Der Brief an die Hebräer
Einleitung

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 10.06.2019, aktualisiert: 05.07.2019

Einführung

Dieser Brief ist einer von vier inspirierten Briefen, die geschrieben wurden, um jüdische Christen in der Wahrheit des Christentums zu befestigen. Diese Briefe (Hebräer, Jakobus, 1. und 2. Petrus) – manchmal auch „die Hebräer-Christen-Briefe“ genannt – befassen sich speziell mit Themen, die Gläubige betreffen, die aus dem Hintergrund des Judentums kommen.

Der Brief an die Hebräer beschäftigt sich mit dem Ringen eines jüdischen Gläubigen, der das Judentum zugunsten des Christentums verlässt. Da die Hebräer in einem langen und reichen Erbe im Judentum aufgewachsen waren, das ihnen von Gott durch Mose geschenkt worden war, ist es verständlich, warum sie Schwierigkeiten hatten, es loszulassen. Ihr Gewissen war so gebildet worden, diesen jüdischen Weg des Nahens zu Gott anzunehmen; diesen Weg aufzugeben, gab ihnen das Gefühl, als würden sie ihr Gewissen missachten. Was sie verstehen mussten war, dass genau derselbe Gott, der das Judentum vor langer Zeit eingerichtet hatte, sie jetzt aus dem Judentum herausrief, weil Er im Christentum etwas Besseres für sie in seinem Sohn hatte. Der Schreiber des Briefes nennt dies den „neuen und lebendigen Weg“ des Nahens zu Gott (Heb 10,20). Wenn jedoch die Dinge, die in diesem Brief vorgestellt werden, richtig verstanden und im Glauben umgesetzt werden, würden sie den jüdischen Gläubigen von diesem System befreien und ihn auf dem christlichen Weg fest verankern.

Warum das Judentum verlassen?

Für einen Juden, dessen Denken im Judentum verankert war, ist die ganze Idee, die gottgegebene Religion zu verlassen, undenkbar. Er fragt: „Warum sollte jemand das, was Gott eingerichtet hat als den richtigen und geeigneten Weg für die Menschen, um sich Ihm in der Anbetung zu nahen, verlassen wollen? Es wäre Ungehorsam!“ Die Antwort ist zweierlei:

  1. Erstens hatten diese jüdischen Opfer, Formen und Riten ihren Zweck als „Vorbild“ der „zukünftigen Güter“ ausgedient; sie sind nun in der Ankunft Christi erfüllt worden (Heb 8,5; 9,11; 10,1). Die Segnungen, die von seinem vollbrachten Werk am Kreuz ausgehen, sind nicht nur für Christen, sondern auch für Israel und die heidnischen Nationen, die in seinem kommenden tausendjährigen Königreich gesegnet werden (siehe Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 27, S. 385), so dass es jetzt keine Notwendigkeit mehr für den „Schatten“ dieser Dinge im Judentum gibt, wenn wir „der Dinge Ebenbild selbst“ haben (Heb 10,1).

  2. Zweitens hat Gott eine neue himmlische Gesellschaft von Gläubigen ins Leben gerufen (die Kirche), die von Israel getrennt und verschieden ist, die im Nahen zu Gott keine äußeren Formen und Rituale braucht. Bevor das Fundament der Welt gelegt wurde – also bevor Gott Israel in eine Bündnisbeziehung mit sich selbst berief –, wollte Er diese himmlische Gemeinschaft von Gläubigen aus der Welt rufen und ihnen eine himmlische Berufung mit Christus geben. Gott offenbarte dies in alttestamentlicher Zeit nicht, sondern wartete darauf, dass die Erlösung im Tod Christi am Kreuz vollbracht wurde. Danach sandte Gott den Geist, um dieses Geheimnis zu enthüllen, und zwar in dem, was das Neue Testament „das Geheimnis“ nennt (Röm 16,25; 1Kor 4,1; Eph 1,8-10; 3,3-11; 5,32; 6,19; Kol 1,5.25-27; 2,2.3).

