Der zweite und der dritte Johannesbrief
Gemeinsamkeiten und Gegensätze

Gerd Pohl

© G. Pohl, online: 05.07.2026

Diese beiden kürzesten Briefe des NT beeindrucken durch ihren Kontrast. Sie zeigen zwei entgegengesetzte Gefahren auf und plädieren zusammengenommen für Ausgewogenheit.

Johannes polarisiert absichtlich. Er spricht mögliche Abstufungen,[1] die es definitiv auch gibt, gar nicht an, damit wir das Gegensätzliche auch wirklich erkennen. Wir neigen dazu, Gefahren einseitig überzubetonen, gegenteilige Seiten aber zu übersehen.

Wie wohltuend ist es, dass das Wort Gottes uns immer eine ausgewogene Schau bietet.

Doch wann ist es nötig, sich rigoros auf die Seite der Wahrheit zu stellen? Und wann gilt es, andere in Liebe zu ertragen?

Der zweite und der dritte Johannesbrief in kurzen Stichpunkten – Gemeinsamkeiten und Gegensätze

2. Johannes 3. Johannes
Johannes der Älteste (Ältere)
(2Joh 1)
Johannes der Älteste (Ältere)
(3Joh 1)
an eine Frau und ihre Kinder
(2Joh 1)
an einen Mann: Gajus
(3Joh 1)
Freude und Lob
(2Joh 4)
Freude und Lob
(3Joh 3-4)
Ermutigung und Bitte
(2Joh 5-6)
Ermutigung und Bitte
(3Joh 5-6)
Liebe in der Wahrheit
(2Joh 1)
Liebe in der Wahrheit
(3Joh 1)
Lebenswandel in der Wahrheit
(2Joh 4)
Lebenswandel in der Wahrheit
(3Joh 3-4)
einander lieben
(2Joh 5)
geliebt sein und lieben
(3Joh 1.5)
die Liebe mit der Wahrheit gepaart die Wahrheit mit der Liebe gepaart
  • 5-mal Wahrheit
    (2Joh 1-4)
  • 6-mal Wahrheit, 1-mal wahr
    (3Joh 1.3-4.8.12)
  • 4-mal Liebe, lieben, geliebt
    (2Joh 1.3.5-6)
  • 6-mal Liebe, lieben, geliebt
    (3Joh 1-2.5-6.11)
  • 3-mal wandeln
    (2Joh 4.6)
  • 2-mal wandeln
    (3Joh 3-4)
das Gebot, die Lehre im Fokus die Praxis, ein gutes Zeugnis im Fokus
  • 4-mal Gebot
    (2Joh 4.6)
  • 5-mal tun (Gutes)
    (3Joh 5-6.10-11)
  • 3-mal Lehre
    (2Joh 9-10)
  • 5-mal Zeugnis
    (3Joh 3.6.12)
Gastfreundschaft – ihre Grenzen
(2Joh 10-11)

Gastfreundschaft – Auftrag und Segen
(3Joh 8)

nicht aufnehmen, abweisen
(2Joh 10)
aufnehmen, nicht abweisen
(3Joh 8)
unser Haus (die Gemeinde) für Böses verschließen
(2Joh 10)
die Gemeinde (unser Haus) für das Gutes öffnen 
(3Joh 11)
Gefahr von außen – Verführer
(2Joh 7-9)
Gefahr von innen – anmaßende Führer
(3Joh 9-10)
Kommunikation – Brief schreiben
(2Joh 12)
Kommunikation – Brief schreiben
(3Joh 13)
Kommunikation – mündlich reden
(2Joh 12)
Kommunikation – mündlich reden
(3Joh 14)
erwähnt den Namen Gottes und des Herrn erwähnt nur Gott
  • Gott der Vater
    (2Joh 3)
  • Gott
    (3Joh 6.11)
  • Herr Jesus Christus
    (2Joh 3)
 
  • Sohn des Vaters
    (2Joh 3)
erwähnt Namen von Menschen
  • Vater
    (2Joh 4)
  • Gajus
  • Jesus Christus im Fleisch gekommen
    (2Joh 7)
  • Diotrephes
  • Christus
    (2Joh 9)
  • Demetrius
  • Gott
    (2Joh 9)
 
  • Vater und Sohn
    (2Joh 9)
 
Gruß
(2Joh 13)

Gruß
(3Joh 15)

 

Einige Besonderheiten der drei Briefe des Johannes

Im Unterschied zu Paulus oder Petrus hat der Jünger Johannes seine ganz besonderen Themen:

  • Die Gemeinschaft mit Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus als auch untereinander als Teil der göttlichen Familie zeichnet uns als Christen aus.

