Kurzbiographie: Walter Thomas Turpin (1834–1914)
„Christus verherrlichen“

Gabriele Naujoks

© Gabriele Naujoks, online seit: 08.11.2006, aktualisiert: 04.05.2018

Sein Lebensweg war ungewöhnlich: Walter Thomas Turpin war ordinierter Pfarrer der anglikanischen Kirche, verließ als junger Mann die Kirche jedoch nach nur wenigen Jahren Dienst im geistlichen Amt, um sich der „Brüderbewegung“ anzuschließen; als alter Mann verließ er die „Brüder“ wieder, ging in die anglikanische Kirche zurück und tat dort bis zu seinem Tod wieder Dienst als Pfarrer.

Herkunft und Jugend

Walter Thomas Turpin entstammte einer irischen Familie, die der (anglikanischen) Kirche von Irland angehörte und einige Geistliche hervorgebracht hatte: Ein Vorfahre aus dem 16. Jahrhundert, beide Großväter sowie zwei Onkel (Brüder seines Vaters) waren Pfarrer. Auch er selbst und zwei seiner vier Brüder schlugen die geistliche Laufbahn ein: Sein ein Jahr jüngerer Bruder William Homan ging als Kirchenlaie nach Grahamstown in Südafrika und wurde dort Pfarrer der anglikanischen Kirche und später Archidiakon von Cradock; sein Bruder Philip Alexander arbeitete als Missionar in Zululand (heute KwaZulu-Natal in Südafrika).

Die Familie stammte ursprünglich aus Tullamore in der Grafschaft King’s County (heute Offaly) im Herzen Irlands, etwa hundert Kilometer westlich von Dublin, Walter Thomas Turpin wurde jedoch in Middleton in der Nähe Dublins geboren. Seine Eltern Thomas Dawson Turpin und Charlotte Alicia Conyngham hatten im Februar 1832 in Anglesey, Wales, geheiratet und wohnten in Killurin House außerhalb Tullamores. 1834 wurde ihr erstes Kind Walter Thomas geboren. Innerhalb von nur neun Jahren bekamen sie insgesamt sieben Kinder: fünf Jungen und zwei Mädchen. Walter Thomas als das älteste Kind war erst 9 Jahre alt, als die Eltern 1843 im Alter von erst 42 bzw. 37 Jahren starben. Der älteste Bruder seines Vaters, Charles Bury Turpin, war Pfarrer und blieb zeitlebens unverheiratet; als er vier Jahre später ebenfalls starb, vermachte er seinen Besitz Walter Thomas und seinen Geschwistern.

Walter Thomas wurde in der Diocesan School in der Stadt Elphin (Roscommon) von Pfarrer Dr. Thomas Flynn (M.A.) unterrichtet; später besuchte er in Dublin eine höhere Schule (collegiate school) in der North Great George’s Street. Mit 18 Jahren immatrikulierte er sich am 1. Juli 1852 als gebührenzahlender Student (pensioner) im anglikanischen Trinity College in Dublin, wo vor ihm bereits viele bekannte Persönlichkeiten der Brüderbewegung studiert hatten. Dort erwarb er im Frühjahr 1857 nach fünf Jahren Studium im Alter von 23 Jahren den akademischen Grad eines B.A. und sechs Jahre später, 1863, den eines M.A.

Geistliches Erwachen

Im Alter von etwa 16 Jahren besuchte Walter Thomas in den Jahren um 1850 die sonntäglichen Gottesdienste und die mittwochs stattfindenden Vorträge in der Bethesda Chapel in Dublin in unmittelbarer Nähe seiner Schule. Sie bot tausendvierhundert Zuhörern Platz und war die älteste Freikirche Dublins, das heißt, sie war – im Gegensatz zur (anglikanischen) Kirche von Irland, die damals Staatskirche war – unabhängig vom Staat. Die Atmosphäre in Bethesda Chapel und die kraftvollen, biblischen Predigten des dortigen calvinistischen Pfarrers William Henry Krause hinterließen einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck bei Walter Thomas, der damals noch nicht geistlich erweckt war: „Später kamen mir während meines Studiums am Trinity College in Dublin die ernsten Worte des Predigers mit aller Macht wieder in Erinnerung.“[1] Vermutlich können wir seine Bekehrung in dieser Zeit ansetzen.

