Der Prophet Maleachi
Kapitel 1

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 05.06.2019, aktualisiert: 05.06.2019

Der versagende Überrest

Vers 1

Mal 1,1: Ausspruch des Wortes des HERRN an Israel durch Maleachi.

Wir wissen nichts über den Autor dieses Buches. Sein Name, Maleachi, bedeutet: „mein Bote“. Jedoch lesen wir ansonsten nichts von ihm in der Bibel und erhalten hier auch keine näheren Angaben über ihn. Er war der Letzte aus der Reihe der Propheten und sein Buch schließt das Alte Testament entsprechend ab. Bis zur Ankunft Johannes des Täufers, dessen Kommen er prophezeite, sandte Gott keinen weiteren Boten mehr nach Juda.

Die Zustände, die Maleachi beschreibt, passen gut zu dem, was über den Zustand des zurückgekehrten Überrestes in der späteren Periode der Amtszeit Nehemias berichtet wird. Daher ist es wahrscheinlich, dass er entweder während dieser Zeit oder nur wenig später lebte und am Wort des HERRN diente.

Die Einteilung ist nicht sehr deutlich. In diesem ersten Kapitel und bis zum neunten Vers des nächsten Kapitels übermittelt der Prophet seine Botschaft an die Priester. Der Rest des Buches ist an das Volk gerichtet und schließt dabei mehr als nur den Überrest ein; schlussendlich beläuft es sich auf eine Anklageschrift gegen ganz Juda. Die Kapitel 3 und 4 berichten von dem kommenden Tag des HERRN. Diesem Tag wird derjenige vorangehen, der – wie Maleachi selbst – unverkennbar den Titel „Mein Bote“ tragen wird.

Ein auffälliges Merkmal der Prophezeiung ist die achtfache Auseinandersetzung zwischen Jahwe und seinem Volk (Mal 1,2.6.7; 2,14.17; 3,7.8.13). Immer wieder werden sie der ernstesten Abweichung ihrer Herzen von dem HERRN angeklagt, zu dessen Dienst sie sich äußerlich bekannten. Jedes Mal wagen sie es mit schamloser Unverfrorenheit, das Zeugnis Gottes bezüglich ihres Zustandes zu bestreiten; sie fordern Beweise und offenbaren ein völlig verhärtetes Gewissen.

All das klingt für uns außerordentlich ernst, besonders wenn wir in irgendeiner Weise versuchen, das zu ergründen, was sie taten. Am Ende jener Haushaltung hatte es eine äußere Rückkehr zu Gott und zu seinem Wort gegeben, aber es gab keinen entsprechenden inneren Zustand. Sie beschäftigten sich eher mit dem Platz und der Stellung als mit der so lebenswichtigen Frömmigkeit. Als Ergebnis haben wir den groben Pharisäismus der Tage unseres HERRN, der einfach das Ergebnis dessen war, was Maleachi bereits in seinen Tagen beschrieb.

Verse 2.3

Mal 1,2.3: 2 Ich habe euch geliebt, spricht der HERR; aber ihr sprecht: „Worin hast du uns geliebt?“ – War nicht Esau der Bruder Jakobs?, spricht der HERR. Und ich habe Jakob geliebt, 3 Esau aber habe ich gehasst, und ich habe seine Berge zur Wüste gemacht und sein Erbteil für die Schakale der Steppe.

So traurig der Zustand Judas auch geworden war, es ist die Liebe, nicht das Gericht, die im ersten Kapitel behandelt wird: „Ich habe euch geliebt, spricht der HERR.“ Welche Aussage könnte zärtlicher sein oder mehr darauf abzielen, das Herz seines Volkes zu berühren, falls es tatsächlich noch ein Herz hatte und noch nicht völlig verhärtet und gleichgültig war! Gottes mächtige Liebe blieb trotz der verkehrten Wege seines Volkes unverändert. Dennoch entgegnet das Volk vermessen und mit höchster Verachtung: „Worin hast du uns geliebt?“ Als Beweis seiner Liebe hielten sie Ausschau nach zeitlichem Wohlstand und weltlichem Ruhm. Da sie weder das eine noch das andere hatten, stellten sie seine Zuneigung in Frage, während sie die anhaltende Gleichgültigkeit und Treulosigkeit Ihm gegenüber, für die Er sie gezüchtigt hatte, völlig ignorierten. Geduldig antwortet Er auf ihre heftigen Fragen mit den Worten: „War nicht Esau der Bruder Jakobs?, spricht der HERR. Und ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst.“

