Gemeindelieder
Brauchen Lieder Korrektur?

William Kelly

© SoundWords, online seit: 04.12.2012, aktualisiert: 27.10.2016

Vorwort der Redaktion:

Die Bedeutung und der Einfluss von Gemeindeliedern werden häufig unterschätzt. Oft singen wir Lieder viel zu gedankenlos und erfreuen uns nur am vierstimmigen Gesang oder an der Melodie, ohne uns bewusst zu sein, wie stark Lieder unser Denken und unsere Überzeugungen prägen oder beeinflussen, da sie immer wieder gesungen werden. Einige Lehren lassen sich besser durch Lieder als durch Predigten verbreiten. Wir sollten bedenken, dass Liedtexte nicht von Gott inspiriert sind; sie sind von Menschen geschrieben und drücken eine biblische Wahrheit oder Empfindungen deshalb oft nur einseitig oder sogar falsch aus. Es ist gut, die Texte von Zeit zu Zeit zu hinterfragen. Dieses Hinterfragen sollte nicht mit liebloser Kritik verwechselt werden, sondern kann Ausdruck geistlichen Wachstums sein. Möglicherweise müssen die Texte angepasst werden, wenn wir erkannt haben, dass sie nicht mit der im Wort Gottes offenbarten Wahrheit übereinstimmen.

Nicht nur in unserer Zeit, sondern auch bereits im 19. Jahrhundert zu Anfang der „Brüderbewegung“ gab es unter den „Brüdern“ immer wieder Revisionen von Liederbüchern. Es fällt auf, wie wichtig es einigen Brüdern war, dass der Liedtext mit der im Wort Gottes offenbarten Wahrheit übereinstimmte. Selbst kleinere Abweichungen wurden korrigiert, denn die tiefsten Empfindungen der Gläubigen sollten nicht mit Falschem in Verbindung stehen. So schrieb J.N. Darby 1865 an R.T. Grant:

Lieder sind wichtiger, als wir oft meinen, denn unsere Zuneigungen können auf religiösem Gebiet mit dem beschäftigt werden, was falsch ist. [1]

Im Vorwort zu einer Neuausgabe des Gemeindegesangbuchs Spiritual Songs schrieb Darby 1881:

In vielen Liedern offenbaren die dort ausgedrückten Empfindungen zwar echte Gottesfurcht, aber sie sind mit Aussagen verbunden, die zwar keine der großen grundlegenden Wahrheiten antasten, die aber dennoch nicht schriftgemäß sind. Dadurch werden die besten Empfindungen mit unbiblischen Gedanken verbunden, und das führt zu einer wirklichen Schädigung der Seele. Solche unbiblischen Gedanken sind zum Beispiel Heilsunsicherheit und das Fehlen des Geistes der Sohnschaft oder einer hellen Hoffnung, dass wir nach unserem Tod in der Herrlichkeit sind. Das sollten lediglich Beispiele sein, denn dies gilt auch für viele andere Punkte. Manche Leute sind ziemlich ärgerlich, wenn sie ein Lied nicht mehr singen sollen, an dem sie Gefallen gefunden haben, das ihre Hoffnungen und Empfindungen jedoch verbunden hat mit etwas, was nicht biblisch ist. Viele solcher Lieder wurden bisher aus der Liedersammlung entfernt, aber es bleibt immer noch einiges zu tun. [2]

G.V. Wigram editierte 1856 das Gesangbuch der Brüder Little Flock Hymn Book. Über die Grundsätze, die ihm bei der Revision des Liederbuchs wichtig waren, schreibt er Folgendes:

Ich wurde 1856 gebeten, einige in Gebrauch befindliche Gesangbücher sorgfältig zu prüfen. Das Überprüfen war einfach; schwierig dagegen war, mein Urteil ehrlich und zugleich dennoch nicht unfreundlich zu äußern. Nach reiflicher Überlegung beschloss ich, mein Urteil zu äußern, indem ich ein Liederbuch vorschlug, das für den heutigen Bedarf besser geeignet ist als alle, die ich kenne. Jetzt müssen andere entscheiden, inwieweit mir das gelungen oder auch nicht gelungen ist. Ich darf hinzufügen, dass meine Grundsätze bei der Arbeit die folgenden waren:

  • I. Abändern so wenig wie möglich und so behutsam wie möglich. Aber,
  • II. nicht zulassen, dass irgendetwas übrigbleibt von:
    • (1) falscher, fehlerhafter oder mangelhafter Lehre – koste es, was es wolle;
    • (2) dispensationalen Ungereimtheiten;
    • (3) mangelndem Festhalten an der Wahrheit bzw. den offenbarten Wahrheiten;
    • (4) Unklarheiten oder Mehrdeutigkeiten zwischen dem, was wahr und was nicht wahr ist; und
  • III. so viele neue Gemeindelieder hinzufügen, wie der Herr mir ermöglichen würde.

