Der Prophet Joel
Kapitel 4

Henry Allan Ironside

© SoundWords, online seit: 15.07.2018

Kapitel 4 – Das Tal der Entscheidung

Der Prophet hat noch die Ereignisse vor seiner Seele, die sich am Tag des HERRN ereignen sollen, und fährt nun fort, detailliertere Informationen über die lang erwartete Zeit der Regierung des HERRN zu geben.

Es sollte nicht übersehen werden, dass der Ausdruck „der Tag“ oder „dieser Tag“, der so oft im Zusammenhang mit der Einführung des Königreiches verwendet wird, sich nicht auf einen Tag von vierundzwanzig Stunden bezieht. Im Gegenteil, nach dem bereits erwähnten Abschnitt in 2. Petrus 3,10 umfasst der Tag des Herrn die gesamte Zeit von der großen Drangsal bis zum Auflösen von Himmel und Erde, und er leitet so den Tag Gottes oder den Tag der Ewigkeit ein.

In der Heiligen Schrift werden vier epochale Tage vor uns gebracht.

  1. Die gegenwärtige Zeit könnte „Tag des Menschen“ genannt werden (vgl. 1Kor 4,3).
  2. Die Offenbarung am Richterstuhl des Christus ist der „Tag Christi“ (Phil 1,6.10).[1]
  3. Dann folgt „der Tag des HERRN“; das ist die gesamte Zeit, wenn der einst abgelehnte Herr seinen Anspruch auf die Erde behauptet und wiedergutmacht.
  4. Der „Tag Gottes“ ist der ewige Zustand und wird nur in 2. Petrus 3,12 erwähnt.

Es ist also dieser dritte große „Tag“, auf den sich das vorliegende Kapitel bezieht und den die Anfangsverse behandeln.

Verse 1.2

Joel 4,1.2: 1 Denn siehe, in jenen Tagen und zu jener Zeit, wenn ich die Gefangenschaft Judas und Jerusalems wenden werde, 2 dann werde ich alle Nationen versammeln und sie in die Talebene Josaphat hinabführen; und ich werde dort mit ihnen rechten über mein Volk und mein Erbteil Israel, das sie unter die Nationen zerstreut haben; und mein Land haben sie geteilt.

Die von unserem Herrn selbst in Matthäus 25,31-46 dargestellte Szene scheint sich damit zu verbinden. Er beschreibt lebhaft das Kommen des Sohnes des Menschen in seiner Herrlichkeit, um dort auf dem Thron seiner Herrlichkeit zu sitzen und die lebenden Nationen zu richten. Längst wurde von anderen darauf hingewiesen, dass diese Gerichtsszene etwas ganz anderes ist als das endgültige Gericht des großen Weißen Thrones von Offenbarung 20. Dort werden die Toten, die das Böse verübt haben, gerichtet und in den Feuersee geworfen, während die Gerechten bereits tausend Jahre vorher in Herrlichkeit auferweckt wurden. Andererseits ist das Gericht der Schafe und Böcke, wie es genannt werden kann, ein Gericht, vor dem die auf der Erde lebenden Völker erscheinen, wenn Christus vom Himmel wiederkommt, um das Königreich zu gründen. Dieses Gericht findet vor dem tausendjährigen Königreich statt. Der große Weiße Thron findet nach dem tausendjährigen Königreich statt. In Matthäus 25 werden die Schafe belohnt, weil sie die Brüder Christi, also den jüdischen Überrest, gut behandelt haben. Die Böcke werden wegen ihrer Gleichgültigkeit und sogar Grausamkeit verurteilt. Das gleiche unterscheidende Gericht schildert uns hier Joel.

Der Sohn des Menschen wird seinen Thron im Tal von Josaphat aufstellen. Dieses Tal richtig zu lokalisieren, ist eine Unmöglichkeit, da dies die einzige Erwähnung in der Schrift ist. Es ist bekannt, dass es jetzt eine tiefe Schlucht gibt, die diesen Namen vor den Toren Jerusalems trägt und die heilige Stadt vom Ölberg trennt. Aber es ist wahrscheinlich, dass der Name nur im Hinblick auf diese Prophezeiung gegeben wurde – nicht, dass er so genannt wurde, als Joel sprach, noch in den Jahrhunderten danach. Wir müssen bis zum vierten Jahrhundert der christlichen Ära zurückgehen, bevor das Tal Josaphat so bezeichnet wurde. Wenn Josaphat nur als unübersetzter hebräischer Ausdruck verstanden wird, ist alles klar. Dann hieße es: „das Tal des Gerichts des HERRN“.