Die Berufung und Bildung der Kirche würde für die Juden ein völlig neues Konzept darstellen, denn sie ist etwas, was außerhalb des Rahmens der Offenbarung liegt, die ihnen im Alten Testament gegeben wurde. Die Bildung der Gemeinde in der heutigen Zeit stört in keiner Weise die Verheißungen Gottes, Israel gemäß dem, was ihre Propheten lehrten, zu segnen. Gott wird sein Wort für sie bewahren und sie auf der Erde im Tausendjährigem Reich Christi segnen. Im Gegensatz dazu ist die Segenssphäre der Kirche in Christus himmlisch. So wird es im kommenden Königreich zwei Sphären der Herrlichkeit und des Segens für erlöste Menschen geben – „in den Himmel“ und „auf der Erde“ (Eph 1,10).

Juden und Heiden, die heute an das Evangelium der Gnade Gottes glauben, sind mit dem Heiligen Geist versiegelt und werden dadurch Teil dieser neuen himmlischen Gesellschaft. Denn ihre Berufung und Bestimmung ist es, ewig bei Christus im Himmel zu wohnen (1Kor 15,48.49; 2Kor 5,1; Eph 1,3; 2,6; 6,12; Phil 3,20; Kol 3,1.2; Heb 3,1; 8,1.2; 9,11; 10,19-22; 11,16; 12,22; 13,14; 1Pet 1,4); ihnen wurde „ein neuer und lebendiger Weg“ gegeben, damit sie in das „das Heiligtum“ in die unmittelbare Gegenwart Gottes eintreten können (Heb 10,19-22). Das ist eine geistliche Sache im Gegensatz zu Israels Anbetung, die überwiegend eine äußere Ordnung von Formen und Ritualen war (vgl. Joh 4,23.24). Denn Israels Anbetung wurde für eine irdische Gesellschaft von Menschen mit irdischer Berufung und Bestimmung bestimmt, während die christliche Anbetung eine himmlische Sache ist, die für eine himmlische Gesellschaft von Menschen bestimmt ist. In vielerlei Hinsicht sind das gegensätzliche Anweisungen. Da die Christen in der Gegenwart Gottes mit dieser unfassbaren Freiheit stehen und innerhalb des Vorhangs im wahren Heiligtum im Himmel „hinzutreten“ (Heb 8,1.2; 10,19-22), brauchen sie kein System von Formen und Ritualen und keine Priesterschaft, um sich Gott im Gottesdienst zu nahen. In diesem Sinn werden an den Herrn Jesus Glaubende, die vor dem Hintergrund des Judentums stehen, in diesem Brief aufgefordert, diese irdische Ordnung für „den neuen und lebendigen Weg“ im Christentum zu verlassen, denn in ihrer Stellung vor Gott sind sie keine Juden mehr, sondern Christen (Gal 3,28; Kol 3,11).

An einem kommenden Tag, wenn das Reich Christi errichtet ist, wird die äußere Gottesdienstordnung im Judentum auf der Erde durch das erlöste Israel wieder ausgeübt werden, um des großen Opfers Christi am Kreuz zu gedenken, das sie dann bereitwillig annehmen werden (vgl. Hes 43–46). Aber heute ist für die himmlische Gesellschaft (die Kirche) dieses irdische System des Nahens zu Gott einfach nicht notwendig – vielmehr ist es ein Hindernis für Christen (Heb 5,11-14). Juden, die Christus als ihren Erlöser annehmen (und dadurch Teil der Kirche werden), werden daher in diesem Brief aufgefordert, „aus dem Lager“ des Judentums zu Christus zu gehen, der sich derzeit außerhalb dieses Systems befindet (Heb 13,13).

Der Gedanke, das Judentum zu verlassen, ist nicht nur dem Schreiber des Hebräerbriefes vorbehalten. Der Herr Jesus selbst lehrte, dass Er, wenn Er von seiner eigenen Nation abgelehnt würde, „seine eigenen Schafe“ (wahre Gläubige) in die „Herde“ des Christentums einführen würde, in der sie mit „anderen Schafen“ verbunden wären – mit Gläubigen aus den Nationen (Joh 10,1-16). Das tat Er nicht während seines Lebens und Dienstes auf der Erde, sondern erst dann, nachdem alle Anstrengungen des Heiligen Geistes, die Nation zur Umkehr aufzurufen (durch die Apostel), gescheitert waren (Apg 1–7). Erst nach der ausdrücklichen Ablehnung Christi durch die Führer der Nation, die sie in ihrer Steinigung von Stephanus (Apg 7) demonstrierten, begann Er sein Werk, Gläubige aus der jüdischen Herde herauszuführen.

