Selbstentäußerung – mit dem „Ich“ fertigwerden …
Philipper 2

Charles Henry Mackintosh

© Beröa-Verlag, online seit: 06.09.2001, aktualisiert: 03.01.2019

Leitverse: Philipper 2

Es ist sehr erfrischend, die sittlichen Triumphe und Siege des Christentums über das „Ich“ und die „Welt“ zu betrachten. Das Gesetz sagte: „Du sollst, du sollst nicht …“ Aber das Christentum redet eine völlig andere Sprache. In Ihm wird uns als eine freie Gabe Gottes Leben geschenkt – Leben, das von einem erhöhten und verherrlichten Christus auf uns herabfließt.

Wahres Christentum gibt uns aber nicht nur göttliches Leben; es gibt uns auch einen Gegenstand, mit dem sich dieses Leben beschäftigen – und einen Mittelpunkt, um den es kreisen kann. Auf diese Weise erringt das Christentum seine sittlichen Triumphe über die selbstsüchtige Natur in uns und über die selbstsüchtige Welt um uns. Es gibt uns göttliches Leben und einen göttlichen Zentralpunkt; und in dem Maße, wie sich das Leben um diesen Mittelpunkt bewegt, werden wir vom eigenen „Ich“ gelöst.

Das also ist das Geheimnis der „Selbstentäußerung“. Sie kann auf keinem anderen Wege erreicht werden. Der unbekehrte, natürliche Mensch findet seinen Mittelpunkt in seinem „Ich“. Ihm zu sagen, er solle nicht selbstsüchtig sein, bedeutet, ihn aufzufordern, seine Existenz aufzugeben. Der nicht erneuerte Mensch lebt für sich selbst. Er hat keinen höheren Gegenstand. Das „Ich“ ist sein Mittelpunkt in allen Dingen. Er mag sittlich hochstehend, liebenswürdig, religiös oder wohlwollend sein; wenn er aber nicht bekehrt ist, ist sein „Ich“ die Grundlage seines Seins und der alleinige Mittelpunkt, um den sich sein Dasein dreht. Einzig das Evangelium der Gnade Gottes begegnet den Bedürfnissen des Menschen wirksam und befreit ihn von der Selbstsucht.

In Philipper 2 zeichnet uns der Heilige Geist anhand einer Reihe von Beispielen ein ausnehmend schönes Bild von wahrer Selbstentäußerung, besonders an dem göttlich vollkommenen Beispiel des Herrn Selbst. Bevor wir darauf eingehen, möchten wir fragen, was wohl die Vorstellung eines derartigen Bildes vor die Blicke der Gläubigen in Philippi nötig machte.

Dem aufmerksamen Leser dieses so lieblichen Briefes wird es nicht entgehen, dass das scharfe und wachsame Auge des Apostels eine gewisse Wurzel des Bösen in der Mitte der geliebten Heiligen in Philippi entdeckte. Es ging hier nicht um die Gefahr der Aufsplitterung in Sekten und Parteiungen wie in Korinth und um die Rückkehr zum Gesetz und Ritualismus wie in Galatien. Es war hier nicht eine Frage des Verlangens nach Philosophie und den Elementen der Welt wie in Kolossä. Was war es denn? Es war die Wurzel des Neides und der Streitsucht, die sich bei ihnen fand. Wie diese Wurzel bereits gesprosst hatte, sehen wir sehr deutlich an dem Beispiel der „Evodia und Syntyche“ (Phil 4,2).

Es ist ein großer Segen, wenn ein Arzt nicht nur die Krankheit seines Patienten richtig erkennt, sondern auch das richtige Heilmittel zu geben versteht. Manche wissen die Wurzel des Unwohlseins richtig zu deuten; aber sie kommen in Verlegenheit bei der Wahl der entsprechenden Arznei. Andere wieder kennen sich gut aus unter den verschiedenen Arzneien und ihren Wirkungen, doch wissen sie diese in den speziellen Fällen nicht so gut anzuwenden. Doch der göttliche Arzt kennt beides – die Krankheit und das Heilmittel. Er weiß genau, wie es um ihn steht und was ihm nottut. Er sieht die Wurzel der Sache und wendet eine göttliche Kur an. Er behandelt die Fälle keineswegs oberflächlich; Er ist vollkommen in Seiner Diagnose. Er schließt nicht aufgrund oberflächlicher Symptome auf unsere Krankheit. Sein klares Auge durchdringt die Dinge sogleich bis auf den Grund.

