Die Lehre des Christus und der Bethesdaismus

William Kelly

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Wir sind gehalten, einander aufzunehmen, doch nur so, wie auch der Christus uns aufgenommen hat: „zu Gottes Herrlichkeit“ (Röm 15,7). Bedeutet das, jemanden aufzunehmen, der die Lehre des Christus nicht bringt, oder jene, die einen solchen zur Verunehrung des Vaters und des Sohnes aufnehmen?

Der Grundsatz, jeden Christen willkommen zu heißen, der als Christ wandelt, steht in Einklang mit der entschiedenen Zurückweisung aller, die seinen Namen verunehren, sei es in moralischer Hinsicht, in der Lehre oder auch ihre Verbindungen. 1. Korinther 5 ist ebenso klar in der Abweisung eines unmoralischen Bekenners wie der zweite Johannesbrief in der Zurückweisung solcher, die den wahren Christus nicht festhalten. Ihre angeblichen guten Eigenschaften sollten nicht als Beglaubigung angesehen werden; das Wort Gottes verbietet es genauso klar, wie die Person und das Werk Christi unsere Unterwerfung fordern. Neutral bleiben, wo die Wahrheit auf dem Spiel steht, bedeutet teilhaben an den bösen Taten seiner Widersacher.

Der zweite Johannesbrief legt entschieden dar, dass es nicht genügt, persönlich im Glauben gesund zu sein. Selbst eine Frau, die auserwählte Frau, und ihre Kinder werden von dem Apostel eindringlich gewarnt im Blick auf ihre unmittelbare Verantwortung, falls sie jemand aufnehmen würden, der die Lehre des Christus nicht brachte. „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf, und grüßt ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken“ (2Joh 10.11). Damit wird vom Heiligen Geist deutlich der Grundsatz niedergelegt, dass selbst die einfachsten Gläubigen, die den Bekenner eines falschen Christus unterstützen, an seinen bösen Werken teilhaben, auch wenn sie selbst die bösen Lehren nicht in sich aufnehmen. So schrecklich es ist, solcher Irrlehre zu verfallen – jeder, der geistlich empfindet, wird spüren, dass in gewissem Sinn derjenige noch schuldiger ist, der die Wahrheit des Christus bekennt und dennoch einwilligt in die Gemeinschaft mit jemandem, der sie leugnet. „Nun aber, da ihr sagt: Wir sehen, bleibt eure Sünde“ (Joh 9,41). Neutralität ist in solch einem Fall eine abscheuliche Sünde, und das umso mehr, je mehr Einsicht vorhanden ist.

Der zweite Johannesbrief beweist somit, dass man dem Sohn Gottes die absolute Zurückweisung dieser schlimmsten Form von Bösem schuldig ist. Das Übel erlaubt kein Zögern und keinen Kompromiss. Wenn die auserwählte Frau eigensinnig und trotz der Warnung des Apostels in ihrem Haus jemand empfangen hätte, der nicht die Lehre des Christus brachte, dann hätte sie sich mit dem Verführer und den Konsequenzen identifiziert. Nutzlos hier der Einwand, sie sei aber doch ein teures Kind Gottes, sowohl im Glauben als im Wandel; das geschriebene Wort nennt sie nichtsdestoweniger eine Teilhaberin „an seinen bösen Werken“. Und Gottes Wort ist besser als alle unsere Erwägungen und Gefühle. Sie hätte, aus welchem Beweggrund auch immer, wissentlich nicht gehorcht und zusammen mit ihrem Haus gegenüber Christus Hochverrat begangen. Sie hätte mehr oder weniger gutgeheißen, was im höchsten Maß den Herrn der Herrlichkeit verleugnet und verunehrt hätte. Sie wäre deshalb moralisch an dieser Sünde mitschuldig gewesen, bis sie sich vor Gott und seinen Heiligen davon gereinigt hätte. Je mehr Licht sie hatte, umso schlimmer wäre gewesen, sich wie ohne Licht zu verhalten. Sie unter diesen Umständen zu empfangen, würde bedeuten, sich in ähnlicher Weise an der betreffenden Bosheit zu beteiligen, auch wenn Leute zu ihrer eigenen Schande darüber spötteln mögen. Sie so zu empfangen (an der Leugnung des Sohnes beteiligt), hieße in Wirklichkeit, dem Vater Schande zu machen, weil es schamlose Gleichgültigkeit gegenüber der Beleidigung seines Sohnes bedeutete. „Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht“ (1Joh 2,23). „Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat“ (Joh 5,23).

