Gottes Souveränität bei der Erlösung des Menschen (7)
Gottes Souveränität in den Petrusbriefen: Erwählung und Vorkenntnis

Roy A. Huebner

© SoundWords, online seit: 12.08.2014

Auserwählt nach Vorkenntnis Gottes des Vaters

Sowohl die Briefe des Petrus als auch der Hebräerbrief betrachten die Heiligen als Pilger und Fremdlinge in dieser Welt. Diese Bücher entsprechen dem Vorbild der Reise Israels durch die Wüste. Gottes Souveränität ist eine Ermutigung für die Seinen, die sich nun auf der Reise in wüstenartigen Verhältnissen befinden. Daher geht es im ersten Petrusbrief um Gottes Herrschaft zur Unterstützung der Seinen und im zweiten Petrusbrief um seine Herrschaft über die Welt und das Böse. Der erste Petrusbrief beginnt mit einer Wahrheit, die für die Pilger und Fremdlinge in dieser Welt höchst kostbar ist:

1Pet 1,2: … auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi.

Dieser Brief ist an diejenigen gerichtet, die in der jüdischen Zerstreuung (in der Diaspora) wohnen, also an die, von denen in Römer 11,5 die Rede ist: „So besteht nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade.“

Abgesehen von dieser Tatsache gibt es auch „den Israel Gottes“ (Gal 6,16). Das soll nicht heißen, dass 1. Petrus 1,2 nicht auf die Gläubigen aus den Nationen anwendbar wäre. Überdies gilt: Während ein Auserwählter nicht Teil eines Überrestes sein muss, geschieht die Auserwählung selbst immer aus Gnade. Wenn wir den Text untersuchen, können wir 1. Petrus 1,2 als drei Teile betrachten, die ein Ganzes bilden.

Erwählt nach Vorkenntnis Gottes des Vaters

Später werden wir uns 1. Petrus 1,20 ansehen, wo das Wort „zuvor erkannt“ [bzw. im Voraus erkannt bzw. zuvor ausersehen; foreknown] verwendet wird. Was dort gesagt wird, hat Auswirkungen auf die Verwendung und die Bedeutung des hier verwendeten Wortes „Vorkenntnis“ [foreknowledge], wie es auch Römer 8,29.30 hat. Petrus benutzt dieses Wort auch in Apostelgeschichte 2,23 und Paulus in Römer 8,29 und Römer 11,2.

Hier geht es nicht um die nationale Erwählung Israels wie in Römer 11,2. Die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar (Röm 11,29), das heißt, sie sind unveränderlich und sicher, und die früheren Verheißungen werden an dem neuen Israel unter dem neuen Bund erfüllt werden, wenn der Messias vor seinen Ältesten in Herrlichkeit regiert (Jes 24,23). Hier in 1. Petrus 1,2 geht es nicht um die Erwählung des Volkes durch Jahwe zu einem irdischen Volk für sich. Hier haben wir die individuelle Erwählung. Selbstverständlich ist sie individuell, denn so etwas wie eine „korporative (gemeinschaftliche) Erwählung“ der Gemeinde gibt es nicht. Die nationale Erwählung Israels ist leicht aufzuzeigen (s. Röm 11,2; Amos 3,2), aber „Erwählung“ wird im Wort Gottes nicht auf die Gemeinde als solche bezogen. Jemand hat bemerkt:

Es wäre nicht korrekt, von der Gemeinde als „auserwählt“ zu sprechen, wenngleich dies auf alle Glieder zutrifft, die die Gemeinde bilden. Hier scheitern einige beim Erfassen von Gottes Gedanken. Sie sähen gern die Gemeinde als Ganzes auserwählt, wobei die Erwählung in Bezug auf einzelne Gläubige eine offene Frage bleibt, da ihrem Urteil nach nämlich die einzelnen Gläubigen schließlich doch noch verstoßen [236] werden können. Aber die Schrift ist klar und bestimmt. Auserwählung ist eine göttliche Wahrheit, sie betrifft jedoch einzelne Gläubige und nicht die Gemeinde als solche. [237]

Diese hebräischen Gläubigen waren diejenigen, die „zuvor auf den Christus gehofft“ hatten, wie wir anhand von Epheser 1,12 gesehen haben, das heißt vor der Herrschaft des Messias im Tausendjährigen Reich. Aber wir Gläubige aus den Nationen haben teil an dem Segen aus 1. Petrus 1,2.

Der erste Petrusbrief sieht die Gläubigen, bildlich gesprochen, in der Wüste; daher werden sie als Fremdlinge und Pilger angesprochen, als solche, die ohne Bürgerrecht sind (1Pet 2,11); und deshalb finden wir in diesem Brief noch andere Merkmale, die uns den Christen in der Wüste zeigen. Sie haben nicht den nationalen Segen erhalten, sondern sind stattdessen in etwas Höheres hineingeführt worden und werden sofort in die segensreiche Wahrheit von Vers 2 hineingeführt. In Epheser 1 wird uns die Herrlichkeit Gottes wiederholt vor Augen geführt im Zusammenhang mit unserer Stellung vor Ihm (dass nämlich Christi Stellung unsere Stellung ist) und im Hinblick auf Christus und auf das Erbe. Im ersten Petrusbrief ist die Erwählung ein großer Trost für die Pilgerreise. Der Vater hat jeden Einzelnen gemäß seiner Vorkenntnis erwählt – jener besonderen und unterscheidenden Vorkenntnis, die wir betrachtet haben, als wir Römer 8,29.30 untersucht haben. Er hat durch den Geist gewirkt, um den Verlorenen zu einer Stellung vor Ihm zu bringen, die durch zwei Eigenschaften von Christi eigenem Weg hier auf Erden gekennzeichnet ist: nämlich durch den Gehorsam Christi und durch die Besprengung mit dem Blut Christi.

Im Hinblick auf diejenigen, die Petrus anspricht, beachte man besonders: Dies ist nicht Gesetzesgehorsam und es ist auch nicht das Blut der jüdischen Opfer. Es scheint, dass die Formulierung „Blutbesprengung“ die alttestamentliche Besprengung mit Blut im Blick hat, das heißt aber nicht, dass Christi Blut buchstäblich versprengt wurde. Petrus spricht hier von dem Wert des Blutes Christi und von der Stellung des Gläubigen vor dem Vater dank dem Wert dieses Blutes.

