Die ewige Sohnschaft

Willem Johannes Ouweneel

© EPV, online seit: 09.08.2017

Einleitung

Es gibt kein Thema in der Heiligen Schrift, das wir so behutsam und ehrfurchtsvoll behandeln müssen wie die Mitteilungen über die Person des Herrn Jesus Christus. Andererseits gibt es aber auch kein Thema, dessen Studium so viel Segen für das persönliche Glaubensleben eines Christen in sich birgt. Was sollte anziehender sein und mehr Befriedigung schenken als die Beschäftigung mit dem Sohn Gottes, der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat? Und doch – auf welchem Gebiet sollte Satan mehr darauf aus sein, Fußangeln und Fallen zu legen, durch die wir straucheln und zu Schaden kommen könnten? Im Allgemeinen wendet der Feind, wenn es um das Studium der Wahrheiten über die Person Christi geht, zwei Methoden an, um Gläubigen zu schaden. Einerseits wird er versuchen, sie dahin zu bringen, auf Dinge einzugehen, die sie nicht gesehen haben, „eitlerweise aufgeblasen von dem Sinne ihres Fleisches“ (als eine Variation zu Kolosser 2,18). Die Folge ist dann, dass Gläubige kennen wollen, was ihrer Erkenntnis nicht zugänglich ist, und dadurch zu falschen Aussagen über die Person des Herrn Jesus kommen. Sie vergessen die Belehrung in Matthäus 11,27b: „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will.“ Niemand kennt also sowohl den Sohn als den Vater, doch von dem Vater lesen wir zumindest noch, dass es Menschen gibt, denen der Sohn den Vater offenbaren will, aber von dem Sohn lesen wir das nicht; nur der Vater kann die Herrlichkeit dessen ergründen, der vollkommen Gott und vollkommen Mensch in einer Person ist.

Der andere Fallstrick, den der Teufel uns zu legen versucht, ist genau umgekehrt, nämlich die Fußangel einer falschen Ehrfurcht. Viele Gläubige reden sich ein, dass sie sich besser überhaupt nicht mit solchen heiligen Themen beschäftigen, damit sie nicht zu falschen Auffassungen kommen. Doch das ist aus zwei Gründen ein gefährlicher Irrtum. Erstens berauben sie sich damit des Kostbarsten, was die Schrift uns lehrt, und das ist zur Unehre des Sohnes Gottes – genau das ist die Absicht des Feindes. Zweitens verstehen sie nicht, dass das intensive Studium und die Kenntnis der Wahrheit gerade der beste Schutz gegen Lügen und falsche Lehren sind. Nicht diejenigen, die sich in die Person Christi vertiefen (sofern es mit Ehrfurcht und Zurückhaltung geschieht), sondern diejenigen, die das nicht tun, sind am ehesten verkehrten Lehren über seine Person ausgesetzt. Wir sollen sicher nicht fleischlich versuchen, in das einzudringen, was nicht geoffenbart und erkennbar ist – aber wir haben ganz gewiss die Verantwortung, uns in geistlicher Weise mit allem zu beschäftigen, was Gott uns in seinem Wort über seinen Sohn geoffenbart hat.

Es ist, denke ich, die Sohnschaft Christi, die die herrlichsten Aspekte seiner Person beinhaltet, und diese Sohnschaft ist es, über die wir hier miteinander nachdenken möchten. Sohnschaft spricht von der Beziehung einer bestimmten Person zu einem Vater und einer Mutter. Sie ist also keine absolute, sondern eine relative Eigenschaft: Es gibt keinen Sohn ohne einen Vater. Wenn wir dies auf Christus anwenden, sehen wir sofort, wie tiefgehend das Thema ist, weil Er (wie gesagt) sowohl Gott als Mensch ist. Er ist sowohl der Sohn Gottes als auch der Sohn des Menschen. Seine Sohnschaft hat zwei Seiten, weil seine Person zwei Seiten hat. In dieser Broschüre wollen wir uns hauptsächlich mit dem ersten Aspekt beschäftigen: seiner ewigen Sohnschaft als Gott, der Sohn. Dies ist allerdings nur dann fruchtbar, wenn wir zuvor untersucht haben, wie die Schrift diese beiden Seiten seiner Sohnschaft unterscheidet.

Als Mensch auf der Erde geboren, war der Herr Jesus zunächst einmal der Sohn Marias, der Jungfrau, die schwanger wurde vom Heiligen Geist und Ihn in Bethlehem gebar (Mt 1,21-25; Lk 1,31; 2,7). Er wird dann auch der Sohn Josephs genannt, weil dieser, obwohl nicht sein natürlicher Vater, als Mann der Maria sein gesetzlicher Vater war (Lk 3,23; Joh 1,45; 6,42). So kannten die Menschen Ihn: als den Sohn des Zimmermanns, den Sohn Marias und Josephs (Mt 13,55; Mk 6,3; Lk 4,22). Darüber hinaus, da Er aus Maria geboren und Joseph sein gesetzlicher Vater war, wurde Er auch mit Recht der Sohn Davids genannt, und als solcher hat Er Anspruch auf den Thron seines (Vor-)Vaters König David (Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15, 2; 20,30.31; 21,9.15; 22,42.45; Mk 10,47.48; 12,35.37; Lk 1,32; 18,38.39; 20,41.44). Daneben wird noch ganz allgemein gesagt, dass Er aus dem Samen Davids ist (Joh 7,42; Röm 1,3; 2Tim 2,8) und dass Er die Wurzel (= der Ursprung) und das Geschlecht (= der Nachkomme) Davids ist (Off 5,5; 22,16).

Außerdem nannte der Herr Jesus sich selbst vorzugsweise der Sohn des Menschen. Das ist der Sohn „des Menschen“ im Allgemeinen, der wahre, vollkommene Mensch, der Mensch, wie er sein sollte. In dieser schönen Bezeichnung kommt sein ganzer einmaliger Weg als Mensch auf der Erde zum Ausdruck, der Weg, den kein anderer Mensch jemals gegangen ist oder gehen wird und den Er ging als der wahre Mensch Gottes. Es ist die Bezeichnung für Ihn in seiner Erniedrigung (Mt 8,20; Lk 9,58), in seinem Überliefertwerden, seinem Leiden und Sterben (Mt 17,12.22; 20,18; 26,2.24.45; Mk 8,31; 9,12.31; 10,33; 14,21.41; Lk 9,22.44; 18,31; 22,22; 24,7; Joh 3,14; 8,28; 12,34); als Sohn des Menschen war Er im Herzen der Erde wie Jona in dem Fisch (Mt 12,40; Lk 11,30); als Sohn des Menschen stand Er aus den Toten auf (Mt 17,9; Mk 9,9); wurde Er verherrlicht (Joh 12,23; 13,31; Apg 7,56); und als Sohn des Menschen wird Er in Kürze wiederkommen und sein Königreich errichten (Mt 10,23; 13,41; 16,27.28; 19,28; 24,27- 44; 25,31; Mk 8,38; 13,26; 14,62; Lk 9,26; 12,40; 17,24.26.30; 18,8; 21,27.36; 22,69; Joh 1,51; 5,27).

Wenn wir uns mit der Bezeichnung ,,Sohn des Menschen“ etwas näher beschäftigen, entdecken wir unmittelbar, dass wir die Gottheit und Menschheit des Herrn Jesus nicht voneinander trennen und häufig nicht einmal unterscheiden können. Das liegt daran, dass Er nicht zwei (eine göttliche und eine menschliche Person), sondern nur eine Person ist; und diese ein und dieselbe Person ist vollkommen Gott und vollkommen Mensch. Das bedeutet, dass wir nicht trennen und entflechten können, was Er denn nun auf der Erde als Gott und was Er als Mensch getan hat. Häufig ist dieser Unterschied deutlich angegeben, doch sehr oft auch nicht. So geht der Heilige Geist oft von der Gottheit zu der Menschheit Christi über und umgekehrt: Manchmal sehen wir Ihn mit einem göttlichen Namen angedeutet, aber mit menschlichen Kennzeichen (siehe z.B. Mk 13,32; Röm 5,10; 8,32; Gal 2,20: Gott kann nicht sterben) und umgekehrt. Letzteres sehen wir besonders dort, wo der Herr der Sohn des Menschen genannt wird und wo gleichzeitig göttliche Eigenschaften von Ihm erwähnt werden. Wir hören Ihn z.B. sprechen über den „Sohn des Menschen, der im Himmel ist“ (Joh 3,13). War zu der Zeit ein Mensch im Himmel? Nein, aber der Sohn Gottes, der im Schoß des Vaters war, war dieselbe Person wie der Sohn des Menschen, der auf der Erde mit Nikodemus sprach! Darin liegt das Geheimnis und die Erhabenheit seiner Person. Er konnte sagen: „Wenn ihr nun den Sohn des Menschen dahin auffahren sehet, wo er zuvor war?“ (Joh 6,62). War Er denn vor seiner Fleischwerdung bereits als Mensch im Himmel? Nein, aber der Sohn Gottes, der aus dem Himmel auf die Erde herniederkam, war dieselbe Person wie der, der als Sohn Gottes und Sohn des Menschen zum Himmel auffahren würde. Weil der Sohn des Menschen zugleich eine göttliche Person war, Gott, der Sohn, konnte Er Sünden vergeben (Mt 9,6; Mk 2,10; Lk 5,24), ewiges Leben geben (Joh 6,27.54) und sagen, dass Er Herr des Sabbats ist (Mt 12,8; Mk 2,28; Lk 6,5).

