Warum lässt Gott es zu?

Arthur Ernest Wilder-Smith

© Hänssler-Verlag, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 23.09.2017

Ist das nicht ganz genau die Frage vieler Menschen heutzutage? Warum ist es so, wenn Gott allmächtig ist – und wenn er Gott ist, muss er eben so sein –, warum bringt er nicht all dieses Chaos zum Stillstand, all diese Kriege, all den Betrug, die Ungerechtigkeiten, das Elend und die Krankheiten in der Welt? Es ist so, wie mir vor Jahren ein Student sagte: „Wenn Sie wollen, dass ich an Ihren Gott glauben soll, erwarte ich zuallererst, dass er eine bessere Welt erschafft!“

Falls er uns Menschen liebt, wie uns die Bibel versichert, warum lässt er nicht all das Elend verschwinden und bringt alles anständig in Ordnung? Weil er sich nicht mehr um uns kümmert? Wenn er allmächtig wäre, könnte er natürlich alles sofort ändern. Er wäre nicht länger Gott, wenn er nicht allmächtig wäre, und wenn es sich so mit ihm verhält, warum brauchen wir uns dann um ihn zu bemühen? Gerade deshalb, weil er es zulässt, dass das Böse neben dem Guten existiert, werden so viele zu Atheisten, wie es tatsächlich bei meinem Freund der Fall ist.

Wir sollten uns nicht verleiten lassen zu denken, dass solche Fragen besonders modern seien und dass wir sehr fortschrittliche Denker seien, wenn wir so fragen. Als nach dem Sündenfall Disteln und Dornen aus der Erde emporwuchsen, hätten Adam und Eva leicht dieselben Fragen stellen können. Warum ließ Gott all dieses zu? Liebt er uns nicht mehr und sorgt er nicht mehr für uns? Hiob stellte dieselbe Frage, als das Unheil über ihn und seine Familie hereinbrach. Er ist Gott, er hätte es verhindern können, wenn er gewollt hätte. Denn sicher muss er allmächtig sein, weil er Gott ist, und muss es deshalb können. Wollte er es noch? Sorgte er noch für Hiob? Wenn nicht, warum sollte Hiob sich dann so lange um ihn kümmern und ihm dienen? Zugegeben, es gab noch eine Menge Dinge in Adams und Hiobs Leben, die darauf hindeuteten, dass Gott sich doch noch um sie sorgte trotz Disteln und Dornen und Familienkatastrophen, aber es war kein klares Bild mehr vorhanden. Es gab nun Beweise für und gegen Gottes Liebe und Fürsorge, wenn man sich in der Umwelt des Menschen umsah. So erhob sich damals derselbe Widerspruch wie jetzt, und die Frage bleibt heute wie damals: „Warum soll man trotz aller gegenteiligen Beweise an einen guten Gott glauben und ihm vertrauen?“ […]

Um zu unserem ersten Gedankengang zurückzukehren, lautet die Frage: Wenn ein und dasselbe Wesen sowohl das Gute als auch das Böse, sowohl das Schöne als auch das Hässliche zulässt und plant, dann ist alles ernsthafte Denken über ihn mit den uns gegebenen Denkfähigkeiten unmöglich.

Bevor wir fortfahren, lasst uns fragen, was die Bibel über den Stand dieser Dinge lehrt. Das erste Kapitel des Römerbriefes lehrt vollständig klar und kompromisslos, dass die Schöpfung überhaupt keine Widersprüche enthält, und gibt uns nur eine einzige Vorstellung von Gott, nämlich dass er ein herrlicher, allmächtiger Schöpfergott ist und dass sein Universum nur seinen Ruhm verkündet. „Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Denn Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen seit der Schöpfung der Welt und wahrgenommen an seinen Werken, so dass sie keine Entschuldigung haben“ (Röm 1,19.20).

