Das Geschenk der Versöhnung (7)
2. Korinther 5,14-21

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Leitverse: 2. Korinther 5,14-21

2Kor 5,14-21: 14 Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir so geurteilt haben, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. 15 Und er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist. 16 Daher kennen wir von nun an niemand dem Fleisch nach; und wenn wir Christus dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so. 17 Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 18 Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat: 19 Nämlich dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, und er hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. 20 So sind wir nun Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.

Nichts, was aus unserer alten, sündigen Natur hervorkommt, und sei es noch so gut, zählt vor Gott. Nur das, was Gott von sich selbst in Christus gezeigt hat, hat Wert vor Gott. Auch hatte der Mensch nichts, womit er die Beziehung zu Gott wieder hätte aufbauen können, ja, er hat noch nicht einmal den Willen dazu. Deshalb heißt es in 2. Korinther 5,18 im Zusammenhang mit der Versöhnung: „Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat …“

Um das Großartige der Versöhnung, die Gott uns anbietet, zu erkennen, sollten wir uns noch einmal daran erinnern, dass nicht Gott mit dem Menschen versöhnt werden musste, sondern der Mensch mit Gott. Nun könnte man meinen, dass der Mensch flehend und weinend zu Gott kommt und um diese Versöhnung bittet, aber das ist keineswegs so. Gerade das Gegenteil ist der Fall: Der Mensch hat gar nicht den Wunsch, mit Gott versöhnt zu werden! So kommt Gott dem Menschen darin auch noch entgegen und bietet ihm die Versöhnung an.

Wenn wir an die Versöhnung denken, müssen wir uns zunächst einmal von dem Gedanken freimachen, dass Versöhnung in erster Linie ein Resultat ist. Versöhnung ist zunächst eine Haltung Gottes. Selbst wenn nicht ein einziger Mensch durch den Dienst der Versöhnung zu Gott zurückgebracht worden wäre, so wäre Gott dennoch in einem Geist der Versöhnung („die Welt mit sich selbst versöhnend“; 2Kor 5,19) in Christus auf der Erde gewesen. Stellen wir uns vor, dass die Beziehung zwischen zwei Menschen nicht in Ordnung ist und dass der eine fortwährend seine versöhnende Hand nach dem anderen ausstreckt, dieser die Hand aber nicht ergreift. Auch hier ist das Wichtige nicht das Resultat, sondern die versöhnende Haltung, die der eine dem anderen gegenüber einnimmt.

Gott war in Christus

Israel hatte sich so verderbt, dass Gott seinen Wohnort in ihrer Mitte aufgegeben hatte (Hes 10–11). Danach wurde das Volk aus dem Land vertrieben, und die Herrschaft wurde nacheinander den vier Weltreichen übergeben (Dan 2). Nachdem sich auch diese Weltreiche als völlig verderbt erwiesen hatten, fängt Gott noch einmal an, mit den Menschen auf der Erde zu handeln. Aber diesmal handelt Gott nicht im Gericht wie zur Zeit Noahs, sondern Er kommt selbst in Christus in die Welt und bietet dem Menschen seine versöhnende Hand an. Jetzt wird der Mensch nicht verurteilt. Der Herr Jesus kam nicht auf die Erde, „um die Welt zu richten“ (Joh 12,47). Später würde Petrus Ananias und Sapphira an ihre Sünden binden und richten (Apg 5,1-5), und Paulus würde andere dem Satan überliefern (1Kor 5,5), aber der Herr Jesus tat nichts dergleichen, denn Er war in Gnade gekommen, „die Übertretungen nicht zurechnend“ (2Kor 5,19). Deshalb konnte Er der Sünderin sagen: Deine Sünden sind vergeben“ (Lk 7,48), und der Ehebrecherin: Auch ich verurteile dich nicht“ (Joh 8,11). „Ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend“ drückt Johannes so aus: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn errettet werde“ (Joh 3,17).

