Gibt es heute noch ordinierte Älteste in der Gemeinde?
Titus 1,5

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 02.09.2015

Leitvers: Titus 1,5

Nach der Einleitung der ersten vier Verse kommt Paulus jetzt zum Hauptthema des Briefes. Zuerst hatte er „die gesunde Lehre“ behandelt, jetzt kommt es auf ihre praktische Auswirkung im Haus Gottes an. Die Vorschriften, die der Apostel gibt, lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: erstens (im Rest von Kapitel 1) persönliche Vorschriften für Titus selbst, die die Anstellung von Ältesten sowie die Vorgehensweise gegenüber falschen Lehrern betrifft; danach folgen (in Kapitel 2) Ermahnungen für verschiedene Klassen Gläubiger: alte und junge, Männer und Frauen sowie Knechte.

Tit 1,5a: Deswegen ließ ich dich in Kreta zurück, …

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, liegt der Nachdruck hier auf der Anstellung von Ältesten und in 1. Timotheus auf der Bewahrung der gesunden Lehre. Sowohl Timotheus als auch Titus waren von Paulus auf seinen Reisen an einem bestimmten Platz zurückgelassen worden: Timotheus in Ephesus (1Tim 1,3) und Titus in Kreta. Beide hatten da auch bereits Aufträge von Paulus empfangen und später empfingen sie einen Brief, in dem diese Aufträge schriftlich bestätigt wurden. Auch mussten beide nur vorübergehend in ihrem Arbeitsgebiet bleiben. In der Überlieferung von Eusebius wird berichtet, dass Titus später nach Kreta zurückgekehrt und dort bis zu seinem Tod „Bischof“ gewesen sein soll; doch hier war – angesichts des bereits damals eingetretenen klerikalen Zustands – der Wunsch offensichtlich der Vater des Gedankens. Der zeitlich begrenzte Aufenthalt von Titus auf Kreta wird (neben Tit 3,12) auch durch das Wort „zurücklassen“ (apoleipo) ausgedrückt, das eine mehr vorübergehende Bedeutung hat als das von einigen weniger bedeutsamen Handschriften benutzte Wort kataleipo.

Tit 1,5b: … damit du das, was noch mangelte, in Ordnung bringen … möchtest …

Titus sollte „das, was noch mangelte“, (eigentlich: das Restliche, Übriggebliebene) in Ordnung bringen. Damit ist also gemeint, dass er die Tätigkeiten von Paulus unter den Gläubigen, mit denen dieser nicht fertig geworden war, fortsetzen und abschließen sollte. Darauf weist das Wort „in Ordnung bringen“ (epidiortheo), hin, das zusammengesetzt ist aus epi (buchstäblich „auf“; hier: „zusätzlich, weiterhin“), dia (buchstäblich „durch“; hier stärker: „durch und durch“) sowie orthos („richtig“). Das Verb bedeutet also: „weiterhin durch und durch richtigstellen“, wobei das Wörtchen „weiterhin“ darauf hinweist, dass Titus die Arbeit von Paulus („die restliche, übrig gebliebene Arbeit“) beendigen sollte. Zweitens sollte Titus in jeder Stadt Älteste anstellen. Dieser Vers ist also eine Überschrift aller Anordnungen, die Paulus gibt: Der zweite Satzteil (Anstellung von Ältesten) wird in Kapitel 1 ausgearbeitet, und den ersten Teil, die hirtendienstliche Arbeit unter den Gläubigen, finden wir in Kapitel 2.

Täglich drang die Sorge um alle Gemeinden auf Paulus ein (2Kor 11,28). Die Gläubigen hatten sich erst vor kurzem bekehrt und noch so viel Belehrung und Seelsorge nötig. Diese Sorge erstreckte sich sogar bis zu den Gemeinden, die er noch nie gesehen hatte, wie die in Rom (Röm 1,11; 15,29). Die jungen Gläubigen hielten oft noch an allerlei heidnischem Bösen fest, was dem Apostel große Sorgen machte. Das sehen wir zum Beispiel auch aus seinen Anordnungen für die Ältesten (Tit 1,6-9), wo wir Eigenschaften erwähnt finden, die für uns selbstverständlich sind (wie „Mann einer Frau“; „nicht dem Wein ergeben“, „nicht zornmütig“), damals aber sicherlich keine Selbstläufer waren. Wenn Paulus nicht selbst im Hirtendienst für die Gläubigen tätig sein konnte, dann konnte er einen Gesandten schicken. So sandte er Timotheus zu den Korinthern, um sie an seine Wege erinnern sollte, die in Christus sind, wie er überall in jeder Gemeinde lehrte (1Kor 4,17; 16,10). Ebenso sandte er ihn an die Thessalonicher, um sie hinsichtlich ihres Glaubens zu befestigen und zu trösten, damit sie in ihren Drangsalen nicht wankend würden (1Thes 3,2). Genauso verfuhr er in Ephesus (1Tim 1,3-5) und so auch Titus in Kreta. Paulus hatte gepflanzt, Titus sollte begießen (1Kor 3,6).

Tit 1,5c: … und in jeder Stadt Älteste anstellen möchtest, wie ich dir geboten hatte.