Demnach lehrt also die Bibel, dass ein Mensch, der das Weltall betrachtet und nicht gleichzeitig die ewige Macht der herrlichen Gottheit sieht, der, wenn er das Sichtbare sieht, keine Rückschlüsse auf das Unsichtbare zieht, ohne Entschuldigung ist. Ja, die Bibel geht in dieser Richtung noch einen Schritt weiter, indem sie in demselben Kapitel (Röm 1,21) lehrt, dass ein Mensch, der Gott durch seine so herrlich geschaffene Welt sieht und ihm nicht dafür dankt und ihn preist, überwältigt von den Wundern, die des Schöpfers Weisheit offenbaren, dass ein solcher Mensch seine Gedanken dem Nichtigen zuwendet und dass sein unverständiges Herz verfinstert wird. Das heißt, wenn ein Mensch das Weltall betrachtet und nicht von selbst vor Dank zu Gott überfließt und ein Gottesverehrer wird, dann wird dieser Mensch im Laufe der Zeit unfähig, seine höheren Fähigkeiten, wie etwa sein Denken, auf rechte Weise zu gebrauchen. Außerdem wird sein „Herz“ verfinstert, d.h., seine Sittlichkeit wird abgestumpft. […] Nach dem Maßstab der Heiligen Schrift sollte ein Blick auf das Universum für jeden Menschen von durchschnittlicher Intelligenz genügen, um von der Existenz Gottes überzeugt zu werden, und sollte ferner dazu ausreichen, aus ihm einen eifrigen Gottesverehrer zu machen. […]

Der Ursprung des Bösen

Stehen denn dem Glauben an den Gott der Bibel unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege? Vielleicht kann ein persönliches Erlebnis diese Fragen besser klären als weitere theoretische Erörterungen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg besichtigte ich oft den Kölner Dom. Dieses schöne gotische Bauwerk bewunderte ich besonders, manchmal stundenlang, mit den anmutigen emporstrebenden Pfeilern, dem prächtigen hochgewölbten Dach, den mittelalterlich bunten Glasfenstern und der Orgel. Je mehr ich diesen Bau bewunderte, desto mehr bewunderte ich auch die Baumeister und Maurer, die im Laufe von Jahrhunderten diesen schönen Dom entwarfen und erbauten. Denn all diese anmutigen Linien waren offenbar sorgfältig von Experten entworfen worden, die nicht nur die mathematischen Grundlagen solch eines Baues kannten, sondern auch einen hohen Schönheitssinn besaßen. Auch die Qualität dieser handwerklichen Kunst war wirklich erstklassig, abgesehen von der Schönheit der allgemeinen Konstruktion. So bewunderte ich unsere Vorfahren, als ich ihr Handwerk untersuchte. Wenn man bedenkt, dass sie keine modernen maschinellen Vorrichtungen besaßen, die ihre Arbeit erleichterten, muss man ihr damaliges Werk als ein Wunderwerk betrachten. So zeigt die Struktur dieses Domes zweifellos etwas von dem Geist, der dahintersteckte. Sich vorzustellen, dass solch ein wohlbedachtes Gebäude so einfach entstanden wäre, ohne dem Geiste von Sachkennern entsprungen zu sein, hieße, am eigenen Verstand zu zweifeln.

Während des Zweiten Weltkrieges war Köln das Ziel von vielleicht mehr schweren Luftangriffen als jede andere Stadt in Westeuropa, und da der Dom direkt am Rangierbahnhof steht, der regelmäßig schwer bombardiert wurde, wurde er oft getroffen und viele Male schwer beschädigt.

Ich erinnere mich noch gut an die Enttäuschung, als ich den Dom im Herbst 1946 zum ersten Mal nach dem Kriege wiedersah. Die beiden berühmten Türme standen noch und ragten aus dem furchtbaren, unvorstellbaren Trümmerfeld empor. Außer dem Dom selbst war fast alles dem Erdboden gleichgemacht oder in Trümmer zerfallen. Von ferne sahen die Türme noch gut aus, aber wenn man sich ihnen näherte, sah man riesige Löcher in ihrem massiven Mauerwerk. Mehrere hundert Tonnen Beton und Ziegelsteine waren in ein Riesenloch hoch oben in einem Turm hineingebaut worden, um das Mauerwerk teilweise wieder zu ersetzen, das von einer Sprengbombe weggerissen worden war. Das Dach war in Trümmern, die Orgel zerstört, die Fenster herausgefallen, und überall lag knietief eine unbeschreibliche Masse von Trümmern, zerfetztem Holz, pulverisiertem Mauerwerk und riesigen Steinblöcken, die teilweise Bombenlöcher zudeckten.

