Auserwählung – wozu?
Wurde der Christ persönlich vor Grundlegung der Welt auserwählt?

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 16.11.2004, aktualisiert: 23.12.2018

Leitverse: Epheser 1,3-14

Eph 1,3-14: 3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus, 4 wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos seien vor ihm in Liebe; 5 und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens, 6 zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, worin er uns begnadigt hat in dem Geliebten, 7 in dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade, 8 die er uns gegenüber hat überströmen lassen in aller Weisheit und Einsicht, 9 das Geheimnis seines Willens, nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgesetzt hat in sich selbst 10 für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, in ihm, 11 in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, zuvorbestimmt nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Rate seines Willens, 12 damit wir zum Preise seiner Herrlichkeit seien, die wir zuvor auf den Christus gehofft haben; 13 in dem auch ihr, nachdem ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, das Evangelium eures Heils – in dem ihr auch, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung, 14 der das Unterpfand unseres Erbes ist, zur Erlösung des erworbenen Besitzes, zum Preise seiner Herrlichkeit.

Einleitung

Vielleicht gibt es für einen Gläubigen kaum etwas Höheres als die Dinge, die in diesem Artikel betrachtet werden sollen. Ist es nicht herrlich, zu wissen, dass der große Gott im Himmel, der mächtige Schöpfer aller Dinge, von Ewigkeit an „Gedanken des Friedens“ (Jer 29,11) über dich und mich ganz persönlich gehabt hat? Als die Welten noch nicht da waren, als die Engel noch nicht geschaffen waren, als die Himmel noch nicht bestanden und die Erde noch nicht war, da hat Er an dich – wenn du auch ein Kind Gottes bist – und mich gedacht.

Du glaubst nicht, dass diese Stelle das besagt? Lies trotzdem weiter, am Schluss werden wir auf bestimmte Gegenargumente eingehen.

Du kannst dich da nicht hineindenken? Nicht nur bevor wir geboren waren, sondern lange bevor ein einziger Mensch geschaffen war, ja sogar bevor die Welt erschaffen war, da hatte Gott sich schon einen ganz besonderen Plan für uns ausgedacht, um uns das Höchste zu geben, was Er geben konnte. Das ist wirklich gewaltig! In gewisser Weise ist es so, dass die Dinge, die wir in diesem Artikel betrachten wollen, die eigentlichen speziellen Segnungen des Christentums ausmachen, welche über die Segnungen anderer Gläubiger anderer Zeiten hinausgehen.

A Wozu wir nicht auserwählt sind

Gott hat uns nicht von Ewigkeit auserwählt, damit wir von unseren Sünden erlöst werden sollten – dies ist nicht der eigentliche Zweck der Auserwählung –, sondern damit wir himmlische Segnungen empfangen. Man hört zwar manchmal: Gott hat uns auserwählt, damit wir nicht in die Hölle kommen, sondern stattdessen Vergebung unserer Sünden empfangen. Doch die Auserwählung hat mit der Sündenvergebung und dem Nicht-in-die-Hölle-Kommen direkt nichts zu tun. Da die Auserwählung ein Teil der ewigen Pläne Gottes ist – „vor Grundlegung der Welt“ –, würde das zwingend bedeuten, dass auch die Sündenvergebung ein Teil der ewigen Pläne Gottes ist. Das sagt die Schrift jedoch nicht. Wenn Sündenvergebung ein Teil der ewigen Pläne Gottes gewesen wäre, läge dann nicht die gefährliche Schlussfolgerung nahe, dass dann auch die Sünde ein Teil des Planes Gottes war und Gott die Sünde also gewollt hat? Damit würde Gott letztendlich zum Urheber der Sünde.

Sündenvergebung hat nichts mit der Auserwählung zu tun. So gab es Tausende (zu alttestamentlichen Zeiten) und wird es noch geben (nach der Aufnahme der Gemeinde), die wohl an der Sündenvergebung, nicht aber an der ewigen Auserwählung teilhaben. Wir sind auserwählt, um die himmlischen Segnungen zu besitzen. Da alle Menschen nach dem Sündenfall von Natur Sünder sind, ist es natürlich notwendig, dass wir zuerst von unseren Sünden gereinigt werden müssen, bevor wir an diesen himmlischen Segnungen teilhaben können; aber die Reinigung von den Sünden hat an sich nichts mit der Auserwählung zu tun, auch wenn alle, die vor Grundlegung der Welt auserwählt sind, auch Vergebung der Sünden empfangen. Gott ist natürlich durch den Sündenfall nicht überrascht worden und hat ihn in seinen Plänen sicherlich auch mit berücksichtigt, wenn es auch nicht direkt Teil seines Planes ausmachte.

Es gibt natürlich ein paar Stellen, die für manche im Zusammenhang mit der Auserwählung schwierig zu verstehen sind.

  1. 2Tim 2,10: Deswegen erdulde ich alles, um der Auserwählten willen, damit auch sie die Errettung erlangen, die in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit.

    Hier gilt es, zweierlei zu bedenken:

    • Es steht hier nicht, dass diese Errettung selbst der Gegenstand der Auserwählung ist.
    • Selbst wenn die Errettung selbst der Gegenstand der Auserwählung wäre, dann geht die Errettung viel weiter als Sündenvergebung oder das Von-neuem-geboren-Werden. Sie endet erst bei dem Versetztwerden in den himmlischen Segen, so wie hier steht: „mit ewiger Herrlichkeit“.

     

  2. 2Thes 2,13: … dass Gott euch von Anfang an erwählt hat zur Errettung.