Durch Heiligung [238] des Geistes

Die Empfänger des Petrusbriefes wurden nicht durch Verordnungen [ordinances] geheiligt. Kurz gesagt: Diese Absonderung des Gläubigen für Gott [setting the believer apart to God] (Heiligung) durch (evn) den Geist, das heißt kraft des Geistes, ist stellungsmäßige Heiligung [239], und sie hat ein Ziel (das weiter unten aufgezeigt werden soll). Stellungsmäßige Heiligung ist das Abgesondertsein für Gott [being set apart from God], von der auch in anderen Schriftstellen die Rede ist (in Heb 10,10.14 z.B. [240]). In diese Stellung sind wir alle gebracht, auch wenn einige Schriftstellen (1Thes 5,23; Heb 12,14) von der fortschreitenden Heiligung im Leben des Gläubigen sprechen. Dieses nicht fortschreitende, stellungsmäßige Abgesondertsein für Gott gilt von dem Augenblick der Wiedergeburt an, wie auch immer die darauf folgenden Wege Gottes mit der Seele aussehen mögen.

Zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi

„Zum“ (eivj) deutet darauf hin, dass das Ziel „Gehorsam … Jesu Christi“ ist. Man beachte, dass die Reihenfolge in 1. Petrus 1,2 das Umgekehrte von dem feststellt, was die Verfechter des moralisch freien Willens Gott gegenüber behaupten. Nach deren Ansicht wird ein Mensch erwählt aufgrund seines freiwilligen [free-willed] Gehorsams dem Evangelium gegenüber. Gott habe in seiner Vorkenntnis gesehen, dass er dem Evangelium gehorchen würde, und ihn deshalb erwählt. Aber das ist die umgekehrte Reihenfolge von dem, was unser Vers hier zu diesem Thema ausdrücklich feststellt. Gehorsam ist das Ergebnis, nicht die Ursache der Erwählung und Vorkenntnis. Lesen wir es noch einmal: „auserwählt … zum Gehorsam … Jesu Christi“. Das ist das Gegenteil von „erwählt … aufgrund des Gehorsams“ des Sünders, wie manche sagen.

Der Gehorsam, um den es hier geht, ist von einer bestimmten Wesensart, und zwar von der Wesensart des Gehorsams Christi, um die es auch in dem weiter unten folgenden Zitat geht. Gott hat uns geheiligt zu einem Gehorsam von derselben Art wie der, den Christus hier auf Erden aufwies.

Auch stehen wir unter dem Wert des Blut. Diese beiden Dinge (Christi Gehorsam und Christi Blut) stehen im Gegensatz zu 2. Mose 24. Dort gab wo es in Wirklichkeit für den Gehorsam dem Gesetz gegenüber nur ein äußerliches Abgesondertsein für Jahwe, wobei das Blut den Tod symbolisierte.

Die Blutbesprengung in 1. Petrus 1,2 wird in Bezug auf die Erlösung verwendet. Es gibt niemals eine erneute Besprengung mit dem Blut. Es gibt die Besprengung mit dem Blut des Bundes (die Besiegelung des Bundes), der Leprakranke wurde besprengt und der Priester; aber es gibt keine Wiederbesprengung. Wenn in 4. Mose 19 ein Mann entsündigt [restored] werden musste, wurde die Asche des Sündopfers in fließendes Wasser gestreut, und dann wurde er mit diesem Wasser besprengt. Der Geist Gottes rief in Erinnerung, was das Blut vor langer Zeit getan hatte, indem es die Sünde wegnahm. Als Grundlage der Gemeinschaft war das Blut stets da vor Gott, siebenmal gesprengt. Die Asche wurde gebracht, um zu sagen: „Die Sünde wurde vor langer Zeit beseitigt – wie kamst du dazu, dich zu beschmutzen und zu vergessen, dass du gereinigt worden bist?“ Das dritte Buch Mose ist das Buch der Opfer, aber wir haben diese Stelle im vierten Buch Mose, da sie für unsere Wege und unseren Wandel gilt.

In „Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung“ werden wir geheiligt zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Christi. Christi Gehorsam ist nicht das, was gern unter Gehorsam verstehen, sondern ist in seiner Natur völlig verschieden vom Gesetzesgehorsam; denn das Gesetz Gottes trifft auf meinen Willen und sagt: „Du darfst dies oder das nicht tun“; aber Christus sagt: „Siehe, ich komme …, um deinen Willen, o Gott, zu tun“ [Heb 10,7]. Und der Beweggrund für Christi Gehorsam war der Wille des Vaters. Nehmen wir einmal an, mein Kind will unbedingt hinauslaufen und die Richter hereinkommen sehen, und ich sage zu ihm: „Setz dich hin und mach deine Hausaufgaben“, und es tut das freudig; das ist alles schön und gut, aber auf diese Weise gehorchte Christus nie. Er hatte keinen eigenen Willen, der zuerst hätte gebremst werden müssen. Ich habe einen Willen, und gehorsam sein bedeutet aufhören, wenn er gebremst wird. Der scheinbar einzige Fall von etwas dergleichen in Christus war, als Er zornig wurde, und Zorn an sich konnte Er nicht wollen; doch Er fügt hinzu: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Aus uns selbst heraus sollten wir niemals etwas tun, außer wenn es Gottes erklärter Wille ist. In unserem Vers steht zuerst das Ziel und als Nächstes die Besprengung mit dem Blut. [241]

Siehe auch die Anmerkungen zu „zuvor erkannt“ in der Besprechung von Römer 8,29. Dort sahen wir, dass das Zuvorerkennen – da es ein Vorher-Erkennen von Personen ist – selektiv und unterscheidend ist und dass es sich nicht um die allgemeine Vorkenntnis [prescience] oder Allwissenheit Gottes handelt. Ebenso geht es bei diesem Zuvorerkennen [foreknowledge] nicht um das Verhalten, sondern um Menschen, und zwar um solche, die Er als in Christus zuvor erkannt hat.

Christus, zuvorerkannt, vor Grundlegung der Welt

1Pet 1,19.20: 19 … mit dem kostbaren Blut Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken; 20 der zwar zuvor erkannt ist vor Grundlegung der Welt, aber offenbart worden ist am Ende der Zeiten um euretwillen.

