Der Prophet Joel
Kapitel 1

Henry Allan Ironside

© SoundWords, online seit: 19.04.2018, aktualisiert: 12.06.2018

Einleitung

Von Joel, dem Sohn Pethuels, wissen wir nichts, außer das wenige, was in diesen vier Kapiteln als Botschaft an Israel dargestellt wird. Die jüdische Tradition platziert ihn in die Zeit Ussijas, aber dafür existiert kein autoritativer Beweis. Sein Name bedeutet „Der HERR ist Gott“, und der Name seines Vaters heißt „Gesicht“ oder „Weisheit von Gott“. Andere meinen, er bedeute „Sei vergrößert“ oder „Sei überzeugt“.

Folgende unmittelbaren Umstände der Botschaft Joels scheinen diese gewesen zu sein: Das Land Israels wurde von einer schrecklichen Heuschreckenplage heimgesucht, die alle grünen Pflanzen verschlang und nur Unfruchtbarkeit und Hungersnot hinterließ. Joel wurde von Gott inspiriert, dass Gewissen der Nation Judas durch die Tatsache aufzuwecken, dass die Heimsuchung vom HERRN selbst war, und zwar wegen der Sünde des Volkes. 

Dann wird Joel durch den Geist bis in die letzten Tage geführt, und er sieht in dem schrecklichen Gericht, durch das sie betroffen würden, ein Bild von der Zeit der Drangsal Jakobs, bevor der Messias das Königreich empfängt. So wird die damalige Verwüstung zu einer prophetischen Abhandlung, die einen viel weitreichenderen Charakter trägt. Das hebt hervor, was wir bereits in unserer Studie über Hosea festgestellt haben: Die Prophezeiungen sind vielschichtig und haben viele Anwendungsmöglichkeiten, sie beschränken sich jedoch nicht auf lokale Angelegenheiten, sondern alle werden am noch zukünftigen „Tag des Herrn“ ihr Ziel und ihre vollständige Erfüllung finden.

Ein anderes ernstes Prinzip verdient unsere Aufmerksamkeit durch die Art und Weise, wie der Prophet versucht, das Unglück, unter dem die Menschen damals litten, anzuwenden, um sie hinsichtlich ihres eigenen Seelenzustandes zu üben. Gott möchte seine Kinder wissen lassen, wenn Er sie durch seine Hand heimsucht. Für Gläubige gibt es keine andere Ursache. Der HERR hatte gesagt: „Der ich … den Frieden mache und das Unglück schaffe – ich, der HERR, bin es, der dies alles wirkt.“ Und Er fragte: „Oder geschieht ein Unglück in der Stadt, und der HERR hätte es nicht bewirkt?“ (Jes 45,7; Amos 3,6). Das Böse ist in beiden Bibelstellen natürlich das Unglück – das Gegenteil eines friedlichen und ruhigen Zustandes. Wenn ich dazu berufen bin, solche Erfahrungen zu durchleben, dann deshalb, weil Gott in meiner Seele ein Bedürfnis nach solchen erzieherischen Maßnahmen gesehen hat. Er möchte nur das Beste für mich. Trifft es mich, dann soll ich darin sein Handeln erkennen und dadurch geübt werden. Dies ist die Lehre aus Hebräer 12, und sie wird in der Verwendung hervorgehoben, die Joel in dieser kurzen, aber strengen Prophezeiung von Judas Drangsal macht.

Weitere Bemerkungen werden in dieser Richtung erforderlich sein, wenn wir unsere Studie fortsetzen; so wenden wir uns sofort den Lehren der vier bewegenden Kapitel des Buches zu. Möge Er, der allein die Augensalbe des Geistes gibt, unsere Augen salben, damit wir Wunder in seinem Wort sehen, die jetzt vor uns sind!

Kapitel 1 – Die Heuschreckenplage

Verse 1-3

Joel 1,1-3: 1 Das Wort des HERRN, das an Joel, den Sohn Pethuels, erging. 2 Hört dieses, ihr Alten, und nehmt es zu Ohren, alle ihr Bewohner des Landes! Ist so etwas in euren Tagen geschehen oder in den Tagen eurer Väter? 3 Erzählt davon euren Kindern, und eure Kinder ihren Kindern, und ihre Kinder dem folgenden Geschlecht:

Die Alten wurden zuerst angesprochen und aufgefordert kundzutun, ob in ihrer ganzen Erinnerung oder in allem, was die Väter zu ihnen geredet hatten, es so eine schmerzliche Heimsuchung gegeben hatte, unter der das Land und die Leute stöhnten. Joel wurde geschickt, um ihnen ins Gewissen zu reden und die Lektionen aufzudrücken, die Gott sie lehren wollte.

Vers 4

Joel 1,4: Was der Nager übrig gelassen hatte, fraß die Heuschrecke; und was die Heuschrecke übrig gelassen hatte, fraß der Abfresser; und was der Abfresser übrig gelassen hatte, fraß der Vertilger.

