke und Barclay M. Newman, Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament: Griechisch-Deutsch, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1997, S. 140–141.
[4] Das Wort „Erbauung, erbaut“ (griech. oikodome, oikodomeo) kommt siebenmal Mal in 1. Korinther 14 vor. Es stammt aus dem Bauwesen und bedeutet wörtlich „ein Haus bauen“ (vgl. Vine’s Complete Expository Dictionary of Old and New Testament Words, Nashville, TN: T. Nelson, 1996, S. 82–83.). In 1. Korinther 14 wird es übertragen für die geistliche Erbauung verwendet. So wie bei einem Hausbau Stein auf Stein gelegt wird, damit das Haus wächst, wo geht es auch bei der geistlichen Erbauung um geistgewirkte Dienste, die geistliches Wachstum hervorbringen.
[5] In Epheser 4,11 sind die Personen selbst die Gaben, die Christus der Gemeinde geschenkt hat. In Römer 12,3-8 und 1. Korinther 12,4-11 ist der Blickwinkel ein anderer: Dort sind die Gaben die jeweiligen geistlichen Fähigkeiten, die den Gläubigen geschenkt werden; sie sind die Gefäße, in die Gott eine Gnadengabe hineinlegt.
[6] Ein beeindruckendes Beispiel für die Berufung durch den Geist ist die Aussendung von Paulus und Barnabas auf ihre erste Missionsreise: „Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe. Da entließen sie sie, nachdem sie gefastet und gebetet und ihnen die Hände aufgelegt hatten. Sie nun, ausgesandt von dem Heiligen Geist …“ (Apg 13,2-4a).
[7] Ermutigungen für die Übernahme bestimmter Dienste können durchaus hilfreich sein.
[8] Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel, Witten: R.Brockhaus, 52008, S. 2317.
[9] Zitiert nach John Piper, Vereint im Vertrauen, Bielefeld: Christliche Literaturverbreitung, 2018, S. 113–114.
[10] Dieser Ausdruck bezieht sich im dortigen Zusammenhang auf die Wundergaben. Damit ist nicht die Austeilung des Heiligen Geistes selbst gemeint, sondern wie hier in 1. Korinther 12,4-11 die Austeilungen oder Wirkungen, die vom Heiligen ausgehen.
[11] Mit der Gnadengabe der Weissagung, die ebenfalls in dieser Aufzählung vorkommt, haben wir uns bereits in Römer 12,6 beschäftigt.
[12] Vgl. Erwin Preuschen, γένος in Griechisch-Deutsches Taschenwörterbuch zum Neuen Testament, de Gruyter Studienbuch-Reihe, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 2005, S. 46.
[13] Paulus leitet das Zitat ein mit den Worten „In dem Gesetz steht geschrieben“. Dies ist ein Beispiel dafür, dass sich der Ausdruck „Gesetz“ an einigen Stellen auf das gesamte Alte Testament bezieht. Das dann folgende Zitat stammt nämlich aus den Propheten, nicht aus der Thora.
[14] In der Heiligen Schrift finden wir mehrfach, dass das Hören fremder Sprachen, die man nicht verstehen kann, ein Zeichen für Gottes Gericht ist. Dies sehen wir nicht nur in Jesaja 28,11-12 und 1. Korinther 14,21-22, sondern auch in 5. Mose 28,49, wo es um die Flüche geht, die Gott auf sein Volk legen würde, wenn sie im Ungehorsam von Ihm abwichen: „Der HERR wird aus der Ferne, vom Ende der Erde her, eine Nation gegen dich herbeiführen, so wie der Adler fliegt, eine Nation, deren Sprache du nicht verstehst.“ Dasselbe finden wir in 1. Mose 11,7-9 bei der Sprachverwirrung als Gericht über den Hochmut der Menschen.
[15] Die Worte „wie er will“ zeigen übrigens, dass der Heilige Geist eine Person und nicht nur eine Kraft ist, denn nur eine Person hat einen Willen. Sie zeigen auch, dass der Heilige Geist Gott ist, denn nur Gott kann souverän darüber entscheiden, wer welche Gaben empfängt. In Vers 1. Korinther 12,18 wird dasselbe souveräne Handeln auf Gott bezogen.
[16] Christian Briem, Wörterbuch zum Neuen Testament, Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 1998, S. 450–451; Rudolf Kassühlke und Barclay M. Newman, Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament: Griechisch-Deutsch, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1997, S. 90.
[17] Es gibt jedoch bis heute die Gnadengabe der Weissagung oder des prophetischen Redens (Röm 12,6; 1Kor 12,10).
[18] Mit den Wunderkräften und Gnadengaben der Heilungen, die hier erneut aufgezählt werden, haben wir uns bereits in 1. Korinther 12,9-10 befasst. Dasselbe gilt für die Arten von Sprachen.
[19] Johannes P. Louw und Eugene Albert Nida, Greek-English Lexicon of the New Testament: based on semantic domains, New York: United Bible Societies, 1996, S. 465.
[20] Christian Briem, Das Neue Testament mit sprachlichen Erklärungen aus dem Grundtext – Teil 2: Römerbrief bis Offenbarung, Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 1998, S. 1115.
[21] Rudolf Kassühlke und Barclay M. Newman, Kleines Wörterbuch zum Neuen Testament: Griechisch-Deutsch, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1997, S. 101; Walter Bauer, Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1988, S. 849–850.
[22] Anm. d. Red.: Vergleiche 2. Timotheus 3,16-17: „völlig geschickt“.
[23] Benedikt Peters, Der unausforschliche Reichtum des Christus – Der Epheserbrief und die Gnadenlehre, Oerlinghausen: Betanien, 2001, S. 76.
[24] Vine’s Complete Expository Dictionary of Old and New Testament Words, Nashville, TN: T. Nelson, 1996, S. 82–83.
[25] Der für „Verschlagenheit“ verwendete griechische Ausdruck ist methodeia. Dadurch „wird kenntlich gemacht, dass auch der Irrtum seine Logik, sein System hat“ (Christian Briem, Das Neue Testament mit sprachlichen Erklärungen aus dem Grundtext – Teil 2: Römerbrief bis Offenbarung, Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 1998, S. 1116).
[26] Walter Bauer, Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1988, S. 70.


