Ein Brief über Patriotismus

John Nelson Darby

© Soundwords, online seit: 04.03.2017

Für mich ist klar, dass ein Christ, der in seinem Handeln frei ist, niemals Soldat sein könnte, außer sein Maßstab wäre sehr tief und er wäre unwissend über die christliche Stellung. Es ist etwas anderes, wenn jemand dazu gezwungen ist. In einem solchen Fall stellt sich die Frage: Ist das Gewissen derart stark der negativen Seite der Frage zugekehrt, dass jemand nicht Soldat sein könnte, ohne das zu missachten, was die Richtschnur für sein Gewissen ist – Gottes Wort? In diesem Fall tragen wir die Konsequenzen; wir müssen treu sein.

Was mir Kummer macht, ist die Art und Weise, wie der Gedanke des eigenen Landes die Herzen einiger Brüder in Besitz genommen hat. Ich verstehe völlig, dass das Gefühl des Patriotismus im Herzen eines Menschen stark sein kann. Ich denke nicht, dass das Herz zur Zuneigung gegenüber der ganzen Welt fähig ist. Im Grundsatz muss menschliche Zuneigung einen Mittelpunkt haben, dieser ist das „Ich“. Ich kann sagen „mein Land“ und es ist nicht das eines Fremden. Ich sage „meine Kinder“, „mein Freund“, und es ist nicht ein bloßes selbstsüchtiges „Ich“. Jemand, der nicht völlig eigennützig ist, würde sein Leben opfern – alles (nicht sich selbst oder seine Ehre) für sein Land, für seinen Freund. Ich kann nicht sagen „meine Welt“; da gibt es keine Zueignung. Wir machen uns etwas zu eigen, damit es nicht offenkundig um uns selber geht.

Aber Gott macht uns frei vom „Ich“. Er macht Gott, und Gott in Christus, zum Mittelpunkt für alles; und der Christ, wenn er in Übereinstimmung mit seiner christlichen Stellung ist, verkündet schlicht, dass er ein Heimatland sucht – ein besseres, das heißt ein himmlisches Heimatland. Seine Zuneigungen, seine Bindungen, sein Bürgerrecht sind im Himmel. Er zieht sich in dieser Welt in den Schatten zurück, außerhalb des Strudels, der dort strömt, um alles zu verschlingen und mitzureißen. Der Herr ist ein Heiligtum.

Dass ein Christ zögern sollte, ob er gehorsam sein soll oder nicht, verstehe ich: Ich respektiere sein Gewissen; aber dass er sich selber gestatten sollte, von dem mitgerissen zu werden, was man Patriotismus nennt – das ist nicht vom Himmel. „Mein Reich“, sagte Jesus, „ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, hätten meine Diener gekämpft“ (Joh 18,36). Es ist der Geist der Welt in einer ehrbaren und anziehenden Gestalt, doch Kriege kommen aus den „Begierden, die in euren Gliedern streiten“ (Jak 4,1).

Als Mensch hätte ich verbissen für mein Land gekämpft und hätte niemals nachgelassen, Gott weiß es; doch als Christ glaube und fühle ich mich außerhalb von alldem; diese Dinge bewegen mich nicht mehr. Die Hand Gottes ist darin, ich erkenne es. Er hat alles vorherbestimmt. Ich neige mein Haupt vor diesem Willen. Sollte es morgen in England eine Invasion geben, ich würde Ihm vertrauen. Es wäre eine Züchtigung für dieses Volk, das nie einen Krieg gesehen hat, doch ich würde mich unter seinen Willen beugen.

Viele Christen mühen sich auf dem Schauplatz des [Deutsch-Französischen] Krieges; große Geldsummen sind ihnen zugesandt worden. Dies alles lockt mich nicht. Gott sei gelobt, dass so vielen armen Geschöpfen Erleichterung gebracht wurde; doch ich würde die Brüder lieber die Straßen der Stadt aufsuchen und die Armen dort suchen sehen, wo sie tagtäglich zu finden sind. Viel mehr Selbstentsagung, mehr verborgener Dienst liegt in dieser Arbeit. Wir sind nicht von dieser Welt, aber wir sind Vertreter Christi inmitten der Welt. Möge Gott die Seinen in seiner Gnade aufrechterhalten.

1870.


Auszug aus Letters of J. N. Darby, Bd. 2, S. 110

Übersetzung: Ilona Schafroth

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