Ich überlasse meine Arbeit nun dem Herrn.
G.V. W[igram]. [3]

Im Folgenden geben wir Ausschnitte wieder aus W. Kellys Artikel „On Hymns“ [4] über seine 1894er Revision des Gesangbuchs Little Flock Hymn Book, das Wigram 1856 editiert hatte. Wir beschränken uns dabei auf die Teile seines Artikels, die entweder allgemeine Grundsätze für die Auswahl von Gemeindeliedern betreffen oder uns als gute Beispiele dafür erschienen; die englischen Lieder, auf die Kelly sich dabei bezieht, sind im deutschen Sprachraum sicherlich von geringerem Interesse. Wigram erfuhr bei der 1856er Revision Hilfe von einigen Brüdern und – von Kelly, der damals ein junger Mann von 34 Jahren war. Als Kelly 1894, also fast vierzig Jahre später, diese Revision kritisierte und Fehler korrigierte, hatte er in der Zwischenzeit so viel an Erkenntnis gewonnen, dass er sich nicht scheute, (womöglich eigene) fehlerhafte, falsche Aussagen zu korrigieren – wohl ein „gewisser Beweis“ dafür, dass er „Fortschritte“ gemacht hatte, wie er einmal selbst (in einem anderen Zusammenhang) formulierte. [5] Dies sollte auch uns anregen, Liedtexte hin und wieder auf ihre Aussagen zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern, wenn wir „Fortschritte“ im geistlichen Wachstum gemacht haben.

 


 

Gemeindelieder

Viele haben Probleme mit dem Liederbuch von 1856 und seiner Revision. Daher werden einige Worte, die das Licht der offenbarten Wahrheit beisteuern, hier sicherlich helfen können. „Die Weisheit von oben aber ist erstens rein, dann friedsam, milde, folgsam, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt“ [Jak 3,17].

An wen richten sich Anbetungslieder?

Anbetungslieder richten sich an Gott in sich selbst und in seinen Beziehungen, in seiner Gnade und Heiligkeit, in seinen Eigenschaften und seiner Barmherzigkeit, in seinen Ratschlüssen und seinen Wegen usw. Sie richten sich auch an unseren Herrn Jesus in seiner Person und seinen Ämtern, seinem Werk, seiner Liebe, seiner Herrlichkeit, seinem Kommen und seinem Reich usw.

Lehrmäßige Aussagen in Anbetungsliedern?

Wenn Gott oder der Herr in Preis oder Danksagung angesprochen wird, müssen lehrmäßige Aussagen natürlich vermieden werden, obwohl tatsächlich nichts die Gläubigen mehr belehren und ermahnen kann als solche Herzensergüsse unter der Leitung des Heiligen Geistes. In einem Anbetungslied sucht man nach dem erhabenen Ausdruck der Gemeinschaft, der aus wahrer, tiefer Geistlichkeit entsteht, oder man sucht nach der lieblichen Einfachheit, um die Gnade und Wahrheit zu preisen. Solche Schlichtheit in Anbetung und Dankbarkeit ist Gott und seinem Sohn angemessen und Ihm wohlgefällig. Lieder, die sich an die Gläubigen oder auch an die Gemeinde richten, sind keine Anbetungslieder (natürlich keine Regel ohne Ausnahme). Das gilt auch für Lieder, die unsere Glaubenserfahrung ausdrücken, und natürlich für Lieder mit Evangeliumscharakter. Das mögen hervorragende Lieder sein, vielleicht sogar besser als einige Lieder, in denen wir Gott direkt loben und preisen. Aber der Unterschied ist nun einmal vorhanden und sollte die ansonsten guten Lieder von den Anbetungsliedern trennen.

Eine lehrmäßige Aussage (wie in den Liedern Nr. 18, Nr. 64 usw.) hat eigentlich kein Recht auf einen Platz im Liederbuch. Das gilt auch für das Lied von Watts (Nr. 30). Es ist unpassend, weil es eine kurze Predigt ist mit einem hymnischen Vorwort und Ende. (Auch Haweis’ Lied Nr. 32 mit seinen sehr subjektiven Empfindungen ist unpassend.) Sind für die Anbetung der Gemeinde etwa Liedverse angebracht, die „Jesus!“ in lehrmäßiger Weise beschreiben oder uns den Unterschied zwischen der levitischen Haushaltung und dem Christentum klarmachen wollen? […]

Liedtexte ändern?

