Ein Schatz und ein Fischernetz
Matthäus 13

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 31.03.2005

Leitverse: Matthäus 13

Ein Schatz und ein Fischernetz

Es geschieht ziemlich selten, dass Brüder in ihren Schriften den Ansichten anderer Brüder „aus unserer Mitte“ widersprechen. Das war schon im 19. Jahrhundert nicht anders als heute. Kürzlich stieß ich aber auf ein seltenes und höchst interessantes Beispiel, wo dies doch geschehen ist. Es betrifft eine schwierige, aber doch sehr wichtige Auslegungsfrage, und zwar die Auslegung des fünften, sechsten und siebten Gleichnisses in Matthäus 13. Um das Problem verständlich zu machen, können einige einleitende Bemerkungen von Nutzen sein.

Das Matthäusevangelium ist das Evangelium des von seinem Volk Israel verworfenen Königs, der deswegen sein verheißenes Königreich nicht vor aller Augen aufrichten kann, sondern bis zur Wiederkunft des Christus ausstellen muss. In der Zwischenzeit bis dahin besteht dieses Königreich nur in einer verborgenen Gestalt. Eben dies wird in den sieben Gleichnissen von Matthäus 13 deutlich gemacht. Christus kündigt hier einen neuen Anfang der Wege Gottes an: Der Same des Wortes wird in den Acker gestreut – das ist nach Vers 38 die ganze Welt. Das „Wort vom Reich“ (Mt 13,19) bleibt nun also nicht mehr auf Israel beschränkt. Der Herr spricht nun in Gleichnissen, weil Israel insgesamt nicht mehr das Recht hat, die Wahrheit des Reiches zu kennen (Mt 13,34.35). Nur die Jünger dürfen die „Geheimnisse des Reiches der Himmel“ (Mt 13,11) kennen; nur sie erfahren auch die Auslegung der beiden ersten Gleichnisse, und außerdem werden das fünfte bis siebte Gleichnis nur zu ihnen gesprochen.

Bei den „Geheimnissen“ des Reiches können wir drei Aspekte bedenken:

  1. Da alle Folgen der Verwerfung des Messias im Alten Testament nicht offenbart sind, war auch die besondere Gestalt des Königreiches nach der Verwerfung des Christus ein für die Alten verborgenes Geheimnis (vgl. Mt 13,35b).
  2. Eine der Besonderheiten des Reiches in dieser neuen Gestalt ist, dass der König „verborgen“ ist (vgl. Kol 3,3); vergleiche auch die Wendung „außer Landes“ in Matthäus 25,15 und siehe auch Lukas 19,12; auch seine heutige Regierung in seinem Reich ist also verborgen: Sie ist nicht öffentlich, sondern findet in den Herzen seiner Jünger statt.
  3. Aber auch innerhalb dieses Reiches gibt es noch ein Geheimnis, das wir in den letzten drei Gleichnissen finden. Das zweite bis vierte Gleichnis beschreibt uns mehr die äußere Form, die das Reich in dem gegenwärtigen Zeitabschnitt allmählich annehmen wird und die den Widerstand des Königs herausfordert, während das fünfte bis siebte Gleichnis uns den „verborgenen“ inneren Wert dieses Reiches für seinen König enthüllt.

Eine Einteilung dieser Gleichnisse kann man auf mindestens zwei verschiedene Weisen vornehmen. Die erste Weise:

  1. Das erste Gleichnis (der Sämann) = Einleitung: Die Saat wird in der Welt ausgestreut, bringt aber nicht überall Frucht. Dabei gibt es zwei Arten von Halmen: solche, die ohne Frucht bleiben, und solche, die Frucht tragen.
  2. Das zweite bis vierte Gleichnis (Unkraut, Senfkorn, Sauerteig) = die äußere Form des Reiches: eine hoffnungslose Vermischung von Gut und Böse. Das Gute ist hier der gesäte Weizen, das gesäte Senfkorn und die drei Maß Mehl. Das Böse ist der Lolch, der entartete Senfbaum mit den Vögeln des Himmels und der Sauerteig.
  3. Das fünfte bis siebte Gleichnis (Schatz, Perle, Schleppnetz) = der innere Wert des Reiches für den König: der im Acker verborgene Schatz, die gesuchte und gefundene Perle, die guten Fische.

Die zweite Einteilungsweise:

  1. Das erste und zweite Gleichnis (Sämann und Unkraut): Der Nachdruck liegt hier auf den individuellen Jüngern; das sind in beiden Gleichnissen die einzelnen unterscheidbaren Halme.
  2. Das dritte und vierte Gleichnis (Senfkorn und Sauerteig): Der Nachdruck liegt auf dem Königreich als Einheit betrachtet: der eine Baum, der eine Teig.
  3. Das fünfte und sechste Gleichnis (Schatz und Perle): Der Nachdruck liegt auf dem König des Reiches, seiner Freude über den entdeckten Schatz und die Perle sowie auf dem Preis, den er dafür bezahlt hat.
  4. Das siebte Gleichnis (Schleppnetz): Der Nachdruck liegt auf der Aktivität der Knechte des Königs, der Vollendung des Königreichs und dem Gericht über die bösen Knechte.

Der Schatz und die Perle

Es darf bei den Lesern als bekannt vorausgesetzt werden, dass wir die in der Christenheit übliche Auslegung des fünften und sechsten Gleichnisses entschieden zurückweisen. Dieser Auslegung gemäß wäre der Mensch, der den Schatz und die Perle findet, ein Bild des Sünders, der alles daransetzen muss, um das Königreich der Himmel zu erwerben. Diese Auslegung ist seit Luther zwar weit verbreitet, kann aber aus etlichen Gründen nicht standhalten.