Verse 3-8

Joel 4,3-8: … 3 und über mein Volk das Los geworfen; und den Knaben haben sie für eine Hure gegeben und das Mädchen für Wein verkauft, den sie getrunken haben. 4 Und auch ihr, was wollt ihr mir, Tyrus und Sidon und alle ihr Bezirke Philistäas? Wollt ihr mir eine Tat vergelten, oder wollt ihr mir etwas antun? Schnell, unverzüglich werde ich euer Tun auf euren Kopf zurückbringen, 5 dass ihr mein Silber und mein Gold weggenommen und meine besten Kleinode in eure Tempel gebracht 6 und die Kinder Judas und die Kinder Jerusalems den Kindern der Griechen verkauft habt, um sie weit von ihrer Grenze zu entfernen. 7 Siehe, ich will sie erwecken von dem Ort, wohin ihr sie verkauft habt, und will euer Tun auf euren Kopf zurückbringen. 8 Und ich werde eure Söhne und eure Töchter in die Hand der Kinder Judas verkaufen; und diese werden sie an die Sabäer verkaufen, an eine ferne Nation; denn der HERR hat geredet.

Dort wird der HERR sitzen und die Völker richten, die sein Volk unterdrückt, zerstreut, in die Sklaverei verkauft und sich über ihre Erniedrigung gefreut haben. Zweifellos ist es Gott selbst, der es ihnen erlaubt hat, Israel zu verfolgen, um es zu züchtigen; aber das mindert in keiner Weise die Schuld ihrer Unterdrücker. Deshalb werden Tyrus und Zidon und alle anderen, die an der Demütigung der Juden beteiligt waren, nach ihren Werken belohnt (Joel 4,3-8).

Was in Matthäus 25 zweifellos besonders herausgestellt wird, ist die Behandlung des Überrestes, der vor den bitteren Verfolgungen des Antichristen flieht. Ihnen zu dienen bedeutet also praktisch, die Ansprüche des wahren Gesalbten zu besitzen; ihnen gegenüber gleichgültig zu sein bedeutet, stillschweigend dem ungerechten Einfluss des falschen Propheten zuzustimmen. Deshalb wird bei denen, die „in das ewige Leben gehen“, eine neue Geburt vorausgesetzt. Ihre Werke waren der Beweis dafür.

So haben wir detaillierte Informationen im neutestamentlichen Bericht, die zu enthüllen für Gott kein Vergnügen waren; aber die Übereinstimmung des Gerichtes scheint klar zu sein.

Verse 9-11

Joel 4,9-11: 9 Ruft dies aus unter den Nationen, heiligt einen Krieg, erweckt die Helden; alle Kriegsmänner sollen herankommen und heraufziehen! 10 Schmiedet eure Pflugscharen zu Schwertern und eure Winzermesser zu Lanzen; der Schwache sage: Ich bin ein Held! 11 Eilt und kommt her, alle ihr Nationen ringsum, und versammelt euch! Dahin, HERR, sende deine Helden hinab!

Der Aufruf in Joel 4,9-17 macht das eben Gesagte sehr deutlich. Die großen und mächtigen Männer der Heiden werden dazu gebracht, einen Alarm zu hören und in Immanuels Land zu kommen. Sie verwandeln die Werkzeuge des Friedens in Kriegswaffen und kommen in großen Horden, um Jerusalem zu umgeben, wie in Sacharja 14 und Offenbarung 19 vorhergesagt. Das ganze Land wird mit ihnen überflutet werden, und alle menschliche Hilfe für den Überrest Israels, der sich an den Herrn klammert, wird dahin sein. Darum rufen sie in der Stunde ihrer tiefsten Bedrängnis: „HERR, sende deine Helden hinab“ (Joel 4,11). Da sie wissen, dass die Stunde gekommen ist, in der die Heiligen das Königreich einnehmen werden, wenden sie sich in ihrem Elend himmelwärts und rufen nach dem Wiederkommen ihres einst verworfenen Messias und seines glorreichen Gefolges. Die Antwort auf ihr Gebet ist das Kommen des Kriegers auf dem weißen Pferd mit allen himmlischen Heerscharen (vgl. Off 19). Er vollstreckt das allumfassende Gericht über die bewaffneten Heerscharen der Nationen.