Von Anfang an haben die sogenannten „Brüder“ gezeigt, dass sie kirchlich Böses nicht auf die leichte Schulter nehmen, indem sie sich von allen unschriftgemäßen Gruppierungen trennten, auch wenn Christen dazugehörten. Aber sie haben sich bis jetzt geweigert, Gleichgültigkeit gegenüber dem Christus Gottes auf die gleiche Stufe zu stellen wie Verstöße gegen die Einheit oder gegen die Zucht in der Versammlung. Parteigeist auf beiden Seiten mag danach streben, alles zusammenzuwerfen. Doch es ist genauso unschriftgemäß und unheilig, kirchliche Vergehen derart hochzuspielen (darin verschulden sich alle Sekten), wie eine krasse und fluchwürdige Verleugnung Christi zu verharmlosen, die nur die schlimmste Feindschaft gegen Gott kennzeichnet. Sein Wort rechtfertigt und verlangt diese Unterscheidung. Daran hat bis jetzt kein nüchterner Gläubiger gezweifelt und tut das auch jetzt nicht, sofern er nicht von wertlosen Theorien oder Engherzigkeit in Folge einer falschen Stellung irregeführt worden ist.

Die böse Lehre gegen Christus, die uns seit fast fünfzig Jahren den größten Kummer bereitet hat, besteht darin, dass Ihm nicht nur unsere Schuld zugerechnet wurde und Er stellvertretend litt, sondern dass Christus als Mensch und Israelit zudem in einen Zustand hineingekommen sei, der Ihn von Gott entfernte und seinen gerichtlichen Heimsuchungen aussetzte.

  • Es war Ihm bestimmt, die Wirklichkeit dieses Zustandes praktisch an sich zu erfahren, in den andere, ganz besonders Israel, sich selbst gebracht hatten, und zwar durch den Ungehorsam gegenüber Gottes heiligem Gesetz, ein Zustand, aus dem sich zu befreien Er in der Lage war, und Er bewies es, dass Er sich durch seinen eigenen vollkommenen Gehorsam daraus befreien konnte [B.W. Newton’s Remarks on the sufferings usw., S. 12].

  • Und als Mensch war Jesus mit diesem Platz der Entfernung [von Gott] verbunden, an dem sich der Mensch im Fleisch befand. Und Er hatte durch Gehorsam seinen Weg zu finden bis zu dem Punkt, wo Gott Ihm als demjenigen begegnen konnte, der das Ihm aufgetragene Werk vollbracht hatte, um Ihn danach zu verherrlichen und Ihn zu seiner Rechten zu erhöhen in den himmlischen Örtern. Und jener Punkt war der Tod – der Tod am Kreuz – der Tod unter dem Zorn Gottes [B.W. Newtons Remarks on the sufferings usw., S. 31-32].

  • Er war zum Beispiel wegen seiner Beziehung zu Adam jenem Urteil des Todes ausgesetzt, das über die ganze Menschheitsfamilie ausgesprochen war [B.W. N.’s Observations usw., S. 9].

  • Der Dienst des Johannes muss als eine überaus wichtige Epoche betrachtet werden, nicht nur im Leben des Herrn Jesus, usw. … In der Tat, es sei denn, dass Gnade dasselbe ist wie Gesetz und Verdammnis dasselbe wie Rettung, so kann die unendliche Bedeutung dieser Epoche nicht geleugnet werden [B.W. N.’s Observations usw., S. 10-11].

  • Darüber hinaus hatte Jesus jene Seelenübungen, die seine Auserwählten in ihrem unbekehrten Zustand haben sollten und die sie auch haben würden, falls es ihnen möglich wäre, jede Sache vor Gott richtig zu erkennen; solche Übungen hatte auch Jesus, jedoch ohne Sünde [B.W. N.’s Observations usw., S. 26].