Dadurch wird unser Thema nicht einfacher, denn wir begegnen demselben Problem, wenn wir uns in die Bezeichnung „Sohn Gottes“ vertiefen. Gehört dieser Name zu seiner Gottheit oder zu seiner Menschheit? Ist Er Sohn Gottes, weil Er eine göttliche Person ist, oder ist Er Sohn Gottes, weil Er als Mensch von Gott: aus Maria gezeugt wurde (vgl. Lk 1,35)? Oder trifft vielleicht beides zu? Damit hängt unmittelbar eine andere Frage zusammen: Ist Christus erst Sohn Gottes seit seiner Fleischwerdung oder ist Er als göttliche Person von Ewigkeit Sohn Gottes gewesen? Und was bedeutet das dann? Vielleicht denken einige Leser: Hat das viel zu sagen? Ist es denn wirklich entscheidend für unseren Glauben, und ist es sehr wesentlich, wenn Gläubige darüber verschieden denken? Ist es richtig, was manche meinen, dass es keine Gemeinschaft zwischen Christen geben kann, die in diesem Punkt verschieden denken?

Was ich in dieser kurzen Betrachtung zeigen möchte, ist, dass diese Frage tatsächlich von fundamentaler Bedeutung ist und dass Gläubige ihr unmöglich gleichgültig gegenüberstehen können. Es müsste doch eigentlich von vorneherein schon klar sein, dass im Blick auf die Person Christi unterschiedliche Lehren unter Gläubigen nicht vorkommen dürfen. Wir werden darüber hinaus sehen, dass es bei dieser Frage um das ganze Fundament des Christentums geht. Es ist daher sehr betrüblich, dass noch immer in bestimmten (übrigens häufig orthodoxen) Kreisen die „ewige Sohnschaft“ Christi geleugnet wird und dass andere Kreise (obwohl sie an der ewigen Sohnschaft festhalten) dieser Leugnung seitens anderer Christen gleichgültig gegenüberstehen. Christus ist in der Zeit durch seine Fleischwerdung Sohn des Menschen geworden; aber Er war von Ewigkeit her der Sohn des Vaters, der im Schoß des Vaters ist. Dies zu leugnen, beraubt uns der tiefsten und herrlichsten Segnungen des Christentums.

Gott, der Sohn

Christus ist der Sohn Gottes. Das bezeugte Gott selbst von Ihm (Mt 2,15; 3,17; 17,5; Mk 1,11; 9,7; Lk 3,22; 9,35; 2Pet 1,17; Heb 1,5; 5,5), das bezeugten die Dämonen von Ihm (Mt 8,29; Mk 3,11; 5,7; Lk 4,41; 8,28), das bezeugten seine Freunde von Ihm (Mt 14,33; 16,16; Joh 1,34.49; 11,27), das bezeugte der Hauptmann beim Kreuz von Ihm (Mt 27,54; Mk 15,39), und das bezeugte auch Christus von sich selbst (Mt 26,63.64; 27,43; Mk 14,61.62; Lk 22,70; Joh 5,25; 10,36; 11,4; 19,7). An erster Stelle wird Christus Sohn Gottes genannt, weil Er durch Gott aus Maria gezeugt war: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35). Hiermit stimmen die Worte aus Psalm 2,7 überein: „Vom Beschluss will ich erzählen: Jehova hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (vgl. Apg 13,33; Heb 1,5; 5,5). Weil Maria die Mutter und Gott der Vater des Menschen Jesus Christus war, konnte dieser Mensch, der von Gott gezeugt war, mit Recht „der Sohn Gottes“ genannt werden. Er ist darin einzigartig: Kein Mensch ist jemals in dieser Weise aus einer Frau erweckt worden. Auch in dieser Hinsicht ist Christus der einzigartige Sohn Gottes.

Es wäre jedoch durchaus falsch, aufgrund dieses Verses beweisen zu wollen, dass Christus als ewige göttliche Person daher nicht Sohn Gottes genannt werden könnte. Lukas 1 und Psalm 2 geben uns einen Grund an, weshalb Christus mit Recht Sohn Gottes genannt werden kann; aber damit ist nicht gesagt, dass dies der einzige Grund ist. Psalm 2 scheint bereits selbst darauf hinzuweisen. Obwohl Gott dort über die Zeugung des Sohnes spricht und über die Tatsache, dass Er Ihn zum König über Zion gesalbt (oder gestellt) hat, lesen wir nicht, dass Er sagt: „Ich habe dich zu meinem Sohn gestellt“, sondern: „DU BIST mein Sohn.“ Dies hängt mit einem außerordentlich wichtigen Punkt zusammen, nämlich dass „Sohn (Gottes)“ ein Name ist und nicht ein Titel (wie König). Der Unterschied zwischen beiden ist, dass ein Name zu einer Person gehört und ein Titel zu einem Amt. Ein Name drückt aus, wer jemand ist, und ein Titel drückt aus, was er ist. So wird Christus in Psalm 2 König genannt (das sagt uns, was Er ist), und Er wird Sohn genannt (das sagt uns, wer Er ist). Das Erste ist eine „offizielle (amtliche)“, das Zweite eine „persönliche“ Sache. Da ist z.B. das Amt eines Priesters (als solcher wird man „berufen“: Heb 5,4), des Messias (dazu wurde Jesus „gemacht“: Apg 2,36), des Hauptes (als solches wurde Er „gegeben“: Eph 1,22). Doch wir lesen niemals, dass Christus zum Sohn „berufen“ oder „gemacht“ wurde oder dass Ihm „gegeben“ wurde, Sohn zu sein. Sohnschaft ist nicht ein Amt; wenn das so wäre, wäre auch unsere Sohnschaft eine offizielle, nicht eine persönliche Sache. Es ist daher durchaus verwerflich, den Ausdruck „Sohn“ einen Titel zu nennen, wie es geschehen ist.

Die Bezeichnung „Sohn Gottes“ ist also der Name einer Person. Doch das Zweite, das wir nun sehen müssen, ist, dass sie nicht nur sein Name als Mensch ist (wie „Sohn des Menschen“), sondern auch als göttliche Person. Er war nicht nur der Sohn des Höchsten (Lk 1,32.35) – wenn das so wäre, könnte man Ihn noch, oberflächlich gesehen, mit allen gläubigen Israeliten gleichstellen (Ps 82,6). Nein, Er war und ist der Sohn des Vaters (Joh 17,1; 1Joh 1,3; 2Joh 3), Er ist der eingeborene Sohn Gottes (Joh 1,14.18; 3,16.18; 1Joh 4,9) – ein Ausdruck, auf den wir noch ausführlich zurückkommen. Er ist es, in dem Gott sich offenbarte, denn Gott sprach „im Sohn“ (Heb 1,1), d.h., Gott sprach selbst als göttliche Person, und diese Person ist der Sohn. Und Christus hat bewiesen, dass Er in dieser Bedeutung der Sohn Gottes war, indem Er Tote auferweckte und selbst aus den Toten auferstand: „Als Sohn Gottes in Kraft erwiesen … durch Toten-Auferstehung“ (Röm 1,4). Wir könnten hier noch viele andere Beweise nennen, aber die werden alle in verschiedenem Zusammenhang noch zur Sprache kommen.

Nun, wenn die Bezeichnung „Sohn Gottes“ der Name einer ewigen, göttlichen Person ist, dann ist klar, dass diese von Ewigkeit „Sohn“ gewesen ist. Namen göttlicher Personen sind notwendigerweise ebenso sehr ewig wie die Personen selbst. Er ist in Person der Sohn, und diese Person ist ewig; also ist der Sohn ewig. Wenn Christus auf der Erde als göttliche Person Sohn war, dann war Er ewig Sohn; seine Sohnschaft ist dann ebenso unveränderlich und permanent wie seine ewige Gottheit. Und dies gilt genauso für die Beziehungen innerhalb der Gottheit. Der Name Sohn ist eine relative Bezeichnung im Blick auf den Vater. Nun, eine Beziehung zwischen göttlichen Personen als solchen (nämlich Vater und Sohn) kann ebenso wenig einen Anfang in der Zeit gehabt haben wie die göttlichen Personen selbst. Dies muss man gut bedenken. Gott kann sehr wohl in der Zeit mein Vater werden, weil ich ein Mensch bin, keine göttliche Person. Aber in der Gottheit ist das anders: Der Vater ist Vater einer göttlichen Person; doch wurde Er das in der Zeit? Wurde der Sohn Mensch? – Oder wurde eine göttliche Person (als solche!) Sohn? Wenn die Fleischwerdung eine göttliche Person zum „Sohn“ machte, dann wurde eine andere göttliche Person „Vater“ ohne solch eine Änderung. Ich kann es nicht anders sehen, als dass dies absurd ist. Gott, der in der Zeit Vater eines Menschen wird (auch des Menschen Christus), ist denkbar; aber eine göttliche Person, die in der Zeit Vater einer anderen göttlichen Person wird – das ist ein Gedanke, der eine Entehrung dieser Personen in sich schließt. Persönliche Beziehungen zwischen göttlichen Personen sind ebenso ewig wie die Personen selbst.

Man kann diesen bedeutsamen Punkt nur dadurch umgehen, dass man die Sohnschaft Christi tatsächlich auf seine Menschheit beschränkt, also zur „Adoption“ (hyiothesia, „Annahme zum Sohn“; gewöhnlich mit „Sohnschaft“ übersetzt) erniedrigt, so wie Gläubige sie empfangen. Es wäre jedoch sehr gefährlich, unsere Sohnschaft mit der des Herrn zu verquicken: Der Sohn Gottes wurde Mensch, und als solcher ist Er gestorben und auferstanden, um in menschlichem Zustand für ewig Sohn in der Auferstehungsherrlichkeit zu sein, und allein so konnten wir mit Ihm, dem verherrlichten Menschen, verbunden werden und Söhne werden. Christus war der Sohn Gottes, der Mensch wurde. Wir waren Menschen, die Söhne Gottes wurden – ein grundsätzlicher Unterschied. Trotzdem zeigt uns selbst unsere Sohnschaft etwas von der wahren Bedeutung der Sohnschaft, auch der Sohnschaft Christi, wie sie geleugnet wird von denen, die Christi ewige Sohnschaft verneinen und daher auch behaupten, dass der Sohn (als solcher) auf der Erde niedriger war als der Vater. Es ist nämlich sehr wesentlich, dass Sohnschaft in der Schrift gerade immer im Gegensatz zu Unterwürfigkeit und Sklaverei steht; achten wir nur auf Römer 8,15 und Galater 4,1-7, Abschnitte, die sich auf die Gläubigen beziehen und die Sohnschaft mit Mündigkeit und Freiheit verbinden.

