Der Prophet Joel
Kapitel 2

Henri Rossier

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Der Tag des HERRN – der Einfall des Assyrers

In den so verhängnisvollen Verheerungen durch die Heuschrecken musste Israel notgedrungen das Gericht Gottes erkennen. Infolge der tiefernsten Begleitumstände, der Unterbrechung der priesterlichen Funktionen und des Aufhörens der Verbindung des Volkes mit Gott und endlich wegen der furchtbaren Hungersnot selbst rufen die Menschen: „Ach, über den Tag! Denn nahe ist der Tag des HERRN, und er kommt wie eine Verwüstung von dem Allmächtigen“ (Joel 1,15). Diese erschütternden Geschehnisse, deren Zeuge Joel ist, öffnen seine sehenden Augen für das, was in ferner Zukunft geschehen muss. Er schaut in diesen Übeln ein Bild der kommenden Ereignisse, ein Vorbild der furchtbaren Dinge, die den Tag des HERRN begleiten werden. Sagen uns die Erschütterungen der heutigen Tage, in denen wir leben, nicht genau dasselbe?

Wie wir schon in der Einleitung bemerkt haben, schweigt die von den Propheten Jesaja und Hosea so abweichende Weissagung Joels vollständig über die historischen Ereignisse. Deshalb sind wir nicht, wie in den anderen Propheten, berechtigt, diese hier hineinzubringen. Der Ausgangspunkt der prophetischen Ausführungen Joels ist die Heuschreckenplage, unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt sie auch geschehen sein mag. Der Angriff des prophetischen (zukünftigen) Assyrers gegen Juda und Jerusalem in unserem Kapitel ist das Gegenstück dazu. Der Prophet Jesaja lenkt unsere Blicke immer von Sanherib, dem historischen Assyrer, zum Assyrer des Endes und geht vom Charakter und Schicksal des einen aus, um Charakter und Schicksal des anderen vorzuzeichnen. Joel aber übergeht den Ersteren stillschweigend. Für ihn ist der assyrische Einbruch in Juda und Jerusalem ein Charakterzug des Tages des HERRN, des großen und furchtbaren. Die Ereignisse in Kapitel 1 erinnern daran, sind aber hiervon nur ein schwaches Abbild.

Der Assyrer spielt also eine Hauptrolle in diesen Ereignissen, die der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches, der messianischen Königsherrschaft von Jesus Christus, vorausgehen, wie dies am Ende unseres Kapitels beschrieben ist (Joel 2,23-27; vgl. auch Joel 4,18-21). Vielleicht sollte man genauer von einem assyrischen Bund reden, dessen politisches Haupt der Gog Hesekiels ist (Hes 38–39); Daniel nennt ihn den „König des Nordens“ (Dan 11,40-45) und unser Prophet „der von Norden Kommende“, dessen „Gestank“ und „übler Geruch“ aufsteigen wird, „weil er Großes getan hat“ (Joel 2,20). Diese symbolische Heuschrecken-Armee hat über sich einen König (vgl. Off 9,11), während vom nichtsymbolischen, natürlichen Standpunkt aus gesagt wird: „Die Heuschrecken haben keinen König, und doch ziehen sie allesamt aus in geordneten Scharen“ (Spr 30,27).

Wir bemerken noch, dass der König des Nordens Daniels und der Gog Hesekiels nichts mit Babylon zu tun haben, obwohl Jeremia oft von Nebukadnezar und Babel als von den Heeren des Nordens, dem Volk und dem Land des Nordens, redet, und ebenso von den Medern und Persern, die später Chaldäa erobert haben. Gog, dessen Gebiet sich nach und nach gegen Norden bis tief nach Russland und Asien ausgedehnt hat, ist der Abkömmling und Nachfolger des historischen Assyrers. Der „assyrische Bund“ der Prophezeiung umfasst all die Gebiete unter der Herrschaft des Gog. Der König des Nordens beherrscht Kleinasien, das zuerst zum Gebiet des historischen Assyrers gehörte, nachher aber unter Seleucus ein selbständiges Reich wurde. Ohne mit Gog identisch zu sein, wird der König des Nordens sich mit ihm einsmachen und gemeinschaftlich mit ihm handeln und als sein Heerführer eine überwiegende Rolle spielen (vgl. Dan 11,5-19.40-45).

Der Assyrer des Jesaja ist der historische Assyrer, der aber in den letzten Tagen wieder erscheinen wird, lange nachdem Babylon, das einst Assyrien unterjochte und seinem Reich einverleibt hatte, untergegangen war. Babylon wird nicht wiederhergestellt werden, außer in symbolischer Gestalt, um das Verderben und die Verwirrung in der abgefallenen Christenheit, die wieder dem Götzendienst verfallen sein wird, zu charakterisieren (Off 17–19). Nur eines der vier Weltreiche, das Römische Reich, wird als solches wieder erstehen und ein Gegenstand des Erstaunens für die ganze Welt sein. Unter der Führung Gogs, des russischen Oberhauptes, wird der assyrische Bund der große Gegenspieler des wiedererstandenen Römischen Reiches und seines Verbündeten, des Antichristen – des falschen Messias, Propheten und Königs des abtrünnigen jüdischen Volkes – sein. Dieser Assyrer wird in jenem Endkampf Palästina und vor allem Juda und Jerusalem überfallen.[1]

Der assyrische Bund der letzten Tage hat also Gog zum politischen Oberhaupt (Hes 32,22-30; 38,1-6). „Bist du der, von dem ich in vergangenen Tagen geredet habe durch meine Knechte, die Propheten Israels, die in jenen Tagen jahrelang weissagten, dass ich dich gegen sie heranbringen würde?“, sagt der Herr, HERR, in Hesekiel 38,17. Nun haben die Propheten Israels vom Assyrer geweissagt, was beweist, dass Gog und der Assyrer ein und dieselbe Person sind.[2]

In unserem Kapitel wird der Assyrer und sein Heer mit den Heuschrecken in Kapitel 1 verglichen.[3] Gerade die Tatsache, dass das Heer der Heuschrecken aus Norden kommt, beweist den symbolischen Charakter ihres Einfalls.