Was den dichterischen, schriftstellerischen Gesichtspunkt eines Liedes betrifft: Zweifellos ist es eine Frage der Achtung dem Autor gegenüber, seine Worte so wiederzugeben, wie sie ursprünglich oder zuletzt aus seiner Feder geflossen sind (denn einige der wertvollsten Lieder wurden oft durch den Autor selbst verändert). Solange der Autor lebt, kann es schwierig werden, Änderungen vorzunehmen, falls er sich weigert, diesen Änderungen zuzustimmen – Änderungen, die nach dem Urteil geistlich kompetenter Männer für den öffentlichen Gebrauch jedoch wünschenswert sind. Aber wenn er heimgegangen ist, sollten persönliche Gefühle vor höheren Anforderungen zurücktreten. Warum sollte man in der Anbetung der Gemeinde auf ein schönes Lied verzichten müssen, nur weil es einen Irrtum enthält, der ziemlich leicht zu korrigieren wäre? Oder warum sollten die Gläubigen gezwungen sein, ein Lied zu singen, das in einem schwerwiegenden Punkt Anstoß gibt? Wenn man durch eine Veränderung nichts gewinnt, sollte man bei der Ausdrucksweise des Autors bleiben […].

Ehrfurcht vor Gott

Aber die Ehrerbietung, die die Schrift lehrt und bildet, ist der wichtigste Faktor: Sonst wird Gott nicht würdig geehrt, und den Gläubigen wird unbewusst, aber doch tatsächlich geschadet. Wie unangebracht ist es auch, den Herrn nur mit seinem persönlichen Namen [Jesus] anzureden, ohne einen Titel der Ehrerbietung zu gebrauchen! Diese Gewohnheit stammt aus dem frühen Niedergang des Christentums; sie ist über die Lieder der Mönche zu den Herrnhutern und schließlich zu fast allen gekommen. Das ist ein ernstes Problem, und das Liederbuch von 1856 ist voll von solchen Beispielen. […] Dieser Mangel [an ehrerbietiger Anrede] erfordert allseits Sorgfalt, besonders in einer Zeit der Leichtfertigkeit, die in zunehmendem Maße von wahrer Ehrerbietung und Ehrfurcht – selbst unter Christen – weit entfernt ist.

Unsere christliche Stellung

Wahrheit wiederum hat mindestens die gleiche Bedeutung für ein Lied [wie Ehrerbietung]. Nehmen wir ein frühes und harmloseres Beispiel: „Söhne und Töchter“ (in Lied 3). Drückt das die christliche Beziehung aus? Der Apostel bezieht sich in 2. Korinther 6 auf Jesaja 43,6; 52,11 und andere Schriftstellen, um dem Christen die Absonderung vom Bösen in jeder Form und jeder Weise als Bedingung für seine Beziehung mit Gott aufzuerlegen. Paulus erklärt dort überhaupt nicht, was speziell für uns als Christen gilt (wo männlich und weiblich verschwunden ist). Ebenso wenig will er das lange Leben auf der Erde in Epheser 6 christlichen Kindern als Motiv für den Gehorsam im Herrn ihren Eltern gegenüber vorstellen. […]

  • Anmerkung der Redaktion:
    Dieser Punkt („Söhne und Töchter“) ist zwar nicht von fundamentaler Bedeutung, und auch Kelly selbst bezeichnet ihn als „harmlos“. Dennoch zeigt er einen Grundsatz, der Kelly bei der Überarbeitung leitete: Formulierungen, die zum Beispiel die Stellung der alttestamentlichen Gläubigen beschreiben, sollten beim Gesang in der Gemeinde nicht benutzt werden, wenn es Ausdrücke gibt, die dem höheren christlichen Stand besser entsprechen. In Christus ist – was die Stellung des Gläubigen betrifft – die Geschlechtertrennung aufgehoben, hier ist „nicht Mann und Frau“ (Gal 3,28). Jeder Gläubige ist „zuvor bestimmt … zur Sohnschaft“ (Eph 1,5). Diese Sohnschaft hat nichts zu tun mit einer bestimmten Geschlechtszugehörigkeit, sondern ist Ausdruck dessen, dass der neutestamentliche Gläubige – männlich oder weiblich – in die Stellung eines volljährigen, erbberechtigten Sohnes versetzt ist. (Im Alten Testament konnten Töchter normalerweise nicht erbberechtigt sein.) Diese Stellung vor Gott haben wir als seine Kinder „in Christus“ erhalten; sie reicht über das Sohn- oder Tochtersein des AT-Gläubigen weit hinaus.

