1. Einführung
Bislang haben wir uns ausschließlich mit der historisch-grammatischen Auslegung der Bibel beschäftigt. Wie bereits ausgeführt, wird bei dieser Auslegungsmethode der Wortlaut des Bibeltextes in seinem Kontext untersucht, um zu verstehen, was er zur Zeit seiner Abfassung bedeutete. Dabei steht der wörtliche Sinn des Bibeltextes im Fokus. Dies ist der Ausgangspunkt und das Fundament jeder Auslegung. Die historisch-grammatische Auslegung ist jedoch nicht die einzige Methode ist, die wir bei der Beschäftigung mit Bibeltexten anwenden können. Das Neue Testament lehrt, dass das Alte Testament Typologie und Allegorie enthält. Das bedeutet, dass Wahrheiten des Neuen Testaments bereits in bildlicher Form im Alten Testament enthalten sind. Im Alten Testament gibt es Personen, Ereignisse, Gegenstände und Orte, die Wahrheiten vorschatten, die Gott erst im Neuen Testament offenbart hat. Bevor nähere Erklärungen dazu gegeben werden, folgen zunächst einige Bibelstellen, die ausdrücklich lehren, dass alttestamentliche Texte typologisch beziehungsweise allegorisch ausgelegt werden können:
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Röm 5,14: Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose, selbst über die, die nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams, der ein Vorbild [griech. typos] des Zukünftigen ist.
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1Kor 10,1-6.11: Ich will nicht, dass ihr darüber unwissend seid, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren und alle durch das Meer hindurchgegangen sind und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und in dem Meer und alle dieselbe geistliche Speise aßen und alle denselben geistlichen Trank tranken; denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie begleitete. Der Fels aber war der Christus. Aber an den meisten von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen, denn sie sind in der Wüste niedergestreckt worden. Diese Dinge aber sind als Vorbilder [griech. typos] für uns geschehen, damit wir nicht nach bösen Dingen begehren, wie auch jene begehrten. … Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder [griech. typos] und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf die das Ende der Zeitalter gekommen ist.
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Gal 4,21-24: Sagt mir, die ihr unter Gesetz sein wollt, hört ihr das Gesetz nicht? Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd und einen von der Freien; aber der von der Magd war nach dem Fleisch geboren, der aber von der Freien durch Verheißung, was einen bildlichen Sinn [griech. allegoreo] hat.
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Kol 2,16-17: So richte euch nun niemand wegen Speise oder wegen Trank oder hinsichtlich eines Festes oder Neumondes oder von Sabbaten, die ein Schatten [griech. skia] der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus.
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Heb 10,1: Denn da das Gesetz einen Schatten [griech. skia] der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich ununterbrochen darbringen, die Hinzunahenden vollkommen machen.
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1Pet 3,20-21: … die einst ungehorsam waren, als die Langmut Gottes harrte in den Tagen Noahs, während die Arche zugerichtet wurde, in die wenige, das ist acht Seelen, eingingen und durch Wasser gerettet wurden, welches Gegenbild[1] [griech. antitypos] auch euch jetzt errettet, das ist die Taufe (nicht ein Ablegen der Unreinheit des Fleisches, sondern das Begehren eines guten Gewissens vor Gott), durch die Auferstehung Jesu Christi.
Daneben gibt es Bibelstellen, in denen zwar keine Ausdrücke wie „Vorbild“, „Gegenbild“, „Schatten“ oder „bildlicher Sinn“ vorkommen, die aber ebenfalls auf typologische oder allegorische Belehrungen des Alten Testaments hinweisen. Hier einige Beispiele:
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Mt 12,38-40: Dann antworteten ihm einige der Schriftgelehrten und Pharisäer und sprachen: Lehrer, wir möchten ein Zeichen von dir sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden als nur das Zeichen Jonas, des Propheten. Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein.
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Joh 3,14-15: Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe.
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1Kor 5,7-8: Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seiet, wie ihr ungesäuert seid. Denn auch unser Passah, Christus, ist geschlachtet worden. Darum lasst uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit.