Krause war ein sehr beliebter Pfarrer, der stets in einer vollen Kirche predigte. Er verstand es, große Gelehrsamkeit und Schriftkenntnis mit Verständlichkeit zu verbinden und die Bibeltexte, über die er predigte, auch ganz praktisch auf das alltägliche Leben seiner Zuhörer anzuwenden. Seine Arbeit unter Kindern und Jugendlichen war sehr erfolgreich, sein Katechismusunterricht war sehr gut besucht und viele fanden bei ihm zum Glauben. Er war auch ein mitfühlender Seelsorger. Krauses Predigten über die Gnade Gottes, über Vergebung, über Errettung allein durch Christus und über Frieden mit Gott müssen Walter Thomas sehr angezogen haben, denn von klein auf war ihm beigebracht worden, dass er selbst etwas leisten müsse, um von Gott angenommen zu sein: Gott würde ihn lieben, wenn er sich „ordentlich und anständig“ benähme und „ein gutes Kind“ wäre. Durch Krauses Dienst wurde Turpin, wie er später sagte, „außerordentlich gesegnet“[2], und die Erinnerung an die Worte des Pfarrers in der Bethesda Chapel war ihm bis zu seinem Lebensende wertvoll.

Pfarrer der Kirche von Irland

Am 20. Dezember 1857 wurde Walter Thomas zum Deacon (Diakon) geweiht und ab Januar 1858 wurde er sogleich als Curate (Hilfspfarrer) in die kleine Pfarrei Templeharry (Grafschaft King’s County; ca. 60 km südwestlich von Tullamore) berufen. Schon im Oktober des gleichen Jahres erhielt er seine Ordination als Priester und ein halbes Jahr später wurde er ab März 1859 in die Pfarrei Lynally (ca. 5 km westlich von Tullamore) berufen. Im Juni 1860 bekam er in der alten Heimat seiner Familie in Tullamore eine Anstellung als Gefängnisgeistlicher (chaplain) und diente zugleich als Curate in der Pfarrei im nahe gelegenen Kilbride-Tullamore.

Im März 1862 ging er – inzwischen 28 Jahre alt – zurück nach Dublin, wo er bereits während seiner Schulzeit und seines Studiums gelebt hatte. Hier wurde er Assistant Missionary (Hilfsmissionar) bei den Irish Church Missions to the Roman Catholics (ICM). Diese Missionsgesellschaft war dreizehn Jahre vorher, 1849, von englischen Anglikanern mit Unterstützung der Kirche von Irland gegründet worden. Das Ziel der ICM war, der überwiegend katholischen Bevölkerung Irlands das Evangelium zu verkündigen und sie zum protestantischen Glauben zu bekehren. Turpin hatte bereits fünf Jahre vorher, 1857, während seines Studiums bzw. danach regelmäßig die Missionskirche der ICM in der Townsend Street besucht und als freiwilliger Helfer mitgearbeitet, zum Beispiel in den Sonntagsschulen oder indem er mit einem Laienprediger gelegentlich Hausbesuche abstattete. Als Hilfsmissionar der ICM hielt er nun unter anderem auch Vorträge, in denen er anhand der Heiligen Schrift bewies, dass die Lehren der römisch-katholischen Kirche unbiblisch sind. Viele Menschen kamen durch diese wöchentlich stattfindenden sogenannten Controversial Classes zum Glauben, besonders in Dublin, wo solche Vorträge regelmäßig von mehreren Hundert Zuhörern besucht wurden.

Nach einem halben Jahr Dienst als Missionar bei der ICM wurde W.T. Turpin an die Episcopal Chapel, Upper Baggot Street, berufen, wo er ab August 1862 ein Jahr als Assistant Minister (Hilfsgeistlicher) arbeitete.