So sehen wir es auch in dem Brief an die Philipper. Paulus liebte sie und erfreute sich an ihrer Liebe zu ihm. Doch sah er auch, dass es eine Sache ist, einen abwesenden Apostel zu lieben, und eine ganz andere Sache, untereinander einerlei gesinnt zu sein. Ohne Zweifel hatten sowohl Evodia als auch Syntyche zu der Gabe an den Apostel beigesteuert; und doch war ihr Zusammengehen im Dienst und im täglichen Leben nicht harmonisch. Das ist leider kein ungewöhnlicher Fall. Viele Schwestern, viele Brüder sind durchaus bereit, einem entfernt lebenden Knecht des Herrn materiell zu helfen, und doch wandeln sie unter sich nicht einmütig miteinander. Wie kommt dies? Es fehlt an der Selbstentäußerung! Dies ist – seien wir dessen versichert – der wahre Grund für das schmerzliche Offenbarwerden von „Parteisucht und eitlem Ruhm“ in der Mitte des Volkes Gottes. Es ist eine Sache, allein zu wandeln, aber es ist eine andere, in der Gemeinschaft mit unseren Brüdern, in der praktischen Verwirklichung der großen Wahrheit von der Einheit des Leibes und der Tatsache, dass wir „Glieder voneinander sind“, voranzugehen.

Christen sollten sich nicht als bloße Einzelwesen, als unabhängige Personen betrachten. Die Schrift sagt: „Da ist ein Leib“; und wir sind dessen Glieder. Dies ist eine göttliche Wahrheit, eine bedeutende Tatsache und eine positive Wirklichkeit. Wir sollen nicht, in einsamer Individualität, jedes für sich den Weg gehen. Wir sind vielmehr lebendige Glieder eines lebendigen Leibes, in welchem ein jedes mit anderen Gliedern zu tun hat. Es ist die Gegenwart des Heiligen Geistes, der nicht nur in jedem einzelnen Gliede wohnt, sondern sie alle unter sich zu einem Leibe und diesen mit dem verherrlichten Haupte droben verbindet.

Um diese große Wahrheit zu verwirklichen, ist Selbstentäußerung nötig. Wenn Evodia und Syntyche unabhängig voneinander ihren Weg hätten gehen können, hätte es keinen Zusammenstoß, keine Parteisucht gegeben. Aber sie waren berufen, miteinander zu wandeln, und dazu war die Aufgabe des eigenen Ichs notwendig. Lasst uns immer bedenken, dass wir nicht Mitglieder eines Klubs, einer Sekte oder einer Vereinigung, sondern Glieder eines Leibes sind, untereinander und mit dem Haupte verbunden nach dem in uns wohnenden Geist Gottes.

Die praktische Verwirklichung dieser unermesslichen Wahrheit wird uns nicht nur alles kosten, was wir haben, sondern auch, was wir sind. Im ganzen Universum gibt es keinen Platz, wo das eigene „Ich“ mehr in Stücke zerschlagen wird als gerade in der Versammlung Gottes. Und ist dies nicht gut so? Ist dies nicht ein mächtiger Beweis des göttlichen Bodens, auf welchem die Versammlung ruht? Sollten wir uns nicht darüber freuen, wenn unser hässliches Ich so „in Stücke zerhauen“ wird? Sollten wir vor denen fortlaufen, die dies für uns tun? Beten wir denn nicht oft um Befreiung vom eigenen Ich? Und nun sollten wir mit denen streiten, die die Werkzeuge Gottes in der Beantwortung unserer Gebete sind? Gewiss, sie mögen dieses Werk plump und ungeschickt tun; doch was macht das? Der tut mir einen guten Dienst, der mir hilft, das selbstsüchtige Ich zu vernichten, wie unbeholfen es auch geschehen mag. Und dies ist gewiss, dass uns niemand dessen berauben kann, was allein des Besitzes wert ist – Christus! Das ist ein kostbarer Trost. Lasst das eigene „Ich“ dahinfahren; umso mehr werden wir von Christus haben. Evodia mag die Syntyche, Syntyche die Evodia beschuldigen. Doch der Apostel gibt weder der einen noch der anderen recht, sondern er ermahnt sie beide, „einerlei gesinnt zu sein im Herrn“.

Wahre Selbstentäußerung – das ist das göttliche Geheimnis. Oh, nichts zu sein und Christus zu besitzen, das ist wahre Freiheit, wahre Glückseligkeit!


Originaltitel: „Selbstentäußerung“
aus Halte fest, 1964, S. 193–197
mit freundlicher Genehmigung des Beröa-Verlages, Zürich

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