Interkulturelle romantische Beziehungen
Verschiedene Kulturen, Erwartungen und Kommunikation

Philip Nunn

© SoundWords, online seit: 08.10.2017

Heute leben in unseren Großstädten verschiedene Kulturen dicht beieinander. Du kannst fast überall Menschen aus anderen Kulturen treffen: in der Schule, auf der Arbeit, in Sportvereinen, in der Gemeinde. Du musst nicht mehr irgendwohin weit weg verreisen, um dich in jemanden aus einer anderen Kultur zu „verlieben“. Viele christliche Organisationen fördern auch Kurzzeit- und längere Einsätze in der Mission – die, nebenbei gesagt, sehr bereichernd sein können, besonders wenn man Menschen und Kulturen besucht, die sich stark von der eigenen unterscheiden. Während solcher Reisen ist es möglich, sich in eine andere Kultur zu „verlieben“ und manchmal auch in eine Person aus dieser anderen Kultur.

Nirgends verurteilt oder missbilligt die Bibel romantische Beziehungen zwischen Menschen aus verschiedenen Rassen oder Kulturen. Als die Israeliten in ihr verheißenes Land kamen, erhielten sie das Gebot, sich nicht mit den Einwohnern des Landes zu verheiraten, „denn sie würden deine Söhne von mir abwendig machen, dass sie anderen Göttern dienen“ (5Mo 7,3.4). Das Problem war dabei nicht ihre Rasse oder Kultur, sondern ihre völlig anderen religiösen Praktiken und Überzeugungen. Als Christen sind wir frei, einen Menschen aus einer anderen Rasse oder Kultur zu heiraten, aber er oder sie muss auch ein wiedergeborener Christ sein (2Kor 6,14-16), er oder sie muss „im Herrn“ sein, also dem Herrn gehören (1Kor 7,39). Jeder Mensch ist aus Gottes Sicht gleich geliebt und wertvoll. Interkulturelle Ehen können beglückend und bereichernd sein, aber man muss die kulturellen Unterscheide ernst nehmen. Liebe ist eine starke Bindung, aber Liebe beseitigt nicht die Auswirkungen tief verwurzelter kultureller Unterschiede und die damit zusammenhängenden Erwartungshaltungen. Eine gemeinsame Liebe zum Herrn Jesus oder zu einem besonderen Dienst sind auch starke Bindungskräfte, aber auch diese beseitigen nicht die Wirkungen tiefgehender kultureller Unterschiede und die daraus entstehenden Erwartungen.

Meine eigene Kultur fühlt sich „normal“ an

Du musst der Versuchung widerstehen, zu denken, dass deine eigene Kultur gut ist und dass andere Kulturen ein Stück weit schlecht oder mangelhaft sind. Das Leben ist nicht so einfach. So etwas wie eine perfekte Kultur gibt es nicht. Satan hat es geschafft, alle Kulturen zu verbiegen – eingeschlossen deine eigene. Deshalb hat jede Kultur ihre guten Elemente, aber auch schlechte und böse Elemente. Nicht alles, was dich an einer anderen Kultur irritiert, ist verkehrt. Vielleicht ist es das. Aber vielleicht hast du auch nur eine andere Art, Dinge anzugehen und zu tun – und ihre Art ist genauso gültig wie deine eigene. Wenn du über eine interkulturelle Beziehung nachdenkst, musst du darauf vorbereitet sein, einige einschneidende persönliche Anpassungen vorzunehmen. Zu erwarten, dass der/die andere sich verändert und genauso „normal wie ich“ wird, wird auf lange Sicht zu Frustrationen führen. Garantiert!

