Stark, aber charakterschwach!
Richter 13–16

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 20.10.2002

Leitverse: Richter 13–16

Ri 16,21: Dann packten die Philister ihn und stachen ihm die Augen aus. Und sie führten ihn nach Gaza hinab und banden ihn mit ehernen Fesseln, und er musste im Gefängnis die Mühle drehen.

Lies die ganze Geschichte über Simson in Richter 13–16.

Einleitung

[…] Die Bibel hat ziemlich wenig über Simson zu sagen. Nur vier Kapitel zeichnen eine Charakterstudie dieses starken Mannes. Jeder erinnert sich an das, was die Bibel über Simsons Kraft sagt, aber der biblische Bericht erzählt uns noch mehr über diesen Führer des alten Israel. Simsons Geschichte ist eine Studie der Gegensätze: Auf der einen Seite sehen wir die gewaltigen Beweise von Simsons körperlicher Stärke; auf der anderen Seite sehen wir seine offensichtlichen geistlichen Mängel. Er war stark, aber (charakter-)schwach! Gott hat diesen Bericht über Simson nicht deshalb in die Bibel aufgenommen, damit wir in Ehrfurcht vor der Kraft des stärksten Mannes der Welt erstarren, sondern damit wir aus diesem Bericht Lektionen für uns lernen (s. Röm 15,4).

Geschichtlicher Hintergrund

Simson lebte in Israel während der Zeit der Richter. Er war Israels letzter Richter vor Samuel. Kurz nach Simsons Tod wurde Saul von Samuel zum ersten König von Israel gesalbt. Die Zeit der Richter war in Israels Geschichte sicher keine Zeit geistlichen Wachstums. Seit den Tagen Moses und Josuas ging es mit dem Volk Israel bergab. Der Grund für diese Abwärtsspirale war Ungehorsam gegenüber dem Wort des Herrn. Die Zeit der Richter war von einer „Tu-was-du-willst“-Einstellung charakterisiert. Richter 17,6 und Richter 21,25 stellen fest, dass „jeder tat, was recht war in seinen Augen“. Wegen Israels Sünden erlaubte Gott ihren Feinden, ins Land einzufallen und Israel zu unterdrücken und zu besiegen. In dieser schweren Zeit schrie das Volk immer wieder zum Herrn um Hilfe. Schließlich erweckte Gott in seiner Gnade einen Richter, um sie zu erretten. Aber bald nachdem sie befreit waren, wandten sie dem Herrn wieder den Rücken zu und fielen erneut in Götzendienst und Unmoral.

Vor diesem Hintergrund erschien Simson auf der Bildfläche. Zu dieser Zeit unterdrückten die Philister das Volk. Gleich von Anfang an schien für Simson alles gut zu laufen. Wenn es jemals einen Kandidaten gab, der aller Voraussicht nach erfolgreich sein würde, dann war es der junge Simson. In Richter 13 erfahren wir, dass Simson aus einem guten, anständigen Elternhaus stammte. Er hatte fromme Eltern, die Gott vertrauten und Ihn anbeteten. Darüber hinaus war Simson von Gott selbst dazu bestimmt, Israel aus den Händen der Philister zu befreien (Ri 13,5). Der Sieg war schon sicher. Was wollte man mehr? Und dann war da natürlich noch Simsons Statur: Gott segnete ihn nicht nur mit großer körperlicher Kraft, sondern Er gab ihm anscheinend auch gutes Aussehen. (Ein hässlicher Simson hätte einfach nicht den „Erfolg“ haben können, den Simson bei den philistäischen Frauen hatte!) Außerdem lesen wir, dass Gott den jungen Simson segnete und dass der Geist des Herrn in seinem Leben wirkte (Ri 13,24.25). Welch eine gute Grundlage, um darauf aufzubauen! Welches Potential! Aber wie traurig ist es, im Licht eines solchen Anfangs über Simsons tragisches Ende zu lesen (Ri 16,21): herausgestochene Augen, in Ketten gebunden, angeschirrt wie ein Ochse, eingekerkert von den Philistern. Statt Israel von den Philistern zu befreien, musste Simson sich selbst vom Feind befreien. Wer hätte gedacht, dass Simson dies jemals hätte passieren können – dem jungen Mann, dem alles glückte? Was war falsch gelaufen?

