Kurzbiographie: Paul Schneider (1897–1939)
Der Prediger von Buchenwald

Jochen Klein

© J. Klein, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 20.10.2017

Vor 70 Jahren wurde der Pfarrer Paul Schneider im Konzentrationslager Buchenwald umgebracht. Er war dorthin gekommen, weil er die von den Nationalsozialisten veranlasste Ausweisung aus seiner Gemeinde nicht akzeptiert hatte.

Paul Schneider wurde am 29. August 1897 in der Nähe von Bad Kreuznach als Sohn eines Pfarrers geboren. In seinem Heimatort Pferdsfeld besuchte er die Dorfschule und wurde auch von seinem Vater unterrichtet. Danach ging er zum Gymnasium nach Bad Kreuznach. Als die Familie 1910 nach Hochelheim bei Wetzlar umzog, wechselte er auf das Gymnasium in Gießen, wo er das Notabitur machte, um dann in den Ersten Weltkrieg zu ziehen. Nach Ende des Krieges begann er in Gießen Theologie zu studieren. Schon in seiner Studentenzeit ging Pauls Eifer für die Wahrheit bis zum Äußersten. Er wäre deshalb sogar bereit gewesen, Freundschaften zu opfern, schrieb ein Studienfreund. Als junger Mann vermerkte Paul in seinem Tagebuch:

So bleibt mir also nur, mein Leben ganz auf Gott, den Übervernünftigen und Wunderbaren, Allmächtigen und Grundgütigen zu legen. Von ihm will ich mir sagen lassen, was ich zu tun, wie ich zu leben habe; und auf alle eigenen Maßstäbe verzichten. Herr Gott, zeige du mir mein Ziel, das Ziel meines Lebens und meiner Arbeit! Für dieses Ziel gilt es dann alle Kräfte einzusetzen, ihm dienstbar zu machen, und so manches jetzt so Dunkle muss dann licht werden. Diese befreiende Ausschau schenke mir, mein Gott und Vater!

Von 1926 bis 1934 war Paul Schneider Pfarrer in Hochelheim und dem Nachbarort Dornholzhausen. 1926 heiratete er seine Frau Margarete. Anfang der dreißiger Jahre erreichte die Weltwirtschaftskrise mit ihren Auswirkungen auch die beiden Dörfer. Als eine Folge davon bekam die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) immer mehr Zulauf. Auch wenn Paul Schneider am Anfang unschlüssig war, was von Hitler zu halten sei, war ihm spätestens nach der „Machtergreifung“ 1933 klar, dass die Ziele der Nationalsozialisten nicht mit den Aussagen der Bibel in Einklang zu bringen waren, auch wenn manche Christen dies versuchten. Als am 31. März 1933 der neue, von den Nationalsozialisten dominierte Reichstag zusammenkam, sollten zu diesem Anlass im ganzen Land von 12.00 Uhr bis 12.30 die Glocken geläutet werden. Obwohl Paul Schneider dagegen war, entschied sich der Kirchenvorstand der örtlichen Kirche doch dafür.

Die Nationalsozialisten versuchten, immer mehr Einfluss auf die evangelische Kirche zu nehmen. Daher wurde 1933 der Pfarrernotbund gegründet, der 1934 zur „Bekennenden Kirche“ wurde. Ziel war es, den Einfluss der Nationalsozialisten in der Kirche zurückzudrängen. Paul Schneider gehörte zur Bekennenden Kirche, aber sein Handeln in Bezug auf die Politik war immer vom Evangelium her bestimmt. Die von den Nationalsozialisten dominierte evangelische Organisation, zu der sich viele Pfarrer und Kirchenfunktionäre zählten, hieß „Deutsche Christen“.

In Paul Schneiders Gemeinde kam es dann zum Konflikt wegen der Teilnahme am „Jahresabendmahl“. Er konnte es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, dass Menschen, die ein weltliches Leben führten, daran teilnahmen. Dieser Konflikt mit dem Kirchenvorstand konnte nicht beigelegt werden. Eine zweite Sache kam hinzu: Ernst Röhm (Stabschef der SA) hatte sich in einem Aufruf gegen die frommen Leute gewandt und sie verächtlich gemacht. Paul Schneider hatte dagegen auf der Kanzel und im kirchlichen Bekanntmachungskasten protestiert. Es kam zu einer Anzeige gegen ihn und er war von nun an besonders dem Druck staatlicher Stellen ausgesetzt. Reichspropagandaminister Goebbels hatte dann noch einen Aufsatz veröffentlicht, der in vielen Zeitungen erschienen war, in dem er Röhms Position unterstützte. Nun nahm Schneider auch gegen Goebbels Stellung, und zwar öffentlich in einer Predigt. Einer von den Nationalsozialisten verfügten Beurlaubung wollte er zunächst nicht nachkommen und eher eine Verhaftung in Kauf nehmen. Schließlich bewarb er sich dann doch auf die freie Pfarrerstelle in Dickenschied und Womrath im Hunsrück. Hier war er offiziell bis zu seinem Tod 1939 Pfarrer.

