Der Bau der Stiftsh├╝tte (3)
Die Farbe Purpur

Samuel Ridout

© SoundWords, online seit: 30.12.2014, aktualisiert: 26.07.2016

Die nächsten beiden Farben, Purpur und Scharlach, gleichen einander. Während der letzten Stunden unseres Herrn wurden Ihm aus Hohn Mäntel in diesen beiden Farben umgehängt. Im Matthäusevangelium ist es Scharlach (Mt 27,28) und im Johannesevangelium Purpur (Joh 19,2). Wir brauchen kaum zu sagen, dass dies kein Widerspruch ist, sondern göttliche Veranlassung. Es ist überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass die erbärmlichen Soldaten Ihm verschiedene Mäntel umhängten, um Ihn mit all ihrem Hohn zu überschütten, ebenso wie auch Herodes Ihn in ein „glänzendes Gewand“ kleidete (Lk 23,11). Dies könnte in der Tat der purpurne oder scharlachrote Mantel gewesen sein, in den Er danach gekleidet war, während die Soldaten des Statthalters Ihm einen weiteren Mantel angezogen haben mögen. Wir mögen dann erwarten, dass die Bedeutung von Purpur und Scharlach recht ähnlich, wenn auch unterschiedlich sind.

Purpur, argaman, ist, wie das Wort für Blau, der Name einer Farbe, die aus einer Muschel gewonnen wird. Wie wir sehen werden, wurde Scharlach in ähnlicher Weise aus einem Wurm gewonnen. Lydia (Apg 16,14) war eine Purpurhändlerin. Es war eine prachtvolle Farbe, Kennzeichen von Königtum und Luxus. Wie bedeutsam ist es, dass alle drei dieser strahlenden Farben durch das Opfer tierischen Lebens gewonnen wurden. In Richter 8,26 wird uns gesagt, dass die Könige von Midian Purpurkleider trugen. Dies führt zu dem allseits bekannten Gedanken, dass Purpur, die königliche Farbe, von königlicher Würde spricht. Wenn also unser Herr, wenn auch aus Hohn, als „König der Juden“ bejubelt wurde, war die Kleidung passend. Der reiche Mann in Lukas 16 trug Purpur und feines Leinen, Kleidung, die Königen ansteht.

Wir müssen kaum erwähnen, dass unser gesegneter Herr in der Tat ein König war, und das Evangelium, das Ihn unverkennbar in diesem Wesen darstellt, ist Matthäus. Wir wollen uns einige bezeichnende Schriftstellen anschauen. Als die Weisen aus dem Osten kamen, geleitet durch den Stern, fragten sie in Jerusalem: „Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“ (Mt 2,2). Sie fanden Ihn in der königlichen Stadt Davids, Bethlehem, und beschenkten Ihn mit königlichen Gaben und verehrten Ihn sogar als mehr als einen König.

In der Bergpredigt (Mt 5–7) haben wir die Verfassung des Königreiches, sein Grundgesetz, und das, was die ihm Zugehörigen kennzeichnen sollte. Wir sehen, dass es, während es auf der Erde aufgerichtet wurde, ein geistliches Königreich war; in der Tat wird es das „Königreich der Himmel“ genannt. In den folgenden Kapiteln haben wir die Taten des Königs; und welcher Monarch hat jemals solche Gaben gegeben wie dieser, der segnete, wohin Er auch ging, heilend, reinigend, vergebend. Es gab einen Aberglauben, dass die Berührung eines Königs eine bestimmte Art von Krankheit heilen würde. Aber hier sehen wir die Wirklichkeit.

Doch wenn wir weitergehen, sehen wir, dass dieser sanfte, heilige, allmächtige König von seinen Untertanen verworfen wird: „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). In Kapitel 12 haben sie seine Verwerfung so gut wie beschlossen. Deshalb ist Er in Kapitel 13, obwohl wir Ihn immer mit seinem Königreich beschäftigt finden, kurz davor, abwesend zu sein. Während dieser Zeit ist die Verantwortung seines Königreichs seinem Volk anvertraut. Später, wenn Petrus Ihn als den Christus bekennt, den Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16), vertraut unser Herr ihm die Schlüssel des Königreiche der Himmel an. In diesem Zusammenhang spricht Er auch von dem, was sich ziemlich davon unterscheidet: von seiner Kirche. Diese baut Er, und sie ist deshalb vollkommen; aber wann immer Dinge in der Hand des Menschen sind, zeigen sich Schwachheit und Verdorbenheit, bis unser Herr kommt und sein Königreich in Kraft und Herrlichkeit aufrichtet und darüber herrscht.

Vor seiner Kreuzigung, wohl wissend, was Ihn erwartete, zeigt Er sich noch einmal seinem geliebten irdischen Volk. Er hat einen triumphalen Einzug in Jerusalem, in Erfüllung der Prophezeiung: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig auf einer Eselin reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen des Lasttiers“ (Mt 21,1-11).

Der König kommt also in die „Stadt des großen Königs“ (Mt 5,35), nicht in Pracht und Herrlichkeit, sondern in der niedrigen Gestalt, die Ihm so vollkommen anstand, der sich selbst gedemütigt hatte, um der Diener für die Not des Menschen zu sein.