Die Kosten für das Verlassen des Judentums

Ein solcher Schritt war (und ist) jedoch eine kostspielige Angelegenheit für einen jüdischen Christen. Wenn ein Mensch den Glauben seiner Vorfahren für den Herrn Jesus verließ, galt er als Abtrünniger (Apg 21,21 – „Abfall von Mose“). Er würde von der Gemeinde „hinausgetan“ (Joh 9,34 – Randbemerkung) und danach von seinen Landsleuten verfolgt werden (Heb 10,33.34). Oftmals veranstaltete die Familie der betreffenden Person ein Scheinbegräbnis für ihn und enterbte ihn! In einigen Fällen würde das Verlassen des Judentums zum Martyrium führen (Apg 22,4).

Es wurden alle nur erdenklichen Anstrengungen unternommen, um denjenigen, der sich vom Judentum zum Christentum bekehrt hatte, davon zu überzeugen, sich von Christus zu lösen und zum Judentum zurückzukehren. Mit starken Argumenten würde die Person von ihrem sogenannten Fehler überzeugt werden. Die Juden würden stolz auf das Erbe verweisen, das sie im Judentum hatten. Sie hatten …

  • die Schriften ihrer Propheten (die heiligen Schriften)
  • den Dienst der Engel
  • große Führer wie Mose und Josua
  • ein Erbe im Land Kanaan, das von Milch und Honig floss
  • das aaronitische Priestertum
  • das Allerheiligste, in dem Gott selbst wohnte
  • den Bund des Gesetzes, das moralisch heilig, gerecht und gut war
  • den ehrenvollen Gottesdienst durch eine aufwändige Reihe von Ritualen und Opfern und Gaben

Die ungläubigen Juden würden den Abtrünnigen fragen: „Warum willst du ein so reiches Erbe für eine neue Religion verlassen, die nichts zu bieten hat als einen Tisch in einem Obersaal mit Brot und Wein darauf?“ Für den Juden, der am Judentum festhielt, war das sinnlos.

Die ungläubigen Juden würden fragen: „Was hat das Christentum im Vergleich zu all dem, was wir im Judentum haben?“ Dieser Brief gibt dem jüdischen Gläubigen eine endgültige Antwort auf diese Verspottung. Der göttlich inspirierte Schreiber fängt an, eine ehrwürdige Sache nach der anderen aufzuzählen, die die Religion der Juden unterschied, und vergleicht sie mit dem, was wir im Christentum haben, und in jedem Fall zeigt er, dass Christen in Christus etwas weit Höheres haben. Er zeigt:

  • die Überlegenheit des Sohnes gegenüber den Propheten (Heb 1,1-3)
  • die Überlegenheit des Sohnes gegenüber den Engeln (Heb 1,4–2,18)
  • die Überlegenheit des Sohnes gegenüber Mose, dem Vermittler (Heb 3,1-19)
  • die Überlegenheit des Sohnes gegenüber Josua, dem Militärführer (Heb 4,1-16)
  • die Überlegenheit des Priestertums Christi gegenüber dem Priestertum Aarons (Heb 5–7)
  • die Überlegenheit des Neuen Bundes gegenüber dem Alten Bund (Heb 8,1-13).
  • die Überlegenheit des einen Opfers Christi gegenüber den Opfern am großen Versöhnungstag (Heb 9–10,18)
  • die Überlegenheit des Zugangs zur Gegenwart Gottes durch das Blut Christi (Heb 8,1-6; 9,8; 10,19-22)

Der große Gedanke in dem Brief ist, dass Christus allen Formen und Ritualen des Judentums überlegen ist. Wie der Leser feststellen wird, ist das charakteristische Wort im ganzen Buch das Wörtchen „besser“ (Heb 1,4; 6,9; 7,7.19.22; 8,6; 9,23; 10,34; 11,16.35.40; 12,24).