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1Kor 9,9-10: In dem Gesetz Moses steht geschrieben: „Du sollst dem Ochsen, der drischt, nicht das Maul verbinden.“ Ist Gott etwa um die Ochsen besorgt? Oder spricht er nicht durchaus unsertwegen? Denn es ist unsertwegen geschrieben, dass der Pflügende auf Hoffnung pflügen und der Dreschende auf Hoffnung dreschen soll, um daran teilzuhaben.
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Eph 5,30-32: Wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinen Gebeinen. „Deswegen wird ein Mensch den Vater und die Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein.“ Dieses Geheimnis ist groß; ich sage es aber in Bezug auf Christus und auf die Versammlung.
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Heb 7,1-3: Dieser Melchisedek, König von Salem, Priester Gottes, des Höchsten, der Abraham entgegenging, als er von der Schlacht der Könige zurückkehrte, und ihn segnete, dem auch Abraham den Zehnten von allem zuteilte; der erstens übersetzt König der Gerechtigkeit heißt, dann aber auch König von Salem, das ist König des Friedens, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend, aber dem Sohn Gottes verglichen, bleibt Priester auf immerdar.
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Heb 10,19-20: Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch …
2. Erklärungen zu einzelnen Bibelstellen
a) 1. Korinther 10,6.11
1Kor 10,6.11: Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit wir nicht nach bösen Dingen begehren, wie auch jene begehrten. … Alle diese Dinge aber widerfuhren jenen als Vorbilder und sind geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf die das Ende der Zeitalter gekommen ist.
In 1. Korinther 10,6 und 11 spricht der Apostel Paulus von alttestamentlichen Ereignissen als „Vorbilder“, die für die Gemeinde geschehen und aufgeschrieben worden sind. Der Ausdruck typos hat hier nicht die Bedeutung eines nachahmenswerten Beispiels (wie zum Beispiel in Philipper 3,17; 1. Thessalonicher 1,7; 1. Petrus 5,3), sondern bedeutet, dass die alttestamentlichen Ereignisse eine Vorausdarstellung oder ein Vorausbild der Gemeindezeit sind, und zwar in zweierlei Weise.
Einerseits weisen die Gefahren, in denen das Volk Israel stand, und die Sünden, in die es gefallen ist, auf die Gefahren und Sünden hin, mit denen die Gemeinde heute konfrontiert ist. Die Gemeinde steht in der Gefahr, die gleichen Sünden zu begehen, die das Volk Israel begangen hat. Der Ausdruck typos bezieht sich hier jedoch nicht nur darauf, dass wir aus dem Fehlverhalten Israels einen praktischen Nutzen ziehen. Paulus spricht auch vom Durchzug durch das Rote Meer, vom Manna und vom Wasser aus dem Felsen (1Kor 10,1-4). Er nennt das Manna eine „geistliche Speise“, das Wasser aus dem Felsen einen „geistlichen Trank“ und den Felsen selbst einen „geistlichen Felsen“ und sagt dann: „Der Fels aber war der Christus.“
Wir können also nicht nur praktische und moralische Lehren aus den historischen Berichten des Alten Testaments ziehen. Sie haben noch eine weitergehende Bedeutung. Sie enthalten auch in bildlicher Form geistliche Wahrheiten, die im Neuen Testament offenbart wurden. Beispielsweise sind sowohl das Manna als auch der Felsen Typen oder Vorbilder von Christus als der Nahrung für die Gläubigen (vgl. Joh 6,33.35.55). Auch der Durchzug durch das Rote Meer, die Wüstenwanderung und viele andere Ereignisse des Alten Testaments weisen auf neutestamentliche Wahrheiten hin. Das Alte Testament wurde nicht zu Unrecht als das Bilderbuch des Neuen Testaments bezeichnet. Dies wird in Römer 5,14 bestätigt:
b) Römer 5,14
Röm 5,14: Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose, selbst über die, die nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams, der ein Vorbild des Zukünftigen ist.
