Und die Toten leben doch
Die Unsterblichkeit der Seele

Hans-Jörg Ronsdorf

© H.-J. Ronsdorf, online seit: 16.03.2004, aktualisiert: 24.05.2019

Leitverse: Lukas 16,19-31; 1. Korinther 15,53-54

1Kor 15,53.54: Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: „Verschlungen ist der Tod in Sieg.“

Dies ist biblisch besehen ein fraglicher Begriff. Das Erste betrifft die Unsterblichkeit. Das Neue Testament (NT) bezieht sie nur auf den Leib, und zwar den in der Auferstehung zum ewigen Leben (1Kor 15,53.54; s.a. Röm 8,11). Nicht die Seele, sondern der Leib der Gläubigen wird unsterblich sein. Das Zweite ist die Hervorhebung der Seele. Sie wird durch diesen Begriff als unsterblich bezeichnet. Wenn es aber um die ewige Existenz des Menschen geht – und das will dieser Begriff ja bedeuten –, dann meint die Bibel niemals nur einen Teil des Menschen, sondern den ganzen Menschen. Nehmen wir die Worte des Paulus, dann fasst er den ganzen Menschen, wenn es um seine Zukunft geht so zusammen: Geist, Seele und Leib.

Bedenkt man noch, das dieser Begriff seinen Ursprung in der antiken griechischen Welt hat, dann liegt es uns nahe, uns ganz von diesem Begriff zu verabschieden. Aber so einfach können wir es uns nicht machen. Übrigens kommt das Wort „Hades“ (d.h. Totenreich und Gott der Unterwelt) auch aus den griechischen Sagen und Mythen und er wird im NT verwendet (Hades entspricht dem Scheol im AT).

Obwohl er einen heidnischen Ursprung hat, müssen wir uns fragen, was in der Christenheit, wo er weit verbreitet ist, damit gemeint ist. Was will der Begriff „Unsterblichkeit der Seele“ sagen? Will er, wenn Christen ihn verwenden, griechische Philosophie, Körperverachtung oder die Leugnung einer Auferstehung vermitteln? Den Griechen musste man das zu Recht nachsagen. Aber das ist es niemals, wenn Christen die Unsterblichkeit der Seele erwähnen. Wir müssen den griechischen bzw. heidnischen Hintergrund vergessen und die Bibel erforschen, was nach dem Tod eines Menschen mit ihm geschieht und was seine ewige Zukunft ist. Nichts anderes als diese Fragen berührt der Begriff „Unsterblichkeit der Seele“. Lebt die Seele weiter oder stirbt sie beim Tod eines Menschen?

Unleugbare Tatsache ist die Auferstehung aller Menschen zum ewigen Leben oder zum Gericht. Dies ist ein entscheidender Fixpunkt in der Zukunft jedes Menschen. Verbunden damit wird es Gerichtssitzungen geben. So wird am Ende der Tage jeder Mensch, der dem Evangelium nicht gehorsam war, nach seiner Auferweckung vor dem Gericht des weißen Thrones erscheinen müssen. Nach der Urteilsverkündung wird der Sünder in das ewige Feuer gehen.

Hiermit sind bereits die wichtigsten Stationen in der Zukunft des Menschen angesprochen. Es geht um das

  1. Leben nach dem Tod bis zur Auferstehung
  2. den Zustand des Menschen in der Ewigkeit.

Die Unsterblichkeit der Seele berührt also nicht nur den sog. Zwischenzustand (obwohl der Begriff „Unsterblichkeit der Seele“ bez. dieser Phase genau zutrifft) sondern auch die Frage, ob und wie lange der Mensch in der Hölle existieren wird.

Es gibt im Wesentlichen folgende Ansichten darüber:

  • Der Mensch fällt nach dem Tod in einen unbewussten Seelenschlaf bis zur Auferstehung; der Ungläubige kommt zwar in die Hölle, büßt dort aber eine zeitlich begrenzte Strafe ab und wird dann a) vernichtet oder b) nach der Lehre des Fegefeuers in den Himmel überführt.
  • Alle Menschen werden am Ende errettet (Allversöhnung).
  • Alle Menschen können sich nach dem Tod, wann auch immer, bekehren.
  • Wir glauben: Nach dem Tod lebt der Mensch bewusst im Hades oder Paradies bis zur Auferstehung und wird dann für alle Zeit und ohne Ende entweder in Herrlichkeit oder Verdammnis leben.

Zwischen Tod und Auferstehung

Was diesen Zwischenzustand betrifft, so wollen wir hier in einer kurzen Übersicht dazu Stellung beziehen. Folgende Texte aus dem NT reden über die Zeit nach dem Tod:

  1. Die Geschichte von Lazarus und Reichen ist ein deutlicher und inhaltsreicher Klartext zu diesem Thema. Von dem Reichen heißt es: „Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben. Und in dem Hades seine Augen aufschlagend, als er in Qualen war, sieht er Abraham von Weitem und Lazarus in seinem Schoß“ (Lk 16,22.23).

