Rezension: Sex in der Kirche
Ein Buch von W.J. Ouweneel

Jacob Gerrit Fijnvandraat

© SoundWords, online seit: 21.10.2007

Im Jahr 2006 wurde ich nach meiner Meinung über das Buch Seks in de Kerk [Sex in der Kirche, bislang nicht in Deutschland erschienen; Anm. d. Red.] von W.J. Ouweneel gefragt (nachfolgend als WJO abgekürzt). Aus diversen Publikationen hatte ich mir bereits eine Meinung über das Buch gebildet, erachtete es allerdings als nicht richtig, aufgrund dessen, was andere über das Buch geschrieben haben, ein Urteil über dieses Buch zu veröffentlichen. Dazu kommt, dass manche Rezensenten sehr einseitig sind: a) es gibt solche, die nur die guten Dinge in dem Buch wahrnehmen und an der negativen Seite vollends vorbeigehen; b) andere präsentieren nur die negativen Seiten und sagen nichts über die positiven Punkte, die das Buch enthält. Dieser Einseitigkeit will ich zuvorkommen: Meine Rezension enthält die Würdigung des Guten, das ich in dieser Schrift wahrnehme, geht jedoch nicht an gravierender Kritik vorbei, die ich in bestimmter Hinsicht habe.

Durch persönliche Umstände habe ich erst Anfang 2007 begonnen, diese Rezension zu schreiben. Eine ausgewogene Beurteilung dieses Buches braucht die erforderliche Zeit. WJO behandelt nämlich ein sehr prekäres Thema und macht das durchaus nicht einseitig, sondern beleuchtet allerlei Aspekte dieser Materie. Daneben gibt er Hinweise im Zusammenhang mit anderen Themen.

Man kann sich natürlich fragen, warum ich diverse kritische Rezensionen für die neueren Bücher von WJO schreibe. Der Grund dafür ist, dass WJO als eine Art Führer der sog. Versammlung bezeichnet wird, wenn in der Presse Bücher dieses Bruders behandelt werden. Das kann den Eindruck erwecken, dass die Mehrzahl der Gläubigen innerhalb dieser Glaubensgemeinschaft hinter seiner geänderten Auffassung steht. Das ist jedoch nicht der Fall. Vor allem sind unter den Älteren viele – zu denen ich mich auch zähle –, die ihm hierin nicht folgen. Das gilt aber auch für diverse Jüngere und solche im mittleren Lebensalter. Sie nehmen wahr, dass WJO seine Meinungen in den letzten Jahren ziemlich verändert hat; ihnen fehlt jedoch der dazugehörige Unterbau. Das bekommt jedoch ihrem Vertrauen in ihn als Bibellehrer nicht.

Darüber hinaus will ich diese Rezensionen benutzen, um aufzuzeigen, was in seinen Auslegungen der letzten Zeit nicht stimmt. Damit hoffe ich den Lesern zu dienen, damit sie eine gute Sicht über die Themen erhalten, die WJO anschneidet.

Außerdem möchte ich hinzufügen, dass ich diese Rezension mit der Bitte an Gott verfasse, mich vor Einseitigkeit und übereilten Schlussfolgerungen zu bewahren.

Beurteilung des Buches in seiner Gesamtheit

Ich möchte gern mit einer Bemerkung über dieses Buch von WJO in seiner Gesamtheit beginnen. Dabei unterscheide ich zwei Aspekte und zwar:

  1. die Weise, auf welche er prinzipiell die Normen und Werte der Schrift behandelt, und
  2. die Anweisungen, die er gibt, wie wir praktisch mit den Fällen, in denen man diese Normen und Werte nicht berücksichtigt hat, umzugehen haben.

Was Punkt a) betrifft, kann ich nur sagen, dass er sich vollkommen an das hält, was die Schrift sagt. Er nennt – so wie ich verfolgen konnte – schwarz radikal schwarz und weiß weiß. Er erklärt, dass er noch immer auf dem Standpunkt steht, den er in der Vergangenheit eingenommen hat, und allerlei sexuelle Missstände verurteilt. Er formuliert das so:

Was mich betrifft, ist das, was die Bibel über Sexualität sagt, das Ende allen Widerspruchs, wie anders unsere Gefühle auch sein mögen. Gott hat Sich nicht vertan, als Er die monogame, unauflösliche Ehe einsetzte. Denn Gottes Normen sind „Gesetze zum Leben“. Menschen werden nicht glücklicher, wenn sie diese Normen übertreten.

In dieser Hinsicht können wir WJO als einen guten Bibelausleger betrachten. Was das angeht, ist an seinem Buch nichts falsch und ich würde wünschen, dass alle, die sich mit Jugendarbeit beschäftigen, von seiner Abfassung Kenntnis nehmen. Dabei bleibt es aber leider nicht.

Was Punkt b) betrifft, bin ich natürlich weniger positiv. Auf dieser Ebene macht WJO Bemerkungen, die anfechtbar sind und in gewisser Hinsicht nicht mit der Bibel übereinstimmen und den Weg für Missstände in der Kirche öffnen. Ich denke dabei an das, was er in Kapitel 7 über den Umgang mit denen schreibt, die dauerhafte homosexuelle Kontakte pflegen.

Er zeigt sich voller Mitleid mit dem Los der Versklavten und mit Menschen, die in einer bestimmten sündigen Beziehung leben. Das ist gut. Das zeigt aber auch einen Schwachpunkt, denn nach meiner Überzeugung ist er dadurch bei der Duldung bestimmter sündiger Beziehungen zu tolerant und verstrickt sich in seiner eigenen Argumentation. Das gilt vor allem in Bezug auf die Auslegung von 3. Mose 18 und 20.

In Verbindung mit Punkt b) ist wichtig festzuhalten, dass die Behandlung dieses Aspektes das spezielle Ziel von WJO für das Schreiben dieses Buches ist. Er spricht das auf Seite 17 nämlich so an:

Ich möchte mich mit der Frage beschäftigen, wie die Kirche bzw. Gemeinde mit bestimmten Problemen, wie Sex vor der Ehe, Ehebruch, Homophilie und Pädophilie … umgehen soll.

Punkt a) brauche ich also nicht mehr zu behandeln. Nur noch diese Bemerkung: WJO weist auf zwei Gefahren hin, nämlich einerseits, dass man zu freizügig über diese Dinge sprechen kann und andrerseits, dass das in einem richtenden, gesetzlichen Geist geschehen kann. Er verurteilt beides und möchte einen Weg aufzeigen, auf dem diese Extreme vermieden werden können. Ob ihm das gelungen ist, ist ein anderer Punkt.

Auf Punkt b) möchte ich doch ausführlicher eingehen.

Kapitel 1–6

Dabei gehe ich nur flüchtig auf die praktischen Hinweise ein, die er in den Kapiteln 1–6 gibt. Diese sind im Durchschnitt nicht von solch tiefgreifender Art. Vorab möchte ich jedoch wohl auf eine bestimmte Tendenz hinweisen, die man in den neueren Büchern von WJO antrifft. Diese Tendenz ist, dass der Schreiber sich von dem, was er früher über bestimmte Themen geschrieben hat, abwendet. Das zeigt sich zum Beispiel sehr deutlich in dem Buch Geneest des zieken [Heilt die Kranken]. Darin distanziert er sich sehr entschieden von seinen drastischen Verurteilungen diverser Auffassungen in der charismatischen Bewegung, die in seinem Buch Het domein van de slang [Die Domäne der Schlange] aufgeschrieben sind. Aber das ist nicht das Einzige. In dem Buch Geneest de zieken und in anderer Lektüre aus seiner Hand schlägt er sehr weit auf die „andere“ Seite aus. Zwar weist er extreme Auffassungen, die hier und da in dieser Bewegung [gemeint ist die charismatische Bewegung; Anm. d. Red.] vorkommen, ab, aber ansonsten ist er enorm charismatisch geworden. Man bekommt den Eindruck, dass dort, wo er den charismatischen Christen in der Vergangenheit eine Ohrfeige gab, er ihnen jetzt versöhnlich den Bauch pinselt. Übrigens sind aus dieser Bewegung durchaus Dinge hervorgekommen, die wir uns zu Herzen nehmen können. Das aber nur am Rande.

Nun, diese Tendenzen finden wir auch in Seks in de kerk. Früher war er angesichts derer, die nach seiner Auffassung von der biblischen Lehre abwichen, durchaus scharf. Ich selbst war davon auch nicht ganz frei. In Seks in de kerk nimmt er sich da gewaltig zurück. Das ist begrüßenswert, jedoch schlägt er auch hier in bestimmten Fällen zur anderen Seite aus.

In Kapitel 1 behandelt er die sexuelle Ethik und sagt darin sehr nützliche Dinge über die Haltung des Mannes zur Frau und über die Sexualität. Er weist dabei die extremen Auffassungen von Ambrosius, Augustinus, der römisch-katholischen Tradition und von bestimmten strengen Protestanten ab. Er behauptet, dass wir in der Bibel mit fortschreitender Offenbarung zu tun haben und dass wir das Gesetz des Sinais nicht einfach neben die Vorschriften legen können, die Paulus gibt. Das stimmt natürlich, das heißt aber nicht, dass bestimmte gesetzliche Vorschriften keine deutlichen Hinweise geben, wie Gott über bestimmte Sünden denkt und wie wir damit im Licht des NT umzugeben haben. Bei der Behandlung von Kapitel 7 komme ich darauf zurück, weil ich dort eine Gefahr sehe, was die Behandlung von 3. Mose 18 und 20 betrifft.

Aber ich will auch darauf hinweisen, dass WJO mehr oder weniger beiläufig Bemerkungen z.B. über Kopfbedeckung und Haartracht der Frau (S. 47-49) macht, worüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Darauf kann ich jedoch in diesem Zusammenhang nicht weiter eingehen.

In Kapitel 2 bespricht er diverse sexuelle Sünden, wie z.B. Selbstbefriedigung, Hurerei, Ehebruch … Er weist dabei unterschiedliche menschliche Auffassungen zurück. Über Selbstbefriedigung sagt er Dinge, die sicherlich überlegenswert sind. Das gilt auch für seine Behandlung der anderen Sünden, die er in diesem Kapitel behandelt, und für die verkehrten Schlussfolgerungen, die man mit den Begriffen Liebe und Freiheit verbindet (S. 69-72).

In Kapitel 3 geht es um Gemeinde und Gemeindezucht. Er wirft hier die Frage auf, was Gemeinde ist, und prüft, welche Zuchtmaßnahmen die Gemeinde treffen kann. Dies geschieht sehr ausgewogen.

Kapitel 4 trägt den Titel „Sex vor der Ehe“. WJO findet dazu deutliche Worte. Er schreibt am Schluss dieses Kapitels:

Zusammenfassend müssen wir sagen, dass die Sünde des vorehelichen Geschlechtsverkehrs auf gar keinen Fall jemals toleriert werden darf …

Wenn es keine Reue gegenüber diesem Übel gibt, dann müssten solche Gläubige öffentlich zurechtgewiesen und bezeichnet werden. Wenn jedoch Reue und Bekenntnis vorhanden sind, sollte man das der Gemeinde mitteilen, und es genügt, dass die Sünde in der Gemeinde eingestanden wird.

Kapitel 5 geht auf die Ehe von Gläubigen mit Ungläubigen ein. Auch hier werden unterschiedliche Meinungen behandelt und anhand der Schrift geprüft. Der Schreiber geht auch auf die Frage ein, wie man praktisch mit solch einer Situation umgehen sollte.

Das Thema „Scheidung und Wiederheirat“ kommt in Kapitel 6 an die Reihe. WJO nennt das, was er in diesem Kapitel schreibt, eine Zusammenfassung, Zuspitzung und Aktualisierung dessen, was Henk Medema und er über dieses Thema in dem Büchlein Ehescheidung und Wiederheirat geschrieben haben.

Nun muss ich sagen, dass ich mit dem, was sie in diesem Heft schreiben, nicht ungeteilt glücklich bin. Die Schreiber behaupten darin nämlich, dass die Ehe völlig unauflöslich ist. Vor Gott bleibe sie immer bestehen. Sie sehen die hier kursiv wiedergegebenen Worte „wer irgend seine Frau entlässt, nicht wegen Hurerei, und eine andere heiratet, begeht Ehebruch“ nicht als eine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Sie betrachten jede Wiederheirat zu Lebzeiten des Partners als Ehebruch.

In Kapitel 6 gibt WJO zwei Meinungen wieder, die zu diesem Thema zur Sprache gebracht werden, und zwar:

  1. Die Ehe kann nicht nur vom Grundsatz her, sondern auch in der Praxis auf keinen Fall und durch nichts aufgelöst werden, außer durch den Tod.
  2. Die Ehe wird durch Ehebruch in ihren Grundfesten erschüttert … Im Fall von Ehescheidung nach Ehebruch geht es um eine echte Auflösung der Ehe. Die Ehe besteht nicht nur vor der Obrigkeit, sondern auch vor Gott nicht mehr.

Diejenigen, die Meinung a) vertreten, erachten Wiederheirat zu Lebzeiten des Partners als nicht erlaubt. Die Anhänger von Meinung b) erachten Wiederheirat in bestimmten Fällen als erlaubt.

WJO vertritt Meinung a) und wendet also das an, was er seinerzeit gemeinsam mit Henk Medema geschrieben hat. In einem Artikel habe ich meine Meinung wie folgt wiedergegeben: „Wenn jemand nach einer Ehescheidung als Folge von Ehebruch wieder heiratet, dann darf man nicht behaupten, dass er Ehebruch begeht, wenn er eine andere Frau heiratet, denn dann gilt für ihn die Ausnahme, die wir in Matthäus 5,32 und Matthäus 19,9 finden.“

Damit sage ich nicht, dass WJO etwas an sich Unbiblisches von sich gibt. Die Frage ist nämlich, ob die Worte „nicht wegen Hurerei“ oder „außer aufgrund von Unzucht“ eine Ausnahme beinhalten oder anders aufgefasst werden müssen. Über diese Frage wird es unter bibeltreuen Christen wohl immer unterschiedliche Meinungen geben, denn die Absicht dieser Aussage ist nicht ohne Weiteres klar.

WJO zeigt in einer ziemlich tiefgehenden Auslegung auf, warum seiner Meinung nach nicht von einer Ausnahmeklausel gesprochen werden kann. Ich gehe nicht darauf ein, weil es eine ausführliche Abhandlung erfordern würde, was in dieser Rezension zu weit führen würde. Ich überlasse es der Beurteilung des Lesers, den Wert der Ausführungen von WJO zu prüfen.

Wie auch immer: Bis Kapitel 6 einschließlich kann man größtenteils mit WJO einer Meinung sein. In diesen Kapiteln begegne ich auch keinen zweifelhaften Schriftauslegungen. Hätte er in den folgenden Kapiteln auf dieselbe Weise weitergemacht, hätte ich dieses Buch mit Überzeugung zum Lesen empfohlen, denn was WJO bis Kapitel 6 schreibt, erachte ich als sehr lehrreich, besonders für junge Menschen.

Kapitel 7

Positive Aspekte

In Kapitel 7 behandelt er das Thema „Homophilie und Homosexualität“. In diesem Kapitel stoße ich auf Aussagen und Vorstellungen, mit denen ich absolut nicht einer Meinung bin. Darauf komme ich gleich zurück. Aber auch hier will ich an dem Guten, das WJO schreibt, nicht vorbeigehen und dem zunächst Beachtung schenken.

Er macht nämlich einen Unterschied zwischen „Homophilie“ und „Homosexualität“, dass heißt zwischen „homophilem Wesen“ und „homosexuellem Verhalten“. Ich möchte denen, die es als ihre Aufgabe ansehen, sich mit der Auslegung der Schrift zu beschäftigen und sich der Seelsorge zu widmen, doch dringend raten, von dem Kenntnis zu nehmen, was er darüber schreibt. Ich halte es für gut. Schon vor vielen Jahren ist mir bewusst geworden, dass Gott jemanden nicht aufgrund seines Wesens, seiner Natur, sondern aufgrund seiner Taten verurteilt. Beachte, was die Schrift über „richten nach ihren Werken“ sagt. Das gilt auch für uns als Sünder. Wir alle haben eine sündige Natur, aber Gott urteilt nicht über diese sündige Natur, sondern über „die Werke“, die aus dieser sündigen Natur hervorkommen. In der Vergangenheit hat man das oft vergessen und homophile Menschen wurden aufgrund ihrer Neigung verurteilt. Das hat dazu geführt, dass diejenigen, die nicht ihrer Neigung gemäß leben wollten, so in die Ecke gedrängt wurden, dass sie keinen anderen Ausweg sahen, als ihrem Leben ein Ende zu setzen. Auf diese Not weist WJO sehr eindringlich hin. Was er anschließend über „Diskriminierung“ schreibt, ist überdenkenswert. Er beendet den Abschnitt 7.1 mit der Bemerkung: „Homosexualität ist eine Abweichung von der Schöpfungsordnung in biblischem Sinn.“ Das ist eine deutliche Sprache.

Negative Aspekte

Aber dann kann ich nicht umhin, die negativen Punkte zu erwähnen. Das sind für mich die folgenden:

  1. WJO gibt von den Schriftstellen des Alten Testaments, die von Homosexualität handeln und diese verbieten, eine Auslegung, die nicht wasserdicht ist. Er behauptet nämlich, dass die Aussagen sich auf Homosexualität im Zusammenhang mit Götzendienst beziehen. Damit schwächt er die Kraft des Verbotes ab, ob er das nun will oder nicht.
  2. Er macht einen Unterschied zwischen homosexuellen Handlungen einerseits, bei der man nur auf Lust aus ist und keine dauerhafte Beziehung im Spiel ist, und homosexuellen Handlungen andererseits zwischen Partnern, die einander das ganze Leben treu bleiben wollen. Diesen Unterschied gibt es natürlich, das darf aber nicht dazu führen, dass wir im letzten Fall die sexuelle Handlung gestatten in dem Sinn, dass wir den betreffenden Personen nicht dauerhaft das Abendmahl verweigern sollten.

Diese zwei Punkte fordern eine nähere Erörterung, die ich gern anhand von Zitaten aus dem Buch geben möchte.

ad 1)
Die Überschrift von 7.2 nennt WJO „Biblische Angaben“, und er erwähnt dann in 7.2.1 die Bibelstelle„ 3. Mose 18 und 20“. Er stellt zunächst fest:

Jeglicher sexueller Umgang außerhalb des biblischen Ehebundes wird durch die Bibel als „Unzucht“ verurteilt.

Das klingt gut. Daraufhin zitiert er 3. Mose 18,22 und weist auf die Wiederholung des Gebotes in 3. Mose 20,13 hin. Er unterstreicht dabei, dass gemäß diesem letzten Vers diejenigen, die diesen Gräuel verübt haben, gesteinigt werden müssen. Letzteres ersetzt er durch das Ausüben von Gemeindezucht in der heutigen Zeit. Daran ist auch nichts verkehrt. Anschließend sagt er jedoch, dass seiner Meinung nach dieses Wort „Gräuel“ in diesen beiden Schriftstellen wesentlich sei. Ich zitiere:

Ein „Gräuel“ ist nicht nur etwas, vor dem Gott abgrundtiefen Ekel hat (vgl. Spr 6,16; 8,7; 11,20 u.a.), sondern steht in dem Gesetz Moses sehr oft mit heidnischem Götzendienst in Verbindung (5Mo 7,25; 12,31; 13,14; 17,2-5; 18,9-12; 20,18; 27,15; 29,17; 32,16). Wir können 3. Mose 18,22 demnach unmöglich aus dem heidnischen Kontext lösen, in dem dieser Vers steht:

3Mo 18,21-27: Und (erstens) von deinen Kindern sollst du keines hingeben, um sie dem Molech durchs Feuer gehen zu lassen, und du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht entweihen. Ich bin der HERR. Und (zweitens) bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: Es ist ein Gräuel. Und (drittens) bei keinem Vieh sollst du liegen, so dass du dich an ihm verunreinigst; und eine Frau soll sich nicht vor ein Vieh hinstellen, um sich von ihm begatten zu lassen: Es ist eine schändliche Befleckung. Verunreinigt euch nicht durch dies alles: Denn durch dies alles haben die Nationen sich verunreinigt, die ich vor euch vertreibe. … denn all diese Gräuel haben die Leute dieses Landes getan, die vor euch da waren, und das Land ist verunreinigt worden.

WJO meint dazu:

Es ist schwer zu übersehen, dass es hier um Homosexualität in einem heidnischen Kontext geht, also um das, was man „Religions-Sex“ nennt. Die Heiden haben „das Land verunreinigt“ durch Kinderopfer, durch Sex zwischen Männern, durch Sex mit Tieren. Israel musste sich von solchen heidnischen Praktiken fernhalten.
Jedoch bedeutet das für uns wohl, dass wir aufgrund dieser Texte eigentlich keine Aussage über Homophilie treffen können und ebenso wenig über dauerhafte homosexuelle Beziehungen von Menschen, die sich lieben und einander Treue gelobt haben.

Diese Auslegung von WJO will natürlich kommentiert werden. Folgendes möchte ich anmerken:

  1. WJO legt sehr viel Nachdruck darauf, dass das Wort „Gräuel“ oft mit götzendienerischen Dingen zu tun hat. Das stimmt, allerdings gibt er auch zu, dass das nicht immer der Fall ist. Hier dürfen wir jedoch keine „oder-oder“-Argumentation anwenden, sondern eine „und-und“-Argumentation. Das heißt, dass z.B. im Fall von 3. Mose 18,27 Gott das Wort „Gräuel“ sowohl in missbilligendem religiösem Sinn als auch in moralischer Hinsicht benutzt.
  2. Er verstärkt seine Argumentation, indem er auf den Kontext hinweist, lässt diesen aber bei Vers 21 beginnen; allerdings fängt der Kontext schon viel früher mit der Aufzählung von anstößigen, zu missbilligenden Dingen an, die unter den Nationen, den Heiden, normal waren. Beachte Vers 1, in dem steht, dass Israel nicht handeln durfte, wie die Völker in Ägypten oder Kanaan handelten. Anschließend folgt eine Reihe von Vorschriften, bei denen gar keine Verbindung zu Götzendienst gelegt wird. Es ist demnach auch nicht vertretbar, Vers 21 und die nachfolgenden Vorschriften nur auf Götzendienst zu beziehen, so als ob Vers 21 maßgebend für das Folgende ist, und deswegen von „Religions-Sex“ zu sprechen.
  3. Viel eher können wir von einem widernatürlichen Umgang sprechen. Vers 21 mag dann von Götzendienst handeln, spricht aber auch von widernatürlicher Handlung in dem Sinn, dass Kinder ihren Eltern nicht zum Opfern anvertraut sind, was hier Totschlag beinhaltet. Nein, Kinder sind den Eltern gegeben, damit diese sie für den Herrn erziehen, so dass die Kinder Ihm einmal dienen werden. In den Versen 22 und 23 fährt der Herr dann mit Geboten fort, die sich auf widernatürliches Verhalten beziehen, die in Gottes Augen „Gräuel“ waren.
  4. Am Schluss seiner Argumentation gibt WJO uns eine Vorschau dessen, was er später in Bezug auf das Dulden homosexueller Beziehungen zwischen Menschen, die einander lieben, herausstellen wird.

Auf diesen letzten Punkt möchte ich noch näher eingehen. Ich zitiere wieder, was WJO dazu auf Seite 244 anmerkt:

Und doch kann ich einen heimlichen Respekt vor solchen Homophilen (die eine Homo-Ehe eingehen, JGF) nicht unterdrücken. Genau wie Heterophile entscheiden sie sich für eine dauerhafte sexuelle Beziehung und geloben einander Treue! Das ist schon etwas. Ich sage nicht, dass die Gemeinde die homosexuelle Ehe in diesem Fall akzeptieren muss. Ich sage nur, dass wir auch hier in unserer Behandlung der Frage wieder deutlich unterscheiden müssen. Wir respektieren die Treue, die zwei Partner sich gegenseitig geloben – dennoch können wir ihre Verbindung nicht gutheißen. So, wie für Personen mit wechselnden sexuellen Kontakten – es seien Heterophile oder Homophile – kein Platz in der Gemeinde ist, so kann man sich vorstellen, dass Homosexuelle mit dauerhaften Beziehungen unter dem Schirm der Gemeinschaft bleiben dürfen, wenngleich sie z.B. keine leitenden Aufgaben ausüben dürfen. Es gibt Personen, die die Gemeinde nicht akzeptieren kann; diese müssen aus der Mitte hinweggetan werden. Es gibt auch Handlungsweisen, die die Gemeinde nicht akzeptieren kann, während sie den betreffenden Personen dennoch weiterhin in Liebe begegnet.

WJO unterscheidet also zwischen zwei Arten von Homosexuellen: 

  1. diejenigen mit losen sexuellen Kontakten und 
  2. diejenigen mit dauerhaften sexuellen Kontakten. 

Diesen Unterschied müssen wir sicherlich bei der Beurteilung der betreffenden Personen machen; das ändert aber nichts daran, dass wir beider Verhalten verurteilen und wir für sie in der Glaubensgemeinschaft keinen Platz „machen“, so hart das auch scheinen mag. Letzteres tut WJO nicht. Er befürwortet eine „Duldungspolitik“, die er auf Seite 245 wie folgt beschreibt:

Für Hurenböcke und Ehebrecher ist in der Gemeinschaft kein Platz. Für diejenigen, die Ehen eingehen, die wir für unbiblisch halten, gegen die sie selbst aber nichts einzuwenden haben – Ehen mit Ungläubigen, mit Geschiedenen oder zwischen Geschlechtsgenossen –, muss dennoch Platz in der Gemeinde sein. Allerdings müssen sie sich auch im Gemeindeleben mit Einschränkungen begnügen.

Hier spricht eindeutig nicht die Schrift, sondern WJO. Das zeigt sich sehr klar in seinen Schlussworten, denn wo finden wir solch eine Beschränkung in der Schrift wieder?! Welch einen Hintergrund die Taten auch haben mögen, die Schrift verurteilt homosexuelle Taten, seien sie aufgrund von wechselnden oder dauerhaften Kontakten. Und ob man selbst keine Einwände gegen unbiblisches Betragen hat, spielt in diesen Schriftstellen doch keine Rolle! Nochmals: Die Schrift verurteilt nicht das Wesen, sondern die Tat. Etwas anderes ist es, wie die Gemeinde mit denen umgehen muss, die als „Christen-Homophile“ dennoch meinen, heiraten zu müssen, und das auch tun. Nun, solche Christen gehen eine unbiblische, sündige Beziehung ein. Was sie selbst dazu meinen, darf bei der Beurteilung durch die Gemeinde keine Rolle spielen. Auf keine einzige Art und Weise gibt die Bibel Gründe für eine solche „Duldungspolitik“ an. Eine solche Umsichtigkeit ist unbiblisch oder schlimmer gesagt, eine sündige Umsichtigkeit.

Dann noch zwei Anmerkungen, die ich nur mache, um aufzuzeigen, wie inkonsequent die Argumentation von WJO ist, für eine treue homosexuelle Beziehung eine Ausnahme zu machen. Ich will durch das, was ich jetzt sage, bestimmt nicht suggerieren, dass solche, die homosexuelle Kontakte ausüben, auch geneigt sind, nach sexuellem Umgang mit Tieren zu verlangen oder diesen gutzuheißen, absolut nicht. Es geht mir nur darum, die Argumentation von WJO anzuprangern. Dies sollte beachtet werden!

Mir ist klar, dass das, was ich jetzt schreibe, manche Leser abstoßen wird. Dennoch bin ich der Meinung, dieses Risiko eingehen zu müssen, um uns die Augen zu öffnen für die Folgen der Argumentation von WJO, wenngleich er diese Schlussfolgerungen selbst nicht zieht.

Ich verurteile die Argumentation von WJO aus folgenden Gründen:

  1. In 3. Mose 18,2; 20,15.16 wird auch die Gemeinschaft mit einem Tier verboten. Müssen wir hier etwa auch einen Unterschied machen zwischen einem derart ekeligen Handeln in Verbindung mit Götzendienst und einem derart schrecklichen Betragen als bloßes Lust-Erleben an sich? Beachte, dass in diesen Kapiteln ein derartiger Unterschied in dieser Angelegenheit nicht zu finden ist. Bedenke, dass 3. Mose 20,17 ohne weitere Erwähnung mit der Verurteilung von unnatürlichen sexuellen Kontakten an sich fortfährt. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich sage nicht, dass es in einer homophilen „Ehe“ nur um das Lust-Erleben an sich geht. Bei einer sexuellen Beziehung Mensch-Tier meine ich, dass das wohl der Fall ist.

  2. Müssen wir vielleicht auch unterscheiden zwischen solchen, die wechselnde Kontakte mit Tieren haben, und solchen, die dauerhafte Kontakte mit Tieren haben? Dazu schrieb ich jemandem Folgendes:

    • „Meine Reaktion ist sehr derb, jedoch nicht irreal. Angenommen, jemand hat regelmäßigen sexuellen Umgang mit einem Tier, das er sehr liebt. Müssen wir dann auch sagen: Wir respektieren deine Treue dem Tier gegenüber, der Umgang ist zwar verboten, aber wir verweigern dir nicht das Abendmahl, weil es nicht ein ,loser‘ sexueller Kontakt ist? – Bedenke, dass in 3. Mose 18 die Gemeinschaft unter Männern und die Gemeinschaft mit einem Tier in einem Atemzug mit homosexuellen Kontakten in einem anderen Zusammenhang genannt wird und dass es keinen Hinweis auf götzendienerische Praktiken gibt. Dass in Vers 22 das Wort Gräuel genannt wird, ist doch eine viel zu wackelige Basis, um Götzendienst darauf zu bauen?! Die Verse 22 und 23 zeigen, dass die Annahme eines derartigen Umgangs mit Tieren nicht irreal ist.“

In Verbindung mit Letzterem könnte ich auf einen Zeitungsartikel hinweisen, den ich unlängst las, worin stand, dass ein Mann mehr als vierzigmal das Pony eines Nachbarn „vergewaltigt“ hatte.

Über meine Beurteilung von WJOs Buch als Ganzes schrieb ich o.g. Person noch Folgendes:

  • „Wenn ich ein schönes Auto mit allem Drum und Dran sehe, aber weiß, dass ein kleines Teil, das beim Betreiben des Fahrzeugs ein Unglück verursachen kann, nicht funktioniert, dann traue ich dem Wagen nicht und kaufe ihn nicht, egal wie günstig der Preis sein mag.

    Das ,Teil‘ in dem Buch WJOs ist, dass homosexuellem Umgang in der Gemeinde stattgegeben wird, während Gottes Wort darauf die Todesstrafe legt (s. 3Mo 20,13.15, wo kein Hinweis auf Religions-Sex ist). Ich bleibe also bei meiner Verurteilung des Buches, egal wie viel Gutes darin stehen mag. Man darf es übertrieben finden, ein Buch, das viel Gutes enthält, insgesamt zu verurteilen, weil es darin ein Kapitel gibt, das nicht taugt. Dennoch bleibe ich bei meinem Urteil und weiß mich dabei gestützt durch einen Ausspruch aus der Schrift: ,Eine kostbare Salbe verdirbt bereits durch eine tote Fliege‘ (Pred 10,1).“

Dem kann ich hinzufügen, dass ein wenig Gift in einem Glas mit leckerem Wein diesen verdirbt. Nun kann man Gift aus einem Glas Wein nicht selektieren. Einen Teil des Buches kann man wohl selektieren, weshalb ich bestimmten Personen die Kenntnisnahme bestimmter Abschnitte dieses Buches in dieser Beurteilung doch empfohlen habe.

Zum Schluss noch dies: Mein Vertrauen in Bruder WJO als Bibellehrer war früher sehr groß. Dieses Vertrauen hat in den letzten Jahren diverse Druckstellen erhalten durch das, was er in Nachtbuch der Seele und Heilt die Kranken schrieb. Was er in diesem Buch über Sex in der Kirche schreibt, hat allerdings einen kräftigen Knacks in meinem Vertrauen verursacht. Ich kann ihn kaum noch länger als einen vertrauenswürdigen Bibelausleger sehen. Wie sehr ich das auch bedaure! Oft bete ich für ihn, dass er von seinen extremen Auffassungen, die er in den letzten Jahren unter uns (und darüber hinaus) verbreitet hat, zurückkehrt zur gesunden Weise der Schriftauslegung, die seine früheren Bücher kennzeichneten.


Originaltitel: „Beordeeling van Sex in de Kerk
Quelle: www.jaapfijnvandraat.nl

Übersetzung: Stephan Winterhoff

Letzte Aktualisierung: 16.07.2016


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...