  • Die Salbung des Geistes am Jordan würde nie auf Ihn gekommen sein, wenn Er nicht vorherbestimmt und erkannt worden wäre als das Opfer von Golgatha [B.W. N.’s Observations usw., S. 32].

Es stimmt schon, dass Herr N., als dieses tödliche Gift untersucht wurde und gottesfürchtige Christen entsetzt waren, ein Eingeständnis seines Irrtums [Acknowledgment of Error] bezüglich seiner Anwendung von Römer 5,19 (erster Satz) auf Christus drucken ließ. Aber das stellte selbst seine getreusten Freunde nicht zufrieden, die in gedruckter Foerm feierlich zugaben, es handele sich um ein sorgfältig ausgearbeitetes System, das ihre Ansichten über die Schrift insgesamt durchdringe, und es sei so verhängnisvoll, wie es ihm jemand vorgeworfen hatte. Tatsächlich hatte jemand gewarnt, dass Seelen, die sich auf das stützten, was sie (N.s Anhänger) jahrelang gelehrt hätten, nicht gerettet werden könnten. Denn danach wurde Christus schon durch seine Geburt in die gottentfremdete Stellung des Menschen versetzt, vor allem in die Israels, wie sie durch ein gebrochenes Gesetz bedingt war! Dadurch missfällig war Er einer zweifachen Strafe verfallen, nicht nur als ihr Stellvertreter, sondern auch als mit ihnen in Verbindung stehend! Doch befreite Er sich selbst durch Gehorsam, Glauben und Gebet von einigen jener Plagen, die Ihn bedrohten, indem Er durch die Taufe zur Gnade kam – vom Sinai nach Zion! Aber die Seelenübungen, die die noch unbekehrten Auserwählten, soweit es möglich war, haben sollten (!), waren sein Teil! Doch hatte Er nichtsdestoweniger einen Weg zu finden bis zu dem Punkt, wo Gott Ihm begegnen konnte – im Tod unter Gottes Zorn.

Wenn das kein systematischer und vollständiger Umsturz der in der Schrift enthaltenen Lehre des Christus ist, dann sind Worte bedeutungslos. Kein Irrlehrer setzte Christus gründlicher und heimtückischer herab. Einige, wie Irving, lehrten mehr Wahrheit als B.W.N. Es ist Leugnung und nicht ein Bekennen des im Fleisch gekommenen Christus. Diese Wahrheit beinhaltet nicht nur die bloße Tatsache des Kommens, sondern die göttliche Person dessen, der im Fleisch kam. Er, und nur Er, geboren von einer Frau, hätte auf andere Weise kommen können. Aber so gefiel es Ihm, um der Herrlichkeit Gottes willen, im Fleisch zu kommen und durch seinen Tod den Menschen und das ganze himmlische und irdische Universum zu versöhnen. Wenn der Newtonismus wahr wäre, hätte Christus für sich selbst sterben müssen – Er hätte nicht für uns, nicht für die Schöpfung und nicht um Gottes eigener Herrlichkeit willen sterben können. Und wiederum, wenn Ihm unterstellt wird, Er hätte sich zuerst einmal selbst durch gute Werke und fromme Übungen befreien müssen, so ist damit die Wahrheit umgestoßen. Und wenn sein Tod noch zu seiner eigenen Errettung notwendig war (Irrtum ist gewöhnlich zusammenhanglos), so wie die Salbung des Geistes zu empfangen, dann wird seine Person geleugnet und alle Hoffnung auf die Errettung anderer gänzlich und unvermeidlich zerstört.

Mit Trauer füge ich hinzu, dass der verblendete Urheber dieser fundamentalen Irrlehre einen Brief druckte [1], in dem er nach dem „Eingeständnis seines Irrtums“ [Acknowledgment of Error] seine sowohl in den Remarks als auch in den Observations geäußerten Prinzipien bekräftigte, die selbst seine ältesten Freunde und die meisten seiner Anhänger erschreckt hatten. Arianismus usw. einerseits und vielleicht Irvingianismus andererseits leugnen die Herrlichkeit des Herrn viel offener; aber ob wohl irgendein System einen umfassenderen Fluch über Jesus bringt als das von B.W. Newton (vgl. 1Kor 12,3)?