Es ist eine Tatsache, dass Menschen in jeder Kultur ihr eigenes Muster tief verwurzelter Werte und Erwartungen in sich tragen, und wenn du weise bist, wirst du hier langsam und vorsichtig vorgehen. Interkulturelle romantische Beziehungen tragen einzigartige Freuden in sich, aber auch spezielle Gefahren. Bevor wir uns einige davon näher ansehen, wollen wir zuerst darüber nachdenken, wie wir die Kultur einer anderen Person verstehen können. In welcher Weise beeinflusst der kulturelle Hintergrund deines Freundes oder deiner Freundin sein/ihr Denken, Fühlen und Verhalten?

Sind wir wirklich so verschieden?

Die Unterschiede zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen können groß, mittelgroß oder klein sein. Zum Beispiel wird man in Beziehungen zwischen Menschen aus Afrika, Westeuropa, Asien oder Lateinamerika ein hohes Maß an kulturellen Unterschieden erleben. Mittelgroße kulturelle Unterschiede kann man in Beziehungen zwischen Menschen aus Ländern wie Deutschland, Großbritannien, Frankreich oder Italien erfahren. Und in deutlich kleinerer Form werden kulturelle Unterschiede in Beziehungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen im gleichen Land erlebt, zum Beispiel zwischen erfolgreichen Berufstätigen und Menschen, die von Sozialhilfe abhängig sind, zwischen Großstädtern und Leuten aus kleinen Bauerndörfern, zwischen Christen aus verschiedenen Gemeindetraditionen und so weiter. Welche Kultur bringst du mit hinein in eine romantische Beziehung?

Eine Kultur kennenlernen und verstehen

Fangen wir einmal mit unserer eigenen Kultur an. Du wurdest in eine bestimmte Kultur hineingeboren, meistens ist das die Kultur deiner Eltern. Du bist dir deiner eigenen Kultur wahrscheinlich kaum bewusst, denn die Art, wie du denkst und dich verhältst, fühlt sich für dich normal an. Die meisten Menschen sind blind für ihre eigene Kultur. Tatsächlich glauben wir, dass die Welt so ist, wie wir sie sehen. Forscher, die verschiedene Kulturen studieren und vergleichen, sagen uns, dass jede Kultur zwei Schichten hat; eine oberflächliche und eine tiefe Schicht. Die oberflächliche Schicht ist eine Beschreibung, wie wir uns verhalten, und die tiefe Schicht ist das Muster von Werten, inneren Einstellungen und Überzeugungen bzw. Glauben, die bei uns zu diesem Verhalten führen. Wenn du diese beiden Schichten verstehst, wird dir das sehr viel helfen, deine eigene Kultur zu verstehen, die Kultur deines Freundes / deiner Freundin und warum er oder sie manchmal etwas Seltsames sagt oder emotional auf eine „komische“ Art reagiert oder etwas tut, das dich überrascht oder sogar verletzt. Wenn du ernsthaft auf eine interkulturelle Ehe hinarbeiten möchtest, wird das, was jetzt folgt, euch beiden helfen, die Bereiche herauszufinden, über die ihr euch aussprechen, euch anpassen oder euch einfach entscheiden müsst, gewisse Unterschiedlichkeiten zu akzeptieren.

Oberflächliche Schicht

Die Oberfläche einer Kultur ist das, was sie für den populären Tourismus interessant macht. Um eine Kultur auf dieser Ebene kennenzulernen und zu verstehen, musst du deine Aufmerksamkeit auf drei Elemente richten:

  • Zuerst einmal ihre Sitten und Gebräuche, wie sie sich anziehen, ihre Folklore, was sie essen, wie sie sprechen und so weiter.
  • Dann ihre Vorstellungen, über welche Themen sie reden, ihre gemeinsame Geschichte, beliebte Sportteams, bekannte Fernsehprogramme …
  • Und drittens ihre Produkte, das ist ihre Wohnkultur, die Transportmittel, was sie produzieren und wie sie Dinge gebrauchen.

