Die Gefahr des Stolzes und die Notwendigkeit der Demut
Aus einem Brief um 1880

Alexander Hume Rule

© SoundWords, online seit: 25.09.2012, aktualisiert: 06.09.2018

Ich glaube, dass wir immer den Leib Christi im Auge behalten und danach streben müssen, die Gläubigen – wo immer sie sich auch befinden – aufzuerbauen, einfach weil sie zu dem Leib dazugehören. Wir wissen, wie verstreut die Gläubigen leider sind, doch die Liebe spürt sie auf und strebt danach, ihnen zu dienen, da sie doch Christus angehören. Ich finde es sehr leicht, in eine Art sektiererischen Geist zu verfallen, während man vielleicht zugleich verstandesmäßig an der Grundlage des einen Leibes festhält. Es ist sehr leicht, etwas aufzubauen, was etwas für das menschliche Auge darstellt. Möge der Herr uns davor bewahren, dass wir unsere Herzen auf etwas anderes richten als auf das, was Er liebt: die KIrche, für die Er sich selbst hingegeben hat [Eph 5,25b].

Es ist wahr: Ohne Ihn können wir nichts tun. Und fehlt es uns nicht an dem Empfinden, dass wir von Ihm abhängig sind? Statt dass wir dem Weg der Niedrigkeit dessen folgen, der sagen konnte: „Ich bin ein Wurm und kein Mann“ [Ps 22,7], haben wir angefangen, etwas auf uns zu halten, und uns selbst erhöht – nur um gedemütigt zu werden. Aber wie viel größer ist die Gnade, dass Er uns nun demütigt, anstatt dass Er uns erlaubt, mit einem Herzen voller Stolz weiterzugehen! Er demütigt uns, damit Er uns im Sinne seiner eigenen wunderbaren Gnade wieder erhöhen kann. Ich denke, dass viele von uns den völligen Ruin dessen, was der Verantwortung des Menschen anvertraut worden ist, noch nicht ausreichend erkannt haben. Wir haben Vorträge gehalten und Artikel geschrieben über den Verfall der Kirche, während wir in unseren Herzen insgeheim stolz darauf sind, dass es wenigstens einen kleinen Kreis gibt, wo alles in Ordnung ist, und dass wir zu diesem Kreis gehören. Es ist eine Art von „Brüderismus“.

Natürlich ändern sich das Wort Gottes und die Wahrheit Gottes nicht, und immer bleibt wahr: Wo zwei oder drei zu Christi Namen versammelt sind, ist Er „in ihrer Mitte“. Die Wahrheit ist so einfach und der Weg ist so klar wie immer, und deshalb gibt es immer eine Hilfsquelle für den Glauben. Doch wenn Stolz in unseren Herzen lauert, indem wir denken, bei uns sei alles in Ordnung und die „Brüder“ seien eine Art Zufluchtsort, wo das Volk Gottes versammelt werden soll; wo sie in guten Händen sein dürften; wo sie umsorgt würden, bis der Herr kommt – wenn wir das denken, dann lernen wir sicherlich nicht gut die Wahrheit von dem Verfall der Kirche. Und gibt es von dieser Haltung unter uns nicht mehr, als uns vielleicht bewusst ist? Und deshalb lässt Gott es zu, dass wir den Verfall der Gemeinde unter uns selbst erfahren – und ebenso auch unsere Torheit, etwas darstellen zu wollen. Lasst uns diese Lektion gut lernen, damit Christus uns wirklich alles wird; damit Er nicht nur persönlich ein Gegenstand unserer Herzen ist, sondern der Mittelpunkt, zu dem wir uns versammeln, und der Eine, der niemals versagen kann! Trotz des Versagens der Kirche und sogar trotz des völligen Abfalls, der alles bedroht, „vermag er uns ohne Straucheln zu bewahren und vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen mit Frohlocken“ [Jud 24].


Aus einem Brief („A Word in Season: The Danger of Pride and the Need for Lowliness“)
in Selected Ministry of A.H. Rule, 1882, Bd. 2, S. 28–29;
auch in Words of Faith, Jg. 1, 1882, S. 54–55
und in Scripture Truth, Jg 47, 1980–1982, S. 38–39

Übersetzung: Ruben Isenberg


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