Wir müssen unterscheiden zwischen Segnungen, die mit dem Ausdruck „von Grundlegung der Welt an“ verbunden sind, und Segnungen, die von „vor Grundlegung der Welt“ sind. Von den Segnungen für das Volk Israel als solches heißt es, dass sie von Grundlegung der Welt an sind. Hier werden die hebräischen Gläubigen, das heißt diejenigen, die nach der Auserwählung der Gnade individuell erwählt wurden, in gegenwärtige Segnungen hineingeführt. W. Kelly hat treffend bemerkt:

Solch eine Ausdrucksweise wird niemals verwendet, um das göttliche Handeln mit Israel zu beschreiben. So reich und groß die Verheißungen an die Väter auch sind, sie reichen doch niemals zurück in die Ewigkeit wie diejenigen hier. Die Menschen mögen abstrakt über Vorkenntnis und Allwissenheit argumentieren; aber es ist klar, dass Gott nicht zu den Vätern oder durch die Propheten von Segnungen vor Grundlegung der Welt geredet hat. Ihre Segnungen entstanden in der Zeit, gleichgültig, wie dauerhaft sie auch sein mögen. [242]

Nebenbei können wir feststellen, dass die nationalen Segnungen für Israel so lange andauern, wie die gegenwärtige Sonne und der Mond andauern, das heißt nicht auf ewig. Die Gemeinde jedoch wird eine besondere, ewige Stellung haben (Eph 3,21 usw.).

Aber kommen wir nun zum Hauptpunkt: Christus wurde wirklich von Ewigkeit her zuvor erkannt. „Zuvor erkannt“ betrifft seine Person, nicht das Blut – obwohl der allwissende Gott alles weiß –, wie die Worte „der … offenbart worden ist“ zeigen [1Pet 1,20]. „Der“ bezieht sich auf Christus, der zuvor erkannt worden ist. Hat Gott den Strom der Zeit entlanggesehen, um festzustellen, was Christus tun würde, und dann entsprechend gehandelt, so als ob Er ein Gott wäre, der sein Handeln abhängig machte von bestimmten Bedingungen oder Eventualitäten? Das ist in der Tat ein schrecklicher Gedanke! Er beinhaltet üble und inakzeptable Gedanken über Christus, die seine Ehre als Gott und als Mensch schmälern, denn In Ihm sind Gottheit und Menschheit untrennbar vereint, und zwar vom Augenblick der Empfängnis durch die überschattende Macht des Heiligen Geistes an. Die Menschheit, die der Sohn in seine Person aufnahm, war in sich heilig (Lk 1,35).

Es ist eine wunderbare Tatsache: So wie Christus zuvor erkannt wurde, ehe der Welt Grund gelegt war, wurden auch wir ebenso zuvor erkannt. Gott hat uns auf dieselbe Weise zuvor erkannt, wie Er Christus zuvor erkannt hat. Stellen wir uns das einmal vor! Dies gehört zu demselben Sachverhalt, wie dass Christi Stellung vor dem Vater auch unsere Stellung ist, wie wir bei der Betrachtung von Epheser 1 und 2 festgestellt haben: „… wie er uns erwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt“ (Eph 1,4). Welche Wonne bedeutet diese wunderbare Wahrheit für unsere Seele! Wir sind so sehr mit Christus verbunden, dass wir lesen:

  • „Denn welche er zuvorerkannt hat, die hat er auch zuvor bestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29).

Es wird viele Brüder vor dem Vater geben, die dem Bild seines geliebten Sohnes gleichgemacht sein werden; Er, als Erstgeborener, hat natürlich die Vorrangstellung.

Freuen wir uns also über die Wahrheit, dass Gott diejenigen, die dem Bild seines Sohnes gleichförmig gemacht werden sollen, auf dieselbe Weise zuvorerkannt hat, wie Er Christus zuvorerkannt hat. Dies ist ein spezieller Aspekt des Vorhererkennen Gottes im Zusammenhang mit denen, die Er dazu bestimmt hatte, in Christus zu sein. All dies ist unabhängig von jeglichem angeblich moralisch freien Willen des Menschen Gott gegenüber. Es ist Gott, der in Christus zu seiner Herrlichkeit handelt in den himmlischen Örtern. Und damit übereinstimmend sind auch wir Gläubige eingebunden in das Vorhererkennen Gottes in Bezug auf diese Stellung vor Ihm.

Warum ist das nötig? Er widerlegt so die Vorstellung, Christus sei stellvertretend für jeden gestorben, und sagt dann: „Die Textstelle ist jetzt, so wie ich sie formuliert habe, aus dem Arsenal der Arminianer herausgenommen.“ [247] Ich muss noch einen weiteren Punkt von ihm beachten, nämlich ein Argument, warum unter „alle“ nicht „alle existierenden Menschen“ zu verstehen ist – statt zu sagen „alle gegenwärtig auf der Erden lebenden Menschen“. Nachdem er also einen Strohmann aufgestellt hat (nämlich: „alle“ kann nicht „alle existierenden Menschen“ bedeuten), streckt er ihn nieder, indem er sagt, diese Formulierung würde die Leute in der Hölle einschließen und das könne nicht sein. Also schlussfolgert er, dass „alle Klassen von Menschen“ gemeint seien – als ob es in der Hölle keine „Klassen von Menschen“ gäbe (z.B. „Könige“, um ein Beispiel aus unserem Kapitel zu nennen). Die calvinistische Beweisführung, die sich mit einer Vielzahl von Schriftstellen befasst, ist genauso ermüdend wie die arminianische Argumentation, die das Gleiche tut. Arminianer führen Schriftstellen an, die dem moralisch freien Willen Gott gegenüber im Weg stehen. Calvinisten befassen sich mit einer Fülle von Vorkommen des Wortes „alle“ in der Schrift und denken, dieses Wort sollte nur auf die Auserwählten beschränkt werden. Die hier dargestellte Ansicht verwirft sowohl die arminianische als auch die calvinistische Erklärung.

