Wer ist die Braut im Hohelied?
Einführende Gedanken in das Lied der Lieder

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 12.10.2008, aktualisiert: 28.09.2018

Einführende Gedanken in das Lied der Lieder

Wir wollen miteinander das Buch Hohelied betrachten, das im ersten Vers „das Lied der Lieder“ genannt wird. Die meisten Übersetzungen haben die Bezeichnung „Hohelied“. Sie folgen darin Luther, der dieses Wort so übersetzt hat; doch wörtlich steht da: das Lied der Lieder. Das drückt im Hebräischen eine besondere Steigerung aus: das höchste, das beste Lied. So spricht die Schrift auch von dem Heiligen des Heiligen (Allerheiligsten) und von dem Himmel der Himmel und im ungünstigen Sinn beispielsweise von dem Knecht der Knechte.

Wir haben hier das Lied der Lieder. Es ist nämlich nicht das einzige Lied Salomos. In 1. Könige 4,32.33 lesen wir, dass Salomo 1005 Lieder verfasst hat. Aber der Heilige Geist hat uns diese 1005 Lieder nicht mitgeteilt. Wir besitzen nur dieses eine Lied. Doch dieses eine Lied, sagt der Heilige Geist im ersten Vers, ist dann auch das Lied der Lieder, das höchste Lied, das Gott würdig geachtet hat, in sein Wort aufgenommen zu werden, damit wir nach beinahe dreitausend Jahren dort noch die herrlichen Belehrungen entnehmen können, die Gott hineingelegt hat.

Das Hohelied hat viel Ähnlichkeit mit Psalm 45. Dieser Psalm spricht, wie die meisten wissen, über den Messias und seine Braut. Darum heißt der Psalm ein „Lied der Lieblichkeiten“, und so könnten wir dieses Buch auch nennen: ein Lied der Lieblichkeiten, oder, wie wir den Ausdruck in Psalm 45 auch übersetzen können: ein Lied von dem Geliebten, ein Lied, das über den Geliebten spricht. Und wenn wir uns mit dem Geliebten beschäftigen, kann es dann einen Gläubigen geben, dessen Herz dabei nicht warm wird, dessen Herz dann nicht von gutem Worte „wallt“, wie der Psalmdichter in Psalm 45 sagt, um seine Gedichte dem König vorzutragen?

Es wird hier das Lied der Lieder, von „Salomo“, genannt. Das bedeutet eigentlich, dass es von Salomo handelt, doch wir dürfen auch ohne Weiteres annehmen, dass es ein Buch ist, das Salomo geschrieben hat. Es gibt kein einziges stichhaltiges Argument dafür, dass dieses Buch in einer viel späteren Zeit entstanden sein sollte. Es ist ein Buch, das von Salomo stammt, und wer wäre mehr imstande, uns ein solches Lied der Liebe zu schreiben? Der Herr Jesus sagt in Matthäus 12,42 von ihm, als Er sich selbst mit Salomo vergleicht: „Und siehe, mehr als Salomo ist hier.“ Salomo ist das Vorbild des Herrn Jesus als Friedefürst (Salomos Name bedeutet „Friede“). Der Herr Jesus wird in ihm vorgebildet als der König des Friedens, der ein Segen für die ganze Erde sein wird zusammen mit der Braut, und wir werden gleich sehen, wer die Braut ist.

Ich möchte zuvor noch etwas über Salomo sagen. Wir wissen, dass Salomo drei Bücher des Alten Testaments geschrieben hat: die Sprüche, den Prediger und das Hohelied. Es ist sehr interessant zu sehen, wie diese drei Bücher miteinander in Zusammenhang stehen, und das sagt bereits etwas aus über den Charakter des Hohenliedes. Man hat diese drei Bücher zu Recht mit der Stiftshütte verglichen. Bei der Stiftshütte kam zuerst der Vorhof, in den jeder Israelit ohne weiteres eintreten konnte. Wir wissen, dass der Vorhof ein Bild der sichtbaren Schöpfung ist und besonders ein Bild von der Erde. Das finden wir in dem Buch des Predigers, das über die Dinge spricht, die unter der Sonne sind, die Eitelkeiten dieses Erdenlebens. Es spricht über das, was jeder Mensch, gläubig oder ungläubig, feststellen kann: dass alle Menschen einmal an ihr Ende kommen und äußerlich kein Unterschied zu bestehen scheint zu den Tieren, dass das große Geheimnis vom Sinn des Lebens erst dann entdeckt wird, wenn wir, so wie Asaph, eingehen in die Heiligtümer Gottes. Im Buch des Predigers geht es um die Erde, und es ist folglich auch das Buch, in dem wir ausschließlich den Namen „Gott“ finden, wogegen im Buch der Sprüche meist der Bundesname „Jehova“ vorkommt. Dieses Buch ist nämlich ein Bild von dem Heiligtum, in dem wir die Dinge nicht so sehen, wie sie unter der Sonne sind, sondern so, wie Gott sie sieht. Im Heiligtum spricht alles von göttlicher Herrlichkeit. Die Sprüche zeigen uns, wie Gott möchte, dass Gläubige ihren Weg gehen; sie enthalten Anweisungen, die für alle Zeiten gelten, und besonders im Tausendjährigen Reich, wenn der HERR, der Allerhöchste, über die Erde regieren wird. Hier finden wir deshalb auch fast ausschließlich den Namen „HERR [Jahwe]“ und lediglich einige Male den Namen „Gott“.

