Gnadengaben – Gott befähigt zum Dienst (1)
Was sind Gnadengaben?

Tayfun Talu

© Tayfun Talu, online: 22.08.2026, updated: 23.08.2026

Begriff „Gnadengabe“

Das Wort „Gnadengabe“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes charisma. Es bezeichnet „die wohlwollend gespendete Gabe, das Gnadengeschenk“[1]. Es kommt 17-mal im Neuen Testament vor und bezieht sich immer auf eine Gabe, die von Gott kommt. Charisma ist ein Gnadengeschenk, das Gott dem Empfänger ganz unverdient zuteilwerden lässt. Das Wort wird im Neuen Testament für unterschiedliche Gnadengaben Gottes verwendet: 

  • für die dem Volk Israel gewährten Vorrechte (Röm 11,29 „Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.“),
  • für das Gnadengeschenk der Erlösung (Röm 5,15-16 (15) Ist nicht aber wie die Übertretung so auch die Gnadengabe? Denn wenn durch die Übertretung des einen die vielen gestorben sind, so ist viel mehr die Gnade Gottes und die Gabe in Gnade, die durch den einen Menschen, Jesus Christus, ist, zu den vielen überströmend geworden. (16) Und ist nicht wie durch einen, der gesündigt hat, so auch die Gabe? Denn das Urteil war von einem zur Verdammnis, die Gnadengabe aber von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit.“) und des ewigen Lebens (Röm 6,23 „Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“),
  • für das Gnadengeschenk der Errettung aus Todesgefahr (2Kor 1,10 „der uns von so großem Tod errettet hat und errettet, auf den wir unsere Hoffnung gesetzt haben, dass er uns auch ferner erretten wird;“) oder
  • für die Kraft zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit (1Kor 7,7 „Ich wünschte aber, alle Menschen wären wie auch ich selbst; aber jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“).

An allen anderen Stellen sind mit den Gnadengaben geistliche Fähigkeiten gemeint, die Gott den Gläubigen schenkt, um sie zu einem bestimmten Dienst zu befähigen (Röm 1,11; 12,6 (1:11) Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas geistliche Gnadengabe mitteile, um euch zu befestigen,“ „(12:6) Da wir aber verschiedene Gnadengaben haben, nach der uns verliehenen Gnade: es sei Weissagung, so lasst uns weissagen nach dem Maß des Glaubens;“; 1Kor 1,7; 12,4.9.28.30-31 (1:7) so dass ihr an keiner Gnadengabe Mangel habt, indem ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus erwartet,“ „(12:4) Es sind aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber derselbe Geist;“ „(12:9) einem anderen [aber] Glaube in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in demselben Geist,“ „(12:28) Und Gott hat einige in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wunderkräfte, dann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen.“ „(12:30) Haben alle Gnadengaben der Heilungen? Reden alle in Sprachen? Legen alle aus? (12:31) Eifert aber nach den größeren Gnadengaben; und einen noch weit vortrefflicheren Weg zeige ich euch.“; 1Tim 4,14 „Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir, die dir gegeben worden ist durch Weissagung mit Auflegen der Hände der Ältestenschaft.“; 2Tim 1,6 „Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, die Gnadengabe Gottes anzufachen, die in dir ist durch das Auflegen meiner Hände.“; 1Pet 4,10 „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.“). Diese geistlichen Fähigkeiten kann man sich weder verdienen noch kann man sie durch Übung selbst erlernen. Es sind Geschenke Gottes, übernatürliche Begabungen. Diese Art von Gnadengaben ist das Thema dieser Ausarbeitung.

Gnadengaben und natürliche Fähigkeiten

Gnadengaben sind von natürlichen Fähigkeiten zu unterscheiden. Auch natürliche Fähigkeiten sind Geschenke Gottes. Es handelt sich um Fähigkeiten, die der Schöpfer in seine Geschöpfe hineingelegt hat. Wir besaßen die natürlichen Fähigkeiten bereits, bevor wir von neuem geboren wurden und von Gott geistliche Fähigkeiten empfangen haben.