Es gibt jedoch eine noch deutlichere Schriftstelle, die auf Christus selbst Bezug hat, nämlich Hebräer 5,8: Obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte.“ Das Wort „obwohl“ (kaiper) ist hier aufschlussreich, denn es schafft eine Gegenüberstellung zwischen Sohnschaft einerseits und einer Stellung des Gehorsams (Unterwürfigkeit, untergeordnete Stellung) andererseits. Es heißt nicht, weil Er Sohn war, musste Er Gehorsam lernen, sondern gerade trotz der Tatsache, dass Er Sohn war. Dies zeigt deutlich, dass Sohnschaft mit Selbständigkeit, Gleichrangigkeit in Verbindung steht und gerade nicht mit einer untergeordneten Stellung. Übrigens, ist dies nicht auch das unverkennbare Zeugnis der vier Evangelien? Sogar die ungläubigen Juden erfassten nur allzu gut, dass die Sohnschaft Christi Ihn nicht geringer, sondern gerade Gott, dem Vater, gleich machte: „Darum nun suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen eigenen Vater nannte, sich selbst Gott gleich machend“ (Joh 5,18; vgl. Joh 10,33).

Auch hier müssen wir übrigens deutlich die Unterschiede machen, die die Schrift macht und die wieder mit der Tatsache zusammenhängen, dass Christus sowohl Gott als Mensch ist. Auf der Erde war Christus als göttliche Person unverändert. Noch immer war Er dem Vater gleich und ebenso ewig wie dieser, in der vollen Herrlichkeit, Majestät und Pracht Gottes. Doch als Mensch, infolge seines menschlichen Zustandes, stand Er unter Gott (vgl. 1Kor 15,27; Heb 2,9). Auf der Erde war Er der Stellung nach abhängig von dem Vater und dem Vater unterworfen, aber dies ist etwas völlig anderes, als dass Er seiner Natur nach dem Vater untergeordnet war! Johannes macht diesen Unterschied sehr deutlich: Einerseits zeigt er uns das Gleichsein dieser zwei göttlichen Personen (Joh 3,31; 5,17.18.22,23; 8,58; 10,30; 16,15); andererseits zeigt er uns, dass Christus, gesehen als Mensch, sich in einer Stellung der Unterwürfigkeit befand (Joh 3,35; 8,29; 10,18; 14,28; 15,10). Dies ist ein schwieriges Thema, denn es ist in der Tat so, dass auch in diesen letzten Fällen von „Sohn“ gesprochen wird. Aber es ist völlig falsch, hieraus Schlussfolgerungen über die Bedeutung der Sohnschaft Christi zu ziehen, weil auch in den zuerst genannten Schriftstellen von „Sohn“ gesprochen wird. Die Erklärung hierfür liegt in dem bereits behandelten Punkt, dass Christus sowohl als Mensch als auch als göttliche Person „Sohn“ ist. Und diese letzte Tatsache zeigt ausreichend, dass Christi Sohnschaft ebenso ewig ist, wie Er das als göttliche Person ist.

Gott, geoffenbart im Fleisch

Bevor wir mit Beweisen aus der Schrift für die ewige Sohnschaft Christi fortfahren, ist es gut, uns erst einmal näher auf die fundamentale Bedeutung dieser Frage zu besinnen. Dies um so mehr, als man feststellen muss, dass viele Gläubige nicht oder unzureichend von der Bedeutung dieser Frage überzeugt sind. Sie halten an der ewigen Sohnschaft fest, aber sie halten nicht an ihrer wesentlichen Bedeutung fest. Sie werden uns vielleicht sogar erzählen, dass dieser Gegenstand nicht so sehr wichtig sein kann, weil der Ausdruck „ewige Sohnschaft“ oder „der ewige Sohn“ in der Bibel nicht vorkommt … Als wäre das ausdrückliche Vorkommen oder Nichtvorkommen eines bestimmten Ausdrucks ein Maßstab für seine Bedeutung! Alle orthodoxen Christen glauben an die „Dreieinheit“ Gottes trotz der Tatsache, dass dieser Ausdruck überhaupt nicht in der Bibel vorkommt. Und alle orthodoxen Christen halten an der Bedeutung der „Stellvertretung“ im Erlösungswerk fest, obwohl dieser Ausdruck ebenso wenig in der Schrift vorkommt. Die Richtigkeit einer bestimmten Lehre kann nicht aus dem Vorkommen bestimmter Ausdrücke in der Bibel ersichtlich sein, sondern wird durch die Frage entschieden, ob der Inhalt dieser Lehre als solcher in Gottes Wort gelehrt wird. Nun, wir sind davon überzeugt, dass die Schrift sehr wohl die ewige Sohnschaft Christi lehrt, übereinstimmend mit dem Inhalt dieses Ausdrucks.

Wir sind zudem davon überzeugt, dass die ewige Sohnschaft Christi in engster Verbindung mit dem ganzen Wesen des Christentums steht! Wir lesen in 1. Timotheus 3,16, dass Gott geoffenbart worden ist im Fleisch. Wenn die Namen Vater und Sohn jedoch lediglich Gültigkeit haben nach der Fleischwerdung und also nicht die wahren, ewigen Beziehungen innerhalb der Gottheit ausdrücken, dann gibt es überhaupt keine Offenbarung Gottes im Fleisch. Wenn die Namen Vater und Sohn lediglich die Namen sind, unter denen wir diese göttlichen Personen seit der Menschwerdung Christi kennen, und nicht die Namen, die ausdrücken, wer und was diese Personen von Ewigkeit waren, dann bedeutet das, dass wir auch im Christentum Gott noch immer nicht wirklich kennen und dass Gott noch immer nicht „geoffenbart“ ist. Wir haben dann rückblickend überhaupt keine Offenbarung himmlischer, ewiger Dinge (das Wesen des Christentums!) noch eine Offenbarung Gottes, wie Er ist, sondern nur von Gott, wie es Ihm gefiel zu werden (nämlich Vater und Sohn in der Fleischwerdung) – doch das ist etwas völlig anderes.

Gott sei Dank, dass das nicht so ist! Wir sind in die ewige Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes eingeführt (1Joh 1,3), nicht in eine Gemeinschaft, die lediglich für eine Gelegenheit ins Leben gerufen wurde. Wir dürfen wissen, wie Gott ewig in Liebe gewohnt hat – denn die Beziehung des Vaters und des Sohnes ist eine Beziehung der Liebe (Joh 1,18; 17,24) –, und der Gegenstand der Liebe (der Sohn im Schoß des Vaters) ist uns kundgemacht, und wir sind in dieselbe Liebe durch Gnade eingeführt. Wie schrecklich wäre es, den Schoß des Vaters in unseren Gedanken der ewigen, unaussprechlichen Freude zu berauben oder zu behaupten, dass Gott, als unser Herr von Ewigkeit in seinem Schoß war, nicht die Freude eines Vaters oder Christus nicht die Freude eines Sohnes gekannt habe. „Gott ist Liebe“ (1Joh 4,8.16) – ist Er das denn erst seit der Menschwerdung Christi? Ist die Liebe nicht die Natur Gottes selbst, und war Er also nicht von Ewigkeit Liebe? Doch wie äußerte sich diese Liebe in der Ewigkeit? Wenn die Liebe zwischen göttlichen Personen sich nach der Fleischwerdung in der Beziehung von Vater und Sohn äußerte, wer wagt dann zu behaupten, dass dies in der Ewigkeit anders war? Gab es da keine göttlichen Personen, und war Gott nicht Liebe? Die Namen „Vater“ und „Sohn“ sind doch Hinweise auf die ewigen Beziehungen der Liebe zwischen diesen göttlichen Personen. Der Sohn war von Ewigkeit der „Sohn seiner [Gottes] Liebe“ (Kol 1,13); hören wir nur den Sohn zu dem Vater sagen: „Denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24)!

Unter den Namen Vater, Sohn und der ewige Geist (Heb 9,14) kennen wir die drei göttlichen Personen, wie sie von Ewigkeit waren in ihren gegenseitigen Beziehungen. Wäre das nicht so – würden also die Namen Vater und Sohn nicht ausdrücken, wer diese Personen in der Ewigkeit waren –, dann wäre Gott nicht geoffenbart und wäre Er für uns noch derselbe fremde Unbekannte, der Er im Wesen vor dem Kommen Christi war. Die ersten Verse des ersten Johannesbriefes werfen ein klares Licht darauf. Beachten wir dort die Reihenfolge der Mitteilungen: Zuerst hören wir, dass das ewige Leben (das ist der Sohn; siehe 1Joh 5,20) bei dem Vater war, und anschließend vernehmen wir, dass es uns geoffenbart ist. Also bevor es geoffenbart wurde (übrigens, auch als es geoffenbart wurde), war es bei dem Vater. Das ist unbestreitbar: Hier kam etwas ans Licht, das bereits zuvor bestand. Bevor das ewige Leben geoffenbart wurde, war es bei dem Vater und war der Vater also bereits Vater. Vers 3 macht das weiter deutlich: Es kam eine Sphäre der Gemeinschaft ans Licht – und etwas kann nur „ans Licht kommen“, wenn es zuvor bereits bestand –, in die wir eingeführt sind, nämlich in die Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes. Diese Gemeinschaft ist nicht (wie gesagt) anlässlich der Fleischwerdung entstanden, denn dann würden wir noch nicht in die wesentliche (also ewige) Gemeinschaft Gottes selbst eingeführt sein, und das Christentum wäre seiner Grundlage beraubt. Die Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes ist nicht bei der Fleischwerdung entstanden, sondern geoffenbart worden.