Dort schreibt Paulus, dass Adam „ein Vorbild des Zukünftigen ist“. Adam ist ein Typus, eine Vorausdarstellung von Christus. Dass ausgerechnet Adam vorbildlich auf Christus hinweist, hätten wir vielleicht nicht erwartet. Er ist eines der Vorbilder Christi im Alten Testament, die sowohl Übereinstimmungen als auch Gegensätze aufweisen. Der Kontext von Römer 5 zeigt, warum Adam ein Vorbild Christi ist: Wie Christus ist er das Haupt eines Menschengeschlechts. Adam ist durch seinen Sündenfall das Haupt eines gefallenen Menschengeschlechts geworden und hat den Tod in die Welt gebracht. Christus ist durch sein Erlösungswerk das Haupt eines neuen, erlösten Menschengeschlechts geworden und hat das Leben in die Welt gebracht.[2]
c) Kolosser 2,16-17
Kol 2,16-17: So richte euch nun niemand wegen Speise oder wegen Trank oder hinsichtlich eines Festes oder Neumondes oder von Sabbaten, die ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus.
In Kolosser 2,16-17 schreibt der Apostel Paulus im Zusammenhang mit alttestamentlichen Speisevorschriften, Festzeiten und Sabbaten, dass diese „ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper aber ist des Christus“. Ein Schatten weist auf den Körper hin, der den Schatten wirft. So weist das Alte Testament auf Christus und auf das, was durch Ihn kommen sollte, hin. Der Ausdruck „des Christus“ bezieht sich nicht nur auf Christus selbst, sondern auch auf alles, was Ihm gehört oder mit Ihm in Verbindung steht. Das sind die „zukünftigen Dinge“. Das Alte Testament wirft also in bildlicher Form Schatten auf Dinge voraus, die erst zu einem späteren Zeitpunkt, nämlich im Neuen Testament, von Gott offenbart wurden. Ohne den Körper können wir den Schatten nicht richtig deuten, da er nur eine umrissartige Abbildung ist. Aber jetzt, da Christus und die Wahrheiten des Neuen Testaments offenbart wurden, können wir die Schatten des Alten Testaments im Licht des Neuen Testaments erkennen und richtig deuten.
d) Hebräer 10,1
Heb 10,1: Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich ununterbrochen darbringen, die Hinzunahenden vollkommen machen.
Auch in Hebräer 10,1 ist von den alttestamentlichen Schatten die Rede. Dort heißt es, dass „das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat“. Das mosaische Gesetz enthält demnach „einen Schatten der zukünftigen Güter“. Die „zukünftigen Güter“ sind all die Segnungen, die in Christus einmal kommen sollten. Der Schatten ist nicht die Wirklichkeit, er hat „nicht die Gestalt der Dinge selbst“ (Schlachter), weist aber auf die wirklichen Dinge hin. Auch hier sehen wir, dass die Schattenbilder des Alten Testaments auf Wahrheiten des Neuen Testaments hinweisen. Im Kontext von Hebräer 10 geht es um die Anordnungen des alttestamentlichen Gottesdienstes, die auf Christus, sein Werk und dessen Auswirkungen hinweisen. Selbstverständlich waren der Opferdienst des Alten Testaments und die zugrunde liegenden Anordnungen real und wirklich. Aber Gott hat sie von Anfang an als bildliche (typologische) Hinweise auf Christus und sein Werk gegeben. Erst im Licht des Neuen Testaments können wir erkennen, was Gott uns mit den Opfervorschriften, dem großen Versöhnungstag usw. eigentlich sagen wollte.
e) Galater 4,21-24
Gal 4,21-24: Sagt mir, die ihr unter Gesetz sein wollt, hört ihr das Gesetz nicht? Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd und einen von der Freien; aber der von der Magd war nach dem Fleisch geboren, der aber von der Freien durch Verheißung, was einen bildlichen Sinn hat; denn diese sind zwei Bündnisse: eins vom Berg Sinai, das zur Knechtschaft gebiert, welches Hagar ist.