Der Calvinist John Piper jedoch nimmt in einem Artikel („Are There Two Wills in God?“) ganz richtig den Standpunkt ein, dass „alle Menschen“ in Vers 4 genau das bedeutet. Und der Grund, weshalb nicht alle gerettet werden, sei seiner Meinung nach der folgende:

Es gibt etwas, was Er noch mehr, noch dringender will und was verlorenginge, wenn Er seine souveräne Macht ausüben würde, um alle zu retten … Die Antwort der Calvinisten lautet: Dieser höhere Wert ist die Manifestation der ganzen Bandbreite der Herrlichkeit Gottes in Zorn und Barmherzigkeit (Röm 9,22.23) und die Demütigung des Menschen, so dass dieser mit Freuden Gott die ganze Ehre für seine Errettung gibt (1Kor 1,29). [248]

Das ist wahr. Ich hätte eine Antwort in Richtung der Natur Gottes gegeben, eine, die beinhaltet, was Gott ist – nämlich: Gott ist Licht, und Gott ist Liebe –, damit dies auf ewig sichtbar und anschaulich wird in der ewigen, bewussten Bestrafung der Gottlosen und in der ewigen, bewussten Segnung der Geretteten. Gott ließ das Eindringen des Bösen zu, damit die Herrlichkeit seiner Natur als Licht offenbart würde bei der Bestrafung der Sünde, die eine Beleidigung dieser Herrlichkeit ist. Was die Auserwählten betrifft, so benutzt Gott ebenfalls die Sünde zur Darstellung seiner Natur als Liebe, denn Er sorgte für das Opfer seines Sohnes für die Sünde am Kreuz. Durch souveräne Gnade macht Er die Auserwählten passend für eine Ewigkeit mit sich selbst. Er verherrlicht sich in ihnen, den Trophäen seiner Liebe. Also verherrlicht Gott sich in allem, was Er ist: Licht und Liebe. Und wir sollten im Auge behalten, dass Gott gemäß dem, was Er als Licht ist, mit unseren Sünden am Kreuz abgerechnet hat und folglich in der Rechtfertigung des Gläubigen gerecht ist. Es gibt uns Frieden, zu wissen, dass Gott mit unseren Sünden gerecht gehandelt hat (und auch sich unserer alten Natur angenommen hat). Diejenigen, die Gott als in Christus ansieht, sind die Auserwählten, die nicht mehr angeklagt werden können (Röm 8,33; Eph 1,4). Kein Wunder, dass A.C. Brown so oft sagte: „Gnade ist, dass Gott für uns ist in allem, was Er ist, ungeachtet dessen, was wir in uns selbst sind.“ Gott, der Allmächtige, hat gezeigt, was das Böse ist – nämlich Beleidigung seiner Majestät, seiner Natur und seiner Herrlichkeit –, und Er hat es unternommen, sich in Bezug auf das Böse zu verherrlichen.

John Piper hat auch bemerkt, dass solch eine Erklärung bezüglich Gottes „zwei Willen“ den Schriftstellen Hesekiel 18,23.32 und 33,11 gerecht wird. Nichts davon schließt Gottes Willen der bedingungslosen Erwählung aus.

ALLE MENSCHEN

In Bezug auf die Verwendung von „alle Menschen“ in 1. Timotheus 2, schreibt George W. Knight III.:

Was bedeutet „alle Menschen“ (pa/j a;nqrwpoj) in Apostelgeschichte 22,15; Römer 5,12a.18a.b; 12,17.18; 1. Korinther 7,7; 15,19; 2. Korinther 3,2; Philipper 4,5; 1. Thessalonicher; 1. Timotheus 2,4; 4,10; Titus 2,11; 3,2? Die Wiederholung von u`pe.r und nähere Ausführung, als Untergruppe, als zivile Machthaber (V. 2) weist in Richtung der Bedeutung „alle Arten von Menschen“. [249]

Betrachten wir nun jede dieser Schriftstellen, die angeblich „alle Arten von Menschen“ bedeuten und nicht „alle Individuen“.

Apg 22,15: Denn du wirst ihm an alle Menschen ein Zeuge sein von dem, was du gesehen und gehört hast.

Da Paulus nicht persönlich vor jedem einzelnen Menschen auf der Welt Zeugnis ablegte, sei die Lösung, dass hier alle Arten von Menschen gemeint seien. Dürfen wir fragen, wie viele Arten von Menschen es auf der Erde gibt? Hat Paulus vor jeder dieser Gruppen Zeugnis abgelegt? Mir ist nicht bekannt, wie Calvinisten die Arten von Menschen definieren oder eingrenzen, damit diese Bedeutung zu diesem Vers passt. Die bessere Erklärung ist die, dass das Zeugnis nicht persönlich vor allen Menschen gegeben wurde, sondern alle Menschen im Blick hatte.

Röm 5,12: Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben.

Wie könnte jemand sich anmaßen, die Vorstellung von allen Arten von Menschen hier hereinzuzerren, wenn es so klar ist, dass jeder einzelne Mensch gemeint ist?

Röm 5,18: Wie es durch eine Übertretung gegen alle Menschen zur Verdammnis gereichte, so auch durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.

Dies ist eine Aussage über die Auswirkung (oder den Einflussbereich) der jeweiligen Taten, nicht über die tatsächliche Wirkung. Im Falle von Adams Sünde erfahren wir aus Römer 5,12, dass sie tatsächlich bewirkt hat, dass der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist. Doch lesen wir nicht in der Schrift, dass der Einfluss der Gerechtigkeit des Einen, Christus, die Rechtfertigung zum Leben für alle Menschen bewirkt hat. „Alle Menschen“ bedeutet: „jedes Individuum“.

Röm 12,17.18: 17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem; seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen. 18 Wenn möglich, soviel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden.

Vermutlich geht die Ansicht der Calvinisten dahin, dass alle Arten von Menschen gemeint seien, weil eben niemand dies jedem einzelnen Menschen auf der Welt gegenüber tue. Handelt denn irgendein Christ allen Arten von Menschen gegenüber auf diese Weise? Kann man das annehmen? Dann möge uns jemand eine zuverlässige, autoritative Liste aller Arten von Menschen geben – damit wir Gläubigen sicher sein können, zu gehorchen und allen diesen Arten von Menschen gegenüber so zu handeln! Nein, niemand Böses mit Bösen zu vergelten, betrifft jeden einzelnen Menschen, mit dem wir es zu tun haben. „Alle Menschen“ hat alle Menschen im Blick; und wann immer wir uns unter Menschen befinden, haben wir hier Anweisungen für unser Verhalten.

1Kor 7,7.8: 7 Ich wünschte aber, alle Menschen wären, wie auch ich selbst;, aber jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. 8 Ich sage aber den Unverheirateten und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie auch ich.