Ewige Dinge im Hebräerbrief

Es ist interessant, dass der Geist Gottes durch den ganzen Brief hindurch versucht, das Herz des Lesers an himmlische und ewige Dinge zu binden, und nicht an das Irdische und Zeitliche. J.N. Darby sagte:

Der Leser wird bemerken, mit welcher Intensität, sozusagen, der Brief hier den Begriff „ewig“ mit allem verbindet. Es war kein zeitlich begrenzter oder irdischer Grund der Beziehung zu Gott, sondern ein ewiger; das Gleiche gilt für die Erlösung und das Erbe. Dementsprechend ist es, was das Werk auf der Erde betrifft, ein für alle Mal. Es ist nicht unwichtig, dies in Bezug auf die Art des Werkes zu bemerken. So ist der Ausdruck sogar dem Geist zugeordnet.[1]

Diese ewigen Dinge sind:

  • „ewiges“ Heil (Heb 5,9)
  • „ewiges“ Gericht (Heb 6,2)
  • „ewige“ Erlösung (Heb 9,12)
  • „ewiger“ Geist (Heb 9,14)
  • „ewiges“ Erbe (Heb 9,15)
  • „ewiger“ Bund (Heb 13,20)

Darüber hinaus verwendet der Autor auch andere Begriffe und Ausdrücke, um auf ewige Dinge hinzuweisen:

  • Der Thron des Sohnes ist „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Heb 1,8).
  • Er ist ein Priester „in Ewigkeit“ (Heb 5,6; 7,21).
  • Der Sohn ist „vollendet in Ewigkeit“ (Heb 7,28).
  • Der Sohn sitzt „auf immerdar“ zur Rechten Gottes (Heb 10,12).
  • Die Gläubigen sind „auf immerdar vollkommen gemacht“ (Heb 10,14).

Der Verfasser des Briefes – Paulus

Der Briefschreiber ist nicht bekannt. In der King-James-Version (KJV) heißt es, dass der Apostel Paulus der Schreiber ist, aber der Titel, in dem dies angegeben wird, ist nicht göttlich inspiriert – obwohl die meisten Bibellehrer zustimmen, dass die KJV korrekt ist. Dies geht aus einer Aussage hervor, die der Apostel Petrus in seinem zweiten Brief gemacht hat. Er sagt, dass Paulus einen Brief an die Juden geschrieben habe, den er unter die „Schriften“ einordnet (2Pet 3,15.16[2]). Auf welchen anderen Brief könnte er sich beziehen außer auf diesen? Wenn es nicht dieser Brief an die Hebräer ist, dann bezog sich Petrus auf einen von Gott inspirierten Brief von Paulus, der verlorengegangen ist! Das würde bedeuten, dass Gott nicht alle Schriften für uns aufbewahrt hätte – etwas, was Christen einstimmig nicht akzeptieren.

Es gibt auch bestimmte interne Beweise innerhalb des Briefes, die darauf hinweisen, dass Paulus der Autor ist. So zeigen beispielsweise der umfangreiche Einsatz jüdischer Elemente und die vielen Zitate aus den alttestamentlichen Schriften, dass der Schreiber absichtlich versucht, das Ohr derjenigen zu gewinnen, denen er schreibt, indem er ihre Interessen bevorzugt, ohne die Wahrheit aufs Spiel zu setzen. Dies ist ein Prinzip, nach dem Paulus in seinem Dienst handelte. Er sagte: „Ich bin den Juden geworden wie ein Jude, damit ich die Juden gewinne“ (1Kor 9,20). Auch die Art und Weise, wie über Timotheus gesprochen wird, legt nahe, dass Paulus der Autor ist (Heb 13,23).