Lasst uns nun die Einzelheiten unseres Kapitels betrachten:

Verse 1.2

Joel 2,1.2: Stoßt in die Posaune auf Zion, und blast Lärm auf meinem heiligen Berg! Beben sollen alle Bewohner des Landes; denn es kommt der Tag des HERRN, denn er ist nahe: ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und der Wolkennacht. Wie die Morgendämmerung ist es ausgebreitet über die Berge, ein großes und mächtiges Volk, wie seinesgleichen von Ewigkeit her nicht gewesen ist und nach ihm nicht mehr sein wird bis in die Jahre der Geschlechter und Geschlechter.

Der Gedanke, dass der Tag des HERRN nahe bevorsteht, der durch das Unglück, das über Juda gekommen, geweckt worden ist (Joel 1,15), ist der Ausgangspunkt des Nachfolgenden. Joel sieht eine zukünftige Riesenarmee, den Wolken der Heuschrecken gleich, ein Bild, das, wie wir gesehen haben, in der Prophezeiung sehr bekannt ist. Diese Armee ist aber viel schrecklicher als die der Heuschrecken. Von diesen Letzteren – eine Plage von bis dahin unerhörter Furchtbarkeit – wird gesagt: „Ist so etwas in euren Tagen geschehen oder in den Tagen eurer Väter?“ (Joel 1,2), aber von den Armeen in Kapitel 2 wird gesagt: „ein … Volk, wie seinesgleichen von Ewigkeit her nicht gewesen ist und nach ihm nicht mehr sein wird bis in die Jahre der Geschlechter und Geschlechter“ (Joel 2,2).

Der Weckruf ist ergangen, ihr Herannahen wird angekündigt: „Stoßt in die Posaune auf Zion, und blast Lärm auf meinem heiligen Berg!“ (Joel 2,1). In Israel ertönten die silbernen Posaunen als Lärmsignal: in erster Linie zum Abmarsch des Lagers und dann, um in den Kampf mit dem Feind zu ziehen. In diesem letzteren Fall sollten die Lärmposaunen das Volk ins Gedächtnis vor den HERRN bringen, damit es von seinen Feinden errettet würde (4Mo 10,1-9). Diese Gewohnheit wird uns hier in Joel in Erinnerung gebracht. Die unzählbare Armee der Assyrer überschwemmt das Land. Wie kann man ihr Widerstand leisten? Kann eine Handvoll Männer etwas ausrichten vor einem so gewaltigen Gegner? Dennoch lärmt die Posaune auf Zion und auf dem heiligen Berg: Somit muss man sich versammeln. Um zu kämpfen? Welche Torheit! Diese Armee ist, woran du wohl nicht denkst, armes, verblendetes Volk, die Armee des HERRN! „Der HERR lässt vor seiner Heeresmacht her seine Stimme erschallen“ (Joel 2,11). So bleibt keine Hilfsquelle übrig! Nein, keine, denn der HERR ist mit jenen, die gegen euch sind. Ja, ihr habt es da mit Ihm zu tun. Stoßt laut in die Posaune, nicht um mit einem Feind zu kämpfen, dem ihr notwendigerweise unterlegen seid, sondern um euch ins Gedächtnis vor dem HERRN zu bringen. In sein Gedächtnis? Heißt das denn nicht, Ihn an unsere Schuld zu erinnern? Zweifellos, aber „wer weiß?“! Im Herzen des HERRN, der gegen sein Volk heraufzieht, ist nicht bloß Rache zu finden. Vielleicht zieht Er die Rute seines Gerichts zurück, um sich eurer anzunehmen. „Er ist groß an Güte“ (Joel 2,13). Dies ist die wahre Bedeutung dieser Stelle und die Lösung, zu der der Geist Gottes sein schuldiges Volk führen möchte. Ach! Das gewünschte Resultat ist hier noch fern, und wir werden sehen, was noch fehlt, damit die Segnung sich über Juda und Jerusalem ergießen kann, wenn wir in Joel 2,15 den zweiten Gebrauch der Posaunen in Betracht ziehen.

„Beben sollen alle Bewohner des Landes; denn es kommt der Tag des HERRN, denn er ist nahe“ (Joel 2,1). Hier kommt der Tag des HERRN. Hier ist nicht mehr, wie in Joel 1,15, die Ankündigung dieses Tages: „Er wird kommen“, sondern: „Er kommt!“ Es ist hier der Anfang dieses schrecklichen Tages, von dem gesagt wird: „ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und der Wolkennacht. Wie die Morgendämmerung ist es ausgebreitet über die Berge“ (Joel 2,2), nicht um Licht in die Welt zu bringen, sondern im Gegenteil Finsternis, wie in Amos 4,13 gezeigt wird. Aber diese Finsternis ist noch lange nicht so schrecklich, wie die später beschriebene (Joel 3,4.5; 4,15), denn wir haben hier erst die Anfangsereignisse des Tages des HERRN. Der Feind, einem Heuschreckenheer gleich, verdunkelt noch wie eine schwarze Wolke das Licht des Tages, das bereit ist aufzugehen. In Hesekiel 38,9 lesen wir das Gleiche vom Assyrer: „Du sollst heraufziehen, wie ein Sturm herankommen, sollst wie eine Wolke sein, um das Land zu bedecken, du und alle deine Haufen und viele Völker mit dir.“ Wie der Vorgeschmack des Tages des Herrn durch die Plage im ersten Kapitel gezeichnet ist, so ist gleicherweise die Ankunft dieses zukünftigen Tages verbunden mit dem zukünftigen Einbruch des Assyrers.

Überall, wo dieses Heer durchzieht, wird das Land, das Lot einst als das Land beschaute, das gleich dem Garten Eden war, gänzlich verwüstet werden:

Vers 3

Joel 2,3: Vor ihm her verzehrt das Feuer, und hinter ihm lodert die Flamme; vor ihm ist das Land wie der Garten Eden, und hinter ihm eine öde Wüste, und auch keine Entronnenen lässt es übrig.