Hier spricht der Apostel Paulus von Personen des Alten Testaments und sagt ausdrücklich, dass sie einen „bildlichen Sinn“ haben. Der zugrunde liegende griechische Ausdruck allegoreo bedeutet: „bildlich von etwas reden“, wobei das Gesagte als Sinnbild für etwas anderes steht.[3] Von allegoreo stammt das deutsche Fremdwort „Allegorie“ ab. Die Allegorie ist Teil der Typologie. Dabei handelt es sich um Begebenheiten aus dem Alten Testament, bei der alle oder viele Einzelheiten eine bildliche oder symbolische Bedeutung haben und auf geistliche Wahrheiten hinweisen. In der Bibel fließen Typologie (Vorbilder) und Allegorie (sinnbildliche Rede) ineinander.
Wichtig ist, die allegorische Auslegung alttestamentlicher Texte von dem heute in evangelikalen Kreisen üblichen Verständnis dieses Begriffs zu unterscheiden. Heute versteht man darunter oft eine „Allegorisierung“ des biblischen Textes, bei der der historisch-buchstäbliche Sinn des Textes als unwichtig betrachtet und durch eine bildliche oder geistliche Auslegung umgedeutet oder ersetzt wird. Eine derartige Allegorisierung wäre es beispielsweise, wenn man den wörtlichen Sinn des Schöpfungsberichts in 1. Mose 1 oder den wörtlichen Sinn der Beschreibung des Sündenfalls in 1. Mose 3 nicht ernstnähme und durch eine sinnbildliche Auslegung ersetzen würde. Diese Art der Allegorisierung ist zu Recht entschieden abzulehnen.
Wir dürfen jedoch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und eine allegorische Auslegung alttestamentlicher Texte generell ablehnen. Es besteht immer die Gefahr, dass wir im Bemühen, nicht von der einen Seite des Pferdes zu fallen, von der anderen Seite hinunterfallen. Das Beispiel in Galater 4,21-24 zeigt, dass alttestamentliche Texte neben dem wörtlichen Sinn auch einen bildlichen Sinn haben können. Beachten wir die Selbstverständlichkeit, mit der Paulus die genannte Stelle allegorisch deutet. Er fragt die Galater: „Hört ihr das Gesetz nicht?“ (Gal 4,21), erklärt dann jedoch nicht den wörtlichen Sinn einer Schriftstelle aus dem Gesetz, sondern den bildlichen Sinn. Das ist bemerkenswert. Entscheidend ist dabei jedoch, dass der bildliche Sinn den wörtlichen nicht ersetzt, sondern ergänzt. Die allegorische Auslegung im biblischen Sinn ist keine Umdeutung des alttestamentlichen Textes. Die historisch-buchstäbliche Bedeutung des Textes behält ihre volle Bedeutung. Abraham, Sara, Hagar, Isaak und Ismael sind selbstverständlich historische Personen. Alles, was im ersten Buch Mose über sie berichtet wird, sind reale Ereignisse. Gleichzeitig haben diese Personen und Ereignisse auf einer zweiten Auslegungsebene eine sinnbildliche Bedeutung, die die historisch-buchstäbliche Bedeutung des biblischen Berichts jedoch nicht antastet.
Wir müssen uns jedoch nicht nur vor einer Umdeutung alttestamentlicher Texte durch „Allegorisierung“ hüten, sondern auch vor der willkürlichen Erfindung von Allegorien. Wenn beispielsweise der Theologe Origenes (ca. 185–254 n.Chr.) behauptete, die fünf Könige in Josua 10, die sich in der Höhle bei Makkeda versteckten und die Josua später aus der Höhle herausholte und erschlug, seien ein Bild für die fünf körperlichen Sinne (Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen, Riechen), deren ungezügelte Herrschaft über den Menschen gebrochen wird, dann ist dies keine gesunde allegorische Auslegung. Denn wo in der Schrift gibt es einen Hinweis darauf, dass Könige ein Bild für die Sinne des Menschen sein können? Diese Deutung ist allein der Phantasie von Origenes entsprungen.