    Auch auf manche Psalmvertonungen trifft zu, dass die christliche Stellung nicht verstanden wird. Dies wird besonders dort deutlich, wo es große Unterschiede im Bezug auf das Heilsverständnis gibt: bei den AT-Gläubigen auf der einen und bei den Christen auf der anderen Seite. Wir wollen dies beispielhaft an zwei Liedern aus dem Liederbuch Loben zeigen:
    • So heißt es in dem Lied „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ (Loben Nr. 334) in der 2. Strophe: „Sei mir gnädig …, tilge meine Sünde“ (nach Ps 51,1). Diese Bitte um Gnade ist typisch für einen Gläubigen des Alten Testaments. Der Gläubige heute kann dagegen in dem Bewusstsein leben, in der Gnade zu stehen (Röm 5,2).
    • In dem Lied „Create in me a clean heart“ (Loben Nr. 56) kommt in der Bitte des Psalmdichters, Gott möge ihn nicht verwerfen (Ps 51,13), zum Ausdruck, es sei möglich, dass Gott uns verwirft. Heilssicherheit (dass der Christ nicht mehr verlorengehen kann) gehört jedoch zu den grundlegenden Tatsachen des Christentums.

Es wird zur Schande derer sein, die jetzt sorgfältig an der geplanten neuen Ausgabe, die mittlerweile im Druck ist, arbeiten, wenn nicht ein besseres und korrekteres Liederbuch dabei herauskommt. […]

Stilistische Fragen

Die einzige Frage ist nur, ob das Lied nicht noch eine Strophe braucht, um es zu Ende zu bringen: Denn ein Lied sollte einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss haben. […]

  • Anmerkung der Redaktion:
    Auch hier wird ein weiterer Grundsatz Kellys deutlich: Es ging ihm bei der Überarbeitung des Liederbuchs nicht nur um lehrmäßige oder fundamentale Fragen, sondern er achtete selbst auf stilistische Dinge. Heute sind wir häufig schon „zufrieden“, wenn ein Lied keine groben Irrtümer enthält.

Unterschiede in der geistlichen Reife der Gläubigen

Es gibt noch eine andere Überlegung, die bei einem Liederbuch für den Gebrauch in der Gemeinde sehr wichtig zu beachten ist: Es sollte, im wahren Sinn des Wortes, „katholisch“ (= allgemein, allumfassend) sein. Einerseits verdient kein Lied einen Platz im Liederbuch, das nicht die angemessene Ehrerbietung [Gott gegenüber] zeigt oder das gegen die offenbarte Wahrheit verstößt. Andererseits sollten aber auch Lieder vorhanden sein, die der unterschiedlichen geistlichen Reife sowie dem Befinden und seelischen Zustand der Glieder des Leibes Christi angepasst sind. Kein Lied sollte unter das herabsinken, was einem Christen angemessen ist, der das Licht und den Frieden des Evangeliums genießt. Aber die Gemeinde ist einerseits berechtigt, in ihren Liedern die höchste Form des Lobpreises auszudrücken, die der Heilige Geist im Herzen erwecken kann. So jemand weiß um die Gnade Christi, um die Frucht davon in unserer Vereinigung mit Ihm, um seine Herrlichkeit in der Höhe mit der Liebe des Vaters und des Sohnes oder um die vielfältigen Wege, in denen der Geist Gottes die Tiefen Gottes offenbart. Andererseits: Da die Gnade auch immer über die Bedürfnisse der Seelen, über die Segnung und die Freude der Jüngsten in der Familie Gottes wacht, sollte sich das auch in vollem Umfang in einem Liederbuch widerspiegeln, und zwar dadurch, dass es genügend geeignete Lieder für die Anbetung dieser Gläubigen gibt. Es sollten nicht zu wenig solcher lieblichen und einfachen Danklieder vorhanden sein, in die solche, die gerade um die Vergebung ihrer Sünden wissen und „Abba, Vater“ rufen, von Herzen einstimmen können zum Lobpreis des Heilandes und ihres Gottes und Vaters. Selbst die Kindlein der Familie Gottes werden, wie wir alle aus 1. Johannes 2,14a wissen, durch ihre Kenntnis des Vaters charakterisiert; und das ist nicht verwunderlich, denn sie haben die Salbung von dem Heiligen und kennen die Wahrheit.

