Kurzbiographie: Robert Cleaver Chapman (1803–1902)

Wolfgang Bühne

© W. Bühne, online seit: 01.01.2001

Damals sprach man davon, dass in der Brüderbewegung die drei christlichen Tugenden „Glaube, Hoffnung, Liebe“ von drei Brüdern besonders ausgeprägt gelebt wurden: Georg Müller, der Waisenvater von Bristol, ist als Mann des Glaubens in die Kirchengeschichte eingegangen, J.N. Darby als Lehrer und Prediger der christlichen Hoffnung und schließlich R.C. Chapman als „Apostel“ der Liebe.

Kindheit und Jugend

Chapman war – ähnlich wie Darby – zeitlebens nicht verheiratet und kam ebenfalls aus einem wohlhabenden Elternhaus. Sein Vater war ein angesehener Kaufmann, der vorübergehend in Dänemark wohnte, wo der kleine Robert seine frühen Kinderjahre verbrachte und von einem französischen Pater erzogen wurde. Vielleicht kann man die außerordentliche Sprachbegabung Chapmans darauf zurückführen, dass in seinem Elternhaus zeitweise dänisch, französisch und englisch gesprochen wurde.

Doch bald zog die Familie wieder nach England, wo Robert die Schule besuchte, um danach die Juristenlaufbahn einzuschlagen. Bereits mit zwanzig Jahren wurde er als Anwalt beim Allgemeinen und Königlichen Gerichtshof in London zugelassen, und drei Jahre später eröffnete er sein eigenes Anwaltsbüro.

Umkehr und Widerstand

In diesen Jahren erlebte er auch seine Bekehrung. Obwohl seine Eltern keine überzeugten Christen waren, hatte Chapman begonnen, die Bibel zu lesen und versucht, die Gebote Gottes aus eigener Kraft zu erfüllen. Darüber wurde er sehr unglücklich und friedlos, obwohl er aufgrund seiner Bildung, seiner vornehmen Herkunft und seines tadellosen Charakters als Gast und Unterhalter auf vielen Partys der mondänsten Kreise Londons sehr beliebt war. Chapman schrieb über diese Zeit: „Mein Kelch war bitter von meiner Schuld und der Frucht meines Handelns. Die Welt war mir über und ich hasste sie in der Verwirrung meines Geistes, obwohl ich gleichzeitig unfähig und unwillig war, mit ihr zu brechen.“

Doch in dieser Zeit wurde er eingeladen, einen freikirchlichen Gottesdienst zu besuchen. Diese Einladung nahm Chapman als hingegebener Anhänger der etablierten Kirche nur widerwillig an, wurde aber von der Verkündigung des Predigers Evans derart gepackt, dass er sich bald darauf bekehrte. Konsequent wie Chapman war, stand er kurze Zeit später neben Mr. Evans auf der Kanzel und bezeugte öffentlich seinen neugefundenen Frieden. Er stand dort mit einem standesgemäßen Schwalbenschwanz bekleidet, auf dem die großen goldenen Knöpfe die vornehme Herkunft des Besitzers verrieten, um in gemessener, gebildeter Sprache seinen Glauben zu bekennen.

Als Chapman sich aber dann auch noch taufen ließ, begann für ihn eine notvolle Zeit mit erbittertem Widerstand aus allen Richtungen: „Ich wurde zum Anstoß für die, denen ich nachging, sogar denen, die mein Fleisch und Blut sind. Und warum wurden sie so aufgebracht? Weil ich durch das Aufnehmen meines Kreuzes ein Zeuge gegen sie wurde, weil ich mich nur noch deiner rühmte, und alle, die unter dem Gesetz stehen, unter deinem Fluch stehen sah.“

Die ersten Dienste für Christus

In dieser Zeit, als sich die vornehmen Gesellschaftskreise und auch seine Familie von ihm abwandten, fand er einen neuen Freundeskreis unter den Armen und Kranken in den dunklen Elendsvierteln der Stadt. Für die Gemeinde war es bald ein vertrautes Bild, wenn Chapman am Sonntag mit einer armen, verkrüppelten, blinden Frau zum Gottesdienst ging, die sonst niemanden hatte, der sie dorthin geleitet hätte. Wenn der vornehme Anwalt mit der verkrüppelten Frau durch den Mittelgang schritt, waren sie „eine lebendige Mahnung für alle, die zwar gesund in der Lehre standen, aber ohne viel Liebe lebten“.

