Das ungleiche Joch (1)
2. Korinther 6,14-18: Einleitung

Charles Henry Mackintosh

© SoundWords, online: 07.02.2005, updated: 10.12.2020

Leitverse: 2. Korinther 6,14-18

2Kor 6,14-18: Seid nicht in einem ungleichen Joche {eig. seid nicht verschiedenartig zusammengejocht; vgl. 3Mo 19,19; 5Mo 22,10} mit Ungläubigen. Denn welche Genossenschaft hat Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: „Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein“ {3Mo 26,11.12}. Darum gehet aus ihrer Mitte aus und sondert euch ab, spricht der Herr {s. die Anm. zu Mt 1,20}, und rühret Unreines nicht an, und ich werde euch aufnehmen; und ich werde euch zum Vater sein, und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige {vgl. Jes 52,11}.

Wer irgendwie in sich oder in anderen eine reinere und erhabenere Jüngerschaft zu erwecken wünscht, der kann seinen Blick nicht auf die Christenheit des heutigen Tages richten, ohne mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Trauer und Niedergeschlagenheit erfüllt zu sein. Ihre Sprache ist so außergewöhnlich, ihr Aussehen so krank und ihr Geist so geschwächt, dass man zuzeiten versucht ist, an allem zu verzweifeln, was einem treuen und wahren Zeugnis für den abwesenden Herrn ähnlich ist. Dies ist umso beklagenswerter, wenn wir uns der Achtung gebietenden Beweggründe erinnern, durch die wir in Tätigkeit gesetzt sind, was unser besonderes Vorrecht ist. Wenn wir auf den Herrn, dem wir folgen, oder auf den Pfad, den wir betreten, oder auf das Ende, das wir im Auge zu behalten haben, oder auf die Hoffnungen, von denen wir beseelt sind, unsere Blicke richten, so können wir nur anerkennen, dass wir eine weit kräftigere Nachfolge an den Tag legen würden, wenn dies alles durch einen einfältigeren Glauben aufgenommen und verwirklicht wäre. „Die Liebe Christi drängt uns“, sagt der Apostel. Das ist die mächtigste Triebfeder von allen. Je mehr das Herz mit der Liebe Christi erfüllt und je mehr das Auge auf seine gesegnete Person geheftet ist, umso treuer werden wir seiner Bahn zu folgen suchen. Nur ein einfältiges Auge vermag seine Fußstapfen zu entdecken. Wenn nicht der eigene Wille gebrochen, das Fleisch gekreuzigt und der Leib im Zaume gehalten ist, so werden wir zu einer treuen Nachfolge unfähig sein und Schiffbruch leiden am Glauben und an einem guten Gewissen.

Möge der Leser mich indes nicht missverstehen. Hier handelt es sich keineswegs um persönliche Errettung, sondern um eine ganz andere Sache. Es beweist eine starke Selbstsucht, wenn jemand, der der Errettung teilhaftig geworden ist – als Frucht der Angst und Mühsal Christi –, das Kreuz und die Leiden von der geheiligten Person Christi so weit wie nur eben noch möglich trennen möchte, ohne sein persönliches Heil zu verscherzen. Dies zeigt schon nach natürlicher Beurteilung einen Charakter von Selbstsucht, der entschiedener Verachtung würdig ist, für dessen moralischen Tiefstand aber die Sprache keinen Ausdruck hat, wenn er von jemandem zur Schau getragen wird, der nach seinem Bekenntnis sein gegenwärtiges und ewiges Heil einem verworfenen, gekreuzigten, auferstandenen und jetzt abwesenden Herrn verdankt.