Der Begriff „alle Menschen“ hat hier Christen im Blick – alle Christen; aber jeder Einzelne von ihnen hat von Gott seine eigene Gabe in Bezug auf die Ehe. Doch in Bezug auf jeden Ledigen und jede Witwe ist es „gut für sie, wenn sie bleiben wie auch ich“, und wenn sie „wären, wie ich bin“.

1Kor 15,19: Wenn wir allein in diesem Leben auf Christus Hoffnung haben, so sind wir die elendesten von allen Menschen.

„Wir“ bezieht sich auf alle Gläubigen, und „allen Menschen“ bezieht sich auf alle Gläubigen und Ungläubigen, das heißt auf alle Menschen.

2Kor 3,2: Ihr seid unser Brief, eingeschrieben in unsere Herzen, gekannt und gelesen von allen Menschen.

Wurden die Korinther gekannt und gelesen von allen Arten von Menschen, weil jedes Individuum auf dem Erdenkreis sie las? Könnte es nicht einige Arten von Menschen weit weg von Korinth geben, die sie nicht lasen? Ich schlage vor, dass der Bezug auf die Vorstellung von allen Arten von Menschen nicht wirklich hilfreich ist, obwohl viele Calvinisten ihn notwendig finden, um die bedingungslose Erwählung aufrechtzuerhalten.

Phil 4,5: Lasst eure Milde kundwerden allen Menschen.

Hier gilt derselbe Einwand bezüglich aller Arten von Menschen.

1Tim 2,4: Unser Heiland-Gott will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Wir haben die Verwendung von „alle“ in diesem Vers, wie auch einige andere Verwendungen von „alle“ bereits weiter oben besprochen.

1Tim 4,10: Gott ist ein Erhalter aller Menschen, besonders der Gläubigen.

Vielleicht ist der Calvinist hier der Ansicht, dass, weil eine Gruppe von Personen erwähnt ist (nämlich die „Gläubigen“), Gott deshalb der Erhalter aller Arten von Menschen sei, aber nicht jedes Einzelnen. Gott ist der Erhalter jedes einzelnen Menschen, einschließlich jedes Gläubigen, aber insbesondere der Gläubigen.

Tit 2,11: Denn die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen.

Das ist die Natur der Gnade Gottes. Sie gilt tatsächlich jedem Einzelnen und ist ist im Einklang mit Gottes bedingungsloser Erwählung.

Tit 3,2: … niemand zu lästern [engl.: von niemand schlecht zu reden] …

Warum sollte das so zu verstehen sein, dass wir von keiner Art von Menschen schlecht reden sollen und dass diese Aufforderung sich nicht auf Individuen beziehe? Ist es verboten, Klassen von Menschen zu lästern, aber nicht verboten, von den einzelnen Menschen schlecht zu reden? Nehmen wir zum Beispiel die Klasse der Mörder.

Zusammenfassung: Die Schriftstellen, die vermeintlich auf Arten von Menschen hindeuten, zeigen in Wirklichkeit, dass jeweils alle einzelnen Menschen im Blickfeld sind. In gleicher Weise wie die Arminianer in viele Texte ihre Vorstellung über den moralisch freien Willen Gott gegenüber hineinlesen, beschränken die Calvinisten die Bedeutung von „alle Menschen“, damit der Begriff zu ihrer Vorstellung über die Erwählung passt. Und dies ist für einige Texte wichtig, die wir noch nicht beleuchtet haben:

Apg 17,30: Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen.

2Kor 5,14.15: 14 Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir so geurteilt haben, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. 15 Und er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist.

Hier steht nichts von Arten oder Klassen von Menschen. Im gefallenen Adam sind alle gestorben. Und ein bestimmter Aspekt vom Tod Christi hat alle Menschen im Blick. In der biblischen Verwendung der Wörter wird das Blut nur auf Gläubige bezogen. Eine Besprechung und Erklärung dazu findet sich in dem Buch The Work of Christ on the Cross and Some of Its Results. Wir müssen darauf achten, wie der Heilige Geist solche Wörter verwendet.

2Pet 3,9: Gott will nicht, dass irgendwelche verlorengehen, sondern dass alle zur Buße kommen.

F.G. Patterson hat bemerkt:

Er hat nicht geraten/empfohlen [counseled] mh. boulo,meno,j, dass jemand verlorengehe … [250]

Jemand anders hat es so formuliert:

Diese Worte beseitigen gänzlich die entsetzliche Vorstellung (fachsprachlich Verwerfung genannt), dass irgendein Mensch zu dem Zweck geschaffen wurde, um in die Hölle geworfen zu werden. Im Gegenteil: Gottes Wunsch ist es, zu retten. Sein Herz ist voll zärtlichen Verlangens nach den Menschen. Er wartet auf sie, fleht sie an, sendet ihnen das Evangelium, damit sie es aufnehmen. Zweifellos ist es reine Gnade und nur Gnade, die eine Seele dazu erweckt, Gott zu lieben. Aber es ist die Sünde, der Unglaube des Menschen (wie auch immer die zum Gericht gewirkte Verstockung in einzelnen Fällen aussehen mag), die sie dazu bringt, seine Barmherzigkeit zurückzuweisen. [251]

Es ist klar, dass Gott nicht den Vorsatz hat, dass irgendjemand verlorengehe. Es ist ebenfalls klar, dass Er nicht den Vorsatz hat, dass alle gerettet werden, denn sonst würden alle gerettet werden. Über die Erwählung und die Verdammung hat W. Kelly geschrieben:

Erwählung geht notwendigerweise von Gott aus. Die Erwählten haben absolut nichts dazu beigetragen, denn Erwählung ist Gottes souveräne Wahl. Wenn es auch nur den kleinsten Grund auf Seiten der Erwählten gäbe, aufgrund dessen Gott sie erwählt, wäre es nicht mehr Gottes Wahl, sondern vielmehr ein moralisches Gespür, das – weit davon entfernt, souverän zu sein – nur eine Beurteilung wäre, ob die jeweilige Person es verdient oder nicht. Man mag dann so kräftig wie der entschiedenste Calvinist die freie, souveräne Wahl Gottes vertreten; aber die Verdammung der Bösen, die der Calvinist als einen gleichermaßen souveränen Beschluss daraus ableitet, ist meinem Urteil nach ein schwerwiegender Irrtum. Ich habe daher keine Bedenken, jetzt ein paar Worte darüber zu sagen, da es sowohl in der Lehre als auch in der Praxis ein wichtiges Thema ist. Die Vorstellung, dass, wenn Gott einen erwählt, Er einen anderen verdammen muss, den Er nicht erwählt, ist ein Trugschluss ohne biblischen Beleg, ja, er richtet sich sogar gegen die Bibel. Genau an dieser Stelle kommt der menschliche Einfluss zum Tragen, das heißt das kleingeistige Selbstvertrauen des menschlichen Verstandes. Nun sehe ich aber nicht, warum wir als Gläubige kleingeistig sein sollten; wir haben jeden Grund, zu sammeln, was groß ist für Gott. Einfach zu sein, ist schön und gut; aber auch das ist etwas völlig anderes, als engherzig zu sein, und kein Grund, warum wir uns auf uns selbst beschränken sollten; denn wozu offenbart Gott, was Er im Sinn hat? Doch sicher damit wir Ihn kennen und Ihm nacheifern. [252]

Weiteres über die calvinistische Lehre von der Verdammung in Anhang 1.