Umzug nach Barnstaple

1831, als Chapman 28 Jahre alt war, folgte er dem Vorbild A.N. Groves, verkaufte alle Habe, verschenkte sein privates Einkommen, gab seinen Beruf auf, um seine Zeit völlig dem Herrn zur Verfügung zu stellen. Kurz darauf bekam er eine Einladung der „Ebenezer“-Baptistengemeinde in Barnstaple, ihr Pastor zu werden. Als diese auf seine Bedingungen einging, nicht gegen Bezahlung dort zu arbeiten und alles predigen zu dürfen, was Gott ihm klarmachte, sah er darin die Führung Gottes und begann 1833 seinen Dienst in Barnstaple.

Die Londoner Freunde entließen ihn sehr skeptisch und prophezeiten seinen baldigen Untergang, weil er kein guter Prediger sei. Seine – inzwischen berühmt gewordene – Antwort lautete:

„Es gibt sehr viele, die Christus predigen, aber nicht so viele, die Christus leben. Mein Ziel wird sein, Christus zu leben.“ Auch in seinem neuen Wirkungsort zog es ihn zu den Armen im Stadtteil Derby. Er predigte dort in den Armenhäusern und begann hier auch mit seinen Straßenpredigten, die er in dieser Stadt fast 70 Jahre lang regelmäßig hielt.

Die „Universität der Liebe“

Bald mietete er ein kleines Haus im Armenviertel, um in diesem verrufenen Stadtteil zu wohnen. Er lebte dort im Glauben, ohne festes Einkommen, wünschte aber, Gäste in seinem Haus auf unbestimmte Zeit beherbergen zu können, um mit ihnen zu lernen, „jede Kleinigkeit aus Gottes Hand im Glauben zu erbitten“.

Wenn ein Gast kam, zeigte er ihm das Zimmer, erklärte die Hausregeln und bat dann, jeden Abend die Schuhe oder Stiefel vor die Türe zu stellen, damit er sie putzen könne. Einmal wollte ein Gentleman, der um die vornehme Erziehung und den geistlichen Adel Chapmans wusste, es nicht zulassen, dass dieser seine Stiefel wegtrug. Aber die Antwort lautete sehr bestimmt: „Ich bestehe darauf. Früher war es üblich, den Heiligen die Füße zu waschen. Das geht heute nicht mehr, und wenn ich ihre Schuhe putze, kommt das diesem Brauch am nächsten.“

Chapman pflegte bis an sein Lebensende morgens um 3.30 Uhr aufzustehen und dann in die neben seinem Bett stehende Badewanne zu steigen, um ein kaltes Bad zu nehmen. Danach wurden die Stiefel seiner Gäste geputzt, das Feuer im Ofen angezündet und das Frühstück für seine Gäste vorbereitet. Dann zog er sich zurück, um bis zum Mittag seine Zeit mit Bibelstudium und Gebet zu verbringen. Täglich erlebte er etwa sieben Stunden dieser intensiven Gemeinschaft mit seinem Herrn. Der Nachmittag wurde mit Hausbesuchen, Straßenpredigten, seelsorgerlichen Gesprächen und sonstigen Diensten verbracht. Abends um 21.00 Uhr verabschiedete sich Chapman, um nach einem heißen Bad die Nachtruhe anzutreten.

Jeden Samstag ruhte sich Chapman aus. Er war dann für keinen Besucher zu sprechen, verbrachte den ganzen Tag fastend in seiner kleinen Werkstatt, um bei seiner liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Drechseln von Holzgegenständen, sein Herz im Gebet vor Gott auszuschütten. Diese stillen Stunden der Gemeinschaft mit Gott gaben ihm eine geistliche Prägung, die er an seine Umgebung weitergeben konnte.

Welch einen gesegneten Einfluss dieser von der Liebe Gottes geprägte Mann auf die „Ebenezer“-Gemeinde und die vielen Gäste in seinem Haus ausübte, machen die zahlreichen Anekdoten deutlich, die in seiner Biographie nachzulesen sind.

