Der Prophet Jona (1)
Kapitel 1

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 07.11.2019, aktualisiert: 11.11.2019

Die unliebsame Botschaft

Verse 1.2

Jona 1,1.2: 1 Und das Wort des HERRN erging an Jona, den Sohn Amittais, indem er sprach: 2 Mach dich auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und predige gegen sie; denn ihre Bosheit ist vor mir heraufgestiegen.

Dies war ein höchst unerwarteter und unangenehmer Auftrag für einen Israeliten. Wie das Volk, für das er stand, war Jona berufen worden, der Überbringer einer Botschaft von Gott an die Heiden zu sein. Israel war von den Nationen ausgesondert worden, nicht um in einer kalten, formellen Exklusivität in völliger Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Völker um sie herum zu wohnen, sondern um ein Licht in einer dunklen Welt zu sein. Sie sollten den Menschen den Willen Gottes bekanntmachen, die in der Dunkelheit und im Schatten des Todes saßen. In Jonas späterer Geschichte sehen wir Israels Versagen vorgebildet, die Katastrophen, die aufgrund dieses Versagens über sie hereinbrachen, und die Vorausschattung des Tages, wenn sie, nachdem sie wiederhergestellt und wieder in den Segen gebracht sind, wieder einen Auftrag des Allerhöchsten erhielten. Zweifellos wurde Jona am Ende wirklich in seiner Seele wiederhergestellt, obwohl er sich in der Begebenheit ganz offensichtlich bis zum Schluss in einer unglücklichen Lage befindet. Es wird uns von seinen Erfahrungen berichtet, und dies geschieht ganz offensichtlich zu unserer Belehrung. Jedoch die Art und Weise, wie der HERR den Propheten Jona dies berichten lässt, zeigt, dass er nun ein wiederhergestellter und geläuterter Mensch ist. Es entspräche nicht Gottes Wegen für Jona, wenn er in Eigensinn und Unwillen verharren würde. Gott lässt uns etwas von Jonas Stolz und Eigenwillen erfahren und von der Art und Weise, wie Er ihn erniedrigte und ihn wieder mit sich selbst in Beziehung brachte.

Offensichtlich waren Stolz und Engstirnigkeit der Grund für Jonas Eigensinn und Launenhaftigkeit. Er wusste, dass Gott geduldig und von Herzen barmherzig ist. Diese Tatsache erzählt er uns am Ende der Geschichte. Weil er eben wusse, dass Gott barmherzig ist, fürchtete er um seinen Ruf als Prophet. Seine Gedanken waren so weit von den Gedanken Gottes entfernt, dass er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass einer heidnischen Großmacht Gnade gezeigt werden sollte. Er wusste, dass der HERR die Städte der Ebene damals verschont hätte, wenn man unter ihnen nur zehn Gerechte gefunden hätte. Wenn der HERR damals so gehandelt hätte, wie könnte Jona sich darauf verlassen, dass Er jetzt seinen Zorn auf Ninive ausgießt, wenn seine elenden Bewohner sich tatsächlich vor dem Wort beugten und in Reue vor Ihm niederfielen?

Welch ein Bild haben wir hier von der Arglistigkeit des menschlichen Herzens, sogar bei Gottes Heiligen! Und wie oft mussten wir Buße darüber tun, dass wir denselben bösen Neigungen Raum gaben! Wie viel einfacher ist es doch, einem Bruder gegenüber unbarmherzig gestimmt zu bleiben, wenn er beispielsweise irgendwie an mir schuldig geworden oder mich verletzt hat – ja sogar mehr noch, als wenn er gegen andere oder ausschließlich gegen Gott gesündigt hat! Das Einzige, was dann zählt, ist, meinen eigenen Ruf zu wahren, und zwar um jeden Preis: Ich muss mich von jeder Schuldzuweisung befreien, ganz egal, was es für andere bedeutet!

