Wie legen wir die Bibel aus? (3)
Grundlegende Auslegungsregeln

Tayfun Talu

© Tayfun Talu, online: 15.06.2026

1. Keine Weissagung ist von eigener Auslegung

2Pet 1,20: Keine Weissagung der Schrift ist von eigener Auslegung.

Nach 2. Petrus 1,20 ist „keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung“. Dieser Grundsatz bezieht sich hier auf die Auslegung der biblischen Prophetie, er ist aber von allgemeiner Gültigkeit für die Auslegung der gesamten Bibel. Keine Weissagung und keine andere Aussage der Heiligen Schrift sind „von eigener Auslegung“. Das Wort eigen (griech. idios) kann auch übersetzt werden mit: für sich allein, für sich gesondert, besonders, persönlich, privat. Dieser Auslegungsgrundsatz besagt, dass keine Schriftstelle für sich selbst, das heißt isoliert, ausgelegt werden darf. Daraus ergeben sich folgende Leitlinien für die Auslegung der Bibel:

a) Auslegung im Kontext

Jeder Vers in der Bibel steht in einem bestimmten Zusammenhang, der als Kontext bezeichnet wird. Dieser Kontext bildet den Rahmen, in dem die betreffende Aussage steht und ausgelegt werden muss. Erst durch den Kontext erhält ein Bibelvers seine spezifische Bedeutung. Deshalb gibt es streng genommen keine zwei Bibelverse, die genau dasselbe aussagen, auch wenn sie dasselbe Thema behandeln. Jeder Vers erhält seine Bedeutung durch das Bibelbuch und den Abschnitt, in dem er steht. Dasselbe gilt natürlich auch für Abschnitte und Kapitel der Bibel. Sie müssen im Kontext des jeweiligen Bibelbuches und letztlich der gesamten Heiligen Schrift ausgelegt werden. Zusammenfassend kann man sagen: Die einzelnen Teile (Verse, Abschnitte, Kapitel, Bibelbücher) sind immer entsprechend dem Charakter des Ganzen auszulegen und dürfen nicht aus ihrem Zusammenhang gerissen werden. Die Beachtung des Kontextes bewahrt uns davor, biblische Aussagen zu entstellen und ihnen eine Bedeutung zu geben, die nicht von Gott beabsichtigt war.

b) Berücksichtigung anderer Schriftstellen

Bei der Auslegung eines Bibeltextes muss immer berücksichtigt werden, was die Schrift an anderen Stellen sagt. Deshalb muss auf jede Schriftstelle das Licht des ganzen Wortes Gottes geworfen werden. Die Auslegung darf nicht im Widerspruch zu anderen Schriftstellen stehen. Daher wird das Studium der Bibel umso mehr zu richtigen Ergebnissen führen, je umfassender und tiefgründiger unsere Kenntnis des Wortes Gottes im Laufe unseres Glaubenslebens wird.

c) Keine Befugnis zu „eigenen Auslegungen“

Dass keine Schrift von eigener Auslegung ist, bedeutet in einem weitergehenden Sinn auch, dass wir keine Befugnis zu „eigenen Auslegungen“ haben. Die Schrift legt sich selbst aus. Sie ist objektive Wahrheit und somit unabhängig von unserer Prägung, unseren persönlichen Neigungen, Erfahrungen oder Gefühlen. Wir müssen also stets auf der Hut sein, dass wir nicht unsere eigenen Meinungen oder Wünsche in die Bibel hineinlesen. Wenn wir biblische Aussagen aus ihrem Zusammenhang reißen, können wir damit alles Mögliche als „biblische Lehre“ erscheinen lassen. Beim Bibelstudium sollte uns daher stets die Frage begleiten: Steht hier wirklich das, was ich denke?

Unser erstes Bestreben beim Bibelstudium muss es sein, die objektive Wahrheit eines Bibelverses, eines Abschnitts, eines Kapitels usw. zu ermitteln. Nur dann können wir gesunde Anwendungen machen, da diese dann nicht willkürlich sind, sondern direkt aus der Lehre des Bibeltextes abgeleitet werden können. Die praktische Anwendung des Bibeltextes muss immer aus der Lehre des Bibeltextes hervorgehen und ist somit der Auslegung nachgeordnet. Bevor wir also fragen: „Was sagt mir der Bibeltext?“, müssen wir fragen: „Was sagt der Bibeltext?“

d) Definitionen biblischer Begriffe der Bibel selbst entnehmen

Außerdem dürfen wir die Begriffe der Bibel (z.B. Buße, entschlafen, Erstgeborener, Geheimnis, Liebe, Vorkenntnis usw.) nicht nach unserem eigenen Sprachgebrauch auslegen. Sie sind also nicht „von eigener Auslegung“, sondern können nur richtig verstanden werden, wenn wir untersuchen, wie der Heilige Geist sie verwendet. Die Definition biblischer Begriffe müssen wir der Bibel selbst entnehmen. Dabei kann dasselbe Wort (auch im Grundtext) völlig unterschiedliche Bedeutungen haben, je nach dem Zusammenhang, in dem es steht. Wir müssen also auch die einzelnen Begriffe innerhalb ihres jeweiligen Zusammenhangs auslegen und dürfen nicht davon ausgehen, dass ein bestimmtes Wort immer dieselbe Bedeutung hat. Je besser wir die Bedeutung biblischer Begriffe in ihrem jeweiligen Zusammenhang verstehen, desto besser werden wir die gesamte Botschaft der Schrift verstehen.

Beispielsweise wird der Begriff „Erstgeborener“ in der Bibel nicht nur für den verwendet, der in der zeitlichen Reihenfolge der Geburten an erster Stelle steht, sondern auch für den, der rangmäßig an erster Stelle steht. In Psalm 89,28 sagt Gott über den König David: „So will auch ich ihn zum Erstgeborenen machen, zum Höchsten der Könige der Erde.“ Gott sagt, dass Er David zum Erstgeborenen machen wird, obwohl David der jüngste Sohn in seiner Familie war (1Sam 16,11). Indem Gott ihn jedoch „zum Höchsten der Könige der Erde“ machen wollte, wollte Er ihm den rangmäßig ersten Platz geben. In diesem Sinne ist auch Kolosser 1,15 zu verstehen, wo der Herr Jesus als der „Erstgeborene aller Schöpfung“ bezeichnet wird. Dies bedeutet nicht, dass der Herr Jesus das erste Geschöpf Gottes ist, sondern dass Er, weil Er der Schöpfer ist (Kol 1,16), in seiner Menschwerdung den ranghöchsten Platz in der Schöpfung eingenommen hat.

e) Wichtige Fragen an den Bibeltext

Entsprechend der oben aufgeführten Auslegungsregeln studieren wir den Bibeltext nach der historisch-grammatischen Methode. Dabei wird der Wortlaut des Bibeltextes in seinem Kontext untersucht, um zu verstehen, was er zur Zeit seiner Abfassung bedeutete. Das Ziel besteht darin, die ursprüngliche Bedeutung des Textes zu ermitteln, um die darin offenbarte zeitlose biblische Botschaft dann auf die heutige Zeit anzuwenden. Die historisch-grammatische Methode muss stets den Ausgangspunkt der Bibelauslegung bilden. Denn nur wenn wir zunächst die ursprüngliche Bedeutung eines Bibeltextes für seine damaligen Empfänger verstehen, können wir das Wort Gottes richtig auf die heutige Zeit anwenden.

Im Hinblick auf den Kontext sollten wir uns bei der Beschäftigung mit einem Bibeltext folgende Fragen stellen:

  • Zu welcher Zeit ist dieses Bibelbuch oder dieser Abschnitt oder dieser Vers entstanden? Wer ist der Schreiber, wer waren die (ursprünglichen) Empfänger? Wo ist er entstanden? Unter welchen Umständen?

  • In welchem Tonfall schreibt der Verfasser und welche Emotionen transportiert er (Ernst, Dringlichkeit, Qual, Betrübnis, Erhabenheit, Freude, Erleichterung usw.)? Welche Fragen stellt er den Empfängern? Welche Ausdrücke, Formulierungen oder Themen wiederholt er? Spricht der Text über die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft? Welche Struktur ist im Bibeltext erkennbar? Wie gliedert der Schreiber den Text? Dabei müssen wir beachten, dass die Kapitel- und Versangaben nicht von Gott inspiriert sind.

  • Wo ist unser Bibeltext innerhalb des Bibelbuches einzuordnen? Welche gedankliche Linie lässt sich innerhalb eines Abschnitts oder in der Abfolge mehrerer Kapitel erkennen? Wie steht ein Abschnitt mit dem in Verbindung, was davor und was danach steht? Oft kann man die Bedeutung eines Verses erst dann richtig ermitteln, wenn man die gedankliche Linie verfolgt, die zu diesem Vers geführt hat.

  • Was ist das Thema, über das gerade geschrieben wird? Wir müssen den Bibeltext im Licht seines Themas auslegen und dürfen in die Auslegung keine Themen hineinbringen, die in dem jeweiligen Bibeltext nicht behandelt werden.

Die für die Auslegung wichtigste Frage ist die nach der Absicht des Schreibers, die untrennbar mit dem Kontext verbunden ist:

  • Was war der Anlass für die Niederschrift dieses Bibeltextes? Welches Ziel hat der Schreiber damit verfolgt? Was bedeutete diese Aussage zur Zeit ihrer Abfassung für die damaligen Empfänger in ihren konkreten Umständen?