Dieses chaotische Bild machte einen tiefen Eindruck auf mich, als ich an die frühere Schönheit und Ordnung dieses Fleckchens Erde dachte. Aber während diese Gedanken durch meinen Kopf gingen, kam doch ein Gedanke nie in mir auf – nie verband ich irgendwie das Trümmerfeld dieses einst so schönen Gebäudes mit der Unfähigkeit oder einer Absicht der Architekten oder Handwerker, die es erbaut hatten. Ebenso wenig begann ich, an der Existenz dieser Baumeister zu zweifeln, weil ihr Werk nun vor meinen Augen in Trümmern lag. Man hätte wahrscheinlich lange Zeit angestrengt nachdenken müssen, um auf solch eine absurde Idee zu kommen. Fürwahr, selbst inmitten des allgemeinen Trümmerfeldes zeigten die Überreste, die auf die frühere Schönheit dieses Gebäudes hindeuteten, wie gut die Architekten alles geplant hatten. Die mächtigen aufstrebenden Pfeiler standen noch, die anmutigen gotischen Bogen waren noch da; sogar die Bombenlöcher im Mauerwerk machten es offenbar, wie gut die Architekten es entworfen und wie fachmännisch die Männer gebaut hatten, selbst an Stellen, die jahrhundertelang menschlichen Blicken entzogen waren. Bis in ihre innersten Teile zeigte die ganze Ruine gerade das Entgegengesetzte zu dem obigen absurden Gedanken und tat kund, wie gut das ganze Gebäude erdacht und konstruiert worden war. Man könnte noch weitergehen und behaupten, dass der zerstörte Bau in gewisser Hinsicht noch besser als das unversehrte Gebäude die Vollkommenheit der Planung und Konstruktion zeigte. Das war kein mit Stuck versehenes Gebäude, außen fein, aber innen – wo niemand normalerweise hinsehen konnte – ganz minderwertig, wie bei vielen modernen Gebäuden.

Sehr wahrscheinlich würde niemand die Architekten beschuldigen, eine Ruine gebaut zu haben. Ganz offenbar war der Dom nie als eine solche geplant – dies würde auch nicht zu der Tatsache passen, dass er jetzt eine Ruine ist. Es war im Allgemeinen leicht, zwischen dem zu unterscheiden, was Ruine und was geplant war. Obwohl der Dom gleichzeitig Vollkommenheit und Zerfall zeigte und ein gemischtes Bild darbot, hätte diese Tatsache doch nie zur Entstehung der beiden folgenden Gedanken geführt,

  1. dass, weil der Dom eine Ruine, eine Mischung von Chaos und Ordnung war, kein erfinderischer Geist, kein Architekt dahinterstand,
  2. dass, weil das Gebäude ein Gemisch von Zerfall und Ordnung war, man nicht mehr hoffen konnte, irgendwelche charakteristischen Merkmale des dahinterstehenden Geistes zu erkennen.

Der zerbombte Dom erinnert mich oft an den Zustand der Schöpfung, wie wir sie heute sehen, wahrlich ein gemischtes Bild, ein Durcheinander von Ordnung und Chaos, Schönheit und Hässlichkeit, Liebe und Hass, alles unentwirrbar miteinander verzahnt. Aber an diesem Punkt sei daran erinnert, wie unlogisch es wäre, automatisch daraus zu folgern,