Haben wir nicht gesehen, dass ganze Gesellschaften aus dem Volk Gottes in Leid und Verwirrung versetzt worden sind, weil ein eigensinniger Mann seinen Willen durchgesetzt und seinen Kurs gerechtfertigt hat und andere darunter litten? Das vorliegende Buch zeigt auffallend deutlich, wie schnell unser Herz demselben erbärmlichen Stolz verfällt, und ist aus diesem Grund zu unserer Ermahnung geschrieben.

Vers 3

Jona 1,3: Aber Jona machte sich auf, um vom Angesicht des HERRN weg nach Tarsis zu fliehen; und er ging nach Japho hinab und fand ein Schiff, das nach Tarsis fuhr; und er gab sein Fahrgeld und stieg in das Schiff hinab, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weg vom Angesicht des HERRN.

Anstatt zu diesen Heiden zu gehen und seinen Ruf zu riskieren, machte Jona sich auf, „um vom Angesicht des HERRN weg nach Tarsis zu fliehen; und er ging nach Japho hinab und fand ein Schiff, das nach Tarsis fuhr; und er gab sein Fahrgeld und stieg in das Schiff hinab, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weg vom Angesicht des HERRN“. Vom Weg des Gehorsams abzukommen bedeutet immer, sich von der Gegenwart des Herrn zu entfernen. Es handelt sich dabei also um eine selbstgewählte Abwesenheit des Herrn in der eigenen Seele. Tatsächlich wäre es für Jona unmöglich gewesen, an einen Ort zu gelangen, wo das Auge Gottes nicht mehr auf ihn gerichtet gewesen wäre. In dem Moment als er sich entschloss, im Ungehorsam zu handeln, war in seinem eigenen Bewusstsein allerding ist nichts mehr von Gemeinschaft und Freude im Herrn zu finden. Da verlor er den Sinn für die Gegenwart des HERRN in seiner Seele.

Als er flieht, geht es für ihn nur noch abwärts, im wahrsten Sinne des Wortes! Er ging hinab nach Japho; er ging hinunter in das Schiff; er stieg hinab, als ein Sturm aufkam; und im nächsten Kapitel muss er gestehen: „Ich fuhr hinab zu den Gründen der Berge“ (Jona 2,6). Immer weiter hinab musste er gehen, bis es nicht mehr tiefer ging. In die Grube der Gottverlassenheit hätte er nicht sinken können, denn unabhängig von seinem eigenen Versagen war er immer noch ein Kind Gottes, und der Herr war im Begriff, ihn auf erstaunliche Weise wiederherzustellen.

Dass wir doch alle diese Wahrheit ins Herz schließen wollen! Der Weg desjenigen, der in Eigenwilligkeit handelt, führt immer nach unten. Man kann sich rühmen, für Gott zu handeln, und sagen, dass man seine Zustimmung hat, aber wenn dem Ich gedient wird anstatt Christus, werden die Füße bald ausgleiten und die Schritte werden abwärts, immer nur abwärts führen – bis die Seele, gedemütigt und bußfertig, zu Gott zurückkehrt und endlich bereit ist, das Unrecht des eigenen Verhaltens einzusehen und schließlich vor Gott zu bekennen.

Verse 4.5

Jona 1,4.5: 4 Da warf der HERR einen heftigen Wind auf das Meer, und es entstand ein großer Sturm auf dem Meer, so dass das Schiff zu zerbrechen drohte. 5 Und die Seeleute fürchteten sich und schrien, jeder zu seinem Gott; und sie warfen die Geräte, die im Schiff waren, ins Meer, um sich zu erleichtern. Jona aber war in den unteren Schiffsraum hinabgestiegen und hatte sich hingelegt und war in tiefen Schlaf gesunken.

