Der Irrtum der Mormonen, oder: Was ist das Evangelium?
Vor nicht allzu langer Zeit stand ein junger Mann vor meiner Tür, der jene pseudo-klerikale Kleidung trug, die für die Heiligen der Letzten Tage (HLT)[1] typisch ist. Jeder, der mit dieser Glaubensrichtung vertraut ist, hätte sofort erkannt, dass er ein mormonischer Elder[2] war – obwohl Younger („Jüngerer“, 1Pet 5,5) vielleicht der treffendere Begriff gewesen wäre, denn die Ältesten in der Heiligen Schrift waren ausnahmslos Männer im fortgeschrittenen Alter und mit Erfahrung,[3] die sich um die Herde Gottes kümmern (1Pet 5,1-3), aber nicht über das Volk Gottes herrschen sollten wie über ihren Besitz.
Der besagte Mormone stellte sich als „Diener des Evangeliums“ vor, der „in den Bergstädten Kaliforniens“ missioniere. Er erklärte, er würde mir gern einige „Grundsätze des Evangeliums“ darlegen. Ich gab ihm zu verstehen, dass auch ich bestrebt sei, armen Sündern die frohe Botschaft Gottes zu verkünden (1Tim 1,15), und sagte ihm, dass ich mich gern mit ihm unterhalten würde, sofern die Verkündigung der frohen Botschaft tatsächlich auch sein Ziel sei. Also bat ich ihn, Platz zu nehmen.
Das Evangelium der Mormonen in Kurzform
„Und nun, mein Herr“, wurde er gefragt, „würden Sie uns bitte mit einer kurzen Erklärung darüber beehren, was das Evangelium eigentlich ist?“ Es waren mehrere Personen anwesend.
„Gewiss“, antwortete er. „Das Evangelium besteht aus vier zentralen Punkten: Der erste ist Buße, der zweite ist Glaube, der dritte ist die Taufe zur Vergebung der Sünden durch jemand, der dazu ordnungsgemäß befugt ist, und der vierte ist die Handauflegung durch einen von Gott berufenen Mann, damit der Betreffende den Heiligen Geist empfängt.“
„Nun gut; angenommen, jemand hat all das durchlaufen – ist er dann errettet?“
„Oh, das kann natürlich niemand in diesem Leben wissen. Wer bis zum Ende ausharrt, wird im Reich Gottes erhöht werden.“ Daraufhin schlug er ein kleines Testament auf, mit dem er jedoch nur wenig vertraut war, und zeigte uns einige Bibelstellen, die eindeutig belegten, dass der Herr und die Apostel Buße und Glauben predigten und dass Petrus auch von einer „Taufe zur Vergebung der Sünden“ sprach (Apg 2,38; der Leser möge diesen Vers und seinen Zusammenhang sorgfältig beachten). Außerdem legten die Apostel in mindestens zwei Fällen Menschen die Hände auf, damit diese die Gabe des Heiligen Geistes empfingen (Apg 8,14-17; 19,1-6). Er versuchte auch, eine Bibelstelle zu finden, die beweisen sollte, dass niemand wissen könne, ob er jetzt errettet ist. Angesichts von Epheser 2,4-8; 1. Petrus 1,9; 1. Korinther 1,8; 2. Korinther 2,15 und 2. Timotheus 1,9 war dies jedoch völlig unsinnig, obwohl er zur Verteidigung seiner Position auf Matthäus 24,13 verwies: „Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden.“
Dazu ist Folgendes zu sagen: Das Ausharren ist zweifellos ein Beweis für die Echtheit [der Errettung]. Wer behauptet, er sei errettet, aber nicht bis zum Ende ausharrt, zeigt damit nur, dass sein Bekenntnis bedeutungslos ist.[4]
„Ich stimme Ihnen voll und ganz zu“, sagte ich, „dass die Heilige Schrift von den vier Punkten spricht, die Sie erwähnen, aber möglicherweise haben Sie meine Frage nicht richtig verstanden. Ich hatte Sie darum gebeten, das Evangelium zu erklären. Wenn diese sogenannten ‚vier Grundsätze‘ tatsächlich das Evangelium sind, dann haben Sie ein Evangelium ohne Christus; mit anderen Worten: ein Evangelium, in dem das Evangelium ausgelassen worden ist. Wenn Sie recht haben, dann unterlag zumindest der Apostel Paulus einem schweren Irrtum, denn er erklärt sein Evangelium und sagt tatsächlich nichts zu dem einen oder anderen Punkt, auf den Sie eingegangen sind. Sie erinnern sich sicherlich an die Bibelstelle?“
Doch er erinnerte sich nicht. Er kannte keine direkte Aussage zu diesem Thema. Tatsächlich stellte sich bald heraus, dass seine Bibel, abgesehen von einigen wenigen Versen zu seinen Lieblingsthemen, praktisch ein verschlossenes Buch war. Auf meine Aufforderung hin schlug er 1. Korinther 15 auf. Darauf möchte ich den Leser kurz aufmerksam machen.