  • Wir haben ewiges Leben als göttliche Natur empfangen: „… damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes“ (1Joh 5,13).

  • Besonders Wahrheit und Liebe sind als Paar zu sehen und nicht voneinander trennbar. Sie sollten unser Leben mit Gott prägen. Sichtbar werden sie ganz besonders darin, wie wir miteinander umgehen.

Der zweite Johannesbrief: für Gottes Wahrheit eintreten – Verführer abweisen

Bereits gegen Ende des 1. Jahrhunderts traten Irrlehrer auf, gegen die entschieden Stellung bezogen werden musste. Der Brief macht deutlich, dass solche Verführer nicht aufgenommen,[2] sondern konsequent abgewiesen werden sollen. Im Mittelpunkt stehen dabei Gebot und Lehre – alles, was sich gegen Gott richtet, ist klar zurückzuweisen.

  • Gleichzeitig zeigt der Brief, dass Gastfreundschaft und Gemeinschaft Grenzen haben. Eine entscheidende Aussage lautet, dass diejenigen abzuweisen sind, „die nicht Jesus Christus im Fleisch gekommen bekennen“ (1Joh 4,3). Damit wird deutlich: Die Lehre über Gott und seinen Sohn ist der Maßstab, an dem sich entscheidet, wo Gemeinschaft möglich ist und wo nicht.

  • Der zentrale Bezugspunkt ist die Person Jesu Christi: Er ist wahrer Gott und zugleich wahrer Mensch. Die grundlegenden Wahrheiten des christlichen Glaubens umfassen unter anderem den Glauben an den dreieinen Gott, an den Tod und die Auferstehung Jesu, an das Heil aus Gnade sowie an die Autorität des Wortes Gottes.

  • In diesem Zusammenhang wird auch betont, dass die Gefahr vor allem von außen kommt. Deshalb gilt es, Häuser und Gemeinden wachsam zu schützen und falsche Lehren abzuweisen. Dabei ist jedoch Unterscheidungsvermögen gefragt, denn es gibt auch verführte Menschen, die zwar beeinflusst worden sind, aber noch für die Wahrheit gewonnen werden können. Diese Möglichkeit spricht der Brief absichtlich nicht an.

  • Der Brief ist bemerkenswerterweise an „die auserwählte Frau“ gerichtet (2Joh 1) – ein einzigartiger Fall im Neuen Testament. Damit wird besonders auf die Bedeutung von Fürsorge und Gastfreundschaft angespielt. Frauen sind von Gott emotionaler geschaffen, gehen liebevoll und fürsorglich auf Gäste ein und erkennen deshalb vielleicht Verführer nicht so leicht. Gleichzeitig macht der Text deutlich: Liebe allein genügt nicht – sie muss immer mit der Wahrheit verbunden sein. Gottes Ehre und seine Maßstäbe haben dabei den Vorrang.

Der dritte Johannesbrief: Gemeinschaft leben und das Gute fördern – einander in Liebe aufnehmen

  • Im Gegensatz zu den Irrlehrern, vor denen im zweiten Johannesbrief gewarnt wird, waren auch viele unbekannte Brüder zum Segen der Christen unterwegs. Diotrephes wies solche grundsätzlich ab. Er sah sie als Konkurrenz an. Durch sein Misstrauen und Machtstreben wollte er über alles die Kontrolle und Autorität besitzen.

    Wir aber sind schuldig, solche aufzunehmen und ihnen nicht von vornherein zu misstrauen. Im Mittelpunkt steht das praktische Leben der Christen untereinander. Ein gutes Zeugnis zeigt sich im gelebten Miteinander. In der Praxis soll das Gute bewusst gefördert werden.
  • Gastfreundschaft und Gemeinschaft sind nicht nur eine schöne Ergänzung, sondern sind Auftrag und Segen. Dazu gehört mehr als Unterkunft und Verpflegung: Auch Unterstützung für die Weiterreise und persönliche Begleitung sind Ausdruck dieser Liebe. Diese gelebte Gemeinschaft macht echte Liebe sichtbar. Sie zeigt sich nicht nur in Worten, sondern in konkreten Taten.