So war die Zerstörung jeder Grünfläche komplett; Hungersnot und äußerer Ruin war ihnen ins Gesicht geschrieben. Die verschiedenen Insektenarten, von denen hier die Rede ist, werden im Allgemeinen nicht als verschiedene, unzusammenhängende Geschöpfe angesehen, sondern sind wahrscheinlich die verschiedenen Stadien der Heuschrecke von der Larvenform bis zu ihrer Reife.[1] Diese sehr gefürchtete Plage schnitt deshalb alle Quellen der Lebensmittelversorgung ab und hinterließ eine entsetzliche Verwüstung. Und was diese ganze Sache so ernst und feierlich macht, ist die Tatsache, dass es Gottes Stimme war; aber es war sehr wahrscheinlich, dass das Volk nur mit dem schlagenden Stab beschäftigt war, anstatt auf den zu hören, der ihn gebrauchte.

Nichts ist so natürlich für uns wie gerade das. Statt die göttliche Übung zu verstehen, erliegen wir dem Selbstmitleid oder einer harten, steinigen Gleichgültigkeit, so dass wir entweder ohnmächtig unter der züchtigenden Hand des Herrn zusammenbrechen oder sie auf der anderen Seite verachten. Segnungen ergeben sich dadurch, dass wir „durch sie [die Übungen] geübt“ werden (Heb 12,11). Juda war in Gefahr, diese Wahrheit zu verlieren, wie es bei vielen anderen davor und danach der Fall war.

Verse 5-7

Joel 1,5-7: 5 Wacht auf, ihr Betrunkenen, und weint! Und heult, alle ihr Weinsäufer, über den Most, weil er weggenommen ist von eurem Mund! 6 Denn eine Nation ist über mein Land heraufgezogen, mächtig und ohne Zahl; ihre Zähne sind Löwenzähne, und sie hat das Gebiss einer Löwin. 7 Sie hat meinen Weinstock zu einer Wüste gemacht und meinen Feigenbaum zerknickt; sie hat ihn vollständig abgeschält und hingeworfen, seine Ranken sind weiß geworden.

Die genussliebenden Trinker, die ihre Freude am Wein hatten, wurden aufgerufen, aufzuwachen und ihren wahren Zustand zu bemerken – Gott hatte sie geschlagen –; sie sollten ihre Lektion lernen, die Gott für sie vorgesehen hatte. Seine große Armee, die feindliche Nation, „mächtig und ohne Zahl“ (Joel 1,6), hatte den Weinstock verwüstet und den Feigenbaum zerknickt, so dass die Quellen ihrer fleischlichen Vergnügungen dahin waren.

Verse 8.9

Joel 1,8.9: 8 Wehklage wie eine Jungfrau, die wegen des Gatten ihrer Jugend mit Sacktuch umgürtet ist! 9 Speisopfer und Trankopfer sind weggenommen vom Haus des HERRN; es trauern die Priester, die Diener des HERRN.

Wie eine Jungfrau mit Sacktuch umgürtet ist und über den vorzeitigen Tod ihres Gatten wehklagt, so waren sie aufgerufen, zu wehklagen über ihre Sünden, die das Gericht Gottes über sie gebracht hatte. Auch das Haus Gottes war betroffen, weil das Gericht immer zuerst am Haus Gottes beginnt [vgl. 1Pet 4,17]. Die Schlachtopfer (oder Speisopfer) und die Trankopfer wurden weggenommen, und die Priester blieben trauernd zurück.

Wenn Gottes Leute in einem ausgehungerten Zustand sind, werden sie Christus nicht wirklich wertschätzen; daher hören sie auf, ihre Opfer darzubringen. Das Speisopfer spricht von der Menschheit des Herrn Jesus. Im Trankopfer kommt zum Ausdruck, dass Christus seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod. Aber eine geistliche Hungersnot stumpft die Wahrnehmung und Empfindlichkeiten derjenigen herab, die seiner einzigartigen Opfergabe verpflichtet sind, so dass die Gaben eines anbetenden Volkes aufhören.

Verse 10-12

Joel 1,10-12: 10 Das Feld ist verwüstet, es trauert der Erdboden; denn das Korn ist verwüstet, der Most ist vertrocknet, verwelkt das Öl. 11 Seid beschämt, ihr Ackerbauern, heult, ihr Winzer, über den Weizen und über die Gerste! Denn die Ernte des Feldes ist zugrunde gegangen; 12 der Weinstock ist verdorrt und der Feigenbaum verwelkt; Granatbaum, auch Palme und Apfelbaum, alle Bäume des Feldes sind verdorrt; ja, verdorrt ist die Freude von den Menschenkindern.