Es ist für uns von großer Wichtigkeit, zu erkennen, dass Titus somit als ein Abgesandter, ein von Paulus Bevollmächtigter, auf Kreta war. Die Autorität, mit der er seine Arbeit auf Kreta verrichtete, war die apostolische Autorität, die ihm der Apostel für eine Zeit verliehen hatte. Allein unser Vers gibt uns hierfür bereits vier Anhaltspunkte:

  1. Es ging um die eigene Arbeit des Apostels, die Titus abschließen sollte: Die Arbeit, die von Paulus „übrig gelassenen“ war, musste er „weiterhin richtigstellen“.
  2. Die einzigen Gründe, warum Titus Älteste anstellte, bestanden für ihn darin, dass der Apostel ihn dazu auf der Insel zurückgelassen und ihm dies geboten hatte.
  3. Darüber hinaus war Paulus Auftrag klar umrissen und begrenzt, denn Titus sollte für eine kurze Zeit auf Kreta bleiben (vgl. Tit 3,12), die Arbeit zu Ende bringen und anschließend zurückkehren. Er sollte nicht etwa überall und zu allen Zeiten Älteste anstellen, wo er es für nötig erachtete – wir lesen zum Beispiel nicht, dass er in Korinth Älteste anstellen sollte –, sondern sein Auftrag galt nur für Kreta.
  4. Schließlich achten wir auf den letzten Satzteil von Vers 5: „wie ich dir geboten hatte“, in dem das Wörtchen „ich“ im Griechischen besonders betont wird, was die apostolische Autorität erneut unterstreicht, die Titus für die Anstellung von Ältesten nötig hatte.

All das zeigt, dass diese Anstellung ausschließlich in der Autorität des Apostels Paulus geschah. Wenn die Kommentatoren der NBG-Übersetzung [Übersetzung der Niederländischen Bibelgesellschaft aus dem Jahr 1951; Anm. von SW] an einer Stelle bemerken, dass die Gemeinden bei dieser Anstellung ihren Teil beigesteuert haben sollen, dann ist das nicht nur aus der Luft gegriffen, sondern darüber hinaus im Widerspruch zu allen Angaben des Neuen Testaments. Wir werden dem nachgehen.

Über die Anstellung von Ältesten lesen wir im Neuen Testament in der Tat nur dreimal:

  • In Apostelgeschichte 14,23 lesen wir, dass Paulus und Barnabas (beides Apostel, vgl. Apg 14,4.14) in den Gemeinden von Lystra, Ikonium und Antiochien Älteste erwählten.
  • Auch in Apostelgeschichte 20,28 sagt Paulus zu den Ältesten von Ephesus, dass der Heilige Geist sie als Aufseher in der Herde gesetzt hatte, um die Gemeinde Gottes zu hüten.
  • Die dritte Stelle ist hier in Titus. Das Wort „anstellen“ in unserem Vers ist ein ziemlicher starker Ausdruck, wenn wir ihn mit den Worten der beiden anderen Versen vergleichen: erwählen und setzen. Das für „erwählen“ benutzte Wort hat durchaus nicht die Bedeutung von „anstellen“, wie einige Übersetzungen wollen, sondern bedeutet normalerweise in der Tat „auserwählen“ (vgl. die Verwendung desselben Wortes in Apg 10,41 und 2Kor 8,19).

Das Wort für „setzen“ (tithèmi) in Apostelgeschichte 20,28 hat oft die Bedeutung von „in einen bestimmten Dienst setzen“ (nicht so sehr in ein Amt; vgl. z.B. Joh 15,16 [die Jünger]; 1Tim 1,12; 2Tim 1,11 [Paulus]; Heb 1,2 [Christus]). In diesem Zusammenhang ist 1. Korinther 12,28 sehr wichtig, wo wir diesem Wort ebenfalls begegnen: „Gott hat einige in der Gemeinde gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer.“ Wir müssen gut verstehen, dass es hier nicht um Ämter geht, sondern um Gaben, die Gott gegeben hat, damit der Gemeinde gedient würde. Diese Personen dienen der Gemeinde nicht, weil sie dazu in einem bestimmten Amt angestellt wurden, sondern weil sie dazu unmittelbar vom Herrn eine Gabe empfangen haben. Nicht die Gemeinde selbst, sondern Gott hat sie in die Gemeinde gesetzt. Darum drückt es Epheser 4,11 so aus: „Christus hat einige als Apostel gegeben, andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer.“ Es ist völlig gegen die Schrift, wenn beispielsweise vom Lehreramt gesprochen wird: Der Lehrer ist eine Gabe, die von Christus an die Gemeinde gegeben wurde. Dagegen wird man zu einem Amt von einem Apostel oder seinem bevollmächtigten Vertreter angestellt. Wir kommen noch darauf zurück – wir müssen jetzt zuerst einmal die Worte betrachten, die sich auf die Anstellung beziehen.

Das Wort „anstellen“ in unserem Vers (kathistèmi) weist (anders als tithèmi) auf die Anstellung zu einer bestimmten Funktion oder einem Amt hin. So beispielsweise der Knecht, der über seine Mitknechte oder Güter „gesetzt“ wurde (z.B. Mt 24,45.47; 25,21.23), oder das Amt des Richters (Lk 12,14; Apg 7,27.35), Josef als Haupt über Ägypten und das Haus Pharaos (Apg 7,10). Ebenso das Priesteramt im Alten Testament (Heb 5,1; 7,28; 8,3) und die „Diakone“ in Apostelgeschichte 6,3. „Anstellen“ (kathistèmi) ist von „stellen“ (histèmi; nicht tithèmi) abgeleitet, das nie „anstellen“ bedeutet wie kathistèmi und tithèmi. Deshalb dürfen wir in Apostelgeschichte 1,23 (wo histèmi verwendet wird) auf keinen Fall lesen: „anstellen“ oder sogar „vorstellen“ (NBG-Übersetzung), weil es das Griechische nicht zulässt und weil es außerdem eine bestimmte Wahl an Gläubigen andeutet. Die Jünger stellten nichts vor – sie „stellten“ nur die Männer „dar“, die als einzige die festgelegten Voraussetzungen für die Apostelschaft erfüllten. Nirgendwo lesen wir von einer amtlichen Anstellung durch eine Gemeinde. Zwar erwählt die Menge in Apostelgeschichte 6 sieben Männer, doch sind es die Apostel, die sie „über diese Aufgabe bestellen“ und die ihnen die Hände auflegen. 

