Wie muss man die Offenbarung lesen?
Eine Widerlegung von Einwänden gegen den futuristischen Ansatz

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 28.02.2017

Leitvers: Offenbarung 1,3

Off 1,1-3: Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss; und durch seinen Engel sendend, hat er es seinem Knecht Johannes gezeigt, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er sah.
Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.

Es gibt verschiedene Ansätze, die Offenbarung auszulegen. Im Wesentlichen existieren zwei Schulen, die sich untereinander auch wieder mehr oder weniger deutlich unterscheiden können: Da sind einerseits der historisierende beziehungsweise der geistlich-historische und andererseits der futuristische Interpretationsansatz zu nennen. Der eine sieht in der Offenbarung das meiste bereits erfüllt oder erkennt an, dass sich in jeder Zeit der Kirchengeschichte gewisse Dinge immer und immer wieder erfüllen oder wiederholen; und der andere sieht das Buch zumindest ab Kapitel 4 als komplett zukünftig an. Das ist sicherlich eine sehr vereinfachte Darstellung, die aber für diesen Artikel ausreicht.

Martyn Lloyd-Jones beschreibt in seinem Buch Gott und seine Gemeinde (3L Verlag) einige Einwände gegen den futuristischen Ansatz, die zu einer genaueren Untersuchung einladen.

Es ist sicherlich unbestritten: Bei dem Buch der Offenbarung haben wir es mit einem äußerst komplexen und schwierigen Thema zu tun, und wir werden darin mit vielen Bildern und Symbolen konfrontiert. Um die richtige Auslegung muss ernsthaft gerungen werden, aber zu behaupten, man könne die Offenbarung sowieso nicht verstehen, geht viel zu weit. Gott schenkt uns nicht ein Buch, das wir sogar explizit aufgefordert werden zu lesen und zu bewahren, wenn wir es gar nicht verstehen könnten. Wir wollen aber bei aller Überzeugung einräumen, dass wir auch unsere Sichtweise im Bewusstsein unserer eigenen Beschränktheit im Erkennen des Willens Gottes aufschreiben. Jedenfalls werden wir aufgefordert, das Buch der Offenbarung fleißig zu „lesen“ und zu „bewahren“. Ja, wir werden dann sogar „glückselig“ genannt (Off 1,3).

Lloyd-Jones’ Einwand Nr. 1:
Dieser Interpretationsansatz [nämlich der futuristische, dass ab Kapitel 4 alles noch zukünftig ist] scheint das Buch seines hauptsächlichen Wertes für die Heiligen in der Zeit des Apostels Johannes zu berauben. (S. 193)

Es wird argumentiert: Wenn der Hauptteil des Buches zukünftig wäre, wie sollte es der damaligen Generation und der heutigen zum Trost und zur Ermutigung sein? Das sei doch eines der Hauptziele des Buches der Offenbarung (vgl. Off 1,3).

Das Buch der Offenbarung ist ein durch und durch prophetisches Buch, denn es heißt in Offenbarung 1,3: „Glückselig, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung [propheteia] und bewahren, was in ihr geschrieben ist.“ Das Wort der Weissagung, das in der Gemeinde geredet wird, spricht zwar direkt in die Umstände der Gläubigen zum aktuellen Zeitpunkt; es erbaut, ermahnt oder tröstet (vgl. 1Kor 14,3). Die Weissagung in der Offenbarung hat jedoch ein ganz anderes Ziel. Dieses Ziel wird gleich im ersten Vers der Offenbarung genannt: „… um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss.“

Es geht also hier nicht um Ermunterung, Ermahnung oder Tröstung. Das heißt nicht, dass die Worte dieses Buches nicht auch dazu dienen können. Vers 3 zeigt auch überhaupt nicht, dass Trost und Ermutigung das Ziel der Weissagung ist. Die Glückseligkeit ist vielmehr darin begründet, dass wir sehen können, dass die Ungerechtigkeit nicht für immer auf der Erde regieren wird: Die, die sie tun, werden ihr gerechtes Urteil empfangen. Wahre Gerechtigkeit und Friede werden eingeführt werden, und Christus wird mit allem zu seinem Ziel und zu seiner Ehre kommen.