Paulus’ Darlegung des wahren Evangeliums
Wir beginnen mit dem ersten Vers dieses kostbaren und wunderbaren Abschnitts der Heiligen Schrift und lesen:
- 1Kor 15,1-4: Ich tue euch aber kund, Brüder, das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch steht, durch das ihr auch errettet werdet (wenn ihr an dem Wort festhaltet, das ich euch verkündigt habe), es sei denn, dass ihr vergeblich geglaubt habt. Denn ich habe euch zuerst überliefert, was ich auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften;[5] und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften.
Hier hielt ich inne, da der Rest des Abschnitts die Augenzeugen der Auferstehung Christi vorstellt und daher kaum als lehrmäßig betrachtet werden kann. Dennoch kann der Leser großen Nutzen daraus ziehen, wenn er in aller Ruhe über den gesamten Abschnitt nachdenkt.
„Nun“, sagte ich und wandte mich an den Mormonen, „in diesen Versen wird das Evangelium dargestellt – das Evangelium, das Paulus verkündigte. Es ist gefährlich, ein anderes Evangelium zu predigen, denn aus Galater 1,8-9 wissen wir, dass derjenige, der dies tut – selbst wenn er ein Engel vom Himmel wäre –, verflucht ist. Ich habe gehört, dass Sie lehren, Ihr Evangelium sei Joseph Smith von einem Engel offenbart worden.[6] Selbst wenn dies wahr wäre, würde es nichts beweisen, wenn sich bei einer Überprüfung herausstellen sollte, dass es sich bei Ihrem Evangelium um etwas anderes handelt als um das, was der Heidenapostel verkündete. Sein Evangelium hatten die Korinther angenommen; in diesem Evangelium standen sie; durch dieses Evangelium wurden sie errettet (1Kor 15,1-2), sofern sie echte Gläubige waren. Sicher haben Sie bemerkt, dass nicht die gewissenhafte Befolgung bestimmter Vorschriften oder das Leben nach bestimmten Regeln, wie Sie es vor wenigen Minuten erwähnt haben, den Korinthern das Heil sicherte – so segensreich dies auch sein mag, wenn man es richtig versteht –, sondern indem sie dieses Evangelium des Paulus im Gedächtnis hielten [2Tim 2,8].
Zwei Evangelien im Vergleich
Ich stelle also zunächst fest: Es geht in dem Evangelium des Paulus um eine Person, und zwar um eine ganz andere Person als die, die Sie uns vor Augen führen – es geht um ‚den Sohn Gottes‘, wie uns Römer 1,3-4 mitteilt. Dagegen findet sich in Ihrem Evangelium in keinem der vier Punkte auch nur ein einziges Wort über den Sohn Gottes. Das Evangelium des Paulus enthält kein einziges Wort über irgendjemand oder irgendetwas außer Christus. Man könnte sein Evangelium vielleicht ebenfalls in vier Punkte gliedern, obwohl drei Punkte passender wären. Aber selbst wenn man es in vier Punkte unterteilt (um Ihnen so weit wie möglich entgegenzukommen), finden wir deutliche Unterschiede. Ihre vier Punkte beziehen sich alle auf den armen Sünder und könnten wie folgt formuliert werden:
- Der Sünder tut Buße.