Lieber Leser! Was würdest du denken, wenn jemand sagte: „Wenn ich nur dem höllischen Feuer entrinne, dann kümmert mich wenig die Nachfolge?“ Würdest du solche Gefühle nicht in deiner innersten Seele verabscheuen? Dann aber suche ihnen mit Ernst zu entfliehen und eile hin zu dem ganz entgegengesetzten Punkt des Kompasses, um in Wahrheit sagen zu können: „Wenn nur der gesegnete Herr verherrlicht wird, dann kümmert mich verhältnismäßig wenig meine persönliche Sicherheit.“ Wollte Gott, dass dies der aufrichtige Ausdruck vieler Herzen in unseren Tagen sei, wo es leider nur zu wahr ist, dass „alle das Ihrige suchen, nicht das, was Christi Jesu ist“ (Phil 2,21). Möchte doch der Heilige Geist eine Schar abgesonderter und geweihter Nachfolger des Lammes durch seine unwiderstehliche Macht erwecken und sie durch seine himmlische Energie vorwärts treiben – eine Schar, von der jedes einzelne Glied durch die Fesseln der Liebe gebunden ist an die Hörner des Altars und die fähig sind, gleich jenen dreihundert Männer Gideons vor alters, auf Gott zu vertrauen und das Fleisch zu verleugnen. Wie verlangt das Herz danach! Wie begierig sehnt sich, oft gebeugt unter dem schaudernden und verwelkenden Einfluss eines kalten und kraftlosen Bekenntnisses, der Geist nach einem mehr kräftigen und vollen Zeugnis für Ihn, der sein selbst entäußerte und seine Herrlichkeit beiseitesetzte, damit wir durch sein kostbares Blutvergießen zu Mitgenossen einer ewigen Segnung erhoben werden sollten.

Unter den unzähligen Hindernissen, die der gänzlichen Übergabe des Herzens an Christus im Wege stehen, nimmt das „ungleiche Joch“ meistens einen hervorragenden Platz ein. „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen! Denn welche Genossenschaft hat Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Und welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: ‚Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.‘ Darum gehet aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr, und rühret Unreines nicht an; und ich werde euch aufnehmen; und ich werde euch zum Vater sein; und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige“ (2Kor 6,14-18).

Unter der mosaischen Haushaltung lernen wir den gleichen moralischen Grundsatz. „Du sollst deinen Weinberg nicht mit zweierlei Samen besäen, damit nicht die Fülle des Samens, den du gesät hast, und der Ertrag des Weinbergs geheiligt werden. – Du sollst nicht pflügen mit einem Rinde und einem Esel zusammen. – Du sollst nicht Zeug von verschiedenartigem Stoffe anziehen, Wolle und Leinen zusammen“ (5Mo 22,9-11; 3Mo 19,19). Diese Schriftstellen genügen, uns vor Augen zu stellen, dass ein ungleiches Joch moralisch böse ist. Es kann mit Bestimmtheit behauptet werden, dass niemand ein ungefesselter Nachfolger Christi sein kann, der in irgendeiner Weise in ein ungleiches Joch gespannt ist. Er mag ein Erlöster, ein wahres Kind Gottes, ein aufrichtiger Gläubiger sein; aber er kann nicht nur kein völliger Jünger sein, sondern es besteht auch ein bestimmtes Hindernis zur Offenbarung dessen, was er wirklich ist trotz seines ungleichen Joches. „Gehet aus … und ich werde euch aufnehmen … und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige.“

Der hier vorgestellte Gedanke ist verschieden von dem, den wir in folgenden Stellen finden:

  • Jak 1,18: Nach seinem eigenen Willen hat er uns gezeugt durch das Wort der Wahrheit.

  • 1Pet 1,23: Die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem, sondern aus unverweslichem Samen, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes.

  • 1Joh 3,1: Sehet, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Gottes Kinder heißen sollen.