Dann haben wir von Salomo noch dieses Buch, von dem die alten Juden gesagt haben: Wie dies das „Lied der Lieder“ ist, so findet es sein Gegenbild in dem „Heiligen des Heiligen“ (dem Allerheiligsten), in dem Gott wohnte und in das der Hohepriester nur einmal im Jahr hineingehen durfte. Dieses Buch zeigt uns die Vertrautheit zwischen der Braut und dem Bräutigam. Die alten Juden sagten darüber: Die Braut ist Israel, und der Bräutigam ist Gott. Das Buch ist so intim, dieses Allerheiligste so heilig, dass die Juden jungen Männern unter dreißig Jahren verboten, in dieses Buch hineinzuschauen. So sehr haben sie darüber gewacht, dass die Worte dieses Buches nicht zu Eitlem ausgesprochen wurden. Es ist ein allerheiligstes Buch. Ich habe gesagt, dass im Prediger der Name „Gott“ vorkommt und in den Sprüchen der Name „HERR [Jahwe]“. Wenn man nun dieses Buch liest, wird man zu seinem Erstaunen in diesem allerheiligsten Buch dem Namen Gottes nicht begegnen, mit Ausnahme von Hohelied 8,6, wo über die Flamme Jahs (das ist eine Abkürzung von Jahwe) gesprochen wird, doch da bedeutet es eigentlich nicht viel mehr als eine Steigerung. Wir finden hier den Namen Gottes nicht, und doch werden uns in der symbolischen Sprache dieses Buches allerheiligste Dinge vorgestellt. Dinge, die Gott vor dreitausend Jahren für uns aufgezeichnet hat, und noch nicht einmal so sehr für uns, sondern vor allem für eine Generation, die noch kommen muss, um hierin seine Gefühle auszudrücken und die Gefühle, die die kommende Generation, über die ich noch sprechen werde, im Herzen haben wird.

Doch es besteht noch ein besonderer Zusammenhang zwischen diesen drei Büchern, auf den ich hinweisen möchte. In Prediger 7 finden wir ein sehr merkwürdiges Wort. Ich habe gesagt, dass der Prediger die Dinge von der Erde aus sieht, mit den Augen eines natürlichen Menschen, und dass er versucht, auf diesem Weg den Sinn des Lebens zu entdecken. Während er damit beschäftigt ist, kommt er in Kapitel 7 zu einer merkwürdigen Schlussfolgerung. Lasst uns mit Vers 23 beginnen: „Das alles habe ich mit Weisheit geprüft. Ich sprach: Ich will weise werden; aber sie blieb fern von mir. Fern ist das, was ist, und tief, tief: Wer kann es erreichen? Ich wandte mich, und mein Herz ging darauf aus, Weisheit und ein richtiges Urteil zu erkennen und zu erkunden und zu suchen.“ Das bedeutet: Er forscht nach dem Sinn der Dinge; er sucht eine Folgerung, durch die er die Dinge des Lebens verstehen kann. Er sagt weiter: „... und zu erkennen, dass die Gesetzlosigkeit Torheit ist und die Narrheit Tollheit. Und ich fand, was bitterer ist als der Tod: das Weib, welches Netzen gleicht, und dessen Herz Fangarme, dessen Hände Fesseln sind. Wer Gott wohlgefällig ist, wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen werden“ [Pred 7,23-26]. Das ist das Bild, das die Frau abgibt, wenn man sie mit natürlichen Augen sieht. Dieses Bild gebraucht die Schrift von der Frau als Sünderin, die nicht in Verbindung steht mit Gott. Sie kann nur sündigen und ist für einen Mann wie Salomo nichts als eine Gefahr. Und wie sehr hat er das erfahren, er, der siebenhundert Frauen und dreihundert Kebsweiber hatte.

Doch wir wollen weiterlesen. Er sagt in Vers 27: „Siehe, dieses habe ich gefunden, spricht der Prediger, indem ich eines zum andern fügte, um ein richtiges Urteil [Denkergebnis, Endresultat] zu finden“ [Pred 7,27]. Er ist erst bei der Hälfte des Buches angekommen und benötigt noch vier Kapitel, um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen. Er findet dieses Schlusswort erst in Kapitel 11, wenn er sagt: „Freue dich, Jüngling ... doch wisse, dass um dies alles Gott dich ins Gericht bringen wird“ [Pred 11,9]. Dann sieht er die Dinge aus dem Heiligtum Gottes. Doch hier in Kapitel 7 hat er das Schlusswort noch nicht gefunden; darum sagt er: „Was meine Seele fort und fort gesucht und ich nicht gefunden habe, ist dies: Einen Mann aus Tausenden habe ich gefunden, aber ein Weib unter diesen allen habe ich nicht gefunden“ [Pred 7,28].

Sogar der natürliche Mensch, der die Dinge mit den Augen dieser Welt betrachtet, wird erkennen müssen, dass es „einen Mann unter Tausenden“ gegeben hat. Gott sagt in Psalm 14, dass Er auf diese Erde herniedergeschaut hat und niemanden sah, der Gutes tat; alle waren abgewichen, allesamt hatten sie sich verderbt; doch es hat einen Mann gegeben, einen Mann aus Tausenden, von dem Gott gesagt hat: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an weichem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Sogar Ungläubige seiner Zeit mussten bezeugen: „Ich finde keinerlei Schuld an ihm“ (Joh 18,38). Er war ohne Sünde. Das ist dieser eine Mann aus tausend, den wir noch einmal im Alten Testament, in Hiob 33, finden: Dort sagt Elihu zu Hiob, dass Hiob den einen Mann aus Tausend nötig hat, den Gesandten, der ihn von all seinem Elend erlösen würde. Jedes Kind Gottes weiß, wer dieser eine Mann ist, dieser eine Mittler zwischen Gott und Menschen, der ihn erlöst hat von seinen vielen Sünden. 

Doch wenn man die Dinge von unten besieht, wird man ebenfalls zu der unlösbaren Frage kommen: Wer ist die Frau, die diesem Mann, Jesus Christus, entsprechen kann? Wer von den Menschenkindern ist von Natur in der Lage, zu dieser Braut zu gehören? Niemand von uns. Der Herr Jesus ist ein Fremdling für seine Brüder gewesen, wie Er selbst in Psalm 69 sagt. Er konnte keine Verbindung haben, selbst nicht mit seinen Jüngern, bis Er durch den Tod und die Auferstehung gegangen war und Er sie seine Brüder nennen und zu ihnen sagen konnte: „Mein Gott und euer Gott, mein Vater und euer Vater“ (Joh 20,17). Vor diesem Zeitpunkt war keine Verbindung möglich, und dieses Problem, dass Er keine Frau finden konnte, bleibt in dem ganzen Buch Prediger ungelöst. Dafür müssen wir in das Heiligtum hineingehen: das Buch der Sprüche. Da finden wir in Kapitel 31 wiederum die Frage: „Ein wackeres Weib, wer wird es finden?“ Es bleibt zwar eine Frage, doch gibt Salomo die Hoffnung nicht auf, dass es solch eine Frau gibt, die passend ist für den Friedefürsten. Er beginnt damit, die Frau zu beschreiben, und wird sich bewusst, dass ihr Wert weit über Korallen steht, das heißt, dass ein sehr hoher Preis bezahlt werden muss, um diese „sehr kostbare Perle“ zu erwerben (vgl. Mt 13,45.46).