Turpins letzte Pfarrstelle in Irland war die anglikanische Albert Chapel des Albert Hospitals (sog. „Old Molyneux“) in der Peter Street, Dublin, wo er ab August 1863 bis Ende 1864 als Chaplain (Seelsorger und Pfarrer) diente. Knapp fünfzig Jahre früher, 1815, war dort das „Molyneux-Asyl für blinde Frauen“ eröffnet worden, und zwar im Haus des Arztes Dr. Thomas Molyneux (1641–1733), dessen Schwägerin blind gewesen war. In den Jahren 1860 bis 1862 entstand in der Straße Leeson Park ein neues Heim für blinde Frauen – „New Molyneux“ – mitsamt einer großen Kirche. Das Gebäude des „Old Molyneux“ in der Peter Street wurde nun ein Wohnsitz für alte Frauen und Turpin versah dort und in der angrenzenden Albert Chapel seinen Dienst als Pfarrer und Seelsorger.

Glaubenskonferenzen in Dublin

Während seiner Zeit als Geistlicher in Dublin (1862–1864) besuchte Turpin die Believers’ Meetings. Ab 1863 fanden diese Konferenzen in der Merrion Hall, Merrion Street, statt. Dieser Saal war als Evangeliumszentrum der „offenen Brüder“ gebaut worden und bot etwa zweieinhalbtausend Menschen Platz. Der Bau der Merrion Hall und auch die  halbjährlich stattfindenden Glaubenskonferenzen waren eine Frucht der großen Erweckung von 1859 (The 1859 Ulster Revival, The Second Great Awakening), deren Welle zuerst Nordirland, dann die irische Ostküste und schließlich auch Schottland, Wales und Teile Englands erfasst hatte. Vor allem Laienprediger – also nicht kirchlich ordinierte Pfarrer – hatten bei dieser Erweckung das Evangelium verkündet, was höchst unüblich war, da damals der Predigtdienst und die Auslegung des Wortes Gottes ordinierten Geistlichen vorbehalten war. Auch Charles Henry Mackintosh und sein Freund Andrew Miller waren in der Erweckung missionarisch aktiv gewesen, während John Gifford Bellett in seiner Heimatstadt Dublin bis zu seinem Tod im Jahr 1864 wöchentliche Bibelunterweisungen für Neubekehrte anbot. In ganz Großbritannien kamen durch diese große Erweckung in den nächsten fünf Jahren über eine Million Menschen zum Glauben. Der Hunger nach Gottes Wort war groß: Manche Kirchen waren so überfüllt, dass der Pfarrer seine eigene Kirche nicht mehr betreten konnte, ja sogar die Straßen zur Kirche waren oft so voller Menschen, dass er noch nicht einmal bis zu seiner Kirche gelangen konnte.

An den Glaubenskonferenzen in Dublin nahmen Gläubige aus allen Kirchen, Freikirchen und christlichen Gemeinschaften teil, ebenso Pfarrer, die durch die Erweckung zum Glauben gekommen waren. Auch zahlreiche „Brüder“ besuchten die Konferenzen und hielten Vorträge, zum Beispiel John Alfred Trench, William James Stokes (einer der ersten „Brüder“, die sich in Aungier Street versammelt hatten), Somerset Richard Maxwell (später Lord Farnham), Henry William Soltau und Charles Russel Hurditch. Niederschriften der Vorträge erschienen schon bald im Druck. Bei den Believers’ Meetings könnte Turpin auch J.G. Bellett getroffen haben: Als Einziger der ersten „Brüder“, die sich seit 1830 in der Aungier Street versammelt hatten, lebte Bellett ab 1854 wieder dauerhaft in Dublin. Bellett gehörte zu den „geschlossenen Brüdern“, pflegte aber viel Kontakt auch zu Christen aus anderen Gemeinschaften und Kirchen. Turpin erinnerte sich später voller Freude und Dankbarkeit daran, dass die Besucher auf den Konferenzen „vom Vater allen Segen empfingen“: „Gott war ganz offenkundig anwesend, und der Heilige Geist hat so viel Wahrheit offenbar gemacht! Möge der Geist Gottes diese gesegneten Konferenzen benutzen, um den Glauben zu mehren, die Energie zu beleben und die Hoffnung der Kinder Gottes zu erhellen!“[3]