Auch in 2. Korinther 8,19 „wählt“ die Gemeinde, aber dort hat es nichts mit einem Amt zu tun. Genau wie in Apostelgeschichte 6 geht es dort um die Belange der Armen, und darin hat die Gemeinde sicher Einfluss, denn sie ist es, die die Mittel für diese Zuwendung an Arme zur Verfügung stellt. Sobald es sich jedoch um eine offizielle Anstellung handelt, kann es nur über die Apostel gehen. Und wenn es dann auch noch um ein Verwaltungsamt geht, wie es beim Aufseheramt der Fall ist, lesen wir überhaupt nichts mehr von einer Einflussnahme durch die Gemeinde, sondern dann liegt die Wahl und Anstellung ganz in den Händen der Apostel beziehungsweise ihrer Bevollmächtigten. Natürlich muss das jederzeit unter der Leitung des Heiligen Geistes erfolgen – Paulus und Titus stellen nicht aufgrund eigener Willkür an, sondern benennen diejenigen, die durch den Heiligen Geist bereits vorher zubereitet wurden und die das auch gezeigt hatten. Es ist damit letzten Endes der Heilige Geist, der die Aufseher in der Herde setzt (Apg 20,28). Deshalb verleiht Paulus Titus nicht nur die Autorität für die Anstellung, sondern nennt auch die Voraussetzungen, denen die potentiellen Aufseher gerecht werden mussten.

Wir müssen uns jetzt mit dem Amt selbst beschäftigen. Das Wort für „Älteste“ ist presbuteros, das wörtlich „Ältere“ bedeutend. Nach diesem Wort ist die presbyterianische Kirche benannt. Außerdem wurde davon in vielen Sprachen das Wort „Priester“ abgeleitet, ein lebendiger Beweis des Verfalls, der bereits früh in der Christenheit eintrat: Die Anzahl an Ältesten ging auf einen Ältesten zurück, der der Gemeindeleiter wurde und auch die Dienste leitete (was ursprünglich absolut nichts mit dem Amt eines Ältesten zu tun hatte). Als darüber hinaus der judaistische Opferdienst (die Messe) eingeführt wurde, erhielt das lateinische Wort presbyter (das vom griechischen presbuteros abgeleitet ist) immer mehr den Inhalt, den wir heute mit dem Wort „Priester“ verbinden: nämlich jemand, der religiöse Opfertätigkeiten ausführt wie die Priester in Israel und den Nationen, aber auch die neutestamentlichen Priester im schriftgemäßen Sinne: Darbringer geistlicher Opfer (1Pet 2,5; Heb 13,9-15; Off 1,6; 5,10). Was unser Wort „Älteste“ angeht, sei am Rande bemerkt, dass der Unterschied, der in einigen Übersetzungen zwischen „Älteste“ und „Älteren“ gemacht wird, auf keine Verschiedenheit im Grundtext zurückzuführen ist. Beiden Wörtern liegt das griechische Wort presbuteros zugrunde. Es scheint mir deshalb ungefährlicher zu sein, ausschließlich das Wort „Älteste“ als Übersetzung für presbuteros zu verwenden, auch wenn es tatsächlich von Text zu Text Bedeutungsunterschiede geben kann, wie wir noch sehen werden:

  1. Zunächst einmal begegnen wir presbuteros in seiner buchstäblichen Bedeutung „älter an Lebenszeit“ in Lukas 15,25; Johannes 8,9; Apostelgeschichte 2,17; 1. Timotheus 5,2. Vergleiche auch 1. Petrus 5,1.5, wo es wohl um eine bestimmte Stellung in der Gemeinde geht, aber wo die wörtliche Bedeutung deutlich im Vordergrund steht, weil es als Gegenüberstellung zu „Jüngeren“ (neoteroi) gebraucht wird. In einem mehr übertragenen Sinn wird das Wort für die Vorväter Israels („die Ältesten“) verwendet (vgl. Mt 15,2; Mk 7,3.5; Heb 11,2). Schließlich wird presbuteros benutzt, um nicht so sehr das höhere Lebensalter selbst, wohl aber die Stellung und Verantwortung anzudeuten, die mit einer höheren Lebenszeit einhergeht. In diesem Sinn sind es diejenigen, die eine führende Aufgabe ausüben und aufgrund ihrer Weisheit und Lebenserfahrung Achtung genießen. Das sind in erster Linie die Ältesten, so wie wir sie im Alten und im Neuen Testament in Israel finden (Mt 16,21; 26,47; Lk 7,3; vgl. 2Mo 24,9; 5Mo 19,12; Jos 8,33 etc.).
  2. Zweitens sind presbuteros die vierundzwanzig Ältesten in der Offenbarung, die eine Darstellung aller Heiligen aus dem Alten und dem Neuen Testament bis zur Aufnahme der Gemeinde bei der Wiederkunft des Herrn sind und die aufgrund ihrer führenden Funktion und ihrer gereiften Lebensweisheit in dieser Weise vorgestellt werden.
  3. Drittens hat presbuteros die Bedeutung, um die es uns jetzt geht, nämlich als Älteste in den christlichen Gemeinden.