Verse 12.13

Joel 4,12.13: 12 Die Nationen sollen sich aufmachen und hinabziehen in die Talebene Josaphat; denn dort werde ich sitzen, um alle Nationen ringsum zu richten. 13 Legt die Sichel an, denn die Ernte ist reif; kommt, stampft, denn die Kelter ist voll, die Fässer fließen über! Denn groß ist ihre Bosheit.

Aber das ist noch nicht alles. Es folgt ein Sitzungsgericht, an dem alle Heiden teilnehmen. „Die Nationen sollen sich aufmachen und hinabziehen in die Talebene Josaphat; denn dort werde ich sitzen, um alle Nationen ringsum zu richten“ (Joel 4,12). Dies stimmt mit der „Ernte der Erde“ von Offenbarung 14,14-16 überein: „Legt die Sichel an, denn die Ernte ist reif“ (Joel 4,13). Noch werden nur die Heiden gerichtet und der Weizen von der Spreu getrennt; aber der abtrünnige Teil des Volkes Israel, der die gotteslästerlichen Ansprüche des Antichristen bestätigt hat, wird als vollreife Trauben in die große Weinpresse des Zornes Gottes geworfen werden (Off 14,17-20). Deshalb lesen wir: „Stampft, denn die Kelter ist voll, die Fässer fließen über! Denn groß ist ihre Bosheit“ (Joel 4,13).

Vers 14-17

Joel 4,14-17: 14 Getümmel, Getümmel im Tal der Entscheidung; denn nahe ist der Tag des HERRN im Tal der Entscheidung. 15 Die Sonne und der Mond verfinstern sich, und die Sterne verhalten ihren Glanz. 16 Und der HERR brüllt aus Zion und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen, und Himmel und Erde erbeben. Und der HERR ist eine Zuflucht für sein Volk und eine Festung für die Kinder Israel. 17 Und ihr werdet erkennen, dass ich, der HERR, euer Gott bin, der auf Zion wohnt, meinem heiligen Berg. Und Jerusalem wird heilig sein, und Fremde werden es nicht mehr durchziehen.

Vers 14 ist eine bildliche Darstellung der feierlichen Szenerie – ein Vers, der oft völlig falsch interpretiert wurde: „Getümmel, Getümmel im Tal der Entscheidung; denn nahe ist der Tag des HERRN im Tal der Entscheidung“ (Joel 4,14). Es ist der Tag der Entscheidungen des Richters, nicht eine Zeit, in der die Menschen aufgerufen sind, sich für Christus zu entscheiden. Das Tal von Josaphat wird zu einer großen Tenne, wo der göttliche Sieger sitzt, um alle, die sein Reich mit Ihm teilen werden, von denen abzusondern, die ewige Strafe erleiden werden. Dann wird vor der Herrlichkeit des Gekreuzigten jedes geschaffene Licht in Finsternis verblassen (Joel 4,15)! Er, der als HERR der Heerscharen offenbart wird, „brüllt aus Zion und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen“ (Joel 4,16), indem Er das ganze System des zivilen und politischen Himmels und der Erde wie auch alle religiösen Ansprüche in Stücke reißt; denn der Herr allein wird an jenem Tag die Hoffnung und Kraft seines Volkes Israels sein (Joel 4,16).

So wird das lang ersehnte Königreich des Sohnes des Menschen eingeführt werden, und ganz Israel wird erfahren, dass der HERR, ihr Gott, in Zion, seinem heiligen Berg, wohnt. Dann wird die lange Zeit für Jerusalem vorbei sein, in der die Stadt durch die Nationen niedergetreten wurde; und weil ihre Ungerechtigkeit ein Ende gefunden hat, wird Jerusalem in der Tat die „Heilige Stadt“ sein und niemals wieder unter die Füße von Fremden zertreten werden.

Die letzten vier Verse gehören zu dieser glorreichen Zeit; doch für Ägypten wird die Verwüstung, von der hier gesprochen wird, nicht endgültig sein, wie wir aus anderen Schriften wissen.

Verse 18-21

Joel 4,18-21: 18 Und es wird geschehen, an jenem Tag werden die Berge von Most triefen und die Hügel von Milch fließen, und alle Bäche Judas werden von Wasser fließen; und eine Quelle wird aus dem Haus des HERRN hervorbrechen und das Tal Sittim bewässern. 19 Ägypten wird zur Einöde und Edom zu einer öden Wüste werden wegen der Gewalttat an den Kindern Judas, weil sie in ihrem Land unschuldiges Blut vergossen haben. 20 Aber Juda soll in Ewigkeit bewohnt werden und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht. 21 Und ich werde sie von ihrem Blut reinigen, von dem ich sie nicht gereinigt hatte. Und der HERR wird in Zion wohnen.