Familie

Während seiner Zeit als Pfarrer und Seelsorger an der Albert Chapel in Dublin starb am 4. September 1863 Turpins erste Ehefrau in Booterstown, dem Wohnort der Familie, nicht weit von Dublin entfernt. Walter Thomas hatte Margaret Peirce am 15. Februar 1858 in Tullamore geheiratet, kurz nachdem er seine erste Stelle als Curate in Templeharry angetreten hatte. Mit ihr hatte er drei Töchter bekommen. Nun war er nach nur fünfeinhalb Jahre Ehe mit erst 29 Jahren Witwer mit drei kleinen Kindern, das Jüngste nur wenige Monate alt. Ein Jahr nach Margarets Tod heiratete er am 14. Oktober 1864 in der St. Peter Church in Dublin seine zweite Ehefrau, die sechs Jahre jüngere Ellen Wade Thompson, Tochter von Thomas Higginbotham Thompson und Martha Wallace. Mit ihr bekam er nochmals drei Töchter und einen Sohn, so dass die Familie im Laufe der Jahre auf neun Personen anwuchs.

Von der Kirche zu den „Brüdern“

Wenige Wochen nach seiner zweiten Heirat verließ Walter Thomas Turpin mit seiner Familie Irland und ging nach Schottland. Er war dort an die neu gegründete anglikanische St. Silas Church in Glasgow berufen worden. Am 20. November 1864 konnte die Kirche mit einem feierlichen Gottesdienst eröffnet werden. In einer gut gefüllten Kirche sprach Turpin am Nachmittag über Offenbarung 1,5 und am Abend über 1. Petrus 2,4.5. Seinen Pfarrdienst nahm er dann am 1. Januar 1865 auf. 

Als Turpin nach Glasgow kam, konnte er noch nicht ahnen, dass hier in Schottland sein Leben innerhalb eines Jahres eine völlig neue Ausrichtung bekommen sollte. Die Verleger Walter Scott und Robert Lightbody Allan aus Glasgow und der anglikanische Pfarrer kamen miteinander in Verbindung (W.T. Turpin und R.L. Allan wohnten in unmittelbarer Nachbarschaft), und auf ihre Bitte hin gab Turpin ab Juni 1865 bei ihnen die neue Zeitschrift The Spiritual Watchman heraus, die sowohl Gläubige als auch Ungläubige ansprechen und konfessionell nicht gebunden sein sollte. Für die Zeitschrift griff Turpin selbst zur Feder und veröffentlichte auch Artikel anderer Schreiber, zum Beispiel Artikel von namhaften „offenen“ und „geschlossenen“ Brüdern (z.B. von J.N. Darby, C.H. Mackintosh, C. Stanley, W. Soltau) als auch Niederschriften von Vorträgen, die gläubige Pfarrer (z.B. Rev. W. Disney) während der Believers’ Meetings in Dublin gehalten hatten. Darüber hinaus berichtete der Watchman über Gottes Wirken in Irland und Schottland, das auch sechs Jahre nach der großen Erweckung von 1859 noch zu spüren war. Noch immer war großes geistliches Interesse und Verlangen bei den Menschen vorhanden, und an zahlreichen Orten in Glasgow fanden fast an jedem Tag der Woche Gebetsversammlungen statt, zu denen Turpin im Watchman einlud.

