Hat Christus die Sünden der Welt getragen?
Johannes 1,29; 1. Johannes 2,2

Charles Henry Mackintosh

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Leitverse: Johannes 1,29; 1. Johannes 2,2

Joh 1,29: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!

1Joh 2,2: Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

Die Schrift lehrt nirgendwo, dass Christus die Sünden der Welt getragen habe. Hätte Er es getan, so würde kein Mensch jemals verlorengehen können. Es ist völlig unmöglich, dass Christus die Sünden aller getragen haben könnte und dass trotzdem ein Einziger nicht errettet werden würde. Wir lesen deshalb auch in Johannes 1,29 nicht: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünden [Plural] der Welt wegnimmt!“, sondern: „Siehe das Lamm Gottes, das die Sünde [Singular] der Welt wegnimmt!“ Ebenso heißt es in 1. Johannes 2,2 nicht: „Und er ist die Sühnung für unsere Sünden [d.h. für die Sünden aller Glaubenden], nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die Sünden der ganzen Welt“, sondern einfach: „sondern auch für die ganze Welt“. [Anm. d. Red.: So der Wortlaut der Elberfelder Übersetzung (Edition CSV Hückeswagen). Die meisten anderen Übersetzungen übersetzen falsch: „für die Sünden der ganzen Welt“.] Wäre Christus die Sühnung für die Sünden der ganzen Welt, so müsste jedermann errettet werden, unbeachtet der Ratschlüsse Gottes und des Werkes des Heiligen Geistes, der in dem Menschen Buße und Glauben hervorruft.

Wir haben kein Recht, jedem unbekehrten Menschen, der uns auf der Straße begegnen mag, zu sagen, dass Christus seine Sünden auf dem Fluchholz getragen habe. Wir können ihm sagen, dass Er die Sünde hinweggetan hat durch das Schlachtopfer seiner selbst (Heb 10,12); dass der Vorhang zerrissen (Mt 27,51; Mk 15,38; Lk 23,45; vgl. Heb 10,20) und dass Gott durch den Versöhnungstod Christi vollkommen verherrlicht ist im Blick auf die Sünde (Joh 17,1.4). Wir können ihm ferner die frohe Botschaft bringen, dass die Gnade Gottes erschienen ist, „heilbringend für alle Menschen“ (Tit 2,11); dass jeder, der da will, das Wasser des Lebens umsonst nehmen darf (Off 22,17); dass keiner ausgeschlossen ist, sondern dass Gott die Welt so geliebt hat, „dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe“ (Joh 3,16).

Alles das können wir jedem Menschen mit aller Freimütigkeit und Gewissheit sagen. Aber erst dann, wenn ein Mensch durch die Macht des Heiligen Geistes dahin wirklich geleitet wird, sich unter das Zeugnis Gottes zu beugen, wenn er seinen verlorenen Zustand erkennt und mit Aufrichtigkeit Buße tut – erst dann dürfen wir ihm weiter sagen, dass Christus seine Sünden auf dem Kreuz getragen hat. Ja, wir dürfen dann noch mehr tun: Wir dürfen ihn belehren, dass unser Herr und Heiland nicht nur die Frage seiner Sünden auf Golgatha in Ordnung gebracht hat, sondern dass auch sein sündiger Zustand auf dem Kreuz zu seinem Ende gekommen ist. Wir dürfen ihn aufmerksam machen auf das, was der Heilige Geist uns lehrt: Der Gläubige ist mit Christus gestorben, und die Herrschaft der Sünde und ihre Macht für den Gläubigen ist hinweggetan.

Doch was bedeuten dann die Worte in Johannes 1,29: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“? – Um die volle Kraft und Tragweite dieser ermunternden Worte verstehen zu können, müssen wir vorwärtsblicken auf jene herrliche Zeit, wenn jede Spur der Sünde aus der Schöpfung Gottes ausgetilgt sein wird. Was die gegenwärtige Anwendung der Stelle betrifft: Wir freuen uns darüber, dass Christus durch sein Opfer die gerechte Grundlage gelegt hat, auf der Gott in Gnade und Güte, in Erbarmen und geduldiger Langmut gegen die Welt als Ganzes sowie gegen jeden Einzelnen handeln kann, der jemals auf dem Erdboden gelebt hat und bis zu dem Ende der Zeiten leben wird.

Durch das vollbrachte Werk auf Golgatha kann der gerechte und heilige Gott seine Liebe und Geduld dem größten Sünder gegenüber offenbaren. Im Blick auf das Kreuz lässt Gott seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Infolge des Kreuzes vermag der Ungläubige und Gottesleugner zu leben und selbst für eine Zeitlang ungestraft den zu lästern, der ihm Leben und Odem und alles gibt. Und schließlich kann aufgrund des Versöhnungswerkes des Christus das Evangelium der ganzen Welt gebracht und aller Schöpfung, die unter dem Himmel ist, verkündigt werden.

Nichts könnte genauer und gleichzeitig umfassender sein als das Zeugnis der Heiligen Schrift über diese wichtige Frage. Wir finden immer wieder, dass die Schrift überall genau unterscheidet zwischen „Sünde“ und „Sünden“. Sooft der Ausdruck „Sünden“ gebraucht wird, steht er stets mit dem Volk Gottes in Verbindung. Ich führe hier nur einige Stellen an:

  • „So wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler [nicht: aller] Sünden zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Errettung“ (Heb 9,28).
  • „Der selbst unsere Sünden [d.h. die Sünden der Seinen, aller Gläubigen] an seinem Leib auf dem Holz getragen hat“ (1Pet 2,249.
  • „Denn dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). 
  • „Denn ich habe euch zuerst überliefert, was ich auch empfangen habe: dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften“ (1Kor 15,3).
  • „Der sich selbst für unsere Sünden gegeben hat, damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt“ (Gal 1,4). 

Das Wort Gottes zeugt mit aller Entschiedenheit gegen die falsche Lehre von einer allgemeinen Versöhnung, während sie zugleich so klar wie möglich die Wahrheit einer allgemeinen Erkaufung, wenn wir so sagen dürfen, lehrt. Unser Herr Jesus Christus hat ein erkauftes Recht auf das ganze Weltall und auf alle Menschen auf dem Erdboden. Deshalb lesen wir auch in 2. Petrus 2,1 von „falschen Lehrern“, „die Verderben bringende Sekten nebeneinführen werden und den Gebieter verleugnen, der sie erkauft hat“. Der Apostel sagt nicht: „der sie erlöst hat“. Der Mensch Christus Jesus hat durch seinen Gehorsam bis in den Tod des Kreuzes und durch die Vollbringung des Werkes, das der Vater Ihm aufgetragen hat, alles erkauft. Er erlöst aber nach den Ratschlüssen Gottes. „So wie du ihm Gewalt gegeben hast über alles Fleisch, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe“ (Joh 17,2).


Aus Answers to Correspondents, Bd. 16, S. 278, 1873
auf Deutsch veröffentlicht in Botschafter des Heils in Christo, Jg. 32, 1884, S. 219-222
Der Artikel wurde von SoundWords sprachlich leicht bearbeitet.

Letzte Aktualisierung: 20.07.2017

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