  • Auffällig ist, dass hier nicht zuerst die Person des Herrn Jesus im Vordergrund steht, sondern die Liebe und Gemeinschaft unter den Gläubigen. Nichts soll diese Beziehungen stören. Einander Gutes zu tun und in liebevoller Gemeinschaft zu leben, prägt die Botschaft dieses Briefes.

  • Dabei kommt die Gefahr nicht von außen, sondern von innen. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Gemeinden und Häuser bewusst für das Gute öffnen und nicht aus Misstrauen verschließen. Schnell würden dann Barrieren entstehen, die echte Gemeinschaft verhindern – selbst dann, wenn keine offene Ausgrenzung sichtbar ist. Kämpfen wir vielleicht zu sehr, um unser Recht in nebensächlichen Fragen, die nicht heilsentscheidend sind, durchzusetzen? Sind wir bereit, in Gewissensfragen die eigene Meinung zurückzustellen und stattdessen zuzuhören? Können wir den anderen ernst nehmen, ihn ausreden lassen und offen sowie ohne Vorurteile auf ihn zugehen?

  • In diesem Brief wird Gott nur kurz erwähnt, dafür aber mehrere Personen namentlich genannt: Gajus, Demetrius und Diotrephes. Das unterstreicht, wie sehr es hier um gelebte Gemeinschaft geht. Unterschiedlichkeit im praktischen Leben und gegenseitiges Ertragen gehören dazu insbesondere bei nebensächlichen Dingen und Gewissenfragen.

    Gerade wir Männer neigen manchmal dazu, streng, unnachgiebig und eifrig nur für Dinge einzutreten, die nicht die Grundlagen des Glaubens betreffen. Ein Verhalten wie das von Diotrephes, der sich selbst zum Maßstab macht, zerstört Gemeinschaft. Dagegen stehen Gajus und Demetrius als positive Beispiele: Ihr guter Ruf, ihre Treue, ihre Liebe und ihre Gastfreundschaft ermutigen zu einem glaubwürdigen Lebenswandel.

Fazit und Beispiele

Ich hoffe, dass die beiden Kontraste deutlich geworden sind.

Aus eigenem Erleben kenne ich solche extremen Beispiele nicht, wohl aber zur Genüge aus Biographien. Doch einige Erlebnisse, die ich selbst erlebt habe, mögen das Gesagte veranschaulichen:

Vor etlichen Jahren kam eine Schwester in unsere Gemeinde, die zuvor eine charismatische Gemeinde besucht hatte. Sie fügte sich sehr schnell ein, was sich auch in äußeren Gewohnheiten zeigte. Ich bemerkte, dass sie viel das Gespräch mit anderen Schwestern suchte, was an sich sehr erfreulich und nachahmenswert ist. Zunächst hatte ich allerdings nicht wahrgenommen, dass sie dabei immer wieder ein ganz bestimmtes Thema ansprach.

Eines Tages war sie gemeinsam mit anderen Geschwistern zum Mittagessen bei uns eingeladen. Plötzlich sagte sie, sie bete eindringlich darum, dass Gott auch in unserer Gemeinde das Sprachengebet erwecke. Ich fragte, wozu das denn gut sein solle. Sie erklärte, wenn sie etwa nachts aufwache und an jemanden denken müsse, ohne zu wissen, welches Problem diese Person gerade habe, dann brauche man das Sprachengebet. Ich entgegnete: „Warum dieser Umweg? Ich kann Gott doch ganz direkt sagen: Ich weiß nicht, welches Problem diese Person im Moment hat, aber Du weißt es. Und ich bitte Dich für sie.“

Damit war das Gespräch schnell beendet. Am nächsten Sonntag lag jedoch ein Abschiedsbrief auf ihrem Platz, in dem sie sich endgültig aus der Gemeinde verabschiedete. Zunächst war ich erschüttert, im Rückblick aber auch dankbar, dass Gott die Sache auf diese Weise gelöst und eine mögliche Verführung verhindert hatte.