  1. Kein einziger Sünder sucht von Natur aus das Reich Gottes; vielmehr wird er von Christus gesucht und gefunden.
  2. Diese Auslegung ist vollständig gesetzlich: Muss der Mensch etwa selbst alles „tun“, um das Reich Gottes (bzw. einen Platz darin) zu erwerben? Oder bekommt er es umsonst?
  3. Der „Acker“ kann in Vers 44 nicht etwas anderes bedeuten als was er nach Vers 38 in dem ganzen Kapitel bedeutet: nämlich die Welt. Was sollten wir uns darunter vorstellen, dass der Sünder die ganze Welt kaufen muss, um in das Friedensreich gelangen zu können?
  4. Die Hauptperson ist in diesen Gleichnissen (außer im vierten) immer Christus: Er ist der Sämann, Er ist der Hausherr (Mt 13,27.37). Er ist derjenige, der das Senfkorn säte. Warum sollte der Mensch und der Kaufmann in Vers 44.45 auf einmal nicht Christus sein?
  5. Der Begriff „kaufen“ ist im Neuen Testament immer auf das Erlösungswerk bezogen (1Kor 6,20; 7,23; 2Pet 2,1; Off 5,9).

Die „Brüder“ sind deshalb immer darüber einig gewesen, dass die Hauptperson in dem fünften und sechsten Gleichnis uns Christus vorstellt, der aus Liebe zu den Gläubigen (= dem Schatz und der Perle) alles „verkauft“, was Er hat, sogar sich selbst in den Tod gibt, um sie zu besitzen. Trotz aller Falschheit, die durch die Nachlässigkeit der Christen in das Königreich eingedrungen ist, sind die wahren Gläubigen innerhalb dieses Reiches für Christus ein so kostbarer Schatz, dass Er alles hingibt, um sie zu erwerben (vgl. Phil 2,7; 2Kor 8,9). Dafür kauft Christus den ganzen „Acker“, das ist die ganze Welt. Durch sein Werk am Kreuz hat Christus ein Recht auf die ganze Welt erworben, welches Er ausübt, indem Er die Gläubigen erlöst und die Ungläubigen richtet (vgl. 2Pet 2,1) und indem Er schließlich als Sohn des Menschen über die ganze Welt regiert.

Bis hierhin gibt es keine Schwierigkeit. Aber nun taucht die Frage auf: Wer ist nun genau gemeint mit dem Schatz, der Perle und den guten Fischen? Ist damit ein und dieselbe Gruppe gemeint oder geht es um drei verschiedene Gruppen? Hier gehen die Antworten der „Brüder“ auseinander:

  1. J.N. Darby antwortet: Es handelt sich hier immer um dieselbe Gruppe, nämlich die Versammlung.
  2. F.W. Grant antwortet: Es sind hier drei verschiedene Gruppen gemeint, nämlich der Überrest von Israel, die Versammlung und die Gläubigen aus den Nationen, die nach der Aufnahme der Versammlung durch die große Drangsal gehen.

Es ist nicht nur der Mühe wert, sich zu fragen, wer nun recht hat, sondern auch zu untersuchen, wie in diesem seltenen Fall die Brüder in ihren Schriften auf die Argumente der anderen Brüder eingegangen sind. Man kann wohl sagen, dass beide Sichtweisen Schule gemacht haben. Die Auslegung (a) habe ich außer bei J.N. Darby und W. Kelly auch bei W.J. Hocking, R. Beacon, S. Prod’hom, A. de Jager, F. Kaupp, J.B. Stoney und J.A. Savage gefunden. Auslegung (b) bei F.W. Grant und bei Lehrern aus der Gruppe der sog. „Grant-Brüder“. Daneben wurde diese Auslegung außerhalb unseres Kreises von A.C. Gaebelein begeistert übernommen und wurde in der Folge sehr populär in amerikanischen evangelikalen Kreisen; ich nenne nur zwei Standardwerke: Premillennialism or Amillennialism? von C.L. Feinberg und Things to Come von J.D. Pentecost. Gaebeleins Kommentar über Matthäus wurde auch ins Niederländische übersetzt, wodurch Auslegung (b) auch in den Niederlanden sehr bekannt wurde.

Im Jahre 1868 veröffentlichte W. Kelly seine Lectures on the Gospel of Matthew (Vorträge über das Matthäusevangelium), worin er auf S. 311f. u.a. schrieb:

Das Gleichnis von dem verborgenen Schatz hat nicht vollends deutlich gemacht, welche Bedeutung die Heiligen für Christus haben. Ein Schatz könnte ja aus hunderttausend Gold- und Silberstücken bestehen. Wie könnte dies die Herrlichkeit und Schönheit der Gemeinde abbilden? Der Kaufmann aber findet eine Perle von großem Wert. Der Herr sieht nicht nur die Kostbarkeit der einzelnen Heiligen, sondern die Einheit und himmlische Schönheit der Gemeinde. Jeder Heilige ist kostbar für Christus; aber Er hat „die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben“.

Nach Kelly weist also sowohl der Schatz als auch die Perle auf die Gemeinde hin, wobei der Schatz die unterschiedliche Herrlichkeit jedes einzelnen Gläubigen andeutet, die Perle aber die Einheit der Gemeinde.