Er muss jedoch warten bis zum Allerheiligsten, dem Hohenlied, bevor er diese Frau findet. Nachdem er dort diese Frau gefunden hat, öffnet sich sein Herz, und er spricht über all die Liebe seines Herzens und all die Schönheit, die er an der Braut gefunden hat. War die Braut denn so schön in sich selbst? Mit unserem menschlichen Verstand würden wir sagen: Es gibt keine Braut, die passend ist für den Herrn Jesus. Sie sagt das selbst in Vers 5: „Ich bin schwarz“, und in Vers 6 noch einmal: „Sehet mich nicht an, weil ich schwärzlich bin“ [Hld 1,5.6]. Sie war schwarz durch die Sünde, so wie wir alle von Natur waren. Unser Herz war schwarz von Sünden, und wir mussten weiß gewaschen werden, bevor wir mit Ihm in Verbindung kommen konnten. Und doch sagt Er: „Du Schönste unter den Frauen.“ Das ist das Zeugnis des Herrn Jesus. Warum konnte Er das sagen? Weil wir angenehm gemacht sind in dem Geliebten (Eph 1,6). Weil Gott uns in dem Herrn Jesus sieht und wir mit Ihm verbunden und mit seiner Herrlichkeit bekleidet sind. Wir werden das sehen, wenn wir diese Verse betrachten.

Hier finden wir die Lösung der Fragen aus den Sprüchen und dem Prediger. Hier finden wir diese Frau. Doch nun taucht die Frage auf: Wer ist mit dieser Frau gemeint? Das ist eine schwierige Frage. Wenn ich eine Übersicht geben müsste, wie das Hohelied durch die Jahrhunderte hin ausgelegt worden ist, dann würden wir schnell den Mut verlieren, heute Abend darüber zu sprechen. Die alten Juden haben, wie ich bereits sagte, dieses Buch so verstanden, dass Gott der Bräutigam und Israel die Braut ist. Doch das ist nur zum Teil richtig. Später, als die Versammlung entstanden war und die Christen allmählich zu dem verkehrten Gedanken kamen, dass Gott für Israel keine Zukunft mehr habe, dass Israel beiseitegestellt sei und die Kirche nun den Platz Israels eingenommen habe, begannen die Ausleger, das Hohelied auf die Versammlung zu deuten, und haben gesagt: der Bräutigam ist Christus (das stimmt), und die Braut ist die Versammlung (und das stimmt nicht). Wir werden sogleich anhand des Wortes Gottes selbst sehen, dass das nicht wahr ist. Hier sieht man, was geschieht, wenn man nicht mehr anerkennt, dass es für Israel eine Zukunft gibt. Ja, für dieses irdische, natürliche Volk Israel hat Gott eine Zukunft. Vielleicht ist jemand hier, für den dieser Gedanke neu ist. Doch wenn du dir nicht klarmachst, dass es für Israel eine Zukunft gibt, und wenn du beginnst, alles, was über Israel geschrieben steht, auf dich selbst anzuwenden, dann wirst du in dieselben Trugschlüsse fallen, in die diese Ausleger gefallen sind.

Wenn du das Hohelied konsequent auf die Versammlung anwendest, kannst du kein glücklicher Christ sein. Wir finden, dass die Braut öfters verlassen und einsam ist, wenn sie die Nähe des Bräutigams nicht spürt. Sie ist sich seiner Liebe nicht allezeit sicher, weil sie sich ihrer Schlechtigkeit bewusst ist. Stelle dir vor, dass das auch für die Versammlung gelten würde: dass die Versammlung als Ganzes von Christus verlassen werden und sie sich als Ganzes noch in Ungewissheit befinden könnte, ob die Erlösung wirklich ihr Teil ist. Wäre das keine traurige, Gott entehrende Auslegung? Wie viele Wiedergeborene sprechen mehr über ihr „Schwarzsein“ als darüber, dass sie lieblich sind in den Augen des Bräutigams. Wir werden auf diesen Punkt zurückkommen. Ich möchte zuvor versuchen, die folgende Frage zu beantworten: Welche Auslegung gibt die Bibel von diesem Buch? Es gibt nur einen, der uns die Auslegung geben kann. Das ist das Wort Gottes, in dem der Herr Jesus selbst uns dieses Buch erklärt.

Es ist häufig, auch von Ungläubigen in unserer Zeit, bezweifelt worden, dass dieses Buch in die Bibel gehört. Ich gebe zu, wenn man es mit dem natürlichen Verstand liest, wird man sagen: Wie kann ein solches Buch in der Bibel stehen, in dem der Name Gottes nicht einmal vorkommt? in dem allein über die Liebe einer irdischen Frau und eines irdischen Mannes gesprochen wird, und dazu noch in einer Art, von der wir als Abendländer sagen würden, dass es uns hier und da wohl ein wenig übertrieben vorkommt? Muss dieses Buch nun in der Bibel stehen? Die alten Juden haben daran durchaus nicht gezweifelt, weil sie sahen, dass in diesem Buch eine sinnbildliche Bedeutung verborgen liegt. Andere haben kritisiert, dass dieses Buch nirgends im Neuen Testament zitiert wird. Sie haben gesagt, dass es offensichtlich nicht als ein Teil der Schrift anerkannt wurde. Doch das ist nicht wahr. Der Herr Jesus hatte genau dasselbe Alte Testament wie wir. Er hat kein einziges Wort davon fallen lassen. Er selbst sagt in Johannes 10, dass die Schrift nicht aufgelöst werden kann. Alles gehört zusammen, und ich werde zeigen, warum dieses Hohelied nicht entbehrt werden kann. In Matthäus 9 sehen wir, wie der Herr Jesus selbst die Bedeutung dieses wunderbaren Buches angibt. Es ist gut, auf seine Worte achtzugeben, um den Sinn zu verstehen. Wir lesen in Matthäus 9,14: „Dann kommen die Jünger des Johannes zu ihm und sagen: Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Können etwa die Gefährten des Bräutigams trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten. Niemand aber setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleid; denn das Eingesetzte reißt von dem Kleide ab, und der Riss wird ärger.“