    Auch hier

    • geht es nicht um Sündenvergebung oder um die neue Geburt, sondern wieder um die endgültige Errettung.
    • wird nicht gesagt, dass mit „Anfang“ dasselbe gemeint ist wie mit „vor Grundlegung der Welt“. Es geht wohl statt der Auserwählung von Ewigkeit her eher um die Tatsache, dass Gott die Thessalonicher vom Anfang ihrer Berufung an dazu bestimmt hatte, die endgültige Errettung (im Himmel) zu erlangen, so dass sie keine Angst vor den Gerichten des Tages des Herrn zu haben brauchten (wie sie hatten). So heißt es auch in 1. Thessalonicher 5,9: „Denn Gott hat uns nicht zum Zorn gesetzt, sondern zur Erlangung der Seligkeit.“

    • ist es von den Handschriften her nicht ganz klar, ob es statt „von Anfang“ nicht viel eher „als Erstlinge“ heißen muss. Auch diese Textversion wäre sinnvoll.

  3. 1Pet 1,18-20: … indem ihr wisst, dass ihr nicht mit verweslichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blute Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken; welcher zwar zuvorerkannt ist vor Grundlegung der Welt, aber offenbart worden am Ende der Zeiten um euretwillen.

    Auch hier müssen wir Folgendes berücksichtigen:

    • Es heißt nicht, dass das Lamm auserwählt war, um Sünden hinwegzutun. Vielleicht wird jemand fragen: Aber wozu denn sonst? Nun, hierzu müssen wir Folgendes bedenken: Auch wenn der Sündenfall nicht eingetreten wäre, hätte Gott doch eine Grundlage haben müssen, um uns irdischen Geschöpfen die himmlischen Segnungen schenken zu können. Gott kann nicht ohne weiteres sagen: Ich werde Menschen in meinen Himmel bringen, sie der göttlichen Natur teilhaftig werden lassen und mit allem segnen, was Ich im Himmel habe.

      Adam war ein irdisches Geschöpf; er war für die Erde geschaffen. Damit der Mensch als irdisches Geschöpf nun himmlische Segnungen empfangen konnte, wählte Gott einen besonderen Weg, um Menschen in den Himmel zu bringen: Deshalb sollte der Herr Jesus als das Lamm auf die Erde kommen, um ein Werk der Verherrlichung Gottes zu vollbringen. Natürlich war es gerade die Sünde, die der Herr zum Anlass nahm, um Gott zu verherrlichen – und Gott wäre auch nicht so verherrlicht worden, wenn die Sünde nicht gewesen wäre –, aber es ging beim Werk auf Golgatha nicht in erster Linie um die Austilgung der Sünden, sondern um die Verherrlichung Gottes. Nur weil der Herr Jesus Gott durch seinen Tod verherrlicht hat, wurde Er als Mensch und werden wir als Gläubige mit Ihm („Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“) von Gott verherrlicht und mit himmlischen Segnungen überschwänglich gesegnet werden. Doch der Herr musste nicht nur sterben, um Gott zu verherrlichen, sondern auch weil die Sünde in die Welt gekommen war. Das Lamm musste geschlachtet werden und sein Blut vergießen.

    • Das Lamm war bei den Opfern in 3. Mose ein Tier für das Brandopfer, bei dem es um die Verherrlichung Gottes ging. Es handelt sich hier nicht um einen Ziegenbock – das ist im Besonderen das Tier für das Sündopfer (3Mo 16; s.a. 3Mo 4). Auch in 2. Mose 29 bei dem täglichen Brandopfer handelt es sich um ein Lamm. Das spricht nicht von der Sühnung für Sünden, sondern von dem, was der Herr Jesus mehr getan hat, als für die Sünden nötig war, damit wir mehr als nur Sündenvergebung empfingen, ja damit wir angenehm gemacht würden in dem Geliebten (Eph 1,6), mit dessen Herrlichkeit bekleidet und mit allen himmlischen Segnungen beschenkt (vgl. im Bilde 2Mo 29,43-45; 3Mo 1,3.4.9; 7,8). Das hat der Herr Jesus bewirkt, indem Er nicht nur als das Sündopfer unsere Sünden trug, sondern auch als das Brandopfer Gott auf das Höchste verherrlicht hat.

      Und selbst in 2. Mose 12, wo wir das Passahlamm finden, geht es nicht in erster Linie um die Vergebung der Sünden, sondern – wie wir noch sehen werden – um Heiligung und Sohnschaft: die beiden großen Ziele, zu denen wir nach Epheser 1,4.5 auserwählt sind. Es ging bei dem Passah in Ägypten darum, dass Gott sein Volk aus Ägypten herausführte, um es für sich selbst zu haben; es geschah im Blick auf die Sohnschaft. Ehe Gott ein Wort über das Passahlamm sprach, hatte Er gesagt: „Mein Sohn, mein erstgeborener, ist Israel …: Lass meinen Sohn ziehen, damit er mir dient!“ (2Mo 4,22.23). Das Passah ist die Grundlage, auf der Gott den Erstgeborenen für sich sichert. Der Erstgeborene Ägyptens war die Kraft und der Stolz des natürlichen Menschen, der aber unter dem Gericht Gottes stand; jedoch der Erstgeborene, den Gott sich sichert, dient seinem Wohlgefallen im Werte des Passah. „Lass meinen Sohn ziehen, damit er mir dient“ – das bedeutet zwangsläufig, dass wir auf der Grundlage der Erlösung stehen. Der Erstgeborene wird geheiligt; somit wird Heiligkeit mit dem Passah verbunden; deswegen wird das ungesäuerte Brot betont. In 2. Mose 12, wo die Vorschriften über das Passah gegeben werden, wird weit mehr über das Fest der ungesäuerten Brote gesagt als über das Passahlamm, und das ganze folgende Kapitel 13 beschäftigt sich mit der Heiligung der Erstgeburt.

    • Wenn wir 1. Petrus 1,19.20 ganz wörtlich übersetzen, so heißt es eigentlich: „durch das Blut eines Lammes, tadellos und fleckenlos, Christus, welcher zwar zuvorerkannt ist“. Daran sehen wir, dass es eigentlich nicht das Lamm ist, von dem es heißt, dass es vor Grundlegung der Welt erkannt ist, sondern Christus, wenn auch sicherlich in dem Charakter eines Lammes.