Man könnte fragen, warum der Schreiber sich nicht auf seine normale Weise vorgestellt hat wie in seinen anderen Briefen. Es gibt zwei oder drei Gründe:

  1. Erstens hat Paulus sein Apostelamt hier nicht schriftlich an seine hebräischen Brüder erwähnt, weil sein Apostelamt ausschließlich für sein Werk unter den Nationen bestimmt war. Er war „der Apostel der Nationen“ (Röm 11,13; 15,16; Gal 2,8). Er hatte keine Autorität, seine Landsleute als Apostel anzusprechen. Das Apostelamt des Petrus hingegen war für sein Werk unter den Juden (Gal 2,7.8). Das bedeutet nicht, dass Paulus seine jüdischen Brüder nicht ansprechen konnte; es bedeutet nur, dass er es nicht mit apostolischer Autorität tun konnte, wenn und wann er es tat.

  2. Ein zweiter Grund, warum er sein Apostelamt nicht erwähnte, war, weil die Aufgabe des Geistes Gottes im Brief darin besteht, Christus als den großen „Apostel“ unseres Bekenntnisses darzustellen (Heb 3,1). Wenn Paulus seine Apostelschaft eingebracht hätte, wäre das ein wenig verwirrend und würde von dem eigentlichen Ziel abgelenkt haben. So möchte er, dass seine Leser verstehen, dass die Botschaft im Brief von einem größeren Apostel kommt als von ihm selbst – nämlich von dem Herrn (Heb 1,2; 12,24.25). Paulus bleibt daher gerne im Hintergrund, um Christus stärker in den Vordergrund zu rücken.

  3. Ein dritter Grund könnte sein, dass, wenn der Brief, der an gläubige Juden geschrieben wurde, in die Hände ungläubiger Juden fiel und sie wussten, dass sein Autor Paulus war, sie ihn nie gelesen hätten. Sie hätten die ganze Sache sofort abgelehnt, weil sie ihn als Abtrünnigen des Judentums sahen.

Eine gemischte Gruppe – fünf Warnungen gegen Abtrünnigkeit

Der Brief wurde in erster Linie an den Überrest der jüdischen Nation geschrieben, die an das Evangelium geglaubt und Christus als ihren Erlöser angenommen hatten. Aus den Warnungen im Brief geht jedoch hervor, dass es unter dieser Gesellschaft einige gab, die lediglich bekannten, gläubig zu sein, es aber in Wirklichkeit gar nicht waren. Diese mögen von den äußeren Segnungen im Zusammenhang mit dem Christentum angezogen worden sein (die mächtigen Zeichen und Wunder usw.), aber leider hatten sie keinen wirklichen Glauben an Christus. Es war also eine gemischte Gesellschaft.

Die Juden, die den christlichen Weg eingeschlagen hatten, wurden von ihren ungläubigen Landsleuten verfolgt, und unter diesem Druck wurden sie müde und unsicher auf dem Weg. Einige waren versucht, aufzugeben und zum Judentum zurückzukehren. Für diejenigen, die nur bekannten, gläubig zu sein, würde sich der Rückzug vom Christentum als Abfall vom Glauben erweisen.

Abtrünnigkeit ist die formale Abkehr vom Glauben, den ein Mensch bekundet hat. Das ist etwas, was nur ein bloßer Bekenner tun konnte und tun würde. Es ist eine sehr ernste Sache, denn wenn ein Mensch einmal vom Christentum abgefallen ist, gibt es keine Hoffnung, dass er sich in Reue umdreht. Die Schrift sagt, dass es „unmöglich“ ist, einen solchen Menschen wiederherzustellen (Heb 6,4-6). Da es einige unter ihnen gab, die Gefahr liefen, abzufallen, warnt der Schreiber im Laufe des Briefes fünfmal davor, sich vom christlichen Boden zurückzuziehen und zum Judentum zurückzukehren (Heb 2,1-4; 3,7–4,11; 5,11–6,20; 10,26-19; 12,16-27). In diesen Warnungen erklärt er unmissverständlich die verhängnisvollen Folgen eines solchen Schrittes und ermutigt sie, mit wahrem Glauben auf dem christlichen Weg fortzufahren, anstatt sich „zurückzuziehen zum Verderben“ (Heb 10,39).