Dies ist eine Anspielung auf den zweiten Teil von Joel 1,19.20. Dann folgt die Beschreibung dieses Heeres:

Verse 4-11

Joel 2,4-11: Sein Aussehen ist wie das Aussehen von Pferden; und wie Reitpferde, so rennen sie. Wie Wagengerassel hüpfen sie auf den Gipfeln der Berge, wie das Prasseln der Feuerflamme, die Stoppeln verzehrt; sie sind wie ein mächtiges Volk, zum Kampf gerüstet. Vor ihm zittern die Völker, alle Angesichter erblassen. Sie rennen wie Helden, wie Kriegsleute ersteigen sie die Mauer; und sie ziehen jeder auf seinem Weg, und ihre Pfade wechseln sie nicht. Und keiner drängt den anderen, sie ziehen jeder einzeln auf seiner Bahn; und sie stürzen zwischen den Waffen hindurch und verwunden sich nicht. Sie laufen in der Stadt umher, rennen auf die Mauer, steigen in die Häuser; durch die Fenster dringen sie ein wie der Dieb. Vor ihnen erbebt die Erde, erzittert der Himmel; Sonne und Mond verfinstern sich, und die Sterne verhalten ihren Glanz. Und der HERR lässt vor seiner Heeresmacht her seine Stimme erschallen, denn sein Heerlager ist sehr groß, denn der Vollstrecker seines Wortes ist mächtig; denn groß ist der Tag des HERRN und sehr furchtbar, und wer kann ihn ertragen?

Der Prophet hat die Heuschreckenplage erlebt und entnimmt daraus seine Bilder. Alle, die Zeugen einer solchen gewesen sind, beschreiben sie ebenso. Ein Beobachter schreibt:

Dieses ungeheure ruhende Heer machte im Fressen einen ganz eigentümlichen Lärm. Wir hörten dies Geräusch schon, bevor wir diese Fresser selbst erreichten.

Ein anderer sagt:

Es ist schwer, den Eindruck zu beschreiben, den die ganze Atmosphäre macht, die nach allen Seiten und in sehr beträchtlicher Höhe von einer unzählbaren Menge dieser Insekten erfüllt ist, deren Flug langsam und gleichgeschaltet ist und deren Geräusch dem des Regens gleicht; der Himmel war dadurch verdunkelt, und das Licht der Sonne stark geschwächt.

Noch ein anderer sagt:

Zu einem kompakten Körper vereinigt, in mächtigen Bataillonen einer geradlinigen Richtung folgend, ihre Reihen wie Kriegsleute einhaltend, erklettern sie Bäume, Mauern, Häuser und zerstören unterwegs alles Grün. Ja noch mehr, wie Diebe drangen sie in alle Häuser und in die Schlafzimmer.

Hier aber übersteigt die Beschreibung des Feindes jenes Phänomen bei weitem. „Wie Wagengerassel hüpfen sie auf den Bergen, … wie ein mächtiges Volk zum Kampf gerüstet. Sie stürzen zwischen den Waffen hindurch und verwunden sich nicht. Sie laufen in der Stadt umher“ (Joel 2,5-9). Es ist „das Heerlager Gottes“, der mächtige „Vollstrecker seines Wortes“ (Joel 2,11). In Joel 2,1 kommt der Tag, der nahe ist im Augenblick, da die Posaune ertönt; hier aber: „Groß ist der Tag des HERRN und sehr furchtbar, und wer kann ihn ertragen?“ (Joel 2,11). In Joel 4,14 sehen wir ihn nochmals: „Nahe ist der Tag des HERRN im Tal der Entscheidung.“

Beachtet nun Jerusalem den lauten Ruf der Posaune? Ach, auch in jenen zukünftigen Tagen wird es so wenig darauf hören wie in den früheren Tagen. Alle Propheten unterrichten uns darüber. Jerusalem wird, indem es auf seinen Bund mit dem Römischen Reich und dem Antichristen baut, sich prahlend rühmen, „einen Bund mit dem Tod und einen Vertrag mit dem Scheol“ gemacht zu haben (Jes 28,15). Es wird sagen: „Wenn die überflutende Geißel hindurchfährt, wird sie an uns nicht kommen“ (Jes 28,15). Der Feind wird die Stadt unversehens überfallen und sich ihrer bemächtigen. Es ist zu beachten, dass es sich hier einzig um die Stadt Jerusalem und seine Mauer handelt. In der Tat haben wir hier den Schauplatz dieses Vorgangs, den Joel beschreibt; es ist Zion, das zum lauten Blasen der Posaune aufgerufen wird. Das Heer erstürmt die Mauer, verteilt sich in der Stadt, steigt in die Häuser und durch die Fenster. Jerusalem ist hier in Gegensatz zu den übrigen Städten Israels gebracht. In Hesekiel sagt der nämliche Feind, Gog: „Ich will hinaufziehen in das Land der offenen Städte, will über die kommen, die in Ruhe sind, in Sicherheit wohnen, die allesamt ohne Mauern wohnen und Riegel und Tore nicht haben: um Raub zu rauben und Beute zu erbeuten … gegen ein Volk, das aus den Nationen gesammelt ist, … das den Mittelpunkt der Erde bewohnt“ (Hes 38,11.12). Andererseits zeigt uns Sacharja 14,2, dass Jerusalem durch denselben Feind belagert und dass die Stadt (das Wort wird dreimal wiederholt, vgl. Lk 24,49) eingenommen werde. Jesaja endlich belehrt uns, dass die Stadt vor der „überflutenden Geißel“, d.h. dem Assyrer, nicht verschont bleiben wird, sondern dass man sich, wenn dann die Befreiung kommt, nicht auf den Schreiber noch auf den Wäger noch den, der die Türme zählt, stützen wird“ (Jes 28,14-21; 33,18). Daraus sieht man, dass Jerusalem, im Gegensatz zu den „offenen Städten“, als Hauptstadt und Zentrum des Widerstandes gegen den Feind vom Norden befestigt sein wird. Der Prophet geht aber weiter, und seine Sprache zeigt deutlich, dass das Heuschreckenheer nur ein schwaches Abbild des zukünftigen Einfalls des Assyrers bedeutet. „Vor ihnen erbebt die Erde, erzittert der Himmel; Sonne und Mond verfinstern sich, und die Sterne verhalten ihren Glanz“ (Joel 2,10). Darum, weil „der HERR vor seiner Heeresmacht her seine Stimme erschallen lässt, denn sein Heerlager ist sehr groß, denn der Vollstrecker seines Wortes ist mächtig; denn groß ist der Tag des HERRN und sehr furchtbar, und wer kann ihn ertragen?“ Hier ist dieser Tag nicht mehr wie am Anfang des Kapitels kommend, sondern jetzt ist er da. Da erhebt sich wiederum die Frage: Was tun? Die Antwort gibt uns Apostelgeschichte 17,30.31: „Gott gebietet jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag gesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen den Beweis davon gegeben, indem er ihn aus den Toten auferweckt hat.“ Somit ist angesichts des Gerichts die Buße das Einzige, was Gott von den Menschen fordert, und eben dies finden wir auch in unserem Propheten. Er sagt, „jetzt noch“ sei Raum zur Buße:

Verse 12.13

Joel 2,12.13: Aber auch jetzt noch, spricht der HERR, kehrt um zu mir mit eurem ganzen Herzen und mit Fasten und mit Weinen und mit Klagen. Und zerreißt euer Herz und nicht eure Kleider, und kehrt um zu dem HERRN, eurem Gott; denn er ist gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Güte und lässt sich des Übels gereuen.