- Der Sünder hat Glauben.
- Der Sünder wird getauft.
- Dem Sünder werden die Hände aufgelegt.
Im Gegensatz dazu sehen Sie nun, wie das wahre Evangelium ausgedrückt werden kann:
- Christus ist gestorben [1Kor 15,3].
- Christus wurde begraben [1Kor 15,4a].
- Christus ist wieder auferweckt worden [1Kor 15,4b].
- Christus ist der Gegenstand für die Herzen der Seinen [1Kor 15,5].
1. Christus ist gestorben
Die beiden Evangelien haben mit Sicherheit nichts gemeinsam. Ich glaube, Sie lehren, dass Christus nur für die Übertretung Adams gestorben sei und nicht für unsere Sünden, behaupten aber, dass die Sünde Adams durch das Kreuz gesühnt worden sei, während die Sünden des Einzelnen durch die Taufe abgewaschen werden müssten. Das Evangelium des Paulus hingegen sagt uns, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist [1Kor 15,3]. Wenn das so ist und ‚das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, uns von aller Sünde reinigt‘ (1Joh 1,7) – wo kommt dann die Taufe in Ihrem Sinne zur Anwendung? Wenn alle meine Sünden durch sein kostbares Blut gesühnt sind und Er ‚unsere Sünden selbst an seinem Leib auf dem Holz getragen hat‘ (1Pet 2,24) – wie viele Sünden bleiben dann noch übrig, die durch die Taufe gereinigt werden müssten?[7] Gewiss keine. Aber leider ist dies nur ein Beispiel dafür, dass das falsche Evangelium des Mormonentums im Widerspruch zum kostbaren Evangelium der Gnade Gottes [Apg 20,24] steht, wie es in der Bibel offenbart wird.
2. Christus wurde begraben
Aber ich komme zum zweiten Punkt. Christus ist nicht nur gestorben, sondern auch ‚begraben worden‘ (1Kor 15,4). Über Ihn steht jedoch auch geschrieben: ‚Du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen noch zugeben, dass dein Frommer Verwesung sehe‘ (Apg 2,27; Ps 16,10). Sein Begräbnis bestätigt, dass Er wirklich gestorben war, und macht deutlich, dass Er für immer mit der Stellung abgeschlossen hat, die Er auf der Erde hatte. Es ist das Ende aller Beziehungen, in denen Er zuvor stand, und sagt uns, dass Er tot ist: tot dem Gesetz, nachdem Er meine Strafe bezahlt hat, und tot der Sünde – nicht seiner eigenen Sünde, sondern meiner Sünde –, die Er getragen hat. Ich bin ‚mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod‘ (Röm 6,4), so dass ich nicht dort zurückgelassen werde, wo mich das Mormonentum zurücklässt: als arme, ringende Seele auf der Erde, die sich bemüht, bis zum Ende auszuharren, um errettet zu werden. Vielmehr werde ich betrachtet als jemand, der mit Ihm all dem begraben ist. Damit komme ich zum dritten Punkt:
3. Christus ist wieder auferweckt worden
Christus ist aus den Toten auferweckt und ich bin mit Ihm auferweckt worden [1Kor 15,4; Kol 3,1]. Was die Annahme bei Gott betrifft, so ist seine Stellung nun meine Stellung [vor Gott]. ‚Er ist unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden‘ (Röm 4,25). Durch die Auferweckung Christi erklärt Gott öffentlich, dass der Gläubige von allen Sünden freigesprochen ist, da ja sein Stellvertreter vom Tod befreit worden ist [Apg 2,24].