Als die Bethesdaversammlung (Bristol) mehrere Parteigänger von Herrn N. zuließ und damit eine weltweite Trennung der „Brüder“ verursachte, hatte man sich schon über Jahre als in eingeschränkter wechselseitiger Gemeinschaft befindlich angesehen. Es ist deshalb nicht ehrlich, jenes Zusammenkommen mit Personen zu vergleichen, die (gelegentlich) aus der Staatskirche oder aus Dissidentenkreisen kommen. Wie weit Bethesda diese Gemeinschaft wirklich praktizierte, mag schwer zu sagen sein: Sie hat jedenfalls tatsächlich bestanden, und keine Frage erhob sich, bis 1848 die Krise kam und Gründe gesucht wurden, die fatale Tat zu beschönigen, dass man die bekannten Anhänger eines überführten Irrlehrers empfangen hatte.

Nun haben wir Fälle wirklicher Unwissenheit immer anerkannt. Aber was könnte die Aufnahme von einsichtsvollen Personen rechtfertigen, die unmittelbar aus seiner Partei kommen, sogar Traktate anpreisen und in Umlauf bringen, die die schon beschriebenen antichristlichen Lehren enthalten? Bethesda nahm solche in der entschiedensten Weise auf, trieb dadurch nicht wenige Personen hinaus, darunter einige der erleuchtetsten, geistlichsten und treuesten, die sich weigerten, einer solchen Gleichgültigkeit gegenüber Lästerung in Bristol zuzustimmen, wovon man um jeden Preis in Plymouth und anderen Versammlungen getrennt war. Nicht zufrieden damit, jene Personen hereinzulassen, veröffentlichten zehn von den Führern Bethesdas ein viel zu berühmt gewordenes Dokument, in dem sie sich bemühten, ihre Ablehnung einer Untersuchung vor Aufnahme der Beschuldigten zu verteidigen. Als Erstes bestand man darauf, dass die Versammlung in Bethesda die Unterzeichner des Dokuments freisprechen sollte, sonst würden sie in ihrer Mitte keinen Dienst mehr tun! Überrascht es, dass die Menge in diese Falle ging und zustimmte, dass die Führer Recht hätten, noch bevor die Traktate gelesen waren oder Stellungnahmen in einer Zusammenkunft abgegeben werden konnten? Nachdem der Bruch vollzogen war (!), hielten sie Zusammenkünfte ab, wo N.’s Lehrer verurteilt wurde, insbesondere durch Herrn M. [2], und das fast so scharf, wie es auch außerhalb Bethesdas geschah. Gott trug jedoch Sorge, den moralischen Wert dieser Verurteilung schon bald zu prüfen, wenn auch anfangs einige getäuscht wurden.

Teils hierdurch, teils auf andere Weise wurden die Parteigänger N.’s genötigt, sich von Bethesda zurückzuziehen, jedoch ausdrücklich, ohne auf ihre Ansprüche zu verzichten, dort weilen zu können; vielmehr geschah das in der Absicht, den Führern aus einigen ihrer Schwierigkeiten zu helfen. Kann so etwas einen ernsthaften Gläubigen auch nur für einen Augenblick zufriedenstellen? Bethesda war verpflichtet, sich öffentlich von einer Sünde schwerster Art, die es öffentlich begangen hatte, zu reinigen: Bloße Worte nützten da nichts, ebenso war es zu wenig, sich heimlich einiger Personen zu entledigen. In der Folge bildete sich eine Partei, ein öffentliches Gebäude wurde gemietet, und dort wurde Herr N. aufgenommen und noch zwei der „Zehn“ (die Herren A. und W.) fanden sich ein in ihrer Mitte. Die Bewegung scheiterte; und diesen beiden führenden Männern, von anderen abgesehen, erlaubte man (nach Bethesdas lautstarker Verurteilung der Lästerung Newtons und dem öffentlichen Umgang dieser Männer mit Herrn N.), nach Bethesda zurückzukehren, ohne dass sie ihre offenkundige und empörende Sünde im Geringsten bekannten! Als Einziges gaben sie zu, dass es falsch gewesen sei, Bethesda zu verlassen. Aber weder verlangte man es von ihnen, noch drückten sie selbst es unter Trauer aus, dass es böse war, sich mit einem Mann zu verbrüdern, der die wesentlichen Teile seiner Irrlehre über Christus immer noch festhielt. Und das alles nach jenen sieben Zusammenkünften!