Diese Dinge sind aber völlig unabhängig von der Erfüllung. Das Bewahren dieser Sache wird einen heiligenden Einfluss auf unser Leben haben. Dass auch dieses völlig unabhängig von der Erfüllung ist, sehen wir zum Beispiel an der Prophezeiung über das Ende der Welt, wenn sie im Brand aufgelöst wird. Diese Prophezeiung wird niemals die Stärkung des Glaubens durch den Rückblick auf ihre Erfüllung bewirken. Sie dient aber schon heute dazu, uns zu einem heiligen Wandel zu bewegen: „Da nun dies alles aufgelöst wird, welche solltet ihr dann sein in heiligem Wandel und Gottseligkeit!“ (2Pet 3,11).

Der Apostel Johannes sagt, dass er von Dingen schreibt, die „bald geschehen“ würden, und dass „die Zeit nahe“ sei (vgl. Off 1,1.3). Er beschreibt also etwas Zukünftiges, und der Apostel wird wohl selbst nicht daran gedacht haben, dass dieses „bald“ noch fast zweitausend Jahre dauern würde. So beschreibt der Apostel Dinge, die er gesehen hat; Dinge, die er während der Zeit, in der er lebte, sah, und Dinge, die nach diesen Dingen geschehen sollten (Off 1,19). Mindestens die ersten drei Kapitel sind Vergangenheit oder damalige Gegenwart. Wenn man die Sendschreiben als eine Art Kirchengeschichte in Miniatur verstehen möchte, so hält diese Gegenwart auch heute noch an.

M. Lloyd-Jones macht das Wort „bald“ und die Formulierung „die Zeit ist nahe“ große Probleme. Er meint, es sei ein unüberwindliches Problem, wenn man daran glaubt, dass „bald“ und „die Zeit ist nahe“ einen Zwischenraum von nahezu zweitausend Jahren bedeuten könnte. Aber ist das wirklich ein ernstzunehmendes Problem? Auch M. Lloyd-Jones wird wohl zustimmen, dass der Herr Jesus noch nicht wiedergekommen ist, und trotzdem heißt es in Offenbarung 22,12.20 zweimal „Ich komme bald“. Und in den Briefen ermutigten die Apostel die Gläubigen damit, dass der Herr nahe sei (vgl. Röm 13,12; Phil 4,5; Jak 5,8; 1Pet 4,7). Auch diese Worte haben einen Bedeutungsspielraum weit über die damalige Zeit hinaus bis in unsere Zeit.

Ab Offenbarung 4 geht es um Dinge, die „nach diesem“ geschehen sollen. So können wir die ersten drei Kapitel sehr gut auf unsere Zeit anwenden und darin Trost, Erbauung und Ermahnung finden. Jedes Sendschreiben ist eine Ermahnung an jede örtliche Versammlung in der heutigen Zeit und sogar ein persönlicher Weckruf für jeden Christen.

Offenbarung 4 und 5 geben uns dann einen Einblick in eine zukünftige Szene, in der Johannes aber auch eine ganz konkret gegenwärtige Sache erlebt (Off 5). Diese beiden Kapitel zeigen uns sehr deutlich, wer es sein wird, der diese Weltgeschichte zu seinem Ziel führen wird. Es gab nur einen, der die Fähigkeit und Würde besaß, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen: ein Buch, das beschreiben würde, wie Gott sein Ziel mit dieser Welt erreicht; wie Er die Geschichte zu seinem guten Ende führen wird. Dieses Buch mit sieben Siegeln wird ab Offenbarung 6 geöffnet. Es beschreibt die Gerichte, die über diese Erde kommen sollen. Aber nicht nur die Gerichte werden erwähnt, sondern auch der herrliche Ausgang: die Hochzeit des Lammes, die Wiederkunft Christi, der endgültige Schlag gegen den Teufel und die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