1899 veröffentlichte F.W. Grant den Teil seiner Numerical Bible (Zahlenbibel), der die Evangelien beinhaltet. Bei der Behandlung der Gleichnisse von dem Schatz und der Perle zitiert er (ausnahmsweise!) wörtlich diese Worte von Kelly und gibt dagegen zu bedenken, dass diese Auslegung die beiden Gleichnisse nicht hinreichend voneinander unterscheide und sogar einige der auffälligsten Unterschiede nicht berücksichtige. Wenn diese Auslegung richtig sei, so Grant (ohne Kellys Namen zu nennen), dann sei das eine Gleichnis von der Perle wohl ausreichend gewesen. Vielmehr liege es auf der Hand, anzunehmen, dass der Schatz eine andere Kategorie von Gläubigen andeute. Grant denkt dabei an Israel und begründet diesen Gedanken mit folgenden Argumenten:

  1. Wenn mit der Perle die himmlischen Gläubigen gemeint sind, dann liegt bei dem Schatz der Nachdruck offensichtlich auf einem irdischen Volk, wegen der Erwähnung des Ackers (= Welt); dies kann dann nur Israel sein.
  2. Israel hat zwar seinen König verworfen und das Königreich hat damit eine „verborgene Gestalt“ angenommen; aber die vorübergehende Aussetzung Israels von dem im AT verheißenen Segen ist selbst wiederum eins der „Geheimnisse“ des Königreichs, wie aus Römer 11,25 zu erkennen ist, so dass es allemal Grund gibt, der verborgenen Beziehung Israels zu dem Königreich innerhalb der sieben Gleichnisse einen Platz einzuräumen.
  3. Nach der englischen Übersetzung wird Israel im AT Gottes „besonderer Schatz“ genannt (2Mo 19,5; Ps 135,4; im Deutschen: „Eigentum“).
  4. Als der Herr in das Seine kam, war sein „Schatz“ verborgen in dem Acker der Welt, d.h. unter die Völker zerstreut. Er entdeckte diesen Schatz, musste aber zuerst „für das Volk sterben“ (Joh 11,50), um es besitzen zu können.
  5. Der ganze „Acker“ musste gekauft werden, damit Israel in dieser Welt dereinst als der Schatz Jahwes ans Licht gebracht werden kann.
  6. Nachdem der Kauf abgeschlossen ist, wird zunächst weiter nichts mit dem Schatz getan; das Gleichnis hört hier einfach auf. Das Ende (= die zukünftige Herrlichkeit Israels) gehört schließlich nicht zu den „Geheimnissen“.

Grant hatte diese Sichtweise schon viel früher publiziert, und zwar in dem Buch The Mysteries of the Kingdom of Heaven (Die Geheimnisse des Reiches der Himmel). Im Anschluss daran schreibt Darby 1879 einen Artikel gegen diese Auffassung Grants und sendet ihn an eine mir nicht bekannte Zeitschrift; aber er veröffentlicht ihn auch in The Bible Treasury, Kellys Zeitschrift für Bibelstudium. Dort ist der Artikel im Juli 1879 erschienen (Bd. 12, Nr. 278, S. 298f.) unter dem Titel „A Note on the Similitudes of Matthew XIII, Especially the Treasure and the Net“ (Anmerkung über die Gleichnisse in Matthäus 13, insbesondere über den Schatz und das Netz). Der Artikel ist in dem bekanntermaßen schwierigen Stil Darbys geschrieben, aber nach mehrmaligem Lesen versteht man wohl, wie er argumentiert. Zunächst legt Darby großen Nachdruck auf die Einheit der sechs Gleichnisse vom Königreich der Himmel, d.h. die Gleichnisse zwei bis sieben, die alle mit den Worten beginnen „Das Reich der Himmel ist gleich einem …“

Darby stellt zunächst fest, dass dies Königreich der Himmel in jedem der sechs Gleichnisse wesentlich immer ein und dieselbe Sache vorstellt, wenn auch diese eine Sache im Vergleich unter verschiedenem Gesichtspunkt gesehen wird. Wenn man allerdings sagt, dass der Schatz Israel bedeute, die guten Fische dagegen die Gläubigen aus der Großen Drangsal, dann

  1. zerstört man diese Einheit und den Zusammenhang, indem das eine „Königreich der Himmel“ dann viermal auf die Christenheit hindeutet, zweimal aber auf etwas völlig anderes.
  2. vergisst man, dass Israel und die gläubigen Heiden aus der Zeit nach der Entrückung der Versammlung nicht zum heutigen Zeitabschnitt („Haushaltung“) gehören, sondern zur zukünftigen Haushaltung, d.i. zum Königreich des Sohnes des Menschen.

Halten wir allerdings fest an der Einheit der sechs Gleichnisse, sagt Darby, dann sehen wir in den ersten drei die äußerlich erkennbaren Wirkungen des Evangeliums in dieser Welt und in den letzten drei, was Gott in diesem Reiche sieht. Das Erstere ist die Folge der Verantwortlichkeit des Menschen, das Letztere das Ergebnis der Absichten Gottes. Nirgendwo wird von irgendeinem Element gesprochen, das außerhalb der irdischen Geschichte der Christenheit liegt. Darby bekräftigt diesen Gedanken mit dem Hinweis auf den großen Unterschied zwischen dem Gleichnis vom Unkraut und der Auslegung dieses Gleichnisses. Das Gleichnis selbst bleibt völlig innerhalb der Geschichte des christlichen Zeugnisses auf Erden und endet damit, dass das Unkraut gebündelt wird (Mt 13,30) – was nach Darby die Zubereitung zum Gericht unter der Vorsehung Gottes darstellt, was wir heute in der Endzeit auch schon wahrnehmen können; parallel dazu das Einbringen des Weizens in die Scheune Christi (= nach Darby die Aufnahme der Versammlung). Erst bei der Auslegung des Gleichnisses (Mt 13,36-43) zeichnet der Herr diese Linien weiter: Der Weizen wird dann nicht mehr erwähnt (er ist schon in der Scheune); das Unkraut (= die Gottlosen) wird aus dem Reich des Sohnes des Menschen gesammelt und verbrannt, die Gerechten aber leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters – womit die irdische und die himmlische Seite des Friedensreiches vorgestellt wird, welches wohl zu unterscheiden ist von dem (heutigen) Königreich der Himmel. Die Gleichnisse selbst aber, so Darby, sprechen nie über das, was zum Reich des Sohnes des Menschen gehört; und dazu gehört eben auch die Wiederherstellung Israels sowie die Einführung der gläubigen Heiden aus der Großen Drangsal, denn die Gleichnisse beziehen sich ausdrücklich nur auf das Königreich der Himmel. Und somit können sich auch die Gleichnisse vom Schatz und vom Fischernetz nur auf die Christenheit beziehen.