Weil wir nun auf jede Gemeinschaft mit solchen Wegen und Personen verzichten, überhäuft man uns mit den denkbar bittersten Vorwürfen! Wir werden „neuer Tests“ bezichtigt und ich weiß nicht welcher Dinge noch, wo es doch ganz offensichtlich ist, dass nicht wir, sondern der geliebte Apostel den zweiten Johannesbrief schrieb. Und wenn er wohl keineswegs einen neuen Prüfungsmaßstab einführte, indem er auf kompromissloser Härte in der Frage eines falschen Christus bestand, warum beschuldigt man uns einer solchen Sache, die wir einfach nur das durch den Apostel gegebene Wort Gottes verwirklichen? Jene, die in einem solchen Fall für Laxheit eintreten, würden konsequenter sein, wenn sie die Autorität des Wortes Gottes in diesem Punkt ganz und gar abstritten.

Das also war der Ursprung der neutralen oder der offenen Brüder, wie einige von ihnen sich gern nennen. Sie stehen mehr oder weniger an der Seite Bethesdas, einige gehen noch weiter, andere nicht ganz so weit, aber alle folgen im Wesentlichen dem gleichen Prinzip; wenn sie auch nicht die Parteigänger eines Antichristen aufnehmen, so verharmlosen sie doch solche, die jene aufnehmen, und bilden mit ihnen „einen Teig“. Keine Zusammenkunft wagte es jemals, den Führer zurückzuweisen, der bei diesem neutralen Ergebnis die größte Schuld auf sich geladen hatte. Einen solchen Mann abzulehnen, würde einer solch bösen Marschrichtung den Todesstoß versetzen.

Denn es geht nicht um die Frage, Christen in Christi Namen aufzunehmen und nachsichtig mit kirchlicher Unwissenheit umzugehen. Wir haben das (bis auf einige, die bei den kürzlichen schlimmen Ereignissen eine unglückliche Rolle gespielt haben), immer als völlig im Sinne Gottes angesehen; und ich habe die Zuversicht, dass wir das auch weiterhin so tun werden, weil wir aus dem Glauben heraus handeln, dass wir es Christus schuldig sind. Im Fall der offenen Brüder geht es jedoch um etwas ganz anderes, als einen gottesfürchtigen Gläubigen – ungeachtet der Sekte, aus der er kommt – willkommen zu heißen. Denn sie waren einst mit uns auf dem gemeinsamen Boden der Schrift; sie anerkannten den „einen Leib und den einen Geist“ und das Zusammenkommen im Namen Christi. Ihr Ursprung, der Grund für ihre Existenz, geht darauf zurück, dass sie die Aufnahme von Menschen verteidigten und aufrechterhielten, die von schlimmster Sünde befleckt waren – der Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit des Christus. Dass sie schon vorher der Unabhängigkeit zugeneigt waren, sie nun praktizieren und sie seitdem immer entschiedener vertreten, ist durchaus wahr. Aber wer Unabhängigkeit ganz allgemein als das Pestgeschwür der offenen Brüder ansieht, ist blind für ihr eigentliches und schlimmstes Übel. Und wer so weit geht, einzelne Personen nur wegen Unabhängigkeit abzuweisen, der muss, um konsequent zu sein, die ganze Weite des Herzens aufgeben, die die Brüder von Anfang an gekennzeichnet hat, sowie den Grundsatz, der den besten und weisesten Führern bis zuletzt wirklich eine Herzenssache war, eben unser gnädig verliehenes Vorrecht, gottesfürchtige Gläubige aus irgendwelchen orthodoxen Benennungen willkommen zu heißen, obwohl Unabhängigkeit verschiedenster Formen allen aufgeprägt ist. Keine Benennung, ob groß oder klein, wird oder könnte für sich beanspruchen, nach Grundsatz und Praxis zugleich, auf dem „einen Leib und dem einen Geist“ entsprechend der Schrift zu fußen. Letzteres erfordert, lebendigen Glauben im Blick auf das Zusammenkommen von Gläubigen zu haben und weit über der Welt und dem Fleisch zu stehen, das offen oder versteckt, jedenfalls sehr real, auf Unabhängigkeit besteht.

