Auserwählung: Souveränität Gottes und Verantwortung des Menschen
Epheser 1,4.5

Hans-Jörg Ronsdorf

© H.-J. Ronsdorf, online seit: 16.07.2004, aktualisiert: 04.10.2018

Leitverse: Epheser 1,4.5

Einleitung

Der himmlische Reichtum konnte nicht geschenkt werden, ohne dass mit uns etwas geschah. Heilig und tadellos sind wir nicht von Geburt aus. Nicht Gott musste sich verändern, wir hatten es nötig. Und so zeigen die folgenden Worte, was Gott tat und was nötig war, damit wir in eine Beziehung zu Ihm zu kommen, die einen Aufenthalt in seiner Gegenwart, d.h. in den himmlischen Örtern vor seinem Angesicht, ermöglicht. Es sind daher nicht die Segnungen, die hier jetzt genannt werden, sondern der Weg, die Bedingungen und Voraussetzungen, diese zu erlangen.

Der Ursprung des Handeln Gottes im Blick auf uns Menschen liegt lange Zeit zurück, bevor es irgendetwas Geschaffenes gab. Es sind die ewigen Pläne Gottes, die der dreieinige Gott – Vater, Sohn und Geist – vor aller Zeit beraten und beschlossen hat.

Dieser Plan hat nicht nur mit der Erlösung zu tun, sondern mit seinem Vorsatz, den es auch gegeben hätte, wenn die Sünde nicht in die Welt gekommen wäre. Dass Menschen Sünder sind und Gottes Herrlichkeit niemals erreichen können, hat Gottes Plan nicht durchkreuzt. Alles, was nötig war, dieses Problem zu lösen, hat Gott getan, denn sein Plan ist unumstößlich. Es geht darum, dass Gott etwas für sich tut. So wie wir uns Menschen auswählen, mit denen wir zusammen sein wollen, so wählt Gott sich aus den Menschen aus, mit denen Er in eine Beziehung treten will. Er will, dass wir vor Ihm sind, unter seinen Augen, um seine Liebe zu genießen, um eben die zu sein, denen Er seine ganze Liebe erweisen kann. Nicht nur einmalig im Heil, sondern jeder Tag, unser ganzes Leben soll in einer von Gott gewollten Lebensbeziehung zu Ihm stehen, die von der Liebe des Vater unseres Herrn Jesus Christus durchdrungen und erfüllt ist.

Auserwählung in Ihm

Eph 1,4: Er hat uns auserwählt in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe.

Auserwählung ist das aktive Handeln Gottes. Es ist seine souveräne Auswahl. Aus Menschen wählte Er aus. Nicht wir haben uns entschieden, Er hat sich für uns entschieden. Das äußert sich darin, das wir dem Evangelium unseres Heils glauben (Joh 15,16; Eph 1,13). Diese Auswahl macht uns passend für Gottes Gegenwart, indem sie uns zu Teilhabern der göttlichen Natur macht (2Pet 1,4). Diese Auswahl macht uns, wie im nächsten Vers ausgeführt, zu Söhnen Gottes und damit als Erben zu Teilhabern der Herrlichkeit Christi. Welch ein Privileg, als Kinder Gottes zu wissen, auserwählt zu sein. Der Gläubige soll zu einer tiefen Wertschätzung der Tatsache kommen, dass er vor aller Zeit schon Gegenstand der Liebe des ewigen Gottes war (Tit 1,2). Er kannte uns nicht nur im Voraus, als wir noch lange nicht in Erscheinung traten, Er war aktiv damit beschäftigt, wie Er uns in seinem Sohn segnen würde.

Mittelpunkt dieser Auswahl ist der ewige Sohn Gottes, durch den Gott alle seine Pläne ausführt. Durch den Sohn, der das Wort ist (Joh 1,1), offenbart Gott sich. Durch Ihn hat Er die Welten geschaffen, und durch Ihn und sein Erlösungswerk bringt Er die gefallene Schöpfung zu sich zurück. Der Sohn Gottes ist Dreh- und Angelpunkt der Heilsgeschichte Gottes, die nicht erst mit der Schöpfung, sondern lange vorher begann.

Auserwählt für Himmel und Hölle?

Wenn aus Menschen ausgewählt wird, dann kommt es zur Scheidung; Auserwählte und Nicht-Auserwählte. Gott erwählte uns, damit wir in eine Beziehung als Söhne zu Ihm gebracht werden. Das bedeutet nicht, das die Nicht-Auserwählten für die Hölle zuvorbestimmt sind. Die Bibel unterstützt diesen Gedanken an keiner Stelle. Sie macht wiederholt und ohne Einschränkung deutlich, dass das Evangelium des Heils für alle Menschen gilt. Sein Aufruf gilt für alle. Niemand wird sich am Tag des Gerichts damit entschuldigen können, nicht auserwählt zu sein. Von der Hölle wissen wir, dass sie für den Teufel und seine Engel bestimmt ist (Mt 25,41). Eben nicht für Menschen war sie gemacht, und deshalb können Menschen nicht von vornherein dazu verdammt sein.