  1. deshalb stehe hinter dem Gebäude der Schöpfung kein Geist, kein Schöpfer. Und doch ist genau dies die Einstellung unseres Atheisten, wie oben ausgeführt wurde. Wir erinnern uns, dass der Atheist sagte, er sehe nichts als Widersprüche, und er schließe deshalb den für ihn verwirrenden Gottesbegriff ganz aus seiner Gedankenwelt aus.
  2. deshalb könne man keinerlei charakteristischen Merkmale des hinter der Natur stehenden Geistes erkennen. Im Allgemeinen ist es ziemlich leicht, zwischen dem Plan und der dazwischengetretenen Unordnung zu unterscheiden, auch in der Natur. In einem Trümmerfeld erkennt man oft die wirklichen Absichten des dahinterstehenden Erbauers noch besser als in dem unbeschädigten Gebäude. Zum Beispiel hat das Studium der Krebszellen („ruinierte“ Zellen jenes „Körper“ genannten Gebäudes) viele unvermutete Geheimnisse über den Aufbau und die Struktur der gesunden Körperzellen zutage gebracht, die auf andere Weise nicht so leicht entdeckt worden wären. Also, obwohl die Schöpfung ein (aus Gut und Böse) gemischtes Bild darbietet, ist es unhaltbar, daraus zu schließen, dass deshalb kein Schöpfer existiere und keine Eigenschaften seines Geistes in ihr zu sehen seien. Oft zeigt das zerstörte Gebäude diese Eigenschaften besser als der unbeschädigte Bau. Der „Schaden“ in der Schöpfung bringt oft die charakteristischen Eigenschaften des dahinterstehenden Geistes besser ans Tageslicht als ihr ursprünglicher Zustand.

Und doch behaupten die Atheisten und Agnostiker, dass man durch den Blick ins Weltall nichts über den Geist des Schöpfers erfahren könne, angeblich größtenteils wegen des aus Gut und Böse, Ordnung und Unordnung bestehenden Bildes, das das Universum darstellt. Aber dass diese Einstellung unlogisch ist, tritt deutlich zutage. Römer 1 lehrt auch die Unhaltbarkeit dieser These. Ja, die Bibel lehrt in demselben Kapitel, dass Krankheit, Tod, Hass und Hässlichkeit alles äußere Zeichen eines Zustandes der „Unordnung“ sind, und dass sie sich ziemlich leicht von Gesundheit, Leben, Liebe und Schönheit, dem ursprünglichen, unbeschädigten Zustand, unterscheiden lassen.

Also ist die Lehre von Römer 1, dass die Schöpfung, sogar die gefallene oder „zerstörte“ Schöpfung, genug von Gott offenbart, um jeden ehrlich denkenden Menschen zu Dank und Anbetung zu veranlassen, zweifellos nicht unlogisch, sondern vielmehr eine wahre Darstellung der gegebenen Tatsachen.

Warum lässt Gott das Böse zu?

Natürlich sind alle Veranschaulichungen und Gleichnisse in der Art, wie sie bisher gebracht wurden, unvollständig, und unser Dom ist keine Ausnahme. Eine Unvollständigkeit in unserer Darstellung liegt natürlich darin, dass die Erbauer des Doms seit langem tot sind und nicht die Bombardierung ihres Meisterwerkes verhindern konnten. Gott ist nicht tot, wie wir voraussetzen. Deshalb taucht jetzt die Frage auf, warum ein allmächtiger Gott, der, wie wir annehmen, sein Meisterwerk, die Schöpfung, liebt, nicht die „Bombardierung“ seines Meisterwerkes verhindern konnte. Hier kann uns natürlich unser Gleichnis vom Kölner Dom nicht mehr helfen.

Fragen dieser Art („Warum gebietet Gott diesem nicht Einhalt?“) tauchen gewöhnlich dann auf, wenn der Fragende sich nicht die Mühe gemacht hat, genau zu überlegen, wie die Liebe Gottes beschaffen ist. Wenn man genau überlegt, was die Liebe ist, löst sich das Problem meist ganz schnell von selbst, und zwar auf eine Weise, die den Verstand durchaus zufriedenstellt. Deshalb wollen wir uns sogleich folgende Frage stellen:

Was ist das Wesen der Liebe?

[…] Die Liebe des Sohnes Gottes, Jesus Christus, zu uns Menschen wird oft mit der Liebe verglichen, die ein junger Mann für seine Braut empfindet. Christus bezeichnet sich wiederholt als der Bräutigam und die Gemeinde als seine Braut.