Gott sprach den Menschen in Christus an und sagte gewissermaßen: Ich bin gekommen, um dich wieder zu mir zurückzubringen. Ich möchte nicht, dass diese Entfernung zwischen dir und mir ist. Ich möchte dich in meiner Nähe haben. Ich möchte nicht, dass du mein Feind bist, du sollst vielmehr mein Freund sein.

Konnte die Liebe Gottes noch größer sein? Und was war die Antwort des Menschen auf das Versöhnungsangebot Gottes? „Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn!“ (Joh 19,15). Obwohl Gott in Christus in dieser versöhnenden Haltung zu dem Menschen kam, hatte der Mensch nur die Antwort übrig: „Kreuzige ihn!“ Doch jetzt kommt das Gewaltige: Hier zeigte sich, dass die Liebe Gottes noch größer ist als der Hass des Menschen. Gott nutzt gerade die Kreuzigung, um dort ein Werk zu tun, das die gerechte Grundlage zur Versöhnung des Menschen legt. Denn gerade durch den Tod Christi am Kreuz und in seinem vergossenen Blut wurde die Versöhnung, die wir als Gläubige besitzen, erst ermöglicht und ist auch die Grundlage für die Versöhnung des Universums gelegt. Gott benutzte gerade den Moment, als der Mensch seine größte Feindschaft bewies, um die Versöhnung doch noch zustande zu bringen. Nicht die Welt, die die Versöhnung nicht wollte, wurde versöhnt, wie manchmal fälschlicherweise gesagt wird. Doch einzelne Menschen aus der Welt können nun versöhnt werden. Deshalb kann auch heute „das Wort der Versöhnung“ verkündigt werden.

Völlig unabhängig von dem Zustand des Menschen ist Gott dem Menschen erschienen, und zwar in einem Menschen, der Gott völlig wohlgefällig war, so dass Er Freude an Menschen haben konnte. Denn an diesem einen Menschen hatte Gott nur Freude gefunden.

Beachten wir auch, dass es hier nicht heißt: „Gott war versöhnend, als Christus in die Welt kam“, sondern: „Gott war in Christus versöhnend.“ Gott selbst war in einem neuen Menschen erschienen, in Christus, dem Menschen nach seinem Wohlgefallen, in Christus, dem Gesalbten, von dem Er über den Sohn Isais hinaus in Psalm 89,20.21 prophetisch sagt: „Hilfe habe ich auf einen Mächtigen gelegt, ich habe einen Auserwählten erhöht aus dem Volk. Ich habe David gefunden, meinen Knecht – mit meinem heiligen Öl habe ich ihn gesalbt.“

Zum Schluss dieses Abschnitts möchten wir noch einen Gedanken ergänzen, der die christliche Praxis betrifft. Wir haben oben gesehen, dass 2. Korinther 5,19 Gottes vergebende Haltung beschreibt, die Er dem Menschen gegenüber einnimmt. Diese vergebende Haltung sollten auch wir als Christen einnehmen, wenn andere sich uns gegenüber feindselig oder böse verhalten. Als seine Kinder sollten wir unserem Gott und Vater ähnlich sein und wie Er Gnade üben.

Der Dienst der Versöhnung

Wir müssen zwischen dem Dienst der Versöhnung (2Kor 5,18) und dem Wort der Versöhnung (2Kor 5,19) unterscheiden. Der Dienst der Versöhnung begann, als Christus auf die Erde kam. Das Wort der Versöhnung wurde erst verkündigt, nachdem Christus gestorben und der Heilige Geist auf die Erde gekommen war.