Es gibt natürliche Fähigkeiten auf der geistigen, seelischen und körperlichen Ebene. Einige Beispiele sind: Sprachbegabung; Rede- und Ausdrucksfähigkeit; Einfühlungsvermögen; die Fähigkeit, mit Kindern umzugehen; die Fähigkeit, gut schreiben, malen oder zeichnen zu können; handwerkliches Geschick; Organisationstalent; eine schöne Gesangsstimme; musikalische Fähigkeiten; ein gutes Gedächtnis; Konzentrationsvermögen; körperliches Leistungsvermögen; seelische Widerstandsfähigkeit und so weiter. Natürliche Fähigkeiten können durch Studium, Lernen und Übung gefördert und erweitert werden. Beispielsweise kann man eine neue Sprache oder ein neues Instrument erlernen.

Eine Illustration für den Zusammenhang zwischen natürlichen und geistlichen Fähigkeiten finden wir im Gleichnis von den Talenten in Matthäus 25,14-30: Ein Mensch gibt seinen Knechten unterschiedliche Mengen an Talenten, mit denen sie in seiner Abwesenheit Handel treiben. Das spricht von dem Herrn Jesus, der den Gläubigen unterschiedliche Gnadengaben gibt, die sie im Dienst für Ihn einsetzen sollen. In Vers 15 heißt es, dass der Herr seinen Knechten die Talente „jedem nach seiner eigenen Fähigkeit“[2] gab.

Der Herr verleiht die geistlichen Fähigkeiten also in Übereinstimmung mit den natürlichen Fähigkeiten. In der Regel knüpft Er an unsere natürlichen Fähigkeiten an, wenn Er eine Gnadengabe und die damit einhergehenden Aufgaben gibt. Der gläubige Mensch mit seinen natürlichen Fähigkeiten und Veranlagungen ist das Gefäß, in das Gott eine geistliche Gabe hineinlegt. Ein Christ, der beispielsweise handwerkliche Fähigkeiten hat oder gut organisieren kann, könnte von Gott die Gnadengabe der Hilfeleistungen empfangen (1Kor 12,28 „Und Gott hat einige in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer, dann Wunderkräfte, dann Gnadengaben der Heilungen, Hilfeleistungen, Regierungen, Arten von Sprachen.“). Hat ein Christ von Natur aus ein besonderes Einfühlungsvermögen, schenkt Gott ihm vielleicht die Gnadengabe der Barmherzigkeit (Röm 12,8 „es sei, der ermahnt, in der Ermahnung; der gibt, in Einfalt; der vorsteht, mit Fleiß; der Barmherzigkeit übt, mit Freudigkeit.“). Hat Gott einen Christen mit einer Rede- und Ausdrucksfähigkeit begabt, könnte Er ihn zum Evangelisten (Eph 4,11 „Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer,“) oder als Lehrer (Eph 4,11 „Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer,“; Röm 12,7 „es sei Dienst, so lasst uns bleiben im Dienst; es sei, der lehrt, in der Lehre;“) berufen oder ihn für einen anderen mündlichen Dienst befähigen. Oft legt Gott bereits im Mutterleib die natürlichen Gaben in seine Diener hinein, die sie später für ihren geistlichen Dienst gebrauchen können (vgl. Jer 1,5 „Bevor ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt: Zum Propheten an die Nationen habe ich dich bestellt.“; Gal 1,15 „Als es aber Gott, der mich von meiner Mutter Leib an abgesondert und durch seine Gnade berufen hat, wohlgefiel,“).

Jeder ist gefragt!

Die Gnadengaben sind nicht auf eine ausgewählte Gruppe von Christen beschränkt. Jeder Gläubige hat im Augenblick seiner Bekehrung mindestens eine Gnadengabe empfangen (vgl. Mt 25,15 „Und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, jedem nach seiner eigenen Fähigkeit; und sogleich reiste er außer Landes.“; 1Kor 12,7.11 „Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben.“ „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will.“; Eph 4,7 „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.“; 1Pet 4,10 „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.“). In 1. Petrus 4,10 „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.“ heißt es:

1Pet 4,10: Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.