Nicht dein Wille, sondern mein Wille geschehe!

Wir brauchen keine große Erkenntnis, um den Schlüssel zu Simsons Fall zu entdecken. In den Kapiteln 14–16 finden wir diesen Schlüssel immer wieder: Simson hatte keine Selbstbeherrschung. Er konnte seine Leidenschaften nicht zügeln. Er war eigensinnig und willensschwach. Was er wollte, das wollte er sofort. „Nicht dein Wille, sondern mein Wille geschehe“ war Simsons Leitspruch. Betrachten wir zum Beispiel Simsons zügellose Leidenschaft in Richter 14,1-4. Er sah eine schöne heidnische Philisterin und wollte sie haben. Seine selbstsüchtige Antwort auf den frommen Rat seiner Eltern war: „Nimm mir diese, denn sie gefällt meinen Augen.“ Entscheidungen, die wir nur aufgrund von gutem Aussehen und Vergnügen fällen, sind gewöhnlich Zeichen geringer Selbstbeherrschung. Wie fällst du deine Entscheidungen?

Betrachten wir auch Simsons Schwäche für Delila in Kapitel 16. Wegen seiner selbstsüchtigen „Liebe“ zu dieser gottlosen Philisterin offenbarte Simson ihr nicht nur das Geheimnis seiner Stärke, sondern er verkaufte ihr auch seine Seele: „Er vertraute ihr sein ganzes Herz an“ (Ri 16,17). Das fast unglaubliche Ausmaß seiner Charakterschwäche wird deutlich, wenn wir feststellen, dass er drei klare Warnungen bekommen hatte, was passieren würde (Ri 16,8-14). Wie blind Simson doch sein konnte – besonders als Delila ihm offen erzählte, warum sie sein Geheimnis wissen wollte: „Vertrau mir doch an, wodurch deine Kraft so groß ist und womit man dich binden muss, um dich zu bezwingen“ (Ri 16,6). Wie wichtig ist es für einen Christen, sich nicht in einen Ungläubigen zu verlieben. Liebe kann manchmal so blind machen, dass man Dinge tut, die man niemals für möglich gehalten hätte – entgegen alle Logik und den gesunden Menschenverstand. In welche Klemme kann man geraten, wenn man sich in eine „Delila“ verliebt! Kein Wunder, dass die Bibel sagt, dass eine Heirat eines Gläubigen mit einem Ungläubigen verkehrt ist (2Kor 6,14).

Mangel an Selbstbeherrschung

Nach und nach ließ Simson seine mangelnde Selbstbeherrschung die Oberhand gewinnen. Als junger Mann hatte er das Nasiräergelübde abgelegt, aber aufgrund seines undisziplinierten und selbstsüchtigen Lebens brach er nacheinander alle Regeln. Es gab verschiedene Regeln, die ein Nasiräer (nicht verwandt mit dem Wort Nazarener) einhalten musste: Er durfte keinen Wein oder starke Getränke trinken, kein Produkt des Weinstocks essen, die Haare nicht schneiden, keine toten Körper berühren, keine Verbindung haben mit irgendetwas, was Einfluss auf seine Absonderung für Gott hatte (4Mo 6). Verfolgen wir nun Simsons Leben, so stellen wir fest, wie er wegen seiner unbeherrschten, selbstsüchtigen Wünsche jede dieser Regeln brach. Die Weinberge von Timna (Ri 14,5) im Philisterland waren der letzte Ort, an dem Simson hätte sein sollen, ganz zu schweigen von der Heirat mit einer Philisterin, was gegen Gottes Anordnung für jeden Hebräer war (5Mo 7,1-6). Dann verunreinigte Simson sich, indem er den Kadaver eines toten Löwen berührte (Ri 14,8-9). Anstatt die nötigen Schritte für die Reinigung zu unternehmen, nahm er die Übertretung dieser Nasiräerregel auf die leichte Schulter, indem er diese Geschichte ausgerechnet zum Teil eines Rätsels machte (Ri 14,14)! Und wo präsentierte Simson sein Rätsel? Auf einem Fest für die Philister, wo starke Getränke sicher zum Brauch gehörten (Ri 14,10)! Am Anfang von Kapitel 16 lesen wir, dass Simson sogar mit einer philistäischen Prostituierten zusammen war. Ungezügelte Leidenschaft hatte den Vorrang vor den Nasiräergelübden. Und zuletzt waren da Delila und das Rasiermesser der Philister! Simson, wie konntest du?