B Wozu sind wir auserwählt?

1. „Dass wir heilig und tadellos seien vor ihm in Liebe“

In Epheser 1,4 steht, dass Gott uns „vor Grundlegung der Welt“ auserwählt hat. Mit welchem Ziel hat Er uns auserwählt? Dass wir heilig und tadellos vor dem Angesicht Gottes seien in Liebe. Das ist das Erste. In Vers 3 lesen wir: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.“ Das bedeutet, dass der Herr Jesus in zweierlei Beziehung zu Gott steht: Er ist Mensch und als solcher konnte Er von „seinem Gott“ sprechen, und Er ist gleichzeitig der ewige Sohn des Vaters. Aber auch wir kennen Gott nun als „unseren Gott“ und als „unseren Vater“. Dazu war der Herr Jesus auf diese Erde gekommen, um uns mit seinem Gott und seinem Vater in Verbindung zu bringen. So sagte Er nach vollbrachtem Werk selbst: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Und so sehen wir in Vers 4, wie wir jetzt mit Gott in Verbindung stehen: Er hat uns dazu auserwählt, an seiner Natur teilzuhaben, „Teilhaber der göttlichen Natur zu werden“, wie 2. Petrus 1,4 sagt.

Auf welche Weise wir mit dem Vater in Verbindung stehen, finden wir in Vers 5: Er hat uns zur Sohnschaft zuvorbestimmt. Das Erste in Vers 4 ist also, dass wir heilig und tadellos vor Gott seien sollen in Liebe. Wir lesen in 1. Johannes 1, dass Gott Licht ist, und in 1. Johannes 4, dass Gott Liebe ist. Diese beiden Kennzeichen finden wir auch hier. Wenn Gott Licht ist, dann beinhaltet das, dass Er heilig in seinem Wesen und tadellos in seinen Wegen ist. Wenn wir in seinen Himmel eingeführt werden sollen und wenn wir fähig sein sollen, in seiner Gegenwart zu bestehen, um uns darin wohl zu fühlen und vollkommene Gemeinschaft mit Ihm zu haben, dann ist das nur möglich, wenn wir die Wesensmerkmale Gottes besitzen: Heiligkeit und Tadellosigkeit. Dazu hat Gott uns „in Christus“, der heilig in seinem Wesen und tadellos in seinem Verhalten war, besonders auserwählt. Denn von Natur aus hat der Mensch diese Wesensmerkmale nicht – und nicht nur deswegen, weil der Mensch von Natur aus ein Sünder ist und auch mit Taten gesündigt hat, sondern weil selbst Adam vor dem Sündenfall nicht heilig war. Er war wohl unschuldig, aber das ist etwas ganz anderes als heilig. Wer heilig ist, ist unantastbar für das Böse, und das war Adam nicht.

Das ist ja gerade so wunderbar herrlich bei der Auserwählung, dass Gott uns zu viel höheren Segnungen auserwählt hat, als Adam sie jemals besessen und verloren hat. Gott hat uns auserwählt, damit wir heilig sein sollten – und das nicht erst, wenn wir im Himmel sind. Jetzt schon werden die Epheser – und das gilt für uns gleichermaßen – gleich am Anfang des Briefes in Vers 1 „Heilige“ genannt. Wir durften jetzt schon den neuen Menschen anziehen, der nach dem Bild des Schöpfers in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit geschaffen ist (Eph 4,24; Kol 3,10). Das Fleisch ist zwar noch in uns, solange wir auf der Erde sind, aber es besteht kein Grund mehr, zu sündigen, denn wir sind der göttlichen Natur teilhaftig geworden (2Pet 1,4) oder anders gesagt: Gott hat uns von seinem Geist gegeben (1Joh 4,13), das heißt, Er hat uns teilhaben lassen an seinen göttlichen Wesenszügen.

Noch wunderbarer ist: Gott ist auch Liebe, und Er hat unserer neuen, göttlichen Natur etwas gegeben, woran Er sich in Ewigkeit erfreuen kann, nämlich seine Liebe. Er hat uns in Christus auserwählt, nicht nur, damit wir nur „heilig und tadellos“ vor Ihm sein sollten, sondern wir sollten so vor Ihm stehen „in Liebe“. Vielleicht dürfen wir sagen, dass Gottes Liebe seine einzige Eigenschaft ist, die in Ihm selbst allein keine Befriedigung findet. Der Sohn war wohl von Ewigkeit der vollkommene Gegenstand der Liebe des Vaters, aber der dreieinige Gott wollte andere an seiner Liebe teilhaben lassen. Der Vater hat uns „in das Reich des Sohnes seiner Liebe“ versetzt (Kol 1,13). Damit wir uns dort aufhalten können, gibt Gott uns, wie oben gesagt, eine neue Natur; ohne diese wäre dieser Platz der Liebe nur ein Ort des Schreckens für uns. So aber sind wir sowohl fähig, die Liebe Gottes zu genießen als auch selbst zu lieben. „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1Joh 4,19). Es heißt nicht einmal: Wir lieben Gott, sondern allgemein: Wir haben die göttliche Fähigkeit, zu lieben.

Nur weil wir die Wesenszüge Gottes und seine Natur besitzen, werden wir Gott bis in Ewigkeit zufriedenstellen können. Darum hat Gott uns „in Christus“ (der von Anfang die einzige wahre Befriedigung für das Herz Gottes ist) vor Grundlegung der Welt dazu auserwählt, bis in Ewigkeit an seiner Natur teilzuhaben, diese Natur widerzuspiegeln und mit Ihm eine vollkommene, wechselseitige Gemeinschaft der Liebe zu genießen. Das können wir jetzt schon und werden es in alle Ewigkeit in Vollkommenheit tun. Und wir dürfen das „vor ihm“ (Eph 1,4) – oder wie man auch übersetzen könnte „in seiner Gegenwart“ – tun. Nicht Gott im Himmel und wir auf der Erde, sondern wir sind heute schon versetzt in die himmlischen Örter in Christus (Eph 2,6) und bald im Vaterhaus mit Leib, Seele und Geist.