Die sinnbildliche Auslegung alttestamentlicher Texte baut auf der historisch-buchstäblichen Bedeutung des Textes auf. Sie benötigt stets einen Bezugspunkt zur offenbarten Wahrheit im Neuen Testament und muss mit der Bilder- und Symbolsprache der Bibel übereinstimmen. Auch bei allegorischer Auslegung legt die Schrift sich selbst aus. Für eine allegorische Auslegung im biblischen Sinn sind also genaue Kenntnisse der neutestamentlichen Lehre, der Art und Weise, wie die Schrift Bilder und Symbole verwendet, sowie geistliches Unterscheidungsvermögen erforderlich.[4]
3. Die Typologie beschränkt sich nicht auf die im Neuen Testament erwähnten Beispiele
Einige Bibelausleger vertreten die Ansicht, dass ein Typus nur dann als solcher anerkannt werden kann, wenn er im Neuen Testament ausdrücklich als solcher bezeichnet wird.[5] Es gibt jedoch gewichtige Argumente dafür, dass sich die typologische Auslegung des Alten Testaments nicht auf die Stellen beschränkt, denen im Neuen Testament ausdrücklich eine solche Bedeutung zugeschrieben wird. Dazu folgende Anmerkungen:
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In Kolosser 2,16-17 sagt der Apostel Paulus über die Speisevorschriften, die Feste des Herrn und den Sabbat, dass sie ein Schatten sind, der auf die zukünftigen Dinge hinweist. Ihre bildhafte Bedeutung erklärt er jedoch nicht. Hier tut sich also bereits ein weites Feld typologischen Bibelstudiums auf. Dass Paulus ausgerechnet diese Dinge aus dem Alten Testament erwähnt und nicht andere, liegt lediglich daran, dass die Gläubigen in Kolossä dem Einfluss judaistischer Verführer ausgesetzt waren, die sie an diese Dinge aus dem Gesetz Moses binden wollten, obwohl der Christ diesen Dingen gestorben ist (Kol 2,20). Dabei handelt es sich jedoch lediglich um Beispiele der Typologie des Alten Testaments.
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Dies wird durch Hebräer 10,1 bestätigt. Dort heißt es sehr allgemein, dass „das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter“ hat. Im Kontext von Hebräer 10 geht es um die Opfervorschriften und den großen Versöhnungstag. „Das Gesetz“ enthält jedoch noch viele weitere Vorschriften und Einrichtungen, die ebenfalls eine typologische Bedeutung haben, beispielsweise die Stiftshütte und ihre Geräte (vgl. Heb 9,21-23), die Kleidung des Hohenpriesters oder die Vorschriften zum Umgang mit Aussatz.
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In 1. Korinther 9,9 zitiert Paulus ein Gebot aus 5. Mose 25 und sagt, dass dieses Gebot „unseretwegen geschrieben“ ist, für die Christen (vgl. Röm 15,4; 1Kor 10,11). Er erklärt die geistliche Bedeutung dieses Gebotes. Er wendet es auf den an, der das Evangelium verkündigt. So wie der Ochse, der drischt, sich von seiner Arbeit ernähren können soll, so hat der Evangelist ein Recht, von seiner Arbeit zu leben. Der Ochse wird somit zum Bild für den, der das Wort verkündigt, und die Körner für seinen Lebensunterhalt. In 5. Mose 25 stehen jedoch noch viele andere Gebote. Paulus greift lediglich eines heraus, um die Belehrungen zu untermauern, die er den Korinthern in 1. Korinther 9 gibt. Haben alle anderen Gebote in 5. Mose 25 keine Bedeutung für uns, nur dieses eine, weil es im Neuen Testament erwähnt wird? Dies könnte man vielleicht annehmen, wenn 1. Korinther 9 eine Abhandlung über 5. Mose 25 wäre und der Apostel im Zuge dessen nur dieses eine Gebot bildlich erklären würde. In 1. Korinther 9 geht es jedoch um ein völlig anderes Thema als in 5. Mose 25. In einem ganz anderen Zusammenhang (Unterstützung der Arbeiter im Werk des Herrn) wird 5. Mose 25,4 herausgegriffen und gezeigt, dass das darin liegende Prinzip eine bildliche Bedeutung für uns Christen hat. Das Neue Testament ist keine vollständige Auslegung des Alten Testaments. Die Auslegungsbeispiele, die im Neuen Testament erwähnt werden, zeigen uns jedoch, wie wir an das Alte Testament herangehen sollen.