Manche Christen denken, dass diese Warnungen zeigen, dass ein Gläubiger sein Heil verlieren könne, wenn er sich vom Herrn abwendet. Zur Unterstützung ihrer Argumentation verweisen sie verweisen auf ähnliche Stellen wie Matthäus 7,21-23; 12,43-45; 13,5.6.20.21; 24,13; 25,26-30; Markus 3,28-30; Lukas 22,31.32; Johannes 15,2-6; Römer 11,22; 1. Korinther 9,27; 15,2; Hebräer 6,4-6; 10,26-29; 12,14; 2. Petrus 2,1.20.21. Ein genauerer Blick auf diese Schriftstellen zeigt jedoch, dass sie nicht von wahren, an den Herrn Jesus Gläubigen sprechen, sondern nur von bekennenden Gläubigen, die vom christlichen Glauben abfallen. Das Problem, das viele haben, das zu dieser falschen Schlussfolgerung führt, ist, dass sie den Unterschied zwischen In-die–Sünde-Fallen und Abfall nicht kennen. Beides bezieht sich auf das Abweichen einer Person von Gott, aber das eine (Abfall) ist unendlich schlimmer als das andere. Ein wahrer Gläubiger kann in die Sünde fallen, in seinen Überzeugungen schwanken und in einer gewissen Entfernung vom Herrn leben, aber er wird den Glauben nicht aufgeben und Christus verurteilen, was Abfall bedeutet.

Man kann sich fragen: Warum sollten diese Warnungen vor dem Abfall in den Schriften, die an die Gläubigen geschrieben sind, erwähnt werden, wenn sie keine Anwendung auf die Gläubigen haben? – Die Antwort ist, dass die von Gott inspirierten Schreiber des Neuen Testamentes bei vielen Gelegenheiten eine gemischte Schar von echten und nur bekennenden Gläubigen angesprochen haben, wie es in diesem Brief ebenso der Fall ist. So enthielten ihre Ausführungen Warnungen für jeden, der sich irgendwie zu Christus bekannte und sich unter wahren Gläubigen aufhielt. Solche Ausführungen sollten das Gewissen dieser Menschen erreichen und ihnen deutlich machen, dass sieErrettung brauchten. Sie werden dadurch gewarnt, dass sie, wenn sie den christlichen Glauben, den sie zu glauben bekennen, aufgeben, für immer verloren sein würden! Das Voranschreiten im Glauben ist daher die beste und sicherste Garantie für die Wirklichkeit des Glaubens (Heb 3,6).

Die beiden Arten von „Wenn“ in der Heiligen Schrift

Der Hebräerbrief ist ein „Wüsten“-Brief. Das heißt, die Heiligen werden auf der Erde unter Prüfung gesehen und gehen den Weg des Glaubens und haben Christus im Himmel als ihr Ziel vor sich. Die Wüstenbriefe (1. Korinther, Philipper, Hebräer, 1. Petrus usw.) sind durch ein „Wenn“ im Text gekennzeichnet.

Tatsächlich gibt es in der Schrift zwei Arten von „Wenn“, die ganz unterschiedlich sind: das „Wenn“ der Bedingung und das „Wenn“ des Einwandes. Das „Wenn“ der Bedingung geht davon aus, dass es eine Möglichkeit des Scheiterns auf dem Weg gibt, die darauf zurückzuführen ist, dass eine Person nicht echt [das heißt kein wahrer Gläubiger] ist  oder dass ein Gläubiger versagt. Das sind die Arten von „Wenns“, die in den Wüstenbriefen zu finden sind. Das „Wenn“ des Einwandes hingegen hat damit zu tun, dass der Schreiber in seiner Darstellung bestimmte Fakten festlegt und dann auf diesen Fakten aufbaut, um einen bestimmten Punkt hervorzuheben. Wenn dies der Fall ist, könnte das Wort „wenn“ durch „weil“ ersetzt werden. Es wurde oft gesagt, dass der Epheserbrief kein „Wenn“ der Bedingung hat. In diesem Brief werden die Heiligen nicht als Menschen gesehen, die auf der Erde erprobt werden, sondern als Menschen, die in Christus in himmlischen Örtern sitzen (Eph 2,6). Der Kolosserbrief hingegen hat beides: Es gibt ein „Wenn“ der Bedingung in Kolosser 1,23 und es gibt „Wenns“ des Einwandes in Kolosser 2,20 und 3,1. Der Hebräerbrief hat auch beide Arten von „Wenn“.