2. „Uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft“

In Vers 5 folgt das Zweite, wozu wir auserwählt sind, und das ist noch herrlicher als das Erste. Vers 4 zeigt uns unsere Verbindung mit Gott: Wir haben seine Natur empfangen; aber Vers 5 zeigt uns unsere Verbindung mit dem Vater: Wir haben die Sohnschaft empfangen (Eph 1,4.5)! Hier geht es nicht um Kindschaft, sondern um Sohnschaft. Kindschaft und Sohnschaft werden fälschlicherweise oft gleichgesetzt. Und doch handelt es sich um unterschiedliche Aspekte unserer Beziehung zu Gott. Dass wir Kinder Gottes sind, finden wir schon in Vers 4: Wenn ich in Christus die göttliche Natur empfangen habe, bedeutet das, dass ich aus Gott geboren bin. Kindschaft hat mit Geburt zu tun, aber Sohnschaft mit der Stellung. Wir sind nicht als „Söhne Gottes“ geboren, sondern in die Stellung von Söhnen gebracht. Das Wort für „Sohnschaft“ bedeutet hier buchstäblich „Adoption als Sohn“.

Der Unterschied zwischen Sohnschaft und Kindschaft ist auch wichtig im Hinblick auf den Herrn Jesus. Sohnschaft hat zu tun mit Stellung, Würde und Verständnis über die Gedanken des Vaters; Kindschaft hat zu tun mit der Natur des Vaters und seiner Sorge für die Kinder. Wir lesen von dem Herrn Jesus nie, dass Er ein Kind Gottes genannt wird, sondern immer wird Er Sohn Gottes genannt. Johannes gebraucht diesen Ausdruck ausschließlich, um die ewige Sohnschaft des Herrn anzudeuten. Darum sagt er nie, dass der Herr Jesus als Sohn geboren ist, sondern stellt Ihn als denjenigen vor, der von Ewigkeit im Schoß des Vaters ist (Joh 1,18). Und dort, wo wir lesen, dass der Herr Jesus als Sohn aus Gott geboren ist (Ps 2; Lk 1,35), steht dies in Verbindung mit seiner Menschheit und damit, dass Er Sohn Gottes für Israel ist. Das ist jedoch nicht das besondere Thema von Johannes. Gerade weil er immer die ewige Sohnschaft des Herrn vor Augen hat, nennt er uns auch nie „Söhne“, sondern „Kinder Gottes“ (außer in Offenbarung 21,7 in einem anderen Sinn). Wir haben den Sohn als unser Leben empfangen und sind darum Kinder Gottes, aus Gott geboren. Johannes nennt uns wohl deswegen nicht „Söhne“, damit nicht der Gedanke aufkommen kann, dass unsere Sohnschaft der des ewigen Sohnes gleichkäme. Das ist unmöglich, denn wir bleiben Geschöpfe, wir können nicht in die Gottheit eingeführt werden. Wir haben einen Anfang in der Zeit gehabt und können daher niemals „ewiger Sohn“ werden.

Auch Paulus hält diesen Unterschied sorgfältig aufrecht. So benutzt er den Ausdruck Sohn Gottes auch nicht in der Einzahl in Bezug auf uns, sondern überall in Epheser 1 benutzt er den Ausdruck in Christus. Ist Christus der Gegenstand des ewigen Rates Gottes? In Ihm wir auch. Ist Christus als Mensch heilig und tadellos? In Ihm wir auch. Ist Christus angenehm vor Gott? In Ihm wir auch. Aber wie kann gesagt werden, dass Christus Sohn ist und wir in Ihm auch? Teilen wir seine Sohnschaft? Niemals. Haben wir denn nicht die Sohnschaft empfangen? Ganz bestimmt, aber nicht in Christus, sondern „durch Jesus Christus“, wie uns Vers 5 ausdrücklich sagt. Er ist der Urheber davon, dass auch wir Söhne Gottes geworden sind, aber wir können das niemals in demselben Sinn sein wie Er. Er wird immer die Stellung des „Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ haben (Röm 8,29). Und doch: Welch eine unaussprechlich erhabene Position, zu den Söhnen Gottes gehören zu dürfen, die Gedanken Gottes verstehen und mit Ihm darin Gemeinschaft haben zu können, die Würde der erhabensten Stellung vor Gott haben zu können!

Vers 4 lehrt uns, dass wir die göttliche Natur besitzen müssen, um uns in Gottes heiliger Gegenwart aufhalten zu können. Gott hätte es dabei belassen können. Die neue Natur in Christus genügt, um mit Gott Gemeinschaft zu haben und in seinem Himmel zu wohnen. Beachten wir: Diese göttliche Natur in Christus zu haben und darin in Gottes direkter Gegenwart wohnen zu können, ist schon ein unendlich großes Vorrecht, zu dem wir von Ewigkeit über alle Gläubigen aus anderen Haushaltungen hinaus auserwählt sind. Hätten wir jedoch nicht mehr empfangen, dann würden wir einfach als Untertanen im Himmel sein und wir hätten Gott als Gott geliebt und seine Liebe verspürt. Welch ein Segen wäre das schon gewesen! Doch Gott hatte vor, uns viel mehr zu geben, als nötig war, um bei Ihm zu wohnen: Er hat es uns geschenkt, Söhne sein zu können. Darum steht in Vers 5 nicht einfach, dass wir dazu „auserwählt“ sind, sondern dass Er uns (die wir auserwählt sind) obendrein „zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft“. Das war nicht notwendig, damit wir uns im Himmel in der direkten Gegenwart Gottes wohl fühlen können; Gott hat uns die Sohnschaft zusätzlich geschenkt, und darum folgen drei Dinge:

  1. „Für sich selbst“
    Hier zeigt sich eine Segnung für uns, die ihre Auswirkung auf Gott selbst hat. Hier geht es nicht darum, dass wir etwas empfangen, sondern darum, dass Gott selbst etwas bekommt. Es ist für Ihn selbst. Das Gewaltige ist, dass wir etwas sein dürfen für Gott selbst.
  2. „Nach dem Wohlgefallen seines Willens“
    In der besonderen Gabe der Sohnschaft kommt Gottes souveräne Freude zum Ausdruck, dass Er uns nicht nur geben wollte, was nötig ist, um bei Ihm zu wohnen, sondern auch das Allerhöchste: Er hat uns für sich selbst zu Söhnen gemacht – das bedeutet: zu seiner Freude und zu seinem Wohlgefallen.