Kurz nach Antritt der neuen Pfarrstelle ergab sich der nächste Konflikt zwischen ihm und der NSDAP: Bei der Beerdigung eines Hitlerjungen der Nachbarkirchengemeinde sagte der NS-Kreisleiter, der Verstorbene sei in den „himmlischen Sturm Horst Wessel“ eingegangen. Paul Schneider äußerte Zweifel, dass es diesen gebe. Daraufhin wiederholte der Kreisleiter nochmals seine Aussage. Empört machte Paul Schneider nun öffentlich deutlich, dass er dafür verantwortlich sei, dass das Wort Gottes unverfälscht verkündet werde. Die Folge war, dass er am Tag danach, dem 13. Juni 1934, verhaftet wurde. Diese „Schutzhaft“ dauerte eine Woche.

Mit seiner neuen Gemeinde hatte er sich der Bekennenden Kirche angeschlossen. Am 17. März 1935 sollte von dieser ein Wort an die Gemeinden gegen das „Neuheidentum“ der „rassisch-völkischen Weltanschauung“, das die Nationalsozialisten propagierten, im Gottesdienst verlesen werden. In dem Text stand u.a. Folgendes: „Die Wahrheit des Evangeliums wird in aller Öffentlichkeit angegriffen, auch von führenden Männern des Staates … Wer sich gegen diese Bekämpfung des christlichen Glaubens auflehnt, muss gewärtigen, dass er als Staatsfeind gebrandmarkt wird … Der Herr unser Gott ist ein heiliger Gott und lässt sich nicht spotten. Er hat sich geoffenbart in seinem Sohn Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Es ist kein Gott außer diesem, der der Vater Jesu Christi ist … Was an der Seele eines Volkes versäumt wird, macht kein äußerer Aufstieg, kein politischer, wirtschaftlicher, kein sozialen Aufstieg wieder gut. ‚Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber Sünde ist der Völker Schande‘.“ Das Reichsministerium des Innern verbot das Verlesen vorab und die Geheime Staatspolizei verlangte von allen Pfarrern entsprechend Folgsamkeit. Schneider verweigerte diese und wurde darum vom 16. bis 19. März in Kirchberg inhaftiert.

Vom Sommer 1935 berichtet ein Bekannter: „Auf dem Rückweg [von einem Ausflug] benutzte ich einen Augenblick, als wir allein waren, ihn inständig zu bitten, doch jedes Ärgernis zu meiden. Auf meine Bitten meinte er, er könne allerdings nur versprechen, sich nicht zu einem Martyrium zu drängen; wo immer aber er zu einem Zeugnis aufgerufen würde, könne er nicht anders als bezeugen, dass es auf Erden kein anderes Heil gebe als allein in Jesus Christ.“

Am 29. März 1936 gingen Paul und Margarete Schneider nicht zur Reichstagswahl, da auf dem Wahlzettel nur ein „Ja“ angekreuzt werden konnte. In der Nacht zum nächsten Sonntag wurde das Pfarrhaus beschmiert.

Das nächste Problem zeigte sich im Zusammenhang mit zwei Lehrern der evangelischen Schulen aus den beiden Orten, die dem nationalsozialistischen Zeitgeist anheimgefallen waren und die Kinder negativ beeinflussten. Paul Schneider versuchte vieles, damit diese beiden ihre Position änderten. Da dies nicht gelang, wurden Kirchenzuchtmaßnahmen gegen sie in die Wege geleitet. Bevor diese aber beendet waren, wurde Paul Schneider verhaftet. Vom 31. Mai bis zum 24. Juli 1937 war er im Koblenzer Gestapo-Gefängnis in „Schutzhaft“. Dann wurde er freigelassen. Er bekam aber ein Aufenthaltsverbot für die Rheinprovinz, also auch für seine Gemeinden im Hunsrück. Kurze Zeit hielt er sich daran. Als er aber von den Kirchenvorständen gebeten wurde, in seine Gemeinden zurückzukehren, willigte er ein und begründete dies dem Regierungspräsidenten, dem Reichsinnenminister und der Reichskanzlei gegenüber. Er bestritt dem Staat das Recht, in die Kirche hineinzuregieren. So hielt er trotz des Verbots am 3. Oktober 1937 den Gottesdienst zum Erntedankfest in Dickenschied. Auf dem Weg zum Gottesdienst in Womrath, der am Nachmittag stattfinden sollte, wurde er verhaftet, weil Dickenschieder zwischenzeitlich die Polizei in Kirchberg benachrichtigt hatten. So wurde er wieder ins Gefängnis der Geheimen Staatspolizei Koblenz gebracht.