  • Beim Bibelstudium sollten wir nicht nur fragen, was der Bibeltext sagt (Inhalt) und wie er es sagt (Tonfall und Emotionen), sondern vor allem, warum er überhaupt aufgeschrieben wurde, das heißt welche Absicht der Schreiber ursprünglich beim Aufschreiben dieses Bibeltextes verfolgt hat. Manchmal wird die Absicht ausdrücklich genannt (z.B. Spr 1,1-6; 1Pet 5,12). Wenn der Schreiber seine Absicht nicht ausdrücklich nennt, müssen wir den Bibeltext nach dieser Absicht erforschen (Gibt es konkrete Hinweise darauf? Was sind die Hauptthemen? Werden Aussagen wiederholt? usw.). Wenn wir die Absicht des Schreibers kennen, haben wir den Schlüssel für die richtige Auslegung und Anwendung des Bibeltextes. Denn die Absicht des Schreibers ist das Ziel, das Gott mit dem jeweiligen Bibeltext verfolgt. Deshalb muss uns die Absicht des Schreibers bei der Auslegung leiten.

  • In den geschichtlichen Berichten der Bibel ist beispielsweise die Frage hilfreich, warum dieses Ereignis nur in wenigen Versen und jenes Ereignis ausführlich geschildert wird; oder in den Evangelien die Frage, warum Matthäus diese Details nennt, Lukas sie aber weglässt – sie verfolgen unterschiedliche Absichten. Daher können wir durch die Beobachtung der Unterschiede in den Parallelberichten in den Evangelien die besondere Absicht jedes Evangeliums umso besser erkennen. Das Gleiche gilt für die ähnlichen oder parallelen Berichte zwischen dem zweiten bis vierten Buch Mose und dem fünften Buch Mose sowie zwischen den Büchern der Könige und den Chronika.

2. Die Bibel ist eine Einheit

2Tim 3,16: Alle Schrift ist von Gott eingegeben.

Dieser Grundsatz ist eng mit den vorigen Gedanken verknüpft. In 2. Timotheus 3,16 heißt es: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ In diesem Vers ist von „alle Schrift“ die Rede. Damit sind die vielen verschiedenen Bücher der Bibel gemeint. Alle diese biblischen Bücher haben nur einen Autor: Gott. Deshalb ist die Bibel eine vollkommene innere Einheit, ohne Widersprüche. In Jakobus 4,5 wird die Bibel in der Einzahl „die Schrift“ genannt. Man kann die Bibel mit Puzzleteilen vergleichen, die sich zu einem vollkommen harmonischen Ganzen zusammenfügen. Daraus ergeben sich folgende Leitlinien für die Auslegung:

a) Keine Widersprüche

Wenn eine Wahrheit in der Schrift klar und eindeutig gelehrt wird, gibt es keine andere Schriftstelle, die ihr widerspricht. Schwierigkeiten mit anderen Schriftstellen, die einer klar und eindeutig gelehrten Wahrheit zu widersprechen scheinen, sind meist die Folge einer Nichtbeachtung des Kontextes oder eines zu oberflächlichen Umgangs mit der Bibel. Kein Teil der Schrift darf so ausgelegt werden, dass er im Widerspruch zu einer anderen Schriftstelle steht. Wenn ein Vers beispielsweise auf zwei verschiedene Weisen ausgelegt werden kann, wobei die eine Auslegung zu einem Widerspruch mit anderen Schriftstellen führt, während die andere mit dem Rest der Schrift harmoniert, muss letztere zugrunde gelegt werden.

b) Vergleich von Schrift mit Schrift

Aus der Einheit der Bibel folgt, dass die richtige Bedeutung von Schriftstellen nur durch einen ständigen Vergleich von Schrift mit Schrift ermittelt werden kann. Die Regeln, Schrift mit Schrift zu vergleichen und Bibelstellen nicht aus ihrem Zusammenhang zu reißen, sind leider diejenigen, gegen die am meisten verstoßen wird. Das ist die häufigste Ursache für ungesunde Bibelauslegung. Satan selbst hat bei der Versuchung Jesu in der Wüste (Mt 4,6) Psalm 91,11-12 aus dem Zusammenhang gerissen und auf eine Weise angewendet, die nicht der ursprünglichen Absicht dieses Bibeltextes entsprach. Psalm 91,11-12 wurde als Verheißung für einen treuen Israeliten gegeben, der auf Gottes Wegen wandelt, nicht für jemanden, der Gott versucht, indem er sich von einem Gebäude stürzt.

c) Schwierige Schriftstellen im Licht klarer Schriftstellen auslegen

Aus der Einheit der Bibel ergibt sich auch die Notwendigkeit, schwierige Schriftstellen im Licht leichter verständlicher oder klarerer Schriftstellen auszulegen und nicht umgekehrt. Wir dürfen keine Lehre auf Basis schwer verständlicher Bibelstellen aufbauen, wenn andere, klarere Schriftstellen, die dasselbe Thema behandeln, in eine andere Richtung weisen. Die klaren und eindeutigen Bibelstellen zu einem Thema bilden den Rahmen für die Auslegung der schwierigen und unklaren Stellen. Wenn man beispielsweise die klaren Bibelstellen im Neuen Testament über das Leben nach dem Tod mit einigen schwierigen Stellen aus dem Buch Prediger widerlegen will, ist man auf dem falschen Weg.

Der Bibelausleger A.J. Pollock schreibt treffend:

Wenn eine Wahrheit richtig ausgelegt wird, wird jede Schriftstelle, die von derselben Wahrheit handelt, die Wahrheit immer bekräftigen und einen Teil des zusammenhängenden und harmonischen Ganzen ausmachen. Andererseits wird, wenn man die Schrift verkehrt auslegt, jede Schriftstelle, die von derselben Wahrheit handelt, nur mehr und mehr Verwirrung zustande bringen, da Schriftstellen verdreht oder sogar negiert werden müssen, damit sie mit einer unschriftgemäßen Theorie übereinstimmen.[1]

3. Die Bibel ist eine Vielfalt

2Pet 1,21: Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist.

2Tim 2,15: Befleißige dich, dich selbst Gott als bewährt darzustellen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt.

2Tim 3,15: … und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die imstande sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.

a) Auf die Unterschiede achten

Die Bibel ist eine Einheit und zugleich eine beeindruckende Vielfalt. Sie besteht aus verschiedenen „Schriften“ (2Tim 3,15). Die Bibel ist eine Bibliothek aus 66 Büchern. Jedes Buch der Bibel hat einen einzigartigen Charakter, der beim Lesen und Studieren beachtet werden muss.

In 2. Petrus 1,21 heißt es: „Heilige Menschen Gottes redeten.“ Sie taten es „getrieben vom Heiligen Geist“, das heißt, ihre Worte wurden vom Geist eingegeben und sind somit das irrtumslose Wort Gottes (vgl. 2Tim 3,16). Und doch waren es verschiedene Menschen, die Gott benutzt hat, um sein Wort niederzuschreiben. Dabei sind ihre Persönlichkeit, ihr Stil, ihre individuellen Umstände, ihre Empfindungen usw. oft in die Heiligen Schriften eingeflossen.[2] Die Schreiber haben in ihrem Dienst unterschiedliche Aufträge und Schwerpunkte von Gott empfangen (siehe beispielsweise die Unterschiede in den Paulus-, Petrus- und Johannesbriefen). Es ist wie in einem Orchester, in dem jedes Instrument seine eigene Klangfarbe hat und zur Harmonie des Ganzen beiträgt. Der Dirigent (Gott) hat alles zu einer wunderbaren Einheit verschmolzen.

In 2. Timotheus 2,15 fordert Paulus Timotheus auf, sich zu beflei­ßigen, ein bewährter Arbeiter zu sein, der sich nicht zu schämen hat, „der das Wort der Wahrheit recht teilt“. Mit dem „Wort der Wahrheit“ ist die gesamte Heilige Schrift gemeint. Der Ausdruck „recht teilen“ (griech. orthotomeo) bedeutet wörtlich „in gerader Richtung schneiden“. Im Neuen Testament kommt dieses Wort nur an dieser Stelle vor. In der Septuaginta, der griechischen Über­setzung des Alten Testaments, wird es jedoch in Sprüche 3,6 und 11,5 verwendet, jeweils mit der Bedeutung „einen geraden Weg machen“. Das Wort der Wahrheit recht zu teilen, bedeutet also, gerade Wege durch die Wahrheit zu schneiden. Gemeint ist eine Schriftauslegung, die der gesunden Gesamtlehre der Bibel entspricht. Dafür müssen wir die Bibel unter Beachtung ihrer Unterschiede studieren. Wir müssen die verschiedenen Aussagen sowie die einzelnen Bestandteile der biblischen Wahrheit in ihrem jeweiligen Kontext interpretieren und innerhalb des biblischen Gesamtbildes an ihren von Gott vorgesehenen Platz stellen. Wie Hermann Menge in seiner Übersetzung zu dieser Stelle anmerkt,[3] müssen wir auseinanderhalten, was unterschieden werden muss, und richtig verbinden, was zusammengehört. Tun wir das nicht, besteht die Gefahr, dass wir die Dinge durcheinanderbringen und so die Grundlage für Verwirrung und Irreführung schaffen. Das Wort der Wahrheit recht zu teilen, erfordert viel Fleiß und Gewissenhaftigkeit beim Bibelstudium.