  • Joh 1,12.13: So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, welche nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

In all diesen Stellen ist das Kindesverhältnis auf den Ratschluss und die Wirksamkeit Gottes gegründet und uns nicht als Folge irgendeiner Handlung von unserer Seite vor Augen gestellt, während uns in 2. Korinther 6 dieses Verhältnis als das Resultat unseres Ausgehens aus ungleichem Joche bezeichnet wird. Es ist hier, mit einem Wort, eine ganz praktische Frage. So lesen wir in Matthäus 5,44.45: „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

Auch hier findet sich der praktische Grund und die öffentliche Ankündigung des Verhältnisses sowie dessen moralischer Einfluss. Die Söhne eines solchen Vaters werden in dieser Weise handeln. Kurz, wir finden einerseits die Stellung oder das Verhältnis als Söhne auf das unumschränkte Wollen und Wirken Gottes gegründet, und wir sehen andererseits den diesem Verhältnis entspringenden moralischen Charakter, der Gott zu seiner Anerkennung einen gerechten Grund gibt. Gott kann nicht völlig und öffentlich diejenigen anerkennen, die in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen sind; dies würde eine Anerkennung des ungleichen Joches selbst sein. Wie könnte Er „Finsternis“, „Gesetzlosigkeit“, „Belial“, „Ungläubige“ und „Götzenbilder“ anerkennen? Wenn ich mich daher mit etwas von dieser Art zusammenjoche, so habe ich mich moralisch und öffentlich damit und nicht in allem mit Gott einsgemacht. Ich habe mich in eine Stellung gesetzt, die Gott nicht anerkennen kann; und folglich kann Er auch mich nicht anerkennen.

Wenn ich mich hingegen aus einer solchen Stellung herausreiße, wenn ich „ausgehe und mich absondere“, wenn ich meinen Nacken aus dem ungleichen Joche herausreiße, dann, aber auch nur dann kann ich öffentlich und völlig anerkannt werden als „Sohn oder als Tochter des Herrn, des Allmächtigen“. Das ist ein ernster und beachtenswerter Grundsatz für alle, die fühlen, dass sie sich mutwillig in ein solches Joch begeben haben. Sie wandeln nicht als Jünger noch befinden sie sich öffentlich oder moralisch in der Stellung als Söhne. Gott kann sie nicht anerkennen. Ihr verborgenes Verwandtschaftsverhältnis bildet nicht die Spitze; sie haben selbst den ihnen von Gott angewiesenen Boden verlassen. Sie haben törichterweise ihren Hals zwischen ein Joch gepresst, das, da es nicht das Joch Christi ist, das Joch Belials sein muss: Und solange sie sich nicht von diesem Joch losreißen, kann Gott sie nicht öffentlich als seine Söhne und Töchter anerkennen. Ohne Zweifel ist die Gnade Gottes unendlich und kann uns in all unseren Mängeln und Gebrechen begegnen; aber wenn unsere Seele nach einer höheren Art von Jüngerschaft strebt, müssen wir einmal, koste es was es wolle, das ungleiche Joch abstreifen, oder, wenn dies nicht möglich ist, unser Haupt unter die Schande und Trauer des Joches beugen, indem wir von Gott eine völlige Befreiung erwarten.

Indes gibt es vier verschiedene Seiten, von denen das „ungleiche Joch“ betrachtet werden kann. Es gibt ein Familien-, ein Handels-, ein Religionsjoch und ein Joch allgemeiner Menschenliebe. Einige mögen geneigt sein, das in 2. Korinther 6 bezeichnete Joch in die erste Rubrik zu verweisen; aber der Apostel macht eine solche Einschränkung nicht. Er sagt nur: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen“; er bezeichnet nicht näher den Charakter oder den Gegenstand des Joches, und daher sind wir berechtigt, diese Stelle weitest anzuwenden, indem wir ihre Schärfe direkt auf jede Art eines ungleichen Joches richten; und wir werden die Wichtigkeit, so zu handeln, erkennen, bevor wir, wenn es der Herr erlaubt, diese Betrachtungen schließen.


Originalartikel: „Das ungleiche Joch“
aus Botschafter des Heils in Christo, 1866, S. 81–85


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