  3. „Zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade“
    Das ist die souveräne Gnade des Ratschlusses Gottes. Diese Gnade wird besonders verherrlicht, indem Gott, der uns bei sich, in seiner Gegenwart haben wollte, uns nicht nur das dazu Notwendige, sondern das Allerhöchste geschenkt hat. Dies alles gipfelt in Vers 6 in dem zusammenfassenden Ausspruch, dass diese souveräne, auserwählende Gnade uns in eine Stellung gebracht hat, in der wir „angenehm“, das heißt wohlgefällig, begnadigt und eine Freude für Gott sind in dem Geliebten. Nicht nur „in Christus“, sondern in Ihm, der der Gegenstand aller Liebe Gottes ist, in dem Sohn seiner Liebe. In dieser Sphäre der Liebe sind wir jetzt eine Freude für das Herz Gottes geworden. Das geht so weit, dass der Herr uns in Johannes 17,23 sagt, dass der Vater uns geliebt hat, wie Er den Sohn selbst geliebt hat. Wer hätte je an so etwas denken können, wenn Gott es uns nicht selbst gesagt hätte?

3. „In dem wir auch ein Erbteil erlangt haben“

Den dritten Aspekt unserer Auserwählung finden wir in Epheser 1,11. Nachdem wir in Vers 6 die „Herrlichkeit der Gnade“ Gottes gefunden haben, lesen wir dann in Vers 7 von dem Reichtum der Gnade Gottes, so wie er in der Erlösung zum Ausdruck kommt (Eph 1,6.7). Die Erlösung wird hier nicht als Gegenstand des Ratschlusses Gottes vorgestellt, sondern sie ist das Mittel, durch das ein toter Sünder die Segnungen empfangen kann, zu denen Gott ihn schon lange vor dem Sündenfall auserwählt hatte. Erlösung und Vergebung der Sünden gehören an sich nicht zu den himmlischen Segnungen, sind aber wohl die unentbehrlichen Voraussetzungen, um diese Segnungen empfangen zu können. Sie sind darum auch Beweise des Reichtums der Gnade Gottes.

Als Nächstes zeigt sich die Gnade Gottes darin, dass Gott uns überströmende Weisheit und Einsicht geschenkt hat, damit wir auch über die Pläne Gottes für die Zukunft Bescheid wissen (Eph 1,8.9). Auch wenn es das Geheimnis des Willens Gottes ist, so hatte Er doch seine Freude daran, uns dieses Geheimnis mitzuteilen. Diese Geheimnis betrifft einmal das, was für eine Position Christus in Zukunft haben wird, und zum anderen, was für eine Position wir in dieser Zukunft haben werden und wie die Verbindung zwischen beiden beschaffen ist. Diese Dinge werden sichtbar werden im Tausendjährigen Reich, in der zukünftigen Zeitperiode, der Fülle der Zeiten, in der alle „Zeiten“ ihre Erfüllung finden werden. Der „zukünftige Erdkreis“ ist Christus unterworfen (Heb 2,5). Und nicht nur der Erdkreis, sondern auch der Himmel wird Christus, dem Haupt, unterstellt werden. Aber diese Zukunft Christi ist erst die Hälfte des „Geheimnisses des Willens Gottes“; Gott hat uns auserwählt, diese Stellung mit Christus zu teilen.

Das ist der dritte Punkt unserer Auserwählung: Nach seinem Plan, nach Beschluss seines souveränen Willens hat Gott uns zuvorbestimmt, in Christus auch Erben der ganzen Schöpfung zu werden. Das ist, wie die Sohnschaft, ein besonderes Vorrecht, das über das notwendige Empfangen der Natur Gottes hinausgeht. Daher finden wir hier denselben Ausdruck („zuvorbestimmt nach seinem Willen“) wie in Vers 5. Wenn Gott unser Vater geworden ist, dann sind wir auch Erben: „Wenn aber Sohn, so auch Erbe durch Gott“ (Gal 4,7). „Wenn aber Kinder, so auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi“ (Röm 8,17). In Christus besitzen wir nicht nur alle geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern, sondern wir sind in Christus auch Erben alles dessen, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Das wird hier als persönlicher Segen jedes einzelnen Gläubigen beschrieben. In den Versen 22 und 23 finden wir diesen Gedanken noch einmal wiederholt. Aber dort wird es uns als ein gemeinschaftlicher Segen vorgestellt wird: Gott hat alles den Füßen Christi unterworfen und „ihn als Haupt über alles der Versammlung gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,22.23).

Aber es ist überaus bedeutsam, dass wir diesen Segen nicht nur gemeinsam haben, sondern dass uns die persönliche Segnung zuerst vorgestellt wird. Stell dir nur einmal vor: Gott hat vor ewigen Zeiten an dich persönlich gedacht – wenn du ein Kind Gottes bist – und dich auserwählt, über alle, die verlorengehen, hinaus, über alle Gläubigen des Alten Testaments und alle Gläubigen nach der Aufnahme der Gemeinde hinaus, über alle Engel hinaus, um

  • dich persönlich in seine Gegenwart zu holen,
  • dich an göttlicher Natur teilhaben zu lassen, damit du dich dort wohl fühlen kannst,
  • dich nach dem Vorbild des ewigen Sohnes in die Stellung von Söhnen Gottes zu bringen, damit du Ihn als Vater genießen kannst – in ähnlicher Weise wie der eingeborene Sohn selbst,
  • dich zum Miterben des großen Erbens, des Sohnes Gottes, zu machen.