Ist das Wort „offenbaren“ so schwer zu begreifen? Etwas kann doch nur dann geoffenbart werden, wenn es bereits zuvor bestand. Durch die Offenbarung der Beziehungen göttlicher Personen entstanden diese Beziehungen doch nicht. Diese Offenbarung konnte nur ans Licht bringen, was bereits von Ewigkeit bestand. Gott ist geoffenbart im Fleisch – hat dann die Fleischwerdung Christi Beziehungen in der Gottheit geoffenbart, die bereits vorher bestanden, oder nicht? Der Sohn Gottes ist geoffenbart worden (1Joh 3,8). – Wurde dann diese Person erst der Sohn, als Er auf die Erde kam, oder wurde Er (wie der Vers sagt) geoffenbart in dem, was Er war: der Sohn Gottes? Christus hat hier auf der Erde den Namen des Vaters geoffenbart (Joh 17,6). Hat Er dann geoffenbart, was Gott bereits zuvor war, oder wurde der Vater erst Vater, als Christus auf die Erde kam? Das ewige Leben war bei dem Vater und ist uns geoffenbart worden (1Joh 1,2). Kam hier etwas ans Licht, das tatsächlich zuvor bei dem Vater war, oder dürfen wir die Tragweite dieses Verses ruhig verneinen und behaupten, dass vor dieser Offenbarung von einem Vater noch überhaupt keine Rede war?

Wenn wir nicht die Beziehungen kennen würden, die vor der Menschwerdung Christi zwischen göttlichen Personen bestanden – d.h., wenn wir diese göttlichen Personen vordem nicht mit den Namen Vater, Sohn und Geist bezeichnen könnten –, so würden die Christen ihrer kostbarsten Segnungen beraubt.

Denke an die ewigen, himmlischen Dinge, die Gott bereits vor Grundlegung der Welt in seinen Ratschlüssen für uns vorgesehen hatte! Berauben wir uns nicht des Kostbarsten, wenn wir dabei die Beziehungen zwischen den göttlichen Personen leugnen? Die Schrift spricht jedenfalls anders. Sie sagt: „Denn welche er zuvorerkannt hat, die hat er auch zuvorbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29). Und an anderer Stelle: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen örtern in Christus, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos seien vor ihm in Liebe; und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesus Christus für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens“ (Eph 1,3-5). Gott hat uns zuvor dazu auserwählt, dass wir sein sollten, was Er von Ewigkeit war: heilig und tadellos; Er hat uns ebenfalls zuvor dazu bestimmt, dass wir für Ihn sein sollten, was Christus von Ewigkeit für Ihn war: Sohn.

Wer kann leugnen (um noch eine andere Konsequenz zu nennen), dass das ewige Leben ewig ist? Doch ewiges Leben ist das Kennen des allein wahren Gottes, und zwar ein Kennen, wie der Sohn Ihn kannte, der Ihn mit Vater anredete: „Vater, … dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen [oder: kennen]“ (Joh 17,1.3). Das wirkliche Kennen Gottes bedeutet, Ihn zu kennen, wie der Sohn Ihn kannte, nämlich als Vater; und das wirkliche Kennen Jesu Christi, den Er gesandt hat, bedeutet, Ihn so zu kennen, wie der Vater Ihn kannte, der seinen Sohn in die Welt gesandt hat (Joh 10,36). Wenn nun das wirkliche Kennen Gottes und Jesu Christi in sich schließt, sie zu kennen als Vater und Sohn, und wenn dies ewiges Leben ist, wie können die Namen Vater und Sohn dann erst in der Zeit, bei der Fleischwerdung, Inhalt bekommen haben? Widerlegt Johannes 17 dies nicht eindeutig? Wie kann der Sohn über die Herrlichkeit sprechen, die Er bei dem Vater hatte, bevor die Welt war (Joh 17,5), und über die Liebe, die der Vater vor Grundlegung der Welt zu Ihm hatte (Joh 17.24), wenn in dieser Ewigkeit überhaupt noch keine Rede von einem Vater und einem Sohn war? Warum haben in diesem Jahrhundert so viele begabte Lehrer solche Schwierigkeit gehabt, diese Wahrheit anzuerkennen?

Der Sohn in der Ewigkeit

Was ist kostbarer für einen Christen, als in die Offenbarung einzudringen, die der Heilige Geist uns von den Tiefen Gottes gegeben hat (1Kor 2,10)? Was ist herrlicher, als auf das Zeugnis des Geistes und des Sohnes zu lauschen, der aus dem Himmel herniedergekommen ist, um uns die himmlischen Dinge zu berichten (Joh 3,12.13)? Göttliche Personen haben sich herabgelassen, zu uns herniederzukommen und zu uns über die ewigen Dinge des Vaterhauses zu sprechen, Dinge, die uns so vertraut geworden sind und die wir so lieben, weil wir selbst Teil daran bekommen haben. Soweit wir nicht Teil daran bekommen haben, weil sie über das hinausgehen, was jemals Geschöpfen geschenkt werden konnte, haben wir doch an der göttlichen Natur Anteil bekommen (2Pet 1,4), so dass wir das, was wir nicht besitzen können – das, was von Ewigkeit der Gottheit selbst eigen ist –, doch sehen und genießen können.

Stellen wir uns vor, dass dem nicht so wäre – was wäre das Christentum? Stellen wir uns ferner vor, dass der Schoß des Vaters zwar der Platz des Sohnes war (Joh 1,18), dass dieser aber nicht Sohn war bis zu seiner Fleischwerdung. Dann war Er auch nicht von aller Ewigkeit an diesem Platz! Doch dann ist seine Sohnschaft lediglich mit seiner Menschheit verbunden, und dann ist der Schoß des Vaters nicht der Platz, der unserem Herrn eigen ist als göttlicher Person, sondern dann ist der Schoß des Vaters lediglich eine Stellung, in die Menschen (Christus eingeschlossen) durch Adoption (hyiothesia, „Annahme zum Sohn“) gebracht werden und nicht der einzigartige, ewige Platz der Liebe des Vaters, von dem aus alles, was himmlisch und ewig ist, uns erreicht hat. Was bleibt dann noch übrig von dem, was wir im Vaterhaus anschauen werden? Wie sollen wir die Liebe genießen, die der Vater bereits vor Grundlegung der Welt für den Sohn hatte (Joh 17,24), wenn überhaupt keine Rede von einer ewigen Liebe zwischen dem Vater und dem Sohn ist? Wie sollen wir die Herrlichkeit betrachten, die der Vater Ihm gegeben hat, eine Herrlichkeit, die der Sohn bei dem Vater hatte, ehe die Welt war (Joh 17,5), wenn es in der Ewigkeit überhaupt keinen Sohn bei dem Vater gab?

Natürlich kann man entgegnen, dass der Sohn diese Herrlichkeit in gewissem Sinn verlassen hatte und in neuer Weise, in einem neuen Zustand, dahin zurückkehrte. Doch dabei muss man bedenken, dass Er diese Herrlichkeit nur in äußerlicher Hinsicht verlassen hat, geradeso wie man die äußerliche Pracht und den Prunk eines Königssohnes von der Herrlichkeit seiner Person als Sohn unterscheiden muss. Zudem ist zu bedenken, dass der Vater diese Herrlichkeit nicht verlassen hat und der Sohn, als in dem Vater seiend und der Vater in Ihm (Joh 14,11), ebenso wenig! Alle seine innere Herrlichkeit als Sohn, alles, was seiner Gottheit eigen ist, im Wesen, in Natur und Eigenschaften, brachte Er in seiner Menschwerdung mit, und es kam durch den Schleier seiner Menschheit hindurch hier auf der Erde zum Ausdruck. Auf der Erde war Er genauso der Sohn im Schoß des Vaters wie in der Ewigkeit. Als Mensch auf der Erde verlangte diese göttliche Person danach, wieder bei dem Vater in der Herrlichkeit zu sein; als Sohn hatte Er diesen Platz niemals verlassen, und es gibt eine ewige Kontinuität des Sohnes im Schoß des Vaters von aller Ewigkeit her, nach der Fleischwerdung, nach der Verherrlichung und bis in alle Ewigkeit.

Wie schön drückt der Herr das selbst aus, wenn Er sagt: „Ich bin von dem Vater ausgegangen und bin in die Welt gekommen; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater“ (Joh 16,28). „Ich und der Vater sind eins … saget ihr von dem, welchen der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn? … Glaubet, dass der Vater in mir ist, und ich in ihm“ (Joh 10,30-38). Hier haben wir die volle Wahrheit bezüglich der Fragen, die wir untersuchen: Wir sehen hier die vollkommene Einheit göttlicher Personen (der Sohn und der Vater sind eins; der Vater in dem Sohn, der Sohn in dem Vater) und die Mitteilung, dass der Vater den Sohn in die Welt gesandt hat. Wie müsste denn ein deutlicheres Zeugnis als dieses aussehen?

Trotz dieser Deutlichkeit gibt es ein ziemlich häufig angeführtes Argument, das mit dieser Wahrheit im Widerspruch zu stehen scheint. Man argumentiert, dass bestimmte Namen, die eindeutig nur für den Herrn in seiner Menschheit gelten, doch auf Ihn angewandt werden, wenn über Ihn in der Ewigkeit gesprochen wird. Ein Beispiel dafür ist u.a. 2. Timotheus 1,9, wo über die Gnade gesprochen wird, die uns in Christus Jesus vor den Zeiten der Zeitalter gegeben worden ist. Nun argumentiert man, obwohl unser Herr in der Ewigkeit noch nicht den Namen Christus Jesus trug, wird Er doch hier bereits als solcher bezeichnet. Doch wenn das so ist, dann darf man aus der Tatsache, dass Er, wenn über Ihn in der Ewigkeit gesprochen wird, manchmal Sohn genannt wird, nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass Er zu der Zeit bereits Sohn war. Und, so argumentiert man weiterhin, die Schrift sagt zwar, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, aber auch, dass Er Jesus Christus gesandt hat; und ebenso, wie unser Herr erst ab seiner Fleischwerdung Jesus Christus hieß, könnte man die Schlussfolgerung ziehen, dass Er auch erst ab seiner Fleischwerdung Sohn war.