Besucher können sich sehr leicht nur aufgrund dieser Besonderheiten aus der oberflächlichen Schicht in eine Kultur „verlieben“. Aber wenn du planst, in dieser neuen Kultur zu leben, oder darüber nachdenkst, jemanden aus dieser Kultur zu heiraten, wird es weise sein, sich die Kultur näher anzusehen. Erst nachdem du für einige Monate mit einer Kultur in Kontakt warst, vielleicht sogar zwei, drei Jahre oder noch länger, fängst du an zu begreifen, dass du und sie auf einer viel tieferen Schicht unterschiedlich sind.

Tiefe Schicht

Kulturforscher sagen uns, dass diese tiefe Schicht einer Kultur auch aus drei Elementen besteht:

  • Zuerst ihre Glaubensüberzeugungen; was sie als wahr und falsch ansehen; ihre Sicht von der Wirklichkeit; was es gibt oder nicht gibt. Zum Beispiel glauben Menschen aus manchen Kulturen an die Existenz von Vitaminen, obwohl sie nie welche gesehen haben. Mit der gleichen tiefen Überzeugung glauben Menschen aus anderen Kulturen an Dämonen oder an die geistige Gegenwart ihrer Vorfahren in ihren Häusern.
  • Zweitens ihre Gefühle, was sie als hübsch oder hässlich, als bescheiden oder aufdringlich, als erwünscht oder unerwünscht ansehen. Wie sie ihre Gefühle ausdrücken, wie Freude und Traurigkeit, Annahme und Ablehnung, Liebe und Hass, Verachtung, Trauer und so weiter. Gefühle sind ein sehr wichtiger Teil einer Kultur. Du kannst andere tief verletzen oder dich selbst verletzt fühlen, wenn du nicht verstehst, wie Gefühle in einer bestimmten Kultur ausgedrückt oder wahrgenommen werden.
  • Und schließlich ihre Werte, nach denen sie die Erfahrungen des Lebens beurteilen, ihre Vorstellung von Anständigkeit, ihr Verhältnis zu Autoritäten, ihre Arbeitsethik, ihre Familienwerte, ihr Konzept von Gerechtigkeit, was sie als richtig oder falsch, besser oder schlechter, gut und böse ansehen. In manchen Teilen von Indien wird zum Beispiel ein Zornausbruch als ein schlimmeres Vergehen angesehen als sexuelle Unmoral. In manchen afrikanischen Kulturen wird es nicht als Diebstahl eingeordnet, wenn du einer anderen Person etwas wegnimmst, was du brauchst. Auch Lügen wird ganz unterschiedlich eingestuft. In manchen europäischen Kulturen ist es ein ernsthaftes soziales Fehlverhalten, wenn man zu spät zu einer Verabredung kommt oder jemanden zu Hause besucht, ohne eingeladen zu sein.

Um eine unterschiedliche Kultur kennenzulernen und besser zu verstehen, musst du deine Ohren und Augen weit offen halten, um zu sehen, wie sie miteinander umgehen, und dann freundliche Fragen stellen, die sich auf ihre Glaubensvorstellungen, Gefühle und Werte richten. Wenn du einmal angefangen hast, eine Kultur in dieser tieferen Schicht zu verstehen, wirst du auch anfangen zu verstehen, warum dein Freund / deine Freundin bestimmte Entscheidungen trifft, warum sie sich so verletzt oder verlegen fühlt, warum er so wütend aussieht und deine Gegenwart meidet. Leute aus anderen Kulturen sind nicht „komisch drauf“, sie sind nur darauf programmiert, nach einer anderen kulturellen Software zu laufen als du. Unsere kulturelle Software kann nicht einfach ausgetauscht werden. Manches davon wird sich nie verändern. Deshalb nimm bitte den kulturellen Hintergrund deines Freundes / deiner Freundin ernst.