Zu Beginn seiner Herausgebertätigkeit im Juni 1865 war Turpin noch anglikanischer Geistlicher, doch nur zwei Monate später gab er sein Pfarramt auf, verließ die anglikanische Kirche und „gab damit seinen Lebensunterhalt und seinen Titel auf, um Christus zu folgen“[4], wie der Herausgeber der christlichen Zeitschrift Precious Truth es ausdrückte. Er sei „hinausgegangen“ und habe „alles aufgegeben“. Lieber wolle er „mit dem Volk Gottes Ungemach leiden …, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens“[5]. Turpin versammelte sich in Glasgow nun vorerst mit Gläubigen, die mit den „offenen Brüdern“ in Bethesda, im englischen Bristol, in Gemeinschaft waren. Aus diesem Grund wollten Scott und Allan, die zu den „geschlossenen Brüdern“ gehörten, die Zusammenarbeit mit Turpin nicht weiter fortsetzen, und Turpin bot ihnen an, die Herausgabe des Watchman abzugeben. Offensichtlich war für sie die Zusammenarbeit mit einem anglikanischen Pfarrer eher möglich als mit einem „offenen Bruder“. In der November-Ausgabe des Watchman informierten sie die Leser über das Ende von Turpins Herausgabe, ohne jedoch Gründe zu nennen. Turpin selbst verabschiedete sich von den Lesern nur mit den Worten: „And now, beloved, we bid you an affectionate farewell!“ („Und nun, liebe Leser, möchte ich herzlich Lebewohl sagen!“) Ab Dezember 1865 bis zur letzten Ausgabe des Watchman im Mai 1866 verlegten Scott und Allan die Zeitschrift unter neuer Leitung; Artikel von Turpin erschienen in dieser Zeit nicht mehr, dafür vermehrt Artikel von „geschlossenen Brüdern“.

Nachdem Turpin im August 1865 sein Pfarramt aufgegeben und die anglikanische Kirche verlassen hatte, versammelte er sich wahrscheinlich für kurze Zeit mit einer kleinen Gruppe von Gläubigen, die sich zu ihren Zusammenkünften und zum Brotbrechen seit etwa 1860 in einem kleinen Saal in der West Campbell Street in Glasgow trafen. Dies waren die ersten Zusammenkünfte von „offenen Brüdern“ in Glasgow. In der nahe gelegenen Dumbarton Road 85 (heute Argyle Street 927) mietete man für die Sonntagsschularbeit und für die Evangeliumsverkündigung die Marble Hall und ab 1866 fanden schließlich alle Zusammenkünfte dort statt. Die Versammlung war als Folge der Erweckungsbewegung entstanden, die 1859 ihren Anfang in Nordirland genommen und kurz darauf auch Glasgow und Schottland erfasst hatte. Die Stadt war von der kraftvollen Evangeliumsverkündigung von Männern wie Gordon Forlong, Harry Moorhouse, Russell Hurditch, John Vine und Harrison Ord wachgerüttelt worden. Im Haus eines gewissen William Caldwell hatten daraufhin sogenannte Bible Readings stattgefunden, Lesezusammenkünfte, bei denen man die Bibel sorgfältig untersuchte und sich mit verschiedenen Lehren auseinandersetzte. Schließlich war um 1860 die kleine Versammlung in der West Campbell Street entstanden.

Turpin blieb jedoch nicht mehr lange in Glasgow, nachdem er die Herausgabe des Watchman im November 1865 abgegeben hatte: Innerhalb der nächsten sieben Monate, bis spätestens Mai 1866, verließ er mit seiner Familie Glasgow und ging wieder nach Irland zurück. In Dublin predigte er nun regelmäßig in der Merrion Hall bei den „offenen Brüdern“. Doch er blieb auch in Irland nicht lange: Spätestens im Sommer 1868 hatte er den Entschluss gefasst, Irland endgültig zu verlassen, und zog nach Schottland. Im Jahr 1870 wohnte Turpin in Edinburgh, ein Jahr später war er in das kleine Dorf Inveresk (Midlothian) im Osten Schottlands verzogen, das etwa zehn Kilometer östlich von Edinburgh liegt. Etwa ab 1872/73 lebte Turpin dann dauerhaft in England: Ab 1873 wohnte er in North Malvern (Grafschaft Worcestershire; ca. 190 km nordwestlich von London), bis die Familie 1876 nach Brighton (East Sussex) umzog, wo 1879 auch sein einziger Sohn Walter Bowle geboren wurde. Spätestens ab 1886 wohnte Turpin mit seiner Frau und allen sieben Kindern in Tunbridge Wells (Grafschaft Kent), wo er mit seiner Frau von 1893 bis 1897 eine Schule führte. Seine Frau und seine vier ältesten Töchter unterrichteten dort.