Da steht der Herr Jesus inmitten seines Volkes, umgeben von Ungläubigen und von seinen Jüngern. Da sagt Er, dass Er der Messias ist, der Bräutigam Israels. Wir wissen, dass der Herr Jesus in seinen Bildern und Gleichnissen immer über das sprach, was das Volk verstand. Er gebrauchte Bilder aus dem täglichen Leben, die sie begreifen konnten. Wie ist es dann möglich, dass der Herr Jesus hier über sich selbst als den Bräutigam sprechen konnte? Haben die Umherstehenden das denn begriffen? Ja, sicher haben sie es begriffen, und sie konnten das nur dadurch verstehen, dass sie das Hohelied kannten und weil jeder Jude durch das Alte Testament wusste, was die Bedeutung des Hohenliedes war: das Verhältnis zwischen Gott oder zwischen dem wahren Salomo (dem Friedefürsten, dem Messias) und seinem Volk Israel. Dort kommt der Herr Jesus und sagt: Ich bin der Messias, und wenn Ich euer Messias bin, dann bin Ich auch der Bräutigam, dann bin Ich auch derjenige, der gekommen ist, um Liebe bei meinem Volk zu suchen, um zu sehen, ob in den Herzen meines Volkes dieselbe Zuneigung ist, die ich zu ihnen habe.

Er kommt zu ihnen und spricht über seine Liebe und sagt, dass Er allen, die zu Ihm kommen wollen, die mühselig und beladen sind, Ruhe geben will für ihre Seelen (vgl. Mt 11,29). Er kommt in der Liebe seines Herzens. Was dachtest du, wofür Er sonst aus dem Himmel gekommen ist, wenn nicht deshalb, um nach der Verherrlichung Gottes an erster Stelle diesem Volk seine Liebe zu beweisen, so wie Er es im Alten Testament prophezeit hatte? Er kommt und sucht Liebe bei diesem Volk. Hat Er sie gefunden? Wir finden mehrere Male, dass Matthäus von dem Bräutigam spricht, doch man wird feststellen, dass dort nie von der Braut die Rede ist. Die Braut war nicht da, denn die Braut war das jüdische Volk, das im Glauben den Messias annehmen sollte. Und wie viele gab es, die das taten? Eine Handvoll Jünger. Darum kann der Herr Jesus nur von sich selbst sagen, dass Er der Bräutigam ist, doch nirgends wird von der Braut gesprochen. Die Braut war nicht da. Wir finden hier nach diesem Kapitel, in Matthäus 13, wie der Herr Jesus sich endgültig von Israel abwendet und damit beginnt, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu offenbaren; in Matthäus 16 beginnt Er dann, über die Versammlung zu sprechen. Es gab keine Braut aus Israel. Ja, wirst du sagen, aber die Versammlung ist doch nun die Braut? Ja, aber das findet man nicht im Buch Matthäus. Das liest man zum Beispiel im Epheserbrief. Ich sage aber gleich dazu, dass man das nicht verwechseln darf mit der Braut des Königs, des Friedefürsten; diese Braut ist niemand anders als der gläubige Überrest aus Israel.

Die Versammlung ist auch eine Braut; aber sie ist nicht die Braut des Königs. Es wird häufig gesagt, dass die Versammlung die Braut Christi ist, doch ich glaube nicht, dass die Bibel das an irgendeiner Stelle sagt. Christus ist die Übersetzung von Messias (das bedeutet: der Gesalbte). Die Versammlung ist die Braut des Lammes, das geschlachtet worden ist. So wird sie in der Offenbarung genannt. Doch die Braut Christi, des Königs, ist Israel. Die Braut war in den Tagen, als der Herr Jesus auf die Erde kam, nicht da. Denkst du, dass die Braut nie kommen wird? Denkst du, dass das Herz des Herrn Jesus nicht auf diese Braut wartet? Vielleicht findet jemand es ungewöhnlich, dass der Herr Jesus zwei Bräute hat. Doch man muss bedenken, dass das eine symbolische Bedeutung hat. Das Herz des Herrn Jesus hat Raum genug, um weitaus mehr Menschen zu lieben als nur die, die zur Versammlung gehören. Wir finden im Alten Testament mehrmals in symbolischer Sprache diese beiden Frauen vorgestellt, zum Beispiel in Lea und Rahel; Lea ist ein Bild der Versammlung und Rahel ein Bild der Braut aus Israel. Das ist der gläubige Überrest, im besonderen die Stadt Jerusalem, wie wir sehen werden. Sie wird die Braut sein in der Zeit, in der der Herr Jesus als Messias über die Erde regieren und Jerusalem der Mittelpunkt der ganzen Erde sein wird. Man hat wohl angenommen, dass, wenn der Herr Jesus regieren wird, die Versammlung die Königin sei, die mit Ihm über die Erde regieren wird. Doch das stimmt nicht. Jerusalem, „die Stadt des großen Königs“ (Ps 48; Mt 5), ist die Königin, die mit dem Herrn Jesus über diese Erde regieren wird. Es gibt keine andere. Er wartet auf diese Zeit. Ich habe gerade gesagt, dass dieses Buch sich sehr bald erfüllen wird, denn was hier in symbolischer Sprache steht, ist noch nicht erfüllt. Die Zeit wird kommen, wo es Menschen geben wird, welche die Gefühle, die hier in diesem Buch beschrieben sind, in ihren Herzen empfinden werden.

Wir haben solch ein Buch nicht nötig, um unsere Gefühle auszudrücken. Wir finden kein Buch wie das Hohelied im Neuen Testament. Wir finden dort auch kein Psalmbuch. Warum nicht? Weil die Gläubigen der Versammlung den Heiligen Geist in sich wohnend haben, und der Heilige Geist es ist, der für uns betet in unaussprechlichen Seufzern. Doch diese Menschen, die den Heiligen Geist nicht haben werden, aber doch zu Wiedergeburt und Glauben kommen, werden nach dem Messias verlangen; sie werden sich mit dieser wichtigen Frage herumquälen: Wird Er, den wir an das Kreuz gebracht haben, noch etwas mit uns zu tun haben wollen? Sie haben dieses Buch nötig, um die Antwort des Herrn Jesus zu kennen. Diese Antwort ist: Liebe, nichts als Liebe, durch das ganze Hohelied hindurch, vom Anfang bis zum Ende.