Schwere Zeiten

Als sich 1845 die traurige Trennung unter den „Brüdern“ anbahnte, litt Chapman besonders darunter. Er versuchte in zahlreichen Gesprächen, Briefen und Appellen als Friedensstifter zu schlichten und die Herzen zu verbinden. Aber es war vergeblich. Gemeinden, die ihn früher mit Freuden aufgenommen hatten, verweigerten ihm nun die Gemeinschaft, weil er die Überzeugungen und Konsequenzen Darbys nicht teilen konnte.

Chapman litt sehr unter dieser Trennung, lehnte es aber ab, eine geringschätzige Sprache zu verwenden, wenn er von den Brüdern und Schwestern sprach, die Darby folgten. Sie waren seine „Brüder, deren Gewissen sie dazu zwingt, meine Gemeinschaft zurückzuweisen und mir ihre zu entziehen“. Auch seine Liebe und Achtung für Darby wurde durch die schmerzliche Trennung in keiner Weise getrübt. Als Chapman viele Jahre später – im Jahr 1882 – auf einer Konferenz von leitenden „Offenen Brüdern“ war und die Nachricht von Darbys Tod eintraf, bat er bewegt die Anwesenden, eines der Lieder zu singen, die Darby gedichtet hatte: „Die Ruhe der Heiligen“.

Umgekehrt hatte Darby seine Achtung Chapman gegenüber auch nach der Trennung nie verleugnet. Als jemand in seiner Gegenwart herabsetzend von Chapman sprach, antwortete Darby: „Lasst diesen Mann in Ruhe; er lebt, was ich lehre.“ Und bei einer anderen Gelegenheit bekannte Darby: „Wir sprechen von den himmlischen Dingen, aber Robert Chapman lebt in ihnen!“

Das geistliche Verhalten dieser beiden Männer der „Brüderbewegung“, die als Führer in getrennten Lagern standen, sollte uns in unserer heutigen Situation zu denken geben. Auch in der Gegenwart erleben und erleiden wir demütigende Trennungen, denen wir oft machtlos gegenüberstehen. Wie denken wir über Geschwister, die sich von uns getrennt haben und die Gemeinschaft mit uns verweigern [„nicht mehr mit uns in Gemeinschaft sind“; Anm. d. Red.]? Reden wir mit Wertschätzung und Hochachtung von ihnen?

Heimgang

70 Jahre lang hat Chapman in Barnstaple gearbeitet, und sein Dienst wurde nur durch gelegentliche Missionsreisen nach Irland und Spanien unterbrochen. Noch mit 98 Jahren predigte Chapman in geistiger Frische und mit geistlicher Kraft. Er hatte alle „Brüder“ der Anfangszeit überlebt. Darby, Wigram, Cronin und Groves waren schon längst in der Ewigkeit. Als Chapman hörte, dass sein Freund Georg Müller heimgegangen war, neigte er nachdenklich seinen Kopf und sagte nach einer Stille von etwa fünf Minuten: „Keinem von uns steht es zu, unseren Meister zu tadeln, aber ich wurde fünf Jahre vor Georg Müller errettet, und es hätte mir zugestanden zu gehen.“

Vier Jahre später war auch Chapman am Ziel. Seine letzten Worte waren:

„Der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt.“

Hunderte von Menschen kamen zu seiner Beerdigung. Sein Biograph schreibt: „Sie kamen aus dem ganzen Land. Baptisten, Methodisten, Kongregationalisten und Anglikaner kamen am Grab mit ,Brüdern‘ zusammen, am Grabe des Mannes, der sie durch sein Wort und sein Beispiel gelehrt hatte, dass alle wiedergeborenen Menschen Brüder und Schwestern in Christus sind. Und obwohl er nie auch nur einen Zentimeter bezüglich der Anbetung und Leitung in der Gemeinde abgewichen war, wussten doch alle, dass er sie von Herzen lieb gehabt und es immer von Herzen bedauert hatte, dass es nicht mehr Einigkeit in diesen Fragen unter Gottes Kindern gab. Sie wussten, dass sie einen ,wahren Bruder‘ verloren hatten.“

Gott schenke, dass das Beispiel dieses gesegneten Lebens uns anspornt, in einer Welt und Christenheit, in der es nicht an „christlichen“ Predigten mangelt, Christus zu leben und auf diese Weise Menschen für unseren Herrn zu gewinnen.


Aus Wegweisung (heute Die Perspektive), CV-Dillenburg

Letzte Aktualisierung: 04.08.2016

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