Prüfung anhand des Wortes Gottes

Aber es gibt auch eine gefährliche Weite: Sie erlaubt bloße Gefühlsregung oder falsche Ausdrücke, die eine lange Tradition haben, aber doch gegen Christus und die Schrift gerichtet sind. Die Rückkehr zum Judentum oder zu einer fleischlichen Gesinnung war immer das Verderben des Christen und der Kirche. Wie kann man meinen, dass man in einem Lied mit Recht etwas dulden könne, was das Heil anzweifelt, die Hoffnung schwächt, die Gegenwart des Heiligen Geistes leugnet oder eine irdische Wohnstätte für den Christen beansprucht? Es gab eine Zeit, in der wir gewohnt waren, ohne schlechtes Gewissen das Lied „Seit das helle Unterpfand seiner Liebe so dieses öde Land erhellt“ (Since the bright earnest of His love so brightens all this dreary plain) aus unserem Liederbuch Hymns for the Poor of the Flock zu singen. Aber als die Wahrheit besser bekannt wurde, konnten wir diesen Irrtum nicht mehr rechtfertigen, und dieser Text wurde zu Recht geändert in „Seit die gesegnete Erkenntnis …“ (Since the blest knowledge …). Wer nun – außer einer eigenwilligen Person, die Gottes Wort geringschätzt – wollte daran zweifeln, dass diese Korrektur notwendig war?

  • Anmerkung der Redaktion:
    Der folgende Auszug aus Kellys Artikel „Jesus and the Ressurection“ (Bible Treasury, Bd. 15, S. 164-167, 178-183) erklärt sein scharfes Urteil:
    Erinnert ihr euch an die Zeilen des Liedes „Seit das helle Unterpfand seiner Liebe so dieses öde Land erhellt“? Wir hatten uns daran gewöhnt, diese Zeilen zu singen, aber heute können wir sie nicht mehr singen. Und ich bin ziemlich froh darüber, weil es ein gewisser Beweis ist, dass wir Fortschritte machen. Denn das Sammeln und Zusammenstellen alter Gemeindelieder oder [allgemein ausgedrückt] irgendwelcher menschlicher Dinge ist eine Art Messgerät, ob man auf dem richtigen Weg geht oder nicht – ob die Wahrheit Gottes einen dazu bringt, die Worte von Menschen zu beurteilen. Ihr wisst natürlich, dass diese Lieder, so schön wie viele zweifellos auch sind, trotzdem Menschenwerk sind. Ich bezweifle nicht, dass der Geist Gottes mit der Dichtung vieler Lieder zu tun hatte. Da kam genauso seine Gnade zu Hilfe, wie es heute geschieht, wenn wir ein Gebet sprechen oder eine Auslegung geben. Dennoch waren sie nicht inspiriert und sollten korrigiert werden, wenn wir das entsprechende Licht empfangen.Sehen wir uns zum Beispiel den Vers an, den ich eben angeführt habe über das Unterpfand seiner Liebe. Könnten wir das heute singen? Nein, denn Er hat uns schon die Fülle seiner Liebe kundgetan. Da reden die Leute von „dem Unterpfand der Liebe“ Gottes. Aber uns wurde der Heilige Geist als „Unterpfand unseres Erbes“ gegeben. Was das Erbe anbelangt, so werden wir beim Kommen Christi zusammen mit Ihm über das Weltall als Erben Gottes und Miterben Christi (Braut des Bräutigams, Eva des himmlischen Adams) gesetzt werden. Jedes Glied, das zum Leib gehört, also folglich alle Christen, wird öffentlich über alle Dinge erhöht werden; die Gemeinde wird diese Autorität mit Christus teilen. Schon heute ist uns der Heilige Geist als Unterpfand dieses Erbes gegeben, aber es wird nie gesagt, dass Er das Unterpfand der Liebe Gottes ist. Wenn es so ein Unterpfand seiner Liebe gäbe, dann bedeutete das, dass ich jetzt nur ein kleines bisschen von dieser Liebe bekomme und ein größeres Teil dazu, wenn ich im Himmel bin. Aber die Liebe Gottes ruht schon heute vollkommen auf dem Gläubigen. „Die Liebe, mit der du mich geliebt hast“ [Joh 17,26]: Ist das etwa ein Unterpfand? Ist es nicht die Fülle der Liebe? Das ist das, was der Christ besitzt, und konsequenterweise sagt Paulus: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen“ [Röm 5,5]. Er sagt nicht: „Das Unterpfand der Liebe ist ausgegossen in unsere Herzen.“ Daher sollten wir das Lied auch nicht in dieser Form singen.
  • Hieran sehen wir, dass es wichtig ist, alles anhand des Wortes Gottes zu prüfen und entsprechend zu urteilen, gleichgültig, ob der Dichter das missbilligt oder nicht. Auch in heute in Gebrauch befindlichen Liederbüchern werden öfters Elemente der Wahrheit nicht richtig dargestellt.
    • So findet man in etlichen Liedern den unbiblischen Gedanken der „allgemeinen Versöhnung“, dass der Herr bereits für alle Schuld bezahlt und alle Sünden aller Menschen bereits getragen habe. Diesen Gedanken finden wir zum Beispiel in folgenden Liedern:
      • In dem Lied „Für mich gingst Du nach Golgatha“ (2. Strophe; Glaubenslieder Nr. 519): „Für mich trugst Du die Dornenkron’, / für mich warst Du von Gott verlassen. / Auf Dir lag alle Schuld der Welt, / auch meine Schuld; ich kann’s nicht fassen.“
      • In dem Lied „Jesus ist kommen“ (3. Strophe; Glaubenslieder Nr. 237): „Jesus ist kommen, ein Opfer für Sünden; / Sünden der ganzen Welt trägt dieses Lamm.“
      • In dem Lied „Seht her, sein Knecht“ (3. Strophe; Loben Nr. 338): „Fürwahr, er trug die Missetat, die ganze Schuld der Welt.“