Es überrascht nicht, dass manche Calvinisten die Bedeutung von 2. Petrus 3,9 genau wie 1. Timotheus 2,4 beschränken wollen. R.K. McGregor Wright beispielsweise tut das, indem er drei Argumente präsentiert. Während wir zwar sympathisieren mögen mit seinem Wunsch, zu zeigen, dass diese Textstellen keine „,offensichtlich arminianischen‘ Verse“ sind, so stimmen wir doch nicht überein mit seiner calvinistischen Ansicht darüber. Sein erster Punkt lautet:

Die einfachste Antwort auf diese eigenartige Ansicht ist: Wenn Gott nicht wollte, dass irgendjemand verlorengeht, hätte Er uns gar nicht erst mit einem freien Willen erschaffen sollen, weil dies den [Sünden-]Fall früher oder später unvermeidlich machte. Noch treffender könnten wir jedoch vorschlagen, dass Gott hätte tun sollen, was nötig wäre, um jedermann zu retten, um auf diese Weise sicherzustellen, dass niemand verlorengeht. [253]

John Pipers oben angegebene Kommentare zu 1. Timotheus 2,4 sind auch hier anwendbar. Dr. Wright will einfach nicht akzeptieren, dass Gott den Wunsch hat, dass alle Menschen gerettet werden und dass niemand verlorengehen sollte; dass sein Wunsch jedoch nicht die bedingungslose Erwählung außer Kraft setzt. Sein erster Punkt ist also, dass so etwas unmöglich ist .

Pipers zweiter Punkt ist, den Text nur auf die Auserwählten zu beziehen. So stellt er fest, dass Petrus in 1. Petrus 1,1.3.5 ebenso wie auch in 2. Petrus 3,1 die Auserwählten anspricht. Dann, in Vers 9, erfahren wir, dass unser Verständnis von „langsam“ nichts mit dem Standard Gottes zu tun hat:

Tatsächlich zeigt sich seine Liebe für die Auserwählten darin, dass er bis 1953 wartete, um mich zu retten … Gott will nicht, dass irgendwelche von uns, den geliebten Auserwählten, verlorengehen sollten, sondern sein Ziel ist, dass alle Auserwählten aller Zeiten zur Buße kommen. [254]

Es ist bloße Vermutung, dass das Wort „irgendjemand“ auf die Auserwählten beschränkt ist. Die Tatsache, dass Petrus an die Auserwählten schrieb, ist nämlich kein Beweis dafür. Der dritte Punkt ist eine Berufung auf das Griechische:

Darüberhinaus bezieht sich in einem griechischen Satz wie diesem ein Indefinitpronomen [unbestimmtes Fürwort] wie irgendwelche (engl.: any, griech.: tinaj) normalerweise auf das nächstliegende Antezedens [vorhergehendes Bezugswort] im Satz. Folglich muss irgendwelche „irgendwelche von uns“ (den Auserwählten und Geliebten, an die der Brief gerichtet ist) bedeuten. [255]

Solch fähige Gelehrte des Griechischen wie J.N. Darby und W. Kelly stimmen darin nicht mit Piper überein, und es gibt auch Calvinisten, die darin ebenfalls nicht mit ihm übereinstimmen. Seine drei Punkte haben nur seinen Unwillen gezeigt, zu akzeptieren, was der Text sagt. Dieses Akzeptieren würde nämlich ins Gehege kommen mit einigen seiner calvinistischen Ansichten, die Gottes Liebe beschränken. Er denkt, dieser Text sei unvereinbar mit der bedingungslosen Erwählung, aber natürlich ist er das nicht. Und der Arminianer, dem es irgendwie gelingt, den moralisch freien Willen Gott gegenüber in diesem Text zu finden, geht ebenfalls in die Irre. [256

Kehren wir nun zu den Calvinisten zurück, die in diesem Text nur die Auserwählten sehen [257]: Anscheinend sind sie calvinistischer als Calvin selbst (ein Phänomen, das auch bezüglich einiger anderer Schriftstellen auftritt).

Es folgen einige Bemerkungen von Simon J. Kistemaker, in denen er zunächst Johannes Calvin zitiert; und alle beide (sowohl er als auch Calvin) widersprechen dem oben zitierten Calvinisten:

„So wunderbar ist [Gottes] Liebe zur Menschheit, dass Er sie gern alle gerettet wüsste, und Er ist aus sich selbst heraus bereit, den Verlorenen die Errettung zu schenken“ (Calvin, The Second Epistle of Peter, S. 491) … Wenn Paulus schreibt, dass Gott „will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1Tim 2,4; vgl. Hes 18,23.32), meint er damit nicht, dass alle Menschen tatsächlich gerettet werden. Obwohl Gott die Erlösung der gesamten menschlichen Rasse wünscht, verordnet Er dennoch nicht die allgemeine Errettung. Deshalb unterscheiden Theologen in Bezug auf das Verb wollen oder wünschen zwischen Gottes Wunsch und Gottes Verfügung bzw. Anordnung. [258]

Gottes Langmut zeigte sich früher zur Zeit Noahs (1Pet 3,20). Langmut zeigt sich wieder, bevor der Tag des Herrn beginnt. Man beachte besonders die Worte „langmütig euch gegenüber“. Die Empfänger des Petrusbriefes waren selbst die Begünstigten der Langmut Gottes, da sie während dieser Langmut [wie eine Ernte] eingebracht wurden. Und jeder, der zu der Zahl der Geretteten hinzugefügt wurde, mag sich in der gegenwärtigen Zeit, während Gott ein himmlisches Volk bildet, diese Worte zu eigen machen.