Er ruft das Volk dazu auf, wie Er in Hosea 6,1 sagt: „Kommt und lasst uns zu dem HERRN umkehren; denn er hat zerrissen und wird uns heilen, er hat geschlagen und wird uns verbinden“, oder in Jakobus 4,9.10: „Seid niedergebeugt und trauert und weint; euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit und eure Freude in Niedergeschlagenheit. Demütigt euch vor dem Herrn, und er wird euch erhöhen.“

Vers 14

Joel 2,14: Wer weiß? Er könnte umkehren und es sich gereuen lassen, und er könnte Segen hinter sich zurücklassen: Speisopfer und Trankopfer für den HERRN, euren Gott.

Speisopfer und Trankopfer hatten aufgehört im Haus Gottes, seitdem seine vorlaufenden Gerichte über das Volk niedergegangen waren (Joel 1,9.13). Vielleicht werden sie dieselben jetzt wiederfinden, wenn sie Buße tun. In der Tat lesen wir (Jes 66,20, vgl. auch Jes 18,7), dass dies der Fall sein wird am Ende der Zeiten, wenn der Überrest Israels zum HERRN umgekehrt sein wird: „so wie die Kinder Israel das Speisopfer in einem reinen Gefäß zum Haus des HERRN bringen“. Dann wird das Speisopfer und Trankopfer der Überrest selbst sein, Gott dargebracht als Ihm gehörig und für Ihn bestimmt. Jedoch muss diese Buße, um wirksam zu sein, eine innerliche und nicht nur äußerliche sein: „Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider“ (Joel 2,13, vgl. Sach 12,10-14).

So stimmen alle Teile der Weissagung überein, um zu zeigen, dass die zukünftige Segnung der Juden von der mit wahrhafter Buße verbundenen Umkehr zu Gott, den sie beleidigt haben, abhängt. Der erste laute Ruf der Posaune, um das Volk ins Gedächtnis vor Gott zu bringen, als der Assyrer mit seinem Heer, des HERRN Rute, Jerusalem überfiel, war nicht gehört worden (Joel 2,1); diese Verhärtung hatte zur Folge, wie wir gesehen haben, dass der König des Nordens die Stadt einnahm, wie es Sacharja in so schlagender Weise berichtet und wovon unser Kapitel auch redet. Wird Jerusalem nun nach diesem Unglück auf den Appell des Gottes aller Gnade hören? Er ruft allen zu: „Kehrt um zu dem HERRN, eurem Gott; denn er ist gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Güte und lässt sich des Übels gereuen“ (Joel 2,13). Er gebraucht hier die Ausdrücke, wie wir sie in 2. Mose 34,6.7 finden, denn man darf nicht vergessen, dass das Volk, bzw. die Treuen des Überrestes, noch immer unter dem Bund des Gesetzes stehen. Der Prophet fügt aber hinzu: „Er lässt sich des Übels gereuen.“ Beim geringsten Zeichen der Buße kehrt Gott um und lässt es sich gereuen, ändert seine Bestimmungen in diesem Vertrag, den die zwei Parteien, Gott und Israel, eingegangen sind. Der neue Bund, für den Gott allein die Verantwortung übernommen hat, wird nur von seiner Gnade abhängig sein, allerdings wird er erst dann zur Geltung kommen, wenn der Geist Gottes im Herzen Israels eine wahre und aufrichtige Buße hervorgebracht haben wird.

Verse 15-17

Joel 2,15-17: Stoßt in die Posaune auf Zion, heiligt ein Fasten, ruft eine Festversammlung aus! Versammelt das Volk, heiligt eine Versammlung, bringt die Ältesten zusammen, versammelt die Kinder und die Säuglinge an den Brüsten; der Bräutigam trete aus seiner Kammer und die Braut aus ihrem Gemach! Die Priester, die Diener des HERRN, sollen weinen zwischen der Halle und dem Altar und sprechen: Verschone, HERR, dein Volk und gib nicht dein Erbteil der Schmähung hin, dass sie den Nationen zum Sprichwort seien! Warum soll man unter den Völkern sagen: Wo ist ihr Gott?

Die Verse 15 bis 17 sind die Antwort auf die Einladung in den Versen 12 bis 14. Unter dem Druck des Feindes, der Jerusalem verheert hat, ist der dringende Ruf zur Buße gehört worden. Nichts Geringeres als dieses letzte Unglück war nötig, um das Gewissen Judas zu erreichen. „Stoßt in die Posaune auf Zion, heiligt ein Fasten, ruft eine Festversammlung aus!“ Hier soll die Posaune nicht mehr Lärm blasen, denn es handelt sich nicht darum, gegen den Feind, der das Volk im Land bedrückt, Front zu machen, sondern um das Volk zu versammeln. „Um die Gemeinde zu versammeln, sollt ihr blasen und nicht Lärm blasen. Und die Söhne Aarons, die Priester, sollen die Trompeten blasen“ (4Mo 10,7.8). Diese Versammlung hat noch nicht den Charakter, den sie im Tausendjährigen Reich haben wird – von „der großen Versammlung“ ist gesagt: „Und an euern Freudentagen und an euren Festen und an euren Neumonden, da sollt ihr in die Trompeten blasen bei euren Brandopfern und bei euren Friedensopfern; und sie sollen euch zum Gedächtnis sein vor eurem Gott“ (4Mo 10,10) – aber sie ist eine prophetische Vorschau der endgültigen Sammlung, die ohne diese nicht zustande kommen kann. Dies ist eine Versammlung von einigen wenigen, die Versammlung des gläubigen Überrestes, der sich in ernster, aufrichtiger Buße, in Demütigung und unter Tränen in Jerusalem zusammenfindet.