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In 1. Korinther 5,6-8 nimmt Paulus Bezug auf das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote (2Mo 12–13). Er deutet das Passah auf das Opfer Christi und das Fest der ungesäuerten Brote auf die Notwendigkeit eines heiligen Lebens der Gläubigen, was auch Gemeindezucht erfordert. Eine Vers-für-Vers-Auslegung der alttestamentlichen Texte über das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote finden wir im Neuen Testament jedoch nicht. Auch andere Details in 2. Mose 12 bis 13 haben eine bildliche oder geistliche Bedeutung für uns. Wir studieren diese alttestamentlichen Texte zunächst historisch-grammatisch. Daneben dürfen wir aber auch die in ihnen enthaltenen typologischen Belehrungen erforschen.
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In 1. Korinther 10,3-4 spricht Paulus im Zusammenhang mit der Wüstenreise des Volkes Israel vom Durchzug durch das Rote Meer, vom Manna als der „geistlichen Speise“, vom Wasser aus dem Felsen als dem „geistlichen Trank“ und von Christus als dem „geistlichen Felsen“. Diese Dinge haben eine typologische Bedeutung. Paulus gibt an dieser Stelle jedoch keine systematische Zusammenfassung all dessen, was in der Wüstenreise Israels eine vorbildliche Bedeutung hat. Die Bibelstellen im Neuen Testament, in denen alttestamentliche Stellen typologisch-allegorisch ausgelegt werden, enthalten keine Hinweise darauf, dass es sich um Ausnahmen oder Einzelfälle handelt. Sie zeigen uns vielmehr ein Muster, das uns ermutigt, die gesamte Typologie der Wüstenreise im Licht der neutestamentlichen Lehre zu erforschen und zu verstehen. Paulus führt diese Beispiele hier lediglich zum Zweck seiner Beweisführung im Kontext von 1. Korinther 10 an.
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In Hebräer 5,11 sagt der Schreiber im Hinblick auf Melchisedek: „Über diesen haben wir viel zu sagen, und es ist mit Worten schwer auszulegen, weil ihr im Hören träge geworden seid.“ Wenn der Schreiber sagt, dass es viel über Melchisedek zu sagen gibt, dann bezieht sich das nicht nur auf dessen historische Bedeutung, sondern auch auf Melchisedek als Vorbild auf Christus. In Hebräer 7,1-3 geht der Schreiber nämlich auf die typologische Bedeutung von Melchisedek ein, ohne jedoch viel dazu zu schreiben. Es wäre noch mehr über diesen Typus zu sagen gewesen. So erklärt der Schreiber beispielsweise nicht die bildliche Bedeutung von Brot und Wein, mit denen Melchisedek in 1. Mose 14,18 herauskam.