Die Menschen scheinen Ihn zu erkennen und bereit zu sein, ihren König zu empfangen. Sie rufen: „Hosanna dem Sohn Davids“, während seine Jünger ihre Kleider ausziehen und sie mit Palmzweigen auf den Weg vor Ihm legen. Sogar die Kinder rufen laut in den Straßen. Wird Er tatsächlich erkannt und als König angenommen? Sind sie bereit, Ihn mit dem Purpurgewand zu schmücken? Wie schade für den Menschen, für Jerusalem und Israel! Sie erkannten die Zeit ihrer Heimsuchung nicht und bald hört man anstelle dieser Rufe die wütenden Schreie „Weg mit diesem!“, „Kreuzige ihn!“ (Lk 23,18.21). Unser gesegneter Herr wusste wohl, dass es so sein würde, und gibt ihnen die Gleichnisse vom verworfenen König: „Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten“, und von den verworfenen Menschen, dem Mann ohne Hochzeitskleidung, der sich auf die Hochzeitsfeier des Königssohnes eindrängt, während er Ihn ablehnt – Christus, das beste Gewand, der allein ihm Tauglichkeit für Gottes Gegenwart geben konnte (Mt 22,1-14).

So finden wir durch das ganze Evangelium hindurch die purpurne Stickerei seines königlichen Wesens. Die letzte prophetische Rede ist in Übereinstimmung damit (Mt 24,25): „Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden.“ Wir sehen die Herrlichkeit des Königs auf dem Thron, der „zerstreut alles Böse mit seinen Augen“ (Spr 20,8).

In den Schlussszenen – seiner Gefangennahme, einem Prozesses und seiner Kreuzigung – finden wir den königlichen Purpur immer noch strahlend. Im Garten Gethsemane, als Petrus in kümmerlicher Verteidigung des Herrn sein Schwert zieht, erinnert ihn der König an die Armee, die himmlischen Heere, die zu seiner Verfügung standen: „Oder meinst du, dass ich nicht meinen Vater bitten könnte und er mir jetzt mehr als zwölf Legionen Engel stellen würde?“ (Mt 26,53). Aber Er war nicht gekommen, um eine Schlacht gegen den Menschen zu führen, nicht einmal gegen seine Feinde, sondern gegen die Sünde, und in diesem Kampf muss Er allein sein. Wundervoller denn je wird die königliche Zurschaustellung nach diesem herrlichen Sieg sein.

Er wird von Pilatus herausgefordert mit den Worten: „Bist du der König der Juden?“, und antwortet: „Du sagst es.“ Die Soldaten ziehen Ihm aus Hohn den scharlachroten Mantel an, „und sie flochten eine Krone aus Dornen und setzen sie ihm aufs Haupt und gaben ihm einen Rohrstab in die Rechte; und sie fielen vor ihm auf die Knie und verspotteten ihn und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden“! Wir greifen genau diese Worte auf, die sie in Gotteslästerung aussprachen, und machen sie zum Ausdruck dessen, was göttlich wahr ist. Er ist ein gekrönter König; die Dornenkrone ist jetzt die Krone der Herrlichkeit. Sie schreiben seine Anklage über das Kreuz – es war die Wahrheit darüber, wer Er war: „der König der Juden“ –, denn welche Anklage konnte es gegen den Vollkommenen geben? Sie hängten Ihn zwischen zwei Diebe, anstelle von Barabbas, der ein Mörder war; Er aber war ein Stellvertreter für diesen; und „dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan" (Lk 23,41). Dennoch, dies ist „Jesus, der König der Juden“.

In Matthäus hängt alles hiervon ab. Mit einem König hoffte das Volk jemand zu haben, der es ihnen ermöglichen würde, das römische Joch abzuwerfen und ihr Reich in Macht zu errichten. Ein solches Königreich hätte Barabbas ihnen gegeben, wenn er es gekonnt hätte. Aber ein Königreich gegründet auf Gerechtigkeit und Gericht, von dessen König gesagt werden konnte: „Gerechtigkeit hast du geliebt und Gottlosigkeit gehasst“ (Ps 45,7) – solch einer war nicht der Mann nach ihrem Herzen. Den Mann, der als ein Zeuge Gottes hier war, der die ganze Wahrheit bezeugte – beschämend und demütigend wie sie war –, der Sünde in hohen Stellen tadelte, konnten sie nicht ertragen; eher einen Mörder als „diesen“. Gepriesen sei Gott, Er ist auch der König der Gnade – und die geringen, armen und hilflosen Sünder, die Ihn wollen, finden seine Wahrheit und Gerechtigkeit zu ihren Gunsten.

Bis zum Letzten sehen wir Ihn als König. Im Augenblick des Todes lesen wir: „Jesus … gab den Geist auf“ (Mt 27,50); ein solches Wort war einem König angemessen. So sehen wir den Purpur durch das Evangelium hindurch. In der Auferstehung ist Er immer noch der König mit dem mächtigen Engel, der in Majestät seinen Sieg über den Tod verkündigt. Seine kleine Gruppe versammelnd verkündet Er: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde“, und sendet sie aus, um sein Königreich bis zu den entferntesten Grenzen der Erde auszubreiten, denn Er, der König, wird mit ihnen sein, bis das Zeitalter der geduldigen Gnade endet und das Zeitalter seines Königreichs und seiner Macht anbricht (Mt 28,18-20).


Auszug aus „Lecture 3. The Linen Curtains and Colors“ aus „Lectures on the Tabernacle“
aus dem Jahr 1914

Übersetzung: Ilona Schafroth


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