Verhält es sich nicht ganz ebenso für die Gemeinde unserer gegenwärtigen Tage? Die nationale Demütigung findet heute keinen wirklichen Widerhall trotz des Unglücks, das über die Völker gekommen ist, wie wir sie in Juda finden, das aufgerufen war, „ein Fasten zu heiligen“ bei Gelegenheit der Heuschreckenplage (Joel 1,14). Die Buße ist das Teil einiger, die der Herr versiegelt hat und „die seufzen und wehklagen“ inmitten einer aufrührerischen Welt. Es geht um eine wahrhafte und nicht bloß äußerliche Buße, eine Buße, bei der die Treuen im Volk „ihre Herzen und nicht ihre Kleider zerreißen“ (Joel 2,13). Der Verfall der Kirche, das endgültige Gericht über die Christenheit, die Beschämung darüber, zu diesem Zustand beigetragen und den Namen des Christus verunehrt zu haben, bewirkt die Buße in den Herzen einer kleinen Schar, die in diesem Geist die Versammlung darstellt. Der arme Überrest aus Israel wird das zukünftige Jerusalem bilden und den Kern des irdischen Israel des Tausendjährigen Reiches ausmachen, ebenso wie der christliche Überrest von heute die große himmlische Versammlung darstellt. Jedoch ist die Demütigung Jerusalems doch in mehr als einem Punkt verschieden von der unsrigen. Zuerst wird die Buße nicht durch die Voranzeige noch zukünftiger Gerichte herbeigeführt, sondern durch den großen und sehr schrecklichen Tag des HERRN, den die Treuen ebenso wie das abtrünnige Volk durchmachen müssen, während die unsrige „vor dem kommenden Zorn“ stattfinden wird. Sodann wird jene unter der Gewissenserkenntnis, dass die Verbindung des Volkes mit Gott unterbrochen ist, stattfinden, während für uns auch dann, wenn die Sünde unsere Gemeinschaft mit Gott unterbricht, doch die Verbindung mit Ihm niemals unterbrochen werden kann, da sie auf dem vollkommenen Werk des Christus beruht.

Wie ernst wird diese zukünftige Szene sein! „Versammelt das Volk, heiligt eine Versammlung, bringt die Ältesten zusammen, versammelt die Kinder;, der Bräutigam trete aus seiner Kammer, und die Braut aus ihrem Gemach!“ (Joel 2,16). Alle Klassen des Volkes sind zur Buße aufgerufen, selbst die Kinder müssen die Last der Schuld des Volkes tragen; vom Größten bis zum Kleinsten ist keiner ausgenommen. Die intimsten Familienfreuden müssen verlassen werden, um das Fasten zu feiern. Alle bürgerlichen und religiösen Autoritäten müssen teilnehmen: „Die Priester, die Diener des HERRN, sollen weinen zwischen der Halle und dem Altar“ (Joel 2,17). Sie werden nicht einmal wagen, vor dem Altar zu stehen. Haben sie nicht das Lamm Gottes verworfen und gekreuzigt, das allein sie mit Gott zu versöhnen vermochte? Sie sagen: „Verschone, HERR, dein Volk und gib nicht dein Erbteil der Schmähung hin, dass sie den Nationen zum Sprichwort seien! Warum soll man unter den Völkern sagen: Wo ist ihr Gott?“ Hier sieht man, wie sie trotz allem und in einer Zeit, wo sie noch unter dem Urteil des „Lo-Ammi“ (= Nicht-mein-Volk) stehen, doch daran festhalten, zu sagen: „Dein Volk“. Dies ist wirklich Glaube, der den Überrest kennzeichnet, der hier redet und der, während er durchaus an sich selbst zweifelt, doch niemals an der Treue Gottes in Bezug auf seine Verheißungen gezweifelt hat. Wie oft werden die Worte „Wo ist ihr Gott?“ in den Ohren des unter den Nationen flüchtigen Überrests ertönen! Es wird dies besonders während der durch das Tier und den falschen Propheten hervorgerufenen Verfolgung, wie es in den Psalmen zu sehen ist (Ps 42,3.10; 79,10; 115,2), der Fall sein; jetzt ertönen sie in den Ohren des in Jerusalem gebliebenen Überrests. Oh, wie werden diese Worte die bußfertigen Herzen der Treuen brennend durchdringen! Sind es nicht die gleichen Worte, die ihre Väter einst gegen den Messias, als Er für Israel starb, ausgerufen haben: „Er vertraute auf Gott, der errette Ihn jetzt, wenn er ihn begehrt; denn er sagte: Ich bin Gottes Sohn“ (Mt 27,43).

Was war das Fasten zur Zeit der Heuschreckenplage im Vergleich zum gegenwärtigen Fasten? Eine vorübergehende Zerknirschung des Herzens, selbst dann, wenn es sich erwehrt hätte, dass Jerusalem dem Aufruf „Heiligt ein Fasten!“ Folge geleistet hätte. Denn, wie wir gesehen haben, damals hat ein Einziger geantwortet: „Zu dir, HERR, rufe ich“ (Joel 1,19). Jetzt aber ist die Demütigung aufrichtig, die Buße vollständig. Dies ist die große Wehklage Jerusalems, von der der Prophet Sacharja redet (Sach 12,10-14). Gesegnete Sache, diese Demütigung! Sie lässt uns das Angesicht Gottes wiederfinden! Und doch, wie viele Jahrhunderte lang hat der HERR darauf gewartet, umsonst gewartet, dass dieses widerspenstige Volk Buße tun würde. Hat es sich gedemütigt über seinen Götzendienst? Hat es sich gedemütigt, dass es den Sohn Gottes, seinen Messias, ans Kreuz genagelt hat? Ach, wie sehr ist das Herz des Menschen, unser aller Herz, doch aufrührerisch, widerspenstig, hochmütig und vom eigenen Willen beherrscht. Sind alle diese Dinge, die in der Geschichte Israels dargestellt werden, nicht zu unserer Unterweisung berichtet? Sind wir, wenn uns das Gewissen, dieser unerbittliche Beurteiler, sagt, dass wir gesündigt haben, bereit, es anzuerkennen? Oder sind wir nicht vielmehr wie Adam bereit, uns zu entschuldigen, als ob Entschuldigungen uns weißwaschen könnten? Wir entschuldigen unsern Weltsinn, unsere Lauheit, unsere Feigheit, unsern Mangel an Tätigkeit für die Sache des Christus, und das Letzte, woran wir denken, ist, „das Fasten zu heiligen“. Es geschieht mehr als einmal, dass wir ähnlich wie David irgendeinen verborgenen Fehler bei uns behalten und die Stimme des Gewissens ersticken, wenn sie sich regen will, indem wir vergessen, dass Gott alles gesehen hat, bis endlich der „große und schreckliche Tag des HERRN“ kommt, der Tag, an dem alles bloß und aufgedeckt wird und der Schuldige endlich ausruft: „Ich habe gegen den Herrn gesündigt!“