Die Anwendung des Briefes auf das Christentum

Während der Brief an jüdische Gläubige geschrieben wurde, um ihnen zu helfen, sich vom Judentum zu befreien, dürfen wir nicht glauben, dass er keine Anwendung auf die Gläubigen aus den Nationen hat, die an das Evangelium glauben. Das christliche Bekenntnis hat in der Vergangenheit und heute im Großen und Ganzen die himmlische Berufung und das Wesen der Gemeinde nicht verstanden und hat gedacht, dass es eine Art Ergänzung zu Israel ist. Christen haben im Allgemeinen die Anweisung von Hebräer 9,8.9.23.24 missverstanden, die lehrt, dass das alttestamentliche System der Stiftshütte ein Abbild des wahren Heiligtums ist, in dem die Christen heute durch den Geist anbeten. Anstatt es als Abbild zu sehen, haben sie die Stiftshütte als Muster für ihre Kirchen verwendet und viele Dinge im wahrsten Sinne des Wortes von dieser jüdischen Ordnung für ihre Gotteshäuser und ihre Gottesdienste übernommen. So haben sie den Gedanken völlig übersehen, dass Gott keine Mischung dieser beiden verschiedenen Anbetungsordnungen will (Heb 13,10).

Nachfolgend findet sich eine Liste von Dingen, die dem Judentum bei der Bildung konfessioneller und nichtkonfessioneller Kirchengruppen entlehnt wurden:

  • die Verwendung von prunkvollen Tempeln und Kathedralen für Gottesdienste
  • eine besondere Klasse ordinierter Männer, die für die Gemeinde den Gottesdienst abhalten
  • der Einsatz von Musikinstrumenten zur Unterstützung der Gottesdienste
  • die Verwendung eines Chores
  • die Verwendung von Weihrauch zur Schaffung einer religiösen Atmosphäre
  • die Verwendung von Gewändern bei den „Geistlichen“ und den Chormitgliedern
  • die Verwendung eines buchstäblichen Altars (ohne buchstäbliche Opfer)
  • die Praxis des Zehnten
  • die Einhaltung von Feiertagen und religiösen Festen
  • eine Namensliste von Personen in der Gemeinde

Es ist wahr, dass viele dieser jüdischen Dinge von diesen Kirchen etwas verändert wurden, damit sie in ein christliches Umfeld passen, aber diese Gotteshäuser haben immer noch die Merkmale des Judentums. Tatsächlich hat diese jüdische Ordnung leider die Kirche durchdrungen. Vieles davon gibt es im Christentum schon so lange, dass es von den Massen als Gottes Ideal akzeptiert wurde. Die meisten Menschen denken heute, dass es gut und richtig ist, diese jüdisch-christliche Mischung zu haben. Leider hat die Vermischung dieser beiden Gottesdienstordnungen die Unterschiedlichkeit der beiden zerstört, und was aus der Vermischung entstanden ist, ist etwas, was kein echtes Judentum ist, ebenso wenig wie das echte Christentum. Beide sind ruiniert (Lk 5,36-39).

Was zu einem großen Teil geschehen ist, ist, dass die Christenheit sich „dem Lager“ der irdischen Religion angeschlossen hat, aus dem die Gläubigen hervorgegangen sind (Heb 13,13). F.B. Hole bemerkte:

Die Bedeutung dieses Briefes für die gegenwärtige Zeit kann kaum überbewertet werden. Es gibt heute unzählige Gläubige, die, obwohl sie aus den Nationen sind und deshalb nichts mit dem Judentumzu tun haben, dennoch entarteten Formen des Christentums anhängen. Solche Formen bestehen weithin in Zeremonien und kirchlichen Bräuchen, die ihrerseits zum größten Teil eine Nachahmung des jüdischen Rituals darstellen, das Gott einst verordnet hatte, um die Zeit bis zur Ankunft Christi auszufüllen.[3]