4. Christus ist der Gegenstand für die Herzen der Seinen
Und nun wird derjenige, der in alle Ewigkeit lebt (Off 1,18), als Gegenstand für die Herzen der Seinen dargestellt. ‚Er wurde gesehen‘ [vgl. 1Kor 15,5-8], und derselbe Apostel ruft an anderer Stelle aus: ‚Wir sehen aber Jesus‘ (Heb 2,9). Zunächst werden arme Sünder dazu geführt, zu erkennen, dass es völlig unmöglich ist, sich zu verbessern oder sich für Gottes Gegenwart tauglicher zu machen. Dann wird das Auge des Glaubens auf den gerichtet, der gestorben ist, an den sie glauben und durch den sie ‚von allem … gerechtfertigt‘ sind (Apg 13,38-39). Nun haben sie ebenfalls einen Gegenstand für ihr Herz, nämlich Christus in Herrlichkeit (2Kor 3,18). Wie sehr unterscheidet sich dies von dem, was Sie dargestellt haben! Für uns gilt: ,Jesus ist der Erste, Jesus ist der Letzte, Jesus auf dem ganzen Weg‘, während Sie ganz auf sich selbst gestellt sind.
Die Lehre der Mormonen über Autorität
Aber nun eine andere Frage. Sie haben von Männern gesprochen, die die Vollmacht hätten, zu taufen und Hände aufzulegen. Wo finden Sie das in der Schrift?“
Als Antwort las der Mormone aus Hebräer 5,4 vor: „Niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern er wird von Gott berufen wie auch Aaron.“
„Welche ‚Ehre‘ ist hier gemeint?“, fragte ich.
„Die Ehre des Priestertums, das die Vollmacht verleiht, zu taufen und den Heiligen Geist zu spenden“, war seine Antwort.
„Nein“, entgegnete ich, „Hebräer 5,1 widerspricht dem. Es geht hier überhaupt nicht um das ‚Priestertum‘. Weil alle Gläubigen nun Priester sind, gibt es im Christentum keine besondere Priesterklasse, wie aus Offenbarung 1,6 und 1. Petrus 2,5.9 deutlich hervorgeht. In Hebräer 5 geht es um das Hohepriestertum, das sich auf Jesus Christus bezieht, der von Gott berufen wurde, wie in Hebräer 5,6 gesagt wird. Auch von Taufe oder Handauflegung ist dort nicht die Rede, sondern es geht darum, ‚sowohl Gaben als auch Schlachtopfer für Sünden darzubringen‘ (Heb 5,1; siehe auch Heb 2,17), und dann auch darum, dass Er seinem Volk in dieser Welt voller Versuchungen beisteht. Eine solche Schriftstelle auf einen menschlichen Dienst anzuwenden, bedeutet schlichtweg, ‚das Wort Gottes zu verfälschen‘ (2Kor 4,2), und verdient die strengste Verurteilung.“
Wie werden wir erlöst?
Das war im Wesentlichen das, was ich dem fehlgeleiteten jungen Mann vor Augen führen wollte. Doch leider ist das menschliche Herz so trügerisch, dass der Mensch sich lieber mit seiner Buße, seinem Glauben oder seinem Irgendetwas beschäftigt als mit dem Christus Gottes. Ich habe festgestellt, dass dieser Prediger, der „ein anderes Evangelium“ verkündet, „das kein anderes ist“ (Gal 1,6-7), derselben Kategorie angehört wie Tausende in der bekennenden Christenheit. Die Schriftstellen, die ihm vorgelegt wurden, hatten für ihn im Vergleich zu „heutigen [fortlaufenden] Offenbarungen“ nur wenig Gewicht, obwohl Paulus in Kolosser 1,25 sagt, dass er „nach der Verwaltung Gottes … das Wort Gottes vollenden“ sollte. Und so ging der Mormone seines Weges, indem er auf seine fleischliche Religion vertraute und das „Evangelium Gottes“ ignorierte.