Warum sollte es Christen nicht zu jeder Zeit der Weltgeschichte ein großer Trost sein, zu wissen, dass Gott mit dieser Welt zu seinem Ziel kommt? Dass alle Könige, Kaiser, Kanzler und Präsidenten dieser Welt nicht das letzte Wort haben werden und keiner von ihnen als Letzter auf der Erde stehen wird, sondern der König der Könige und Herr der Herren. Der Herr Jesus ist das Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende, und wir werden – als die Braut des Lammes – an seiner Seite sein, wenn Er die Herrschaft über diese Welt antreten wird. Dieser Ausblick kann uns ruhig und getrost machen, uns aber auch ermahnen, schon jetzt so zu leben, dass es zu der Stellung und Position passt, die wir dann einmal mit Ihm teilen werden.

Außerdem: Warum sollte es nicht auch mindestens ein Buch oder einige Kapitel eines Buches im Neuen Testament geben, das Gläubige vielleicht besonders lesen werden, die in diesen Zeiten zum großen Teil für ihren Glauben sterben werden, so wie es in der Offenbarung weiter beschrieben wird? Es ist für uns heute bereits ein großer Trost, und es wird ein gewaltiger Trost für solche sein, die diese Zeit buchstäblich erleben werden. Sie werden wissen, dass die Macht des Tieres und des falschen Propheten ein Ende finden wird und dass solche, die ausharren bis zum Ende, großen Lohn erhalten werden.

Lloyd-Jones’ Einwand Nr. 2:
Ein weiterer, sehr ähnlicher allgemeiner Einwand ist, dass es überhaupt keine Zweifel geben kann, dass die Hauptfunktion der Prophetie die Stärkung unseres Glaubens ist, indem sie uns zeigt, dass die Dinge, die vorausgesagt sind, auch wirklich geschehen werden. … Die Prophetie ist für den Zweck gegeben, den Glauben der Menschen zu stärken, die deren Erfüllung erkennen. Wenn das, was prophezeit ist, tatsächlich geschieht, sehen die Gläubigen etwas, worauf sie ihre Füße wie auf einem unerschütterlichen Felsen stellen können. Und doch scheint der futuristische Interpretationsansatz der Offenbarung der Prophetie ihre Aufgabe, den Glauben zu stärken, völlig streitig zu machen. Denn wenn die These wahr wäre, dass alle Christen aus der Welt herausgenommen würden, bevor die Ereignisse geschehen, die prophezeit werden, wie kann dann überhaupt einem Christen durch die Prophetie geholfen werden? (S. 193/194)

Dass die Hauptfunktion der Prophetie die Stärkung unseres Glaubens ist, indem sie uns zeigt, dass die Dinge, die vorausgesagt sind, auch wirklich geschehen werden, ist vielleicht die Meinung von Llyod-Jones. Aber das wird in der Schrift nicht bestätigt. Die meisten der bereits in Erfüllung gegangenen Prophezeiungen haben sich nicht während der Lebzeiten der Zuhörer erfüllt und konnten somit gar nicht diesem Zweck dienen.

Wenn Gott uns das Wort der Weissagung gibt, so ist nicht die Erfüllung das, was Gott in der Prophezeiung wichtig ist. Viel wichtiger ist, dass Gott uns mit der Prophezeiung seine Absicht mit der Geschichte mitteilt und Er uns seinen Geist gegeben hat, damit dieser uns darüber ein Verständnis gebe. Wenn wir uns also nicht mehr in erster Linie mit der Erfüllung beschäftigen, kommt es nicht mehr darauf an, ob es sich um bereits erfüllte oder noch zu erfüllende Prophezeiungen handelt. Wir sind dann vielmehr damit beschäftigt, Gottes Gedanken über bestimmte Entwicklungen zu erfahren, und weniger, wie diese Dinge im Detail dann stattfanden oder stattfinden werden.