Wir müssen hierbei direkt darauf hinweisen, dass in dieser Bedeutung „Ältester“ derselbe ist wie der „Aufseher“ (vgl. Tit 1,7). Das Wort „Aufseher“ ist eine wörtliche Wiedergabe des griechischen Wortes episkopos, nach dem die episkopale Kirche benannt ist und von dem in vielen Sprachen das Wort „Bischof“ abgeleitet wurde. Auch hier haben wir einmal mehr einen direkten Beweis, wie die christliche Tradition die Schrift verdreht hat. Immerhin steht momentan der Bischof über den Priestern, weil man durch den „Episkopen“ (Bischof) zum „Presbyter“ (Priester) geweiht wird und weil der Bischof aus den Priestern gewählt und über sie gestellt wird. Im Neuen Testament ist das Amt des „Ältesten“ jedoch genau dasselbe wie das des „Aufsehers“. Das wird allein schon aus Titus 1,5-7 deutlich: „… in jeder Stadt Älteste anzustellen …: Wenn jemand untadelig ist … Denn der Aufseher muss untadelig sein“ (Tit 1,5-7).

Titus sollte Älteste anstellen, und wenn Paulus anschließend die Voraussetzungen nennt, denen die Ältesten entsprechen mussten, spricht er über „den Aufseher“. Wir haben auch in Apostelgeschichte 20 einen Beweis, wo Paulus in Milet die Ältesten von Ephesus zu sich kommen lässt und ihnen sagt, dass sie auf sich selbst und auf die ganze Herde achthaben sollten, über die sie der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hatte (Apg 20,17.28). Es ist folglich ein und dasselbe Amt, obwohl natürlich klar ist, dass die Schrift nicht einfach so zwei verschiedene Worte für dieselbe Sache benutzt. Das Wort „Aufseher“ kennzeichnet mehr das „Amt“ und das Wort „Älteste“ mehr den „Amtsträger“. Das Erste gibt die Art der Arbeit an: Es ist eine verwaltende, leitende Aufgabe, das Achtgeben auf die Herde und das Weiden der Gemeinde Gottes. Das Zweite typisiert die Person, die diese Aufgabe ausübt, nämlich jemand mit einer gereiften Lebenserfahrung.

In beinahe allen Fällen, in denen über Älteste und Aufseher in den Gemeinden gesprochen wird, finden wir keinen Hinweis darüber, dass sie dazu offiziell angestellt wurden. Bei den jüdischen Gemeinden ist das auch nachvollziehbar, da in Israel ein offizielles Amt von Ältesten unbekannt war. Die älteren Männer, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung die Fähigkeit hatten, zu führen, waren von selbst „die Ältesten“, und ihre Autorität war nicht formeller, sondern moralischer Natur. In den jüdischen Gemeinden verhielt es sich genauso. Auch dort erkannten die Gläubigen von selbst die moralische Autorität der älteren Brüder, ohne dass eine offizielle Anstellung auch nur bekannt oder im entferntesten nötig war. Mehrmals ist die Rede von den Ältesten Jerusalems (Apg 11,30; 15; 16; 21,18) und auch im allgemeinen Sinn von Ältesten unter den Gläubigen aus den Juden (Jak 5,14; 1Pet 5,1.5; wie bereits gesagt, sieht man aus diesen letzten Versen gut, wie unter den jüdischen Gläubigen die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Älteste“ stärker in den Vordergrund tritt). Petrus und Johannes nennen sich selbst in ihren Briefen ebenfalls Älteste (1Pet 5,1; 2Joh 1,1; 3Joh 1,1). In gewisser Hinsicht besaßen die zwölf Apostel auch eine „Aufseherschaft“ (episkopè; Apg 1,20).

Auch bei den Gemeinden aus den Nationen lesen wir ab und zu von Ältesten und Aufseher: in Ephesus (Apg 20,17.28; 1Tim 3,2; 5,17.19), in Philippi (Phil 1,1), auf Kreta (Titusbrief) und in Lystra, Ikonium und Antiochien (Apg 14,21-23). In den letzten vier Stellen lesen wir, dass die Ältesten offiziell angestellt wurden. In 1. Timotheus 3 geht das Streben nach der Aufseherschaft vom Bruder selbst aus, wobei die Voraussetzungen für die Aufseherschaft Timotheus gegeben werden, so dass er auch beurteilen musste, welche Brüder als Aufseher in Betracht kamen. Neben diesen Erwähnungen von Ältesten und Aufsehern finden wir auch in vielen Briefen Personen genannt, die Vorsteher und Führer waren, ohne dass von irgendeiner Anstellung die Rede ist. Stets geht es um die Anerkennung der moralischen Autorität, die von den älteren Brüdern ausgeht, die durch ihr Auftreten erkennen lassen, dass sie Führungsqualitäten besitzen. In Römer 12,8 werden die, die vorstehen, ermahnt, mit Fleiß zu dienen. Die Korinther werden ermahnt, sich solchen unterzuordnen, die sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet haben, sowie jedem, der mitwirkt und arbeitet (1Kor 16,15.16). Die Hebräer werden dazu aufgerufen, ihrer Führer zu gedenken, die das Wort Gottes zu ihnen geredet hatten. Sie sollten ihnen gehorchen und fügsam sein, weil sie über ihre Seelen wachten als solche, die Rechenschaft geben würden, damit sie es mit Freuden und nicht mit Seufzen täten, denn dies wäre ihnen nicht nützlich (Heb 13,7.17). In Apostelgeschichte 15,22 werden auch Judas und Silas Männer genannt, die Führer unter den Brüdern waren. Die Thessalonicher sollten die erkennen, die unter ihnen arbeiteten und vorstanden im Herrn und sie zurechtwiesen, und sollten sie über die Maßen in Liebe achten um ihres Werkes willen (1Thes 5,12.13). Es ist deutlich, dass diese Brüder „Älteste“ und „Aufseher“ waren, auch wenn sie nicht so bezeichnet werden.