In Bezug auf den Schatz fügt Darby noch einige besondere Argumente hinzu:

  1. Das Judentum und Israel sind nie als ein verborgener Schatz oder als Geheimnis des Königreiches bezeichnet worden.
  2. Der Herr brauchte nichts aufzugeben, um Israel zu besitzen; Er kannte es schon als sein Volk und Eigentum in dieser Welt. Er kam in das Seine, auch wenn die Seinen Ihn nicht annehmen wollten.
  3. Wenn Er wiederkommt, wird Er Israel annehmen und damit auch die ganze Welt in Besitz nehmen; nicht umgekehrt: die Welt erkaufen, um dadurch Israel zu besitzen. Auf keine Weise, meint Darby, hat der Herr die Welt genommen, um Israel zu bekommen.

Nach reiflicher Überlegung wähle ich einen Standpunkt, der zwischen Darby und Grant liegt, wenngleich meine Position doch deutlich dichter bei Darby liegt. Selbstverständlich will ich meinen eigenen Standpunkt so bescheiden wie möglich formulieren. Schließlich geht es hier um ein Thema, über das selbst so tief in der Schrift gegründete Brüder nicht zu gleicher Auffassung gelangt sind, so dass große Vorsicht geboten ist. Wenn hier also auch der Versuch unternommen wird, eine eigene Position vorzutragen, dann soll dies nicht als das Ende allen Widerspruchs betrachtet werden, sondern als bescheidener Beitrag zum Gedankenaustausch, der meinen Brüdern zur Erwägung vorgelegt wird.

Bei Darbys Standpunkt schätze ich vor allem sein erstes Argument (a): die Einheit dieser Gleichnisse. Es geht immer um das eine Königreich und um die eine Gruppe der „Söhne des Reiches“ (Mt 13,38). So geht es z.B. im dritten und vierten Gleichnis um genau dieselben Personen – wie verschieden die Gleichnisse auch sind –, und so muss es auch in dem sechsten und siebten Gleichnis sein. Sein zweites Argument (b) finde ich schwächer: Tatsächlich bezieht sich der Ausdruck „Königreich der Himmel“ in Matthäus 13 niemals auf das zukünftige Friedensreich des Sohnes des Menschen, aber dennoch sind doch wohl alle Gläubigen aus der Zeit vor dem Friedensreich, folglich auch diejenigen aus der Großen Drangsal, „Söhne des Königreichs der Himmel“. Deshalb glaube ich mit Darby und Kelly, dass sich der Schatz, die Perle und die guten Fische immer auf ein und dieselbe Gruppe beziehen. Im Gegensatz zu ihnen würde ich unter dieser einen Gruppe aber nicht allzu schnell und ausschließlich die Versammlung verstehen. Diese kommt nämlich erst in Kapitel 16 ins Visier; hier in Kapitel 13 ist ausdrücklich von den „Söhnen des Reiches“ die Rede – und dieser Ausdruck ist weiter gefasst als die Versammlung. Innerhalb dieses Begriffs ist durchaus Raum für die Gläubigen aus Israel und aus den Völkern zur Zeit der Großen Drangsal. (Man beachte: dies ist etwas ganz anderes als das, was Grant darunter versteht: Er macht aus dem Schatz, der Perle und den guten Fischen drei verschiedene Kategorien! Ich möchte höchstens zugeben, dass in der Perle wohl ziemlich deutlich die Versammlung in ihrer Einheit und Herrlichkeit in den Vordergrund tritt. Es geht mir dann aber doch wieder zu weit, wenn man, wie Kelly, es so darstellt, dass die Perle auf den himmlischen Charakter der Gemeinde hinweise. Wenn wir so reden, greifen wir der Offenbarung Gottes voraus.)

Ich möchte nun konkreter auf Grants Argumente eingehen und folge dabei sukzessive seinen sechs Argumenten:

  1. Der Unterschied zwischen der himmlischen Gemeinde (der Perle) und dem irdischen Volk Israel (dem Schatz) ist, wie soeben dargelegt, in diesem Zusammenhang kein Thema. Die Erwähnung des Ackers (der Welt) ist auch kein Problem, denn die „Söhne des Reiches“ befinden sich ja noch auf der Erde, verborgen in dieser Welt.
  2. Die Verwerfung Israels nach der Ankunft des Messias war in gewissem Sinn wohl ein Geheimnis (s. aber z.B. Micha 4,14–5,2; Jes 8,14-18; Sach 11,7-14), aber deswegen noch kein „Geheimnis des Königreichs der Himmel“. Diese Verwerfung geht vielmehr der Geschichte des Königreichs der Himmel voraus, und die Geschichte der Verwerfung Israels ist unabhängig davon und läuft parallel zu der Geschichte des Reiches.
  3. Die Übersetzung „besonderer Schatz“ in der englischen Übersetzung kann nicht herhalten, um das Wort „Schatz“ in dem Gleichnis auf Israel anzuwenden, da dieses hebräische Wort viel eher „Eigentum“ bedeutet (wie es in der niederländischen, deutschen und der Darby-Übersetzung heißt).
  4. Gerade die Tatsache, dass Christus „in das Seine“ kam (Joh 1,11), zeigt deutlich, dass Er den Schatz nicht zu kaufen brauchte, denn er gehörte Ihm bereits. Wohl musste Er die Gläubigen aus Israel von ihren Sünden erlösen (Mt 1,21), aber solches „Zurückkaufen“ aus der Macht der Sünde ist nicht dasselbe wie etwas durch Kauf zu erwerben, was Ihm vorher noch nicht gehörte. Außerdem setzt Grant das „Zerstreutsein“ (unter die Völker) allzu schnell gleich mit „verborgen“ (in dem Acker). Israel war in den Tagen des Herrn keineswegs verborgen, dafür die Gemeinde aber um so mehr. Das ist gerade das Schöne in diesem Gleichnis: Hier wird nicht von Säen und Ernten gesprochen, um dadurch die Gemeinde zu bilden, sondern von einem Schatz, der in den Augen Gottes schon von Anfang an in dem Acker vorhanden war! Als noch niemand diesen Schatz wahrnehmen konnte, hat Christus – und Er allein! – ihn entdecken können. Hier liegt auch ein Unterschied zu der Perle: Der Schatz wird („zufällig“) gefunden, die Perle aber wurde (zielbewusst) gesucht. Bei der Perle geht es um die Versammlung, die Christus schon vor Grundlegung der Welt kannte und die Er nun zielstrebig auf Erden suchen wollte. Bei dem Schatz geht es um die Versammlung als etwas, das Er auf der Erde sozusagen als „Überraschung“ antrifft, nachdem Israel Ihn verworfen hat.
  5. In der ganzen Schrift ist niemals die Rede davon, dass Christus jemals die ganze Erde hätte kaufen müssen, um so Israel erwerben zu können; es war schon sein Eigentum, völlig unabhängig von dem Rest der Welt. Bei der Gemeinde ist es total anders: Sie wird aus der ganzen Welt, aus allen Völkern gesammelt. Der Vater hat dem Sohn Gewalt über alles Fleisch gegeben, damit Er einigen das ewige Leben geben könnte (Joh 17,2).
  6. Auch die Tatsache, dass der Schatz in dem Acker bis heute noch ein verborgener ist, kann ebenso gut auf die Gemeinde angewandt werden. Auch sie ist heute noch „verborgen“ in dieser Welt. Das hat nichts zu tun mit der unbiblischen Idee einer „unsichtbaren Kirche“, sondern damit, dass die Herrlichkeit der Gemeinde (ihre Kostbarkeit als Schatz) in dieser Welt noch nicht ans Licht gebracht worden ist.

Zusammenfassend weise ich noch auf drei Unterschiede hin, die wenigstens zwischen dem Schatz und der Perle bestehen:

  1. Der Schatz wird gefunden, die Perle aber wird gesucht. Das Erste hat mit den Wegen Gottes zu tun, das Zweite mit seinen Ratschlüssen.
  2. Der Schatz ist eine Sammlung von vielen verschiedenen Kostbarkeiten, die Perle ist eine einzige Kostbarkeit. Das Erste weist auf die Kostbarkeit aller einzelnen Gläubigen hin, das Zweite auf die der Gemeinde insgesamt.
  3. Bei dem Schatz liegt der Nachdruck mehr auf dem Platz der Gemeinde in der Welt, bei der Perle mehr darauf, was sie für den Kaufmann bedeutet.

Das Schleppnetz und das Unkraut

Kommen wir nun zu dem Gleichnis vom Schleppnetz, dem siebten in Matthäus 13, und folgen wir wieder der Erörterung von Grant und Darby. Wir erinnern uns, dass Grant der Ansicht war, der Schatz sei ein Bild von Israel und die guten Fische von den Gläubigen aus den Nationen, die durch die Große Drangsal gehen müssen, während Darby glaubte, sowohl der Schatz als auch die guten Fische und die Perle seien Bilder von der christlichen Gemeinde. Zuerst geben wir noch einmal die Argumente von Grant wieder:

  1. Dieses Gleichnis kann sich nicht auf die Gemeinde beziehen, weil der Herr in seiner Auslegung dieses Gleichnis auf die Vollendung des Zeitalters bezieht, welche wir ja nicht miterleben.
  2. So wie der Schatz (Israel) der Gemeinde vorausgeht, so folgt das Schleppnetz nach der Gemeinde: Es ist die Sammlung der Gläubigen aus den Völkern – nach der Aufnahme der Gemeinde.
  3. Bei der Aussonderung der angelandeten Fische sind keine Menschenhände beteiligt, sondern nur die Hände von Engeln.
  4. In der Geschichte der Christenheit gibt es niemals einen Moment, in dem die Bösen aus der Mitte der Gerechten herausgesondert werden (wie in Mt 13,49); in der Christenheit ist es genau anders herum: Der Weizen wird zuerst in die Scheune gebracht, erst danach wird das Unkraut verbrannt.