Verse 4.5

Mal 1,4.5: 4 Wenn Edom spricht: Wir sind zerschmettert, werden aber die Trümmer wieder aufbauen, so spricht der HERR der Heerscharen: Sie werden bauen, ich aber werde niederreißen; und man wird sie nennen „Gebiet der Gottlosigkeit“ und „das Volk, dem der HERR in Ewigkeit zürnt“. 5 Und eure Augen werden es sehen, und ihr werdet sprechen: Groß ist der HERR über das Gebiet Israels hinaus!

Gott stellt die Verwüstung Edoms bildlich dar und verkündet, dass es nie wiederhergestellt werden soll, denn der Same Edoms ist „das Volk, dem der HERR in Ewigkeit zürnt“. Demgegenüber scheinen die Segnungen Israels auszubleiben, die aber mit Sicherheit eintreffen werden, damit alle Völker bezeugen: „Groß ist der HERR über das Gebiet Israels hinaus!“

Gott bezieht sich auf seine Beziehungen zu Jakob und Esau, nachdem Jahrhunderte gezeigt hatten, wer sie wirklich waren. Der Satz „Ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst“ wird triumphierend von dem Apostel Paulus in Römer 9,13 zitiert, der damit die Weisheit der Auserwählung Gottes herausstellt, die getroffen wurde, bevor die Kinder geboren waren, als Gott sagte: „Der Größere wird dem Kleineren dienen“ (Röm 9,12). Dabei ist sorgfältig zu beachten, dass es sich hierbei nicht um eine hyper-calvinistische Frage der Verurteilung zur Hölle und Vorherbestimmung für den Himmel handelt, sondern um Jahwes unantastbares Recht, über seine Geschöpfe zu verfügen, wie Er will, worauf der Apostel auch besteht. Gott offenbart mit heiliger Freude, dass Er denen, die lediglich Zorn verdienen, Barmherzigkeit erweisen will. Jakob und Esau werden als Illustration angeführt. Bevor sie geboren waren, wählte Gott Jakob aus, damit er (als Nation) Esau überlegen ist. Der Ältere sollte dem Jüngeren dienen und auf diese Weise die Überlegenheit der Entscheidung Gottes anerkennen. Als sich die gesamte Geschichte des Alten Testamentes dann zum Ende neigte, fasst Gott alles zusammen, indem Er sagt: „Ich habe Jakob geliebt, Esau aber habe ich gehasst.“ Die Gnade, die den armen Fersenhalter zuerst aufnahm, erwies sich seinen Nachkommen bis zuletzt.

Vers 6

Mal 1,6: Ein Sohn soll den Vater ehren und ein Knecht seinen Herrn. Wenn ich denn Vater bin, wo ist meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist meine Furcht?, spricht der HERR der Heerscharen zu euch, ihr Priester, die ihr meinen Namen verachtete und doch sprecht: „Womit haben wir deinen Namen verachtet?“

Aber welche Antwort hatte Gott dafür von Israel bekommen? Es ist die eindeutige Pflicht eines Sohnes, seinen Vater zu ehren, oder eines Dieners, seinen Herrn zu ehren; aber welche Ehre wurde Gott als Vater erwiesen oder welche Ehrfurcht als Herrn? Selbst die Priester im eben wiederhergestellten Tempel verachteten seinen Namen. Aber wenn die Anklage vorgebracht wird, erkundigen sie sich in hochmütiger Weise: „Womit haben wir deinen Namen verachtet?“