Die genannten Schriftstellen geben uns ein Bild von der Aufgabe der Ältesten: Sie mussten die Herde Gottes weiden (Apg 20,28; 1Pet 5,2), über die Seelen wachen (Heb 13,17) und der Gemeinde vorstehen, sie führen und ermahnen (Röm 12,8; 1Thes 5,12; 1Tim 5,17). Es ist wohl selbstredend, dass diese Aufgabe ziemlich wenig mit den Zusammenkommen als Versammlung zu tun hat, sondern mehr mit der persönlichen hirtendienstlichen Seelsorge, dem Besuch von Familien und der Führung in Beschlüssen verwaltender Art, die die Gemeinde betreffen.

Diese Übersicht der schriftgemäßen Angaben über die Ältesten sollte unter normalen Umständen ausreichen, um ein Bild dieses Themas zu erhalten. Angesichts der großen Verwirrung, die in der Christenheit über diesen Punkt besteht – zusammen mit den ernsten Konsequenzen, die ein Missverständnis des Neuen Testaments in diesen Dingen in der Kirchengeschichte gehabt hat –, ist es vielleicht nützlich, doch noch etwas tiefer auf einzelne Fragen einzugehen und einige verkehrte Auffassungen zu widerlegen.

  1. Wer ist befugt, Älteste anzustellen? 

    Wir haben gesehen, dass im Neuen Testament Älteste nur vom Apostel Paulus (mit Barnabas) oder von Personen, die er dazu bevollmächtigte, angestellt wurden: Titus und in bestimmter Hinsicht auch Timotheus (Apg 14,23; Tit 1,5; 1Tim 3,1-7). Für diese Anstellung ist folglich apostolische Autorität nötig. Nirgends wird gesagt, dass die Gemeinden ihre Ältesten selbst wählten oder bei der Wahl von Ältesten durch die Apostel Verfügungsrecht hatten, und in keinem einzigen Brief an eine Gemeinde wird über die Anstellung von Ältesten gesprochen. Die Gemeinden sind deshalb absolut nicht berechtigt, Älteste anzustellen. Wenn das wohl der Fall gewesen wäre, hätte Paulus nicht an Titus, sondern an die Gemeinden in Kreta schreiben müssen und auch nicht an Timotheus, sondern an die Gemeinde in Ephesus. Wir haben gesehen, dass in verschiedenen Briefen über Brüder gesprochen wird, die in der Gemeinde führten und über die Seelen wachten, aber dabei wird nicht über eine Anstellung gesprochen, sondern ausschließlich über moralische Autorität (aufgrund von Wandel und Glaube, Heb 13,7), die durch die anderen erkannt werden sollte. Sie sollten ihre Führer nicht wählen, sondern die erkennen, die der Heilige Geist über sie setzte (Apg 20,28). Es ist in der Schrift undenkbar, dass eine Gruppe Menschen von Gottes Seite her die Befugnis haben würde, selbst die Personen zu wählen, die sie führen sollten. Jede Form von Demokratie ist gegen die Schrift. Allein die Apostel beziehungsweise diejenigen, die von ihnen dazu einen strikten Auftrag empfingen, waren berechtigt, das Amt zu verleihen. Wir haben zwar gesehen, dass in einigen anderen Fällen die Gemeinde bei der Wahl bestimmter Diener wohl Einfluss hatte (Apg 6,5; 2Kor 8,19), allerdings geht es dort nie darum, zu führen und vorzustehen, sondern um die materiellen Bedürfnisse in der Gemeinde. Und selbst in diesen Fällen war die apostolische Zustimmung nötig (Apg 6,3.6). Wenn es dagegen um das Vorstehen geht, ist jede Demokratie ausgeschlossen.

    Wenn sich die Gemeinde doch die Berechtigung zuspricht, Älteste anzustellen, dann beansprucht sie etwas, was nur den Aposteln vorbehalten war. Man tut dann genau dasselbe wie der Papst, der für sich das beansprucht, was ausschließlich Petrus anvertraut war. Wenn ein Bürgermeister seinen politischen Kommissaren den Auftrag gibt, Agenten anzustellen, haben die Bürger dadurch plötzlich auch das Recht bekommen, Agenten anzustellen, einfach nur deshalb, weil der Bürgermeister seinen Kommissaren geschrieben hat? Die Gemeinde besitzt keine Berechtigung, anzustellen. Man sagt vielleicht, dass es ihr auch nicht verboten sei. Aber das zeigt die Gesinnung des Herzens. Stellt euch vor, die Gemeinde könnte alles tun, was ihr nicht verboten wäre. Welche Handhabe gibt es dann gegen die Einführung allen römischen Bilderdienstes, des Messopfers, des Papsttums, des Ablasses, der Hierarchie, des Altars etc.? Nein, der Gläubige fragt nicht, wie weit er gehen kann, ohne Gottes Verbote zu übertreten, sondern er fragt nach dem, was Gott ihm geboten hat. Und wenn ein anderer meint, dass es doch wohl von Bedeutung ist, dass die Gemeinden in den ersten Jahrhunderten wohl ihre Ältesten anstellten, dann frage ich, warum wir dann die römische Kirche überhaupt verlassen haben? Denn das ist die Fortsetzung der ältesten christlichen Kirche. Es wäre schön gewesen, wenn die Reformatoren auch diesen römischen Sauerteig, den Klerikalismus (das am wenigstens schwerwiegend aussieht und das Fleisch am meisten anspricht), über Bord geworfen hätten. Der Grundsatz muss deutlich sein: Wenn es um die Leitung geht, ist alles von oben und nicht aus dem Menschen. Christus ist Sohn über sein Haus (Heb 3,6) und der Heilige Geist wohnt in diesem Haus (1Kor 3,16; Eph 2,22). Christus stellt die zwölf Apostel an; Er berief den Apostel Paulus; dieser bevollmächtigte Titus und Timotheus, und nur diese Personen stellten Älteste an.