Kultur und Erwartungen

Wenn es um Beziehungen zwischen Mann und Frau, um romantische Liebe und Ehe geht, hat jede Kultur ein tief verwurzeltes Muster von Abläufen und Erwartungen. Es ist weise, wenn du dich danach erkundigst. Jede Kultur kennt ein „angemessenes“ Verhalten für Männer und Frauen vor und nach der Hochzeit. Was als für einen Mann oder eine Frau, die Christen sind, als passende Bekleidung angesehen wird, kann sich in verschiedenen Kulturen erheblich unterscheiden. Welche Erwartungen spielen zum Beispiel in einer interkulturellen Beziehung eine Rolle?

Die Erwartungen der Familie des Freundes / der Freundin

Wenn du deinen Freund / deine Freundin aus einer anderen Kultur heiraten möchtest, werden seine oder ihre Eltern und die erweiterte Familie etwas von dir erwarten – etwas, was jeder in ihrer Kultur als „normal“ ansieht. Du bist klug, wenn du das herausfindest, bevor du dich auf eine romantische Beziehung einlässt. In manchen Kulturen heiratest du zum Beispiel nicht nur ein Mädchen, sondern du heiratest in ihre gesamte erweiterte Familie hinein. Danach werden sie ganz selbstverständlich und ernsthaft erwarten, dass du jeden von ihnen, der arm ist, finanziell und materiell unterstützt. Sie könnten die Erwartung haben, dass sie über einen längeren Zeitraum bei euch zu Besuch sein dürfen. Das ist nicht gut oder schlecht, sondern in ihrer Kultur einfach eine normale Sache. Du musst dir darüber im Klaren sein. Und es muss dir gefallen, dich in diesem Punkt anzupassen und damit zu leben. In manchen Kulturen ist es sehr beleidigend, wenn die Frau einen besser bezahlten Job hat als ihr Mann. In anderen Kulturen sind die Männer für das Reden zuständig und die Frauen für die Arbeit. In manchen Kulturen ist es normal, dass die Großeltern die Kinder aufziehen, während die Eltern beide arbeiten gehen und für die Großfamilie sorgen. Frag nach. Lies etwas darüber. Beobachte gut.

Die Erwartungen deines Freundes / deiner Freundin

Was erwartet er oder sie, außer der gegenseitigen Zuneigung und den schönen Stunden zusammen, noch von dir? Es ist wichtig, darüber zu sprechen. In manchen Kulturen ist die männliche Dominanz die Norm. Sogar Christen in solchen Kulturen werden die Bibel zitieren, um eine solche Überlegenheit zu unterstützen. Das ist für Menschen, die aus Wir-Kulturen kommen, ein sehr heikles Thema. Was versteht er oder sie und die erweiterte Familie unter „Unterordnung“? Wie wird die von dir erwartete Rolle als Ehemann oder Ehefrau aussehen, wenn du heiratest? Welche „Freiheiten“ musst du nach seinen Erwartungen aufgeben? Erwartet sie, dass sie ihre Mutter und ihre Schwester mitbringen kann, damit sie auf Dauer bei euch wohnen? Erwartet dein Freund von dir, dass du seine Sprache lernst? Erwartet sie, dass du schließlich umziehst und in ihrem Heimatland lebst?

Deine eigenen Erwartungen

Erwartest du unbewusst, dass dein Freund / deine Freundin sich verändert, dass er oder sie die eigene Kultur aufgibt und sich an deine anpasst? Bist du gewillt, ihn zu akzeptieren, so wie er ist, und dich an seine Kultur anzupassen? Bist du darauf vorbereitet, dich zu ändern? Beinhaltet die Kultur deines Freundes / deiner Freundin einige Elemente, die du einfach nicht akzeptieren kannst? Diese tief verwurzelten, „natürlichen“ kulturellen Erwartungen verändern sich nicht automatisch dadurch, dass jemand Christ geworden ist. Diese Unterschiede müsst ihr herausfinden, anerkennen und darüber sprechen. Wenn du nicht gewillt bist, die notwendigen einschneidenden persönlichen Anpassungen vorzunehmen, dann ist es wohl das Beste, eine interkulturelle romantische Beziehung zu vermeiden. Du wirst sonst nur dich selbst und den/die andere/n frustrieren und verletzen.