Bevor ich dieses Thema abschließe, möchte ich den Leser daran erinnern, dass weder Glaube noch Buße in der Heiligen Schrift jemals als Grundlage für die Erlösung dargestellt werden. Allein das Kreuz ist diese Grundlage. Wenn der Sünder vom Geist Gottes dorthin gebracht wird, wird er wirklich Buße tun; die Seele wird errettet, wenn sie an das auf dem Kreuz vollbrachte Werk vertraut.
Buße und Glaube, so wie sie in der Heiligen Schrift dargelegt werden, dürfen nicht mit den Auswüchsen des Mormonentums verwechselt werden. In diesem erbärmlichen System wird Buße mit Reue verwechselt und Glaube mit Leichtgläubigkeit.
Im biblischen Sinne ist Buße Selbstgericht; das Eingeständnis, dass man verloren und schuldig ist und zu Recht den Zorn eines heiligen Gottes verdient. Glaube ist das Vertrauen auf Christus, dessen vollbrachtes Werk die Sünden für immer hinwegnimmt. Es geht nicht einfach darum, bloß zu glauben, dass Gott existiert oder dass der historische Jesus der Sohn Gottes war. „Wenn du mit deinem Mund Jesus als Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, wirst du errettet werden. Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil“ (Röm 10,9-10).
Lieber Leser, ich frage dich herzlich: Begehst du denselben Fehler wie dieser Elder? Vielleicht verspottest du den armen, unwissenden Mormonen und bist erstaunt über den fast heidnischen Glauben, den seine Kirche lehrt. Aber vertraust du vielleicht selbst auf etwas, das ebenso hohl ist, wenn man es an dem Buch Gottes misst?
Denk daran: Bußwerke; aufgesetzte Reue, die sich in sonderbaren Gemütszuständen, Gefühlen und Entsagungen äußert; verstandesmäßige Zustimmung zu den Wahrheiten der Bibel, die fälschlicherweise als Glaube bezeichnet wird; Taufe, sei sie nun von einem mormonischen Ältesten oder einem ordinierten Geistlichen vollzogen; Handauflegung oder irgendein anderer menschlicher Ritus oder eine von Gott verordnete Zeremonie – all das nützt dir nichts.
Christus und Christus allein ist deine einzige Errettung. Wirf alles andere von dir und fliehe zu Ihm. „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden“ (Apg 16,31).
Anmerkungen zu den Lehren der Mormonen
Es war nicht mein Ziel, alle abwegigen und verschlungenen Irrtümer des Mormonentums nachzuzeichnen und zu widerlegen. Vielmehr wollte ich aufzeigen, wie sehr dieses System im Widerspruch zum Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes steht, das Er in seinem Wort offenbart hat [1Tim 1,11].
Es wurde jedoch angemerkt, dass eine kurze Zusammenfassung einiger wichtiger Lehren der Sekte, die auf anderen Grundsätzen beruhen, als Warnung dienen könnte für alle, die sich von schönen Worten und spitzfindigen Argumenten verführen lassen und in ihren schrecklichen Strudel hineingezogen werden.
Wenn wir die „fortgeschritteneren“ Veröffentlichungen dieser Sekte untersuchen, lassen sich die nun folgenden Aussagen leicht als Teil des seltsamen Heidentums dieses furchtbaren quasi-religiösen Kultes nachweisen, auch wenn einige davon von den reisenden „Ältesten“ oft geleugnet werden. Deren Aufgabe ist nämlich nicht, die Menschen zu beunruhigen, indem sie die „Tiefen des Satans“ (Off 2,24) öffentlich bekannt machen, sondern sie zu ködern, indem sie ein Glaubensbekenntnis vorstellen, das dem rechtgläubigen Christentum so nahe wie möglich kommt. Nichts könnte irreführender sein als die Darstellung der „Lehren der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, die derzeit [1914] von Tausenden im ganzen Land verbreitet wird. Sie wurde von dem angeblichen Propheten Joseph Smith in den Anfängen der Bewegung zusammengestellt, lange bevor die „heutigen Offenbarungen“ die vielen Ungereimtheiten einführten, von denen sie heute nur so wimmelt.