Genauso, wie wir die innere Einheit der Bibel beachten müssen, müssen wir auch die Unterschiede beachten. Gott hat in seinem Wort beispielsweise geredet:

  • in unterschiedlichen Zeitepochen (z.B. vor dem Gesetz, unter Gesetz, unter Gnade)
  • in Verbindung mit unterschiedlichen Bündnissen (z.B. der Bund mit Noah, mit Abraham, mit Israel am Sinai, mit David, der neue Bund)
  • an unterschiedliche Adressaten (z.B. Israel, Gemeinde, Einzelpersonen, gemischte Gruppen)
  • in unterschiedlichen Umständen (z.B. die besonderen Umstände der Empfänger des Hebräerbriefes)
  • zu unterschiedlichen Anlässen (z.B. Uneinigkeit in Philippi, falsches Evangelium in Galatien, Angriffe auf die Lehre des Christus im ersten Johannesbrief)
  • mit unterschiedlichen Zielen (z.B. Umkehr und Ermunterung der Juden in Haggai, Berichterstattung an Theophilus in der Apostelgeschichte)
  • an unterschiedlichen Orten (z.B. Israel oder Babel in den prophetischen Büchern)
  • durch unterschiedliche Schreiber (z.B. die Briefschreiber des Neuen Testaments Paulus, Johannes, Petrus, Jakobus und Judas, deren Schriften jeweils einen eigenen Charakter haben)
  • in verschiedenen Textgattungen: (1) Literaturformen: Prosa, Poesie, Symbolik, Visionen; (2) Inhalt/Thema: Erzählungen, Stammbäume, Gesetzestexte, Briefe, Gleichnisse, Weisheitsliteratur, Prophetie[4], Apokalyptik
  • und so weiter

Wenn wir bei der Auslegung der Bibel sorgfältig auf die Unterschiede achten, die der Heilige Geist in das Wort gelegt hat, und uns dabei stets fragen, was Er uns mit diesen Unterschieden sagen will, werden wir mit Gottes Hilfe zu einem wesentlich tieferen Verständnis der Bibel gelangen, als wenn wir nur auf die (oft nur scheinbaren) Gemeinsamkeiten achten. Wir können eine Parallelstelle finden, also eine Stelle, die zu einem bestimmten Thema eine ähnliche Aussage macht. Wir können uns dann freuen, dass wir eine Parallelstelle gefunden haben, und die Sache abhaken.

Wenn wir uns jedoch fragen, was die Unterschiede zwischen den beiden Stellen sind, dringen wir tiefer in Gottes Wort ein. Dann müssen wir uns beispielsweise fragen: Was ist der jeweilige Kontext beider Stellen? Von wem stammt die jeweilige Aussage und an wen war sie gerichtet? Und vor allem: Was war die jeweilige Absicht bei der Niederschrift dieses Verses? Ein Beispiel: Worin liegen die Unterschiede zwischen 1. Korinther 5,6 und Galater 5,9?

b) Beachtung der verschiedenen Textgattungen

Hinsichtlich der Unterschiede in der Bibel ist es besonders wichtig, die verschiedenen Textgattungen zu beachten. Gott hat die Schreiber der Bibelbücher geleitet, sich in unterschiedlichen Gattungen auszudrücken. Dies muss bei der Auslegung der verschiedenen Bibeltexte berücksichtigt werden. Im Rahmen dieser Ausarbeitung kann keine ausführliche Behandlung aller Textgattungen erfolgen. Im Folgenden sollen lediglich einige Hinweise gegeben werden, die vor Fehlern bei der Auslegung bewahren können.

aa) Historische Berichte/Erzähltexte

Historische Berichte sind beschreibende Texte. Sie berichten, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit geschah, aber nicht unbedingt, was in unserem Leben geschehen muss. Selbstverständlich sollen wir aus jedem biblischen Erzähltext einen Nutzen für unser Glaubensleben ziehen (vgl. Röm 15,4; 2Tim 3,16). Wir müssen jedoch vorsichtig sein, wenn wir aus ihnen vorschreibende Texte machen wollen. Wir dürfen nicht vorschnell ein allgemeingültiges Prinzip aus dem ableiten, was Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt getan haben, wie Gott damals zu ihnen gesprochen oder mit ihnen gehandelt hat. Dies gilt für die historischen Berichte des Alten Testaments, aber auch für die Evangelien und die Apostelgeschichte. Beispielsweise bedeutet die Tatsache, dass die Urgemeinde in Jerusalem Gütergemeinschaft praktizierte (Apg 2,44; 4,32), noch nicht, dass alle Christen dazu verpflichtet sind, dasselbe zu tun – wenngleich die Gesinnung der Urgemeinde vorbildlich und für uns im positiven Sinne herausfordernd ist.

Eng damit verbunden ist die Gefahr, aus einem einmaligen heilsgeschichtlichen Ereignis eine Regel abzuleiten. Beispielsweise haben die Gläubigen in Samaria den Heiligen Geist durch das Auflegen der Hände der Apostel Petrus und Johannes empfangen (Apg 8,14-17). Hieraus dürfen wir jedoch nicht die Regel ableiten, dass heute für den Empfang des Heiligen Geistes die Handauflegung (durch einen Apostel) nötig sei.

Es ließen sich noch viele weitere Beispiele anführen. Historische Berichte müssen stets mit den lehrmäßigen Bibeltexten (insbesondere den Briefen) verglichen werden. Die lehrmäßigen Schriftstellen, die nicht beschreiben, sondern erklären, sind die Grundlage für die Auslegung und Anwendung historischer Berichte.[5]

bb) Träume und Visionen

Bei Träumen und Visionen in der Bibel können wir uns folgende Fragen stellen: Geht es um ein Beispiel, dem wir folgen sollen, oder um etwas Einzigartiges, das speziell diese Person in einer besonderen Situation erlebt hat (z.B. Joseph, Daniel)? Gibt es in dem betreffenden Bibeltext irgendwelche Hinweise, die darauf hindeuten, dass diese Visionen oder Träume als allgemeingültiges Vorbild zu verstehen sind, dem wir folgen sollen? Entsprechen oder widersprechen andere Bibelstellen diesen Schlussfolgerungen?

cc) Gleichnisse

Gleichnisse sind Geschichten aus dem natürlichen, alltäglichen Leben des damaligen Israel, mit denen geistliche Botschaften vermittelt werden. Die meisten Gleichnisse, die in der Bibel zu finden sind, hat der Herr Jesus erzählt. Um die Bedeutung eines Gleichnisses richtig zu verstehen, müssen wir den Kontext beachten, in dem es steht. Wir müssen uns beispielsweise fragen, was der Anlass dafür war, dass der Herr Jesus das Gleichnis erzählt hat, an wen Er es gerichtet hat und an welcher Stelle im jeweiligen Bibelbuch das Gleichnis steht. Das gibt uns oft den Schlüssel, um die Absicht des Gleichnisses zu erkennen und es richtig auszulegen.

Gleichnisse veranschaulichen oder vertiefen biblische Wahrheiten, begründen sie jedoch nicht. Deshalb dürfen wir allein auf der Grundlage von Gleichnissen keine biblische Lehre aufbauen. Wir müssen sie im Licht der klaren Lehraussagen der Schrift auslegen.

Der Herr benutzt in seinen Gleichnissen Bilder- und Symbolsprache. Bei der Auslegung dieser Bilder und Symbole müssen wir beachten, dass die Schrift sich selbst erklärt. Daher müssen wir die Bedeutung der Bilder und Symbole in der Schrift selbst suchen. Das bewahrt uns davor, ihre Bedeutung willkürlich unserer eigenen Fantasie zu entnehmen. Wenn beispielsweise der „Sauerteig“ in der Schrift durchgehend ein Bild für die Sünde oder das Böse ist, dann spricht dies gegen die Auslegung, dass in Matthäus 13,33 mit diesem Bild das „Evangelium“ gemeint sein soll, wie manche Bibelausleger vertreten.

Wenn der Herr Jesus ein Gleichnis erzählt, malt Er ein Bild vor die Augen seiner Zuhörer. Ein Gleichnis enthält stets einen großen Hauptgedanken, eine große gedankliche Linie, die wir verstehen müssen. Das bedeutet nicht, dass die Einzelheiten eines Gleichnisses keine Bedeutung haben; sie haben jedoch keine eigenständige Bedeutung, die von dem Hauptgedanken des Gleichnisses losgelöst ist. Vielmehr dienen sie dazu, den Hauptgedanken des Gleichnisses zu verdeutlichen. Deshalb müssen wir immer zuerst die große gedankliche Linie des jeweiligen Gleichnisses verstehen. Davon ausgehend können wir dann auch die Einzelheiten richtig deuten. Wir dürfen jedoch nicht umgekehrt von den Einzelheiten auf die Bedeutung des Gleichnisses schließen. Dieser Ansatz wird uns oft auf die falsche Fährte führen.

In Bezug auf die Frage, ob und in welchem Umfang die Einzelheiten eines Gleichnisses eine geistliche Bedeutung haben können, gibt es unterschiedliche Ansichten. In diesem Zusammenhang ist es interessant, dass es im Neuen Testament zwei Gleichnisse gibt, die der Herr Jesus selbst auslegt – und in beiden Fällen gibt Er nahezu jedem Detail eine Bedeutung. Es handelt sich um das Gleichnis vom Sämann und das Gleichnis vom Unkraut im Acker in Matthäus 13. Das heißt nicht, dass wir nun in jedem Gleichnis jeder noch so kleinen Einzelheit eine bestimmte geistliche Bedeutung geben sollten. Es mag Details geben, die lediglich dazu dienen, ein Bild zu erzeugen beziehungsweise das Bild, das der Herr Jesus zeichnet, zu vervollständigen. Dennoch zeigen uns die beiden Auslegungsbeispiele des Herrn, dass wir durchaus nach der Bedeutung der Einzelheiten suchen dürfen, wobei wir jedoch stets den jeweiligen Kontext, die große Linie des Gleichnisses und die Gesamtlehre der Heiligen Schrift vor Augen behalten müssen.