Wenn wir fragen, was der Sinn und das Ziel des Hohenliedes ist, dann ist das Wichtigste, dass wir hierin das Verhältnis kennenlernen zwischen dem Messias und dem gläubigen Überrest, im Besonderen der Stadt Jerusalem. Ist das die einzige Möglichkeit der Auslegung? Nein, es gibt noch weitere. Wenn wir über das Alte Testament sprechen, können wir die meisten Teile auf drei verschiedene Weisen auslegen. Die erste Auslegung ist immer: Was bedeutet es wörtlich, was da steht? Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte von Abraham und Sara. Die erste Frage ist: Was steht dort wörtlich, was geschah dort mit Abraham, was taten sie, warum taten sie es so, wie müssen wir das sehen auf dem Hintergrund jener Zeit, was hat uns das praktisch zu sagen? Die zweite Auslegung ist die prophetische: Ist in der Geschichte von Abraham und Sara auch ein prophetischer Sinn verborgen, der erfüllt werden wird? Wir wissen, dass das so ist: Abraham ist ein Bild des Gläubigen als Fremdling hier auf der Erde, und später, als die Geschichte von Isaak beginnt, ein Bild von Gott, dem Vater, der seinen Sohn opfert. Wir wissen, dass Sara in Galater 4 die Mutter derer genannt wird, die nicht in Knechtschaft geboren sind, sondern in Freiheit. Die dritte Art der Auslegung ist: Gibt es auch eine praktische, moralische Belehrung für uns? Auch die ist vorhanden. Denken wir nur an Sara in 1. Petrus 3. Dort wird sie den christlichen Frauen als Vorbild hingestellt, wie sie sich kleiden und ihren Männern gegenüber betragen müssen.

So ist es nun auch mit dem Hohenlied. Die erste Auslegung ist ganz einfach die, dass es einen König gab, genannt Salomo, der tausend Frauen hatte, die sein Herz nicht befriedigten. Hier sehen wir, wie er diese Befriedigung bei einem einfachen Mädchen fand, das in Kapitel 6 Sulamith genannt wird, was bedeutet, dass sie aus Sulam kam. Wir lesen in Kapitel 1, dass ihre Brüder sie angestellt hatten, die Weinberge zu hüten. Sie war ein Mädchen vom Lande, das den ganzen Tag draußen war und das von der Sonne braun gebrannt war; deshalb schämte sie sich vor den reichen Frauen Salomos, die alle eine weiße Haut hatten, was ein Ideal der Schönheit war. Wir finden in diesem Buch, wie sie zum ersten Mal Bekanntschaft mit Salomo macht. In Kapitel 8 steht, dass Salomo sie unter dem Apfelbaum geweckt hat, wo sie geboren war; vielleicht in einem Haus, das darunter gestanden hat. Wahrscheinlich hat sie zuerst gedacht, dass Salomo ein einfacher Hirte war. Sie hat ihn zuerst nicht wirklich erkannt und fragt ihn in Kapitel 1, wo er seine Herde weidet, weil sie allezeit bei ihm sein wollte. Wir finden dann in Kapitel 3, wie sie ihn in seiner wahren Gestalt sieht, begleitet von einem königlichen Gefolge, als sie zu ihm kommt, und merkt, dass ihr Bräutigam in Wirklichkeit der König Salomo ist. So könnte ich fortfahren. Das ist die wörtliche, die erste Bedeutung dieses Buches. Doch es ist nicht die wichtigste. Wenn es die einzige wäre, würde ich mich fragen, ob dieses Buch einen Platz in der Bibel hätte; doch auch diese Auslegung enthält eine wichtige Belehrung für uns, nämlich, was eine Frau in jener Zeit nach den Gedanken Gottes bedeutete. Bei den östlichen Völkern zählte eine Frau nichts. Gott aber hat sie zur Gefährtin Adams bestimmt, die zu ihm passte; sie sollte nicht seine Sklavin, seine Untergebene sein. Hier finden wir, wie Salomo über seine Braut, die Sulamith, denkt, und das ist in sich selbst eine praktische Belehrung. Doch das ist nicht das Einzige. Was wir hier vornehmlich finden, ist das Verhältnis zwischen dem wahren Salomo, dem Friedefürsten, und dem Überrest Israels.

Die dritte Anwendung, die ich auch stets machen möchte, ist die praktische Anwendung für uns, denn es gibt auch eine Anwendung für jeden Gläubigen. Ich sage nicht, dass die Braut hier die Versammlung darstellt, aber ich sage wohl, dass wir in der Braut ein Vorbild von jedem Gläubigen persönlich, individuell haben. Der Weg jedes einzelnen Gläubigen ist durchaus nicht der Weg der Versammlung. Das wird leider viel zu wenig auseinandergehalten. Von der Versammlung als Ganzes finden wir zum Beispiel nirgends im Neuen Testament, dass sie noch Barmherzigkeit nötig hat. Nirgends in einem Brief an eine Versammlung wird in der Anrede gesagt: „Gnade euch, Barmherzigkeit und Friede!“, wie das wohl in den persönlichen Briefen gesagt wird. Gläubige haben die Barmherzigkeit Gottes nötig auf ihrem persönlichen Weg in ihren oft schwierigen Umständen. So finden wir hier für uns persönlich sehr viele Belehrungen, und wir dürfen darauf vertrauen, dass der Herr uns etwas davon zeigen wird.