Die wichtigsten Lehren, die heute von ihnen anerkannt werden, lassen sich kurz wie folgt zusammenfassen:
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Die Mormonen behaupten, der Bibel zu glauben, beziehen jedoch zusätzliches „Licht“ aus dem Buch Mormon. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Unsinn, die man nur überfliegen muss, um zu erkennen, dass sie völlig absurd und mit dem Wort Gottes unvereinbar ist. Ebenso als inspiriert gelten das Buch Lehre und Bündnisse, das angeblich eine Reihe von Offenbarungen, hauptsächlich an Joseph Smith, enthält, sowie Die köstliche Perle, die die Schrift Das Buch Abraham und andere apokryphe Werke umfasst. Zusätzlich können zahlreiche Propheten und Apostel jederzeit weitere Mitteilungen machen, die alle die gleiche Autorität hätten wie diese Schriften.
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Im Grunde sind die Mormonen Polytheisten; sie glauben, es gebe viele Götter. Und alle diese Götter (außer vielleicht dem ersten – diesbezüglich sind ihre Aussagen widersprüchlich) seien einst Menschen gewesen, die wegen ihrer Treue und Ergebenheit im menschlichen Zustand zu Göttlichkeit erhöht worden seien. Jeder hofft, irgendwann einmal ein Gott zu werden. Ihre Götter behalten angeblich ihre menschliche Gestalt und ihre Funktionen bei.
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In diesem Zusammenhang kommt die Polygamie ins Spiel.[8] Ihre (polygamen) Beziehungen würden in der Ewigkeit fortbestehen und die Nachkommen der Götter und ihrer zahlreichen Frauen in den kommenden Zeitaltern ihr „Reich“ bilden. Das Wohlergehen der Frauen hänge davon ab, dass sie mit einem der Gläubigen vereint seien.
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Was diese Welt betrifft (für die Mormonen gibt es viele Welten), so lehren sie eine [eigene Form der] Dreieinigkeit, die die Angelegenheiten dieser Welt verwalte. Demzufolge hätten Gott und Christus menschliche Körper, Glieder und Leidenschaften, während der Heilige Geist allgegenwärtig sei, obwohl Er aus materieller Substanz bestehe.
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In der vorangegangenen Abhandlung wurde ihre Lehre über die Errettung der Lebenden dargelegt. Sie verkünden auch öffentlich die Erlösung für die Toten, denen das Evangelium gepredigt werde und die errettet werden könnten, wenn sich ihre Freunde auf Erden für sie taufen ließen.
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Was die Lehre über die Endzeit betrifft, so vertreten sie ein prophetisches Lehrsystem, das eine überaus fleischliche Sichtweise des Tausendjährigen Reiches verkörpert. Eingeleitet werde dieses Reich durch die Wiederkunft Christi, um Israel, einschließlich der zehn Stämme, wieder zu versammeln – und zwar in ein Zion in Amerika (!) – und alle Feinde der „Heiligen“ zu vernichten. Die Toten würden auferweckt werden und auf der Erde erscheinen. In Bezug auf diese Zeit schreibt Parley Pratt[9] in seiner Schrift A Voice of Warning: „Unser Vater Adam wird als der Alte an Tagen auf dem Thron sitzen“, usw., wobei er die Worte aus Daniel 7,9-10 auf Adam bezieht!