Wir haben immer anerkannt, dass es in den Reihen der offenen Brüder Einzelne geben mag, die tatsächlich völlig unwissend darüber sind, dass sie als Gemeinschaft auf Gleichgültigkeit gegenüber einem wahren oder falschen Christus gegründet sind. Wo das klar ist, wird man bemüht sein, mitfühlend mit ihnen umzugehen. Und niemand war freier, solche zu empfangen, obschon mit ernster Vorsicht, als der verstorbene J.N.D., wie das auch fast alle anderen bedeutenden Brüder getan haben. Ängstliche Menschen, die immer dazu neigen, sektiererische Schranken aufzurichten, haben leider selbst solche zurückgewiesen. Aber kein aufrechter neutraler Bruder würde derartige Bedingungen anstreben, wünschen oder sich ihnen unterwerfen; das tun höchstens solche, die weder Glauben noch Grundsätze haben, die Brot brechen in Bethesda und in der Park Street und – wenn man sie zuließe – auch bei uns, die wir beide Systeme ablehnen. Das sind die schlimmsten von allen, sie können nur verderben, da sie selbst schon verdorben sind.

Es wird die Frage gestellt: Wie stehen die offenen Brüder heute? Darauf kann man nur antworten: so wie am Anfang, oder eher: noch schlechter. In der Tat, ein Übel kann zunehmen oder sich ausbreiten, aber es bessert sich nicht und verschwindet nicht. Die Schrift fordert, es zu richten, dann würde es ausgemerzt werden, sofern wir Treue zu Christus beweisen. Nicht nur sind Anhänger Newtons hineingekommen und niemals hinausgetan worden, und, wie Herr J. Beaumont bezeugt hat, ist von einigen bekannt geworden, dass sie die Leugnung der ewigen Strafe sehr leicht nehmen, und das in einer so achtbaren Gemeinschaft, die sie doch in England darstellen. Das Verhalten ihrer Führer und der Versammlung war schändlich. Aber scheinbar hatten weder eine Versammlung noch Einzelpersonen etwas dagegen einzuwenden, sieht man von einem Protestbrief ab, der im Feuer landete, und zusammen machte man weiter so – in Liebe, wie man es nannte! Aber wo ist die Wahrheit? Wo ist Christus?

Es sei zugegeben, dass sie an einigen Orten unter starkem Druck gewisse Cliquen dieser Missetäter ausschlossen; die Kraft dazu mag dann und wann und hier und da vorhanden sein. Aber wo das nicht der Fall ist (und nichts ist anstrengender, als mit der erforderlichen Sorgfalt gegen Irrtum vorzugehen), wird die gegenseitige Gemeinschaft trotzdem aufrechterhalten. Sie gehen zwanglos miteinander um, lassen jedermanns Willen gelten und bringen kein Gewissen in Übung. Auch ein dort gefasster „Versammlungsbeschluss“ setzt sich über Wahrheit und Gerechtigkeit hinweg, zur tiefen Verunehrung des Herrn und seines Wortes.

