Soll ein Christ in der Politik mitmachen?

Charles Henry Mackintosh

© Soundwords, online seit: 20.02.2017, aktualisiert: 20.11.2017

Gott handelt jetzt in Gnade mit der Welt, und das sollten auch die Seinen tun, wenn sie wünschen, Ihm gleich zu sein. „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ – „Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“ (Mt 5,48; Eph 5,1.2).

Das ist unser Vorbild. Wir sind dazu berufen, das Beispiel unseres Vaters nachzuahmen. Er sucht jetzt nicht mit der starken Hand seiner Macht seinen Rechten Geltung zu verschaffen. Später wird Er das tun; aber in der jetzigen Zeit der Gnade schüttet Er den Reichtum seiner Segnungen und Wohltaten über die aus, deren ganzes Leben nur Feindschaft und Widerstand gegen Ihn ist.

Das alles ist vollkommen großartig; aber so ist Gott, und wir als Christen sind dazu berufen, nach diesem moralisch herrlichen Prinzip zu handeln.

Es könnte nun jemand einwenden: „Wie kann ich mit solchen Grundsätzen in der Welt vorankommen und meine Geschäfte führen? Wir würden beraubt und ruiniert werden. Menschen werden Pläne schmieden und uns zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen, da sie wissen, dass wir mit ihnen nicht vor Gericht ziehen. Sie werden unsere Habe nehmen oder sich Geld von uns borgen oder unsere Häuser besetzen und sich weigern, uns zu bezahlen. Kurz gesagt: Es ist doch unmöglich, sich in dieser Welt zu behaupten, ohne seine Rechte und seine Ansprüche geltend zu machen. Wozu haben wir denn auch die Obrigkeit? Sind nicht die Regierungen gerade zu diesem Zweck von Gott verordnet, um Frieden und Ordnung unter uns aufrechtzuerhalten? Was sollte werden, wenn wir keine Polizeibeamten und Richter hätten? Und wenn Gott verfügt hat, dass es solche Obrigkeiten geben soll, warum sollte dann sein Volk davon nicht Gebrauch machen? Und nicht nur das: Wer ist denn besser als das Volk Gottes dafür geeignet, hoheitliche Aufgaben zu übernehmen und Macht auszuüben oder das Schwert der Gerechtigkeit zu tragen?“

Ohne Zweifel scheinen diese Argumente sehr stark zu sein. Freilich sind die Gewalten von Gott verordnet. Die Könige, Statthalter, Richter und Regierungen sind an ihrem Platz der Ausdruck der Macht Gottes. Er hat sie mit dieser Macht bekleidet und ihnen das Schwert in die Hand gegeben zur Bestrafung der Übeltäter und zum Wohl derer, die Gutes tun. Wir bitten Gott mit ganzem Herzen für die eingesetzten Obrigkeiten des Landes. Tag und Nacht, privat oder öffentlich beten wir für sie. Es ist unsere Pflicht, den Obrigkeiten in allen Dingen unterworfen und gehorsam sein, vorausgesetzt, dass wir nicht aufgefordert werden, gegen Gott und unser Gewissen zu handeln. Und wenn sie so etwas tun, was dann? Sollen wir widerstehen? Nein, sondern wir sollen leiden.

Das alles ist vollkommen klar. Die Welt, wie sie im Moment ist, könnte nicht einen einzigen Tag länger bestehen, wenn die Menschen nicht durch die Hände der Mächtigen im Zaum gehalten würden. Wir könnten nicht mehr leben – oder zumindest wäre das Leben völlig unerträglich –, wenn diejenigen, die Böses tun, nicht unter der Macht des glänzenden Schwertes der Justiz stehen würden. Und doch, auch jetzt sind gesetzlose Demagogen in der Lage, die bösen Lüste der Menschen aufzustacheln, so dass sie sich dem Gesetz des Landes widersetzen, den Frieden stören und das Leben und den Wohlstand von harmlosen dem Staat zugeneigten Untertanen bedrohen. Dass so etwas möglich ist, liegt daran, dass es auf Seiten der Staatsgewalt an moralischer Kraft fehlt.

Aber das alles berührt keineswegs die Frage, welchen Weg der Christ durch diese Welt zu gehen hat. Das Christentum erkennt die Regierung eines Landes mit ihren Einrichtungen an, aber es ist nicht die Aufgabe des Christen, sich irgendwie einzumischen.

Er ist verpflichtet, sich den Anordnungen der Regierung seines Landes zu fügen, welchen Charakter diese auch haben mag und wo immer er sich auch befinden mag. Er hat für sie zu beten, Steuern zu entrichten, die Hochgestellten in ihrer amtlichen Eigenschaft zu ehren, den Frieden des Landes zu erflehen und, soviel an ihm liegt, mit allen Menschen in Frieden zu leben.

Das vollkommene Beispiel hiervon sehen wir wieder in unserem hochgelobten Herrn. In seiner Unterredung mit den schlauen Herodianern erkennt Er den Grundsatz der Unterwerfung unter die bestehenden Gewalten völlig an, indem Er sagt: „Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21). Und nicht nur das: Er bezahlte ebenso Steuern, die Er persönlich nicht schuldig war. Niemand war berechtigt, sie von Ihm zu fordern, wie Er Petrus sagt. Trotzdem legte Er keinen Einspruch ein, sondern sagte weiter zu Petrus: „Damit wir ihnen keinen Anstoß geben, geh an den See, wirf eine Angel aus und nimm den ersten Fisch, der heraufkommt, tu seinen Mund auf, und du wirst einen Stater finden; den nimm und gib ihnen für mich und dich“ (Mt 17,27).[1]

Das zeigt uns ganz eindeutig den Weg des Christen in der Welt. Er hat seinem Herrn zu folgen und in jeder Beziehung Ihn nachzuahmen. Bestand der Herr auf seinen Rechten? Ging Er vor Gericht? Versuchte Er, die Welt zu regieren? Mischte Er sich in städtische oder politische Angelegenheiten ein? War Er Politiker? Trug Er das Schwert? Willigte Er ein, Richter oder Schiedsrichter zu sein, als Er danach gefragt wurde? War nicht sein ganzes Leben, vom Anfang bis zum Ende, ein Leben völliger Selbsterniedrigung? Gab Er nicht ununterbrochen nach, bis hin zum Kreuz, an dem Er sein kostbares Leben als Lösegeld für viele gab?

Wir wenden uns nun von diesen Fragen weg, um die Antworten darauf tief im Herzen des christlichen Lesers zu finden und damit sie ihre Wirkung im praktischen Leben des Gläubigen zeigen. Wir hoffen, dass diese Aufforderungen dazu beitragen werden, Stellen wie 5. Mose 13,9.10, richtig zu erklären. Obgleich wir ebenso entschieden dem Götzendienst entgegenzutreten und uns von aller Art des Bösen fernzuhalten haben wie das Volk Israel, können wir das doch nicht in derselben Weise tun. So klar die Pflicht der Kirche auch sein mag, den Bösen aus ihrer Mitte hinauszutun, war und ist es dennoch nicht ihre Aufgabe, einen Götzendiener oder Lästerer zu steinigen oder Hexen zu verbrennen. Die katholische Kirche hat nach diesem Grundsatz gehandelt und sogar die Protestanten – zur Schande für die protestantische Kirche – sind ihr darin gefolgt, wie die Kirchengeschichte zeigt.[2]

Die Kirche hat nicht die Berufung, das weltliche Schwert zu gebrauchen. Das ist eine offenbare Verleugnung ihrer Berufung, ihres Charakters und ihrer Sendung. Als Petrus im Eifer seiner Unwissenheit und fleischlichen Überstürzung das Schwert zog, um seinen geliebten Herrn zu verteidigen, wurde er sofort von Ihm mit den Worten zurechtgewiesen: „Stecke dein Schwert wieder an seinen Ort; denn alle, die das Schwert nehmen, werden durchs Schwert umkommen.“ Nachdem der Herr dies gesagt hatte, machte Er den durch seinen wohlmeinenden Diener angerichteten Schaden wieder gut. „Die Waffen unseres Kampfes“, sagt der Apostel, „sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen; indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus“ (2Kor 10,4.5).

Die bekennende Kirche hat sich von diesem wichtigen Grundsatz ganz entfernt. Sie hat sich mit der Welt verbunden und die Sache Christi durch fleischliche und weltliche Mittel zu fördern gesucht. Sie hat den christlichen Glauben durch die Verleugnung des wahren Charakters des Christentums aufrechterhalten wollen. Die Verbrennung von Ketzern hat ihre Geschichte furchtbar befleckt. Wir können uns kaum eine Vorstellung von den schrecklichen Folgen der Tatsache machen, dass die Kirche sich berufen glaubte, den Platz Israels einzunehmen und nach jüdischen Grundsätzen zu handeln.[3] Nicht nur wurde ihr Zeugnis dadurch vollständig verfälscht, sondern sie beraubte sich auch ihres geistlichen und himmlischen Charakters und betrat den Weg, dessen Ende uns in Offenbarung 17 und 18 geschildert wird.

Wir wollen diese Gedankengänge hier nicht weiter verfolgen. Wir hoffen, dass das, was vor unseren Blicken stand, all diejenigen, die es betrifft, dazu anregt, den gesamten Zusammenhang im Licht des Neuen Testamentes zu bedenken. Das Ziel dabei soll sein, dass sie durch unendliche Güte unseres Gottes dahin geleitet werden, den Weg der völligen Absonderung zu finden. Dazu sind wir als Christen berufen. Wir sind zwar in der Welt, aber nicht von der Welt. Dies zu verstehen wird viele Schwierigkeiten beseitigen und das Grundprinzip offenlegen, das in sehr vielen Details praktisch angewandt werden kann.

 

Fußnoten

[1] Die Tatsache, dass die Steuer möglicherweise für den Tempel war, berührt das vorher aufgezeigte Grundprinzip nicht.

[2] Die Verbrennung von Servetus im Jahr 1553 für seine theologische Meinung ist ein schauderhafter Fleck in der Geschichte der Reformation und im Leben derer, die eine solch unchristliche Praxis anordneten. Tatsächlich war die Meinung des Servetus tödlich und grundsätzlich falsch. Er hielt an der arianischen Ketzerei fest, die schlicht und ergreifend Blasphemie im Hinblick auf den Sohn Gottes ist. Aber ihn oder irgendwen sonst aufgrund falscher Lehre zu verbrennen, war eine offenkundige Sünde gegen den Geist und das Prinzip des Evangeliums. Sie war die erbärmliche Frucht der Ignoranz gegenüber dem grundlegenden Unterschied zwischen Judentum und Christentum.

[3] Es ist sicher das Vorrecht und die Pflicht der Kirche, aus der Geschichte Israels zu lernen; aber es ist ein verhängnisvoller Irrtum, wenn sie den Platz des irdischen Volkes Gottes einnimmt, nach dessen Grundsätzen handelt und sich dessen Verheißungen aneignet.


Auszug aus „Deuteronomy 13“ in Notes on the Book of Deuteronomy, 1880

Übersetzung: Philipp-Richard Schulz

Weitere Artikel des Autors Charles Henry Mackintosh (54)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...