Leben in der Spaßgesellschaft

Jochen Klein

© CSV, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 15.11.2017

Hauptsache, es macht Spaß! Ob in Washington oder Wallenfels, Hamburg oder Hülshof: Man kann „heute auf der Straße Dinge sagen und tun, die in den Sechzigerjahren undenkbar gewesen wären“, meint ein Beobachter der Jugendszene. „Das Wort Pflicht versteht kaum einer mehr. Bei den jungen Leuten zwischen 14 und 29, die wir repräsentativ befragt haben, zählt nur noch der Spaßfaktor – in allen Bereichen“, behauptet der Soziologe Horst W. Opaschowski. Verschiedene Entwicklungen führten dazu, so der Kulturkritiker Johan Huizinga, dass „ganze Bereiche der öffentlichen Meinungsbildung … durch das Temperament heranwachsender Knaben und die Weisheit von Jugendklubs beherrscht“ werden.

Dass das alles kein Spaß mehr ist, darüber sind sich Kulturkritiker, Psychologen und Berufspolitiker einig: „In Deutschland, so die Klage, gehen generell Sitte und Anstand, Diskretion, Familie, Hilfsbereitschaft, Treue, Selbstzucht, Respekt, Gottesfurcht – kurzum: alle Tugenden und dazu der Glaube – den Bach hinunter“, schreibt ein Journalist.

Spaß und Moral historisch

Die Entwicklung hin zu diesen Zuständen (siehe oben) begann – gesamtgesellschaftlich gesehen – mit der französischen Revolution. Was sich in der westlichen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts immer mehr durchsetzte, verschärfte sich in der Nachkriegsgeneration und kam schließlich bei der Studentenrevolte 1968 zum Ausbruch: Die bisherigen Wertvorstellungen wurden radikal umgekrempelt. Der Kampf galt vor allem dem „Establishment“ und somit allen Autoritäten. Brechung des Leistungs- und Proklamation des Lustprinzips waren angesagt.

Mit dem Dahinschwinden fester Strukturen gingen die moralischen Standards zu Bruch. Auch die Ernsthaftigkeit kam abhanden. Diese Entwicklung – „Infantilisierung“ genannt – führte z.B. dazu, dass heute kaum ein Wert mehr für unantastbar gehalten und alles der Lächerlichkeit preisgegeben wird. In dieser „kindlichen Gesellschaft“ gilt – so fasst ein Journalist die Situation zusammen –: „Jungsein ist ein Wert an sich. Erwachsenwerden ist schlecht. Die Zukunft ist unsicher, die Aussichten düster, lasst uns also jetzt Spaß haben. Das Fun-Prinzip duldet keinen Aufschub, keine Mühsal, die sich – vielleicht – in der Zukunft auszahlt.“

Ein Beispiel, das Geschichte machte

Am 14. April 1912 glitt die Titanic in der Nähe Neufundlands über das Wasser. Die Schiffsführung glaubte, das Schiff sei unsinkbar, und hatte deshalb viel zu wenig Rettungsboote an Bord genommen; man ignorierte die Eiswarnungen, rammte einen Eisberg und sank. 1503 Menschen starben.

Dass Städte untergehen, kommt seltener vor als bei Schiffen, aber es kommt vor. Und es hat seinen Grund: „Weil das Geschrei von Sodom und Gomorra groß und weil ihre Sünde sehr schwer ist, so will ich doch hinabgehen und sehen, ob sie nach ihrem Geschrei, das vor mich gekommen ist, völlig getan haben; und wenn nicht, so will ich‘s wissen“, sagte Gott zu Abraham (1Mo 18,20.21).