Doch ich möchte zuvor noch etwas anderes zeigen, nämlich dass das Alte Testament deutlich lehrt, dass Jerusalem die Braut ist. Ich habe gesagt, dass die jüdischen Ausleger sagten, dass Israel die Braut ist. Das ist nicht ganz richtig. Es ist nur der gläubige Teil Israels. Zweitens ist es auch nicht ganz Israel, sondern nur ein gläubiger Überrest aus den zwei Stämmen. Es ist bekannt, dass diese zwei Stämme bereits teilweise zurückgekehrt sind und dass sie am 15. Mai 1948 in dem Land Palästina einen Staat errichtet haben. In diesem Staat findet man vornehmlich Israeliten aus den beiden Stämmen; die zehn Stämme sind noch unter alle Völker verstreut. Aus diesen beiden Stämmen wird die Braut dieses Buches zum Vorschein kommen: der gläubige Überrest, der, wenn die große Drangsal anbricht, sich zu dem Herrn bekehrt haben und den Messias erwarten wird. Dann ist die Versammlung bereits von Gott aufgenommen, wie wir das aus dem Neuen Testament wissen. Danach jedoch wird Gott sich aus den Juden einen Überrest erwecken und wird sie durch schwere Züchtigungen und Herzensübungen führen, um ihnen auf diese Weise zu zeigen, wie groß ihre Schuld gegenüber dem Messias ist. Wir sehen also, dass dieser Überrest von den zehn Stämmen unterschieden werden muss, was auch völlig deutlich wird, wenn wir die Prophezeiungen untersuchen.

In den Prophezeiungen finden wir drei Frauen, nämlich eine „Mutter“ und zwei „Töchter“. Wenn wir zum Beispiel Hesekiel 23 lesen, finden wir, dass der Prophet dort in symbolischer Sprache über drei Frauen spricht, die wir alle im Hohenlied wiederfinden. In Hesekiel 23,1 steht: „Und das Wort Jehovas geschah zu mir also: Menschensohn, es waren zwei Weiber, Töchter einer Mutter ... Und ihre Namen sind Ohola, die größere, und Oholiba, ihre Schwester. Und sie wurden mein und gebaren Söhne und Töchter; und was ihre Namen betrifft: Samaria ist Ohola, und Jerusalem ist Oholiba.“ Hier finden wir also eine Mutter mit zwei Töchtern. Die eine Tochter ist Samaria, das ist die Hauptstadt der zehn Stämme, und die andere Jerusalem, die Hauptstadt der zwei Stämme. Die Mutter ist Israel in seinem ursprünglichen Zustand, so wie Gott es aus Ägypten herausgeführt hat. Die Mutter, Israel, hat diesen beiden Töchtern, dem Zehn- und dem Zweistämmereich, das Leben geschenkt. Nach dem Tode Salomos wurde das Reich in zwei Teile zerrissen. Diese Mutter mit ihren Töchtern finden wir auch im Hohenlied. Bereits in Kapitel 1,6 wird gesagt: „Meiner Mutter Söhne zürnten mir“ [Hld 1,6]. Und in Kapitel 3,4 steht: „Kaum war ich an ihnen vorüber, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich ergriff ihn und ließ ihn nicht, bis ich ihn gebracht hatte in das Haus meiner Mutter und in das Gemach meiner Gebärerin“ [Hld 3,4]. Da hat das „Haus meiner Mutter“ eine wichtige Bedeutung, wie wir später noch sehen werden. Siehe weiter noch Hohelied 8,2. Da finden wir auch diese beiden Töchter. Die eine Tochter ist die Braut des Hohenliedes, das ist Jerusalem. Die andere Tochter ist die kleine Schwester, die noch keine Brüste hat; das ist Ephraim (die zehn Stämme), das unmittelbar nach dem Wiederkommen des Herrn Jesus zur vollen Entwicklung und Reife kommen wird und dann von dem Herrn Jesus angenommen und ins Königreich eingeführt werden wird.

Von der Braut wird zuerst in Psalm 45 gesprochen, was wir noch mehrere Male anführen werden. So wie hier ist auch in den Prophezeiungen die Braut des Messias fast immer Jerusalem. Das finden wir vor allem in Jesaja 49,14: „Und Zion sprach: Jehova hat mich verlassen, und der Herr hat meiner vergessen. Könnte auch ein Weib ihres Säuglings vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Sollten selbst diese vergessen, ich werde deiner nicht vergessen. Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet; deine Mauern sind beständig vor mir. Deine Kinder eilen herbei, deine Zerstörer und deine Verwüster ziehen aus dir hinweg. Erhebe ringsum deine Augen und sieh: Sie alle versammeln sich, kommen zu dir. So wahr ich lebe, spricht Jehova, du wirst sie alle wie ein Geschmeide anlegen und dich damit gürten wie eine Braut.“ Da sehen wir, wie Zion über seine Sünden seufzt und sich von Gott verlassen fühlt, und sie ist nun auch fast zweitausend Jahre von Gott beiseitegestellt. Doch es wird eine Zeit kommen, in der Er sich umsehen wird nach diesem „Weib der Jugend“ (Jes 54,6), nach dieser Frau, mit der Er, in symbolischer Sprache, tausend Jahre lang verheiratet gewesen ist. Hast du angenommen, dass Gott das „Weib seiner Jugend“ im Stich lassen würde? Er wird sich über Jerusalem erbarmen. Es geht natürlich um die Menschen, die in Jerusalem wohnen, den Überrest, doch es ist im Besonderen die Stadt Jerusalem, die die Königin genannt wird.

Wir lesen in Jesaja 54 sehr wichtige Verse. Da wird in Vers 1 zu Zion gesagt: „Jubele, du Unfruchtbare, die nicht geboren, brich in Jubel aus und jauchze, die keine Wehen gehabt hat! Denn der Kinder der Vereinsamten sind mehr als der Kinder der Vermählten, spricht Jehova“ [Jes 54,1]. Das bedeutet: Jerusalem ist zur Zeit die Vereinsamte. Doch Gott wird ihr in ihrer Einsamkeit mehr Kinder erwecken als sie jemals in der Zeit gehabt hat, als sie noch in Verbindung mit Gott stand und die Stadt Gottes war. Vers 4: „Fürchte dich nicht, denn du wirst nicht beschämt werden, und schäme dich nicht, denn du wirst nicht zu Schanden werden; sondern du wirst der Schmach deiner Jugend vergessen und der Schande deiner Witwenschaft nicht mehr gedenken. Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann, Jehova der Heerscharen ist sein Name und der Heilige Israels ist dein Erlöser: Er wird der Gott der ganzen Erde genannt werden. Denn wie ein verlassenes und im Geiste betrübtes Weib ruft dich Jehova, und wie ein Weib der Jugend, wenn sie verstoßen ist, spricht dein Gott. Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen will ich dich sammeln; im Zorneserguss habe ich einen Augenblick mein Angesicht vor dir verborgen, aber mit ewiger Güte werde ich mich deiner erbarmen, spricht Jehova, dein Erlöser“ [Jes 54,4-8].