      Wenn wahr wäre, was in diesen Liedern gesungen wird, dann wäre Gott ungerecht, wenn Er die Sünden derjenigen, die verlorengehen, zwei Mal strafen würde: zuerst an Christus und dann noch einmal an ihnen. Gott würde damit auch zum Ausdruck bringen, dass das Werk Christi nicht ausreichend gewesen wäre.

    • Auch die Lehre von der Entrückung vor der „Stunde der Versuchung“ (vgl. Off 3,10) hat kaum noch Platz in modernen Liedern:
      • Das Lied „Keiner weiß wann“ (Loben Nr. 305) beispielsweise spricht nur noch von einem einzigen Kommen des Herrn gleichzeitig für Gläubige und Ungläubige: „Alle werden dich sehen.“
      • Auch das Lied „Wenn er kommt“ (Loben Nr. 108) unterscheidet nicht das Kommen des Herrn in die Wolken zur Entrückung der Gläubigen und sein Wiederkommen auf die Erde in Herrlichkeit. Nach den Aussagen dieses Liedes werden wir, die Gläubigen, den Herrn erst sehen, wenn Er in Macht und Herrlichkeit erscheint: „Wenn du kommst, schließt unser Warten, wenn du kommst, dann sehn wir dich“ (5. Strophe).
        In evangelikalen Kreisen gewinnt die Irrlehre, das zweite Kommen Christi sei ein einziges Ereignis, leider immer mehr Anhänger. Man glaubt, das zweite Kommen habe nicht zwei Phasen (nämlich die Entrückung und die mindestens sieben Jahre später stattfindende Erscheinung des Herrn in Macht und Herrlichkeit), sondern die Entrückung und die Erscheinung fänden gleichzeitig statt.

    • Eine noch schlimmere Irrlehre findet sich in dem Lied „Gott wurde arm für uns“ (Loben, Nr. 117) in der 3. Strophe: „Von der Krippe bis zum Tod … trug Gott unsere Sünde.“ Nicht Gott hat die Sünde getragen und wurde „arm für uns“, sondern Jesus Christus als Mensch. Auch ist es eine böse Sache, dem Herrn Jesus, der rein, heilig und in völliger Gemeinschaft mit seinem Gott über diese Erde ging, Sünde anzuheften vor den drei Stunden der Finsternis, in denen Er am Kreuz die Sünde gesühnt hat.

Ungeeignete Formulierungen

„Erhebe dein Angesicht und leuchte über uns“ – das ist genau der Segen, den der jüdische Priester verkündete, und sicherlich nicht der Ausdruck der christlichen Stellung. Und ganz gewiss ist „Ich bin oft beschwert hier, Herr“ keine geeignete Formulierung für ein christliches Lied, nicht einmal für christliche Erfahrung.

  • Anmerkung der Redaktion:
    D
    ies mag manchem Leser vielleicht unverständlich erscheinen. Es wird jedoch verständlicher, wenn man berücksichtigt, dass, nach dem Wunsch der Brüder damals, die Texte der Gemeindelieder der christlichen Stellung entsprechen sollten. Für uns als Christen gilt: Die Hilfsquellen Gottes stehen immer zur Verfügung, und der Heilige Geist kann wirken. Dann ist die typisch christliche Erfahrung: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“ (Phil 4,13). Der Liedtext sollte den Blick des Christen grundsätzlich auf diesen Gedanken lenken. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Lied auf die Gefahren des Müdewerdens aufmerksam macht und dann die Hilfsquellen vorstellt – siehe zum Beispiel Hebräer 12,3 (vgl. Off 2,3).