Was war geschehen? Sitte und Anstand waren in Sodom und Gomorra längst abhanden gekommen, als Lot freiwillig in diese schöne, fruchtbare Gegend zog. Die Menschen dort „waren böse und große Sünder vor dem HERRN“ (1Mo 13,13). Hurerei, Ausschweifung und Begierde waren angesagt (vgl. 1Mo 19,4-11). Hesekiel schreibt: „Hoffart, Fülle von Brot und sorglose Ruhe hatte sie [Sodom] mit ihren Töchtern, aber die Hand des Elenden und des Armen stärkte sie nicht; und sie waren hochmütig und verübten Gräuel“ (Hes 16,49.50).

Und die Ernsthaftigkeit? Lot – von zwei Engeln dazu aufgefordert – bat seine Schwiegersöhne, aus Sodom hinauszugehen, da Gott die Stadt zerstören wolle. Sie nahmen ihn nicht ernst: Er war in ihren Augen „wie einer, der Scherz treibt“ (1Mo 19,14). Auch seine Frau schien sich an ernst gemeinten Aussagen wenig zu stören. Die beiden Engel hatten zu Lot gesagt: „Rette dich um deines Lebens willen; sieh nicht hinter dich und bleibe nicht stehen in der ganzen Ebene“ (1Mo 19,17). Sie drehte sich aber hinter ihm um und wurde zu einer Salzsäule. Und so sah der Untergang aus: „Der HERR ließ auf Sodom und auf Gomorra Schwefel und Feuer regnen …; und er kehrte diese Städte um und die ganze Ebene und alle Bewohner der Städte und das Gewächs des Erdbodens“ (1Mo 19,24.25).

Gott beabsichtigte mit diesem Gericht nicht allein die Städte zu strafen, sondern Er wollte den Untergang von Sodom und Gomorra „denen, die gottlos leben würden, als Beispiel“ hinstellen (2Pet 2,6; vgl. Jud 7). Noch heute ist dieses Beispiel gut bekannt; die beiden Städtenamen werden noch immer als „Bezeichnung für den Zustand der Lasterhaftigkeit und Verworfenheit, für Ausschweifung und Sittenlosigkeit, gelegentlich auch für großes Durcheinander, große Unordnung und Verwüstung“ verwendet (Duden. Zitate und Aussprüche, 1993).

Was ist zu tun?

Ein Schiff ging unter wegen des Hochmuts der Besatzung. Städte gingen unter wegen der Sünde der Bevölkerung. Was kann man heute tun, wenn „alle Tugenden und dazu der Glaube den Bach hinuntergehen“?

Zunächst sollten wir das beachten, wozu Petrus die Gläubigen auffordert: „Da nun Christus für uns im Fleisch gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit demselben Sinn …, um die im Fleisch noch übrige Zeit nicht mehr den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes zu leben“ (1Pet 4,1.2).

Konkret bedeutet dies hinsichtlich der Moral, der Ernsthaftigkeit und des Erwachsenseins:

  • Moral: „Dies ist Gottes Wille: eure Heiligkeit, dass ihr euch der Hurerei enthaltet, dass ein jeder von euch sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehrbarkeit zu besitzen wisse, nicht in Leidenschaft der Lust, wie auch die Nationen, die Gott nicht kennen“ (1Thes 4,3-5; vgl. 1Pet 1,13-16).
  • Ernsthaftigkeit: Paulus warnt die Epheser vor Schändlichkeit, albernem Geschwätz und Witzelei, „die sich nicht geziemen“ (Eph 5,4).
  • Erwachsensein: „Werdet nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber werdet Erwachsene“ (1. Kor. 14,20). Dazu gehören: Besonnenheit, „in der Lehre Unverfälschtheit, würdiger Ernst, gesunde, nicht zu verurteilende Rede, damit der von der Gegenpartei beschämt wird, indem er nichts Schlechtes über uns zu sagen hat“ (Tit 2,6-8). Also: vorbildlicher Wandel.

Nach diesen Prinzipien sollte man leben – ob in Washington oder Wallenfels, Hamburg oder Hülshof.


Aus der Monatszeitschrift Folge mir nach, 1998/2, S. 28-31

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