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In Apostelgeschichte 26,22-23 sagt Paulus: „Da mir nun der Beistand von Gott zuteilwurde, stehe ich bis zu diesem Tag da und bezeuge sowohl vor Kleinen als Großen, indem ich nichts sage außer dem, was auch die Propheten und Mose geredet haben, dass es geschehen werde, nämlich, dass der Christus leiden sollte, dass er als Erster durch Toten-Auferstehung Licht verkündigen sollte, sowohl dem Volk als auch den Nationen.“ Paulus sagt wie selbstverständlich, dass Mose gesagt hat, der Messias werde leiden und auferstehen. In den Büchern Mose gibt es jedoch keine Stellen, die im wörtlichen Sinn von den Leiden und der Auferstehung Christi sprechen. Allenfalls kann man 1. Mose 3,15, wo Gott zu der Schlange sagt, dass sie dem Samen der Frau die Ferse zermalmen wird, als einen Hinweis auf die Leiden Christi verstehen. Darüber hinaus gibt es bei Mose jedoch keine Stellen, die explizit von den Leiden oder der Auferstehung Christi sprechen. Es ist daher davon auszugehen, dass Paulus die Typologie miteinbezog, zumal er auch an anderen Stellen im Neuen Testament wie selbstverständlich typologische Deutungen vorgenommen hat (siehe oben). Die Bücher Mose sind sehr reich an typologischen Belehrungen, besonders über Christus. Die Opferung Isaaks, das Passahlamm, die Opfervorschriften, die eherne Schlange – dies sind allesamt bildliche Hinweise auf das Leiden und Sterben Christi. Typologische Hinweise auf seine Auferstehung können in der „Wiedererlangung“ Isaaks (vgl. Heb 11,19) oder in Joseph gesehen werden, der aus der Erniedrigung zum verherrlichten Retter erhöht wurde.
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In Lukas 24,27 sagt der Herr Jesus: „Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn selbst betraf.“ In Lukas 24,44 sagt Er: „Er sprach aber zu ihnen: Dies sind meine Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen.“ Das gesamte Alte Testament zeugt von Christus (vgl. Joh 5,39). Er ist das Zentrum der Schriften. Dies bezieht sich nicht nur auf ausdrücklich prophetische Stellen, sondern schließt auch die Typologie mit ein. Im Neuen Testament werden zahlreiche Beispiele alttestamentlicher Stellen gegeben, die typologisch auf Christus hinweisen. Aber das ist bei weitem nicht alles. Was Personen des Alten Testaments betrifft, weisen beispielsweise nicht nur Adam (Röm 5,14) und Melchisedek (Heb 7,3), sondern auch andere Personen des Alten Testaments in bestimmter Hinsicht typologisch auf Christus hin, auch wenn dies im Neuen Testament nicht ausdrücklich gesagt wird. Beispiele hierfür sind, wie schon erwähnt, Joseph in seiner Erniedrigung und Erhöhung und Isaak in seiner Opferung, aber auch Aaron als Hoherpriester oder David als gesalbter König.
4. Zusammenfassende Hinweise zum Umgang mit Typologie
Zum Abschluss dieses Teils sollen noch einige zusammenfassende Hinweise folgen, die für den Umgang mit Typologie und Allegorie wichtig sind:
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Der historisch-grammatische Sinn des alttestamentlichen Textes bildet das Fundament. Zunächst sollte man sich bei der Auslegung des Alten Testaments um das Verständnis der buchstäblichen Bedeutung des Textes in seinem damaligen historischen Kontext bemühen. Jede typologisch-allegorische Auslegung baut auf der historischen Realität des alttestamentlichen Textes auf. Adam war eine reale Person, Mose hat in der Wüste tatsächlich die Schlange erhöht, Jona war wirklich im Bauch des Fisches, der Fels war ein realer Fels usw. Typologie ist keine Verneinung der geschichtlichen Realität, sondern die Entdeckung, dass alttestamentliche Texte neben der historisch-buchstäblichen Bedeutung in bildlicher Form neutestamentliche Wahrheiten vorschatten, was jedoch erst durch das Licht der neutestamentlichen Offenbarung erkennbar wird.