Setz einmal hier deinen Namen ein. Kann es etwas Größeres geben?

Du bist dir nicht sicher? Gott hat uns ein „Unterpfand“ gegeben, nämlich „den Heiligen Geist der Verheißung“ (Eph 1,13). Der Heilige Geist, den wir empfangen haben, ist das Siegel unserer Erlösung, die hinter uns liegt, und das Unterpfand des Erbes, das vor uns liegt und noch auf Erlösung wartet.

Du kannst dir nicht denken, warum Gott das tut? Wir sollen „zum Preise seiner Herrlichkeit“ (Eph 12.14) sein – nicht nur „zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade“ (Eph 1,6), sondern zum Preise der vollen Herrlichkeit seines Wesens!

heilig und Kinder der Gott Gott ist Licht
(1Joh 1,5)
Charakter/Wesen
tadellos Verhalten
vor ihm   in der Gegenwart von Gott
in Liebe Gott ist Liebe
(1Joh 4,8)
 
zur Sohnschaft Söhne und Vater unseres Herrn Jesus Christus    
in dem wir ein Erbteil erlangt haben, zuvorbestimmt Erben      
zum Preise seiner Herrlichkeit   Gepriesen sei    

C Ist der Christ persönlich vor Grundlegung der Welt auserwählt?

Wir haben gesehen, dass gerade diese persönliche Segnung das Wunderbare an dieser Auserwählung vor Grundlegung der Welt ist. Manche halten dies jedoch für schlimmste calvinistische Irrlehre. Wir wollen daher einmal die Argumente untersuchen, die gegen eine persönliche Auserwählung des Christen vor Grundlegung der Welt vorgebracht werden.

1. Was vor Grundlegung der Welt geschah, war nur eine Beschlussfassung – stimmt das?

Manche meinen, die Auserwählung sei ein Prozess, der mit einer unpersönlichen Beschlussfassung vor Grundlegung der Welt begonnen habe, dass alle die, die sich einmal bekehren würden, zur Heiligkeit auserwählt werden sollten, dass diese Auserwählung aber erst nach der Bekehrung „richtig“ wirksam werde. So meint der baptistische Pastor Edward Drew:

Es ist nicht so, dass Gott dich in der Vergangenheit berufen hat und jemand anderen nicht berufen hat. Gottes Vorherbestimmung wird heute ausgewirkt. (Radiobotschaft vom 1. März 1942 über Römer 8,29-32)

Und Robert William Dale (1829–1895), Pastor in einer kongregationalistischen Kirche, schreibt:

Es war das göttliche Ziel, dass alle, die in Christus sind, eine auserwählte Rasse sein sollten … Die Auserwählten sind solche, die „in Christus“ sind, und weil sie in Ihm sind, gehen sie in das Besitztum der ewigen Segnungen ein, die Gott sich vor Grundlegung der Welt vorgenommen und beschlossen hatte, allen Christen zu geben. … Nach Paulus ist kein Mensch auserwählt, wenn er nicht in Christus ist. Wir sind alle unter den Nichtauserwählten, bis wir in Ihm sind. (The Expositor’s Library, Epistle to the Ephesians, S. 29–32, 41)

Sie sehen in der Auserwählung einen Prozess, der wie ein Pfeil vor Grundlegung der Welt einen gewissen unbestimmten Anfang nimmt, aber dann mit seiner Spitze, immer wieder irgendwann in der Zeit, in dem Moment, wenn sich jemand bekehrt, ankommt. Das ist schon eine höchst komplizierte Gedankenkonstruktion, ein merkwürdiger Prozess, der in einer Zeitdimension (vor Grundlegung der Welt) anfängt und in einer moralischen Dimension (wenn jemand sich bekehrt) aufhört. Nach dieser Vorstellung sind wir eigentlich erst seit unserer Wiedergeburt auserwählt und müsste Epheser 1,4 folgendermaßen umgeschrieben werden: „wie er vor Grundlegung der Welt beschlossen hat, dass wir einmal auserwählt sein sollten, in ihm heilig und tadellos zu sein“.

Doch die Sprache, die der Heilige Geist an dieser Stelle gebraucht, ist eindeutig: Unsere Auserwählung ist vor Grundlegung der Welt abgeschlossen. Dazu wird im Griechischen eine spezielle Zeitform, der sogenannte Aorist, gebraucht, die speziell für punktuelle, abgeschlossene Ereignisse verwendet wird. Damit ist die Auserwählung an sich und nicht nur der Ausgang vor Grundlegung der Welt abgeschlossen.

2. Auserwählt ist nicht der Einzelne persönlich, sondern die Gemeinde – stimmt das?

George Gillanders Findlay (1845–1919) schreibt:

Wer nun sind die Gegenstände der vorweltlichen Erwählung der Gnade? Gebraucht Paulus das Fürwort distributiv, indem er an die Einzelnen denkt … oder meint er die Kirche als solche, die kollektiv die Familie Gottes ist und der Gegenstand seiner liebenden Bestimmung? In diesem Brief ist das Letztere sicherlich der Gedanke. (The Expositor’s Bible, Epistle to the Ephesians, S. 33)

Und der Bibelausleger George Campbell Morgan (1863–1945) schreibt:

Er erwählte die Kirche, damit sie dem Bilde seines Sohnes gleichgestaltet werden möchte. (Living Messages of the Books of The Bible, Matthew To Colossians, S. 172)

Begründet wird das damit, dass es in Vers 4 „uns“ heißt, und das sei ja nun die Gemeinde. Dabei wird mehreres völlig übersehen:

  1. Der Brief an die Epheser ist nicht an die Gemeinde (Kirche, Versammlung) gerichtet so wie die Korinther- und die Thessalonicherbriefe, sondern an „die Heiligen und Treuen … in Ephesus“, also bewusst an Einzelpersonen.