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Ein letztes Gericht werde alle Dinge abschließen, aber niemand werde für immer verloren sein. Es gebe drei Sphären: die terrestriale, die celestiale und die telestiale. Jeder Mensch werde in einer dieser Sphären zu finden sein.[10]
Ein solches System bedarf keiner Widerlegung. Es widerlegt sich selbst. Kein Kind Gottes, das das Kreuz auch nur ansatzweise versteht, könnte sich davon verführen lassen. Doch täglich werden viele unvorsichtige und schlichte Seelen, die nach Errettung streben, aber Gottes Weg nicht kennen, davon verführt. Aus diesem Grunde habe ich diesen Artikel verfasst. Möge der Herr ihn gebrauchen, um viele von solchen „frevelhaften Götzendienereien“ zu befreien (1Pet 4,3).
Originaltitel: „The Mormon’s Mistake Or What Is The Gospel?“
und: „Note on Mormon Doctrines“
Auszug aus „The Only Two Religions and Other Gospel Papers,
Oakland, Kalifornien: Western Book and Tract Co., 1914
Quelle: https://plymouthbrethren.org
Übersetzung: Samuel Ackermann
Anmerkungen
[1] Anm. d. Red.: Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ ist die Selbstbezeichnung der größten Glaubensgemeinschaft innerhalb des Mormonentums.
[2] Anm. d. Red.: Elder lässt sich im Deutschen mit „Ältester“ übersetzen.
[3] Siehe 1. Timotheus 3,2-7. Dabei ist zu beachten, dass die Begriffe „Ältester“ und „Bischof“ [in der King-James-Übersetzung] dasselbe sind, wie in Titus 1,5-7 gezeigt wird. Der Begriff „Ältester“ bezieht sich auf das Alter des Mannes und der Begriff „Bischof“ auf sein Amt. In Bezug auf all dies herrscht im Mormonentum große Verwirrung.
[4] Ich möchte dem Leser, der hier Schwierigkeiten hat, „Fallen from Grace; or, Castaway“ von William Barker sowie „The Perseverance of the Saints“ von F.W. Grant ans Herz legen.
[5] Siehe Jesaja 53,5-6.
[6] Anm. d. Red.: Joseph Smith (1805–1844) war der Gründer der Mormonen. Nach eigenen Angaben sei ihm am 21. September 1823 ein Engel namens „Moroni“ erschienen, der ihn beauftragt habe, einen Text von Goldplatten zu übersetzen, die in einer unbekannten Sprache namens „reformiertes Ägyptisch“ verfasst worden seien. In diesem Text sei die „Fülle des immerwährenden Evangeliums“ enthalten.
[7] Ich gebe durchaus zu, dass in der Taufe die amtliche oder administrative Vergebung der Sünden gewährt wird, indem die Getauften in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen werden. Dies ist aber etwas anderes als die ewige Vergebung vor Gott; siehe Johannes 20,22-23.
[8] Anm. d. Red.: Man muss der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ zugutehalten, dass sie die Polygamie seit 1890 offiziell ablehnt.
[9] Anm. d. Red.: Parley Parker Pratt (1807–1857) war einer der frühen Führer der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“.
[10] Anm. d. Red.: Die „Kirche Jesu Christi die Heiligen der Letzten Tage“ schreibt dazu: „Es gibt drei Reiche der Herrlichkeit (siehe 1. Korinther 15,40-42). Das höchste davon ist das celestiale Reich. Diejenigen, die im Zeugnis von Jesus tapfer sind und die Grundsätze des Evangeliums befolgen, werden im celestialen Reich in der Gegenwart Gottvaters und seines Sohnes Jesus Christus wohnen (siehe LuB 131:1-4). Das zweite der drei Reiche der Herrlichkeit ist das terrestriale Reich. In diesem Reich werden sich diejenigen befinden, die auf der Erde zwar ehrenhafte Menschen waren, jedoch im Zeugnis von Jesus nicht tapfer waren. Das telestiale Reich ist das niedrigste der drei Reiche der Herrlichkeit. In dieses Reich werden diejenigen eingehen, deren Entscheidungen im irdischen Leben nicht rechtschaffen, sondern schlecht waren. Sie werden ihre Herrlichkeit erhalten, nachdem sie aus dem Gefängnis der Geister erlöst worden sind.“