Das sehen wir bei einer Prophezeiung, die sich sogar während der Lebzeiten des Gläubigen erfüllt hat. Wenn Gott Abraham sagt, was Er in Sodom tun will, dann sagt Er das nicht, um Abrahams Glauben zu stärken. Der Grund ist vielmehr: Abraham ist Gottes Freund, und Gott will seinem Freund mitteilen, was Er tun will – so wie man eben Freunde in die eigenen Pläne einweiht.

Außerdem verstehen wir auch nicht, was es bedeuten soll, wenn Lloyd-Jones schreibt, dass ja kein Christ mehr da sein wird, wenn sich diese Prophezeiungen erfüllen. Es stimmt zwar, dass es dann keine Christen mehr geben wird, wie Lloyd-Jones schreibt, aber es wird doch noch Gläubige geben, die in schweren Zeiten sehr dankbar sein werden, dass sie trotz der Gerichte wissen dürfen, dass Gott sie sicher ans Ziel bringen wird, selbst wenn dies bedeuten würde, dass sie als Märtyrer sterben.

Viele Gläubige haben im Alten Testament viele Prophezeiungen gelesen und wurden dadurch gestärkt und im Glauben ermuntert und ermahnt, obwohl die Erfüllung noch mehrere hundert Jahre dauerte oder sogar bis heute noch nicht erfüllt worden ist. Das Warten auf eine Erfüllung ist ja gerade ein wichtiger Bestandteil einer Prophezeiung. Denken wir an die Prophezeiung auf Christus hin im Garten Eden. Die Erfüllung hat viertausend Jahre gedauert und ist bis heute noch nicht gänzlich erfüllt, denn dem Teufel wurde noch nicht gänzlich der Garaus gemacht. Wo ist also die Stichhaltigkeit der Argumentation von Bruder Lloyd-Jones?

Im Gegenteil: Sogar eine Jahrtausende alte Prophezeiung (erfüllt oder noch unerfüllt) hat immer noch die Kraft, das Leben von Gläubigen in der heutigen Zeit zu korrigieren.

Lloyd-Jones’ Einwand Nr. 3:
Der dritte allgemeine Einwand ist, dass diese Auffassung dem widerspricht, was wir die Analogie der Heiligen Schrift nennen könnten. (S. 194/195)

Lloyd-Jones ist der Meinung, das Tier aus Offenbarung 13 habe starke Ähnlichkeiten mit dem Tier aus dem Buch Daniel; es gehe hier sehr deutlich um das Römische Reich. Futuristen müssten also der Meinung sein, dass das Römische Reich wiedererstehen müsse, bevor sich die Dinge der Offenbarung erfüllen könnten. Diese Sichtweise nennt Lloyd-Jones „suspekt“.

Die Frage ist jedoch: Ist es wirklich so suspekt, wie Lloyd-Jones selbstsicher schreibt? Denn was er in seiner Darlegung nicht sagt, ist: Wir haben in Offenbarung 17 ein sehr deutliches Zeichen dafür, dass das Römische Reich tatsächlich wiedererstehen wird. So heißt es in Offenbarung 17,8: „Das Tier, das du sahst, war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen und ins Verderben gehen.“ Lloyd-Jones stimmt zu, dass es bei dem Tier in Offenbarung 13 um das Römische Reich geht. Aber er sieht nicht, dass es dort heißt: Es war, es ist nicht – nämlich in der heutigen Zeit – und es wird wieder aus dem Abgrund heraufsteigen. Weiter versäumt Lloyd-Jones, darauf hinzuweisen, dass es sogar in Offenbarung 13,3 heißt: „Und ich sah einen von seinen Köpfen wie zum Tod geschlachtet. Und seine Todeswunde wurde geheilt, und die ganze Erde verwunderte sich über das Tier.“

Wir sind also einig mit Lloyd-Jones, dass es sich hier um das Römische Reich handelt, das tatsächlich zurzeit so aussieht wie zum Tod geschlachtet. Aber es würde geheilt werden, es wird aus dem Abgrund heraufsteigen. Es ist also durchaus nicht „suspekt“, daran zu glauben, dass das Römische Reich, in welcher Form auch immer, wieder auf den endzeitlichen Plan rücken wird.