In einem ihrer kürzlich erschienenen „Aufrufe“ stellt C.E. heraus, dass eine wahre Grundlage alle Heiligen Gottes im Blick hat, was wir oft gesagt haben und immer noch sagen. Doch es ist ein Missbrauch dieser gottgemäßen Aussage durch die offenen Brüder, wenn sie nicht nur einzelne einer Sünde schuldige Christen akzeptieren, sondern darüber hinaus deren Gruppierung, die aus dem Bestreben entstand, solche gegen ein schriftgemäßes Urteil in Schutz zu nehmen. Das war bei einigen uns bekannten orthodoxen Sekten nicht der Fall, und deshalb haben die offenen Brüder keinen Anspruch auf die gleiche wohlwollende Rücksichtnahme. Andere blieben für immer bei dem, was sie ihrem Licht gemäß begannen. Die offenen Brüder hingegen begannen, indem sie Böses beschönigten, Missetäter in Schutz nahmen und sich so von dem Licht, das sie einst hatten, entfernten. Gläubige im Namen Christi zu empfangen, bedeutete niemals, solche hereinzulassen, die seinen Namen verunehren. Dieser Grundsatz befähigt uns, sowohl jene herauszufinden, die seinen Namen – unter welchem Vorwand auch immer – gering achten, als auch Gottesfürchtige zu ermutigen, seien sie noch so unwissend. Ein redlicher Mann unter den offenen Brüdern sollte keine Gemeinschaft mit uns wünschen, wenn er von der Richtigkeit seiner eigenen Handlungsweise überzeugt ist. Er sollte ihm unterstellte Unwissenheit entschieden zurückweisen, die allerdings, sofern wirklich vorhanden, nicht vergeblich vorgebracht wird. Und was die „50 Jahre“ angeht – was machen Jahrhunderte aus, solange derselbe alte und böse Grundsatz fortbesteht?

Dass es so ist, geht klar aus J.R.C.’s Exclusivism [Der Exklusivismus], Glasgow, 1882, hervor. Der Verfasser, mir persönlich völlig unbekannt, steht in dem Ruf, als Vertreter seiner Richtung so nüchtern und gewissenhaft zu sein, wie man es sich nur wünschen kann. Er vertritt den Irrtum so deutlich, wie er je zuvor vertreten wurde. 1. Korinther 5,6 wird (S. 8) wie in der Anfangszeit verdreht. Er spottet über die Vorstellung, dass die ganze Versammlung in Korinth durchsäuert gewesen sei, weil es ihm absurd erscheine, sie dann noch aufzufordern, den Sauerteig auszufegen. Damit überführt er sich und seine Partei (denn darin haben sie stets übereingestimmt) des schuldhaften Widerstandes gegen das Wort des Herrn. Es war genau deswegen, weil die Korinther als Gesamtheit von dem wenigen Sauerteig, den sie in ihrer Mitte duldeten, durchsäuert waren, dass der Apostel ihnen befahl, den alten Sauerteig auszufegen, damit sie eine neue Masse sein möchten, „wie ihr ungesäuert seid“. Das ist ihre Stellung in und durch Christus. Und weil sie in dieser Weise vor Gott ungesäuert sind, müssen sie den Sauerteig ausfegen. Denn er säuert und das nicht nur den einen Übeltäter, sondern den ganzen Teig. Die Beweisführung des Herrn C. ist ganz und gar falsch, aber sie verrät das unheilige Prinzip, das ihnen allen gemeinsam ist. Es geht nicht darum, dass jeder in der Versammlung zu Korinth ein Blutschänder werden würde usw. – das wäre wahrlich absurd! –, sondern dass die ganze Versammlung verunreinigt war durch das Böse, von dem sie wussten und es nicht richteten. Deshalb musste eine Wiederherstellung erfolgen, nicht nur durch die Zucht, noch allein durch das Selbstgericht des Übeltäters, sondern auch durch eine tiefe Übung der Versammlung insgesamt: „Ihr habt in allem bewiesen, dass ihr an der Sache rein seid“ (2Kor 7,11). Die offenen Brüder liegen daher grundsätzlich falsch. Ihre herausragenden Unterschiede gehen auf verdorbene Grundsätze zurück, heute wie vor ungefähr fünfzig Jahren.