Der Dienst der Versöhnung betont: Gott handelte nun auf einer völlig neuen Grundlage mit dem Menschen. Er offenbarte sich den Menschen nicht mehr in Gericht oder in richtender Weise, sondern in einer wohlwollenden Haltung. Er handelte nicht mehr auf der Grundlage des Gesetzes wie im Alten Testament. Jetzt war „die Gnade Gottes … erschienen, heilbringend allen Menschen“ (Tit 2,11; vgl. Joh 1,16). In Christus bot Gott dem Menschen an, mit Ihm wieder ins Reine zu kommen; Er streckte ihm in einer versöhnenden Haltung sozusagen die Hand entgegen und rechnete ihm die Sünden nicht zu (2Kor 5,19: „ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend“). Der Herr Jesus selbst sagte, dass Er „nicht gekommen [war], um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu erretten“ (Joh 12,47).

Der Dienst der Versöhnung betont also die erste Phase der Versöhnung: Er zeigt uns zweierlei:

  1. Zunächst finden wir in Christus einen Menschen, an dem Gott wirklich Freude und Wohlgefallen haben konnte, weil dieser Mensch „allezeit das ihm [Gott] Wohlgefällige“ tat (Joh 8,29; vgl. Mt 3,17 [1]; 17,5); der nicht Gottes Feind, sondern sein Freund war; der nicht entfremdet, sondern in Gemeinschaft mit Gott war; der heilig und untadelig und unsträflich vor Gott war; der nicht ungehorsam, sondern „gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz“ (Phil  2,8).
  2. Zum anderen zeigte Gott, dass Er den Menschen gegenüber wohlgesonnen war und sie zu sich zurückbringen wollte.

In der zweiten Phase der Versöhnung, dem Tod Christi, legte Gott die Grundlage dafür, dass die Feindschaft und Entfremdung (s.o.) des Menschen beseitigt werden konnte: indem Gott durch den Tod das Problem der Sünde gelöst hat und den alten Menschen, der diese Feindschaft und Entfremdung offenbart hatte, weggetan hat.

Im Unterschied zu dem Wort der Versöhnung geht es bei dem Dienst der Versöhnung nicht nur um die lehrmäßige Darstellung oder um die Verkündigung der Versöhnung an sich, sondern auch darum, dass diese Wahrheit für uns zum Nutzen wird und uns viel bedeutet. Etliche Abschnitte in den Briefen der Apostel beleuchten das Thema Versöhnung vor allem von der erklärenden Seite. Der Dienst der Versöhnung bezieht sich aber, wie wir gesehen haben, besonders auf die Zeit, als Gott in Christus auf der Erde war. Dies finden wir besonders in den Evangelien.

Eine neue Schöpfung

Die zweite Phase im Dienst der Versöhnung war, wie wir gesehen haben, das Werk der Versöhnung. Dieses Werk hat zwei Aspekte:

  1. Das Werk Christi einerseits beschäftigt sich mit dem, was alt, entfremdet und feindlich ist. Durch seinen Tod hat Christus diesen Zustand in dem Gläubigen beseitigt. Damit haben wir uns bereits beschäftigt.
  2. Das Werk Gottes andererseits bringt etwas völlig Neues hinein: eine neue Schöpfung, die nie eine Wiederherstellung nötig haben wird.

So wird in den meisten Schriftstellen, wo wir etwas über Versöhnung finden, auch von der neuen Schöpfung gesprochen:

Der Kolosserbrief spricht im ersten Kapitel über die Versöhnung (Kol 1,19-23); im dritten Kapitel lesen wir dann über den neuen Menschen: „Belügt einander nicht, da ihr den alten Menschen mit seinen Handlungen ausgezogen und den neuen [Menschen] angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Bild dessen, der ihn erschaffen hat“ (Kol 3,9). Der alte Mensch hat seine Interessen auf der Erde. Der neue Mensch hat dagegen andere Interessen als der alte Mensch: Er „sinnt auf das, was droben ist“ (Kol 3,2). Bereits Kolosser 1,18 zeigt uns, dass Christus der Anfang einer ganz neuen Schöpfung ist, und das steht in Verbindung damit, dass Er der „Erstgeborene aus den Toten“ ist.