Lloyd-Jones’ Einwand Nr. 4:
Ein weiterer allgemeiner Einwand gegen die futuristische Auffassung ist, dass sie die Einheit des Buches der Offenbarung zerstört, indem sie diese praktisch in drei Bücher einteilt: „Was du gesehen hast“, „was ist“, „was nach diesem geschehen muss. Zudem ein zeitlicher Zwischenraum von fast zweitausend Jahren – vielleicht sogar noch mehr – zwischen dem zweiten und dem dritten Abschnitt liegt. Diese Einteilungen sind unnatürlich. Sicherlich bestehen kaum Zweifel, dass dieses Buch eins ist. (S. 195/196)

Wir glauben nicht, dass der futuristische Ansatz die Einheit des Buches antastet, im Gegenteil. Auch wenn nicht alle Kapitel immer absolut chronologisch sind – da immer wieder Einschaltungen gemacht werden und Gedanken bis zum Ende verfolgt werden, dann aber wieder zurückgegriffen wird –, so zieht sich doch eine sehr deutliche Linie durch das ganze Buch der Offenbarung. Es ist kaum zu begreifen, warum Lloyd-Jones die Dreiteilung so vehement ablehnt, obwohl er sogar noch den Bibelvers angibt (Off 1,19), wo diese Dreiteilung vom Buch selbst angeboten wird.

Allerdings trennt diese Dreiteilung dieses Buch nicht, sondern verbindet diese gerade miteinander. Wir sehen sehr deutlich, wie zum Beispiel die Kapitel 6–21 einer gewissen Chronologie folgen. Es werden zuerst die sieben Siegel, dann die sieben Posaunen und zuletzt die sieben Schalen-Gerichte erwähnt. Das siebte Siegel geht dabei aus der ersten Posaune hervor (vgl. Off 8,1.2), und die siebte Posaune läutet die letzten Gerichte über diese Erde ein, indem noch sieben Schalen-Gerichte folgen. Nach Abschluss dieser Gerichte folgt die Beschreibung der Braut des Lammes im Himmel und die endgültige Vernichtung des Tieres und des falschen Propheten. Es wird die tausendjährige Friedensherrschaft anbrechen, in der der Teufel im Abgrund eingesperrt sein und am Ende für eine kurze Zeit freigelassen wird. Es erfolgt der letzte Schlag gegen den Teufel und seine Helfer, und dann finden wir das Gericht vor dem großen Weißen Thron und im Anschluss die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde. All das liest sich bei einfachem Lesen als weitgehend chronologische Abfolge und verbindet auf diese Weise Kapitel mit Kapitel.

Andererseits fragen wir uns, warum ein Zwischenraum von zweitausend Jahren wirklich ein so großes Problem darstellen sollte. Wenn man die Gemeindezeit als einen Einschub in die Wege Gottes mit dem Menschen versteht, wo Gott sein Volk aus allen Nationen ruft und ihnen einen himmlischen Segen verheißt, dann lässt sich dieser Zwischenraum gut erklären. Auch in der Prophezeiung von Daniel 9 geht es um eine ähnlich lange Zwischenzeit: Nach der 69. Jahrwoche ist die 70. Jahrwoche nicht unmittelbar gefolgt. Denn der Segen von Daniel 9,24, der dem Volk Daniels verheißen war, ist bis heute nicht in Erfüllung gegangen, und folglich kann auch die 70. Jahrwoche noch nicht vollendet sein.