Christian Briem bringt es gut auf den Punkt:

Einem Gleichnis liegt in der Regel nur eine gedankliche Hauptlinie zugrunde, die es jeweils zu erfassen gilt. Wenn wir auch vor einer phantasievollen „Vergeistlichung“ jeder Einzelheit eines Gleichnisses auf der Hut sein müssen, so gehen wir doch sicherlich in der Annahme nicht fehl, dass der Herr Jesus Seine Worte genau gewählt und die einzelnen Begleitumstände eines Gleichnisses nicht umsonst gerade so und nicht anders vorgestellt hat. Wenn der große Meister ein Gemälde skizziert, sei es größeren oder kleineren Umfangs, so können wir sicher sein, dass jeder Strich „sitzt“ und seine Bedeutung hat. Da wir gewürdigt sind, von zwei Gleichnissen in Matthäus 13 die Auslegung durch den Herrn selbst zu hören, bestätigt sich, dass das nicht eine reine Vermutung ist. Nie benutzt Er ein Wort oder einen Ausdruck grund- oder ziellos; da ist kein Wort zu viel und keines zu wenig. Mit jedem Wort, das Er gebraucht, will Er etwas ausdrücken.[6]

dd) Lehrbriefe

In den Lehrbriefen des Neuen Testaments, die oft nach einer klaren logischen Struktur aufgebaut sind, ist es neben den bereits ausgeführten Auslegungsregeln besonders wichtig, die Argumentationslinie in dem jeweiligen Brief genau zu verfolgen. So wird man beispielsweise viele Verse oder Abschnitte des Römerbriefes (besonders in den Kapiteln 1 bis 11) nicht richtig auslegen können, wenn man die mitunter langen Argumentationsketten des Apostels Paulus nicht genau nachverfolgt. Oder im Epheserbrief ist es für das Verständnis des zweiten Teils (Eph 4–6) notwendig, den Inhalt ersten Teils (Eph 1–3) zu berücksichtigen. Der zweite Teil des Briefes baut auf dem ersten auf. Der erste Teil ist grundlegend, um zu verstehen, warum wir nun so leben und handeln sollen, wozu uns der zweite Teil auffordert.

ee) Poetische Texte

Während Prosa in der Bibel (z.B. Gesetzestexte, historische Berichte, Lehrbriefe) die Wahrheit in gewöhnlicher Sprache vermittelt, sind poetische Texte (z.B. Weisheitsliteratur, viele prophetische Texte) durchdrungen von bildhafter Sprache. Poesie spricht in Metaphern, Vergleichen und Symbolen. Prosaische und poetische Texte müssen nach den jeweiligen Regeln ihrer Gattung gelesen werden. Beide sind gleichermaßen inspiriert, vermitteln die göttliche Wahrheit jedoch in ihrer eigenen Form.

Bei der Auslegung poetischer Texte müssen wir beachten, dass die verwendeten Bilder zwar nicht wörtlich gemeint sind, die dahinterliegende Wahrheit jedoch real ist. Auch die bildhafte Sprache der Bibel vermittelt tatsächliche Wahrheiten. Wenn David in Psalm 18,6 betet: „Die Fesseln des Scheols umringten mich, die Fallstricke des Todes ereilten mich“, dann erwartet niemand ein tatsächliches Seil. Doch die Verzweiflung und Todesnähe, die David empfunden hat, waren real. Wenn er in demselben Psalm betet: „Denn mit dir werde ich gegen eine Schar anrennen, und mit meinem Gott werde ich eine Mauer überspringen“ (Ps 18,30), dann versteht der Bibelleser, dass es nicht darum geht, buchstäblich eine Mauer zu überspringen. Die hinter dieser bildhaften Sprache liegende Wahrheit ist jedoch real: Mit Gottes Hilfe kann der Gläubige auch die größten Schwierigkeiten überwinden.

Einerseits müssen wir also ein zu wörtliches Lesen poetischer Texte vermeiden, da dies die Aussageabsicht und Aussagekraft zerstören würde. Andererseits müssen wir beachten, dass Poesie die Wirklichkeit ausdrückt – veranschaulicht durch Metaphern, Vergleiche und Symbole, die als solche gelesen und verstanden werden müssen.

Wann muss ein Bibeltext oder eine biblische Aussage wörtlich und wann bildlich/symbolisch verstanden werden? Eine hilfreiche Faustregel lautet: Wir sollten einen Bibeltext immer wörtlich verstehen, es sei denn, der Text selbst weist darauf hin, dies nicht zu tun. Wenn wir im Text keine klaren Anzeichen dafür finden, dass bildhafte Rede verwendet wird, sollten wir die Worte in ihrer natürlichen, wörtlichen Bedeutung verstehen. Dafür können wir folgende Fragen an den Bibeltext stellen: Ist es möglich, die jeweilige Textaussage in diesem Kontext buchstäblich zu verstehen, oder ergibt dies erkennbar keinen Sinn? Sprechen andere Bibelstellen dagegen, diese Aussage buchstäblich zu verstehen? Wenn Gott in Jeremia 1,18 zu Jeremia sagt, dass Er ihn „zu einer festen Stadt und zu einer eisernen Säule und zu ehernen Mauern“ machen wird, dann ist das offensichtlich bildhafte Sprache. Wenn es jedoch im zweiten Teil des Verses heißt: „gegen das ganze Land, sowohl gegen die Könige von Juda als auch gegen dessen Fürsten, gegen dessen Priester und gegen das Volk des Landes“, dann ist kein Grund ersichtlich, dies nicht wörtlich zu verstehen.

In Psalm 22,13.17 heißt es: „Viele Stiere haben mich umgeben, gewaltige Stiere von Basan mich umringt. … Denn Hunde haben mich umgeben, eine Rotte von Übeltätern hat mich umzingelt. Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben.“ Psalm 22 ist ein messianischer Psalm, der prophetisch von den Leiden Christi am Kreuz handelt (vgl. Ps 22,2; Mt 27,46). Wenn wir das oben Ausgeführte auf diese Bibelstellen anwenden, dann wird schnell deutlich, dass es sich bei den „Stieren“ und den „Hunden“ um bildhafte Ausdrücke handelt, die nicht buchstäblich zu verstehen sind. Die Auslegung, der Herr wäre am Kreuz von wirklichen Stieren und Hunden umgeben gewesen, ergibt keinen Sinn. Dies würde auch der Beschreibung in den Evangelien widersprechen. Vielmehr sind es Metaphern für die feindlichen Menschen, die den Herrn am Kreuz umringten. Jedoch gilt auch hier wieder: Die Sprache ist bildhaft, die Gegenstände und der Vorgang sind real. Christus hing wirklich am Kreuz und war von grausamen Menschen umgeben, die Ihm großes Leid zufügten.

ff) Sprichwörter

Sprichwörter sind eine besondere Form poetischer Sprache. Wir finden sie vor allem im Buch der Sprüche. Es sind verallgemeinerte Lebensweisheiten, die dem Gläubigen helfen, ein Leben zu führen, das Gott gefällt. Sie sind jedoch keine Garantien. Wenn beispielsweise in Sprüche 15,1 steht, dass eine milde Antwort den Grimm abwendet, dann bedeutet das nicht, dass dies in jedem einzelnen Fall so sein muss. Oder wenn in Sprüche 22,6 gesagt wird, dass ein Knabe, wenn er entsprechend seinem Weg erzogen wird, auch im Alter nicht davon weichen wird, dann handelt es sich um eine weise göttliche Lebensregel, die im Allgemeinen zu diesem Ergebnis führt. Es handelt sich jedoch nicht um eine Gesetzmäßigkeit, von der es keine Ausnahme geben kann.

Ein Sprichwort beleuchtet oft nur eine Perspektive auf eine Sache. Ein einzelnes Sprichwort ist nicht allumfassend, es behandelt nicht alle Aspekte des jeweiligen Themas, sondern ist ergänzungsbedürftig. Andere Sprichwörter zeigen eine andere Perspektive auf die gleiche Sache. Um das vollständige Bild zu erhalten, müssen wir sie miteinander verbinden. In Sprüche 26,4 heißt es beispielsweise: „Antworte dem Toren nicht nach seiner Narrheit, damit nicht auch du ihm gleich werdest.“ Gleich im nächsten Vers heißt es: „Antworte dem Toren nach seiner Narrheit, damit er nicht weise sei in seinen Augen.“ Die Weisheit besteht darin, die unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen und zu wissen, wann welche Lebensregel anzuwenden ist.

Wie alle anderen Schriftworte dürfen wir auch Sprichwörter nicht isoliert auslegen, sondern müssen sie mit dem Gesamtzeugnis der Schrift vergleichen. Ihre Auslegung darf nicht im Widerspruch zu klaren Lehraussagen oder Geboten der Schrift stehen.

Schließlich muss bei der Auslegung berücksichtigt werden, dass viele Sprüche aus den Alltagserfahrungen des alten Israel stammen. Um die Aussage richtig zu verstehen und Anwendungsfehler zu vermeiden, müssen wir daher den jeweiligen Hintergrund des Sprichworts beachten.

4. Auf jedes Wort achten

1Kor 2,12-13: … um die Dinge zu kennen, die uns von Gott geschenkt sind; die wir auch verkündigen, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, mitteilend geistliche Dinge durch geistliche Mittel.

Mt 5,18: Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.

Gal 3,16: Abraham aber waren die Verheißungen zugesagt und seinem Nachkommen. Er sagt nicht: „und den Nachkommen“, als von vielen, sondern als von einem: „und deinem Nachkommen“, welcher Christus ist.

Gott hat den Schreibern der Bibel nicht nur Botschaften gegeben, sondern auch jedes einzelne Wort und die grammatischen Formen und Strukturen inspiriert (Verbalinspiration). Daher müssen wir die Schrift sorgfältig und genau lesen und Oberflächlichkeit vermeiden. Wir sollten nicht nur die Botschaften aufnehmen, sondern auf jedes Wort, auf jede Einzelheit achten. Jedes Wort war an seinem jeweiligen Platz vom Heiligen Geist gewollt und hat seine Bedeutung.

In der oben zitierten Stelle in Galater 3,16 ist nur ein Wort unterschiedlich – „deinem“ anstatt „den“ –, aber welch großer Unterschied ergibt sich daraus! In Römer 12,1 verbindet das Wörtchen „nun“ den gesamten praktischen Teil des Briefes (Röm 12–16) untrennbar mit dem lehrmäßigen Teil (Röm 1–11). Bereits das Übersehen einer Einzelheit kann uns bei der Auslegung auf eine falsche Fährte führen.