Eigentlich sollte ich mich nicht, das gebe ich zu, einem anglikanischen Theologen zuwenden, um geistliche Unterweisung über ein solches Thema zu finden, wenn ich in Betracht ziehe, wie die Staatskirche ihre Praxis durch ihre Homilie (Predigt) zum Pfingstfest (zweiter Teil) selbst verurteilt hat. Aber es ist auf eine schmerzliche Art aufschlussreich zu sehen, wie Dean Alford den gleichen Mangel an Einsicht widerlegt und abweist, der der Beweisführung der offenen Brüder zugrunde liegt:

„Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig dem ganzen Teig seinen Charakter aufprägt?“ Dass dies die Bedeutung ist und nicht, „dass ein wenig Sauerteig, wenn nicht ausgefegt, die ganze Masse durchsäuern wird“, ist offenkundig durch den Punkt, um den es hier geht, nämlich die Unangemessenheit ihres Rühmens. Es war nicht wegen der Gefahr einer späteren Verunreinigung unangemessen, sondern wegen des bereits eingetretenen Verlusts ihres wahren Charakters. Einer von ihnen war ein Hurer von erschreckender moralischer Verdorbenheit, fand aber Duldung und Unterschlupf bei ihnen. Wegen dieser Tatsache war der Charakter der ganzen Versammlung beschmutzt [The Greek Test. II 507, fifth ed.].

Was Herr C. von seinem falschen Standpunkt aus unwissentlich angreift, ist die „Theorie“ des Apostels ebenso wie seine Praxis im Blick auf Verunreinigung. Ebenso stehen seine unzuverlässigen Bemerkungen über den zweiten Johannesbrief noch unter den Einsichten des Anglikaners. Wir sagen nicht, dass die Frau, wenn sie den Besucher, der nicht die Lehre des Christus brachte, empfangen hätte, „genauso zu behandeln gewesen wäre“ wie der antichristliche Lehrer selbst, sondern nur, dass sie dadurch Teilnehmerin an seinen bösen Werken geworden wäre. Gerade darin sind Bethesda und die offenen Brüder in ähnlichen Fällen gestrauchelt.

Ihre abweichende Position ist der Schrift so entgegengesetzt, dass ihre neueren und vorsichtigen Verteidiger gar nicht anders können, als ihr „Parteiabzeichen“ der vernichtenden Verurteilung der Schrift auszusetzen. Nachdem sie Gottes Wort verlassen haben, würden sie (menschlich gesprochen) weise handeln, von jedem Versuch der Selbstverteidigung abzusehen und sich statt dessen in stolzes Schweigen zu hüllen und bezüglich der Mitgliederzahlen auf die Neigung zu Ungebundenheit und Eigenwillen zu setzen. Möge aber lieber die Wahrheit in gottesfürchtigen Gewissen zu ihrer Befreiung durch Gottes Gnade wirken.

Die Schrift schweigt nicht zu ihrer großen Sünde. Deshalb: „Komm heraus!“, Bruder, damit du nicht an diesen Sünden teilhast und Gottes Plagen dafür empfängst.


Anmerkungen

[1] A Letter on subjects connected with the Lord’s Humanity.

[2] Da viel aus dem Besuch von J.N.D. bei G.M. nach diesen Zusammenkünften gemacht worden ist, mag doch festgehalten werden, dass die hoffnungsvollen Erwartungen von Mr. Darby nicht von seinen Brüdern geteilt wurden, die wussten, dass Bethesda niemals seine Sünde der Aufnahme von Parteigängern N.s zugab und niemals den falschen Grundsatz im Brief der Zehn (durch eine formale Abstimmung in seinen Bestandteilen angenommen) bedauerte. Selbst nach den sieben Zusammenkünften hat es nicht einmal die Sünde bemerkt, zwei der Zehn wieder aufzunehmen, die weggegangen waren und Herrn N. in ganz Bristol öffentlich unterstützt hatten! Was ist angesichts dieser ernsten Tatsachen ein theoretischer Tadel dieser Irrlehre noch wert? Herrn M.s grobe Zurückweisung zwang Mr. Darby, das ganze Geschehen in Bethesda als unaufrichtig zu empfinden, wie es auch anderen ergangen ist. Br. D.s Stärke war, das Wort auszulegen; Zuchtmaßnahmen lagen ihm nicht, was er sein Leben lang freimütig zugab.


Übersetzt aus The Doctrine of Christ and Bethesdaism in Pamphlets, S. 473-486

Letzte Aktualisierung: 02.10.2016

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