Dies erscheint vielleicht als ein schönes Argument, ist aber doch einfach zu widerlegen. Erstens ist es noch nicht so sicher, ob der Name Jesus Christus nicht auch auf den Herrn angewandt werden kann vor seiner Fleischwerdung. Jesus bedeutet „Jehova ist Retter“, und Christus bedeutet „Gesalbter“, und beides war Er vor seiner Fleischwerdung; vgl. Jesaja 45,21: Gott-Heiland in Person, und Psalm 2,6 und 45,7: Gesalbter nach Gottes Ratschluss.

Doch was noch auffallender ist, ist zweitens, dass der Name Jesus Christus als solcher zwar eng mit der Menschheit des Herrn verbunden ist, dass aber der Name Sohn das nun gerade nicht ist. Das ist ein Name, der Ihn als göttliche Person kennzeichnet, und das war Er von Ewigkeit. Auch sehen wir, wie irreführend es ist, negativ zu argumentieren und dann im Blick auf völlig verschiedene Dinge Schlussfolgerungen zu ziehen.

Man kann natürlich fragen, weshalb die Schrift denn die Namen, die den Herrn als Mensch kennzeichnen (wie Jesus Christus), bereits vor der Fleischwerdung auf Ihn bezieht. Wir lesen sogar: „Der zweite Mensch [ist] vom Himmel“ (1Kor 15,47) – als wäre der Herr bereits vor seiner Fleischwerdung Mensch gewesen. Dies hängt wieder mit einem Punkt zusammen, den wir bereits mehrere Male behandelt haben, nämlich dass der Herr seit seiner Fleischwerdung sowohl Gott als Mensch ist; deshalb erkennen wir (wie gesagt), dass der Heilige Geist Ihn mit einem göttlichen Namen und zugleich mit menschlichen Eigenschaften oder mit einem menschlichen Namen und zugleich mit göttlichen Eigenschaften bezeichnet. So verstehen wir also auch, dass der Geist Ihn manchmal in dem vorstellt, was Er vor der Fleischwerdung war, aber Ihn dann doch mit einem menschlichen Namen bezeichnet, z.B. Jesus Christus. Es ist jedoch abwegig, hieraus auch nur einen einzigen Schluss bezüglich des Namens „Sohn“ zu ziehen, weil dieser Name Ihn nun gerade nicht als Menschen allein kennzeichnet, sondern vor allem als göttliche Person. Es ist zwar so, dass der Name „Sohn“ gebraucht wird, wenn uns der Mensch Christus vorgestellt wird; aber der Name wird auch gebraucht, wenn wir Ihn als göttliche Person sehen. Sowohl als Gott wie auch als Mensch ist Er der Sohn; es ist eine Person, eine ewige Person, also auch ein ewiger Sohn.

Sogar in unserem menschlichen Sprachgebrauch ist es nicht ungewöhnlich, eine Person mit einem Namen oder Titel zu bezeichnen und zugleich über eine Zeit zu sprechen, als diese Person diesen Namen oder Titel noch nicht besaß. So ist es nicht ungewöhnlich, zu fragen: „In welchem Jahr wurde die Königin geboren?“ Niemand wird erwidern, dass sie doch überhaupt noch keine Königin war, als sie geboren wurde.

So ist es auch nicht ungewöhnlich, über Christus vor den Zeiten der Zeitalter zu sprechen. Der Kern der Sache ist, dass das Königtum ein Amt ist, das erst später, manchmal lange nach der Geburt, angetreten wird; doch der Natur und Beziehung nach war die Königin eine Tochter ab dem ersten Beginn ihres Daseins. Das Bild ist recht schwach, denn Christi Menschheit ist kein Amt, sondern gehört seit seiner Fleischwerdung ebenfalls zu seiner Person. Und doch stimmt das Bild insoweit, als Er in der Zeit Mensch geworden ist, während Er andererseits seiner Natur und Beziehung nach von Ewigkeit Sohn war. Der Name „Sohn Gottes“ deutet, wie mir scheint, mehr auf diese göttliche Natur hin, während der Name „Sohn des Vaters“ mehr eine persönliche Beziehung wiedergibt.

Ja, Gott hat von Ewigkeit einen Sohn. Sogar der Gläubige im Alten Testament, also vor der Fleischwerdung, konnte sich fragen: „Wer ist hinaufgestiegen gen Himmel und herniedergefahren? Wer hat den Wind in seine Fäuste gesammelt? Wer die Wasser in ein Tuch gebunden? Wer hat aufgerichtet alle Enden der Erde? Was ist sein Name, und was der Name seines Sohnes, wenn du es weißt?“ (Spr 30,4). Wie konnte Agur diese (von Gottes Geist inspirierte) Frage stellen, wenn Gott zu dieser Zeit überhaupt noch keinen Sohn hatte? Doch dasselbe Buch der Sprüche bestätigt, dass Gott in Ewigkeit einen Sohn hatte. Kapitel 8 stellt uns die personifizierte Weisheit vor (vgl. Spr 8,17.23.30.31, um zu sehen, dass es hier tatsächlich um eine Person geht), und wir wissen aus dem NT, dass dies Christus ist (1Kor 1,24; vgl. Kol 2,3). Sprüche 8,30.31 stellt uns diese Person als ein Schoßkind bei Gott vor, Tag für Tag seine Wonne, vor Ihm sich ergötzend allezeit – und das vor der Fleischwerdung. Wer wagt dann zu behaupten, dass der Schoß des Vaters (Joh 1,18) nicht ewig ist und also auch der Vater und der Sohn nicht ewig sind?

Der Sohn im Anfang

Neben den Schriften des Johannes ist der Hebräerbrief ein ganz besonderes Zeugnis bezüglich der ewigen Sohnschaft Christi. Bereits die ersten Verse zeigen dies: „Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im [wörtlich: in] Sohne, den er gesetzt hat zum Erben aller Dinge, durch den er auch die Welten gemacht hat.“ Beachten wir, dass hier steht, dass Gott nun „in Sohn“ gesprochen hat, ohne Geschlechtswort. Gott sprach nun nicht, wie Er früher sprach, in den Propheten, die Er als seinen Mund gebrauchte, sondern Gott sprach nun selbst, in eigener Person, nicht durch einen anderen. Auch sprach Er nicht in der Person des Vaters, auch nicht durch den Heiligen Geist, der lediglich eine geschaffene Person gebrauchte, sondern Er sprach als göttliche Person, und diese Person ist der Sohn. Gott sprach nicht mehr durch andere, sondern persönlich, und zwar in der Person des Sohnes. Es ist sehr bedeutend, dieses Erste gut zu verstehen.

Doch ebenso wichtig ist es, zu sehen, was dort von dieser Person des Sohnes weiter gesagt wird. Es werden nämlich zwei Dinge von Ihm mitgeteilt, die beide seiner Fleischwerdung vorausgingen: (a) Gott hat den Sohn (in seinen Ratschlüssen von Ewigkeit, lange bevor die Welt bestand) zum Erben aller Dinge gesetzt (die also gerade mit als Erbe für den ewigen Sohn geschaffen wurden), und (b) darauf folgt dann logischerweise die Erwähnung der Schöpfung selbst, doch ausdrücklich als etwas, das nicht nur für, sondern auch durch den Sohn geschaffen wurde. Durch den Sohn hat Gott geschaffen, d.h., der Sohn war das Mittel, das Agens, wodurch die Welten zustande gebracht wurden. Dies ist überzeugend und entscheidend: Derselbe Sohn, in dem Gott am Ende dieser Tage zu uns gesprochen hat, war der Gegenstand der ewigen Ratschlüsse Gottes, durch den Gott die Welten geschaffen hat. Wer ist der Schöpfer? Es ist der Sohn. Tausende von Jahren vor seiner Fleischwerdung war es der Sohn, der die Welten erschuf.

Dieses unleugbare Zeugnis kommt in der Schrift sogar zweimal vor, denn Kolosser 1 berichtet uns genau dasselbe: „Danksagend dem Vater, … der uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe, … welcher das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn durch ihn sind alle Dinge geschaffen worden … alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen“ (Kol 1,12-16). Auch dies ist eine klare Sprache: Der Sohn der Liebe des Vaters ist es, in dem, durch den und für den alle Dinge geschaffen sind! Der Sohn ist das Bild des unsichtbaren Gottes oder, wie Hebräer 1,3 sagt, „der Abglanz seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens“. Als der Sohn als Mensch in seine eigene Schöpfung eintrat, war Er notwendigerweise der Erstgeborene (der Überragendste in der Rangordnung) dieser ganzen Schöpfung, weil derselbe Mensch der Schöpfer des Himmels und der Erde ist. Der Sohn des Vaters, der Mensch wurde, war derselbe Sohn, der alle Dinge geschaffen hatte. Sie waren geschaffen in (so wörtlich im Grundtext; Heb 1,16) Ihm (in der Kraft seiner Person), durch Ihn (Er selbst war die handelnd auftretende Person, die das Schöpfungswerk ausführte) und für Ihn (zur Ehre und Verherrlichung des Sohnes). Hier haben wir die wahre Herrlichkeit seiner Person als Sohn, bevor die Welt war. Er ist der Schöpfer als Sohn; was ist eindeutiger als das? Doch auch: Was ist für den Glauben kostbarer als das? Dieser selbe Sohn der Liebe des Vaters, in dem ich die Erlösung habe, die Vergebung der Sünden (Heb 1,14), ist mein Schöpfer, in dem, durch den und auch für den ich geschaffen bin. Er erlöste als Sohn, was Er erschuf als Sohn.