Bei Verben müssen wir auf die grammatischen Formen achten. Besonders müssen wir darauf achten, welche Zeitform das Verb hat (Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft) und in welchem Modus es gebraucht wird, also ob es im Indikativ (Wirklichkeit, Realität, Feststellung), Konjunktiv (Möglichkeit, Wunsch) oder Imperativ (Aufforderung, Befehl, Bitte) steht. Wenn der Herr Jesus beispielsweise in Matthäus 5,13-14 sagt: „Ihr seid das Salz der Erde … Ihr seid das Licht der Welt“, dann ist das eine Feststellung (Indikativ) und keine Aufforderung (Imperativ). Mit diesen Metaphern beschreibt der Herr Jesus Wirklichkeiten. Das sind wir, und nun sollen wir auch so leben. Oder wenn Er in Johannes 10,27 sagt: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“, dann handelt es sich ebenfalls um Feststellungen. Es kennzeichnet die wahren Schafe Jesu, dass sie auf die Stimme ihres guten Hirten hören und Ihm folgen.

Besondere Bedeutung haben auch die Bindewörter (Konjunktionen, Partikel). Sie verbinden einzelne Sätze oder Satzteile auf bestimmte Weise miteinander und helfen uns so, den Gedankengang zu verstehen. Wir müssen sorgfältig darauf achten, welche Bindewörter im Bibeltext vorkommen. Sie können unterschiedliche Verknüpfungen im Text herstellen:

  • Verbindung/Aufzählung (und, sowie, außerdem, zudem)
  • Begründung (denn[7], weil, da, zumal, daher, deshalb, darum, weswegen)

  • Gegensatz (aber, jedoch, sondern, doch, allerdings, vielmehr, hingegen, dagegen)
  • Vergleich (wie, gleichwie, als, je … desto, so … wie)
  • Absicht/Zweck (damit, um zu)

Um die Bibel sorgfältig studieren zu können, benötigen wir eine wortgetreue Übersetzung, die mit dem Ziel erstellt wurde, den hebräischen und griechischen Grundtext möglichst genau ins Deutsche zu übersetzen. Wir sollten zum Bibelstudium keine kommunikativen Übersetzungen[8] verwenden, da sie der Tatsache, dass der Heilige Geist jedes einzelne Wort inspiriert hat, nicht Rechnung tragen. Zwar ist letzte Genauigkeit nur im Grundtext zu finden, aber eine genaue Bibelübersetzung (ergänzt durch den Vergleich mit anderen genauen Übersetzungen) ist eine gute Grundlage für ein sorgfältiges Bibelstudium.[9]

5. Nichts hinzufügen, nichts wegnehmen

5Mo 4,2: Ihr sollt nichts hinzutun zu dem Wort, das ich euch gebiete, und sollt nichts davon wegnehmen, damit ihr die Gebote des Herrn, eures Gottes, haltet, die ich euch gebiete.

5Mo 13,1: Das ganze Wort, das ich euch gebiete, das sollt ihr halten, es zu tun; du sollst nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen.

Spr 30,6: Tu nichts zu seinen Worten hinzu, damit er dich nicht überführe und du als Lügner befunden werdest.

Off 22,18-19: Ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen hinzufügen, die in diesem Buch geschrieben sind; und wenn jemand von den Worten des Buches dieser Weissagung wegnimmt, so wird Gott sein Teil wegnehmen von dem Baum des Lebens und aus der heiligen Stadt, wovon in diesem Buch geschrieben ist.

a) Nichts hinzufügen

aa) Vorsicht bei Schlussfolgerungen

Wir dürfen dem Wort Gottes nichts hinzufügen. Besonders bei Schlussfolgerungen, die wir aus bestimmten Aussagen der Bibel ziehen, müssen wir achtsam sein. Zwar dürfen und müssen wir oft auch Schlussfolgerungen ziehen, aber wir müssen prüfen, ob diese mit der Lehre der Bibel übereinstimmen und keinen anderen biblischen Aussagen widersprechen. Beispielsweise können aufgrund von Schlussfolgerungen, die auf menschlicher Logik basieren, Lehren entwickelt werden, die nicht in der Bibel stehen. Dann fügen wir dem Wort Gottes etwas hinzu.

  • Ein Beispiel: Die Bibel lehrt, dass Jesus Gott ist. Die Bibel lehrt auch, dass Maria die Mutter Jesu ist. Die logisch scheinende, aber falsche Schlussfolgerung: Maria ist die Mutter Gottes. 

  • Ein biblisches Beispiel für eine falsche Schlussfolgerung finden wir in Johannes 21,22-23. Der Herr Jesus sagt zu Petrus über Johannes: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“ Die Jünger folgern daraus fälschlicherweise: „Es ging nun dieses Wort unter die Brüder aus: Jener Jünger stirbt nicht. Aber Jesus sprach nicht zu ihm, dass er nicht sterbe, sondern: Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ Der Heilige Geist wiederholt einfach die Worte Jesu. Mehr hatte Er nicht gesagt. Die Jünger schlussfolgerten etwas, das nicht dem entsprach, was der Herr Jesus damit sagte.

bb) Unterscheidung von ausdrücklichen und indirekten Aussagen

Wir müssen daher ausdrückliche (oder direkte, klare) Aussagen von solchen unterscheiden, die nur indirekt aus dem Bibeltext erschlossen werden können. Mit anderen Worten: Lehrt die Bibel diese oder jene Lehre ausdrücklich oder kann man sie nur aus indirekten biblischen Aussagen ableiten? Wir müssen achtgeben, dass wir nicht Lehren in indirekte biblische Aussagen hineinlesen, die nicht im Bibeltext stehen. Wir sollten die biblische Lehre den ausdrücklichen Aussagen der Schrift entnehmen und indirekte Aussagen mithilfe der ausdrücklichen erklären.[10] Beispielsweise ist die Lehre, dass Engel geschlechtslose Wesen sind, eine mögliche, aber nicht zwingend notwendige Folgerung aus Markus 12,25: „Denn wenn sie aus den Toten auferstehen, heiraten sie nicht noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel in den Himmeln.“ Der Bibeltext sagt lediglich, dass Engel nicht heiraten, aber nicht, warum sie nicht heiraten. Eine mögliche Begründung ist, dass Engel geschlechtslos sind. Es kann aber auch einen anderen Grund geben.

cc) Was ist mit dem historisch-kulturellen Kontext?

In Bezug darauf, dass wir dem Wort Gottes nichts hinzufügen dürfen, stellt sich auch die Frage, inwieweit historisch-kulturelle Gegebenheiten für die Auslegung des Bibeltextes maßgeblich sind. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass Gott die Bibel nicht losgelöst vom Zeitgeschehen als fertiges Buch vom Himmel herabgesandt hat, sondern sein Wort sowohl im Alten als auch im Neuen Testament innerhalb bestimmter historisch-kultureller Kontexte offenbart hat. Denn bei der Auslegung eines Bibeltextes geht es zunächst darum, festzustellen, was eine bestimmte Aussage für die ursprünglichen Empfänger in ihrer konkreten (historischen) Situation bedeutete. Erst dann können wir die zeitlose Wahrheit oder das immer gültige biblische Prinzip in dem betreffenden Schriftwort erkennen, das wir auf die heutige Zeit anwenden können. Der kulturelle Hintergrund mag sich ändern, das Prinzip bleibt immer gültig. Dabei müssen wir uns jedoch immer von der zentralen Grundregel leiten lassen, dass die Schrift sich selbst auslegt (2Pet 1,20). Wenn der Bibeltext also auf einen bestimmten kulturellen Hintergrund anspielt, ist es notwendig, diesen zu verstehen, um den Sinn der Aussage nicht zu verfehlen.

  • Beispielsweise schreibt der Apostel Paulus in 2. Timotheus 2,5: „Wenn aber auch jemand kämpft, so wird er nicht gekrönt, es sei denn, er habe gesetzmäßig gekämpft.“ Paulus nimmt hier ein Beispiel aus der damaligen Zeit, um ein immer gültiges Prinzip zu verdeutlichen. Um den Vergleich zu verstehen, müssen wir wissen, dass Paulus von den Regeln der Sportwettkämpfe im damaligen Römischen Reich schreibt.

  • Ein anderes Beispiel sind die Belehrungen von Paulus über die Götzenopfer in 1. Korinther 8 und 1. Korinther 10,14-33, die tief mit dem kulturellen Hintergrund des heidnischen Korinth verbunden sind. Es geht beispielsweise um Fleisch vom Markt, das Götzen geopfert wurde, oder um Einladungen in Privathäusern zu Mahlzeiten mit Götzenopferfleisch. Diese besonderen kulturellen Umstände haben wir heute nicht mehr, zumindest nicht in Deutschland. Das bedeutet jedoch nicht, dass uns diese Bibeltexte in unserem kulturellen Kontext nichts zu sagen hätten. Denn vor dem Hintergrund der kulturellen Umstände in Korinth hat Gott allgemeingültige Prinzipien gegeben, die wir auf unsere Zeit anwenden können. Dazu gehören beispielsweise die Rücksichtnahme auf Glaubensgeschwister mit einem schwachen Gewissen sowie die christliche Freiheit und ihre Grenzen. Um die Situation, in die Paulus ursprünglich hineingesprochen hat, richtig zu verstehen und die biblischen Prinzipien, die seinen Belehrungen zugrundeliegen, richtig auf unsere Zeit anzuwenden, müssen wir diesen kulturellen Hintergrund kennen.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass wir einen kulturellen Hintergrund in den Text hineinlesen und unsere Auslegung davon bestimmen lassen, obwohl der Bibeltext keinerlei Hinweise darauf enthält oder dies sogar im Widerspruch zur Textaussage steht. Dann fügen wir dem Wort Gottes etwas hinzu. R.C. Sproul verdeutlicht dies am Beispiel der Aussagen über die Kopfbedeckung in 1. Korinther 11:

Eine sehr feinsinnige Methode, einen Bibeltext zu relativieren, besteht darin, kulturelle Hintergründe zu Unrecht in einen Text hineinzulesen. Beim Thema Kopfbedeckung im ersten Korintherbrief zum Beispiel erwähnen viele Ausleger, dass es in Korinth ein Zeichen für Prostitution gewesen sei, wenn eine Frau sich ihren Kopf nicht bedeckte. Deshalb kursiert das Argument, Paulus hätte mit der Anweisung der Kopfbedeckung vermeiden wollen, dass Christinnen wie Prostituierte herumlaufen. Was stimmt an dieser Spekulation nicht? Das Problem dabei ist, dass Paulus zwar selbst ein Argument für seine Anweisung anführt, aber aufgrund der rekonstruierten Kenntnis des antiken Korinth meint man, Paulus ein ganz anderes Argument unterschieben zu müssen. Man legt also nicht nur Worte in den Mund des Apostels, sondern ignoriert zudem das, was er tatsächlich geschrieben hat. Wenn Paulus die Frauen in Korinth einfach nur aufgefordert hätte, ihren Kopf gefälligst zu bedecken, ohne seine Anweisung zu begründen, dann wären wir sehr geneigt, eine Begründung aus unserer Kulturkenntnis herzuleiten. Aber in diesem Fall führt Paulus selbst eine Begründung an: Der Grund liegt nicht in den Sitten korinthischer Huren, sondern in der Schöpfungsordnung (1Kor 11,8-10). Wir müssen uns hüten, dass unser Eifer und unsere Kenntnis der antiken Kultur uns dazu verleiten, das zu verdrehen, was ausdrücklich geschrieben steht. Die von Paulus angeführte Begründung zu verwerfen und durch die eigene spekulative Argumentation zu ersetzen, ist ein Affront gegenüber dem Apostel und dem Wort Gottes. Dadurch macht man die Exegese[11] zu einer Eisegese[12].[13]

b) Nichts wegnehmen

Wir dürfen dem Wort Gottes auch nichts wegnehmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Wort der Bibel in Bezug auf die persönliche Anwendung auf unser Leben die gleiche Bedeutung hat. Die meisten Christen sind sich beispielsweise einig, dass wir trotz 3. Mose 1 bis 7 heute keine Tieropfer mehr darbringen müssen und dass wir trotz 3. Mose 19,19 Kleidungsstücke tragen dürfen, die aus zwei verschiedenen Stoffen gewebt wurden. Wer diese Sichtweise vertritt, liegt richtig und hat trotzdem nichts von dem Wort Gottes weggenommen. Aber nach welchen biblischen Regeln entscheiden wir, welche Aussagen wir auch heute noch buchstäblich anzuwenden haben und welche nicht? Anders gefragt: Wie erkennen wir die Reichweite eines Bibelwortes?

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zu beachten, dass Gott die biblische Wahrheit fortschreitend offenbart hat. Das bedeutet, dass Er zu Wahrheiten, die Er bereits offenbart hat, zu späteren Zeitpunkten weitere hinzugefügt oder diese vertieft und somit seine Offenbarung Stück für Stück vervollständigt hat.[14] Das bedeutet nicht, dass frühere Teile der Schrift unvollkommen waren, sondern dass Gott seine Wahrheit nicht auf einmal, sondern im Laufe der Zeit innerhalb seiner Heilsgeschichte mit den Menschen offenbart hat. Fortschreitende Offenbarung bedeutet auch, dass Gott manche Anordnungen, die Er zu einer bestimmten Zeit einer bestimmten Gruppe gegeben hat, zu einer späteren Zeit verändert, eingeschränkt oder aufgehoben hat. Dies müssen wir bei der Auslegung der Bibel berücksichtigen. Wir können folgende Regel formulieren: Biblische Aussagen sind verbindlich, es sei denn, die Bibel selbst verändert sie, schränkt sie ein oder hebt sie auf. Da Gott uns verboten hat, etwas von seinem Wort wegzunehmen, darf nur Er selbst eine Anordnung, die Er einmal gegeben hat, zu einem späteren Zeitpunkt verändern, einschränken oder aufheben. Dies muss eindeutig aus der Schrift hervorgehen.

aa) Beispiele alttestamentliche Anordnungen

Nachfolgend[15] einige Beispiele für alttestamentliche Anordnungen, die im Neuen Testament verändert oder aufgehoben werden:

  • Den Christen wurde durch die Apostel gesagt, dass die Beschneidung und die dazugehörigen Gebote aus dem mosaischen Gesetz nicht verbindlich sind (Apg 15,28-29; siehe dazu auch Gal 3,23-26; 4,3-11; 5,6.11; 6,15). Das Gesetz Moses als solches wurde zwar nicht aufgehoben (Mt 5,17-18), gilt formal jedoch nicht für Christen, da sie dem Gesetz gestorben sind (Röm 7,4.6), sondern ist für Ungläubige bestimmt (1Tim 1,8-10), damit sie von ihren Sünden überführt werden (Röm 3,20; 5,20; Gal 3,19). 

  • Der alte Bund ist durch den neuen abgelöst worden (Heb 8,13: „Indem er sagt: ‚einen neuen‘, hat er den ersten alt gemacht; was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe“ – Gott hat den ersten Bund alt gemacht und einen neuen gestiftet).

  • Das Gebot, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (1Mo 1,22.28; 9,1.7), wird durch den Herrn Jesus selbst und durch den Apostel Paulus eingeschränkt, indem sie es als mögliche göttliche Berufung bezeichnen, um des Herrn und seines Reiches willen ledig zu bleiben (Mt 19,11-12; 1Kor 7,7-8.32.34.37-38).

  • Die vom Volk Israel geführten Kriege sind durch unseren geistlichen Kampf abgelöst worden (2Kor 10,3-4; Eph 6,12).

bb) Beispiele neutestamentliche Anordnungen

Anordnungen des Neuen Testaments sind nur dann in ihrer Gültigkeit begrenzt oder bereits erfüllt, wenn dies aus anderen Stellen im Neuen Testament hervorgeht. Hierzu zwei Beispiele:

  • In Matthäus 10,9-10 gebietet der Herr Jesus seinen Jüngern: „Verschafft euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel, keine Tasche für den Weg noch zwei Unterkleider noch Sandalen noch einen Stab; denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.“ In Lukas 22,35-36 hebt der Herr dieses Gebot wieder auf: „Und er sprach zu ihnen: Als ich euch ohne Geldbeutel und Tasche und Sandalen sandte, fehlte es euch wohl an etwas? Sie aber sagten: An nichts. Er sprach aber zu ihnen: Aber jetzt, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, und ebenso eine Tasche …“

  • Die Zeichen- und Wundergaben dienten in der Anfangszeit, als der neutestamentliche Kanon noch im Entstehen war, zur Bestätigung der Wahrheit des Evangeliums und haben später aufgehört (Mk 16,17-20; 1Kor 13,8; Heb 2,4).

Mit Ausnahme der Anordnungen des Neuen Testaments, die an anderen Stellen des Neuen Testaments eingeschränkt oder aufgehoben werden, hat alles, was im Neuen Testament steht, Gültigkeit, bis der Herr kommt. Beispielsweise sind die Gemeindeordnungen, die der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief gibt, bis heute gültig. Sie galten schon zur Zeit der Abfassung des Briefes nicht nur für die Gemeinde in Korinth, sondern für alle Gemeinden an allen Orten (1Kor 1,1-2). Im Neuen Testament wird nirgendwo gesagt, dass diese Ordnungen oder einzelne von ihnen aufgehoben worden seien.

Anordnungen des Neuen Testaments, die sich auf die Schöpfungsordnung gründen, sind gültig, solange diese Schöpfung besteht. Dazu gehören die Anordnungen zur Ehe (Mt 19,3-6), zu Arbeit und Berufstätigkeit (1Mo 2,5.15; 3,17-19; 1Thes 4,11; 2Thes 3,10-12) sowie zu den Rollen und Aufgaben von Mann und Frau in Familie und Gemeinde (1Mo 2–3; 1Kor 11,2-16; 14,34-38; 1Tim 2,11-15; Eph 5,22-33; Tit 2,1-5). Die Schöpfungsordnung ist kulturunabhängig.

6. Auslegungsbeispiele

Im Folgenden wollen wir die betrachteten Auslegungsregeln anhand einiger Beispiele veranschaulichen.

a) Lukas 15,1-3

Lk 15,1-3: Es kamen aber alle Zöllner und Sünder zu ihm, um ihn zu hören; und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.  Er sprach aber zu ihnen dieses Gleichnis und sagte: …

Wir fragen uns: An wen richtet der Herr Jesus die drei Gleichnisse, die Er in diesem Kapitel erzählt? Mit welcher Absicht hat Er sie erzählt? Was sind die Unterschiede zwischen den drei Gleichnissen und was bedeuten sie? Sind es überhaupt drei Gleichnisse oder ist es in Wirklichkeit nur ein Gleichnis, und welche Bedeutung hat diese Frage für die Auslegung? Wir müssen also den Kontext genau berücksichtigen und auf jedes Wort achten.

Es kamen Zöllner und Sünder zu Jesus, um Ihn zu hören. Das waren Menschen, die unter den Führern der Juden besonders verachtenswert waren. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten darüber murrten und in verächtlicher Weise sagten: „Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.“ Mit Freuden nahm der Herr Jesus diejenigen auf, die ein aufrichtiges Interesse an Ihm und seiner Botschaft hatten. Er war gekommen, um zu suchen und zu erretten, was verloren ist. Im krassen Gegensatz dazu steht die Engherzigkeit und Härte der Pharisäer und Schriftgelehrten. Dies ist der Ausgangspunkt für die Gleichnisse, die der Herr Jesus in Lukas 15 erzählt. In ihrem historischen Kontext waren sie eine Botschaft an die Gewissen der Pharisäer und Schriftgelehrten.