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Das Neue Testament misst der wörtlichen Bedeutung des Alten Testaments fundamentale Bedeutung zu. Gleichzeitig ist das Neue Testament von Beispielen typologischer Auslegung des Alten Testaments regelrecht durchdrungen. Dies können wir nicht unbeachtet lassen. Wenn wir also richtigerweise die historisch-grammatische Auslegung der gesamten Bibel, auch des Alten Testaments, betonen, darf das nicht dazu führen, dass wir die typologische Auslegung alttestamentlicher Texte geringachten oder sogar ablehnen. Wenn wir das tun, bleiben wir hinter dem zurück, was Gott uns offenbart hat, und erleiden einen großen Verlust für unser Glaubensleben. Die Schattenbilder des Alten Testaments sind inspirierte Illustrationen, die neutestamentliche Wahrheiten plastisch machen und sehr dabei helfen, sie besser zu verstehen und praktisch zu verwirklichen. Gerade in der Lehre von den Vorbildern zeigt sich in besonderer Weise die Einheit von Altem und Neuem Testament. Zudem sind sie beeindruckende Beispiele für die göttliche Inspiration der Bibel. Denn wer außer Gott kann Personen so auftreten lassen, Ereignisse so lenken oder Dinge so gestalten, dass sie nicht nur historische Realitäten, sondern zugleich bildliche Darstellungen zukünftiger Wahrheiten sind? Hat man erst einmal einen gesunden Zugang zur Typologie und Allegorie des Alten Testaments gefunden, möchte man die Glaubensstärkung und Freude, die mit ihrem Studium verbunden sind, nicht mehr missen.
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Es sollte bereits deutlich geworden sein, aber es soll noch einmal ausdrücklich betont werden, dass die typologische Auslegung die historisch-buchstäbliche Bedeutung des alttestamentlichen Textes niemals ersetzt, sondern lediglich auf einer zweiten Auslegungsebene ergänzt. Die Bedeutung des alttestamentlichen Textes in seinem ursprünglichen Sinn bleibt dabei voll und ganz bestehen. Eine Form der Typologie oder Allegorie, die die historisch-buchstäbliche Bedeutung des alttestamentlichen Textes aufgibt oder ignoriert, ist nicht biblisch.
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Es ist leider wahr, dass es im Laufe der Kirchengeschichte Bibelausleger gab, die falsch mit Typologie und Allegorie umgegangen sind, indem sie entweder ohne neutestamentlichen Bezugspunkt willkürlich Allegorien erfunden haben oder den Wortsinn hinter dem bildlichen Sinn ganz haben verschwinden lassen. Die typologische Auslegung alttestamentlicher Texte darf nicht willkürlich erfolgen, indem wahllos etwas miteinander verbunden wird. Da es sich um Schattenbilder handelt, die auf Wahrheiten hinweisen, die Gott zukünftig offenbaren wollte (nämlich im Neuen Testament), benötigt eine gesunde typologische Auslegung immer ein Gegenstück in der neutestamentlichen Lehre. Das Neue Testament gibt uns den Rahmen vor, in dem wir die Vorbilder des Alten Testaments erforschen können. Dabei steht Christus im Zentrum der Typologie.
Zuerst erschienen auf Biblische Lehre
Anmerkungen
[1] Das „Vorbild“ (griech. typos) ist der Schatten im Alten Testament, das „Gegenbild“ (griech. antitypos) ist die Entsprechung oder Erfüllung des Vorbildes im Neuen Testament. In 1. Petrus 3,21 wird die Taufe als ein Gegenbild des Sintflutereignisses bezeichnet. Der Ausdruck antitypos kommt außer hier noch in Hebräer 9,24 vor.
[2] Adam ist auch noch in anderer Hinsicht ein Typus von Christus, beispielsweise als Haupt der Gemeinde, der Braut Christi (vgl. 1Mo 2,21-24; Eph 5,30-32). In Römer 5,14 geht es jedoch um Adam als Haupt eines (sündigen) Menschengeschlechts (vgl. 1Mo 3).
[3] Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel, Wuppertal und Zürich: R. Brockhaus Verlag, 52008, S. 1997.
[4] Als Beispiel für eine meines Erachtens gesunde bildliche Auslegung alttestamentlicher Texte sei das folgende Buch empfohlen: Mit Gott in der Wüste – Eine Verständnishilfe zum zweiten Buch Mose von Christian Briem, Hückeswagen: Christliche Schriftenverbreitung, 1997.
[5] Nach dieser Ansicht würde man beispielsweise anerkennen, dass Adam (Röm 5,14) und Melchisedek (Heb 7,3) Vorbilder auf Christus sind, nicht jedoch Joseph in seiner Erniedrigung und Erhöhung, Isaak als geopferter Sohn oder Boas als der Löser.