Wie begann die Liebe zwischen Braut und Bräutigam? Eines schönen Tages sah der junge Mann das Mädchen und empfand eine Zuneigung zu ihr, die sich besser erleben als beschreiben lässt. […] Zuerst mag die junge Dame seine Zuneigung nicht bemerkt haben, bis zu dem Augenblick, da er begann, sie zu umwerben, vielleicht, indem er ihr Blumen schickte, oder auf eine andere Weise. […]

Eine brennende Frage möchte der junge Mann in diesem Zustand vor allen anderen Fragen beantwortet haben: Wird meine Zuneigung von ihr erwidert? […]

Aber um Liebe zu wecken und erwidern zu können, muss ganz sicher Folgendes beachtet werden: Der junge Mann muss und wird das junge Mädchen umwerben. Sobald jedoch an die Stelle des Werbens Zwang tritt, hören Freude und Liebe auf, und an ihre Stelle treten oft Hass und Leid. Ihrem ganzen Wesen nach beruht die Liebe auf der freien gegenseitigen Zustimmung, verbunden mit absoluter Achtung des freien Willens des Partners. Anders ausgedrückt, die Grundlage für die Liebe ist die Freiheit zu lieben, gegenseitige Einwilligung, die absolute Freiwilligkeit bei beiden Partnern, sich ihrer gegenseitigen Zuneigung zu versichern. Ohne diese Freiheit ist wahre Liebe unmöglich. […]

Nun überlege einmal einen wichtigen Punkt in Form einer Frage. Was würde geschehen, wenn Gott den Menschen so geschaffen hätte, dass er keine eigene sittliche Entscheidung treffen, sondern nur automatisch Gottes Willen tun könnte, gerade so, wie wenn sich ein Schloss öffnet, wenn man den richtigen Schlüssel hineinsteckt? Oder gerade so, wie ein Verkaufsautomat einen Riegel Schokolade liefert, wenn man den richtigen Geldbetrag hineinsteckt? Wenn der Mensch so beschaffen wäre, dass er Liebe gäbe, wenn Gott den richtigen Knopf drückte, wäre das dann tatsächlich Liebe? […] Um unserer Liebe sicher zu sein, muss Gott uns die freie Willensentscheidung zum Lieben oder Nichtlieben, unserem Wunsch gemäß, gestatten; dies liegt notwendigerweise dem Wesen der Liebe – und in der Tat auch jeder anderen Tugend – zugrunde. […]

Gewöhnlich schieben gerade die Menschen, die nicht viel über das Wesen der Liebe nachgedacht haben, Gott so gern die Rolle des Diktators zu und meinen, er würde auch in unseren Tagen brutale Gewalt ausüben. […]

Als Gott die himmlische Welt und die Engel erschuf, wollte er damit das Allerbeste erschaffen und gründete deshalb ein Reich der Liebe und der Tugend. Aber um dies zu verwirklichen, musste er den Einwohnern echte Freiheit garantieren, was er auch tat. Die Engel und ihr Oberster, Luzifer, erhielten einen Charakter, der sie zu echter Liebe zu ihrem Schöpfer und ihren Gefährten befähigte. Sie hatten damit die Möglichkeit, echte Liebe auszuüben, um Liebe zu werben und mit Liebe umworben zu werden, was natürlich auch die entsprechenden entgegengesetzten Möglichkeiten mit einschließt – die Möglichkeit, all dies abzulehnen. Die Bibel berichtet es als eine Tatsache, dass ein großer Teil der Engel ihrem Obersten, Luzifer, folgte, als er sich in Willensfreiheit entschloss, nicht zu lieben und dem Liebeswerben des Schöpfers den Rücken zu kehren. Dadurch, dass sie sich ihm, dem einigen und alleinigen Gott, verschlossen, wurden sie natürlich böse, lieblos und fielen dem Verdammungsurteil anheim.

Also zeigt das bloße Vorhandensein des Bösen in einer Welt, die von einem allmächtigen Gott geschaffen wurde, dass das Gute und die Tugend an sich wirklich echt sind und dass die Liebe an sich wirklich Liebe ist und nichts anderes – wie manchmal gelehrt wird („Liebe ist eine versteckte Form des Egoismus“). Das bloße Vorhandensein des Bösen in der Welt eines allmächtigen Gottes ist in der Tat ein guter Beweis, dass Gott wirklich Liebe ist.