  2. Der Gedanke „unserer“ Auserwählung in Epheser 1,4 geht ja direkt weiter mit der Zuvorbestimmung zur Sohnschaft in Vers 5, und das kann sich nur auf Einzelpersonen beziehen – vor allem dann, wenn man die Belehrungen aus dem Galater- und aus dem Römerbrief zur Sohnschaft hinzuzieht.

  3. Die Tatsache, dass alle Gläubigen, die zur Gemeinde gehören, auserwählt sind, bedeutet noch lange nicht, dass sie korporativ als Gemeinde auserwählt sind. Hier liegt ein mangelhaftes Verständnis von dem Wesen der Gemeinde vor. Die Gemeinde ist eben weitaus mehr als die Summe aller Gläubigen, die dazugehören. Der Leib zum Beispiel ist mehr als die Summe aller Glieder, so wie das Haus mehr ist als – mit Verlaub gesagt – ein Haufen Steine. So ist es auch mit dem Leib Christi und dem Haus Gottes. Die Schrift sagt nirgendwo, dass die Gemeinde als solche auserwählt ist.

  4. Erst in Epheser 1,22 kommt der Apostel auf den korporativen Aspekt der Gemeinde zu sprechen; alles Vorherige ist rein individuell. Und dass die Gemeinde „heilig und tadellos“ ist, lesen wir sogar erst in Epheser 5,27.

Für solche, die an eine korporative Auserwählung der Gemeinde glauben, müsste Epheser 1,4 folgendermaßen umgeschrieben werden: „wie er die Gemeinde auserwählt hat in Christus vor Grundlegung der Welt, dass sie einmal heilig und tadellos sei vor ihm“.

3. Auserwählt ist man, wenn man „in Christus“ ist – stimmt das?

Wir wiederholen noch mal das obige Zitat von R.W. Dale:

Es war das göttliche Ziel, dass alle, die in Christus sind, eine auserwählte Rasse sein sollten … Die Auserwählten sind solche, die „in Christus“ sind, und weil sie in Ihm sind, gehen sie in das Besitztum der ewigen Segnungen ein, die Gott sich vor Grundlegung der Welt vorgenommen und beschlossen hatte, allen Christen zu geben. … Nach Paulus ist kein Mensch auserwählt, wenn er nicht in Christus ist. Wir sind alle unter den Nichtauserwählten, bis wir in Ihm sind. (The Expositor’s Library, Epistle to the Ephesians, S. 29–32, 41)

In diesem Fall lesen sie Epheser 1,4 eigentlich folgendermaßen: „wie er auserwählt hat, dass, wenn irgendjemand in Christus ist, er heilig und tadellos sei“. Doch auch darum geht es hier nicht, sondern darum, dass die Auserwählung vor Grundlegung der Welt „in Christus“ geschah. Schon damals hatte Gott im Blick, uns „in Christus“ vor sich hinzustellen. Als Geschöpfe wären wir vor dem Sündenfall zwar unschuldig gewesen – so wie Adam es war –, jedoch keinesfalls heilig. Nur „in Christus“ war es möglich, dass wir heilig, der göttlichen Natur teilhaftig, vor Gott stehen könnten. Das war nur dadurch möglich, dass wir Christus als unser Leben bekommen würden. Dass wir – das heißt der Mensch an sich – Sünder geworden waren (s. 1Mo 3), machte das natürlich erst recht nötig, aber auch ohne dass wir Sünder gewesen wären, wäre solch eine Stellung nur in Christus“ möglich gewesen; deshalb hat Gott uns in Christus“ auserwählt vor Grundlegung der Welt. Wer sagt: „Wir sind alle unter den Nichtauserwählten, bis wir in Christus sind“, leugnet damit eine Auserwählung vor Grundlegung der Welt.

4. Auserwählt ist man als Gläubiger, vorher nicht – stimmt das?

Der baptistische Pastor und Lehrer Dr. A.J. Wall schreibt:

Vor Grundlegung der Welt wählte Gott, dass die Gläubigen in Christus vor Christus sein oder stehen sollten, in Liebe, heilig und tadellos. (The Truth about Election: an exposure of the pre-fixation theory, Wichita, Kanada, 1964, S. 13)

Selbstverständlich ist der Epheserbrief an Gläubige geschrieben, das heißt aber noch lange nicht, dass sie erst auserwählt sind, seitdem sie auch Gläubige sind. Im Gegenteil: Epheser 1,4 sagt deutlich, dass sie bereits vor Grundlegung der Welt auserwählt waren. Auch wählte Gott nicht aus, was die Gläubigen sein sollten, sondern Er wählte Menschen als Menschen (nicht als Ungläubige oder Gläubige) aus anderen Menschen aus, damit sie einmal heilig und tadellos vor Ihm sein sollten. Die Sünde spielte bei der Auserwählung keine Rolle, sonst wäre sie Teil der ewigen Ratschlüsse Gottes, und damit wäre Gott der Urheber der Sünde. Da ich aber, als Gott mich geheiligt hat, nicht nur nicht heilig war wie Adam vor dem Sündenfall – Adam war damals zwar unschuldig, aber nicht heilig! –, sondern sündig, bedeutete diese Heiligung auch eine Reinigung von der Sünde. Gläubige sind bereits Heilige; sie zur Heiligkeit zu bestimmen, wäre völlig unsinnig.