Natürlich gibt es keinerlei Meinungsverschiedenheit über die Frage, ob es nach der Aufnahme der Gemeinde tatsächlich eine Evangeliumsverkündigung unter den Heidenvölkern geben wird. Darüber redet die Schrift deutlich genug (z.B. Mt 24,14; Off 14,6.7), sie spricht von einer großen „Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen“ (Off 7,9). Dies sind auch die Schafe, die zusammen mit den Böcken vor dem Thron der Herrlichkeit des Sohnes des Menschen erscheinen (Mt 25,31-46). Über diese Tatsachen sind Grant und Darby und auch wir der gleichen Auffassung. Worum es hier geht, ist allein die Frage, ob sich das Gleichnis auf diese Tatsachen bezieht oder nicht. Darby lehnt dies ab, und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Nach der Aufnahme der Gemeinde ist keine Rede mehr von dem Einsammeln eines Netzes voller Fische. Dann wird es nie mehr vorkommen, dass eine bestimmte Menge guter und schlechter Fische aus den Fischen des Meeres herausgesammelt wird; d.h., es wird in jener Zeit niemals eine von den übrigen Menschen auf der Erde zu unterscheidende Gesellschaft geben, die eine Mischung von wahren und falschen Christusbekennern wäre. Es werden dann überhaupt keine schlechten Fische mehr eingesammelt, sondern nur gute! Und schließlich werden vor dem Thron der Herrlichkeit (Mt 25,31) alle Völker (nicht nur ein „Netz voll“) versammelt und nach Schafen und Böcken geschieden.
  2. Grant setzt hier das Gleichnis selbst mit der Auslegung gleich, die der Herr dem Gleichnis hinzufügt. Aber (sagt Darby) genau wie in dem Gleichnis vom Unkraut geht es in dem Gleichnis selbst um die Frage, was heute in dem Königreich der Himmel geschieht, in der Auslegung aber geht es darum, was in der Vollendung mit den übrig gebliebenen schlechten Fischen passiert. Die Auslegung ist deshalb eigentlich auch keine Auslegung mehr, sondern eher Fortsetzung der Belehrung über das Gleichnis, nun aber nicht mehr gleichnishaft.

Auch in diesem Fall entscheide ich mich letztendlich wieder für eine Position, die zwischen Grant und Darby liegt, allerdings dichter bei Darby. Und auch hier weise ich darauf hin, dass in einer so schwierigen Frage, die von so hochbegabten Brüdern unterschiedlich beurteilt wird, Bescheidenheit und Vorsicht am Platze sind. Auch hier behaupte ich also nicht, letzte Antworten zu wissen, sondern ich möchte nur Stoff zum Nachdenken anbieten.

Zunächst möchte ich wiederum konkret auf die Argumente von Grant eingehen:

  1. In der Tat spricht Christus über die „Vollendung des Zeitalters“, allerdings nur in der „Auslegung“ des Gleichnisses. In dem Gleichnis selbst gibt es m.E. nichts, das auf diese Vollendung hindeutet. Dies ist der Kernpunkt der ganzen Diskussion, und dieser Punkt muss deshalb im Folgenden auch mit Argumenten gesichert werden.
  2. Wenn der Schatz nicht ein Bild von Israel ist, entfällt auch Grants zweites Argument, so dass sowohl der Schatz, als auch die Perle und die guten Fische dieselbe Gruppe darstellen: die „Söhne des Königreiches“ (Mt 13,38); dies sind alle Gläubigen des jetzigen Zeitabschnitts bis zur Wiederkunft des Sohnes des Menschen.
  3. Auch hier setzt Grant das Gleichnis mit dessen Auslegung gleich, wobei diese „Auslegung“ m.E. viel weiter geht als das Gleichnis. Das Argument hierfür (dass die „Auslegung“ nicht dasselbe behandelt wie das Gleichnis) ist dieses: Die Fischer kümmern sich um die guten Fische, die Engel aber um die schlechten Fische. Das Einsammeln der guten Fische in Gefäße (und das Wegwerfen der schlechten Fische) ist die Arbeit von Menschen heute, das Verbrennen der schlechten Fische ist Aufgabe der Engel in der Zukunft, in der Vollendung. Dass dieses Argument für mich von ausschlaggebender Bedeutung ist, soll weiter unten noch deutlicher werden.
  4. Mit seinem vierten Argument markiert Grant in der Tat eine Schwierigkeit in der Auslegung Darbys: Wenn nämlich die schlechten Fische (= die Namenschristen) von der Erde ausgerottet werden, dann werden die Christen ja schon längst von der Erde entrückt worden sein, so dass man schwerlich sagen kann, die Namenchristen würden dann „aus der Mitte“ der wahren Christen aussortiert. Aber wie wir schon früher gesehen haben, liegt die Lösung darin, dass wir hierbei gar nicht von Christen oder Namenchristen sprechen sollten, sondern allgemeiner von den „Söhnen des Reiches“ bzw. von den „Söhnen des Bösen“. Die erste Gruppe schließt sowohl die Gemeinde als auch die Gläubigen nach der Entrückung der Gemeinde ein; die zweite Gruppe umfasst alle unechten Bekenner, die sich auch nach der Entrückung der Gemeinde auf der Erde befinden werden (vor allem das große Babylon).

Zwischen dem Gleichnis vom Unkraut und dem vom Fischernetz gibt es deutliche Übereinstimmungen, aber auch deutliche Unterschiede. Ich möchte zuerst auf die Übereinstimmungen hinweisen.