Das sinkt noch unter die Stellung Israels, deren Füße während der vierzig Jahre der Wüstenwanderung nicht geschwollen waren und die die Verheißung haben, dass sie laufen und nicht müde werden, wandeln und nicht ermatten [Jes 40,31]. Es war einmal anders bei uns; aber Christus hat uns Ruhe gegeben, und wir finden Ruhe für unsere Seelen, denn sein Joch ist sanft und seine Last ist leicht. […]

Lied 81 beginnt mit „Arm des Herrn“. Das ist ein tröstliches Wort an die Juden, die sich bald in ihrer letzten Drangsal befinden werden. „Ewiges Wort“ dagegen stimmt mehr mit der Offenbarung des Neuen Testamentes überein. […]

  • Anmerkung der Redaktion:
    Kellys Kritik an dem Ausdruck „Arm des Herrn“ bedeutet nicht, dass wir Stellen des Alten Testaments nicht auf uns anwenden dürften. Er hielt es bei der Überarbeitung des Liederbuchs jedoch für richtig, das Gute durch das Bessere zu ersetzen; das heißt, er war bestrebt, solche Stellen zu ersetzen durch (auch vom Takt her passende) andere Formulierungen, die der christlichen Stellung und der neutestamentlichen Offenbarung mehr entsprechen. In unseren modernen Liedern haben wir dagegen mit viel ernsteren Fragen zu tun: Oft werden „Christus“, „Gott“, „Vater“, „Lamm“ unterschiedslos verwendet, um im Versreim oder im Taktmaß zu bleiben oder weil man nicht gelernt hat, die Personen der Gottheit zu unterscheiden. Beispiele: Gott wird als das Lamm besungen („Du bist würdig“, Glaubenslieder Nr. 520, 2. Strophe), oder es heißt, dass Gott arm wurde für uns (in dem oben schon erwähnten Lied „Gott wurde arm für uns“). Doch nicht Gott ist das Lamm und wurde arm für uns, sondern der Herr Jesus.

Mangelnde Ehrfurcht

In Lied 100 haben wir „lieber“ ersetzt durch „gepriesener“ (was man als notwendig bezeichnen könnte). „Lieber“ (in der zweiten Zeile) in Bezug auf den Herrn klingt zu vertraut. Ebenso haben wir „[unser] Jesus“ in der letzten Zeile jeder Strophe ersetzt durch „[unser] Retter“. Hat jemand die Kühnheit, den Ausdruck „unser Jesus“ als schriftgemäß zu verteidigen? Strophe 3 kann man also in der Gemeinde nicht singen. […]

  • Anmerkung der Redaktion:
    Das klingt für uns sicherlich sehr extrem, weil man es heute gewohnt ist, einfach nur „Jesus“ zu sagen oder zu schreiben statt „Herr Jesus“. In den Briefen der Apostel finden wir dagegen kaum eine einzige Schriftstelle, wo nur von „Jesus“ ohne weiteren Zusatz die Rede ist. In dem deutschen Liederbuch Kleine Sammlung Geistlicher Lieder wurden in den letzten Jahren Anpassungen vorgenommen, die die Ehrfurcht der „Brüder“ in der Anrede der göttlichen Personen widerspiegeln. Dieser Grundsatz sollte auch heute in einer Zeit der geistlichen Verflachung und Oberflächlichkeit weiterhin berücksichtigt werden. So könnte man zum Beispiel in dem Lied „Welch ein Freund ist unser Jesus“ (Glaubenslieder Nr. 313) das Wort „unser“ vor „Jesus“ durch „der Herr“ zu ersetzen.

Anbetung „in Wahrheit

Bei der Überarbeitung eines Liederbuchs gibt es viele Schwierigkeiten. Wenn die offenbarte Wahrheit – und so sollte es sein – die alles überragende Bedingung für unseren Ausdruck der Anbetung ist (wie übrigens auch in allen anderen Bereichen), dann ist es schwierig, die Wunde zu heilen, die in einem bekannten und beliebten Lied entsteht, ohne dass man eine allzu leicht erkennbare Narbe hinterlässt. „Es ist Unsterblichkeit“ ist leider so zweideutig – vor allen Dingen in diesen Tagen zunehmender Laxheit –, dass eine einwandfreie Alternative notwendig zu sein scheint.

  • Anmerkung der Redaktion:
    Ähnlich missverständlich ist auch die Formulierung „dass wir Reben sind an seinem Leib, sein Leben durch uns fließt“ (nach Joh 15,5) in dem Lied „Unser Herr sagt uns in seinem Wort“ (Loben Nr. 216). Hier wird nicht unterschieden zwischen dem Leib Christi und dem Weinstock, so dass der Gedanke aufkommt, dass Glieder des Leibes Christi, die Leben aus Gott haben, dieses wieder verlieren können, so wie die Rebe, die keine Frucht bringt, hinausgeworfen wird und verdorrt und dann im Feuer verbrennt. Für Vertreter der Verlierbarkeit des Heils ist diese Interpretation von Johannes 15,1-8 ein wichtiges Argument.