Nachdem Luzifer, der Oberste der Engel, sich für das Böse entschieden hatte, wollte er missionarisch tätig sein und suchte Gefährten für sich zu gewinnen, indem er andere dazu veranlasste, denselben Weg einzuschlagen. Deshalb ging er zu Adam und Eva, die auch mit einem zur Liebe fähigen Charakter erschaffen worden waren und deshalb frei wählen konnten. Es ergab sich, dass auch sie eine falsche Wahl trafen. Weil sie dem alleinigen Gott den Rücken kehrten, wurden sie böse und brachten Sünde und Leid in die Schöpfung hinein.

Zeigt all dies nicht, wie hoch Gott die Menschen achtet? Er nimmt uns selbst, unsere Entscheidungen und unsere Liebe wirklich ernst genug, um darum zu werben, was wiederum das Wesen seiner Liebe offenbart. Denn wahre Liebe achtet und respektiert immer den Partner, um den sie wirbt. Dies erklärt auch, warum Gott die Menschen durch „törichte Predigt“ ruft und sucht und nicht dadurch, dass er uns mächtige Engel oder Geisteserscheinungen von anderen Welten schickt. […] er wendet im Allgemeinen keine Methode an, die die Menschen dazu zwingen würde, seine Liebe anzunehmen; denn niemand kann zu der Liebe zwingen, die von Gott gesucht wird. […]

Zusammenfassend können wir sagen, dass Gott es zuließ, dass das Universum „bombardiert“ wurde (um das Bild vom Kölner Dom wiederum zu gebrauchen), weil der Plan für eine Welt, die zu echter Liebe und Tugend fähig ist, dieses Risiko mit einschließt, der Plan, ein Reich der Liebe, ein Reich der völligen Freiheit zu errichten. Ohne diese Möglichkeit freier Willensentscheidung kann man eben gerade das Beste überhaupt nicht erreichen.

Was nun?

[…] Die Bibel sagt, dass Gott in seiner Allwissenheit natürlich schon über alles Bescheid wusste, sogar bevor der Mensch und die Engel die falsche Wahl getroffen hatten, und dass er für diesen Fall sogar schon sorgfältige Vorkehrungen getroffen hatte. Diese Tatsache, dass Gott den Sündenfall deutlich vorausgesehen hatte, lange bevor er stattfand, ist für viele zu einem Stein des Anstoßes geworden. In Wirklichkeit sind hier aber nur wenig intellektuelle Schwierigkeiten, wenn man die Sache sorgfältig betrachtet, und zwar aus folgenden Gründen:

Wenn ich einen Menschen eine Zeitlang sehr genau beobachte, kann ich kleine Wesenseigentümlichkeiten an ihm feststellen. Er sagt zum Beispiel jedes Mal „Ah“, bevor er ein schwieriges Wort ausspricht. Oder er kneift die Augenbrauen zusammen, bevor er einen netten Witz erzählt. Im Laufe der Zeit kann ich aufgrund meiner vorhergehenden Beobachtungen voraussagen, was er gleich tun wird, noch bevor er es wirklich tut.

Aber meine Fähigkeit, das vorauszusagen, was er tun wird, macht mich keineswegs für sein Tun verantwortlich. Ebenso macht die Tatsache, dass Gott voraussehen konnte, was Adam und Eva und das Menschengeschlecht überhaupt tun würden, ihn nicht notwendigerweise dafür verantwortlich, besonders darum nicht, weil er ihnen ausdrücklich den freien Willen gegeben hat. Gott sah den Sündenfall der Engel und der Menschen voraus und war sogar schon vor der Erschaffung der Welt dazu bereit, seinen Sohn als Opfer für die Sünde zu senden. Jedoch meinen viele, dass dieses Vorherwissen Gott notwendigerweise in die Schuld des Sündenfalles mit hineinverwickeln muss. Wie wir sahen, macht ihn jedoch das Vorherwissen keineswegs für den Sündenfall verantwortlich, und doch bilden es sich viele ein. Ganz im Gegenteil, die echte Möglichkeit der freien Willensentscheidung, die er uns verliehen hat, damit wir lieben und uns in wahrer Tugend üben können, entscheidet, dass die Geschöpfe schuldig sind und der Schöpfer unschuldig ist.