  1. Der den Weizen sät, ist der Sohn des Menschen; die das Netz auswerfen, sind die Knechte des Herrn. Da gibt es keinen wesentlichen Unterschied.
  2. Der Acker in dem zweiten Gleichnis ist die Welt, und das Meer im siebten Gleichnis ist das Meer der Völker (vgl. Joh 17,12.13.; Off 17,15).
  3. Sowohl der gute Same wie auch die guten Fische stellen die „Söhne des Reiches“ dar, d.h. also die wahren Christen.
  4. Sowohl das Unkraut wie auch die schlechten Fische stellen die „Söhne des Bösen“ vor, d.h. die Namenschristen.
  5. Die Auslegung des Gleichnisses geht in beiden Fällen einen konkreten Schritt weiter als das Gleichnis selbst; sie verfolgt die prophetischen Linien weiter, und zwar über die Geschichte des Königreichs der Himmel hinaus bis zur Vollendung des Zeitalters, d.h. bis zur Wiederkunft Christi. Die Engel (das sind im Gleichnis vom Unkraut die Schnitter, im Gleichnis vom Schleppnetz werden sie nicht ausdrücklich erwähnt) werden dann die falschen Jünger des Königs aus der Mitte der Gerechten, die dann in das irdische Königreich des Sohnes des Menschen eingehen werden, aussondern und sie gemeinsam „in den Feuerofen werfen“ (derselbe Ausdruck in Vers 42 und Vers 50).

Nun die Unterschiede beider Gleichnisse – die gibt es natürlich auch, denn sonst hätte es keinen Sinn gehabt, dieselbe Wahrheit zweimal in verschiedenen Bildern vorzustellen.

Der wichtigste Unterschied liegt in der Aktivität der Knechte/Fischer:

  • In dem Gleichnis vom Unkraut werden wir mit einer hoffnungslosen Vermischung von Weizen und Unkraut konfrontiert. Die Knechte können daran nichts ändern, denn sie würden mit dem Unkraut vielleicht auch guten Weizen herausreißen. Erst in der Erntezeit (ein Begriff, der weiter gefasst ist als „Ernte“) wird der Unterschied zwischen Unkraut und Weizen vollends ans Licht kommen. Die Lektion für die Knechte des Herrn hieraus besteht darin, dass wir nicht imstande sind, die Christenheit von den Namenschristen zu reinigen. In der Kirchengeschichte ist das oft versucht worden, und oftmals hat man dabei auch (oder sogar vor allem!) „Weizen“ ausgerissen. Nur „der Herr kennt, die sein sind“ (2Tim 2,19), und nur Er wird am Ende die vollkommene Scheidung zustande bringen.
  • In dem Gleichnis vom Schleppnetz sind die Fischer nämlich sehr aktiv: Sie werfen das Netz aus, d.h., sie verkündigen das Evangelium, und dabei werden viele Fische aus dem Meer gesammelt und an Land gebracht. Natürlich begegnet der Evangelist dabei unterschiedlichen Stadien im Reifeprozess; auch landen viele schlechte Fische in seinem Netz; vgl. in dem Gleichnis vom Sämann den Samen, der auf felsigen Boden oder unter die Dornen fällt. Halme gibt es genug, aber nur wenige Halme tragen volles Korn in der Ähre (vgl. Mk 4,28). Auch Fische gibt es genug, wenn auch nur wenige gute Fische. Die verdorbenen Fische interessieren den Fischer nicht – er wirft sie einfach an den Strand (später allerdings versehen die Engel den Ordnungsdienst, indem sie die weggeworfenen Fische vom Strand aufsammeln und ins Feuer werfen!). Der Fischer kümmert sich nur um die guten Fische, die er in Gefäße sammelt. Die Lektion für uns, die Diener Christi besteht hierin: Wir können zwar nicht die gesamte Christenheit reinigen, sehr wohl aber können und sollen wir innerhalb des Gesichtskreises unseres eigenen „Fischereibetriebs“ einen Kennerblick entwickeln, um gute Fische zu unterscheiden und sie zu einem gläubigen und treuen Zeugnis innerhalb der Christenheit zusammenbringen (darauf beziehen sich die „Gefäße“). „Der Herr kennt die, die sein sind“ – daran erinnert uns das Gleichnis vom Unkraut. „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit“, das Sich-Wegreinigen von den Gefäßen zur Unehre und das Sich-Versammeln „mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2Tim 2,19-22) – daran erinnert uns das Gleichnis vom Schleppnetz.

Ich will noch auf einen zweiten Unterschied hinweisen, und zwar auf die Art und Weise, mit der beide Gleichnisse auf die Endzeit kurz vor der Aufnahme der Gemeinde anzuspielen scheinen:

  • In dem Gleichnis vom Unkraut wird zuerst das Unkraut in Bündel gebunden, um verbrannt zu werden (das Verbrennen selbst aber findet erst später statt!), noch bevor der Weizen in die Scheune eingebracht wird. Dieses Bündeln des Unkrauts ist keine Tätigkeit der Knechte, sondern der Schnitter, d.h. der Engel; es geschieht also nicht durch die Diener des Herrn, sondern unsichtbar unter der Vorsehung Gottes. So werden in der Endzeit die Bösen in der Christenheit auf diese besondere Weise offenbar; sie werden als Lolch/Unkraut demaskiert. Darüber hinaus werden sie verhärtet und so zubereitet für das Gericht (2Tim 3,9; 2Thes 2,9-12). Was vorher nicht möglich war, ist nun doch möglich geworden: Die Knechte lernen durch dieses vorsorgliche Handeln der Engel Gottes immer deutlicher zu unterscheiden, was Unkraut und was Weizen ist.
  • In dem Gleichnis vom Schleppnetz scheint die Trennung der guten und schlechten Fische insbesondere eine Tätigkeit der Endzeit zu sein. Darby schreibt darüber in seiner Betrachtung über das Matthäusevangelium (Collected Writings, Bd. 24, S. 115):