Verse 7-10

Mal 1,7-10: 7 Ihr bringt unreines Brot auf meinem Altar dar und sprecht doch: „Womit haben wir dich verunreinigt?“ Damit, dass ihr sagt: „Der Tisch des HERRN ist verächtlich. 8 Und wenn ihr Blindes darbringt, um es zu opfern, so ist es nichts Böses; und wenn ihr Lahmes und Krankes darbringt, so ist es nichts Böses. Bring es doch deinem Statthalter dar: Wird er dich wohlgefällig annehmen oder Rücksicht auf dich nehmen?, spricht der HERR der Heerscharen. 9 Und nun, fleht doch Gott an, dass er uns gnädig sei! Von eurer Hand ist das geschehen – wird er um euretwillen Rücksicht nehmen?, spricht der HERR der Heerscharen. 10 Wäre doch nur einer unter euch, der die Türen verschlösse, damit ihr nicht vergeblich auf meinem Altar Feuer anzündetet! Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der HERR der Heerscharen, und eine Opfergabe nehme ich nicht wohlgefällig aus eurer Hand an.

So erinnert Gott sie ernstlich an ihre Sünden, und ruft aus, dass verunreinigtes Brot auf seinem Altar dargebracht wurde, wodurch seine Heiligkeit nicht anerkannt wurde und seine Ansprüche ignoriert wurden. Wieder sind sie bereit zur Antwort, bevor sie ihre vorherige Frage vollständig beantwortet haben, und fragen: „Womit haben wir dich verunreinigt?“ Auf der Seite Gottes sehen wir wunderbare Geduld und Gnade; auf der Seite des Volkes zeigt sich fast unbegreifliche Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit. Sie sagten praktisch: „Der Tisch des HERRN ist verächtlich“, indem sie Ihm Blindes, Lahmes und Krankes als Opfer darbrachten und das Beste für sich behielten. Würden sie es wagen, sich gegenüber ihrem Statthalter oder einem anderen weltlichen Machthaber so zu verhalten? Doch Ihn, den großen König, behandelten sie in einer solch unwürdigen Weise! Aber Er bittet sie inständig, Buße zu tun und Ihn um Gnade anzuflehen, die sie ignoriert hatten, aber doch so sehr benötigten. Habgier war ihre Hauptsünde, die sie täglich noch weiter in die Irre führte. Die Priester hielten die Türen des Tempels, außer gegen Entlohnung, geschlossen; ebenso entzündeten sie das Altarfeuer nur, wenn es gewinnträchtig war.[1] Es fehlte an wahrer Liebe Ihm gegenüber, und ihr heiliges Amt war zu einem bloßen weltlichen Beruf verkümmert und als Mittel zur Bereicherung benutzt worden. Aus diesem Grund konnte Er weder Wohlgefallen an ihnen haben noch ein Opfer aus ihren Händen annehmen.

Vers 11

Mal 1,11: Denn vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang wird mein Name groß sein unter den Nationen; und an jedem Ort wird geräuchert, dargebracht werden meinem Namen, und zwar reine Opfergaben. Denn mein Name wird groß sein unter den Nationen, spricht der HERR der Heerscharen.

Es scheint fast unnötig zu sein, darauf aufmerksam zu machen, dass wir heute an vielen Orten einen ähnlichen Zustand vorfinden. Ist es nicht sogar für die ungeistlichste Person offensichtlich, dass Weltlichkeit und Habgier die charakteristischen Eigenschaften der bekennenden Kirche sind, dagegen Gottesfurcht und wahre Hingabe die Ausnahme bilden?

Auch dort, wo es ein gewisses Maß an Erweckung und Rückkehr gegeben hat zu dem, was im Wort Gottes geschrieben steht, haben sich die gleichen bösen Prinzipien heimtückisch eingeschlichen und verrichten ihre tödliche Arbeit in vielen Bereichen. Nur ein Geist des Gebets, gepaart mit sorgfältiger Wachsamkeit, wird jemand davon abhalten, von der unheiligen Strömung mitgerissen zu werden.

