Die moralische Herrlichkeit des Herrn Jesus (11)
Wie Er sich nicht durch Freundlichkeit blenden ließ

John Gifford Bellett

© SoundWords, online seit: 03.01.2006, aktualisiert: 01.08.2016

Leitverse: Lukas 11; Lukas 7; Matthäus 16; Johannes 20

Der Herr Jesus beurteilte andere Personen nicht, wie dies leider bei uns oft der Fall ist, mit Rücksicht auf sich selbst. Wir sind von Natur geneigt, andere nach der Art und Weise zu beurteilen, wie sie uns begegnen, indem wir ihren Charakter und ihre Arbeit danach beurteilen, wie es unserem Interesse entspricht. Doch der Herr handelte nicht in dieser Weise. Gott ist ein Gott der Erkenntnis; Er wägt alle Handlungen richtig ab, denn Er beurteilt sie alle vollkommen und versteht sie in ihrer moralischen Bedeutung. Und Jesus Christus, das Ebenbild des Gottes aller Erkenntnis, handelte ebenso während der Tage seines Dienstes hier auf der Erde.

Bei dem Pharisäer in Lukas 11

Das 11. Kapitel des Lukas liefert uns ein Beispiel dafür. Bei dem Pharisäer, der den Herrn zu Tisch lud, zeigte sich ein Schein von Freundlichkeit und gutem Willen; aber Jesus war der „Gott aller Erkenntnis“, und als solcher schätzte Er diese Handlung ab nach ihrem wahren Charakter und ihrer sittlichen Bedeutung. Der Honig der Höflichkeit, der beste Bestandteil in dem gesellschaftlichen Leben dieser Welt, konnte den Geschmack und das Urteil Christi nicht verderben. Er erkannte alles an, was vortrefflich war. Die Höflichkeit, die Ihn einlud, beeinflusste das Urteil dessen nicht, der die Waagschalen und Gewichte des Heiligtums Gottes in seiner Hand hielt. Es war der Gott aller Erkenntnis, dem die Höflichkeit der Welt bei jener Gelegenheit begegnen musste; und sie konnte nicht vor Ihm bestehen. Das ist sicher eine beherzigenswerte Lehre für uns!

Die Einladung barg einen wohlüberlegten Plan in sich. Kaum ist der Herr in das Haus eingetreten, so spielt der Hausherr den Pharisäer und nicht den Wirt. Er drückt sein Befremden darüber aus, dass der Herr vor dem Mahl seine Hände nicht gewaschen habe; und der Charakter, den er so zu Anfang annimmt, zeigt sich am Ende in seiner vollen Stärke. Der Herr begegnet diesem Benehmen in durchaus angemessener Weise; denn Er wägt, wie gesagt, alles ab als der Gott der Erkenntnis. Man möchte vielleicht denken, die Ihm erwiesene Höflichkeit hätte Ihm Schweigen auferlegen müssen. Aber Jesus konnte den Pharisäer nicht nur mit Rücksicht auf sich selbst betrachten. Schmeichelei konnte sein Urteil nicht beeinflussen. Er deckt auf und bestraft, und das Ende der ganzen Szene rechtfertigt Ihn. „Als Er aber dies zu ihnen sagte, fingen die Schriftgelehrten und die Pharisäer an, hart auf Ihn einzudringen und Ihn über vieles auszufragen; und sie lauerten auf Ihn, etwas aus seinem Munde zu erjagen“ (Lk 11,53.54).

Bei dem Pharisäer Simon

Sehr verschieden hiervon ist das Verhalten des Herrn im Haus eines anderen Pharisäers, der Ihn ebenfalls zu Tisch geladen hatte (s. Lk 7), denn Simon verbarg keine Nebenabsichten bei seiner Einladung. Freilich schien auch er als Pharisäer zu handeln, indem er die arme Sünderin aus der Stadt bei sich selbst verurteilte und seinen Gast tadelte, weil dieser deren Annäherung duldete. Aber der bloße Schein kann einem gerechten Urteil niemals zur Grundlage dienen. Oft haben die gleichen Worte, je nach den Lippen, die sie aussprechen, einen ganz verschiedenen Sinn. Obwohl deshalb der Herr, der alles vollkommen Gott gemäß abwägt, Simon tadelt und vor sich selbst bloßstellt, so nennt Er ihn doch bei Namen und verlässt sein Haus, wie ein Gast es verlassen sollte. Er macht einen Unterschied zwischen dem Pharisäer in Lukas 7 und dem in Lukas 11, wiewohl Er bei beiden zu Tisch saß.