Es heißt nicht, „ob“ oder „wenn“ jemand eine Gnadengabe empfangen hat. Der Satz lautet ganz wörtlich: „Jeder, wie er empfangen hat eine Gnadengabe, füreinander mit ihr seid dienend.“[3] Das griechische Wort kathos, das die Elberfelder Übersetzung (Edition CSV Hückeswagen) mit „Je nachdem“ übersetzt, kann folgende Bedeutungen haben: „ebenso wie, geradeso wie, in dem Maß wie, je nachdem, da ja, insofern als“.[4] Der Gedanke des Verses ist: Jeder soll mit der Gnadengabe, die er empfangen hat, dienen. Die Schlachter 2000 übersetzt daher sinngemäßer: „Dient einander, jeder mit der Gnadengabe, die er empfangen hat, als gute Haushalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.“

Gott hat uns die Gnadengaben anvertraut, damit wir sie im Dienst für Ihn einsetzen. Das wird auch im Gleichnis von den Talenten deutlich: Die beiden Knechte, die mit den empfangenen Talenten handelten, empfingen keinen besonderen Auftrag vom Herrn, dies zu tun. Die Tatsache, dass sie sie empfangen hatten, war bereits der Auftrag, auch damit zu handeln. Das Vertrauen ihres Herrn war für sie Befehl genug. Wir lernen daraus: In der Verleihung einer geistlichen Gabe liegt bereits der Auftrag, diese auch auszuüben – selbstverständlich abhängig vom Willen und der Leitung des Herrn. Die Gläubigen werden mehrfach direkt dazu aufgefordert, mit ihren Gaben zu dienen oder diese anzufachen oder nicht zu vernachlässigen (1Pet 4,10 „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.“; 1Tim 4,14 „Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir, die dir gegeben worden ist durch Weissagung mit Auflegen der Hände der Ältestenschaft.“; 2Tim 1,6 „Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, die Gnadengabe Gottes anzufachen, die in dir ist durch das Auflegen meiner Hände.“). Jeder ist gefragt! Es ist mit den Gnadengaben wie mit Werkzeugen: Benutzt man sie nicht, verkümmern sie schneller. Sie sind wie ein Feuer, das immer wieder neu entfacht werden muss, damit es nicht erlischt. Andererseits sind sie wie Muskeln, die durch Training gestärkt werden können. So können wir lernen, unsere Gabe(n) immer besser im Dienst für den Herrn einzusetzen, so dass ein größerer Segen daraus hervorgeht.

Manche Christen denken, nicht viel empfangen zu haben, und neigen deshalb dazu, kaum etwas oder gar nichts für den Herrn zu tun. Doch Gottes Wort zeigt uns an vielen Stellen, dass Gott aus allem, was wir Ihm zur Verfügung stellen, einen großen Segen entstehen lassen kann:

  • Ein Junge hatte nur fünf Brote und zwei Fische dabei, aber weil er sie dem Herrn zur Verfügung stellte, sättigte Er damit eine große Menschenmenge (Joh 6,9 „Es ist ein Knabe hier, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat; aber was ist dies für so viele?“).

  • Der junge David hatte nur eine Schleuder und fünf Steine, aber weil er darin geübt war, sie zu benutzen und sie Gott zur Verfügung stellte, konnte er damit Goliath besiegen (1Sam 17,49-50 (49) Und David fuhr mit seiner Hand in die Tasche und nahm einen Stein heraus, und er schleuderte und traf den Philister an seine Stirn; und der Stein drang in seine Stirn, und er fiel auf sein Angesicht zur Erde. (50) So war David mit der Schleuder und mit dem Stein stärker als der Philister, und er schlug den Philister und tötete ihn; und David hatte kein Schwert in der Hand.“).