Wir müssen jedoch beachten, dass in Vers 3 nicht von „Gleichnissen“ in der Mehrzahl die Rede ist, sondern es heißt: „Er sprach aber zu ihnen dieses Gleichnis.“ Dies bezieht sich nicht nur auf das erste Gleichnis vom verlorenen Schaf, sondern auf alle Gleichnisse in Lukas 15. Zwischen den Gleichnissen heißt es nämlich nicht: „Und ein anderes Gleichnis redete er zu ihnen“, oder eine ähnliche Formulierung, sondern der Herr erzählt alle drei Geschichten am Stück. Das ist für die Auslegung von großer Bedeutung: Es handelt sich nicht um drei verschiedene Gleichnisse mit verschiedenen Botschaften, sondern um ein Gleichnis in drei verschiedenen Varianten, die alle dieselbe Kernaussage haben. Das fällt auch sofort auf, wenn man dieses Kapitel liest. In allen Fällen ist etwas verloren, das wiedergefunden wird (Lk 15,6.9.24).

Der Kontext zeigt, dass das verlorene Schaf, die verlorene Drachme und der verlorene Sohn bildlich für verlorene Sünder stehen – wie die Zöllner und Sünder, die zu Jesus kamen (vgl. Lk 15,7.10). Warum hat der Herr Jesus dieses Gleichnis in drei Varianten erzählt? In der ersten Variante ist es ein Mensch, der ein verlorenes Schaf sucht. Das erinnert an den Herrn Jesus, den guten Hirten. In der zweiten Variante ist es eine Frau, die eine Drachme verliert und eine Lampe anzündet, um sie zu finden. Das erinnert an den Heiligen Geist, der die Sünder durch das Licht des Wortes Gottes überführt. In der dritten Variante ist es ein Vater, der einen verlorenen Sohn hat. Das spricht von Gott dem Vater.

Der Herr Jesus redet den Pharisäern und Schriftgelehrten in Lukas 15 ins Gewissen. Sie verachteten die Zöllner und Sünder und interessierten sich nicht im Geringsten für ihr Seelenheil. Im Gegensatz zu ihrer Engherzigkeit und Härte steht die Liebe und Weitherzigkeit des dreieinen Gottes, der den Verlorenen nachgeht, um sie zu retten.

Wenn wir den Kontext beachten, können wir auch die Frage beantworten, von wem der ältere Sohn in Lukas 15,25-32 spricht.

b) 1. Korinther 15,29

1Kor 15,29: Was werden sonst die tun, die für die Toten getauft werden, wenn überhaupt Tote nicht auferweckt werden? Warum werden sie auch für sie getauft?

Um diesen Vers richtig auszulegen, müssen wir erneut fragen: In welchem Kontext steht diese Aussage? Was ist das Thema in 1. Korinther 15? Mit welcher Absicht hat Paulus dieses Kapitel geschrieben?

Das große Thema von 1. Korinther 15 ist die Auferstehung. Der Anlass für die Niederschrift dieses Kapitels war, dass es in Korinth solche gab, die die Auferstehung leugneten (1Kor 15,12). Paulus korrigiert diese Irrlehre in diesem Kapitel. Darüber hinaus nutzt er die Gelegenheit, um der Gemeinde in Korinth viele Belehrungen über die Auferstehung zu geben.

In 1. Korinther 15,12-19 macht Paulus den Korinthern mit Nachdruck deutlich, welche Konsequenzen es hätte, wenn es tatsächlich keine Auferstehung der Toten gäbe und somit auch Christus nicht aus den Toten auferstanden wäre. Die Predigt des Evangeliums und der Glaube an Christus wären vergeblich. Wir wären noch in unseren Sünden und würden verloren gehen. Auch die in Christus entschlafenen Gläubigen wären verlorengegangen. Es gäbe keine Hoffnung für uns. Wir Christen wären die Elendsten von allen Menschen. Die Verse in 1. Korinther 15,20-28 sind eine Einschaltung, und in Vers 29 wird der Gedankengang wieder aufgenommen, welche Konsequenzen es hätte, wenn es keine Auferstehung der Toten gäbe. Es wäre sinnlos, dass Menschen getauft werden und in die Nachfolge des Herrn Jesus treten (1Kor 15,29). Ebenso wären alle Gefahren und Leiden, die man für Christus erduldet, sinnlos (1Kor 15,30-32).

Bedeutet 1. Korinther 15,29, dass man durch die Taufe lebender Menschen etwas für die Toten tun kann? Kann man das Los der Toten beeinflussen, indem man Menschen für sie tauft? Auf diesen Gedanken könnte man kommen, wenn man nur den Wortlaut dieses Verses berücksichtigt. Diese Auslegung widerspricht jedoch nicht nur der Gesamtlehre der Bibel,[16] sondern passt auch nicht in den Kontext von 1. Korinther 15. Der Kontext zeigt, dass sich „die Toten“ in Vers 29 auf gestorbene Gläubige beziehen. In diesem Kapitel geht es ja um die Auferstehung der gestorbenen Gläubigen.

Was ist also die Bedeutung dieses Verses? Wenn ein Christ, der mit der Taufe in die Nachfolge des Herrn Jesus getreten ist, stirbt, entsteht gewissermaßen eine Lücke in den Reihen der Zeugen Christi. Durch die Taufe von Neubekehrten, die ihren Platz in der Nachfolge des Herrn einnehmen, wird diese Reihe wieder „aufgefüllt“. Das ist mit „für die Toten getauft“ gemeint. Man kann dies mit Soldaten auf dem Schlachtfeld vergleichen: Wenn ein Soldat fällt und eine Lücke in die Formation reißt, wird diese Lücke durch einen neuen Soldaten geschlossen, der den Platz des gefallenen Soldaten einnimmt. So geschieht es im Zeugnis für Christus auf Erden bereits seit etwa 2000 Jahren.

Die Taufe ist ein Bild dafür, dass wir mit Christus begraben sind, aber sie geschieht mit Blick auf die Auferstehung (vgl. Röm 6,3-5). Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann ist die Taufe eine sinnlose Handlung. Warum sollten durch die Taufe ständig neue Gläubige den Platz der gestorbenen Gläubigen im Zeugnis für Christus und im geistlichen Kampf einnehmen, wenn die gestorbenen Gläubigen verlorengegangen sind und die Neugetauften ebenfalls verlorengehen werden (vgl. 1Kor 15,18)? Wozu taufen, wenn die Botschaft des auferstandenen Christus vergeblich ist, der Glaube nichtig und die christliche Hoffnung gar nicht existiert? Es wäre, als würde eine Armee ihre Toten ständig durch neue Rekruten ersetzen und in einem aussichtslosen und längst verlorenen Krieg immer weiterkämpfen.

c) Philipper 4,13

Phil 4,13: Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.

Bei der Auslegung dieser Aussage des Apostels Paulus wollen wir erneut berücksichtigen, dass die Auslegung von dem Kontext bestimmt wird. Kann ein Christ, der im Beruf erfolgreich ist, als Begründung Philipper 4,13 anführen? Oder was ist mit einem Christen, der im Sport einen Wettbewerb nach dem anderen gewinnt und seinen Erfolg bescheiden mit Philipper 4,13 begründet? Darf er das oder reißt er den Vers aus seinem Zusammenhang? Diese beispielhaften Fragen zeigen, wie wichtig ist es, den Kontext dieser Bibelstelle zu beachten. In beiden Fällen wird Philipper 4,13 nämlich aus dem Kontext gerissen. Die Beachtung des Kontextes schützt uns vor falschen Auslegungen. Es schützt uns davor, einer biblische Aussage eine Bedeutung beizumessen, die Gott nie beabsichtigt hatte.

In welchem Kontext steht Philipper 4,13? Paulus schrieb diesen Brief aus dem Gefängnis in Rom (Phil 1,12-14). Die Gemeinde in Philippi hatte Paulus durch Epaphroditus eine finanzielle Gabe überbracht, die er im Gefängnis erhalten hatte (Phil 2,25-30; 4,18). Ein Grund für die Abfassung dieses Briefes war, dass Paulus sich bei den Philippern für die finanzielle Unterstützung bedanken wollte (Phil 4,10-20). In diesen Versen drückt Paulus seine Freude über die Gabe der Philipper aus. Seine Freude war jedoch nicht in erster Linie darin begründet, dass seinem Mangel abgeholfen wurde. Er hatte sowohl erfahren, satt zu sein und Überfluss zu haben, als auch Mangel zu leiden und zu hungern. All das erfuhr er, weil er sein Leben restlos in den Dienst des Herrn gestellt hatte. Dabei hatte er hatte gelernt, sich mit dem zu begnügen, was er hatte, und immer zufrieden zu sein (Phil 4,11-12). Dann schreibt er im nächsten Vers: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“ (Phil 4,13). In der Kraft Christi vermochte Paulus alle Umstände seines Lebens – mit wie viel Mangel und Entbehrung sie auch verbunden sein mochten – zufrieden aus der Hand Gottes anzunehmen. Das ist der Kontext von Philipper 4,13. Wir sollten diesen Vers daher nicht auf beruflichen, schulischen oder sportlichen Erfolg anwenden, sondern auf Zufriedenheit und Dankbarkeit in Gott bei wechselnden Umständen, auch wenn wir um des Herrn willen durch Zeiten des Mangels und der Entbehrungen gehen müssen.

d) 1. Johannes 2,20.27

1Joh 2,20.27: Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisst alles. … Und ihr, die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehrt, sondern wie dieselbe Salbung euch über alles belehrt und wahr ist und keine Lüge ist und wie sie euch belehrt hat, so bleibt in ihm.