  2. Sind heute also keine Ältesten mehr nötig? 

    Das hängt davon ab, wie man es meint. Sicherlich hat die Gemeinde auch heute Männer nötig, die durch ihre Lebenserfahrung und geistliche Gesinnung imstande sind, die örtlichen Gemeinden zu weiden. Aber sie tun das aufgrund ihrer moralischen Autorität, und es gibt keine Gründe, warum sie offiziell als Aufseher angestellt werden müssten – abgesehen von der Frage, wie das dann ablaufen müsste. Auch zur Zeit des Neuen Testaments gab es in den Gemeinden solche Männer, ohne dass von einer Anstellung irgendeine Rede gewesen wäre. Tatsächlich wird nur zweimal von Anstellung gesprochen (Apg 14,23; Tit 1,5). In den meisten Fällen bestand keine formelle, sondern allein eine moralische Autorität. Meistens reichte das aus. In einzelnen Fällen war jedoch eine offizielle Anstellung offensichtlich sinnvoll, weil es den Ältesten im Hinblick auf eindringendes Böse zusätzliche Autorität verlieh. Gerade unser Kapitel zeigt das recht deutlich (Tit 5,9-16).

    In unserer Zeit ist diese zusätzliche Autorität nicht mehr nötig, weil wir jetzt ein Autoritätsorgan haben, das dafür Vorsorge trifft, sowie das vollendete Neue Testament. In der Anfangszeit gab es die schriftlich niedergelegten Worte der Apostel zur Unterweisung und Überführung noch nicht (2Tim 3,16), so dass die Apostel zu der Zeit ihre Autorität noch zur Geltung bringen konnten, indem sie selbst Älteste anstellten. Nach dem Abscheiden der Apostel wurden die Gemeinden dem Wort Gottes übergeben, wie Paulus deutlich an die Philipper schreibt (Phil 2,12.13) und den Ältesten von Ephesus sagt (Apg 20,26-32). Auch Petrus und Johannes geben bei ihrem Abschied keine Anordnungen in Bezug auf ihre Nachfolge, sondern weisen nur auf das Wort Gottes hin (2Pet 1,12.15; 3,1.2; 1Joh 2,21.24.27). Ebenso wie wir heute keine Apostel mehr haben, haben wir auch keine offizielle Anstellung von Ältesten mehr nötig. Es gibt keinen einzigen Bruder mehr, der sich anmaßen könnte, Apostel zu sein, denn die Apostel mussten den Herrn gesehen haben (1Kor 9,1); ihr Dienst ging mit Zeichen, Wundern und mächtigen Taten einher (2Kor 12,12), und mit den neutestamentlichen Propheten (wie Markus und Lukas) legten sie das Fundament (Eph 2,20), wobei deutlich ist, dass das Fundament nur einmal, zu Beginn, gelegt zu werden brauchte. Deshalb gibt es keine Apostel und auch keine offiziellen Aufseher mehr, wobei wir den Dienst der Apostel in den Worten des Neuen Testaments noch immer bei uns haben, ebenso wie wir glücklicherweise noch immer Brüder haben, die den Dienst von Ältesten ausüben.

    Dazu kommt noch, dass die Anfangszeit der Gemeinde zugleich eine Übergangszeit von dem Äußerlichen (Judaistischen) zum Innerlichen (Christlichen) war und damit auch vom Formellen, Amtlichen zum Moralischen, Sittlichen. Aber es gibt noch etwas! Selbst wenn es heute noch Apostel gäbe, die die Vollmacht hätten, Älteste anzustellen, wo würden sie es heute tun? Die Ältesten der Stadt X haben Autorität über die ganze Gemeinde der Stadt X, aber wo ist die Gemeinde aufzufinden? Sie ist über viele „Kirchen“ und Sekten verteilt. Die Ältesten von Ephesus waren zu Aufsehern über die ganze Herde von Ephesus gesetzt (Apg 20,28), aber in späterer Zeit gab es durch die Entzweiung keinen einzigen Ort mehr, wo die ganze Gemeinde gemeinsam zusammenkam. Wenn man jetzt also Älteste anstellen würde, würde man sie höchstens über eine Sekte setzen können – und gemäß der Grundbedeutung dieses Wortes (vgl. den Kommentar zu Tit 3,10.11) ist jede „Kirche“ außerhalb der römischen Kirche eine Sekte; die römische Kirche kann jedoch genauso wenig „Bischöfe“ anstellen (abgesehen davon, dass sie keine Berechtigung dazu hat), weil sie nicht die vollzählige christliche Kirche ist.

  3. Welche Gaben haben die Ältesten nötig? 

    Das ist eine wichtige Frage, weil sie uns zum Unterschied führt zwischen den biblischen Ämtern und dem, was im Neuen Testament „Gaben“ genannt wird. Wir haben gesehen, dass Epheser 4 sagt, dass Christus der Gemeinde Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer „gegeben“ hat. Diese Personen sind der Gemeinde als „Gaben“ zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus gegeben worden (Eph 4,8.11.12). In 1. Korinther 12 lesen wir, dass Gott sie in der Gemeinde „gesetzt“ hat (nicht angestellt). Aber diese Gaben, die Christus gibt, außerhalb des Menschen, haben nichts mit den Ämtern zu tun, die nicht zur Auferbauung des Leibes Christi dienen, sondern zur Verwaltung des Hauses Gottes. Die große Verwirrung ist in der Christenheit genau dadurch entstanden, weil man diesen Unterschied zwischen Gaben und Ämtern nicht mehr gesehen hat. Es ist direkt gegen die Schrift, von Ämtern eines Propheten oder Lehrers zu sprechen oder von der Gabe des Aufsehers. Man spricht doch auch nicht von dem Amt des Kunstmalers oder der Gabe des Bezirksrichters?