Ja, die Demütigung ist eine sehr ernste und schmerzliche Sache. Sie ist das Messer des Wundarztes, das an die nicht getöteten Glieder gelegt wird, die natürlich aufschreien, wenn das Instrument das lebendige Fleisch berührt. Aber wie wertvoll und kostbar ist die Demütigung! „Bevor ich gedemütigt wurde, irrte ich“, sagt der Psalmist. „Es ist gut für mich, dass ich gedemütigt wurde“ (Ps 119,67.71).

Verse 18.19

Joel 2,18.19: Dann eifert der HERR für sein Land, und er hat Mitleid mit seinem Volk. Und der HERR antwortet und spricht zu seinem Volk: Siehe, ich sende euch das Korn und den Most und das Öl, dass ihr davon satt werdet; und ich werde euch nicht mehr zum Hohn machen unter den Nationen.

Der Segen wird nicht auf sich warten lassen; man kann sehen, wie er sich sofort zeigt! Wenn wir das gewusst hätten, wie wären wir wohl schnell bereit gewesen, unsere Stirn in den Staub zu beugen, unsere Sünden vor dem Vater zu bekennen, der treu und gerecht ist, zu vergeben und uns von aller Ungerechtigkeit zu reinigen! Wie herzbewegend ist nun die augenblickliche Antwort Gottes nach den vielen Jahrhunderten der Verhärtung dieses Volkes, das seinen Erlöser und König verworfen hatte! „Dann eifert der HERR für sein Land, und er hat Mitleid mit seinem Volk. Und der HERR antwortet und spricht zu seinem Volk: Siehe, ich sende euch das Korn und den Most und das Öl, dass ihr davon satt werdet; und ich werde euch nicht mehr zum Hohn machen unter den Nationen“ (Joel 2,18.19). „Verschone, HERR, dein Volk“, hatte der Überrest gesagt (Joel 2,17), indem er an die frühere Verbindung zwischen Gott und ihm erinnert, während er noch unter dem Urteil des „Lo-Ammi“ war und der große und schreckliche Tag des HERRN über ihn gekommen war. Sogleich antwortet Gott seinem Volk. Das Urteil wird aufgehoben und für immer beseitigt, die Verbindungen mit Gott wiederhergestellt und alle irdischen Segnungen finden sich wieder, denn es handelt sich hier um das irdische Bundesvolk Gottes. „An dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: ,Ihr seid nicht mein Volk!‘, wird zu ihnen gesagt werden: ,Kinder des lebendigen Gottes‘“ (Hos 1,10). Korn, Most und Öl, Speisopfer und Trankopfer, die bei den vorbereitenden Gerichten weggenommen worden waren, werden wieder das Teil des Volkes sein, das davon gesättigt sein wird. Das Haus des HERRN, das während einer halben Jahrwoche „ohne Opfer und Speiopfer war“, wird wieder offen stehen (Dan 9,27); der Treue kann sich Gott in seinem Tempel nahen und ist nicht mehr „zum Sprichwort unter den Nationen“, die sagen: „Wo ist ihr Gott?“ (Joel 2,17.19).

Vers 20

Joel 2,20: Und ich werde den von Norden Kommenden von euch entfernen und ihn in ein dürres und wüstes Land vertreiben, seinen Vortrab in das vordere Meer und seinen Nachtrab in das hintere Meer; und sein Gestank wird aufsteigen, und aufsteigen sein übler Geruch, weil er Großes getan hat.

Was aber wird der HERR mit dem Assyrer tun, dieser Rute seines Zornes, die das Land Israel verheert und sich sogar der Heiligen Stadt bemächtigt hat? „Ich werde den von Norden Kommenden von euch entfernen und ihn in ein dürres und wüstes Land vertreiben, seinen Vortrab in das vordere Meer und seinen Nachtrab in das hintere Meer; und sein Gestank wird aufsteigen, und aufsteigen sein übler Geruch, weil er Großes getan hat“ (Joel 2,20).

Dieses Ereignis, von dem das Gericht über Sanherib zur Zeit Hiskias nur ein schwaches Vorbild ist (2Kön 19,35; 2Chr 32,21), wird von den Propheten, die uns das Gericht über den zukünftigen Assyrer kundtun, immer wieder erwähnt. So Jesaja 10,24-27: „Darum spricht der Herr, HERR der Heerscharen: Fürchte dich nicht, mein Volk, das in Zion wohnt, vor Assur, wenn er dich mit dem Stock schlagen und seinen Stab gegen dich erheben wird nach der Weise Ägyptens! Denn noch eine ganz kurze Zeit, so wird der Grimm zu Ende sein und mein Zorn sich wenden zu ihrer Vernichtung. Und der HERR der Heerscharen wird über ihn die Geißel schwingen wie in der Niederlage Midians am Felsen Oreb; und sein Stab wird über das Meer sein, und er wird ihn erheben, wie er ihn über Ägypten erhob. Und es wird an jenem Tag geschehen, dass seine Last weichen wird von deiner Schulter und sein Joch von deinem Hals; und das Joch wird gesprengt werden infolge des Fettes.“

Ebenso Jesaja 14,24.25: „Der HERR der Heerscharen hat geschworen und gesprochen: Ja, wie ich es zuvor bedacht habe, so geschieht es; und wie ich es beschlossen habe, so wird es zustande kommen: dass ich Assyrien in meinem Land zerschmettern und es auf meinen Bergen zertreten werde. Und so wird sein Joch von ihnen weichen, und seine Last wird weichen von ihrer Schulter.“

Und Hesekiel sagt von Gog, dem Assyrer: „Du wirst von deinem Ort kommen, vom äußersten Norden her, du und viele Völker mit dir, auf Pferden reitend allesamt, eine große Schar und ein zahlreiches Heer. Und du wirst gegen mein Volk Israel hinaufziehen wie eine Wolke, um das Land zu bedecken. Am Ende der Tage wird es geschehen“ (Hes 38,15.16).