Die menschliche Logik ist begrenzt. Mit dieser Logik zu versuchen, die Auserwählung Gottes ganz und gar zu durchdringen, ist deshalb schon im Vorfeld zum Scheitern verurteilt. Deshalb hat es in der Kirchengeschichte bis zum heutigen Tag noch immer darüber Zerwürfnisse gegeben, weil man versucht, mit der menschlichen Logik, die an sich von Gott gegeben ist, etwas zu erklären, was ihre Fähigkeit übersteigt. Eine Seite sagt in der letzten Konsequenz, dass Gott zum Heil und zum Verderben vorherbestimmt. Das ist falsch und dem Wesen des Evangeliums Gottes zuwider. Die andere Seite sagt, dass der Mensch frei wählt und Gott nur vorher Kenntnis davon hat, wer sich zu Ihm wendet. Aber diese Sicht übergeht, dass Gott aktiv auswählt, wie es in diesem Vers gesagt wird.

Die Verwirrung entsteht, wenn die Souveränität Gottes vermischt wird mit der Verantwortung des Menschen. Diese beiden Aspekte müssen für sich gesehen werden. Das eine hebt das andere nicht auf. Das bereitet gedankliche Schwierigkeiten. Aber Gottes Wege und Gedanken sind höher, größer, tiefer als unsere und vollkommen. Gott ist unergründlich in seinem Tun und Er widerspricht sich nicht.

Ein bekannter Vergleich kann das auf den Punkt bringen. Eine Eisenbahngleis besteht aus zwei Schienen, die immer parallel verlaufen und sich nie kreuzen. So ist es mit Gottes Souveränität, in welcher Er seine Auswahl trifft, und so ist es mit der Verantwortung des Menschen, der sich bekehren muss. Das Gleis steht bildhaft für die Heilsgeschichte, wo eben diese beiden Aspekte immer zu sehen sind, auch in ihrer Nähe zueinander. Es ist ein göttliches und damit unerforschbares Geheimnis, wie Gott zu seinem Ziel kommt, und zwar so, dass Er verherrlicht wird und Ihm niemand jemals einen Vorwurf machen kann. Am Horizont sehen wir dann die Schienen zusammenlaufen. Und so wird es am Ende sein, dass Gott auch dieses Geheimnis lüften wird und das Vollkommene gekommen sein wird. Dann werden wir sein Handeln viel besser verstehen (1Kor 13,9.10).

Die zwei Aspekte finden wir auch in der Passion Jesu Christi. Auf der einen Seite ist es die volle Verantwortung aller, die direkt und indirekt an der Ermordung Jesu beteiligt waren. Die andere Seite ist Gottes Tat, der seinen Sohn hingab als Lamm Gottes, als Opfer für die Sünde. Das ist Gottes Weisheit. Die Mörder werden keine Entschuldigung haben, indem sie sich auf Gottes Plan berufen können. Aber es ist Gottes unendliche Gnade, dass selbst die Mörder aufgrund des Opfers Jesu begnadigt werden können!

Wir sind aus der Welt heraus erwählt (Joh 15,19). Seine Auswahl bevorzugt die Schwachen und die Armen der Welt (1Kor 1,27.28; Jak 2,5). Deshalb können wir von einem Gnadenratschluss sprechen. Die Auserwählten Gottes genießen seinen besonderen Schutz (Röm 8,33). Sie haben auch besondere Pflichten (Kol 3,12). Wir sind als individuelle Geschöpfe auserwählt (Joh 1,1.13), aber auch als ganze Gemeinde (Eph 3,8-11; 1Pet 2,9). Der Apostel Paulus war sich der Auserwählung der Thessalonicher sicher, weil er das Werk des Glaubens bei ihnen sah (1Thes 1,4). Er hatte, soweit wir wissen, keinen Einblick in den ewigen Ratschluss Gottes, wer das Heil erlangt oder nicht. Vielmehr arbeitete er umso mehr, damit die Auserwählten die Rettung erlangten (2Tim 2,10).

Vor Grundlegung der Welt

Bevor die Erde geschaffen wurde, bevor es also Menschen gab, hat der Ewige auserwählt. Der Begriff „vor Grundlegung der Welt“ kommt nur dreimal im NT vor. Zweimal bezieht er sich auf den Sohn Gottes.

  1. Jesus sagt: „Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin auf dass sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24).
    Es sind die Auserwählten, die der Vater dem Sohn zum Eigentum gibt, die Auserwählung ist ja in Ihm. Es ist der Wille von Vater und Sohn, dass wir als Söhne in seinem Haus (Joh 14,3) sein sollen. Die Herrlichkeit des Sohnes Gottes und die Atmosphäre der ewigen Liebesbeziehung von Vater und Sohn sollen unser Zuhause und Grund unserer ewigen Bewunderung sein. Wir werden im Haus des Ewigen sein, in welches uns der Sohn geführt hat.