Es ist aber ein Segen, zu wissen, dass Gott, ungeachtet des gegenwärtigen Versagens, vollkommen verherrlicht werden soll (Mal 1,11). Hier geht es nicht um die gegenwärtige Zeit der Gnade im Hinblick auf die Nationen, sondern um das immer noch zukünftige, wunderbare Zeitalter des Segens – um die „Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat“ (Apg 3,21). Der Name des HERRN wird dann geehrt und seinem Wort auf der ganzen Welt Gehorsam geleistet werden, wenn alle Völker sich im Glanz seiner Gunst sonnen.

Verse 12-14

Mal 1,12-14: 12 Ihr aber entweiht ihn, indem ihr sprecht: „Der Tisch des HERRN ist verunreinigt, und sein Einkommen, seine Speise, ist verächtlich. 13 Und ihr sprecht: „Siehe, welch eine Mühsal!“ Und ihr blast ihn an, spricht der HERR der Heerscharen, und bringt Geraubtes herbei und das Lahme und das Kranke; und so bringt ihr die Opfergabe. Soll ich das wohlgefällig von eurer Hand annehmen?, spricht der HERR. 14 Und verflucht sei, wer betrügt, während ein Männliches in seiner Herde ist; und wer gelobt und dem HERRN ein Verdorbenes opfert! Denn ich bin ein großer König, spricht der HERR der Heerscharen, und mein Name ist furchtbar unter den Nationen.

Im nächsten Vers kehrt der Prophet zu der oben genannten schweren Anklage zurück. Juda entheiligte den Tisch des HERRN, indem sie ihn als verunreinigt und sein Fleisch als verachtenswert bezeichneten. Sie erklärten damit sozusagen, dass sie des Dienstes am Tisch des HERRN überdrüssig waren, und achteten das gering, was ihnen hätte heilig und kostbar sein sollen. Ihre erbärmlichen Gedanken zeigten sich in den unwürdigen Opfern, die sie darbrachten, die Gott nicht annehmen wollte und die stattdessen einen Fluch hervorriefen über die Betrüger, der Gott das Verdorbene darbrachte, während er selbst das Bessere behielt. Würden sie den König der Könige tatsächlich derart behandeln, dessen Name unter den Heiden gefürchtet werden sollte? (Mal 1,13.14). Sie, die so viel von seiner Macht und Gnade erkannt hatten, hatten sich seiner Liebe insgesamt als unwürdig erwiesen. Aber die Nationen, die während der Zeit übergangen wurden, als Gott Israel besondere Gunst erwies, würden sich noch zu Gottes Füßen niederbeugen und seine Größe und Herrlichkeit anerkennen.

Diejenigen, die nie den unterscheidenden Charakter des Wirkens des Geistes in dieser Zeitepoche verstanden haben, wenden solche Passagen immer auf das gegenwärtige Ausbreiten des Evangeliums an die Heiden an; aber während sie zwar nachweisen mögen, dass der Ruf der Nationen jetzt nicht in Konflikt mit den Schriften der Propheten steht, werden all diese Verheißungen ihre vollständige und buchstäbliche Erfüllung im Tausendjährigen Reich haben. Wir warten im Glauben darauf, dass die helleren und Herrlicheren Hoffnungen erfüllt werden.

Wir sollten beschämt sein, wenn unser Zustand so ist, wie er in diesem ernsten Kapitel dargestellt wird, das wir uns kurz angesehen haben!

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Die King-James-Bibel übersetzt den Vers Maleachi 1,10 wie folgt: „Who is there even among you that would shut the doors for naught? neither do ye kindle fire on mine altar for naught. I have no pleasure in you, saith the LORD of hosts, neither will I accept an offering at your hand.“ (Wer ist da unter euch, der die Türen vergeblich schließen würde? Ebenso zündet ihr Feuer auf meinem Altar vergeblich an. Ich habe kein Wohlgefallen an euch, spricht der HERR der Heerscharen, und auch eine Opfergabe aus eurer Hand werde ich nicht annehmen.)


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Malachi“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Jessica Schuler


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