„Und ich werde nach allen meinen Bergen hin das Schwert über ihn herbeirufen, spricht der Herr, HERR; das Schwert des einen wird gegen den anderen sein. Und ich werde Gericht an ihm üben durch die Pest und durch Blut; und einen überschwemmenden Regen und Hagelsteine, Feuer und Schwefel werde ich regnen lassen auf ihn und auf seine Scharen und auf die vielen Völker, die mit ihm sind“ (Hes 38,21.22).

Derselbe Prophet sagt auch: „Siehe, ich will an dich, Gog … Und ich werde dich herumlenken und herbeiführen und dich heraufziehen lassen vom äußersten Norden her und dich auf die Berge Israels bringen. Und ich werde dir den Bogen aus deiner linken Hand schlagen und deine Pfeile aus deiner rechten Hand werfen. Auf den Bergen Israels wirst du fallen, du und alle deine Scharen und die Völker, die mit dir sind; den Raubvögeln jeder Art und den Tieren des Feldes habe ich dich zum Fraß gegeben; auf dem freien Feld sollst du fallen. Denn ich habe geredet, spricht der Herr, HERR“ (Hes 39,1-5).

„Siehe, es kommt und wird geschehen, spricht der Herr, HERR. Das ist der Tag, von dem ich geredet habe“ (Hes 39,8).

Ebenso auch Daniel: „Und der König des Nordens wird gegen ihn anstürmen mit Wagen und mit Reitern und mit vielen Schiffen; und er wird in die Länder eindringen und wird sie überschwemmen und überfluten. Und er wird ins Land der Zierde eindringen, und viele Länder werden zu Fall kommen; diese aber werden seiner Hand entkommen: Edom und Moab und die Vornehmsten der Kinder Ammon. Und er wird seine Hände an die Länder legen, und das Land Ägypten wird nicht entkommen; und er wird die Schätze an Gold und Silber und alle Kostbarkeiten Ägyptens in seine Gewalt bringen, und Libyer und Äthiopier werden in seinem Gefolge sein. Aber Gerüchte von Osten und von Norden her werden ihn erschrecken; und er wird ausziehen in großem Grimm, um viele zu vernichten und zu vertilgen. Und er wird seine Palastzelte aufschlagen zwischen dem Meer und dem Berg der heiligen Zierde. Und er wird zu seinem Ende kommen, und niemand wird ihm helfen“ (Dan 11,40-45).

Erwähnen wir zum Schluss noch Micha 5,5: „Und er wird uns von Assyrien erretten, wenn es in unser Land kommen und wenn es in unsere Grenzen treten wird.“

Somit wird der, „der von Norden kommt“, der Assyrer[4], nachdem er zuerst Jerusalem überrumpelt hat und weitergezogen ist, um Ägypten zu überrennen, gegen die Stadt und das „Land der Zierde“ (Palästina) zurückkommen und dort durch die unmittelbare Dazwischenkunft des Herrn vernichtet werden: „Ich werde den von Norden Kommenden von euch entfernen“ (Joel 2,20). Dann, und erst dann, wird die endgültige Befreiung Jerusalems erfolgen, die ein erstes Mal geschichtlich und als Vorbild unter Hiskia teilweise geschah, als ein Engel des Herrn 185.000 Mann im Lager Sanheribs schlug, des Königs von Assyrien, der Jerusalem belagerte, aber nicht einnahm. Dieser Feind wird „in ein dürres und wüstes Land [die Wüste Juda?] vertrieben werden, sein Vortrab in das vordere Meer [das Tote Meer] und sein Nachtrab in das hintere Meer [das Mittelmeer].“ Die Leichname dieser großen Menge werden den Boden bedecken und „ihr Gestank wird aufsteigen und aufsteigen ihr übler Geruch“. (Eine neue Anspielung auf das Heuschreckenheer, dessen Gestank die Luft verpestet.) Es wird eine plötzliche und schreckliche Vernichtung über diesen letzten Feind Israels kommen, „weil er Großes getan hat“ (Joel 2,20).

Gott allein wird es zustande bringen:

Vers 21

Joel 2,21: Fürchte dich nicht, Erde; frohlocke und freue dich, denn der HERR tut Großes.

In der Tat wird der Hochmut des Menschen, der der Zertretung vorangeht, sein Hass gegen Gott und sein Volk, das Böse, Plünderung und Zerstörung ­– alles das wird zunichtegemacht werden, sobald Gott sich aufmacht, um einzugreifen. Gott tut große Dinge! Wenn seine Gerichte schwer sind, wenn „sein Tag groß und sehr schrecklich ist, wenn der Assyrer, durch den er sein Volk züchtigt, seine große Armee“ ist (Joel 2,25), dann sind seine Barmherzigkeit, seine Gnade und seine Befreiung noch viel größer. Die Größe seines göttlichen Wesens besteht darin, dass Er seine Rettungen direkt aus seinen Gerichten hervorgehen lässt. Er ist vor allem darin groß, dass Er Wesenszüge, die mit dem Geist des Menschen völlig unvereinbar sind – seine Gerechtigkeit und seine Gnade, seine Heiligkeit und seine Liebe –, miteinander zu verbinden vermag. Ja, der Herr wird große Dinge für Israel tun, es wird dies beim Aufgang der Regierung des Messias erkennen; aber, sein Name sei gelobt, diese Dinge sind für uns längst bereitet, ohne dass es uns etwas kostet und ohne dass wir zuerst den Tag der großen Drangsal durchschreiten müssen, um seine Barmherzigkeit kennenzulernen! Auf Golgatha, wo das Gericht über unseren Stellvertreter gegangen ist, hat Gott, indem Er seinen eigenen Sohn dahingab, seinen Hass gegen die Sünde und seine Liebe gegen den Sünder sich küssen lassen (Ps 85,11).

Verse 22-24

Joel 2,22-24: Fürchtet euch nicht, ihr Tiere des Feldes, denn es grünen die Weideplätze der Steppe; denn der Baum trägt seine Frucht, der Feigenbaum und der Weinstock geben ihren Ertrag. Und ihr, Kinder Zions, frohlockt und freut euch in dem HERRN, eurem Gott! Denn er gibt euch den Frühregen nach rechtem Maß, und er lässt euch Regen herabkommen: Frühregen und Spätregen wie zuvor. Und die Tennen werden voll Getreide sein und die Fässer überfließen von Most und Öl.