Wenn das Christentum, wie es tatsächlich geschehen ist, eine bestimmte Menge von Menschen gesammelt hat, die sich dann in dem Netz der Christenheit befinden, sind die Knechte des Christus am Ende der Tage mit dieser Menge beschäftigt, um die Guten darunter in Gefäße zu sammeln (…) Ich glaube, dass dieser Grundsatz immer gilt, wenn das Evangelium in einem Gebiet viele Menschen zusammengebracht hat: Das Ziel des Herrn ist es, die Seinen in abgesonderte Gesellschaften zusammenzufügen. Das Gleichnis aber scheint unmittelbar von dem Ergebnis der Wirkung des Evangeliums zu sprechen – dem Sammeln vieler Personen, die den Namen „Christen“ tragen; danach, als eine zweite Tätigkeit, sortieren sie sie am Strand und sondern die Guten heraus.

  • Auf S. 153 der Collected Writings, Bd. 24, schreibt Darby:

Das Netz hat nicht alle Fische gesammelt, auch nicht das ganze Meer umschlossen, sondern nur ein Netz voll herausgesammelt, und zwar von allerlei Art; und wenn das Netz voll ist, setzen sie sich, sondern die guten heraus und tun sie in Gefäße. Am Anfang (der Christenheit) war der Dienst von anderer Art: Entweder fügte der Herr selbst diejenigen hinzu, die gerettet werden sollten, oder das Wort wirkte individuell. Alle, die kamen, wurden in die Herde aufgenommen, obwohl schon bald falsche Brüder Eingang fanden. Die Gläubigen wurden in Gefäße getan, aber nicht aus einem Netz, gefüllt mit Fischen von allerlei Art. Dies geschieht erst am Ende, wenn tatsächlich ein Netz voll vorhanden ist. Dann erfolgt ruhige und wohlüberlegte Selektion; sie setzten sich, als das Netz an Land gezogen war; als die Arbeit des Einsammelns getan war, nahmen sie die guten heraus und taten sie in Gefäße. Es ging ihnen um die guten Fische (diese waren ihre Zielgruppe), und als fachkundige Fischer suchten sie diese heraus und taten sie in Gefäße. Mit den schlechten Fischen hatten sie nichts zu tun; sie warfen sie weg und sammelten sie nicht in Gefäße. Es genügte, sie wegzuwerfen und sie so am Strand liegen zu lassen. Sie wurden aber auch nicht im Netz gelassen. Durch die Selektion war die Arbeit mit dem Netz erledigt, die schlechten Fische waren verworfen und blieben so am Strand liegen. Das Augenmerk und die Tätigkeit der Fischer richtete sich auf die guten Fische; diese nahmen sie mit wohlüberlegter Sorge aus dem Netz und taten sie in Gefäße. Das volle Netz war nicht mehr da – auch das ist ein ernster Gedanke für sich.

Was Darby mit dieser letzten Bemerkung meint, ist offenbar dies: In der Endzeit gibt es tatsächlich kein volles Netz mehr, d.h., es gibt dann keine Christenheit mehr, in der gute und schlechte Fische völlig miteinander vermischt sind. Viele gute Fische sind aus dem Netz geholt und in Gefäße, d.h. in treue Zeugnisse gesammelt worden, das Netz ist heute sozusagen nur noch „halb“ voll, viele schlechte und wohl auch noch einige gute Fische sind noch im Netz zurückgeblieben, (die Arbeit der Fischer ist noch nicht vollendet und wird vor der Aufnahme der Gemeinde wohl auch nicht vollendet werden). Und dann sind da neben dem halb vollen Netz und den Gefäßen mit den guten Fischen auch noch die schlechten, hier und da am Strand hingeworfen. Sie erinnern uns an die Unkrautbündel, die da so auffallend, wie ein böses Vorzeichen, auf dem Feld liegen. Die Unkrautbündel wie auch die weggeworfenen Fische liegen dort und warten auf die Engel, die bald die große Säuberung ausführen …

Noch eine Bemerkung über die Verbindung zwischen dem fünften, sechsten und siebten Gleichnis. Es ist deutlich, dass die Gleichnisse fünf und sechs mehr Ähnlichkeit miteinander haben als mit dem siebten. Vielmehr sieht es danach aus, dass das siebte zu dem zweiten gehört. Wir haben aber auch einen wichtigen Unterschied zwischen dem zweiten und siebten Gleichnis gefunden, nämlich einerseits die Passivität der Knechte im zweiten Gleichnis – dort geht es ja um den allgemeinen Zustand des Königreichs, in seiner äußeren Form gesehen – und anderseits die Aktivität der Fischer, die auf das Einsammeln der guten Fische zielt. Gerade in dieser Hinsicht ist das siebte Gleichnis sehr nachdrücklich mit dem fünften und sechsten verbunden:

  • Das fünfte und sechste Gleichnis zeigt uns, wie sehr Christus an seiner Gemeinde interessiert ist; das siebte Gleichnis zeigt uns das Interesse der Diener für die Gemeinde.
  • Das fünfte und sechste Gleichnis zeigt uns Gottes Wege und Ratschluss in Bezug auf die Gemeinde; das siebte Gleichnis zeigt, in welchem Umfang die Diener an der Verwirklichung dieser Ratschlüsse in den Wegen Gottes beteiligt sind.

Aus: Bode van het heil in Christus, Jahrgang 127 (April bis August 1984)

Übersetzung: Heiko Remmers

Letzte Aktualisierung: 09.10.2016

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