Viele werden sich an dieser Stelle fragen, warum denn Gott überhaupt die Engel, den Menschen und die Welt erschuf, obwohl er das Chaos voraussah, das der Möglichkeit zur freien Willensentscheidung folgen würde, wo er doch all den Hass, das Elend und den Kummer voraussah. War das nicht ziemlich schadenfroh, so zu handeln, obwohl er die Folgen kannte? Wäre es nicht besser gewesen, dies alles ungeschehen sein zu lassen angesichts dieses kommenden Unheils? – Im Prinzip erheben sich dieselben Fragen in unserem eigenen Leben, zum Beispiel in der Ehe. Bei der Trauung wissen wir, dass wir einmal den Schmerz der Trennung durch den Tod erleben werden. Und doch nehmen wir all diesen Kummer und das Herzeleid auf uns, von dem wir wissen, dass es kommen wird, weil wir glauben, dass die Freude der Liebe und die Bereicherung des Lebens, die dadurch entsteht, dass wir uns dem Geliebten zur Verfügung stellen – und sei es auch nur für einen Tag (und vierzig oder fünfzig Jahre gehen dahin wie ein Tag) –, besser ist als überhaupt keine Liebe. […]

Augenscheinlich denkt der Schöpfer, der die Liebe in Person ist, ebenso, denn er erschuf uns tatsächlich trotz allem und wagte den gewaltigen Versuch, weil er davon überzeugt war, dass die Wärme der Liebe die Bitterkeit des Leidens weit übertrifft. Liebe für einen Tag ist unendlich mehr wert als überhaupt keine Liebe, und wo Leben ist, ist Gelegenheit zur Liebe vorhanden. Außerdem währen Anfechtungen und Leid hier auf Erden nur eine kurze Zeit, während die Wesensveränderung derer, die durch Leiden vollkommen gemacht werden, ewig währt. […]

Der Ausweg Gottes

Aber was kommt nun, nachdem der Sündenfall stattgefunden hat und die Sünde in die Welt gekommen ist? Was tut der Gott, der die Liebe in Person ist? Lasst uns die Frage auf eine andere Art stellen. Was tut ein Mensch, der einen anderen sehr lieb hat, der missverstanden und abgewiesen wurde? Die Bibel sagt: „Die Liebe ist langmütig und freundlich … sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu … sie verträgt alles, sie duldet alles. Die Liebe hört nimmer auf“ (1Kor 13,4-8). […]

Gott sah die falsche Willensentscheidung, die Chaos und Verderben in die Welt brachte, lange voraus, und als es dann so weit kam, brauste er nicht auf und vernichtete alles auf der Stelle, wie viele es erwartet hätten, die selber so handeln, wenn ihnen etwas Ungehöriges oder Unrechtes zustößt. Er versuchte vielmehr durch seine liebevolle Geduld zu retten, was er aus dem furchtbaren Verderben retten konnte. Er hat in Treue und mit großem Ernst Menschen und Engel vor den Folgen einer falschen Entscheidung gewarnt, aber er versperrte sich natürlich nicht selbst den Weg zu unseren Herzen, indem er versuchte, uns zurückzuzwingen. Dies hätte bedeutet, dass die Möglichkeit zu echter Liebe für immer ausgeschaltet worden wäre. Er versuchte stets in Langmut und Geduld, uns wieder zur Liebe und zur Vernunft zu bringen. Dieser Versuch erreichte seinen Höhepunkt, als er seinen Sohn sandte, der freiwillig sein Leben für uns alle opferte. Denn der Sohn ging freiwillig und aus eigener Entscheidung in den Tod. Er versuchte nicht einmal, sich zu verteidigen, sondern kam, wie er selbst sagte, um für die Sünde vieler zu sterben.

Jetzt wartet er und wirbt um uns in der Hoffnung, dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1Tim 2,4). „Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es etliche für eine Verzögerung achten, sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass sich jedermann zur Buße kehre“ (2Pet 3,9). Das ist so gemeint, wie es dasteht, und schließt nicht notwendigerweise ein, dass sich tatsächlich alle Menschen zur Buße kehren werden. Gott aber ist bereit und willens, alle anzunehmen, die sich von ihren eigenen Wegen abwenden und zu ihm bekehren.


Auszug aus dem Buch Warum lässt Gott es zu?
Neuhausen-Stuttgart (Hänssler-Verlag), 1980, S. 10-14, 16-30, 34-36, 42-50


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