Infolge der Niederlage des Assyrers werden alle Plagen, die auf das Land gekommen sind, verschwinden. Die Erde wird wieder grün werden, die Felder mit reicher Ernte gesegnet sein, der Weinstock und der Feigenbaum – Glücksbilder von Israel – werden ihre Frucht tragen. Die Speisopfer und Trankopfer werden dem HERRN wieder dargebracht werden können. Dieselben Verheißungen finden sich auch in Hesekiel 36,29.30: „Und ich werde das Getreide herbeirufen und es mehren und keine Hungersnot mehr auf euch bringen. Und ich werde die Frucht des Baumes und den Ertrag des Feldes mehren, damit ihr nicht mehr den Schimpf einer Hungersnot tragt unter den Nationen.“

Vers 25

Joel 2,25: Und Ich werde euch die Jahre erstatten, die die Heuschrecke, der Abfresser und der Vertilger und der Nager gefressen haben – mein großes Heer, das ich unter euch gesandt habe.

Das Land wird wieder gesegnet und vor aller Bedrängnis geschützt sein, die Gott in den Tagen der Untreue und der Verhärtung über sein Volk kommen lassen musste.[5]

Die Zeit des Friedens, die die Schöpfung unter der Herrschaft des Messias genießen wird, ist nicht von nebensächlicher Bedeutung und sollte unsere Herzen mit Freude und Hoffnung erfüllen: „Auch die Schöpfung selbst wird frei gemacht werden von der Knechtschaft des Verderbnisses zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und mit in Geburtswehen liegt bis jetzt“ (Röm 8,21.22).

„Und ihr, Kinder Zions, frohlockt und freut euch in dem HERRN, eurem Gott! Denn Er gibt euch den Frühregen nach rechtem Maß, und er lässt euch Regen herabkommen; Frühregen und Spätregen wie zuvor“ (Joel 2,23). Es handelt sich hier um rein zeitliche Segnungen: den ersten Regen, der auf die Aussaat im Oktober folgt, und den zweiten im März, infolge dessen das im Oktober gesäte Korn eine reiche Ernte verspricht. Es ist aber zu beachten, dass der Segen des Regens, durch den Ernte und Weinlese gesichert werden, an die Gegenwart des Herrn, des Messias, des Königs, inmitten des Volkes gebunden ist. „Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt“ (Hos 6,3). „Im Licht des Angesichts des Königs ist Leben, und sein Wohlgefallen ist wie eine Wolke des Spätregens“ (Spr 16,15).[6]

Verse 26.27

Joel 2,26.27: Und ihr werdet essen, essen und satt werden und werdet den Namen des HERRN, eures Gottes, preisen, der Wunderbares an euch getan hat. Und mein Volk soll nie mehr beschämt werden. Und ihr werdet wissen, dass ich in Israels Mitte bin und dass ich, der HERR, euer Gott bin und keiner sonst. Und mein Volk soll nie mehr beschämt werden.

Dann wird der Herr seine Beziehungen zu seinem einst „Lo-Ammi“ genannten Volk wieder öffentlich aufnehmen und anerkennen; dann wird auch das Volk selbst sich freuen im Namen seines Gottes: „Ihr werdet den Namen des HERRN, eures Gottes, preisen, der Wunderbares an euch getan hat. Und mein Volk soll nie mehr beschämt werden. Und ihr werdet wissen, dass ich in Israels Mitte bin und dass ich, der HERR, euer Gott bin und keiner sonst. Und mein Volk soll nie mehr beschämt werden“ (Joel 2,26.27). Alle Beschämung wird vergangen sein (vgl. Joel 1,10-12); der Herr der Herrlichkeit wird seinen Platz inmitten seines Volkes einnehmen. Damit schließt dieser Teil des Buches Joel.

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Anmerkungen

[1] Anmerkung des Übersetzers (1946): Zu diesem wie schon bemerkt im Jahre 1914–15 geschriebenen Ausführungen des längst heimgegangenen Verfassers gibt die heutige russische Politik eine höchst bedeutsame Bestätigung. Die immer größer werdende Allgewalt Russlands, die Tendenz, seine Nachbarstaaten – so ziemlich eben die in Hesekiel 38–39 angeführten Völker – unter seine Botmäßigkeit zu bringen, sein Vordringen im Fernen Osten und besonders in der Richtung Palästinas usw., alles trägt deutlich das Gepräge jener Stellen der Heiligen Schrift, welche die Entwicklung zum Gog und Magog voraussagen. Dies muss folgerichtig auch zum Auftauchen des römischen Weltreiches und zu den Endauseinandersetzungen führen. Jede einzelne Weissagung findet heute ihre Bestätigung.

[2] Über den Assyrer siehe ferner: Jesaja 5,26.27; 7,18-25; 10,12; 14,24; Hesekiel 31,12; Micha 5,5; Nahum 3; und über den König des Nordens: Daniel 8,21-24; 11,40-45; Joel 2,20.

[3] Nur bei einer einzigen Gelegenheit zeichnet das Wort unter diesem Bild einen südlichen Feind; dies in völliger Übereinstimmung mit der Herkunft der Heuschrecken, welche fast ausschließlich aus dem Süden und Osten kommen, nämlich in Richter 6,5, wo Midian, Amalek und die Söhne des Ostens zahlreich wie die Heuschrecken über Israel herfallen. In allen übrigen Stellen wird dieses Bild für den Feind aus Norden kommend gebraucht, z.B. in Jeremia 46,20.23; 51,14.27.

[4] Wir wiederholen: „Der König des Nordens“ oder „Der von Norden kommt“ ist nicht Nebukadnezar, wiewohl Chaldäa und die benachbarten Länder oftmals „der Norden“ genannt werden.

[5] Anmerkung des Übersetzers: Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, die ungeheuren Land- und Städtezerstörungen, die furchtbaren Nöte der Nachkriegszeit geben uns eine deutliche Vorahnung von der Entwicklung auf diesem Gebiet, woraus die Schrecken der Endzeit, die alles Bisherige noch weit übertreffen werden, erkennbar werden.

[6] Über den Regen siehe auch 5. Mose 11,14; Psalm 84,7; 2. Samuel 23,4; Jeremia 5,24; Sacharja 10,1.


Französischer Originaltitel: Le Livre du prophète Joël


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