Aus den nächsten Versen erfahren wir, dass Gott seinen armen und fallenden Diener zu sehr liebte, als dass Er seinen törichten und sündigen Weg, der zum Scheitern verurteilt war, hätte gelingen lassen: „Da warf der HERR einen heftigen Wind auf das Meer, und es entstand ein großer Sturm auf dem Meer, so dass das Schiff zu zerbrechen drohte.“ Gott hatte nun begonnen zu handeln. Der Mensch kann versuchen, so viel er will – am Ende wird er lernen müssen, dass all sein Vermögen wie nichts ist, wenn er mit dem Allmächtigen ringt.

Jeder auf dem Schiff ist auf einmal erregt – jeder außer dem unglücklichen Mann, wegen dessen Sünde der Sturm gekommen ist. Tief unten im Bauch des Schiffes schläft er fest – empfindungslos für die Ängste und die Not der anderen, aber verantwortlich dafür, dass sie auf andere gekommen sind, die an seinem Ungehorsam selbst keinen Anteil haben. Was für ein trauriges Bild von jemand, der den ersten falschen Schritt gegangen ist und in Selbstgefälligkeit weiterhin schläft, obwohl die Zucht des HERRN bereits begonnen hat. Noch weiß er nicht, dass die Hand des HERRN bereits gegen hin ausgestreckt ist! Jona befindet sich bereits unter dem „Betrug der Sünde“ [Heb 3,13], vor der uns der Apostel warnt.

Verse 6.7

Jona 1,6.7: 6 Und der Obersteuermann trat zu ihm und sprach zu ihm: Was ist mit dir, du Schläfer? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird der Gott unser gedenken, dass wir nicht umkommen. 7 Und sie sprachen einer zum anderen: Kommt und lasst uns Lose werfen, damit wir erfahren, um wessentwillen dieses Unglück uns trifft. Und sie warfen Lose, und das Los fiel auf Jona.

Der unwissende heidnische Schiffsführer, der jedes ihm bekannte Mittel erschöpft hat, um den gefürchteten Zorn seiner Götter zu besänftigen, weckt Jona schließlich und beschämt ihn vor allen Anwesenden. Die ernste Frage: „Was ist mit dir, du Schläfer?“, gefolgt von dem mitreißenden Befehl: „Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird der Gott unserer gedenken, dass wir nicht umkommen“, lässt Jona die schrecklichen Umstände erkennen, in denen sich alle befinden, aber das genügt nicht, um seine Lippen für ein Schuldbekenntnis zu öffnen. Daraufhin werfen die Matrosen das Los, und Gott benutzt dieses Mittel, um den Schuldigen offenbar zu machen: „Das Los wird im Gewandbausch geworfen, aber all seine Entscheidung kommt von dem HERRN“ (Spr 16,33). „Das Los fiel auf Jona.“

Verse 8.9

Jona 1,8.9: 8 Da sprachen sie zu ihm: Tu uns doch kund, um wessentwillen uns dieses Unglück trifft! Was ist dein Beruf, und woher kommst du? Welches ist dein Land, und von welchem Volk bist du? 9 Und er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer; und ich fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.

Doch Jonas Antwort bezieht sich nur auf die Fragen der Erschrockenen, indem er sagt: „Ich bin Hebräer; und ich fürchte den HERRN, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.“ Von seiner Seite aus scheint das Geständnis den anderen gegenüber ausreichend. Er weiß zwar bereits, dass sein Fall aussichtslos ist, und seine Gefühle sind zweifellos geweckt, aber es gibt noch keinen Hinweis darauf, dass sein Gewissen wirklich in Bewegung geraten ist. Er ist wie einer, der alles auf die falsche Karte gesetzt hat und jetzt feststellt, dass er alles verlieren muss, und so beschließt er, sprichwörtlich wie ein Mann zu verlieren, da offensichtlich nichts zu ändern ist.