Am 27. November 1937 wurde Paul Schneider nach Weimar in das neu errichtete KZ Buchenwald verlegt, wo er Zwangsarbeit verrichten musste, z.B. im Steinbruch. Als er bei einem Fahnenappell anlässlich des „Führergeburtstags“ am 20. April 1938 den Hitlergruß verweigerte, seine Mütze nicht abnahm und als Begründung angab: „Dieses Verbrechersymbol grüße ich nicht!“, wurde er öffentlich mit Stockschlägen bestraft und in eine Einzelzelle des Arrestgebäudes („Bunker“) verlegt. Hier war er besonders dem sadistischen „Bunkerchef“, SS-Aufseher Martin Sommer, ausgeliefert.

Seit dieser Zeit predigte er aus dem Zellenfenster zu den auf dem Appellplatz stehenden Häftlingen das Evangelium. Er rief auch Bibelsprüche, Trostworte, Ermutigungen an die Mitgefangenen sowie Anklagen gegen die SS-Männer – trotz ständiger grausamer Misshandlungen durch Martin Sommer und andere, bis er körperlich nur noch ein Wrack und dem Tode nahe war. „Ich weiß, warum ich hier bin“, sagte er zu einem Kameraden. Er wurde mit Einzelarrest, Postsperre, Essensentzug und Folter bestraft. Mehrmals wurde er rund 14 Tage lang ununterbrochen an die Dampfheizung gefesselt und in eine Zelle ohne Licht und ohne Schlafmöglichkeit gesperrt, wo auch noch die Angst- und Leidensschreie aus den nebenliegenden Zellen auf ihn eindrangen. Ihn vom Vertrauen auf seinen Gott abzubringen – das gelang trotzdem nicht! Am 18. Oktober 1938 notierte er: 

„Es darf ja nicht schwerer kommen, als wir tragen können, diese Zusage haben wir. Für alles, auch für unser eigenes Reifen und Wachsen, weiß Gott allein die rechte Zeit.“

Am Ostersonntag 1939 zog er sich trotz größter Schmerzen an den Gitterstäben seiner Zelle hoch und rief den Tausenden vom Tode gezeichneten Häftlingen draußen auf dem Appellplatz zu: 

„Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben!‘“ 

Weiter kam er nicht. Massive Stockschläge ließen ihn wieder verstummen.

Alle bei einem Sondergericht in Köln gegen ihn anhängigen Verfahren waren am 10. Juni 1938 eingestellt worden, da nur eine geringe Strafe zu erwarten war. Er hätte das KZ auf der Stelle verlassen können, wenn er sich dem Ausweisungsbefehl aus der Rheinprovinz gebeugt hätte, was er aber nicht tat, da er sich unter Berufung auf Apostelgeschichte 5,29 – „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen“ – seinen Gemeinden in Dickenschied und Womrath verpflichtet fühlte. „Der Mietling aber und der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt sie und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert“ (Joh 10,12.13), so seine Begründung.

Nicht zuletzt durch die Folter verschlechterte sich sein körperlicher Zustand immer mehr. „Im Sommer 1939 bekam ich Paul Schneider zum ersten Mal aus nächster Nähe zu Gesicht … Welch ein Anblick! … Der Körper abgemagert zum Skelett, die Arme unförmig geschwollen, an den Handgelenken blaurote, grüne und blutige Einschnürungen … Wie war es möglich, dass dieser Mensch noch lebte?“, so Walter Poller, der Schreiber des Lagerarztes. „Möchten wir nur auch lernen und reifen an dem, was uns aufgegeben wird, und überwinden“, schreibt Paul Schneider am 3. Juli 1939 in einem Brief an seine Frau. Es ist sein letzter. Da er nicht zu beugen ist, wird er am 18. Juli 1939 ermordet – durch Einspritzen einer Überdosis des Herzmedikaments Strophanthin. Am 27. November 1937 war er eingeliefert worden. 14 Monate hatte er in Einzelhaft verbracht.

„Auf Pauls Gesicht lag der Friede und die Hoheit der Erlösten. Ich durfte Paul in diesem Augenblick mit den Augen des Glaubens sehen“, sagte seine Witwe (Mutter von sechs Kindern), die den Toten im Konzentrationslager sehen durfte, bevor der Sarg versiegelt wurde. 1997 sagte sie, 93-jährig: „Er war dazu ausersehen, das Evangelium zu verkündigen zu Zeit und Unzeit. Und das ist seit damals mein Trost.“

„Für uns aber ist dies Zeugnis Paul Schneiders ein einziger Ruf in die Nachfolge des Gekreuzigten.“ – „Wir alle, alle machen Kompromisse über Kompromisse, und es hat zwischen uns jemand gegeben, der nur treu sein wollte, treu seinem Herrn, treu seinem Glauben!“ So zwei Stimmen zur Erinnerung an Paul Schneider, den „Prediger von Buchenwald“, der in seiner Zelle stand und so lange durch das vergitterte Fenster Worte des Lebens rief, bis seine Stimme erstarb.


Auch veröffentlicht in der Zeitschrift komm und sieh, Heft 16, 2009
www.daniel-verlag.de

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