Bei Petrus

Ebenso zeigt sich der Herr seinem Jünger Petrus gegenüber. In Matthäus 16 gibt Petrus seiner mitfühlenden Liebe zu dem Herrn Ausdruck, indem er sagt: „[Gott] behüte dich, Herr! Dies wird dir nicht widerfahren!“ Aber Jesus beurteilt die Worte des Petrus nur nach ihrem moralischen Wert. Uns erscheint es schwer, so zu handeln, wenn andere sich bemühen, nett gegen uns zu sein. Eine bloß liebenswürdige Natur würde nicht das ernste „Gehe hinter mich, Satan!“ als Antwort auf jene Worte gegeben haben. Aber ich wiederhole, der Herr betrachtete die Worte seines Jüngers nicht einfach als den Ausdruck eines guten Willens und einer persönlichen Zuneigung zu seiner Person, sondern Er richtete sie, wog sie ab in der Gegenwart Gottes und fand sofort, dass sie vom Feinde herrührten; denn er, der sich in einen „Engel des Lichts“ verwandeln kann, verbirgt sich oft hinter höflichen und freundlichen Worten.

Bei Thomas

In derselben Weise handelte der Herr mit Thomas in Johannes 20. Thomas hatte Ihm mit „mein Herr und mein Gott“ gehuldigt. Doch Jesus war selbst durch eine solche Huldigung nicht von der sittlichen Höhe herabzubringen, auf der Er stand und von wo aus Er alles anhörte und ansah. Ohne Zweifel waren die Worte des Jüngers aufrichtig gemeint und kamen aus einem Herzen, das von Gott erleuchtet war und Reue gegenüber dem auferstandenen Heiland fühlte und, anstatt noch länger zu zweifeln, seine Zweifel fahren ließ und anbetete. Aber Thomas hatte sich so lange wie möglich ferngehalten; er hatte das Maß überschritten. Zwar waren alle Jünger bezüglich der Auferstehung ungläubig gewesen. Aber Thomas hatte erklärt, so lange im Unglauben verharren zu wollen, bis er durch sein Gefühl und seine Augen vom Gegenteil überzeugt werden würde. Das war sein moralischer Zustand gewesen. Jesus richtet den und stellt Thomas, wie einst den Petrus, an seinen wahren Platz, indem Er zu ihm sagt: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig sind, die nicht gesehen und geglaubt haben!“ 

Würden in einem ähnlichen Falle unsere Herzen nicht von Erstaunen fortgerissen worden sein? Bestimmt würden sie den Angriffen, die der gute Wille des Petrus und die Huldigung des Thomas auf sie gemacht hätten, nicht widerstanden haben. Aber unser vollkommener Lehrer stand nicht für sich selbst da, sondern für Gott und für seine Wahrheit. So wollten auch in früheren Zeiten die Israeliten der Bundeslade alle Ehre erweisen und sie auf das Schlachtfeld hinausbringen (1Sam 4), indem sie dadurch gewissermaßen ausdrückten, dass in ihrer Gegenwart nun alles gut gehen müsse; aber das genügte nicht für den Gott Israels. Er hatte ganz andere Gedanken. Denn obwohl die Lade in der Mitte Israels war, wurde dennoch das Volk von den Philistern geschlagen. Ebenso wurden Petrus und Thomas getadelt, obgleich Jesus, der immer noch der Gott Israels war, durch sie geehrt wurde.


Aus The Moral Glory of the Lord Jesus Christ


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