Verse 10-12

Jona 1,10-12: 10 Da fürchteten sich die Männer mit großer Furcht und sprachen zu ihm: Was hast du da getan! Denn die Männer wussten, dass er vom Angesicht des HERRN wegfloh; denn er hatte es ihnen mitgeteilt. 11 Und sie sprachen zu ihm: Was sollen wir mit dir tun, damit das Meer von uns ablässt? Denn das Meer wurde immer stürmischer. 12 Und er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer von euch ablassen; denn ich weiß, dass dieser große Sturm um meinetwillen über euch gekommen ist.

Die Schrecken der heidnischen Schiffsleute, als sie den wahren Zustand erkannten, hätten wohl zu Jonas Gewissen sprechen und ihn überführen müssen. „Da fürchteten sich die Männer mit großer Furcht und sprachen zu ihm: Was hast du da getan! Denn die Männer wussten, dass er vom Angesicht des HERRN wegfloh, denn er hatte es ihnen mitgeteilt.“ Selbst ein natürliches Gewissen sieht mit Sorge, was ein abtrünniges Kind Gottes mit einem gewissen Maß an Gleichgültigkeit übersehen kann. Das ist die schreckliche Wirkung, wenn man in Bezug auf Gott leichtfertig ist und den Heiligen Geist betrübt.

Da alle ihre Bemühungen erfolglos blieben, erkundigten sich die Seefahrer in ihrer Verzweiflung bei Jona, was sie tun sollen, damit der Sturm endlich aufhören möge. Er wies sie an, ihn ins Meer zu werfen, und gab zu, dass er wusste, dass der Sturm um seinetwillen geschickt worden war. Sein Gewissen war nun offensichtlich erregt, aber inwieweit genau, ist schwer zu sagen.

Verse 13-16

Jona 1,13-16: 13 Und die Männer ruderten hart, um das Schiff ans Land zurückzuführen; aber sie konnten es nicht, weil das Meer immer stürmischer gegen sie wurde. 14 Da riefen sie zu dem HERRN und sprachen: Ach, HERR, lass uns doch nicht umkommen um der Seele dieses Mannes willen, und lege nicht unschuldiges Blut auf uns! Denn du, HERR, hast getan, wie es dir gefallen hat. 15 Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da ließ das Meer ab von seinem Wüten. 16 Und die Männer fürchteten sich vor dem HERRN mit großer Furcht, und sie schlachteten dem HERRN Schlachtopfer und taten Gelübde.

Die Männer zögerten, sein Wort auszuführen, aber als endlich alle ihre Bemühungen, das Schiff an Land zu bringen, fehlschlugen, bereiteten sie sich darauf vor, zu tun, was er ihnen befohlen hatte. Sie schrien zum Herrn, diese Tat nicht ihrer Verantwortung zuzuordnen, und erkannten die Souveränität an, die Jona verleugnet hatte („Du, HERR, hast getan, wie es dir gefallen hat“), und nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Sofort wurde das Wasser ruhig und „die Männer fürchteten sich vor dem HERRN mit großer Furcht, und sie schlachteten dem Herrn Schlachtopfer und taten Gelübde“. Obwohl sie in tiefer Dunkelheit lebten und unwissend waren, reagierten ihre Herzen auf die Gnade Gottes, der ihnen auf diese Weise eine so deutliche Errettung gewährte.

Auch für seinen unwürdigen Diener hatte Gott Gnade; dennoch muss Gottes Regierung zum Zuge kommen. Dass Gott sich selbst in der Errettung und Wiederherstellung Jonas verherrlichen würde, ist das Endergebnis. „Der HERR bestellte einen großen Fisch, um Jona zu verschlingen; und Jona war im Bauch des Fisches drei Tage und drei Nächte.“ Im Hinblick auf die Haushaltungen ist Israel aufgrund ihres Scheiterns als Zeuge Gottes auf Erden in das Meer der Heiden geworfen worden. Aber trotz all ihrer Launenhaftigkeit und Abweichungen hat der HERR sie wunderbar bewahrt, und sie werden einmal Zeugen seiner Herrlichkeit für die ganze Welt sein werden

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Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Jonah“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Mildred Böhnlein

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