Kultur und Kommunikation

In allen unseren Beziehungen kommunizieren wir nicht nur mit Worten, sondern auch mit Gesten, Gesichtsausdrücken und Verhaltensweisen. Kulturelle Unterschiede können diesen Kommunikationsprozess bereichern, aber sie können ihn auch schwieriger machen. Mach dir diese möglichen Unterschiede bewusst. Wenn du sagst: „Sollen wir Freunde werden?“, meinst du etwas Bestimmtes, aber die Person aus einer anderen Kultur kann vielleicht etwas ganz anderes darunter verstehen. In manchen Kulturen gilt es als höflich, wenn man beim Sprechen einer anderen Person in die Augen sieht. In anderen Kulturen kann der Augenkontakt zu einer Person des anderen Geschlechts als sexuelle Annäherung verstanden werden. Wenn man das tut, sendet man eine bestimmte Botschaft aus. In manchen Kulturen ist es völlig normal, sich an den Händen zu halten oder kurz zu umarmen, in anderen Kulturen kann das eine Botschaft vermitteln, die du gar nicht beabsichtigt hast. Was bei dir einfach eine Möglichkeit, eine Vorstellung, ein Wunsch oder Verlangen ist, kann als deine feste Absicht oder sogar als ein Versprechen verstanden werden. Deshalb sei vorsichtig in deinen Kommunikationsformen. Spiegele deinem Gegenüber zurück, was du meinst verstanden zu haben. Nimm dir Zeit und streng dich wirklich an, zu verstehen und verstanden zu werden. Missverständnisse können sehr schmerzhaft sein.

Gefühle können am besten in deiner Muttersprache ausgedrückt werden. Gefühle wie Spaß und Lachen während der Zeit eures Kennenlernens mitzuteilen ist etwas völlig anderes, als deine Gefühle auszusprechen, wenn du dich allein, wütend, frustriert, zurückgewiesen oder krank fühlst oder wenn du Schmerzen hast. Unterschätze nicht die Barriere, die durch die Sprachunterschiede entsteht, besonders in solchen Zeiten von Stress und Schwierigkeiten. Es gibt in verschiedenen Kulturen, und sogar schon in verschiedenen Familien, große Unterschiede, wie und wann wir unsere Gefühle mitteilen, aber dieses Mitteilen ist wichtig für einen gesunden Bindungsprozess.

Interkulturelle Beziehungen: die Gefahren

Romantische interkulturelle Beziehungen haben ihre eigenen Freuden, bringen aber auch eine Reihe von Gefahren mit sich. Hier folgt eine Liste von einigen solcher Gefahren, nicht um negativ zu sein oder dir Angst zu machen, sondern um dir Mut zu machen, langsam und mit weit offenen Augen vorwärtszugehen. Manche Leute fühlen sich vielleicht nicht deswegen zu dir hingezogen, weil du bist, wie du bist, sondern weil du für sie eine bestimmte Bedeutung hast: Du kannst ihnen helfen, einer schwierigen Situation zu Hause zu entkommen, wenn sie sich an dich hängen. Vielleicht sehen sie in dir die Lösung für ihre finanziellen Probleme. Andere könnten eine Hochzeit mit dir als eine Möglichkeit sehen, einen bestimmten sozialen Status zu erreichen oder eine Aufenthaltserlaubnis in deinem Land zu bekommen. Natürlich werden viele nicht so denken, aber du machst es richtig, wenn du diese Möglichkeiten im Hinterkopf behältst, besonders im frühen Stadium einer Beziehung und auch dann, wenn du die Person in einem gemeindlichen Umfeld getroffen hast.