5. Auserwählung ist Bestimmung – stimmt das?

Thomas Kingsmill Abbott (1829–1913), Gelehrter und Geistlicher der Kirche von Irland, schreibt:

Was hier hauptsächlich im Blick ist, ist nicht die Tatsache der „Selektion“, sondern das Ende, für das die Wahl geschah (dass wir sein sollten, etc.). (International Critical Commentary on “Ephesians”, 1909, S. 6)

Tatsache ist jedoch, dass es hier ganz deutlich um Selektion geht. Das griechische Wort für „auserwählen“ (eklegomai) bedeutet ganz klar, dass bestimmte Leute aus einer Menge anderer ausgewählt werden. Das hat nichts damit zu tun, dass diejenigen, die Gott aus der Menge anderer Menschen auserwählt hat, nun irgendwie mehr Wert hätten als die anderen, die Er nicht auserwählt hat, sondern es hat damit zu tun, dass Gott souverän ist und wählen kann, wen Er will. Das hat übrigens mit Bestimmung der anderen zur Verdammnis nichts zu tun. So haben Gläubige, die nicht zur Gemeinde gehören, auch nichts mit der Verdammnis zu tun, obwohl sie auch nicht vor Grundlegung der Welt auserwählt waren, sondern erst von Grundlegung der Welt (Off 13,8; 17,8).

6. Auserwählung ist Vorkenntnis – stimmt das?

G.G. Finley schreibt:

Die göttliche Vorkenntnis … sowie auch seine absolute Gerechtigkeit, verbieten den verführerischen Gedanken von irgendetwas Willkürlichem oder Unfairen, das seiner Vorherbestimmung anhängt – irgendetwas, dass unseren freien Willen überstimmen und unsere Verantwortlichkeit zu einer Illusion machen würde … Er sieht alles vorher und erlaubt alles. (The Expositor’s Bible, Epistle to the Ephesians, S. 28)

Auserwählung hat mit Im-Voraus-Wissen nichts zu tun. Auserwählung ist buchstäblich eine positive und selektive Wahl, wie wir oben gesehen haben. Und sie ist nicht einfach eine passive Vorkenntnis, sondern eine aktive Zuvorbestimmung.

Insgesamt muss man Folgendes feststellen: Um den freien Willen des Menschen zu retten, wird hier auf alle mögliche Art und Weise versucht, die sonst deutliche Aussage des Wortes Gottes wegzutheologisieren.

Damit nimmt man dieser wunderbaren Segnung Gottes

  1. die Grandiosität des Gedankens, dass Gott vor Grundlegung der Welt, d.h., bevor irgendetwas Geschaffenes da war – im Schoß der Ewigkeit also –, an mich gedacht hat;
  2. das Persönliche, dass Er an mich speziell gedacht hat;
  3. dass Er mit mir als Mensch von Staub solch einen Plan hatte;
  4. dass Er mich damals schon mit Christus verbunden hat;
  5. dass Er mich vor anderen erwählt hat.

Damit wird aberkannt, dass der Zustand des Menschen hoffnungslos verloren ist und nicht wiederherstellbar, sondern es wird behauptet, der natürlich Wille des nicht von neuem geborenen Menschen sei doch noch fähig (bei anderen wird er dazu durch den Geist Gottes fähig gemacht, aber das ändert nichts am Ergebnis), Buße zu tun, Gott anzunehmen, und bereit zu sein, Gottes Willen zu tun. Letztlich der schlimmste Punkt in dieser Reihe ist, dass damit Gott seiner Souveränität beraubt wird, vor anderen Wesen einige auszuwählen, die ganz speziell zum Preis der Herrlichkeit seines Wesens sein sollen.

D Bedeutet Auserwählung, dass andere Menschen beim Heil übergangen werden?

Auserwählung bedeutet ausdrücklich, dass Gott in der Ewigkeit vor der Zeit bestimmte Menschen ausgewählt hat, ganz besondere Segnungen zu empfangen, und andere Menschen nicht. Dass einige hieraus schließen, diese anderen Menschen seien durch Gott für die Hölle zuvorbestimmt, beweist nur, dass sie von der Auserwählung selbst überhaupt nichts verstehen. Wäre der Sündenfall nicht gewesen, wäre kein Mensch jemals in die Hölle gekommen, die nach klarer Aussage der Schrift für den Teufel und seine Engel (Mt 25,41) bereitet ist – aber das hätte nichts an der Tatsache geändert, dass Gott bestimmte Menschen auserwählt hat, über ihre Mitmenschen hinaus alle himmlischen Segnungen zu empfangen. Doch lehrt die Schrift an keiner Stelle, dass bestimmte Menschen von Gott für die Hölle auserwählt sind. Wenn dennoch Menschen in die Hölle kommen, so ist dies ausschließlich die Folge ihrer eigenen Sünde und nicht, weil Gott sie beim Heil übergangen hätte.

Die gewöhnliche Bestimmung für den Menschen ist die Erde (s. z.B. 1Mo 1), nicht der Himmel und auch nicht die Hölle. Wäre die Sünde nicht gewesen, hätte der Mensch ewig auf der Erde gelebt und nicht im Himmel. Und viele der nicht vor Grundlegung der Welt erwählten Menschen werden auch einmal auf der Erde wohnen in alle Ewigkeit! Alle, die von ihrer Sünde erlöst und nicht von Ewigkeit auserwählt sind (z.B. die Gläubigen des Tausendjährigen Reiches), werden in Ewigkeit auf der neuen, gereinigten Erde wohnen, nicht im Himmel (Off 21,1-8). Daneben hat Gott die Glieder einer bestimmten Gruppe (die Glieder der Gemeinde) auserwählt, alle himmlischen Segnungen zu empfangen und dort im Himmel ewig bei Ihm zu wohnen – sie werden „die Hütte Gottes“ bei den übrigen erlösten Menschen sein. Und auch alle anderen – die dritte Gruppe von Menschen – waren damit nicht von vornherein verworfen und für die Hölle bestimmt, sondern sie sollten nach Gottes Plan die normale Bestimmung des Menschen empfangen und ewig gesegnet auf der Erde wohnen. Wegen ihrer Feindschaft gegen Gott werden sie jedoch dieses Ziel nicht erreichen und an den Ort kommen, der eigentlich nur für den Teufel und seine Engel bestimmt war.

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