Ein anderer Mann kam ebenfalls in unsere Gemeinde. Irgendwann stellte er durch eine Predigt fest, dass wir die Briefe des Paulus und die Evangelien von Jesus gleichermaßen als Gottes Wort ansehen. Er akzeptierte nur die Worte von Jesus in den Evangelien, aber nicht die Briefe von Paulus. Es wurde sich noch um ihn bemüht, aber er bestand auf seiner Meinung und kam nicht wieder in die Gemeinde. Vermutlich war er auch nicht echt bekehrt.

Auf einem Bibeltag bei uns in Halle erschienen eines Tages Angehörige einer bestimmten Sekte. Sie traten öffentlich nicht in Erscheinung, suchten jedoch auffällig gezielt den Kontakt zu jüngeren Geschwistern – sogar während der Veranstaltungen –, um sie zu beeinflussen und für sich zu gewinnen. Glücklicherweise bemerkten einige Brüder dies, stellten die Personen zur Rede und verwiesen sie schließlich des Geländes. In diesem Fall zahlte sich das beherzte Eingreifen eindeutig aus.

Dagegen waren über längere Zeit auch aufrichtige Gläubige Teil unserer Gemeinde. Sie hatten sich gerade von verkehrten Einflüssen gelöst, gut eingefügt und bereits Aufgaben übernommen. Allerdings brachten sie aus ihren früheren Gemeinden andere Gewohnheiten und Traditionen mit. Dabei ging es nicht um grundlegende Fragen des Glaubens. Doch da einige für uns wichtige „heilige“ Traditionen ihnen fremd waren und sie sich damit schwertaten, fanden sie schließlich eine Gemeinde, die besser zu ihnen passte. Bis heute frage ich mich jedoch, ob wir sie durch mehr liebevolle Geduld, größere Bemühungen und ein weiteres Entgegenkommen hätten halten können.

Als jüngerer Bruder habe ich zudem erlebt, dass Geschwister nicht zum Brotbrechen empfangen wurden, nur weil sie nicht aus der „richtigen“ Gemeinde kamen. Dafür schäme ich mich bis heute.

Wir wollen uns Weisheit schenken lassen, damit wir beide Gefahren gleichermaßen erkennen und ernst nehmen. Möge uns bewusstwerden, welche grundlegenden Prinzipien Johannes uns nennt, auch wenn wir in unserem persönlichen Leben oder in unseren Gemeinden meist nicht mit so deutlichen Beispielen konfrontiert sind. Vieles, was uns heute begegnet, ist nicht leicht zu beurteilen und richtig einzuordnen. Deshalb wollen wir um Weisheit bitten – für uns selbst, für unsere Familien und für unsere Gemeinden. Bitten wir unseren Herrn, dass wir konsequent seine Ehre hochhalten (2. Joh) und zugleich nicht versäumen, unseren Geschwistern in Liebe zu begegnen (3. Joh). Lassen wir uns nicht zu Einseitigkeit verleiten und eifern wir nicht an den falschen Stellen.[3]

Anmerkungen

[1] Siehe Beispiele letztes Kapitel.

[2] Der Zusatz „und grüßt ihn nicht“ bedeutet übrigens: Im damaligen üblichen Begrüßungszeremoniell (nicht nur ein Händedruck) konnten sich die Verführer dabei schon das Vertrauen erschmeicheln, um ihre Lehren anzubringen. (In 1. Korinther 5,11-12 fehlt bei moralischen Sünden dieser Zusatz.)

[3] Literaturempfehlung: Gavin Ortlund, Wofür es sich zu kämpfen lohnt – und wofür nicht. Ein Plädoyer für theologische Triage, Bad Oeynhausen: Verbum Medien, 2025.


Note from the editors:

The SoundWords editorial team is responsible for the publication of the above article. It does not necessarily agree with all expressed thoughts of the author (except of course articles of the editorial staff) nor would it like to refer to all thoughts and practices, which the author represents elsewhere. “But examine all things, hold fast the good” (1Thes 5:21).—See also „On our own account ...

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