Du hast vielleicht schon festgestellt, dass manche Leute in deinem Bekanntenkreis keinerlei Einfühlungsvermögen oder sehr geringe soziale Fähigkeiten haben. Sie sind sozial „komisch“. Natürlich kannst du dich entscheiden, so eine Person zu heiraten. Aber du solltest solch eine Entscheidung treffen, indem du dir die sozialen Begrenzungen dieser Person bewusst machst. Eine mögliche zusätzliche Schwierigkeit bei interkulturellen Beziehungen ist, dass es nicht so einfach ist, sozial „seltsame“ Leute aus einer anderen Kultur zu identifizieren. Da kannst denken, dass die „Eigenartigkeit“, die du beobachtest, durch die Kultur dieser Person bedingt ist und nichts mit der Person selbst zu tun hat. Du brauchst Zeit und die Hilfe von Menschen aus dieser anderen Kultur, um den Unterschied zu erkennen.

Du hast vielleicht schon bemerkt, dass sich Unterschiede oft anziehen. Laute, extrovertierte Leute fühlen sich oft zu ruhigen, friedlichen Introvertierten hingezogen – und umgekehrt. Das kann auch bei der anfänglichen Attraktivität von Menschen aus verschiedenen Kulturen eine wichtige Rolle spielen. Eine Person aus einer anderen Kultur kann auf dich allein durch die bestehenden großen Unterschiede attraktiv wirken. Aber mit der Zeit können manche von diesen Unterschieden ein Anlass zu ernsthaften Spannungen werden. Eine gesunde Beziehung auf lange Zeit wird durch Unterschiede bereichert, aber sie braucht unbedingt eine ausreichend breite gemeinsame Basis.

Interkulturelle Beziehungen: Scheidungsraten

Die unterschiedlichen Gebräuche und Erwartungen, die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit in ihre Ehe hineinbringen, erhöhen ihr Risiko für eine Scheidung, verglichen mit Ehepaaren, die innerhalb ihrer eigenen Kultur geheiratet haben. Das ist eine statistische Tatsache. Zum Beispiel haben neue Studien in Amerika gezeigt, dass Ehen zwischen weißen Frauen und farbigen Männern, verglichen mit weißen Ehepaaren, ein doppelt so hohes Risiko haben, bis zum zehnten Ehejahr in einer Scheidung zu enden. Ähnlich sieht es bei Ehen zwischen asiatischen Männern und weißen Frauen aus, die Wahrscheinlichkeit für eine Scheidung liegt um 59 Prozent höher. Weitere interessante Statistiken aus aktuellen Studien zu gemischtrassigen Ehen und Scheidungsraten in Amerika sind frei zugänglich – zum Beispiel auf Wikipedia. Viele diese Studien beziehen sich nur auf Amerika, wo beide Ehepartner gut Englisch sprechen und eine gemeinsame amerikanische Geschichte haben. Aber interkulturelle Ehen tragen viel größere Unterschiede in sich. Statistisch gesehen haben interkulturelle Ehen daher eine noch höhere Wahrscheinlichkeit, mit einer Scheidung zu enden.

Ein erfahrener Leiter eines internationalen christlichen Missionswerks schrieb mir einen Kommentar zum Manuskript dieses Artikels und bemerkte dazu: „Die Anzahl der Ehen zwischen Westeuropäern und Afrikanern, Arabern und durchaus auch mit Latinos, die in einer Scheidung enden, ist alarmierend. In meiner Erfahrung scheitern die meisten dieser Ehen. Diese schmerzhafte Tatsache solltest du deinen Lesern nicht verschweigen.“ Du hast also jetzt diese Warnung gelesen. Vielleicht denkst du, dass das eine extreme Ansicht ist. Du kannst denken, dass du die große Ausnahme bist. Vielleicht. Es ist dein Leben. Aber bitte nimm eine interkulturelle Beziehung nicht auf die leichte Schulter. Nimm dir viel Zeit. Und höre aufmerksam auf den guten Rat von Leuten, die dich gut kennen und dich lieben.