Das Zeugnis in Hebräer 1 stimmt also genau mit dem in Kolosser 1 überein. Kurz darauf haben wir in Hebräer 1 ein weiteres Zeugnis der ewigen Sohnschaft Christi. Hebräer 1,8.9 lautet: „In Bezug auf den Sohn aber [sagt Gott]: ,Dein Thron, o Gott, ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, und ein Zepter der Aufrichtigkeit ist das Zepter deines Reiches; du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst; darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit Freudenöl über deine Genossen.‘“ Hier sehen wir erneut den Sohn als Gegenstand des ewigen Ratschlusses Gottes, und es wird zudem von Ihm gesagt, dass Er einen ewigen Thron hat. Beachten wir, dass wir hier ausdrücklich lesen: Der Sohn hat einen ewigen Thron; der Gott des Alten Testamentes auf dem Thron war der Sohn! Wie könnte denn der Sohn einen ewigen Thron haben, wenn Er selbst nicht der ewige Sohn wäre?

Einige Seiten weiter finden wir in Hebräer 5,8 die bereits zitierten Worte, dass Christus an dem, was Er litt, den Gehorsam lernte, obwohl Er Sohn war. Wie wir sahen, ist diese Stelle sehr wichtig, weil sie uns zeigt, dass Sohnschaft gerade nicht mit Abhängigkeit und Unterwürfigkeit, sondern mit Souveränität und Selbständigkeit verbunden ist, also mit der Stellung, die der Sohn vor seiner Fleischwerdung besaß. Trotz der Tatsache, dass Er diese Würde und Herrlichkeit als Sohn besaß, brachte es seine neue Stellung als Mensch auf der Erde (und als solcher Gott unterworfen) mit sich, dass Er durch die Leiden, die Gott über Ihn kommen ließ, den Gehorsam lernen musste – also etwas, was Er als Sohn vor seiner Menschwerdung niemals gekannt hatte, weil Er sich da nicht in einer Stellung des Gehorsams befand, sondern solchen befahl, die Ihm gehorchten. Ich verlasse nun diese Stelle und finde einen weiteren wichtigen Vers in Kapitel 7: „Denn dieser Melchisedek, … der erstlich verdolmetscht König der Gerechtigkeit heißt, sodann aber auch König von Salem, das ist König des Friedens, ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend, aber dem Sohne Gottes verglichen, bleibt Priester auf immerdar“ (Heb 7,1-3).

Es ist sehr der Mühe wert, bei dieser Schriftstelle kurz stillzustehen. Hier wird von Melchisedek gesagt, dass er dem Sohn Gottes gleicht; natürlich nicht, was seine Person betrifft, und auch nicht, was alle seine Eigenschaften betrifft, sondern was gerade die Eigenschaften betrifft, die hier von ihm aufgezählt werden. Diese Eigenschaften lassen sich deutlich in zwei Gruppen einteilen: erstens in die Eigenschaften Melchisedeks, in denen er dem Sohn als Mensch gleicht. Als Mensch ist der Sohn König der Gerechtigkeit und König des Friedens. Danach finden wir eine zweite Gruppe von Eigenschaften, die sich deutlich nicht auf den Sohn als Mensch beziehen, nämlich: „Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens habend.“ Natürlich galten diese Eigenschaften nicht buchstäblich für Melchisedek. Schließlich war dieser sehr wohl ein Mensch und hatte auch leibliche Eltern, ein Geschlechtsregister und war auf der Erde geboren (er hatte einen „Anfang der Tage“ gehabt) und war gestorben (er hatte ein „Ende des Lebens“ gehabt). Doch gleicht Melchisedek dem Sohn Gottes, weil er in der Schrift gleichsam aus dem Nichts auftaucht, völlig ohne Hintergrund, ohne Abstammung. Er ist plötzlich da und verschwindet ebenso plötzlich wieder, als sei er nicht ein Mensch gewesen, der normal auf der Erde aus einem Vater und einer Mutter geboren war und einmal würde sterben müssen. Daran erkennen wir, nebenbei gesagt, wie genau die Typologie der Schrift ist: Sogar aus dem Fehlen bestimmter Besonderheiten werden vorbildliche Schlussfolgerungen gezogen.

In der merkwürdigen Art und Weise, wie Melchisedek in 1. Mose 14 eingeführt wird und wieder zurücktritt, ist er also nach Hebräer 7 ein Gleichnis von dem Sohn Gottes, und zwar nicht als Mensch, sondern als göttliche Person. Dies ist sehr wichtig, aber auch sehr deutlich. Als Mensch hatte Christus ja durchaus eine Mutter, durchaus ein Geschlechtsregister, durchaus einen Anfang der Tage (nämlich seine Geburt aus Maria), durchaus ein Ende des Lebens (nämlich seinen Tod als Mensch) und sogar einen (gesetzlichen) Vater. Jene Eigenschaften müssen also auf Ihn als göttliche Person Bezug haben. Doch beachten wir nun die sich hieraus ergebende Schlussfolgerung! Der Schreiber sagt, dass Melchisedek dem Sohn Gottes verglichen wird, weil Er, gerade wie der Sohn, keinen Anfang der Tage und kein Ende des Lebens hatte. Dass der Sohn in Ewigkeit als Sohn leben wird, wird kein Christ leugnen wollen. Doch dieser Abschnitt sagt ebenso klar, dass der Sohn von Ewigkeit gelebt hat. Als Sohn hatte Er keinen Anfang der Tage. Beachte, dass Er nicht nur als göttliche Person keinen Anfang der Tage hatte – das ist selbstverständlich und wird niemand leugnen –, sondern als Sohn hatte Er keinen Anfang der Tage. Wie hätte der Heilige Geist jemals sagen können, dass Melchisedek dem Sohn Gottes gliche, weil er, gerade wie der Sohn, keinen Anfang der Tage hatte, wenn der Sohn erst bei seiner Fleischwerdung Sohn wurde? Vielleicht wird sich jemand fragen, wieso hier stehen kann „ohne Vater“, weil Sohnschaft doch immer einen Vater voraussetzt, auch wenn es um den ewigen Sohn des Vaters geht. Dies ist richtig; doch man muss bedenken, dass aus dem Zusammenhang zu ersehen ist, dass es hier um bestimmte menschliche Kennzeichen geht (vgl. Mutter, Anfang der Tage, Ende des Lebens), die der Sohn als göttliche Person nun gerade nicht besaß. Unter den Menschen bedeutet Vaterschaft immer Zeugung, Abstammung, Geburt, doch dieser Vers sagt gerade, dass der Sohn als göttliche Person in diesem Sinn keinen Vater hatte. Der Vater war nicht sein Vater durch Zeugung und Geburt, sondern in dem Sinn einer ewigen Beziehung der Liebe, wie wir das z.B. in Johannes 1,18 und 17,24 sahen. Der ewige Sohn Gottes hatte keinen Vater in dem Sinn, wie menschliche Söhne einen Vater haben. Christi Sohnschaft ist eine Bezeichnung für bestimmte Beziehungen zwischen den Personen innerhalb der Gottheit, nicht für Abstammung und Geburt (siehe später). Derselbe, der in dem Mutterschoß Marias war, war von Ewigkeit im Schoß des Vaters gewesen.

Der Sohn in der Fleischwerdung

Die Schlussworte des vorigen Abschnitts, worin verneint wurde, dass Christus Sohn durch Zeugung und Geburt geworden ist, werden vielleicht manchen Lesern den Ausdruck „der eingeborene Sohn“ in Erinnerung gerufen haben. Dies bringt uns zu den bedeutsamen Eröffnungsworten des Johannesevangeliums, woraus ich einige Verse zitiere: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ward durch dasselbe, und ohne dasselbe ward auch nicht eines, das geworden ist. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater) voller Gnade und Wahrheit … Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,1-3.14.18).

Der erste wichtige Punkt hier ist die Ewigkeit des Wortes. Merkwürdigerweise haben einige nicht nur die Ewigkeit der Sohnschaft Christi geleugnet, sondern auch seine Ewigkeit als das Wort Gottes. Und das, während die einzige Schriftstelle, die darauf überhaupt irgendwelches Licht werfen könnte, in Johannes 1 zu finden ist! – Ganz abgesehen von der Bedeutung des Ausdrucks „Wort“ (logos). Diese Verse sind deutlich genug: Im Anfang war das Wort bei Gott, und das Wort war der Schöpfer aller Dinge. Wer behauptet, dass wir hier eigentlich lesen müssten: „Im Beginn war Er, der nach seiner Fleischwerdung das Wort genannt wurde; und Er, der nach seiner Fleischwerdung das Wort genannt wurde, war bei Gott; und Er, der nach seiner Fleischwerdung das Wort genannt wurde, war Gott“, hat für dieses Gedankenspiel keinen einzigen Grund in der Schrift und sollte besser jeden Versuch einer sauberen Auslegung aufgeben. Dies wird noch deutlicher, wenn wir auf die Bedeutung des logos achten, nämlich als den Ausdruck des inneren Wesens Gottes (vgl. wieder Kol 1,15 und Heb 1,3). Nun, war Christus dies als Mensch oder als göttliche Person? Das Letztere trifft zu, denn der Heilige Geist erklärt, dass das Wort, das bei Gott war, Gott war (Joh 1,1). Wenn aber als göttliche Person, wie kann Christus dann erst seit seiner Fleischwerdung das Wort gewesen sein? War Er nicht von Ewigkeit der Ausdruck dessen, wer Gott war, auch wenn noch niemand da war, zu dem dieser Ausdruck kommen konnte?

Beachten wir nun Vers 14. Das Wort ist Fleisch geworden (wenn das Wort Fleisch werden konnte, war Er also bereits das Wort, bevor Er Fleisch wurde) und hat unter uns „gezeltet“ (steht dort wörtlich). Hinter dem „Zelt“ der Menschheit Christi verbarg sich seine göttliche Herrlichkeit; doch glücklicherweise nicht so, dass niemand etwas von dieser Herrlichkeit bemerkt hätte. Die Apostel konnten nämlich sagen: „Wir haben seine Herrlichkeit angeschaut“ – und welchen Charakter hatte diese göttliche Herrlichkeit? Es war „eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater!“ Wunderbares Wort – umso mehr, wenn wir es noch etwas genauer übersetzen: „Eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen VON BEIM Vater.“ Das Verhältniswort para mit dem zweiten Fall zeigt an, von woher etwas kommt; vgl. Johannes 1,6: „Da war ein Mensch, von [para] Gott gesandt.“ Achten wir auch noch auf die Bedeutung des Wörtchens „als“. Es deutet nicht auf einen Vergleich hin (als gliche die Herrlichkeit Christi der eines Eingeborenen vom Vater, war sie aber nicht wirklich), sondern beschreibt den Charakter dieser Herrlichkeit: Die Herrlichkeit des fleischgewordenen Wortes hatte den Charakter der Herrlichkeit eines Eingeborenen vom Vater.

Was bedeutet dies nun? Der Vers sagt uns dieses: Die Apostel schauten das fleischgewordene Wort an, und sie schauten (durch den Schleier seines Fleisches) seine Herrlichkeit; und diese Herrlichkeit war die Herrlichkeit eines eingeborenen Sohnes, der von seinem Vater gekommen war. Sie sahen in dem Menschen Jesus die Herrlichkeit des Eingeborenen bei dem Vater, mit derselben Natur und derselben Würde, wie dieser sie besaß, obwohl der Sohn, weil Er sich erniedrigt hatte, alle Ehre dem Vater gab, in allem, was in dieser Herrlichkeit geoffenbart wurde. Wie schön schließt sich da Vers 18 an! Vers 14 zeigt uns, dass die Herrlichkeit des Wortes sich in Gnade und Wahrheit äußerte; Vers 17 drückt das so aus: „Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Und wie? Wir lesen weiter: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht.“ So kannten die Apostel das Wort: Er war ihnen persönlich bekannt als der Sohn, der allezeit im Schoß des Vaters ist, doch zugleich von Ihm gekommen war und der durch den Geist den Vater offenbarte. Sie kannten Ihn als den Eingeborenen, der von dem Platz gekommen war, den Er nichtsdestoweniger niemals verließ, dem Platz vollkommener Nähe im Blick auf Gott und vollkommener Liebe zu Gott als seinem Vater: dem Schoß des Vaters.

Dieser Mensch Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, ist zugleich der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist und der Gott vollkommen kundgemacht hat, wie Er Ihn von Ewigkeit kannte: als Vater. Nicht, wie Er Ihn kannte, als Er als Mensch auf der Erde war; es ist hier der Sohn, der von bei dem Vater gekommen und dennoch (als göttliche Person, nicht als Mensch) ununterbrochen in seinem Schoß, in der glücklichen Gemeinschaft mit dem Vater und in seiner unmittelbaren Nähe. Er hat uns Gott kundgemacht – nicht, was Gott geworden war durch die Fleischwerdung, nämlich Vater des Sohnes (wie einige behaupten), sondern was Gott war: was Er gewesen war, was Er ist und was Er ewig sein wird. Wie abwegig ist es, falsche Schlussfolgerungen aus dem Wörtchen „ist“ in Vers 18 zu ziehen, erst recht, wenn das durch solche geschieht, die den Grundtext kennen. Wörtlich steht dort nicht „ist“ oder „war“, sondern „der Seiende in dem Schoß des Vaters“, was ohne irgendeine Zeitangabe den ewigen Platz angibt, wo der Eingeborene seinem Wesen nach zu Hause ist und den Er in bestimmtem Sinn niemals verlassen hat. Andere wollen aus dem für „in“ gebrauchten Wörtchen (eis, das gewöhnlich „zu“ bedeutet) einen Hinweis auf die Richtung folgern, als habe der Sohn den Platz im Schoß des Vaters zu einem bestimmten Zeitpunkt eingenommen. Doch auch dies ist falsch, denn eis kann sehr wohl auf „den Platz, wo“ oder auf den „Zustand, in dem“ hindeuten (vgl. Apg 8,23; Mk 1,9) und kann hier am besten als ein Hinweis auf die einander zugewandte Haltung von zwei Personen verstanden werden, die nebeneinander zu Tisch liegen.

Der Sohn wird hier als derjenige vorgestellt, der ewig zu Tisch lag (also essend – ein Bild der Gemeinschaft) im Schoß oder an der Brust des Vaters, Ihm zugewandt, in vollkommenem Genuss von dessen Freude, Liebe, Gemeinschaft und Wohlgefallen. So, als derjenige, der sich in dieser Stellung befand, machte Er Gott kund, machte Er das Herz des Vaters kund, das Er von Ewigkeit für sich hatte schlagen fühlen. Wer wird wagen, dieses kostbare Geheimnis anzutasten, wer wagen, das Licht dieser Liebe zu dämpfen, wer wagen, den Schoß des Vaters dieser ewigen, unergründlichen Gemeinschaft zu berauben? Haben wir eine Offenbarung der Ewigkeit oder nicht? Von Gott, wie Er ist, oder nur, wie Er geworden ist? Von der ewigen Gemeinschaft und den Beziehungen der Liebe göttlicher Personen oder nur davon, wie sie entstanden bei der Menschwerdung Christi? Gott sei Dank, dass die Schrift auf diese Fragen eine deutliche Antwort gibt.

Doch wie steht es nun mit der Bezeichnung „Eingeborener“? Deutet sie nicht auf Geburt, Werden und Entstehen hin? Ja, im Deutschen allerdings, doch das ursprüngliche, griechische Wort monogenes drückt das nicht aus. Dieses Wort besteht aus zwei Teilen: monos ist „einzig“, und genos bedeutet „Geschlecht“, in allen Bedeutungen: manchmal „Geburt, Abstammung“ (z.B. Mk 7,26), doch meistens „Geschlecht“ (z.B. Apg 4,6; 7,13.19; 17,28.29); „Volksgenossen“ (2Kor 11,26; Gal 1,14) oder „Art, Gattung“ (Mt 13,47; 17,21; 1Kor 14,10). Diese letzten Bedeutungen hat das Wort in monogenes, das also sagen will: „einzig in seiner Art, einzigartig“. Im NT wird es immer für ein Einzelkind gebraucht, das einmalig ist, weil es als Einziges die Familienzüge darstellt (siehe Lk 7,12; 8,42; 9,38; Heb 11,17). Fünfmal wird das Wort auf Christus angewandt (Joh 1,14.18; 3,16.18; 1 Joh 4,9); es weist hin auf Ihn als den Einzigartigen und Vortrefflichen, der der einzige Repräsentant und Ausdruck des Wesens und der Natur Gottes ist. Monogenes bedeutet, (a) dass Er der Natur nach, der Familienbeziehung nach Sohn ist, und (b), dass Er darin einmalig ist. Niemals bedeutet es, dass Er geboren oder niedriger ist als Gott, der Vater. Dies ist auch eindeutig aus Hebräer 11,17 ersichtlich, wo das Wort auf Isaak angewandt wird, nicht, weil Isaak als Einziger aus Abraham geboren war (das war ja nicht der Fall), sondern als Ausdruck der großen Vorliebe, Einmaligkeit und Hervorragendheit.

Wie schön wird dann Johannes 3,16: Der Wert und die Größe der Gabe Gottes lag in der einzigartigen Sohnschaft desjenigen, der gegeben wurde. Dies würde verlorengehen, wenn der Herr erst durch die Gabe Sohn geworden wäre. So ist es auch in Vers 18: Der Ausdruck „der Name des eingeborenen Sohnes Gottes“ weist nachdrücklich auf die volle Offenbarung des Wesens und der Natur Gottes hin, wie diese in dem Namen dessen zum Ausdruck kommen, der gerade weil Er von Ewigkeit in einer einzigartigen Beziehung zu Gott stand, von diesem als Gegenstand des Glaubens gegeben wurde. Und gerade dieser Sohn, der als Einziger die Wesenszüge Gottes darstellte (das Bild des unsichtbaren Gottes), wurde von diesem in die Welt gesandt (1Joh 4,9). Wir werden nun die Bedeutung dieses „Sendens“ in die Welt (die auch angegriffen worden ist) ebenfalls näher untersuchen müssen.

Der Sohn, vom Vater gesandt

Wir wollen zum Schluss unsere Aufmerksamkeit einer Anzahl Schriftstellen zuwenden, die über den Herrn als den Sohn sprechen, der von dem Vater in die Welt gekommen ist. Diese Stellen gehören zu den deutlichsten Beweisen der Schrift für die ewige Sohnschaft Christi. Einige sind bereits erwähnt worden, doch wir wollen sie hier im Zusammenhang besprechen. So haben wir z.B. 1. Johannes 3,8 bereits genannt: „Hierzu ist der Sohn Gottes geoffenbart worden, auf dass er die Werke des Teufels vernichte.“ Wir haben schon gesehen, dass etwas nur dann „geoffenbart“ (ans Licht gebracht; enthüllt) werden kann, wenn es zuvor bestand. Hier steht nicht, dass eine göttliche Person geoffenbart wurde, die dadurch der Sohn wurde, sondern der Sohn Gottes wurde selbst geoffenbart. Jemand, der bereits der Sohn war, wurde hier (durch seine Menschwerdung) offenbar. Ebenso lesen wir in 1. Johannes 5,20, „dass der Sohn Gottes gekommen ist“ – nicht, dass eine göttliche Person gekommen ist, die durch ihr Kommen der Sohn Gottes wurde.

Noch interessanter ist es, wenn nicht nur über „geoffenbart werden“ und „kommen“ im Allgemeinen gesprochen wird, sondern wenn auch der Ort, von woher der Sohn kam, und der Ort, wohin Er kam, erwähnt werden. Kein Vers ist in dieser Hinsicht deutlicher als Johannes 16,28, wo der Herr sagt: „Ich bin von dem Vater ausgegangen und bin in die Welt gekommen; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater.“ Hier sehen wir im ersten Teil des Satzes deutlich den Ort, von dem Er ausging, und den Ort, wohin Er kam: Er kam von dem Vater und kam in die Welt. Er war also bei dem Vater, bevor Er in die Welt kam, genauso, wie wir das in Johannes 17,5.24 und 1. Johannes 1,2 fanden. Es ist völlig unbegründet, hier zu lesen, dass der Herr von dem ausging, der nach seiner Fleischwerdung Vater genannt werden konnte, und das macht der zweite Teil des Satzes um so deutlicher: Genauso (in genau derselben Weise), wie der Herr die Welt verließ und zum Vater ging, so war Er von außerhalb in die Welt gekommen, von dem Vater. Es lässt sich einfach nicht abstreiten, wenn eine Schriftauslegung noch irgendeinen Sinn haben soll, dass der Herr als Sohn von oben aus dem Himmel (Joh 3,31; 6,51.58) aus der unmittelbaren Nähe des Vaters gekommen war. So haben wir auch bereits in Johannes 1,14 von seiner Herrlichkeit auf der Erde als von einem Eingeborenen gelesen, der von einem Vater gekommen war.

In demselben Licht müssen wir die vielen Schriftstellen betrachten, die uns lehren, dass Gott (oder: der Vater) seinen Sohn in die Welt gesandt hat. Es gibt Dutzende von Stellen, die über das Gesandtsein Christi sprechen, aber ich beschränke mich nun auf die Stellen, wo von dem Vater und/oder dem Sohn die Rede ist. Eigentlich werden drei Worte für „senden“ gebraucht: apostello („offiziell und mit Autorität aussenden“), pempo („senden“ in allgemeinem Sinn) und noch einmal (in Gal 4, 4) exapostello („aussenden“), aber die Unterschiede in dem Wortgebrauch sind so minimal, dass ich sie außer Betracht lasse. Ich werde lediglich die gebrauchten Worte mit einem a, p oder e andeuten.

Wir finden erstens: Gott hat seinen Sohn gesandt: Röm 8,3 (p); Gal 4,4 (e); 1Joh 4,10 (a); Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt: Joh 3,17; 1Joh 4,9 (a); und in dem Gleichnis: Der Herr sandte seinen (geliebten) Sohn: Mt21,37; Mk 12,6 (a);Lk 20,13 (p). Zweitens: Der Vater sandte Jesus Christus: Joh 17,3 (a); der Vater sandte „mich“: Joh 5,36. 38; 6,57; 11,42; 17,8. 21.23.25; 20,21 (a); 5,37; 6,44; 8,16.18; 12,49; 14,24 (p); der Vater sandte „mich“ in die Welt: Joh 17,18 (a); der Vater sandte den Sohn: Joh 5, 23 (p); 1Joh 4,14 (a); der Vater sandte den Sohn in die Welt: Joh 10,36 (a).

Diese Stellen zeigen unstreitig, dass der Sohn von dem Vater aus dem Himmel in die Welt kam und dass Er also Sohn war, bevor Er in die Welt kam. Ein Ausspruch wie: „Der Vater sandte den Sohn in die Welt“, gibt wieder, was beide Personen vor und in dem Augenblick der Sendung waren. Im Blick auf solche heiligen Gegenstände ist es verwerflich, ein derartiges Wort ohne irgendeinen Grund aus der Schrift durch folgende Gedankenkombination zu entkräften: „Der Vater sandte den Sohn“, bedeutet: „Eine göttliche Person sandte eine andere göttliche Person, und durch das Kommen wurde diese Person der Sohn und der Sendende der Vater.“ Ist das Schriftauslegung? Nein, es ist ein Ausgehen von dem, was noch bewiesen werden muss und was z.B. durch Johannes 16,28 widerlegt wird. Dennoch werden von denen, die Christi ewige Sohnschaft leugnen, in Verbindung mit dem „Senden“ des Sohnes durch den Vater drei Einwände geäußert, die wir noch näher ins Auge fassen wollen.

Erstens führt man wieder einen negativen „Beweis“ an. Man zitiert dann Schriftstellen, die zeigen, dass der vierte Fall nach „Senden“ (also der „Gesandte“) auch wohl einmal bezeichnen kann, was eine Person dadurch, dass sie gesandt wird, ist oder wird. Aber aus der Tatsache, dass allerdings in diesen Fällen Personen offensichtlich vor ihrer Sendung etwas nicht waren, was sie durch ihre Sendung wurden, kann man niemals den Schluss ziehen, dass dies daher in allen Fällen gilt und dass Christus also vor seiner Sendung nicht Sohn war. Zudem trifft das nur dann zu, wenn die Bezeichnung für den passiven Gegenstand in Übereinstimmung mit der beabsichtigten Mission gewählt ist, wie z.B. Markus 1,2 („Engel“ = Bote); Lukas 14,32; 19,14 („Gesandtschaft“). In anderen Fällen ist es ebenso deutlich, dass die Gesandten bereits vor ihrer Sendung das waren, was von ihnen gesagt wird, wie in Matthäus 21,34 („er sandte seine Knechte“ – und Knechte waren sie bereits, bevor sie gesandt wurden). Nun, genau dasselbe gilt für den Sohn, dessen Name ebenso wenig wie die Bezeichnung „Knecht“ an sich etwas mit der Sendung zu tun hat.

Zweitens hat man angeführt, dass „in die Welt“ senden nicht notwendigerweise „von außerhalb in die Welt“ zu bedeuten braucht, sondern auch auf jemanden zutreffen kann, der sich bereits in der Welt befindet. Man verweist dafür auf Johannes 17,18: „Gleichwie du mich in die Welt gesandt hast, habe auch ich sie in die Welt gesandt“, und argumentiert dann wieder negativ: Ebenso wenig wie die Jünger von außerhalb in die Welt gesandt wurden, sondern sich in der wörtlichen Bedeutung bereits im Kosmos befanden, ebenso wenig muss es die Absicht Christi gewesen sein, zu sagen, dass Er selbst als Sohn von außerhalb in diese Welt gesandt wurde. Diese Argumentation vom Negativen her, auf die wir nun bereits mehrere Male hingewiesen haben, ist ein häufig vorkommender Denkfehler. So auch bei diesem Beispiel: Selbst wenn der Herr das hier nicht meinte (was nicht einmal so selbstverständlich ist!), will das doch nicht sagen, dass Er dies woanders nicht meint. Denken wir z.B. wieder an Johannes 16,28, und fragen wir uns, ob irgendeiner von seinen Jüngern hätte sagen können: „Ich bin von dem Vater ausgegangen und bin in die Welt gekommen; wiederum verlasse ich die Welt und gehe zum Vater.“

Wir begegnen hier übrigens noch einem anderen Denkfehler. Man darf aus einem Vergleich in der Schrift nicht mehr Schlussfolgerungen ziehen, als in der Belehrung eingeschlossen sind, die in dem Vergleich liegt. Johannes 17,18 spricht lediglich von dem Zeugnis, das die Jünger anstelle des Herrn in dieser Welt ablegen sollten; sie waren an seiner Stelle und als seine Gesandten in dieser Welt. Doch man darf damit keine geographischen Konsequenzen bezüglich des Ortes verbinden, von dem der Herr bzw. die Jünger kamen. Hätte von den Jüngern jemals gesagt werden können, dass sie von oben gekommen waren (Joh 3,31; 8,23), aus dem Himmel (Joh 3,31; 6,51.58), von dem Vater (Joh 5,43; 16,28)?

Drittens behauptet man manchmal, dass „senden“ eine Überlegenheit des Sendenden über den Gesandten in sich schließt, dass also die eine göttliche Person nicht die andere göttliche Person als solche senden kann und dass daher das Senden des Sohnes durch den Vater das Senden von jemandem bedeutet, der sich in einer niedrigeren Stellung als der Vater befand, nämlich der Sohn als Mensch auf der Erde, und dass man daher die Bezeichnung „Sohn“ nicht vor seiner Fleischwerdung auf Ihn anwenden könne. Dass auch diese Argumentation völlig falsch sein muss, kann man einfach einsehen, wenn man bedenkt, dass auch der Heilige Geist auf die Erde gesandt ist, und zwar von dem Vater (Joh 14,26) und dem Sohn (Lk 24,49; Joh 15,26; 16,7) oder ganz allgemein von Gott (Gal 4,6) oder aus dem Himmel (1Petr 1,12). Die göttliche Person des Heiligen Geistes konnte daher durchaus von anderen göttlichen Personen auf die Erde gesandt werden, und das, während der Geist nicht Mensch wurde, wie der Sohn es geworden war.

Nun, unterwarf der Heilige Geist sich den anderen zwei Personen in der Gottheit? Schließt das Senden des Geistes sein Untergeordnetsein im Blick auf den Vater und den Sohn ein? Davon kann keine Rede sein. Oder bedeutet seine Sendung, dass Er erst durch seine Sendung der Geist wurde? Im Gegenteil. Wir lesen zwar nirgends von dem ewigen Sohn, doch wir lesen in Hebräer 9,14 wohl von dem „ewigen Geist“ – das an sich ist schon interessant, weil dort zumindest eine Person in der Gottheit in der Ewigkeit mit Namen bezeichnet wird, was ganz allgemein die Möglichkeit des Bezeichnens von Namen und Beziehungen in der Gottheit vor Christi Fleischwerdung beweist. Der Heilige Geist war von Ewigkeit der Geist; seine Sendung durch den Vater und den Sohn änderte weder seine Person noch seinen Namen noch seine Stellung als göttliche Person gegenüber den anderen zwei Personen in der Gottheit. Aus welchen Gründen wagt man also, solch eine Veränderung für den Sohn zu behaupten – beachten wir wohl, nicht aufgrund seiner Menschwerdung, sondern seines Gesandtseins? Galater 4 zeigt deutlich, dass es an sich keinen Unterschied gibt im Senden des Sohnes und dem des Geistes: „… sandte Gott seinen Sohn …, so hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt“ (Gal 4,4.6).


Aus Die Sohnschaft Christi, Bd. 9 der Reihe Was lehrt die Bibel?, 1980

Letzte Aktualisierung: 29.07.2017

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