1Pet 2,8: … die sich, da sie nicht gehorsam sind, an dem Wort stoßen, wozu sie auch gesetzt worden sind.
… [who] stumble at the word, being disobedient, to which they have also been appointed.

Ich habe das Komma nach disobedient („ungehorsam“) hinzugefügt, das in der Stow-Hill-Ausgabe (1966) von JNDs Übersetzung fehlt, aber im Druck der dritten, überarbeiteten Ausgabe, 1884, von JNDs Übersetzung des Neuen Testaments zu finden ist. Es ist wichtig, zu verstehen, dass diese Personen nicht zum Ungehorsam bestimmt waren. Weil sie ungehorsam waren, waren sie dazu bestimmt, sich an dem Wort zu stoßen.

Der gegenwärtige Zustand der Juden passt genau zu dem dunklen Hintergrund dieses Bildes. Und die Worte, die darauf folgen, sind moralisch so ernst, wie sie als Tatsache gewiss sind: „Sie stoßen sich an dem Wort, da sie nicht gehorsam sind, wozu sie auch bestimmt worden sind.“ Weder hier noch irgendwo sonst gibt es die dogmatische Verurteilung der calvinistischen Schule, die nicht mehr aus der Schrift zu rechtfertigen ist als der gegenteilige Irrtum der Pelagianer über die Kraft zum Guten. Alles Böse ist vom Menschen, so wie das Gute ausschließlich von Gottes Gnade ist. Niemals schuf Gott den Menschen, damit der Mensch ein Sünder sei, noch hat Er Wohlgefallen am Tod eines Sünders, viel weniger an seiner ewigen Vernichtung. Aber Er ist der Höchste; und so kühn der Mensch auch sein mag in mutwilligem Ungehorsam – Gottes Wille steht fest. Er zeigt seine Gnade und Wahrheit in Christus; und die Menschen stoßen sich an dem Wort, das Ihn offenbart. Dazu [sich an dem Wort zu stoßen] wurden sie bestimmt, nicht dazu, ungehorsam zu sein, sondern sich auf diese Weise zu stoßen, gerade weil sie ungehorsam sind. So hatte es Gott in seiner Weisheit zu ihrer Prüfung festgelegt. Sie lehnen das Wort ab und verdammen es; andere aber, die durch Gottes Gnade sich selbst richten und Ihm glauben, nehmen dieses Wort auf zu ihrer Rettung, zu ihrem Frieden und zu ihrer Freude (vgl. Jud 4). [259]

Jud 4: Denn gewisse Menschen haben sich nebeneingeschlichen, die schon längst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren, Gottlose sind sie, die die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen.

„Zuvor aufgezeichnet“ bezieht sich nicht auf einen Beschluss zur Verdammung. Diese falschen Bekenner des Glaubens an Christus sowie alle anderen auf der Erde sind erkauft worden bzw. erworben durch den Tod Christi. Zusätzlich gilt für den Gläubigen: Er ist erlöst durch das kostbare Blut. Weil sie die Gnade missbrauchen, indem sie sie als Tarnung für ihre Ausschweifung verwenden, sind diese Gottlosen dem Gericht verfallen. Dieses Gericht wird nicht in Vers 4 genannt, sondern in den Versen 14 und 15. Sie wurden schon längst vorher durch Henoch aufgezeichnet, „den siebenten von Adam an“. Mit „Henoch“ ist nicht das apokryphe Buch 1. Henoch gemeint. Der Gläubige weiß, welcher Henoch das war, der Siebente von Adam an: nämlich der Henoch, der entrückt wurde, bevor die Gerichtsflut über die damalige Welt hereinbrach. Das Urteil, das durch so jemand verkündet wurde, bevor das Gericht der Flut kam, passt moralisch zu denen, die den Glauben an Christus verdrehen. Zu gegebener Zeit, nämlich nach der Entrückung, wird das Urteil, das Henoch verkündete, vollzogen werden.

Das Wort für „Urteil“ ist kri,ma [260], auch zu finden in 1. Korinther 11,29: „Gericht“. Siehe JNDs Fußnote zu diesem Wort, ebenso die Fußnote zu „Gericht“ in 1. Timotheus 3,6.

Von vielleicht größerer Bedeutung für unser allgemeines Thema ist „zuvor aufgezeichnet“ – progegramme,noi [261] Sie wurden in Henochs Prophetie „zuvor aufgezeichnet“. Dies hat nichts zu tun mit irgendeinem angeblichen Beschluss zur Verdammung, ebenso wenig wie 1. Petrus 2,8.


Fußnoten

[236] {„Doch noch verstoßen werden“ bezieht sich auf die Vorstellung davon, wieder verlorenzugehen. Das liegt daran, dass die Lehre vom moralisch freien Willen Gott gegenüber mit der Vorstellung einer gemeinschaftlichen Erwählung der Gemeinde einhergeht.}

[237] The Bible Treasury, New Series 1:330.

[238] W. Kellys kritische Kommentare über „durch“ oder „in“ wurden gesammelt in Two Nineteenth Century Versions of the New Testament, S. 642-644 (bei Present Truth Publishers erhältlich); ebenso auch Kommentare über „zum“ Gehorsam usw.

[239] W. Kelly hat bemerkt:

Von „zugeschriebener [imputed] Heiligung“ zu sprechen, heißt, von der biblischen Wahrheit abzuweichen. Dennoch ist Heiligung nicht bloß eine Angelegenheit der Praxis, der Ausübung, die immer unvollkommen ist und unterschiedliche Grade zulässt. Mr. G. und sein Verteidiger waren sich der Tatsache nicht bewusst, dass das Wort Gottes von einer Heiligung durch eine neue Natur spricht, die zur gleichen Zeit wie die Wiedergeburt stattfindet und nicht nur der praktischen Heiligkeit, sondern sogar der Rechtfertigung vorausgeht; von dem allen weiß die allgemeine Theologie nichts. Diese Heiligung ist identisch mit der Stellung, in der die Heiligen stehen. Dies ist in 1. Korinther 6,11 gemeint: „Aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes.“ Die hier genannte Reihenfolge ist exakt; aber sie verblüfft alle, die ihre Lehre von Menschen statt aus der Schrift gewinnen. 1. Petrus 1,2 möge diese Wahrheit den Zweifelnden klarmachen: „auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi“. Auch hier ist die allgemeine Theologie vollkommen verwirrt. Und doch ist die hier offenbarte Wahrheit gewiss und deutlich. Auserwählung als Kinder Gottes zeigt sich in der Heiligung des Geistes, um zu gehorchen (nicht wie die Juden, sondern) wie Christus gehorchte; seine Blutbesprengung, die von aller Sünde reinigt, dient der Rechtfertigung. Es gibt eine reale und lebenswichtige Heiligung durch den Geist, wenn wir zu Gott bekehrt werden, bevor wir als Gottes Kinder gehorchen und wissen, dass wir gerecht gemacht geworden sind. Es handelt sich um ein Leben, das für Gott abgesondert wird und das dem Ergreifen des Heils vorausgeht. Diese Tatsache wird von der allgemeinen Theologie übersehen, sowohl von der arminianischen als auch der calvinistischen Theologie; aber die Heilige Schrift hebt sie hervor, wie hier gezeigt wurde.