„Welch Freud’, sein Angesicht zu sehn“ hört sich schroff an gegenüber dem früher so glatten Original; aber es wurde in Ermangelung eines besseren Ausdrucks übernommen. Es ist schwer, zu glauben, dass jemand die Korrektur der Strophen 3 und 4 nicht vorzieht, einmal abgesehen von jemand, der sich gegen alle Änderungen sträubt. Es gibt noch eine andere Tatsache, die uns bewusst sein sollte: Auch der Fähigste wird nicht jeden zufriedenstellen können, während der am wenigsten Kompetente, der keine Erfahrung hat, sich leicht selbst auf die Schulter klopfen kann, dass er oder sein Freund es besser können als alle anderen. […]

  • Anmerkung der Redaktion:
    Vielleicht kann der ein oder andere die Kritik Kellys nicht in allen Punkten nachvollziehen und meint, das sei doch „alles übertrieben“ und „nur Haarspalterei“. Einige Kritikpunkte Kellys lassen sich sicher leichter verstehen, wenn bestimmte Wahrheiten aus der Schrift richtig verstanden werden. So ist heute in großen Teilen der Christenheit zum Beispiel die Kenntnis über die Wahrheit von der besonderen himmlischen Stellung des Christen verlorengegangen und wird nicht verstanden. Unserer Ansicht nach können viele Kritikpunkte Kellys nur recht verstanden werden, wenn man den Unterschied sieht zwischen der Stellung des alttestamentlichen Gläubigen und der des Christen. Hierzu möchte unser Buch Der vergessene Reichtum eine Hilfe sein.

    Andere Kritikpunkte Kellys legen den Finger auf wunde Punkte, an denen es in der Christenheit auch heute vielfach krankt: an (1) Gottesfurcht; an (2) fundierter biblischer Lehre bzw. an persönlichem Bibelstudium, so dass zum Beispiel oft nicht zwischen Israel und der Gemeinde und zwischen den Personen der Gottheit unterschieden wird. (3) Außerdem darf eine „fleischliche Gesinnung“ – das heißt, dass wir an bestimmten Liedern „Gefallen“ gefunden haben (wie Darby oben schreibt) – kein Beweggrund bei der Auswahl der Lieder sein. Die Messlatte sollte stets sein: Stimmen die Texte mit der offenbarten Wahrheit überein?

    Anhand von einigen Beispielen haben wir auch aufgezeigt, welche fragwürdigen oder gar unbiblischen Gedanken durch das (vor allem aktuelle) Liedgut in die Köpfe der Singenden transportiert werden. Wir glauben, dass es Zeit wird, dass wir uns darüber wieder neu Gedanken machen. Wir sollten dieses Thema ernst nehmen und nicht als Bagatelle abtun. (Noch ein Hinweis: Fast alle der oben erwähnten deutschen Lieder sind übrigens nicht nur in den Liederbüchern Glaubenslieder und Loben enthalten, die in einigen Brüderversammlungen verwendet werden, sondern auch in anderen Liederbüchern.)

    Es geht uns nicht darum, beliebte und musikalisch insbesondere Jugendliche ansprechende Lieder „madig“ zu machen, sondern darum, unser Unterscheidungsvermögen zu schärfen. Welche Beweggründe sollten uns sowohl bei der Auswahl der Lieder für ein neues Liederbuch als auch beim Singen der Lieder leiten? Dass wir an ihnen „Gefallen gefunden haben“ (s.o. Darby) oder dass sie der biblisch offenbarten Wahrheit entsprechen? Dabei müssen die Aussagen des Liedes an sich noch nicht einmal grundsätzlich falsch sein (z.B. Liedtexte über das kommende Friedensreich); wir sollten aber durchaus überlegen, ob zum Beispiel Liedtexte mit AT-Formulierungen oder -Verheißungen für Christen im Gemeindegesang angemessen sind, wenn wir Gott „in Geist und Wahrheit“ anbeten wollen.

Fußnoten:
[1] Letters, Bd. 1, S.  413.
[2] „The 1881 Revision“ auf www.stempublishing.com/hymns/HISTRYLF.html#a4.
[3] „The 1856 Selection“ auf www.stempublishing.com/hymns/HISTRYLF.html#a2.
[4] „On Hymns“, The Bible Treasury, Bd. 20; siehe www.stempublishing.com/magazines/bt/BT20/1894_175_On_Hymns_WK.html.
[5] „Jesus and the ressurection“, Bible Treasury, Bd. 15, S. 164-167, 178-183.
Die Zwischenüberschriften stammen von SoundWords, ebenso die Einfügungen und Anmerkungen in eckigen Klammern.


Hinweis der Redaktion:

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