    Hier haben wir es nicht mit einem Gleichnis zu tun, weil es in einem solchen nie einen Eigennamen (Lazarus) gibt. Wir müssen daher diese Begebenheit wörtlich nehmen. Es geht um das Leben unmittelbar nach dem Tod und darum, wie der jenseitige Ort und Zustand durch das diesseitige Leben bestimmt wird. Das Vertrauen auf Gott brachte Lazarus zu diesem Ort, die Geldliebe den Reichen in den Hades. Die Begriffe, die Jesus verwendet (Hades, Schoß Abrahams) waren damals bekannt für das Leben jenseits des Todes. Für die Juden im Allgemeinen und für die Pharisäer im Besonderen war klar, das es jenseits des Grabes vollständiges Bewusstsein und Sinneswahrnehmung und -äußerung gab. Genau dies zeigt die Geschichte: Empfinden von Pein und Verzweiflung, andererseits von Glück und Freude. Diese Geschichte ist die deutlichste, die wir im NT über das Leben nach dem Tod haben.

  2. Die Sadduzäer versuchten, Jesus eine Falle zu stellen (Lk 20,27-38). Sie waren es, die weder an eine Auferstehung noch Engel noch Geist glaubten (Apg 23,8). Für sie gab es weder Leben nach dem Tod und vor der Auferstehung noch das ewige Gericht. Der Herr Jesus schließt Seine verblüffende Entgegnung so ab: „… wenn er (Mose) den Herrn den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt. Er ist aber nicht der Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn für ihn leben alle.“ Obwohl Jesus auf die Auferstehung angesprochen wird, bringt Er einen Aspekt hinein, der auf den ersten Blick kaum zu sehen ist. Er sagt, dass es eine Auferstehung geben muss, weil die gestorbenen Erzväter und alle gestorbenen Menschen jetzt leben, und zwar vor ihrer Auferstehung. Alle Menschen, die starben, leben jetzt in der jenseitigen Welt, im Hades oder im Paradies. Doch Gott will den ganzen Menschen wieder hervorbringen und so ist die „unsterbliche Seele“ vor der Auferstehung die Bewahrung des individuellen Menschen, der so ohne Verlust in der Auferstehung wieder hervorkommt. Die unsterbliche Seele ist wie das Samenkorn, aus dem wieder eine vollständige Pflanze hervorkommt.

  3. Die Worte des Herrn Jesus Christus an einen der Verbrecher zeigen deutlich, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Er sagt dort: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43).

    Der bußfertige Verbrecher erkannte in Jesus den König Israels und er bat Ihn im Blick auf Seine zukünftige Königsherrschaft um Gnade. Dahin ging die Hoffnung der Juden. Aber der sterbende Heiland verspricht ihm nicht etwas, das weit in der Zukunft liegt, sondern etwas für die Stunde seines Todes, für das „Heute“ des Kreuzes. Zusammen mit Ihm würde er in das Paradies gehen, in die Gegenwart Gottes selbst, einen Ort unaussprechlicher Glückseligkeit. Paulus war dort gewesen und er bestätigt, dass es ein überaus beeindruckendes Erlebnis war (2Kor 12,4). Es geht hier um den Bereich, wo die Toten in Christus sind, ja wo Christus auch Selbst ist. Er, unser Heiland ist der Baum des Lebens in der Mitte des Paradieses. So gewinnt der Gläubige bereits im Tod das verlorene Paradies aus Eden zurück. Auch nach der Auferstehung werden wir auf ewig das Paradies Gottes genießen (Off 2,7).

  4. In den ersten Versen von Kapitel 5 des 2. Korintherbriefes geht Paulus ausführlicher als sonst auf dieses Thema ein. Wir nehmen einen Vers heraus, aus dem das Wesentliche zu sehen ist: „So sind wir nun allezeit guten Mutes und wissen, dass wir, während wir einheimisch in dem Leib sind, von dem Herrn ausheimisch sind“ (2Kor 5,6). Aus dem Zusammenhang ist klar: Es gibt für das Kind Gottes nur zwei Aufenthaltsorte, entweder im Leib, auf der Erde, oder bei dem Herrn, außerhalb des Leibes. Es gibt zwischen diesen beiden Stationen keinen Seelenschlaf oder Nichtexistenz. Und das ist sehr tröstlich zu wissen, dass wir unmittelbar nach unserem Tod, egal, wie und wo er eintritt, bei unserem Herrn sind. Wir haben einen Bau von Gott (2Kor 5,1), nicht erst in der Auferstehung, sondern unmittelbar dann, wenn unser irdisches Haus, unser Leib, zerstört wird durch den Tod.