[240] „Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Heb 10,10). Dies ist eine von mehreren „Ein-für-alle-Mal“-Feststellungen im Hebräerbrief, die für diesen Brief charakteristisch sind. Ebenso Vers 14: „Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden.“ Wenn man geheiligt ist, ist man für immer vollkommen gemacht. Das steht der Vorstellung, wieder verlorenzugehen, absolut entgegen, es sei denn, „auf immerdar“ bedeute „vorübergehend“ – und das tut es nicht.

[241] Collected Writings, 26:310, 311. Siehe auch 34:303; 16:184-185, 192-194.

[242] Exposition of 1. Peter, a.a.O.

[243] W. Kelly hat bemerkt:

Warum sollten die Bearbeiter {1881 Revised Version} in 1. Timotheus 1,7 desiring („wollen, wünschen, begehren“) qe,lontej schreiben und in 2,4 willeth [„will“] qe,lei, aber desire (bou,lomai) in Kapitel 2,8? In 2. Petrus 3,9 geben sie bou,lomai als wishing [„wünschen, wollen“] wieder. Warum diese Laxheit und Launenhaftigkeit? Buttmanns Unterscheidung (Lexil. i. 26) zwischen qe,lei [evqe,lw] und bou,lomai scheint selbst für Homers Schriften unhaltbar zu sein; nach Buttmann sei qe,lei [evqe,lw] nicht nur der allgemeinere Begriff für „wollen“ (was tatsächlich korrekt ist), sondern es sei auch insbesondere die Sorte, die eine Absicht einschließt, im Vergleich zu bou,lomai, was eine bloße Einwilligung in den Willen anderer bedeute. Tatsächlich ist es bou,lomai, das gebraucht wird, um insbesondere Absicht oder Zweck auszudrücken, wenn dies erforderlich ist. Mr. Greens Übersetzung ist ebenfalls fehlerhaft, indem sie den beiden verschiedenen Wörtern in 1. Timotheus 2,3 {sic, 4} und 2. Petrus 3,9 dieselbe Bedeutung gibt; ebenso sind es auch die wohlbekannten alten englischen Übersetzungen (The Bible Treasury, 14:30).

[244] Zum Beispiel George W. Knight III, The Pastoral Epistles, Grand Rapids: Eerdmans, S. 113ff., 1992.

[245] The Epistles to Timothy & Titus, London: Banner of Truth Trust, S. 94, 1959.

[246] Und dann kommt Vers 6, der in dem Buch The Work of Christ on the Cross and Some of Its Results besprochen wird. Er bezieht sich wortwörtlich auf alle Menschen, aber er bedeutet nicht, dass Christus der Stellvertreter für alle Menschen ist, als ob Er alle Sünden aller Menschen an seinem Leib auf dem Holz getragen hätte (1Pet 2,24). Geht es hier wirklich nur um alle Klassen von Menschen?

[247] No Place for Sovereignty, What‘s Wrong with Freewill Theism, Downers Grove: Intervarsity Press, S. 171-172, 1996.

[248] Aus: Thomas Schreiner und Bruce Ware (Hrsg.): Still Sovereign, Grand Rapids: Baker, S. 123-124, 2000.

[249] Commentary on the Pastoral Epistles, Grand Rapids: Eerdmans, S. 115, 1992.

[250] Collected Writings of F.G. Patterson, S. 220, bei Present Truth Publishers erhältlich.

[251] The Bible Treasury, 3:59.

[252] W. Kelly, Introductory Lectures … on the Minor Prophets, S. 508, 509.

[253] Aus dem zitierten Werk, S. 168.

[254] A.a.O., S. 169.

[255] A.a.O.

[256] Der Mennonite D. Edmond Heibert sagt lediglich: „Er [der Text] lässt die Möglichkeit der menschlichen Entscheidungsfreiheit offen“ (Second Peter and Jude, Greenville: Unusual Publications, S. 156, 1989).

[257] Der Calvinist Gordon H. Clark schreibt: „Petrus sagt daher einfach, dass Christus nicht wiederkommen wird, bis jeder Einzelne der Auserwählten zur Buße gekommen ist“ (1 & 2 Peter, Phillipsburg: Presbyterian and Reformed, S. 71, 1980). Christi Kommen findet vor dem Tausendjährigen Reich statt und Menschen werden während des Tausendjährigen Reiches gerettet werden. Er irrt sich in Bezug auf das, was „Petrus daher einfach sagt“.

[258] James, Epistles of John, Peter and Jude, Grand Rapids: Baker, S. 335 über 2. Petrus, 1996 [1987].

[259] W. Kelly, Exposition of 1 Peter, a.a.O.

[260] Siehe auch The Bible Treasury, 14:127 und 15:144.

[261] W. Kelly bemerkt zu den Worten „wurden zuvor bestimmt [KJV: were of old ordained]“:

Die Amerikaner {Bearbeiter der Revised Version von 1881} wollten „zuvor geschrieben“ [written beforehand] haben und schrieben „dargelegt“ [set forth] an den Rand: eine zweifelhafte Interpretation, da sie der wohlbekannten fachsprachlichen Aussagekraft von progegramme,noi nur einen sekundären Rang zuweist (The Bible Treasury, 15:127).

W. Kelly führt dies nicht weiter aus.


Aus The Sovereignty of God in the Salvation of Lost Men

Übersetzung: S. Bauer

Letzte Aktualisierung: 17.10.2016


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