Wir finden hier eine Szene des Überflusses und der Erfrischung dargestellt, die in Hesekiel 47 näher beschrieben wird.

Dann wird Gericht über Ägypten und Edom verkündet werden, weil sie das Volk von Juda in der Vergangenheit schlecht behandelt haben. Edom wird für immer als Nation ausgelöscht werden. Das erklärt der Prophet Obadja. Ägypten hingegen wird wiederhergestellt, nachdem es für seine Sünden bestraft wurde (vgl. Jes 19,18-25). Judas Zeit der Not wird kostbare Früchte tragen und zu seiner vollen Wiederherstellung und Segnung führen; so soll Juda „in Ewigkeit bewohnt werden und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht“ (Joel 4,20). Nachdem sie von allen ihren Verunreinigungen gereinigt wurden, sind sie auch in den Augen dessen rein, der nun in ihrer Mitte, in der auserwählten Stadt Zions, wohnen will. „Und ich werde sie von ihrem Blut reinigen, von dem ich sie nicht gereinigt hatte. Und der HERR wird in Zion wohnen“ (Joel 4,21). Es wäre kaum nötig, diesen Vers näher zu erklären, wäre da nicht eine jämmerlich groteske Interpretation irreführender Verfechter einer anstößig modernen religiösen Modeerscheinung (ich beziehe mich auf die sogenannte „Flying Roll“, deren Lehren in dem falsch benannten „Pioneer of Wisdom“ vertreten sind, der in England und ihren Kolonien wie auch in Amerika weit verbreitet ist), deren Abgesandte häufig das Einfache verwirren, indem sie es als Beweistext verwenden. Es wurde die lächerliche Vorstellung aufgestellt, dass ein gewisser Überrest dieses Zeitalters sein Blut von allen Unreinheiten, die zum natürlichen Tod führen würden, reinigen (!) lassen solle, so dass sie im Fleisch Unsterblichkeit erlangen. Der Kontext macht deutlich, dass sich die Worte auf die buchstäbliche Reinigung Judas von der Verunreinigung des Blutes ihrer Feinde beziehen. Diese hatten sie während der beispiellosen Schrecken der großen Trübsal erlitten. Sie werden von nun an die Geheiligten des Herrn sein.

Ein Hinweis auf Jesaja 4,4 wird dies deutlich machen. Dort spricht Gott von derselben glorreichen Zeit: „Wenn der Herr den Unflat der Töchter Zions abgewaschen und die Blutschulden Jerusalems aus dessen Mitte weggefegt haben wird durch den Geist des Gerichts und durch den Geist des Vertilgens.“ In Klagelieder 4,14 werden die Propheten und Priester von Juda als Männer beschrieben, die blind durch die Straßen gewandert sind, und „sie waren mit Blut befleckt, so dass man ihre Kleider nicht anrühren mochte“. So ist das ganze Volk Israel durch die Rolle, die sie bei der Ermordung des „Gerechten“ eingenommen haben, verunreinigt worden; aber an jenem Tag wird das Blut der Verunreinigung abgewaschen werden und Gott wird unter ihnen wohnen können. Viele weitere Bibelstellen könnten wir nennen, aber diese hier reichen aus, um zu zeigen, was wirklich beabsichtigt ist.

Damit ist das Wort des HERRN an Joel beendet. Er hat seine Zuhörer und Leser zur vollen Entfaltung der Herrlichkeit des Messias geführt. Die Prophezeiung geht nicht über ihre Verbindung mit dieser Erde hinaus. Nur in den Geheimnissen des Neuen Testaments haben wir etwas von dem entfaltet, was Gott für diejenigen vorbereitet hat, die Ihn lieben, die seine ewige Ruhe teilen sollen, nachdem die Zeit ihren Lauf vollendet und aufgehört hat zu sein.

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Anmerkungen

[1] Der „Tag des Christus“ in 2. Thessalonicher 2,2 in der King-James/[Schlachter]-Übersetzung sollte mit „der Tag des Herrn“ übersetzt werden, was jede kritische und seriöse Bibelübersetzung zeigen würde.


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Joel“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Stephan Isenberg

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