Die Verse 10 bis 12 bieten eine lebendige Beschreibung des desolaten Zustandes des Landes. Alle Früchte des Feldes waren dahin, und die Bäume waren verdorrt; ebenso war auch die Freude verschwunden bei allen Menschenkindern. Deshalb ergeht die feierliche Ermahnung an diejenigen, deren Aufgabe es war, ihnen in den Dingen zu dienen, die Gott betreffen:

Vers 13

Joel 1,13: Umgürtet euch und wehklagt, ihr Priester; heult, ihr Diener des Altars! Kommt, übernachtet in Sacktuch, ihr Diener meines Gottes! Denn Speisopfer und Trankopfer sind dem Haus eures Gottes entzogen.

Unempfindlichkeit zu solch einer Zeit – wie anstößig für Gott, der sich wünscht, bei seinem Volk echte Anerkennung für sein Handeln mit ihnen zu sehen.

Vers 14

Joel 1,14: Heiligt ein Fasten, ruft eine Festversammlung aus; versammelt die Ältesten, alle Bewohner des Landes zum Haus des HERRN, eures Gottes, und schreit zu dem HERRN!

Jetzt ruft Joel ein heiliges Fasten aus über die Ältesten und die Bewohner des Landes. Er beruft eine Festversammlung, damit sie gemeinsam zum HERRN schreien und vor seinem Angesicht ihr gemeinsames Versagen bekennen und die bösen Wege richten.

Vers 15

Joel 1,15: Ach, welch ein Tag! Denn nahe ist der Tag des HERRN, und er kommt wie eine Verwüstung von dem Allmächtigen.

Joel erwähnt den Tag des HERRN als nahe bevorstehend als Anreiz, um zum HERRN zu rufen. Nicht, dass der Tag des HERRN (der sich in seiner Fülle im prophetischen Sinn auf die Offenbarung des Herrn Jesus bezieht, um sein Königreich einzuläuten) wirklich in dieser Zeit auftreten würde, aber weil dieser Tag alles offenbaren wird, was in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes gewesen ist, wurden sie aufgerufen, schon damals im Licht des kommenden Tages zu leben. Ebenso werden Christen ermahnt, ihren Weg im Blick auf den Tag Christi zu gehen, wenn all unser Werk am Richterstuhl untersucht wird. Das alles offenbarende Licht dieser Stunde der Erscheinung sollte schon heute auf unserem Weg scheinen, so dass alle Schritte, die wir noch machen, in Übereinstimmung damit sind.

Durch das ganze Buch Joel hindurch ist das der Standpunkt des Propheten: Der Tag des HERRN stand bevor. Es wird der Tag der Wahrheit sein, wenn aller Schein und alle Heuchelei für das, was sie waren, ans Licht käme. Dann würde nur noch das, was von Gott kam, standhalten. Deshalb ist es das Wichtigste, dass sie ihr Verhalten so in Ordnung bringen sollten, dass es dem prüfenden Auge, wie eine Feuerflamme, standhalten könnte.

Verse 16-18

Joel 1,16-18: 16 Ist nicht die Speise vor unseren Augen weggenommen, Freude und Frohlocken vom Haus unseres Gottes? 17 Vermodert sind die Samenkörner unter ihren Schollen; verödet sind die Vorratshäuser, zerfallen die Scheunen, denn das Korn ist verdorrt. 18 Wie stöhnt das Vieh! Die Rinderherden sind bestürzt, weil sie keine Weide haben; auch die Kleinviehherden büßen.

In den Versen 16 bis 18 bezieht sich Joel wieder auf den desolaten Zustand des Landes. Alle ihre Hoffnungen waren verdorrt und verödet. Alles, wofür sie gearbeitet hatten, war ein einziger Schandfleck. Aber so ernst, wie ihr momentaner Zustand auch war, es war nichts zu ihrem geistlichen Mangel, der bei ihnen vorherrschte und der sich in ihrer völligen Unempfindlichkeit kundtat.

Verse 19.20

Joel 1,19.20: 20 Zu dir, HERR, rufe ich; denn ein Feuer hat die Weideplätze der Steppe verzehrt und eine Flamme alle Bäume des Feldes versengt. 20 Auch die Tiere des Feldes schreien lechzend zu dir; denn vertrocknet sind die Wasserbäche, und ein Feuer hat die Weideplätze der Steppe verzehrt.

Joel spricht als eine geübte Seele im Schluss dieses Kapitels. Er nimmt seinen Platz ein als jemand, der den erbärmlichen Zustand fühlte: „Zu dir, HERR, rufe ich.“ Das allein konnte das Mittel sein, wenn die Wasserbäche vertrocknet sind und ein Feuer die Weideplätze der Steppe verzehrt hat.

Nächster Teil

 

Anmerkungen

[1] Einige Gelehrte haben hier ein abweichende Ansicht, aber die hier angegebene Position wird von den meisten Kommentatoren bestätigt.


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Joel“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Stephan Isenberg

Weitere Artikel zur Bibelstelle Joel 1 (1)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...