Könnten wir annehmen, dass es für Jerusalem keine Zukunft mehr gibt und dass Gott sie vergessen kann? Er wird sich über sie erbarmen, und sie wird die Frau Gottes werden; und wer ist ihr Mann? Das ist Gott, der Sohn, derselbe wie der Messias, der vom Himmel wiederkehren wird. Wenn sie Ihn zurückkommen sehen, werden sie erkennen, dass der Messias, den sie verachtet hatten, Jehova selbst ist. Jehova wird sagen: „Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben“ (Sach 12,10). Das ist Jehova, der hier spricht und der zu Jerusalem sagen wird: „Ich werde dich wieder als meine Frau annehmen.“

Das finden wir auch in Jesaja 62: „Um Zions willen will ich nicht schweigen, und um Jerusalems willen will ich nicht still sein, bis ihre Gerechtigkeit hervorbricht wie Lichtglanz und ihr Heil wie eine lodernde Fackel. Und die Nationen werden deine Gerechtigkeit sehen, und alle Könige deine Herrlichkeit; und du wirst mit einem neuen Namen genannt werden, welchen der Mund Jehovas bestimmen wird. Und du wirst eine prachtvolle Krone sein in der Hand Jehovas und ein königliches Diadem in der Hand deines Gottes. Nicht mehr wird man dich Verlassene heißen, und dein Land nicht mehr Wüste heißen; sondern man wird dich nennen meine Lust an ihr, und dein Land Vermählte; denn Jehova wird Lust an dir haben, und dein Land wird vermählt werden. Denn wie der Jüngling sich mit der Jungfrau vermählt, so werden deine Kinder sich mit dir vermählen; und wie der Bräutigam sich an der Braut erfreut, so wird dein Gott sich an dir erfreuen“ [Jes 62,1-5]. Das ist eine eindeutige Sprache. Das Wort Gottes gibt uns selbst die Auslegung dieses Buches, und wenn wir uns dem Wort Gottes unterwerfen, haben wir keine Schwierigkeit, was auch immer viele Ausleger geschrieben haben mögen.

Ich will zum Schluss noch etwas aus Jeremia 2,2 lesen: „Geh und rufe vor den Ohren Jerusalems [hier sehen wir aufs Neue, dass die Braut die Stadt Jerusalem ist) und sprich: So spricht Jehova: Ich gedenke dir die Zuneigung deiner Jugend, die Liebe deines Brautstandes, dein Wandeln hinter mir her in der Wüste, im unbesäten Lande.“ Diese Zeit ist vorbei. Gott denkt mit Wehmut an diese Zeit zurück, als Jerusalem noch seine Braut war und Ihm noch anhing. Doch wir finden in diesem Buch, was Jerusalem getan hat. Wir wollen Jeremia 3,1 lesen: „Er spricht: Wenn ein Mann sein Weib entlässt und sie von ihm weggeht und eines anderen Mannes wird, darf er wieder zu ihr zurückkehren? Würde nicht selbiges Land entweiht werden? Du aber hast mit vielen Buhlen gehurt, und doch solltest du zu mir zurückkehren!, spricht Jehova.“ Das ist Jerusalem. Gott hat sie sich selbst als „Weib“ erworben und wird sich wieder über sie erbarmen. Es gibt ein ganzes Kapitel in der Bibel, das sich mit diesem Thema beschäftigt Hesekiel 16. Darin finden wir, wie Gott Jerusalem in ihrem niedrigen und erbarmungswürdigen Zustand gefunden hat, wie Er sie bekleidet hat mit seiner Herrlichkeit und wie Er sie sich als Braut erworben hat. 

Was war die Antwort Jerusalems? Stelle dir vor, dass ein junger Mann eine Verlobte hat, welche die Antwort gibt, die Jerusalem gab. Sie hat sich von ihrem Bräutigam abgewendet und ist anderen Göttern nachgelaufen. Die Bibel nennt das Hurerei. Sie hat sich mit anderen Männern abgegeben und ist Gott untreu geworden. Der Gedanke in Jeremia 3 ist: Käme es jemandem in den Sinn, sich mit solch einer Frau noch zu beschäftigen, die sich so mit anderen Männern abgegeben hat? Doch Gott sagt: „Ich werde sie nicht im Stich lassen.“ Es wird eine Zeit kommen, dass Er sich wieder mit ihr beschäftigen wird. In Vers 6 steht „Und Jehova sprach zu mir in den Tagen des Königs Josia: Hast du gesehen, was die abtrünnige Israel getan hat? Sie ging auf jeden hohen Berg und unter jeden grünen Baum und hurte daselbst. Und ich sprach: Nachdem sie dies alles getan hat, wird sie zu mir zurückkehren. Aber sie kehrte nicht zurück“ [Jer 3,6.7]. Dieses Israel in Vers 6 umfasst die zehn Stämme, und dann steht dort in Vers 1: „Und ihre treulose Schwester Juda sah es.“ Auch hier finden wir also zwei Schwestern: Juda und Israel. Das ist die einzige Stelle, in der sie nicht nach ihren Hauptstädten genannt werden (Samaria und Jerusalem), sondern nach ihrem ganzen Gebiet: Israel und Juda. Ich sagte ja schon, in allen anderen Fällen sind die „Schwestern“ die Hauptstädte Samaria und Jerusalem.

In Vers 8 heißt es: „Und ich sah, dass trotz alledem, dass ich die abtrünnige Israel, weil sie die Ehe gebrochen, entlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben hatte, doch die treulose Juda, ihre Schwester, sich nicht fürchtete, sondern hinging und selbst auch hurte“ [Jer 3,8]. Gott musste zuerst Samaria einen Scheidebrief geben. Er musste diese „Frau“ fortsenden, und sie wurde zerstreut unter die Assyrer und alle Völker, bis auf den heutigen Tag. Gott hat sie fortgesandt. Gott musste Juda, die es danach noch viel schlimmer trieb, auch fortschicken. Er hat ihr einen Scheidebrief mitgegeben und gesagt: Ich kann keine Gemeinschaft mit einer solchen Frau haben. Doch Gott ist kein Mensch, dass Er sie für ewig gehen lässt. Er hat Juda nun in seiner Vorsehung in da Land zurückgebracht, und sie werden eine schrecklich Zeit durchmachen. Doch in dieser Zeit wird aus Juda ein Braut gebildet werden, die zu Gott rufen und die Gefühle im Herzen haben wird, die wir im Hohenlied und auch in den Psalmen finden. Dann wird Gott sich über sie erbarmen und sie wieder annehmen, wie wir das auch in Hosea 2,14-19 finden.

Geschwister, welch eine Zeit wird das sein! Was muss das für das Herz Gottes sein! Wir sind so oft mit uns selbst beschäftigt und so leicht geneigt, in diesem Buch nur uns selbst zu sehen und das, wovon wir profitieren können. Sicher ist das wichtig, und wir dürfen das auch genießen. Doch was meint ihr, was es für das Herz des Herrn Jesus war, für den Messias, der zu seinem Volk kam und verworfen wurde? Er fand keine Braut in Israel, oder anders ausgedrückt: Die Frau Gottes hat sich von Ihm abgewendet und sich mit anderen Männern abgegeben. Meint ihr, dass es den Herrn Jesus kaltlässt, dass eine Zeit kommen wird, in der Er sich wieder über seine Braut erbarmen wird? Wenn wir wirklich ein Herz für den Herrn Jesus haben, dann müssen wir auch dieselben Interessen haben wie Er. Dann müssen auch wir für den Frieden Jerusalems bitten, wie Psalm 122 sagt. Gott hat Mitleid mit dieser Stadt und wird sich über sie erbarmen.

Wir finden hier im Hohenlied, wie Gott ihr sein Herz offenbart. Wir finden auch in den Psalmen die Gefühle des Überrestes, doch auf eine ganz andere Weise. In den Psalmen haben wir das Problem, dass Israel schuldig ist und wie Gott die Schuld dadurch wegnehmen wird, dass Er den Herrn Jesus als Sühnopfer gegeben hat. Das finden wir nicht im Hohenlied. Hier finden wir keine Schuld. Hier finden wir höchstens einen Hinweis darauf in dem Wort „Ich bin schwarz“, doch selbst das hat noch nichts mit Schuld zu tun. Wir finden hier keine Antwort auf das Problem bezüglich der Schuld und der Gerechtigkeit, sondern auf das Problem der Liebe. Wie ich bereits gesagt habe, geht es hier nicht um die Frage, die der Überrest stellen wird: Wie können wir von unseren Sünden erlöst werden, sondern: Wird Er, unser Bräutigam, dem wir so schrecklich untreu gewesen sind, dem wir so viele Tausende von Jahren den Rücken zugekehrt haben, uns noch annehmen wollen? Wir finden stets, wie bescheiden die Braut ist; sie spricht niemals zu dem Bräutigam, sondern immer nur über Ihn. Sie spricht zu anderen, sie wagt es kaum, Ihm in die Augen zu sehen. Doch der Bräutigam bezeugt ihr auf alle Weise, wie sehr Er sie liebt. Er spricht unmittelbar zu ihr, und in allen Worten, die in seinem Herzen aufkommen, lässt Er sie sehen, dass Er sie liebt. Ist das nicht eine wunderbare, unbegreifliche Liebe?

Sehen wir nun den Unterschied zur Versammlung und wie töricht es ist, hier die Versammlung zu suchen? Welch ein Unterschied besteht doch zwischen unserem Verhältnis zu Christus und dem Verhältnis, in dem der Überrest zu Ihm stehen wird! Bei uns gibt es nicht die Frage: Wird Gott sich über uns erbarmen, wird der Herr Jesus uns annehmen? Wir sind angenommen. Er hat uns den Geist in unsere Herzen gegeben, einen Geist der Sohnschaft, der mit unserem Geist zeugt, dass wir Kinder Gottes sind. Das Problem, ob Er uns noch annehmen wird, gibt es nicht, denn wir wissen, dass wir angenehm gemacht sind in dem Geliebten. Wir können in einer fest gegründeten Beziehung zu Gott ruhen. Wir können ruhen in dem vollbrachten Werk des Herrn Jesus.

Doch der Überrest kann nicht in diesem Werk des Herrn Jesus ruhen. Das letzte, was er von Ihm gesehen hat, war, als der Herr Jesus auf dem Kreuz gerufen hat: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Danach ist Er gestorben, und für Israel kam damit ein Schlusspunkt. Sie werden ohne Zweifel glauben, dass Er auferstanden ist. Das werden sie durch das Neue Testament wissen. Wie sollten sie Ihn sonst erwarten können? Doch sie werden nicht wissen, ob der Herr Jesus ihnen vergeben wird und ob sie wirklich angenommen werden. In all den Jahren während der großen Drangsal, wenn sie so viel leiden werden vonseiten der Assyrer und darüber hinaus vonseiten ihrer eigenen ungläubigen Volksgenossen, wird die brennende Frage aufkommen: Wird der Messias sich über uns erbarmen; wird Er uns annehmen wollen? Sie werden diese Antwort nicht früher bekommen, als bis der Himmel zerreißen und der Herr Jesus wiederkommen wird mit ausgebreiteten Armen, um diesen Überrest als seine Braut anzunehmen. Dann erst werden sie ruhen in einem Frieden, den Er ihnen bringen wird.

Wir finden das nirgends im Hohenlied. Das Hohelied drückt bis zum Ende nur dieses Verlangen als Hoffnung aus. Zeitweise scheint es so, als ob die Hoffnung erfüllt wäre, doch das ist nur der Fall in der Erwartung der Braut, in ihren Träumen. Wir finden im letzten Vers des Hohenliedes: „Enteile[1], mein Geliebter, und sei gleich einer Gazelle oder einem Jungen der Hirsche auf den duftenden Bergen!“ Da sagt sie: Komm doch bald zu mir; denn auch am Ende des Buches ist Er noch immer nicht tatsächlich da.

 

Anmerkungen

[1] Die englische Übersetzung von JND hat: „Eile“ (Anm. d. Übs.).


Aus Das Lied der Lieder, Heijkoop-Verlag, Schwelm
nach Vorträgen im Jahr 1971
[Bibelstellen in eckigen Klammern wurden von SoundWords ergänzt.]

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