  2. Jesus Christus ist das Lamm Gottes und das war schon vor aller Zeit bestimmt: „welcher zwar zuvorerkannt ist vor Grundlegung der Welt, aber offenbart worden am Ende der Zeiten um euretwillen“ (1Pet 1,20). Gott wusste in seiner Allwissenheit, dass ein vollkommenes Opferlamm nötig war, um den Menschen zurück zu Ihm zu bringen. Diese Vorsorge traf Er schon, als es uns nicht gab. Er kennt Anfang und Ende und Er ist die Liebe.

Es gibt andere Begriffe, die uns dasselbe zeigen: Gott hat einen ewigen Vorsatz gefasst (Eph 3,11; 1,11). Dieser Vorsatz gab uns seine Gnade bereits vor den Zeiten der Zeitalter (2Tim 1,6; Tit 1,2). Wir sind von Anfang an erwählt zur Seligkeit (2Thes 2,13).

Es gibt auch eine Auswahl, welchen ihren Anfang nicht „vor“, sondern „von“ Grundlegung der Welt hatte. Sie hat zu tun mit Israel, dem irdischen Volk Gottes und dessen Zukunft im Friedensreich (Mt 25,34; Off 13,8; 17,8).

Heilig und tadellos in Liebe

Um vor Gott zu sein, unter seinen heiligen Augen, die keine Sünde sehen können, ist es nötig, seiner Natur zu entsprechen. Gott ist herrlich in Heiligkeit, es gibt nichts an Ihm, was zu tadeln wäre, und Er ist die Liebe. Alles das war bei uns nicht zu finden. Aber dazu wurden wir gemacht. Neunmal werden die Gläubigen in diesem Brief „Heilige“ genannt. Wir sind neue Menschen geworden, geschaffen in Gerechtigkeit und Heiligkeit (Eph 4,24). Das ist unsere Stellung vor Gott in Christus. Diese Stellung wird durch unsere Fehler nicht hinfällig, genauso wenig wie sie sicherer wird durch ein heiliges Leben. Das ist eben Stand und Stellung des Christen in Christus. Unser tägliches Leben soll dem entsprechen und das ist Gottes Werk durch seinen Geist (Eph 5,26).

„In Liebe“ beschreibt, dass wir Gottes Liebe genießen und selbst mit dem Heiligen Geist und dem ewigen Leben die Liebe Gottes empfangen haben, um sie durch Wort und Tat weiterzugeben.

Die Auserwählung stellt uns hinein in den Ratschluss Gottes. Als solche werden wir auch für ein konkretes Ziel bestimmt, nämlich Söhne für Gott zu sein. Er selbst hat Gefallen und Freude daran, uns in diese Beziehung zu bringen, deren Vorbild die Beziehung des Sohnes Gottes, Jesus Christus, als Mensch zu seinem Vater ist. An anderer Stelle finden wir einen passenden Vergleich: „Denn es geziemte ihm, um deswillen alle Dinge und durch den alle Dinge sind, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Urheber ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen. Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen“ (Heb 2,10.11).

Zuvorbestimmung

Eph 1,5: Er hat uns zuvorbestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst, nach dem Wohlgefallen seines Willens.

Wir finden im Umfeld der Auserwählung, also des Handeln Gottes vor aller Zeit, weitere Begriffe, die damit zu tun haben:

  • Zuvorbestimmung

(Eph 1,11; Röm 8,29.30; 1Kor 2,7):
Darin liegt ein konkretes Ziel, nämlich was Gott erreichen wollte und erreicht hat.

  • Vorkenntnis

und zuvorerkannt (Apg 2,23; Apg 8,29; 1Pet 1,2):
Gott kennt alle Dinge im Voraus, Er ist immer da, Er unterliegt nicht dem Gesetz der Zeit, Er ist nicht abhängig von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Deshalb wird Er durch nichts überrascht oder in Verlegenheit gebracht. Wir können annehmen, dass die Vorkenntnis der Auserwählung und Zuvorbestimmung vorausgeht.

  • Ewiger Vorsatz

(Eph 1,11; 3,11; Röm 8,29; 9,11; 2Tim 1,9):
Was Gott sich vorgenommen hat in der Ewigkeit im Hinblick auf bzw. innerhalb der Schöpfung. Es ist vergleichbar mit etwas, was wir uns vornehmen und erreichen wollen.

  • Ratschluss

(Apg 2,23; 4,28; 20,27; Ps 33,11; Spr 19,21; Jes 46,10):
Gottes Rat und Plan, wie Er göttlich vollkommen auch zu seinem Ziel kommt. Gottes Ratschluss ist wohl durchdacht, Ergebnis eingehender Beratung zwischen Vater, Sohn und Geist.


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...