Aber was ist mit Simsons großen Heldentaten, die er dank seiner Körperstärke gegen die Philister vollbrachte? Selbst hier sehen wir, dass Simson seine gottgegebene übernatürliche Kraft für seine eigenen Ziele gebrauchte. Wenn wir den Bericht verfolgen, wie Simson seine Stärke zur Schau stellte, werden wir entdecken, dass Simsons Motive in jedem Fall grundsätzlich selbstsüchtig und nicht zur Ehre Gottes oder zur Befreiung Israels waren. Sogar zum Schluss, als der Herr Simsons letzte Bitte erfüllte (Ri 16,28-30), stellen wir fest, dass auf Simsons Seite von Buße nicht die Rede ist. Da gibt es nur eine etwas selbstsüchtige Bitte: „… dass ich Rache nehmen kann an den Philistern wegen meiner beiden Augen.“

Was ist mit uns?

In dieser Geschichte steckt eine gewaltige Lektion für uns Christen. Auch wir haben viel von Gott geschenktes Potential, aber aufgrund mangelnder Selbstbeherrschung geben wir gern damit an. Wie Simson haben wir womöglich einen frommen christlichen Hintergrund, wo uns die Gebote und Prinzipien aus dem Wort Gottes gelehrt wurden. Aber wie Simson wenden wir uns vielleicht von den klaren Lehren der Bibel ab, weil wir tun wollen, was uns gefällt, und weil wir unseren eigenen Weg gehen wollen. Wie Simson haben auch wir womöglich Vorzüge auf körperlichem Gebiet: gutes Aussehen, Talent usw. Aber wie Simson benutzen wir unser von Gott geschenktes gutes Aussehen und unsere Talente vielleicht, um uns selbstsüchtigen Vergnügungen und Leidenschaften hinzugeben. Wir können wegen selbstsüchtiger Interessen und Ziele sogar unsere geistlichen Gaben falsch gebrauchen und missbrauchen. Ohne Selbstbeherrschung wird ein Christ mit einem großen Potential ebenso (charakter-)schwach wie Simson sein. Im christlichen Leben ist Herrschaft über selbstsüchtige Wünsche und Leidenschaften äußerst wichtig und notwendig. 2. Petrus 1,5-7 ermahnt uns, „allen Fleiß anzuwenden“, um unserem Glauben Selbstbeherrschung hinzuzufügen. Galater 5,16-23 versichert uns, dass uns mehr Selbstbeherrschung zur Verfügung steht und dass sie denen gegeben wird, für die die Dinge Gottes oberste Priorität haben. Brauchst du mehr Selbstbeherrschung? Was sind deine Prioritäten?

Obwohl es Simson an Selbstkontrolle fehlte, wirkte Gott dennoch mit und durch ihn (Ri 14,4.19; 15,14). Hebräer 11,32 macht deutlich, dass Simson Glauben hatte. All dies sollte eine Ermutigung für uns sein, die wir, ebenso wie Simson, so oft selbstsüchtig handeln. Gott kann trotzdem seine Ziele durch uns erreichen, aber viel herrlicher ist es, wenn wir uns seiner Herrschaft überlassen und unser volles Potential entfalten!


Originaltitel: „Strong but Weak“
Quelle: www.growingchristians.org

Letzte Aktualisierung: 03.10.2016

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