Bedeutet diese Bibelstelle, dass wir keine Bibellehrer brauchen? Wozu brauchen wir Lehrer des Wortes, wenn wir die „Salbung“, also den Heiligen Geist, haben und „alles wissen“? Der Apostel Johannes schreibt doch ausdrücklich: „Und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand belehrt.“ Um diese Stelle richtig zu verstehen, müssen wir wieder die grundlegenden Auslegungsregeln anwenden, insbesondere: Vergleich von Schrift mit Schrift, Auslegung der schwierigeren Stellen im Licht der klareren Stellen und die sorgfältige Beachtung des Kontextes.

Gleich zu Anfang können wir festhalten: Was auch immer diese Stelle bedeutet, sie bedeutet nicht, dass wir keine Brüder brauchen, die der Herr dazu begabt hat, uns in seinem Wort zu unterweisen. Denn in Epheser 4,11-13 heißt es – eine sehr klare Stelle –, dass der verherrlichte Herr unter anderem „Lehrer“ gegeben hat, und zwar „zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus, bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“. Begabte Bibellehrer sind also eine Gabe des Herrn an seine Gemeinde, die wir zu unserer Auferbauung und zu unserem Wachstum benötigen.

Was bedeutet 1. Johannes 2,20.27 dann? Der Apostel Johannes schreibt in 1. Johannes 2,18-27 zu den Kindern im Glauben, den Jungbekehrten. Er warnt sie vor Verführern. In Vers 26 schreibt er: „Dies habe ich euch im Hinblick auf die geschrieben, die euch verführen.“ Durch den Heiligen Geist hat Gott uns die Fähigkeit gegeben, seine Gedanken zu verstehen (vgl. Joh 16,13; 1Kor 2,12). Er hat uns die grundsätzliche Fähigkeit gegeben, Wahrheit und Irrtum voneinander zu unterscheiden und in diesem Sinne „alles zu wissen“. Dies ist auch für Kinder im Glauben wahr. Wenn Menschen mit Irrlehren zu ihnen kommen – im Kontext des ersten Johannesbriefes geht es um Irrlehren über das Wesen Christi –, können sie durch den Geist der Wahrheit, der in ihnen wohnt und ihnen das Wort Gottes öffnet, den Irrtum erkennen und vor Verführung bewahrt bleiben. Unter diesem Blickwinkel brauchen wir keine Lehrer. Der Heilige Geist selbst ist unser Lehrer (Joh 14,26) und gibt auch den Kindern im Glauben die Fähigkeit, Irrlehren zu entlarven und nicht auf Verführer hereinzufallen. Hier wird jedoch nicht im Allgemeinen gesagt, dass neu bekehrte Gläubige und auch ältere keine Belehrung nötig hätten. Dann hätte der Apostel Johannes seinen Brief gar nicht schreiben müssen.

e) Prediger 3,18-20 und 9,5

Pred 3,18-20: Ich sprach in meinem Herzen: Wegen der Menschenkinder geschieht es, damit Gott sie prüfe und damit sie sehen, dass sie an und für sich Tiere sind. Denn was das Geschick der Menschenkinder und das Geschick der Tiere betrifft, so haben sie ein und dasselbe Geschick: Wie diese sterben, so sterben jene, und einen Odem haben sie alle; und da ist kein Vorzug des Menschen vor dem Tier, denn alles ist Eitelkeit. Alles geht an einen Ort; alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück. 

Pred 9,5: Die Lebenden wissen, dass sie sterben werden; die Toten aber wissen gar nichts, und sie haben keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen.

Aus diesen Stellen wurden schwerwiegende falsche Lehren entwickelt: die Leugnung der Unsterblichkeit der menschlichen Seele (Pred 3,18-20) und der Seelenschlaf (Pred 9,5). Wenn Mensch und Tier dasselbe Geschick haben, auf die gleiche Weise sterben und alles an einen Ort geht, kann die Seele des Menschen nicht unsterblich sein. Und wenn die Toten gar nichts wissen, können die Gestorbenen nicht bei Bewusstsein an einem Ort der Glückseligkeit oder der Qual sein, sondern sie müssen sich in einem Bewusstsein des Schlafes befinden. Diese Auslegungen beachten jedoch nicht den besonderen Charakter des Buches, in dem diese Verse stehen, und lösen sie somit aus ihrem Kontext. Sie berücksichtigen auch nicht die klaren und eindeutigen Aussagen anderer Bibelstellen zu diesen Themen.

In Prediger 1,2-3 wird der Charakter und die besondere Perspektive dieses Bibelbuches deutlich: „Eitelkeit der Eitelkeiten!, spricht der Prediger; Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist Eitelkeit. Welchen Gewinn hat der Mensch bei all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?“ Das Wort „Eitelkeit“ oder „Nichtigkeit“ kommt 38-mal in diesem Buch vor. Der Ausdruck „unter der Sonne“ kommt 28-mal vor. Das sind die Schlüsselbegriffe. Die Kernfrage des Buches lautet: Wie sollte der Mensch sein Leben am besten verbringen? Diese Frage wird in diesem Buch meist aus der Sicht eines Menschen beantwortet, der nicht über die Erde hinausschaut, sondern nur das betrachtet, was „unter der Sonne“ geschieht, ohne das Ewige und Unvergängliche zu berücksichtigen. Unter dieser Perspektive – ohne Gott – kommt der Prediger immer zu demselben Ergebnis: Alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind. Berücksichtigt man die besondere Perspektive dieses Buches, stellen die oben angeführten Stellen keine Schwierigkeit mehr dar. Betrachtet man allein das Irdische, weiß der gestorbene Mensch nichts mehr über das Geschehen auf der Erde. Dann besteht tatsächlich auch kein Unterschied zwischen einem Menschen und einem Tier: Beide sterben und sind dann von der Erde weg. Weiter schaut der Prediger in diesen Stellen nicht. Am Ende des Prozesses, den der Prediger in diesem Buch durchläuft, bezieht er Gott durchaus mit ein (Pred 11,9–12,14) und weiß dann auch von einem bewussten Leben nach dem Tod (Pred 12,5.7.14).

Außerdem widerspricht die oben genannte Auslegung anderen Bibelstellen, die eindeutig zeigen, dass sich die Gestorbenen nicht in einem Seelenschlaf befinden (Lk 16,19-31; Phil 1,23; Off 6,9-10) und dass die Seele des Menschen unsterblich ist (Mt 25,46; Mk 9,43-48; Joh 11,25-26; Off 20,10).


Zuerst erschienen auf Biblische Lehre

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Anmerkungen

[2] Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür finden wir in 2. Timotheus 4,13: „Den Mantel, den ich in Troas bei Karpus zurückließ, bring mit, wenn du kommst, und die Bücher, besonders die Pergamente.“

[3] Menge 1949 (DBG-Ausgabe).

[4] Auf die Auslegung biblischer Prophetie wird unter „V. Auslegung der biblischen Prophetie“ noch einmal gesondert eingegangen.

[5] Zum Empfang des Heiligen Geistes siehe beispielsweise Epheser 1,13.

[6] Christian Briem, Er lehrte sie vieles in Gleichnissen, Band 1, Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 1999, S. 18.

[7] Bei „denn“ (griech. gar) müssen wir beachten, dass der Apostel Paulus diese Konjunktion nicht nur als einfache Begründung verwendet, sondern häufig mehrere „denn“ aneinanderreiht, um seine Argumentation zu entfalten und zu vertiefen. Das ist ein besonderes Stilmittel, das Paulus in seinen Briefen immer wieder verwendet. Dazu zwei Beispiele aus dem Römerbrief:

  1. Röm 5,3-10Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, da wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung; die Hoffnung aber beschämt nicht, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist. Denn Christus ist, da wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben. Denn kaum wird jemand für einen Gerechten sterben; denn für den Gütigen könnte vielleicht noch jemand zu sterben wagen. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. Viel mehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn gerettet werden vom Zorn. Denn wenn wir, da wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, so werden wir viel mehr, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden.

  2. Röm 8,18-24: Denn ich halte dafür, dass die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das sehnliche Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden – nicht freiwillig, sondern dessentwegen, der sie unterworfen hat –, auf Hoffnung, dass auch die Schöpfung selbst frei gemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Geburtswehen liegt bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes. Denn in Hoffnung sind wir errettet worden. Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung; denn was einer sieht, was hofft er es auch?

[8] Dazu gehören beispielsweise: Hoffnung für alle, Neues Leben Bibel, Gute Nachricht Bibel.

[9] Zum Thema „Kriterien für eine gute Bibelübersetzung“ sei der gleichnamige Artikel von Benedikt Peters empfohlen. Zugänglich auf https://bibelbund.de [zuletzt aufgerufen am 28.12.2025].

[11] Exegese (griech. exegesis, „Erklärung, Auslegung, Deutung“) bezeichnet die Auslegung eines Textes, bei der die Bedeutung aus dem Text selbst erschlossen wird.

[12] Bei der Eisegese werden eigene Vorstellungen, Vorurteile oder Wünsche in den Text hineingelesen. Eisegese ist ein moderner Begriff, der bewusst als Gegenstück zu Exegese gebildet wurde.

[13] R.C. Sproul, Bibelstudium für Einsteiger, Augustdorf: Betanien, 2003, S. 116f.

[14] Beispielsweise finden sich bereits im Alten Testament Andeutungen der Dreieinheit Gottes, doch erst im Neuen Testament wird diese Wahrheit vollständig offenbart.

[15] Für die beiden folgenden Abschnitte habe ich mich stark an dem Artikel „Wie legen wir die Bibel aus?“ von Benedikt Peters angelehnt. Der Artikel ist verfügbar unter: https://bibelbund.de [zuletzt aufgerufen am 28.12.2025].

[16] Beispielsweise zeigt die Begebenheit vom reichen Mann und dem armen Lazarus in Lukas 16,19-31, dass mit dem Tod das ewige Los für immer feststeht.

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