    Natürlich mussten die Ältesten eine Anzahl von wichtigen Qualitätsmerkmalen besitzen, die aber nichts mit „Gaben“ im schriftgemäßen Sinn zu tun haben, sondern äußerlich und sittlich sind (vgl. 1Tim 3,1-7; Tit 1,5-9): Sie beziehen sich auf die Familie, Lebensführung und Erfahrung des Betreffenden. Für das Amt war jedoch keine Gabe nötig, obwohl es natürlich möglich war, dass ein Aufseher gleichzeitig die Gabe eines Lehrers hatte, was aber unabhängig voneinander war. Das geht deutlich aus 1. Timotheus 5,17 hervor: „Die Ältesten, die wohl vorstehen, lass doppelter Ehre für würdig erachtet werden, besonders die, die in Wort und Lehre arbeiten.“ Es gab demnach Älteste, die wohl vorstanden, aber nicht in Wort und Lehre arbeiteten, einfach deshalb, weil sie dafür keine Gabe besaßen. Diese Gabe hatte also mit ihrem Amt nichts zu tun. Das ergibt sich auch dadurch, dass es viele andere geben konnte, die lehrten, während sie ganz und gar keine Aufseher waren. 1. Timotheus 2,11 schließt nur die Frauen vom Lehren aus, so dass alle Männer, ob Aufseher oder nicht, lehren konnten (insofern sie dafür natürlich eine Gabe hatten). Bei Paulus und Apollos sehen wir das beispielsweise auch: Sie lehrten in den Gemeinden, waren aber an keinem einzigen Ort Aufseher (abgesehen von der apostolischen Autorität, die Paulus über alle Gemeinden hatte).

    Wir lesen zwar in 1. Timotheus 3,2 und Titus 1,9, dass die Aufseher lehrfähig und in der Lage sein sollten, zu ermahnen. Aber hier geht es nicht um die Gabe des Lehrers, der dazu fähig ist, in den Zusammenkünften der Gemeinde das Wort Gottes auszulegen; denn was hat die Auslegung des Wortes mit dem Vorstehen der Gemeinde zu tun? Wenig. Die Ältesten mussten die Fähigkeit haben, um zum Zweck ihres Vorsteherdienstes zu lehren, das heißt, dass sie selbst das Wort Gottes angenommen und befolgt hatten und jetzt durch ihre Lebenserfahrung imstande sein sollten, auch anderen dieses Wort als Lebensregel vorzustellen. Sie erhielten nicht den Auftrag, zu lehren (so wie ein Lehrer ihn von Christus empfängt, um in der Gemeinde zu lehren), sondern wenn sie mit dem Wort ermahnen konnten, war das eine förderliche Eigenschaft für ihre Aufgabe als Vorsteher. Diesen Unterschied sehen wir auch bei Stephanus und Philippus. Die Gemeinde und die Apostel stellten sie als Diakone ein – also in ein Amt –, aber Christus hatte eine höhere Aufgabe für sie, die völlig außerhalb des Amtes und noch viel mehr außerhalb jeder menschlichen Einwirkung (selbst von Aposteln) lag: nämlich zu predigen. Philippus wird ein Evangelist (Apg 21,8) – und das ist eine Gabe.

Wir sehen also, dass es wichtige, fundamentale Unterschiede zwischen Gaben und Ämtern gibt, die wir wie folgt zusammenfassen können:

  • (a) Die Gaben dienen der Auferbauung des Leibes Christi und haben damit eine organische Funktion (Röm 12,5-8; 1Kor 12,4-31; Eph 4,7-16). Die Ämter dienen der Verwaltung des Hauses Gottes und haben daher eine organisatorische Funktion (1Tim 3,1-15).

  • (b) Jemand hat eine Gabe einzig und allein aufgrund der Tatsache, dass Christus sie ihm gegeben hat, das heißt ohne menschliche Einwirkung. (Wer machte Markus und Lukas zu Propheten? Wer machte die Zwölfe und Paulus zu Aposteln? Wer machte Philippus zum Evangelisten?) Dagegen hat jemand ein Amt durch die Anstellung oder Sanktionierung der Apostel oder ihrer Bevollmächtigten.

  • (c) Die Gaben sind universell, das heißt, sie sind der ganzen Gemeinde gegeben und nicht einer örtlichen Gemeinde. Paulus war Lehrer der Nationen (2Tim 1,11) und lehrte in allen Gemeinden. Lehrer und Hirten können ihre Gabe in jeder Gemeinde ausüben, je nachdem wie der Herr es führt. Dagegen ist das Amt nur für die örtliche Gemeinde. Man ist nur Ältester oder Diakon von Ephesus, Philippi oder welcher Gemeinde auch immer, aber niemals darüber hinaus. Wir lesen jedoch nie, dass jemand Lehrer einer bestimmten Gemeinde war.

  • (d) Die Gaben würde es so lange geben, wie die Gemeinde auf der Erde ist. Denn sie bestehen, bis die Gemeinde zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus gekommen ist (Eph 4,13), und dieser Zustand wird auf der Erde nie erreicht. Bis zum Ende haben wir den Dienst (nicht mehr die Personen!) der Apostel und neutestamentlichen Propheten in den Schriften des Neuen Testaments, und bis zum Ende wird es Evangelisten, Hirten und Lehrer zur Auferbauung des Leibes geben. Dagegen bestand das offizielle Amt nur in der Anfangszeit, als es noch Apostel gab, die anstellten, und als das Wort Gottes noch nicht vollständig offenbart war. Doch hat Gott bis heute für Brüder gesorgt, die die Aufgaben von Aufsehern und Diakonen ausüben können.