Auch glauben die meisten Futuristen daran, dass die Kapitel 2 und 3 die Kirchengeschichte beschreibt und dass der letzte Zustand der christlichen Kirche so lau sein wird, dass der Herr Jesus sie aus seinem Mund ausspeien wird. Erst nachdem der Niedergang gekommen sein wird, hören wir die Worte in Offenbarung 4,1: „Nach diesem sah ich: Und siehe, eine Tür war geöffnet in dem Himmel, und die erste Stimme, die ich wie die einer Posaune mit mir hatte reden hören, sprach: Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss.“ – Wir sehen also, dass hier auch die Kapitel 3 und 4 nicht durch zweitausend Jahren getrennt sind, sondern nahtlos ineinander übergehen.

Lloyd-Jones’ Einwand Nr. 5:
Dann ist der letzte allgemeine Einwand der, dass der futuristische Ansatz das Reich Gottes in die ferne Zukunft hinausschiebt. Die Theorie sagt, dass das Reich Gottes noch nicht gekommen sei: das jetzige Zeitalter sei das Gemeindezeitalter. (S. 196/197)

Lloyd-Jones sagt, dass Futuristen nicht an das Reich Gottes in dieser Zeit glauben würden und daran, dass auch die Christen schon heute ein Teil des Reiches Gottes sind.

Es wäre tatsächlich etwas zweifelhaft, wenn Futuristen nicht glauben würden, dass das Reich Gottes für uns heute eine Relevanz hätte. Der Herr Jesus nach seiner Auferstehung und die Apostel verkündigten sehr deutlich das Reich Gottes (vgl. Apg 1,3; 8,12; 20,25; 28,23). Das abzulehnen wäre sicherlich ein großer Fehler. Dennoch glauben wir, dass dieses Reich ein Reich sein würde, wie es nicht in den alttestamentlichen Propheten angekündigt war. Es würde ein Reich in einem Geheimnis sein, wie es der Herr Jesus in Matthäus 13,11 nennt. Das Reich Gottes ist gekommen, aber nicht so, wie die Jünger es damals erwartet hatten. Der Herr Jesus beschreibt diese geheimnisvolle Gestalt des Reiches der Himmel in zehn Gleichnissen vom Reich der Himmel (Mt 13,24.31.33.44.45.47; 18,23; 20,1; 22,2; 25,1) und sagt noch kurz nach seiner Auferstehung zu den Jüngern, die die Aufrichtung des Reiches „in dieser Zeit für Israel“ erwarteten: „Sie nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her? Er sprach aber zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat“ (Apg 1,6.7). Das im Alten Testament angekündigte Reich würde kommen, aber nicht jetzt; es war nicht die Sache der Jünger, den wahren Zeitpunkt zu kennen. Ginge es nach Bruder Lloyd-Jones, wäre für ihn der Zeitpunkt längst gekommen. Würde der Herr Jesus ihm nicht auch antworten: „Es ist nicht deine Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat“?

Auch wir leben in dem geheimnisvollen Reich Gottes, das nicht Essen und Trinken ist, „sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17). Wir leben in einem Reich, wo der König abwesend und außer Landes gereist ist. Auch wir glauben, wie Lloyd-Jones, daran, dass das Reich Gottes überall dort ist, wo die Herrschaftsansprüche Christi akzeptiert werden. Allerdings ist dieses Reich nicht das Reich Gottes in der Form, wie es im Alten Testament ankündigt wurde, wo Christus offen und direkt die Weltherrschaft übernehmen wird.

Mit diesem Artikel wollen wir einen ernsthaften Streiter für Gottes Sache, wie Bruder Lloyd-Jones sicher einer war, nicht in Misskredit bringen; er hat wertvolle Gedanken zu etlichen Themen des Christseins geschrieben und hat die Fundamente des Glaubens zu seiner Zeit verteidigt. In seiner Auslegung zur Offenbarung folgen wir ihm allerdings nicht, wenn wir auch zugeben, dass der historisierende Ansatz einige praktische Elemente enthält, die wir als Anwendung auf unser Christenleben gerne stehen lassen möchten.

Letzte Aktualisierung: 28.02.2017

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