Der Prophet Haggai
Einleitung

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 21.05.2019, aktualisiert: 12.06.2019

Einleitung

Es gibt sechs Bibelbücher des Alten Testamentes, die man gewinnbringend zusammen lesen kann. Ich meine Esra, Nehemia und Esther von den historischen Büchern der Bibel zusammen mit den prophetischen Botschaften von Haggai, Sacharja und Maleachi. Man könnte noch ein siebtes Buch hinzufügen, und zwar das Buch Daniel, das die Übungen der Seele zeigt, die zur Wiederherstellung führen.

Das Buch Esra beginnt damit, dass das Volk des HERRN in der Gefangenschaft der Perser ist: Sie lebten nun in den Provinzen, die einst von den Königen Babylons kontrolliert wurden. Gottes Mittelpunkt, die Stadt Jerusalem, wohin Er seinen Namen gesetzt hatte, war ein verbrannter Trümmerhaufen. Die Mauern der heiligen Stadt waren niedergerissen worden, und die Steine der Mauer waren unter einem Haufen von Schutt begraben. Dies alles kann gut als ein Bild der Unterwerfung der Kirche Gottes unter menschliche Systeme von Irrtum und Aberglauben betrachtet werden. Für lange Jahrhunderte war die Wahrheit, sich einfach zum Namen des Herrn Jesus hin zu versammeln, verlorengegangen. Der Ort seines Namens – wie wir sagen könnten  – war in Jerusalem, das von seinen Feinden zerstört worden war. Die Mauern, die von der göttlichen Absonderung von der Welt sprachen, die die Kirche als „ein verschlossener Garten“ [Hld 4,12] hätte bewahren sollen, waren vollständig abgerissen worden. Kirchlicher Abfall verschiedenster Art hatte die Wahrheit so sehr begraben, dass es schien, als sei sie unwiederbringlich verlorengegangen. Absonderung vom Bösen ist jedoch immer Gottes Grundsatz für sein Volk.

Trotz allem wachte Gott über alles, und in seiner Gnade erweckte Er ein Zeugnis über diese wertvollen und wichtigen Lehren, die so lange Zeit in seinem Wort geschlummert hatten. Das Ergebnis war eine Bewegung, sehr ähnlich wie die, die im Bericht Esras ausführlich beschrieben wird. Von der Verwirrung menschlicher Theologie und von menschengemachten Sekten und Parteien kehrten einige Menschen, deren Herz Gott berührte, zurück zu der Schlichtheit der frühen Tage. In großer Schwachheit, aber auch in großer Frische und mit einer tiefen Einsicht in den Verfall der Kirche, als ein Zeugnis für Gott in der Welt und weil sie ihren eigenen traurigen Beitrag in all diesem sahen, kehrte ein Überrest zum Herrn um, indem sie in seinem Namen den Mittelpunkt des Zusammenkommens fanden und allem entsagten, für dass sie kein „So spricht der Herr“ finden konnten. Dies alles ist sozusagen vorgeschattet im Buch Esra, oder zumindest wird eine ähnliche Bewegung abgebildet. Es gibt eine Trennung der Reinen von den Unreinen, eine Herausnahme der Kostbaren von den Wertlosen und den Wiederaufbau des Altars, den Maleachi „den Tisch des HERRN“ nennt (Mal 1,7), Um diesen Altar versammelte sich der erlöste Überrest, in nichts groß außer dem Glauben, der sie dazu geführt hatte, die Ansprüche des HERRN über alles andere zu stellen, denn die Umstände ihres Lebens unter der Macht der Perser waren derart, dass sie angenehmer und geruhsamer im Land ihrer Gefangenschaft hätten wohnen können als im Land Israel.

Nehemia hebt die Notwendigkeit einer vollständigen Trennung von allem, was dem Willen Gottes entgegensteht, hervor. Er kommt später als Esra, aber seine besondere Arbeit besteht darin, Jerusalem wiederherzustellen und aufzubauen. Der Überrest, angeführt von diesem treuen Diener, beteiligte sich daran, die Mauer aufzubauen, die dazu diente, sie für ihren Gott einzuschließen – was den Ärger ihrer Nachbarn erregte, weil sie das nicht anders als geheimnisvolle Exklusivität betrachten konnten. Stück für Stück räumten sie den Schutt der Jahre weg und brachten die Steine der Mauer einen nach dem anderen ans Licht und fügten sie in die vorgesehenen Stellen ein. Sicherlich gab es hier eine Ähnlichkeit zu denen, die sich zuerst in aller Schwachheit und mit wenig Licht um den Tisch des Herrn versammelten. Allmählich, um das Zeugnis des Heiligen Geistes zu offenbaren, wurden die Gedanken der Menschen zur Seite gelegt, der Schutt des Traditionalismus wurde weggewischt, und die Steine der göttlichen Wahrheit wurden wiederentdeckt und zu einer Mauer der Absonderung aufgebaut. Dies ärgerte die Institutionen, die es nicht ertragen konnten, dass ein Werk Gottes ausgeführt wurde, ohne dass sie einen Einfluss darauf haben konnten. Doch unbeeindruckt von dem Gespött, unbeirrt von den Bedrohungen und nicht verführt von Hilfsangeboten derer, die keinen Teil an dem Werk hatten, wurde die Arbeit fortgeführt, bis die Mauer fertiggestellt wurde. Die Wahrheit über die Praxis und die Stellung des Gläubigen, die Entfaltung des großen Geheimnisses von Christus und der Gemeinde und die Vielzahl der kostbaren Wahrheiten verbunden mit dem Wiederkommen des Herrn und dem Tag des Herrn mit seiner heiligenden Auswirkung auf Herz und Leben – einer nach dem anderen wurden diese Steine der Mauer der Absonderung wiederentdeckt. Dies geschah oft unter dem Einsatz größter Übungen und Seelenkämpfe, verbunden mit ernsten Auseinandersetzungen mit dem Feind, sowohl nach innen als auch nach außen. So wurde Gott verherrlicht und sein Volk gesegnet.

Im Buch Esther ist Gottes gnädige Fürsorge aufgerichtet über diejenigen, die entschieden hatten, zu bleiben, wo sie waren, anstatt zu Gottes Mittelpunkt zurückzukehren. Aber das habe ich an anderer Stelle ausführlich erläutert.[1]

Wie schön wäre es, wenn der Bericht Esras und Nehemias das Einzige wäre, was es zu berichten gäbe. Aber leider ist es das nicht. Bereits nach kurzer Zeit ist fast all das Böse, das zuvor außerhalb der Mauer war, auch innerhalb der Mauer zu finden. Stolz, Uneinigkeit, Habsucht, Weltlichkeit in ihren verschiedenen Formen, Selbstsucht und ähnliche unheilige Dinge, die keine Mauer aufzuhalten vermochte (denn diese Dinge wohnten in den Herzen des Überrestes und wurden nicht gerichtet, sondern geduldet), entstellten bald schon das schöne Bild, das wir gesehen haben. Und wer Augen hat, um zu sehen, und ein Herz hat, um zu verstehen und zu trauern, dem kann es nicht verborgen bleiben, wie wir in all dem ebenfalls ein Bild von dem haben, was so traurig wahr ist bei denjenigen, die sich glücklich rühmen, dass Christus allein ihr Mittelpunkt ist und sein Name ihr starker Turm.

Aber Gott ließ sein Volk nicht ohne einen Dienst, der das Gewissen aufwühlte; unter dem zurückkehrenden Überrest erweckte Er Propheten, deren Botschaften zu Selbstgericht und Demütigung der Seele in seiner Gegenwart führten. Haggai und Sacharja traten zu diesem Zeitpunkt auf wie glänzende Pfeile aus dem Köcher des HERRN, dessen Ziel es war, die so bevorrechtigten Herzen zu sich selbst zurückzurufen. Die Aufgabe Sacharjas war es vor allem, die kommenden Herrlichkeiten zu entfalten, so dass das Volk dazu bewegt würde, im Licht des kommenden Tages zu leben. Er ist eindeutig „der Prophet der Herrlichkeit“. Haggais Verantwortung war es auf der anderen Seite, ihr Gewissen zu erreichen bezüglich der Umstände, die aktuell existierten, und sie mit Posaunenstimme zurückzurufen auf einen Weg der praktischen Heiligkeit, der beachtlichen Segen zur Folge hatte.

Dass Maleachi eine Generation später folgt und den vollständigen Zusammenbruch des Volkes beklagt, ist eine ernste Warnung und kann durchaus auch uns dazu veranlassen, unser Herz auf unsere Wege zu richten, die wir heute begehren, auf das zu antworten, was ich schon betrachtet habe. Die Wahrheit allein bewahrt uns nicht, wenn sie nicht mit der Übung verbunden ist, in ihrer Kraft zu leben und durch sie geleitet zu werden.

Nichts ist schlimmer, als zu sehen, wie ungeistliche, fleischliche Menschen in Wortstreit geraten über die feinen Unterschiede in der Bedeutung bestimmter Linien der Wahrheit, während ihre unheiligen Wege eine Schmach sind für denjenigen, dessen Wahrheit es ist.

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Gott durch das Gewissen lehrt, nicht nur durch den Kopf; deshalb irren brillante, begabte Menschen oft umher, wo demütige, gottesfürchtige Menschen sicher wandeln! Gesegnet ist es, wenn Gabe und Frömmigkeit übereinstimmen. Es ist in der Tat bedauerlich, wenn sie voneinander losgelöst sind!

Von Haggai selber wird wenig in der Schrift berichtet. Weder der Name seines Vaters noch seine Stammeszugehörigkeit in Israel werden erwähnt. Er erscheint plötzlich auf den inspirierten Seiten der Bibel in Esra 5,1, in all der Würde eines vom Himmel berufenen Botschafters und mit keiner anderen Legitimation, als dass das Wort des HERRN auf seinen Lippen war und die Kraft des HERRN sich in seinen Wegen zeigte. Und das ist sicherlich genug Legitimation. Gott hatte ihn tauglich gemacht, ein „Bote des HERRN, kraft der Botschaft des HERRN“ (Hag 1,13) zu sein, wie Haggai es selber ausdrückt. Darin sehen wir etwas sehr Schönes. Es zeigt uns den göttlichen Charakter des prophetischen Dienstes – ein Dienst, den wir in unseren Tagen sehr nötig haben und für den wir sehr dankbar sein können. „Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung“ (1Kor 14,3). Solch ein Dienst wird durch den Heiligen Geist gegeben und wird immer Segen mit sich bringen, denn was Gott gibt, wird niemals leer zurückkehren. Was dieser Dienst im Fall Haggais bedeutete, werden wir nun im Folgenden untersuchen.

Nächster Teil

 

Anmerkungen

[1] Siehe „Notes on the Book of Esther“.


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Haggai“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Katharina Bühne

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