  • Tabitha (Dorkas) hatte nur Nadeln und Stoff, aber weil sie ihre natürliche Fähigkeit zur Herstellung von Kleidung in den Dienst Gottes gestellt hatte, weinten später viele Christen, als diese Glaubensschwester starb, und zeigten Petrus weinend die Unterkleider und Gewänder, die sie zu Lebzeiten gemacht hatte (Apg 9,36-39 (36) In Joppe aber war eine gewisse Jüngerin, mit Namen Tabitha, was übersetzt heißt: Dorkas; diese war reich an guten Werken und Almosen, die sie übte. (37) Es geschah aber in jenen Tagen, dass sie krank wurde und starb. Als sie sie aber gewaschen hatten, legten sie sie in ein Obergemach. (38) Da aber Lydda nahe bei Joppe war, sandten die Jünger, als sie gehört hatten, dass Petrus dort sei, zwei Männer zu ihm und baten: Zögere nicht, zu uns herüberzukommen. (39) Petrus aber stand auf und ging mit ihnen; und als er angekommen war, führten sie ihn in das Obergemach. Und alle Witwen traten weinend zu ihm und zeigten ihm die Unterkleider und Gewänder, die Dorkas gemacht hatte, während sie noch bei ihnen war.“). Tabitha ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie Gott die Gnadengabe der Hilfeleistungen mit einer natürlichen Fähigkeit verbindet und dadurch vielen Kindern Gottes einen großen Segen schenkt.

Bedenken wir auch: Gott gibt Gnadengaben immer zum Nutzen anderer (1Kor 12,7 „Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben.“). Durch den Empfang einer Gabe werden wir zum Schuldner derer, zu deren Nutzen wir sie empfangen haben. Auch in dieser Hinsicht gehören wir nicht uns selbst, sondern sollen Gott mit unserem Leib verherrlichen (vgl. 1Kor 6,19-20 (19) Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer selbst seid? (20) Denn ihr seid um einen Preis erkauft worden; verherrlicht nun Gott in eurem Leib.“). Die Gnadengaben dienen nicht dem Selbstzweck oder der Selbsterbauung, sondern der Erbauung anderer.

Wir haben bereits hervorgehoben, dass es bei den Gnadengaben um die Befähigung zu einem bestimmten Dienst geht, den wir von Gott empfangen haben. Daneben gibt es jedoch viele Dienste und gute Werke, für die keine besondere Gnadengabe erforderlich ist – gute Werke, die wir bei verschiedenen Gelegenheiten für unsere Glaubensgeschwister oder Mitmenschen tun können (vgl. Tit 3,1.8.14 „Erinnere sie daran, Obrigkeiten und Gewalten untertan zu sein, Gehorsam zu leisten, zu jedem guten Werk bereit zu sein;“ „Das Wort ist gewiss; und ich will, dass du auf diesen Dingen fest bestehst, damit die, die Gott geglaubt haben, Sorge tragen, gute Werke zu betreiben. Dies ist gut und nützlich für die Menschen.“ „Lass aber auch die Unseren lernen, für die notwendigen Bedürfnisse gute Werke zu betreiben, damit sie nicht fruchtleer seien.“). Hierbei geht es nicht um Gnadengaben, sondern vielmehr um unsere Gesinnung und Herzensausrichtung. Sind wir bereit, uns dem Herrn zur Verfügung zu stellen und sich bietende Möglichkeiten für gute Werke zu nutzen?


Zuerst erschienen auf Biblische Lehre

Anmerkungen

[1] Walter Bauer, Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1988, S. 1753.

[2] Die Bibelzitate sind der Elberfelder Übersetzung (Edition CSV Hückeswagen) 2003 entnommen.

[3] Ernst Dietzfelbinger, Das Neue Testament – Interlinearübersetzung Griechisch–Deutsch, Holzgerlingen: Hänssler, 82008, S. 1016.

[4] Walter Bauer, Griechisch-Deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1988, S. 794.


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