Interkulturelle Beziehungen: die Freuden

Meine Frau ist Holländerin. Ich bin eine Doppelkultur-Person, denn ich habe die Hälfte meines Lebens in Südamerika verbracht, die andere in Europa. Meine Frau und ich haben gelernt, die Vielfalt zu genießen, die verschiedene Kulturen mit sich bringen. Wir stellen fest, dass unsere vier Kinder es auch genießen, ihre Zeit mit Menschen aus verschiedenen Kulturen zu verbringen. In interkulturellen Beziehungen können wir uns das Beste aus zwei oder mehr Kulturen aussuchen und für uns auswählen.

Jede Kultur muss mit christlichen Werten „gesalzen“ werden. Unsere eigene kulturelle Weise, gewisse Dinge zu tun, wird allzu leicht als die christliche Art, Dinge zu tun, missverstanden. In einer gesunden christlichen interkulturellen Beziehung kann jeder der Partner dem anderen dabei helfen, seine eigenen kulturellen Defekte zu sehen (sogar unmoralische und sündhafte Tendenzen), und die beiden können zusammen Wege ausarbeiten, wie sie Salz und Licht für Jesus in diesen Kulturen sein können.

Eine Person kann seine oder ihre kulturellen Ausdrucksformen in der oberflächlichen Schicht ändern und sich anpassen, um ihr Leben in einer anderen Kultur zu verbringen. Aber kulturelle Veränderungen in der tiefen Schicht, also Veränderungen in Glaubensvorstellungen, Gefühlen und Werten erfolgen nur langsam und schwierig. Auch wenn da ein starker Wunsch besteht, sich zu verändern, werden doch manche kulturellen Charakterzüge der tiefen Schicht in einer Person so bleiben, bis sie stirbt. Du solltest nicht in eine Ehe hineingehen in der Hoffnung, die andere Person verändern zu können. Wenn du die Besonderheiten der tiefen Schicht seiner oder ihrer Kultur kennst, bist du gewillt, dich zu ändern, sie zu akzeptieren und dich anzupassen?

Nach fast dreißig Jahren Ehe stellen wir fest, dass wir eine gewisse Mischung unserer ursprünglichen Kulturen entwickelt haben. In manchen Dingen bin ich immer noch ziemlich britisch. In anderen Bereichen bin ich ganz Kolumbianer. Und meine Frau kann manchmal sehr holländisch sein. Unbeabsichtigt haben wir als Familie unsere eigene Minikultur entwickelt, und wir genießen sie. Ich beobachte, dass andere interkulturelle Familien dasselbe tun. Interkulturelle Ehen können viel Freude, Abenteuer und Abwechslung mit sich bringen. Aber sie erfordern eine gute Kommunikation, mehr Gnade und den ernsthaften Willen, sich anpassen zu wollen.

Pause zum Nachdenken

Wie gut kenne ich die Kultur der Person, von der ich mich angezogen fühle? Was kann ich tun, um die tiefe Schicht seiner oder ihrer Kultur besser zu verstehen? Erwarte ich, dass die andere Person meine Kultur übernimmt? Bin ich offen dafür, Rat von anderen anzunehmen, die diese andere Kultur kennen? Hat die Kultur meines Freundes / meiner Freundin einige kulturelle Eigenheiten, die ich einfach nicht akzeptieren kann oder will? Bin ich bereit, wenn nötig, eine andere Sprache zu lernen, in seinem oder ihrem Herkunftsland zu leben und mich an das Leben in seiner oder ihrer Kultur anzupassen? Drängt der Heilige Geist mich dazu, als Reaktion auf das Thema, das in diesem Kapitel besprochen wurde, etwas zu unternehmen?


Originaltitel: „Intercultural Romantic Relationships“
Quelle: www.philippnunn.com

Übersetzung: Frank Schönbach

Letzte Aktualisierung: 07.10.2017


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...