Sein mündlicher und schriftlicher Dienst

Spätestens 1868, also zeitgleich mit seinem Umzug von Irland nach Schottland, verließ Turpin die „offenen Brüder“ und schloss sich den „geschlossenen Brüdern“ an, wo er eine der herausragendsten und bedeutendsten Persönlichkeiten wurde. Er hatte eine gesunde, solide Schriftauslegung und war ein gern gehörter Redner. Vor allem auch junge Leute konnte er mit schlichten, verständlichen und zu Herzen gehenden Vorträgen wie kaum ein anderer Redner der „Brüder“ erreichen. Viele seiner Vorträge wurden schriftlich festgehalten und erschienen kurz darauf im Druck: als Buch, in Sammelbänden mit Aufsätzen anderer Autoren oder als Artikel in christlichen Zeitschriften, auch noch viele Jahre nach seinem Tod. Seine gesammelten Werke werden heute unter dem Titel Collected Writings of W.T. Turpin als dickes einbändiges Werk von Present Truth Publishers verlegt (unvollständig). Auch etliche seiner Bücher sind (auf Englisch) noch erhältlich. In Deutschland und den deutschsprachigen Ländern ist Turpin wenig bekannt, da es nur wenige übersetzte Artikel und keine Bücher auf Deutsch von ihm gibt. Für SoundWords sind einige seiner Schriften ins Deutsche übersetzt worden; sie sind hier zu lesen.

Turpin gab selbst auch mehrere Zeitschriften heraus: 1875 die Occasional Helps, die von William Blackwell Horner, London, verlegt wurden, und 1883 die evangelistischen Gospel Papers, die bei George Morrish, London, erschienen. Horner und Morrish verlegten Literatur etlicher „geschlossener“ Brüder, wie zum Beispiel von Kelly, Wolston, Darby, Wigram bzw. Darby, Mackintosh, Bellett, Wigram, Trench und Jacob. Ebenfalls bei Morrish gab Turpin in den Jahren 1891 bis 1895 die Monatszeitschrift Helps in Things Concerning Himself heraus. Diese Zeitschrift war die Nachfolgezeitschrift von Things New and Old, die ab ihrem ersten Erscheinen im Jahr 1858 bis 1879 einundzwanzig Jahre von C.H. Mackintosh herausgegeben wurde, danach von seinem Freund Charles Stanley bis zu dessen Tod im März 1890. Als Nachfolgezeitschrift übernahm Helps in Things Concerning Himself die Adressenliste von Things New and Old und erreichte so eine sehr weite Verbreitung. Turpin veröffentlichte in dieser Zeitschrift viele Beiträge bekannter „Brüder“ und verfasste auch zahlreiche Artikel selbst. Er schätzte besonders auch die Schriften von J.N. Darby; in seinen Zeitschriften brachte er viele Artikel von Darby und zitierte ihn auch häufig in seinen Artikeln.