  • (e) Wenn über den Verfall der Gemeinde im Neuen Testament gesprochen wird, dann steht das nicht in Verbindung mit der Gemeinde als dem Leib Christi, sondern mit dem Haus Gottes (1Pet 4,17; vgl. 1Tim 3,15 und 2Tim 2,20.21). Der Leib spricht von der organischen Einheit der Gläubigen in Christus, wogegen das Haus von dem äußerlichen christlichen Zeugnis auf der Erde spricht. Im Letzteren ist Verfall möglich. Darin kann es sowohl Gefäße zur Ehre als auch zur Unehre geben. Die Gaben stehen mit der Gemeinde als dem Leib Christi in Verbindung, die Ämter dagegen mit dem Haus Gottes und deshalb haben sie auch Bezug zum Verfall der Gemeinde. In der Anfangszeit trug die Anstellung ins Amt dazu bei, dem Bösen in der Gemeinde entgegenzutreten, als der Verfall Einlass fand: Die ersten Diakone wurden anlässlich des Murrens der griechisch sprechenden Juden in der Gemeinde angestellt, und die Aufseher in Kreta wurden vor allem angestellt, um die vielen Widersprechenden zu überführen. Später entstand die umgekehrte Situation: Hier gab Gott das Amt nicht länger (nach dem Abscheiden der Apostel und der Ältesten gab es keine von Gott sanktionierten Ältesten mehr), und zwar ebenfalls aus dem Grund, dem Bösen entgegenzutreten, allerdings jetzt dem klerikalen Bösen: Gott wollte nicht zulassen, dass der Mensch sich auf das Amt etwas einbildete und sich über seine Brüder erhob und seine Autorität über das inzwischen vollendete Neue Testament stellte.

Aber es nützte nichts. Als Gott keine Ältesten mehr gab, begannen die Gemeinden, selbst ihre Ältesten anzustellen, obwohl die Schrift ihnen dafür keinerlei Berechtigung gab. Das war der erste Fehler. Der zweite Fehler entstand, als man den Unterschied zwischen Gaben und Ämtern aus den Augen verlor und die Aufseher nach und nach mit den Hirten und Lehrern gleichsetzte. Dann kam der dritte Fehler: Die Anzahl Aufseher in einer Gemeinde ging allmählich auf einen einzigen Aufseher zurück (oder man erhob einen Aufseher als Primus inter Pares [„Erster unter Gleichen“]), der gleichzeitig der eine Lehrer war; anschließend war die Verwirrung perfekt. Laut Eusebius (Kirchengeschichte, Teil 3) war Ignatius bereits im Jahr 70 Bischof von Antiochien, nach Petrus und Euodius.

Von einem Heiligen Geist, der benutzt, wen Er will, gab es nur noch eine geringe Vorstellung. Von einem Christus, der allein die Gaben ohne menschliche Einwirkung gab und der ausschließlich durch seine Apostel das Amt verlieh, wusste man nichts mehr. Zudem: Wo spricht die Schrift von einem Aufseher in einer Gemeinde? An keiner Stelle! Immer wird in der Mehrzahl gesprochen, sei es in Jerusalem, Ephesus, Philippi, den Städten Kleinasiens oder den Städten Kretas. Die Entstehung der Geistlichkeit und des Laientums in der Gemeinde ist das Werk des Menschen, des Fleisches. Es ist durch den Judaismus inspiriert und sozusagen über den christlichen Leisten geschlagen worden. Aber Gott hat kein Teil daran. Wie kommt es nur, dass so wenige Christen das einsehen? Nicht deshalb, weil so wenige noch bereit sind, sich dem Wort Gottes völlig zu unterwerfen und sich alleine durch dieses Wort leiten zu lassen?

Zum Abschluss noch eine kurze Bemerkung über den Unterschied zwischen der Gabe des Hirten und dem Ältestenamt. Beide liegen dicht bei einander (die Ältesten sollten die Herde Gottes weiden, Apg 20,28; 1Pet 5,2), und doch wäre es undifferenziert, sie synonym zu verwenden beziehungsweise zu sagen, dass der Älteste die Gabe des Hirten haben müsste. Selbst diejenigen, die den Unterschied zwischen Gaben und Ämtern wohl kennen, verwechseln oft Hirten und Älteste. Der Unterschied liegt in dem Unterschied zwischen Gaben und Ämtern selbst. Die Ältesten sollten die Herde weiden, die bei ihnen war (1Pet 5,2), was ganz klar örtlich ist. Dagegen sind die Hirten der ganzen Gemeinde gegeben (Eph 4,11), und ihr Hirtendienst erstreckt sich hin zu allen Gläubigen, das heißt zu allen, zu denen der Herr ihren Dienst lenkt. Diese umfassende Fürsorge kommt vor allem in hirtendienstlichen Schriften zum Ausdruck, die wir von ihnen besitzen. Die Ältesten tragen als Älteste allein örtliche Verantwortung. Petrus war ein Hirte, der die Schafe und Lämmer (im Allgemeinen) weiden sollte (Joh 21,15-17). Es scheint mir, dass die Aufgabe des Hirten mehr seelsorgerlich und die des Aufsehers mehr leitend war. Aber es liegt nahe beieinander, denn Christus ist sowohl Hirte als auch Aufseher der Seelen (1Pet 2,25), und wenn Petrus, der Hirte war, sich an die Ältesten richtet, nennt er sich selbst den Mitältesten und Christus den Erzhirten (1Pet 5,1-4).


Dieser Artikel ist ein Auszug aus einem Kommentar von W. J. Ouweneel über den Titusbrief: De brief van Paulus aan Titus

Übersetzung: Stephan Keune

Letzte Aktualisierung: 14.05.2017

Weitere Artikel des Autors Willem Johannes Ouweneel (60)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...