Auch in Epheser 2,16 finden wir die Versöhnung, und in Vers 15 lesen wir im Zusammenhang mit der Versöhnung von einer Schöpfung zu einem neuen Menschen: „… damit er die zwei … in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe und die beiden in einem Leib mit Gott versöhnte durch das Kreuz“ (Kol 2,15).

Die neue Schöpfung steht mit einem ganz neuen Tätigkeitsbereich in Verbindung: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen“ (Eph 2,10). Gott hat für diese neue Schöpfung Werke vorbereitet, die dazu passen. Mit „gutem Werk“ ist in diesem Vers etwas ganz anderes gemeint, als heute allgemein darunter verstanden wird. Man benötigt allerdings auch neu geschaffene Augen, um sie als gute Werke erkennen zu können. Selbst Gläubige können sie nicht erkennen, wenn sie sich nicht dieser neuen Augen bedienen.

Die Salbung des Herrn durch Maria (Mt 26,6-13) ist ein Beispiel dafür, dass ein Gläubiger diese Art von neuen Augen hat und ein „gutes Werk“ tut. „Als aber die Jünger es sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung?  Denn dieses hätte teuer verkauft und den Armen gegeben werden können. Als aber Jesus es erkannte, sprach er zu ihnen: Was macht ihr der Frau Schwierigkeiten? Denn sie hat ein gutes Werk an mir getan; denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit“ (Mt 26,8-11).

Selbst im Römerbrief, wo wir nichts von einer neuen Schöpfung lesen, wird jedoch mindestens im Zusammenhang mit der Versöhnung von der Auferstehungskraft des neuen Lebens gesprochen (Röm 5,10).

Im zweiten Korintherbrief wird im selben Kapitel sowohl über die Versöhnung als auch über die neue Schöpfung gesprochen (2Kor 5). Hier finden wir nicht so sehr das, wovon wir durch die Versöhnung befreit worden sind – nämlich von Feindschaft und Entfremdung –, sondern hier wird mehr das Ergebnis der Versöhnung betont: die neue Schöpfung. Deswegen lesen wir auch im unmittelbaren Zusammenhang mit der Versöhnung: „Wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2Kor 5,17). Beachten wir, dass es nicht heißt: „Wenn jemand in Christus ist, der ist eine neue Schöpfung“, sondern: „Da ist eine neue Schöpfung … Neues ist geworden.“ Noch ist nicht alles neu. Wir haben zwar neues, ewiges Leben bekommen, wir haben eine neue Natur, einen neuen Verstand (= Sinn; vgl. 1Kor 2,16; Röm 12,2) bekommen, doch unser Leib ist noch nicht neu. Dennoch heißt es, dass Gott den Gläubigen schon jetzt „mit sich selbst versöhnt hat“ (2Kor 5,18). Der neue Leib ist also keine Notwendigkeit, um die Versöhnung vollständig zu besitzen. Dass wir in Christus sind und eine neue Natur und neues Leben empfangen haben, reicht aus, um mit Gott versöhnt zu sein.

Die „neue Schöpfung“ bezieht sich nicht nur auf unsere neue Natur, das heißt auf das neue Leben, das wir empfangen haben, sondern auch auf die neuen Beziehungen innerhalb des Leibes Christi, in die wir gestellt worden sind: „Daher kennen wir von nun an niemand dem Fleisch nach“ (2Kor 5,16). Jemand „dem Fleisch nach“ zu kennen, gehört zu dem, was alt ist. Die neuen Beziehungen werden weder durch gesellschaftliche, kulturelle und intellektuelle Unterschiede oder Gegensätze noch durch Sympathien und Antipathien bestimmt. Weil wir eine „neue Schöpfung“ sind und Gott uns eine neue Natur eingepflanzt hat, gestalten sich unsere Beziehungen nicht mehr nach diesen Dingen wie früher. So hat vielleicht  jemand nach seiner Bekehrung zu seinen Geschwistern dem Geist nach ein viel engeres Verhältnis, als er sie früher jemals zu seinen ungläubigen Verwandten hatte. Wer früher eine hohe Stellung in der Gesellschaft innehatte, fühlt sich „in seinen Kreisen“ gar nicht mehr wohl und hat viel mehr Gemeinschaft mit solchen, die aus üblen Verhältnissen errettet und befreit worden sind.