Da die Christenheit von jüdischen Prinzipien und Praktiken durchdrungen ist, hat dieser Brief eine wichtige praktische Anwendung für jeden im christlichen Bekenntnis, der den Namen des Herrn nennt. Es ruft die Gläubigen auf, „auszugehen“ zu Christus „außerhalb des Lagers“, weil Er in dieser Zeit nicht mit dieser Ordnung der Dinge verbunden ist (Heb 13,13). Das bedeutet, dass wir uns von jüdischen Prinzipien und Praktiken distanzieren müssen, wo immer sie zu finden sind, sei es im formalen Judentum oder in quasi-jüdisch-christlichen Gotteshäusern. Leider wird dieser Aufruf von den Christen kaum verstanden und im Allgemeinen nicht beachtet.

Ein kurzer Überblick über den Brief

Der Brief besteht aus zwei Hauptteilen: aus einem Lehrteil, gefolgt von einem praktischen Teil. Wie in den meisten Briefen basieren die praktischen Ermahnungen auf der lehrmäßigen Wahrheit, die gelehrt wurde.

Lehre (Heb 1-10,18)

Dieser Abschnitt besteht aus zwei Teilen, die mit den beiden Weisen übereinstimmen, wie Christus im Brief dargestellt wird – als „der Apostel und Hohepriester unseres Bekenntnisses“ (Heb 3,1). In den Kapiteln 1 bis 2 wird Er als „Apostel“ und in den Kapiteln 3 bis 10,18 als unser „Hoherpriester“ gesehen. Ein Apostel ist derjenige, der von Gott zu einem bestimmten Zweck ausgesandt wurde, und ein Priester ist einer, der in Gottes Gegenwart gegangen ist, um für die Notleidenden einzutreten.

Als „Apostel“ ist Christus „von Gott ausgegangen“, um Ihn zu offenbaren und die Erlösung zu vollbringen (Joh 16,28a). So erweist Er sich den beiden großen Botschaftern, die Gott im Judentum gebraucht hat – den Propheten und Engeln – als unendlich überlegen.

Als „Hoherpriester“ ist Christus in die Gegenwart Gottes eingegangen, um seinen gegenwärtigen Dienst als unser Fürsprecher zu erfüllen (Joh 16,28b; Röm 8,34; Heb 4,14). Er ist dorthin gegangen mit einem Dienst, der sowohl auf den Menschen wie auch auf Gott ausgerichtet ist:

  • Auf den Menschen gerichtet:
    Unterstützung (Hilfe) für Bedürftige (Heb 2,18); Mitgefühl für diejenigen, die Schwachheiten haben (Heb 4,14); Gewährung von Gnade und Barmherzigkeit (Heb 4,16); Mitgefühl für Unwissende und Ausgeschlossene (Heb 5,2) und ihre Rettung in einer Zeit der Not (Heb 7,25).

  • Auf Gott gerichtet:
    den neuen Bund zu sichern (Heb 8); sich selbst ohne Flecken Gott als höchstes Opfer anzubieten, um die Sünde zu beseitigen (Heb 9–10), und Gott unsere Lobpreisungen dazubringen (Heb 10,21; 13,15).

Praxis (Heb 10,19–13,25)

Dieser Abschnitt enthält praktische Ermahnungen, die auf der Wahrheit beruhen, die im lehrmäßigen Teil des Briefes dargestellt wurde. Es gibt sieben Hauptgruppen von Ermahnungen, die sich um die Worte „Lasst uns“ drehen (Heb 10,22-24; 12,1.28; 13,13.15).

 

Anmerkungen

[1] Synopsis of the Books of the Bible, Fußnote, S. 335, Loizeaux Brothers.

[2] Anm. d. Red.: Gemeint sind die inspirierten Schriften.

[3] F.B. Hole, Grundzüge des Neuen Testaments, Bd. 5: Hebräerbrief–Petrusbriefe, Christliche Schriftenverbreitung (Hückeswagen) 1999, S. 8.


Übersetzt aus The Epistle to the Hebrews,
Bible Truth Publishers, Addison, USA

Übersetzung: Stephan Isenberg


Hinweis der Redaktion:

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