  5. Ein weiteres Wort des Paulus besagt: „Denn das Leben ist für mich Christus, und das Sterben Gewinn. Wenn aber das Leben im Fleisch mein Los ist – das ist für mich der Mühe wert, und was erwählen soll, weiß ich nicht ich. Ich werde aber von beidem bedrängt, indem ich Lust habe abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser; das Bleiben im Fleisch aber ist nötiger um euretwillen“ (Phil 1,21-24). Eigentlich erklärt sich dieses Wort selbst, aber ich betone, dass durch den Sieg Christi der Tod entmachtet ist. Er bringt uns zu Christus. Dieser Feind muss uns genau diesen Dienst erweisen (1Kor 3,22). Und das ist der Zugewinn, nämlich bei Christus zu sein. Der Mensch ohne Gott verliert alles in seinem Tod und es bedeutet für ihn Gericht. Aber der Gläubige darf endlich zu Ihm, den er liebt und von dem er geliebt wird. Nicht auf den Seelenschlaf freut sich Paulus (dann hätte er besser zum Nutzen der Philipper bleiben sollen), sondern auf die Begegnung mit dem, für den er unermüdlich gearbeitet hatte.

  6. Der Seher Johannes schaut im Himmel auf eine Gruppe von Märtyrern am Thron Gottes: „Und als es das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die geschlachtet worden waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hatten. Und sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Bis wann, o Herrscher, der du heilig und wahrhaftig bist, richtest und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen? Und es wurde ihnen, einem jeden, ein weißes Gewand gegeben; und es wurde ihnen gesagt, dass sie noch eine kleine Zeit ruhen sollten, bis auch ihre Mitknechte und ihre Brüder vollendet seien würden, die ebenso wie sie getötet werden würden“ (Off 6,9-11). Auch hier sind es Gläubige, die nach ihrem Tod die unmittelbare Gegenwart Gottes an Seinem Thron erleben und zwar in vollem Bewusstsein.

    Der Herr Jesus Selbst beschreibt das, was Johannes sah, so: „Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen; fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle“ (Mt 10,28).

  7. Das ewige Leben ist ein weiterer Garant dafür, dass es für die Kinder Gottes ein herrliches Teil jenseits des Grabes und natürlich darüber hinaus geben wird. Dieses Leben ist das Leben Gottes, das uns in Christus, dem gestorbenen und auferstanden Menschen geschenkt wird. Und wenn wir sterben bzw. entschlafen, dann bleibt uns dieses Leben, mit allem, was es als Leben aus Gott beinhaltet, erhalten. Wir verlieren es nicht bis zur Auferstehung. Es ist ja unser Leben als Kinder Gottes. Ohne dieses Leben würde es uns als Kinder Gottes nicht mehr geben, genauso wie wir bei Verlust unseres irdischen Lebens (bios) tot sind. Die Ungläubigen haben kein ewiges Leben im Sohn bekommen und sie werden trotzdem nach ihrem Tod ewig existieren.

    Das gilt übrigens auch für den Heiligen Geist, der in dem Gläubigen wohnt. Er bleibt bei bzw. in uns in Ewigkeit (Joh 14,16), auch zwischen Tod und Auferstehung. Er ist unser Unterpfand (Eph 1,14) und deshalb wird Er bei uns sein und auch bei unserer Auferstehung mitwirken (Röm 8,11).

So gebe es noch einiges mehr aus dem Wort Gottes bezüglich dieser Fragen anzuführen. Obwohl es kein Hauptthema ist, lässt es keine wesentlichen Fragen offen. Sie stillt nicht unsere Neugier, sondern stellt wie bei allen Fragen die Person des Sohnes Gottes in den Mittelpunkt und will in Ihm Hoffnung wecken und trösten.

Schlussendlich werden alle Menschen ewig existieren. Die entscheidende Frage ist, ob mit oder ohne Gott. Bei Ihm, im Haus des Vaters zu sein (Joh 14,3), ist die ewige Zukunft der Kinder Gottes. An der herrlichen Zukunft und ihrer Dauer zweifelt man unter bibeltreuen Christen nicht. Wenn es um die ewige Glückseligkeit geht, versteht man das Wort „ewig“ in der Tat als unendlich oder unaufhörlich. Wenn es aber um den Sünder geht, der ohne Gott stirbt, der nach einem gerechten Gericht in den ewigen Feuersee geworfen wird, die ewige Gottesferne hinweg von dem Angesicht des Herrn, dann wollen einige gern das Wort „ewig“ umdeuten und in diesem Fall eine zeitliche Begrenzung unterstellen. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Bestrafung und die Einsamkeit ewiger Gottesferne ohne Ende ist. Aber so sagt es Gott in Seinem Wort. Er tat alles, um den Sünder zu retten. Mehr konnte Er nicht tun. Das Angebot Seiner Liebe gilt noch immer. Niemand wird Ihm je „unterlassene Hilfeleistung“ vorwerfen können.


Im April 2004 erschien vom Autor dieses Aufsatzes eine überarbeitete Auflage
des Buches Und die Toten leben doch – Die Unsterblichkeit der Seele
www.clv.de


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...