Die neue Schöpfung steht also in Verbindung mit

  • völlig neuen Interessen (Kolosser)
  • völlig neuen Tätigkeitsfeldern (Epheser) und
  • völlig neuen Beziehungen (2. Korinther).

Das Wort der Versöhnung

2Kor 5,19-21: 19 Er hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. 20 So sind wir nun Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.

Bei dem „Wort der Versöhnung“ geht es um etwas, was viel weiter geht als Sühnung und Vergebung der Sünden: Wir dürfen nun bezeugen, dass Gott durch den Tod seines Sohnes eine neue Grundlage für die Versöhnung bekommen hat. Wenn Gott im Tod Christi nicht auch unseren alten, bösen Zustand, unsere Feindschaft und Entfremdung beseitigt und das Problem unserer bösen Werke gelöst hätte, dann hätte das Nichtzurechnen unserer Sünden uns nur dahin gebracht, dass wir uns schämen und wie Petrus ausrufen: „Geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr“ (Lk 5,8).

Jetzt aber ist Gott in dem zweiten Menschen, in Christus, den Menschen nicht nur in Gunst und Gnade und Liebe begegnet, sondern jetzt ist durch den Tod Christi der erste Mensch vor Gott richterlich beseitigt worden, und eine neue Schöpfung wurde für den Menschen möglich. Gott muss und kann jetzt den Gläubigen auf eine gerechte Weise die Sünden nicht mehr zurechnen, denn Er hat sie alle auf Christus gelegt.

In dem „Wort der Versöhnung“ macht Gott jetzt jedem Menschen das Angebot: Ich möchte dich jetzt nicht mehr in deinem sündigen, feindlichen Zustand sehen, ich will dir deine Sünden nicht zurechnen. Für mich gibt es jetzt einen neuen Menschen, Christus, den ich vor meinen Augen habe. Wenn du Buße tust, kannst du erleben, was es bedeutet, in Christus zu sein. Wenn ich dich dann ansehe, sehe ich Ihn, und an Ihm habe ich Wohlgefallen. Und weil du in Ihm bist, habe ich auch an dir Wohlgefallen.

Was für einen zu Herzen gehenden Aspekt beinhaltet das Wort der Versöhnung! Paulus sagt zwar nicht ausdrücklich, dass Gott die Menschen bittet, zu Ihm zu kommen und sich versöhnen zu lassen, aber in den Worten „als ob Gott durch uns ermahnte“ und „wir bitten an Christi statt“ (wörtlich: „wir bitten für Christus“) kommt zum Ausdruck, wie nah Gott dem Menschen gekommen ist. Stellen wir uns das einmal vor: Der allmächtige Gott, der von Ewigkeit her ist und dem alles zu Gebote steht, lässt sich so sehr herab, dass Er – dürfen wir es einmal mit Ehrfurcht sagen? – den Menschen sozusagen „anfleht“, doch zu Ihm zu kommen und sich mit Ihm versöhnen zu lassen. Wir hätten es verstehen können, wenn Menschen Gott angefleht hätten, dass Er sie doch annehmen möchte. Doch dass nicht der Mensch, sondern Gott der Flehende ist, ist eigentlich unvorstellbar! Und Gott fordert nicht einmal etwas; nein, Er möchte ein großes Geschenk machen, und dafür hat Er sogar seinen Sohn geopfert.

„Den, der Sünde nicht kannte“ – das ist mehr als „der keine Sünde tat“, denn auch Gläubigen ist es durchaus möglich, keine Sünde zu tun. [2] „Den, der Sünde nicht kannte“ – das ist auch mehr als „in dem keine Sünde war“. