Kurzbiographie: William John Hocking (1864-1953)
Münzkundler, Bibellehrer und Liederdichter

G. Naujoks

© G. Naujoks, online seit: 10.03.2012

William John Hocking schloss sich schon als ganz junger Mann nach intensivem Studium des Neuen Testaments aus Überzeugung den „Brüdern“ an. Er hielt Vorträge, schrieb Artikel und Bibelauslegungen, gab mehrere christliche Zeitschriften sowie ein neues Liederbuch heraus und dichtete Lieder. Für seine Verdienste in seinem Beruf als Münzkundler und Leiter der Königlichen Münzanstalt wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Seine Herkunft

William John Hocking wurde am 10. März 1864 in der Grafschaft Cornwall in Sennen Cove geboren, einem kleinen Ort an der Atlantikküste am südwestlichsten Zipfel Englands. Seine Eltern waren Kongregationalisten.
(Der Kongregationalismus vertritt u.a. die völlige Autonomie der örtlichen Gemeinde und die Unabhängigkeit vom Staat.)

Sein Beruf

Am 17. Juli 1883 nahm Hocking im Alter von 19 Jahren eine Stellung als einfacher Büroangestellter bei der Königlichen Münzanstalt in London an. Mit der Zeit rückte er dort zum Betriebsleiter auf. Er wohnte auf dem Gelände der Münzanstalt, das ganz in der Nähe der Tower Bridge in London lag. Seine Forschung auf dem Gebiet der Geschichte britischer Münzen machte ihn zu einem der führenden Münzkundler damals und auch heute. Hocking schrieb zwei Standardwerke, die noch heute benutzt werden. 1908 unternahm er für fünf Monate sogar einmal eine Seereise nach Australien, wo er beim Prägen von Münzen half. Die Erlebnisse auf dieser Reise hielt er in einem (unveröffentlichten) Tagebuch fest. In Australien nutzte Hocking die Gelegenheit, William Kellys Tochter Frances in Melbourne zu besuchen, die mit ihrem Ehemann ausgewandert war.

Nach sechsunddreißig Jahren Mitarbeit in der „Münze“ wurde er im Jahr 1919 schließlich stellvertretender Direktor (Superintendent of the Operative Department). Damit war er einer der drei leitenden Beamten. Bereits ein Jahr vorher hatte er für seine Verdienste auf dem Gebiet der Münzkunde einen Orden erhalten, mit dem u.a. hohe zivile Beamte ausgezeichnet werden: Man ernannte ihn zum Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (CBE). Als Hocking am 15. Juli 1926 mit 62 Jahren in Pension ging, lehnte er die Verleihung eines Ritterordens ab, akzeptierte jedoch die Ernennung zum Commander of the Royal Victorian Order (CVO).

Seine Erinnerungen an die ersten Begegnungen mit den „Brüdern“

Im selben Jahr als Hocking bei der Königlichen Münzanstalt anfing, 1883, verließ er seine kongregationalistische Kirche und suchte Gemeinschaft mit den „Brüdern“. Er hatte sich bereits seit vier Jahren (seit er 15 Jahre alt war) mit der Lehre des Neuen Testaments zum Thema „Versammlung“ beschäftigt und war darüber tief zum Nachdenken gekommen. Schließlich war er durch das Lesen von „Brüder“-Literatur zu der Überzeugung gelangt, dass die Lehre der „Brüder“ über die Versammlung richtig sei, und wollte sich ihnen anschließen. Seine Erinnerungen an seine ersten Begegnungen mit den „Brüdern“ sind sehr aufschlussreich:

In diesem Jahr [1883, als er bei der Königlichen Münzanstalt anfing] suchte ich Gemeinschaft in einer großen Londoner Versammlung. Ich war ein junger Kongregationalist und schon seit etwa vier Jahren durch die Lehre des Neuen Testaments über das Thema „Versammlung“ sehr geübt. Ich hatte die Schriften der führenden Brüder kennengelernt und war überzeugt, dass das Sektierertum in der Christenheit, gegen das die „Brüder“ zeugten, böse ist. Die älteren Brüder dieser Gemeinschaft besuchten mich und fragten, nachdem sie das Zeugnis meiner Bekehrung erhalten hatten, ob ich dem Park-Street-Beschluss zustimme. Ich gab zu, dass ich darüber unwissend sei, und erklärte ihnen, dass ich bisher keine Gelegenheit gehabt habe, die Fakten herauszufinden. Sie bestanden jedoch nachdrücklich darauf, dass ich mich entscheiden müsse, bevor ich zugelassen werden könne. Das überraschte mich. Jetzt stieß ich ausgerechnet auf das, was ich gerade verlassen hatte: eine von Menschen errichtete Schranke für Gemeinschaft. Ich wurde danach zu einer anderen Gemeinschaft geleitet [mit der sich W.K. versammelte], wo diese Testfrage nicht gestellt wurde.

Diese Gemeinschaft, der Hocking sich nun anschloss, gehörte zu den sogenannten „Kelly“-Brüdern. Er besuchte mit seiner Familie die Zusammenkünfte in Bermondsey, wo er eine Bibelklasse für junge Leute unterrichtete.

Sein Dienst unter den „Brüdern“

Bald nachdem William J. Hocking zu den „Brüdern“ gekommen war, wurde William Kelly auf ihn aufmerksam. Hocking begann, unter den „Brüdern“ schriftlich und mündlich zu dienen. Ab 1896 gab er eine Zeitschrift für junge Christen heraus, The Believer’s Monthly Magazine, die auch einen Korrespondenzbibelkurs für die jungen Leser anbot. Nach Einstellung der Zeitschrift Ende 1900 war er ab 1901 bis 1910 für die Herausgabe einer evangelistischen Zeitung verantwortlich, der Gospel Gleanings, eine Arbeit, die William Kelly sehr förderte und für die er mehrere Artikel beisteuerte. 1920 gab Hocking kurzzeitig The Bible Treasury heraus (1850-1906 herausgegeben von W. Kelly, 1906-1920 von F.E. Race), bis die Herausgabe noch im gleichen Jahr eingestellt wurde. Danach gab er ab 1921 eine neue Zeitschrift heraus, The Bible Monthly, für die er bis zu seinem Tod 1953 verantwortlich war. Unter dem Pseudonym „Yod“ verfasste er einige Broschüren für junge Christen. Er schrieb auch einige Bibelauslegungen. Sein vielleicht bekanntestes Buch ist The Son of His Love (Der Sohn seiner Liebe), eine Verteidigung der ewigen Sohnschaft Christi.

Weniger bekannt ist vielleicht, dass Hocking ebenso Liederdichter war. In dem Liederbuch Spiritual Songs (1978) befinden sich fünf Lieder aus seiner Feder: Lord and Saviour, we remember (194); Gathered by Thy name, Lord Jesus (232); Our God and Father unto Thee (305); Gladly let us join to sing (429); O gracious God, our Father (462).

Auf Bitten einiger Brüder hielt er auch Vorträge in der Memorial Hall, Farringdon Street, in London. Diese Zusammenkünfte wurden einige Jahre jedes Vierteljahr gehalten und gingen den späteren Gemeinschaftszusammenkünften in der Lloyd Jones Hall, Westminster Chapel, voraus. An seine Ansprachen während der Londoner Konferenzen und der Pfingstkonferenzen können sich die älteren Brüder noch gut erinnern. Während der monatlichen Zusammenkünfte für junge Brüder sprach er über verschiedene Bibelbücher. Diese Zusammenkünfte wurden einige Jahre jeden Freitagabend in der ehemaligen Y.M.C.A. Hall (CVJM: Christlicher Verein junger Menschen), Farringdon Street, gehalten.

Obwohl Hocking ein ruhiger Bruder war, der nicht das Streitgespräch suchte, besaß er in den Zusammenkünften seiner Zeit großen moralischen Einfluss und wurde von allen sehr geschätzt.

Nicht nur von den „Brüdern“ wurde Hocking als Autor wertgeschätzt; sogar das Königliche Münzmuseum (The Royal Mint Museum) anerkennt Hocking, „ein Angehöriger der Plymouthbrüder“, als „einen profilierten Autor religiöser Traktate“.

Seine Revision des Little Flock Hymn Book

1926 fand eine Wiedervereinigung statt zwischen Brüdern, die seit der Darby-Kelly-Trennung im Jahr 1881 getrennt waren. Die einen („Lowe-Continental“-Brüder) waren gewohnt, aus Darbys Revision von 1881 zu singen; die anderen („Kelly“-Brüder) sangen aus Kellys Revision von 1894. Nun kamen Überlegungen für ein neues, gemeinsames Liederbuch auf, und ein Jahr später, 1927, fragte man Hocking, der sich zu den „Kelly“-Brüdern hielt, ob er das Liederbuch revidieren wolle. Hocking war kompetent (schon von Berufs wegen war er sorgfältiges Arbeiten gewöhnt) und sehr geeignet, um diesen Dienst für seine Brüder zu tun. Er war bereits seit mehr als vierzig Jahren bei den „Brüdern“ und ein allseits geschätzter Bibellehrer, den viele als den geistlichen Erben William Kellys betrachteten.

Ein Brief von Hockings ältestem Sohn Stanley an die vier Brüder, die die 1978er Revision des Little Flock Hymn Book durchführten, macht deutlich, dass der Arbeitsaufwand für die 1928er Revision gewaltig gewesen sein muss: Er schreibt, dass die Gesundheit seines Vaters durch die Strapazen bei der Überarbeitung stark angegriffen wurde. Da offensichtlich kein detaillierter Bericht über diese Arbeit existiert und Informationen nur schwer aufzutreiben sind, kann der Umfang der Revisionsarbeit nur erahnt werden: Hocking selbst verwies auf eine Sammlung von mehr als 170 Liederbüchern während der Vorbereitung für die Revision. Im Folgenden ein kleiner Eindruck der Änderungen: Hocking stützte seine Revision offenbar vor allem auf Kellys Liederbuch von 1894. Über 200 Lieder von Kelly ließ er unverändert. Ungefähr 170 Lieder wurden auf verschiedene Art und Weise verändert: einzelne Worte, die Schreibweise oder Plural statt Singular. Viele Lieder erhielten zusätzliche Strophen und in einigen anderen ließ er Strophen weg. Er strich 56 Lieder und ersetzte sie durch die gleiche Anzahl neuer Lieder, die hauptsächlich aus Darbys Liederbuch von 1881 stammten. 13 Lieder, die Kelly 1894 in seinem Liederbuch gestrichen hatte, wurden wieder aufgenommen. Die gesamte Revisionsarbeit bewältigte Hocking innerhalb eines einzigen Jahres.

Das neue Liederbuch, Hymns Selected and Revised in 1928, enthielt eine Sammlung von 436 der besten Lieder aus dem Liederbuch der jeweiligen Gemeinschaft; die meisten Lieder stammten aus dem Little Flock Hymn Book, dem Liederbuch der „Kelly“-Brüder, zu denen Hocking selbst gehörte. Die Revision wurde allgemein sehr gut aufgenommen. Die Brüder, die dieses revidierte Liederbuch benutzten, schätzten es in den nächsten fünfzig Jahren sehr, bis es in die Revision von 1978 mit aufgenommen wurde. In verschiedenen Gemeinschaften ist das Liederbuch der 1928er Revision immer noch in Gebrauch, besonders in den Versammlungen der „offenen Brüder“, die einst mit W.W. Fereday, der Kellys Dienst hoch achtete, in Gemeinschaft waren.

Seine Familie

Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Hocking erneut. Er hatte drei Söhne. Sein ältester Sohn hieß Stanley, sein zweiter Sohn Leonard Charles starb 1940. Sein jüngster Sohn Leslie, der im medizinischen Korps der königlichen Armee (R.A.M.C.) diente, starb bereits 1916 während des Ersten Weltkriegs in der Schlacht an der Somme in Frankreich. Obwohl Hocking darüber sehr erschüttert war, unterwarf er sich ruhig dem Willen Gottes. Mit dieser Haltung war er allen Gläubigen ein Vorbild. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1926 zog die Familie nach Danbury in Essex um, wo Hocking bis zu seinem Tod am 10. April 1953 lebte.

William John Hocking ist neben seiner ersten Frau auf dem Nunhead-Friedhof in London begraben, nicht weit entfernt von Frederick E. Raven und Napoleon L. Noel.


Zusammengestellt aus folgenden Quellen:
www.stempublishing.com
en.wikipedia.org
www.nationalarchives.gov.uk
www.royalmintmuseum.org.uk
Edwin Cross: William Kelly – sein Leben und Werk, CSV-Verlag

Letzte Aktualisierung: 23.01.2017

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