Von den „Brüdern“ zurück zur Kirche

In der letzten Ausgabe der Helps in Things Concerning Himself nahm Turpin wieder einmal Abschied von seinen Lesern und zugleich von der „Brüderbewegung“: In dem Artikel „Finally“ verabschiedete er sich von den „Brüdern“ mit den Worten „Finally, Brethren, farewell“ („Zuletzt, Brüder, lebt wohl“). Auch dieses Mal beendete er auf diese Weise sowohl die Herausgabe einer Zeitschrift als auch seinen bisherigen geistlichen Weg: Nach dreißig Jahren verließ er 1896 im Alter von 62 Jahren die „Brüderbewegung“ wieder und ging in die anglikanische Kirche zurück, aus der er gekommen war. Nur seine Frau und seine jüngste Tochter, die zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt war, gingen mit ihm. Gründe für das Ende seines gemeinsamen Weges mit den „Brüdern“ gab er nicht an.

In der Salem Chapel in Tunbridge Wells, wo sich eine kleine calvinistische Gemeinde versammelte, nahm Turpin 1896 sein Amt als Pfarrer wieder auf und diente dort kurzzeitig (nur 1896) als Pfarrer. Schließlich verließ er auch Tunbridge Wells und ging nach Eastbourne (East Sussex), wo ab 1898 bis 1914 noch sechzehn Jahre Pfarrer an der Emmanuel Church war. „Die freie, souveräne Gnade Gottes“, von der er in seiner Jugend Pfarrer Krause hatte predigen hören, wurde ihm „am Lebensabend immer wertvoller“[6], wie er nur wenige Jahre vor seinem Tod erklärte.

Krankheit und Tod

Nach acht Monaten mit großer Geduld ertragener Krankheit starb Walter Thomas Turpin am 20. Dezember 1914 im Alter von 80 Jahren. Er ist auf dem Ocklynge-Friedhof in Eastbourne begraben, wo sein Grabstein heute noch steht. Die Zeitung Eastbourne Chronicle veröffentlichte den Nachruf von jemand, der Turpin viele Jahrzehnte persönlich gekannt hatte:

Als seine herausragende Charaktereigenschaft fiel mir seine Liebenswürdigkeit auf, seine Güte. Dieser Wesenszug hat wohl alle angezogen, die ihm begegneten. … In seinem Benehmen, in seinem Verhalten war er äußerst liebenswürdig. Wer in seine Gegenwart kam, spürte sofort, dass er in die Gegenwart eines liebenswürdigen, gütigen Mannes kam. […] Ein Wort zu seiner Lehre: Was besonders herausragte, war seine Treue zum Wort Gottes. Er war ein ernsthafter und befähigter Schriftforscher und hatte eine wirklich bemerkenswerte Kenntnis der Heiligen Schrift. […] Ich sage, ohne zu zögern, dass ich keinen Christen kenne, der dem Wort Gottes treuer war als er. Sein Lehren und Predigen war ganz darauf ausgerichtet, Christus zu verherrlichen. […] Er wurde nicht von irgendwelchen neumodischen Lehren weggerissen; sie hatten keine Anziehungskraft für ihn. Er blieb der alten – puritanischen, wenn man so will – Sicht der göttlichen Gnade treu. […] Immer war es sein Ziel, die Gläubigen zu stärken und sie nicht niederzumachen und zu behindern, wie viele andere Christen es tun. Ebenso war er sehr gütig und bereit zu vergeben und zu vergessen, wenn – wie das manchmal so ist – Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse entstanden.[7]

 

Anmerkungen

[1] „The Late Rev. W.H. Krause, M.A.“ in The Gospel Magazine, September 1911, S. 565.

[2] A.a.O.

[3] „Meetings for Believers for Prayer, Praise and Exhortation“ in The Spiritual Watchman, Juli 1865, S. 31.

[4] Job Caudwell in Precious Truth, Dezember 1865, S. 64.

[5] Job Caudwell in Precious Truth, September 1865, S. 41.

[6] „The Late Rev. W.H. Krause, M.A.“ inThe Gospel Magazine, September 1911, S. 565.

[7] „Death of the Rev. W.T. Turpin. Tribute by Mr. A.C. Tessier“ inThe Eastbourne Chronicle, 26.12.1914.


Zusammengestellt aus verschiedenen Quellen.
Eine ausführliche Biographie ist in Vorbereitung. A detailed biography is in progress.

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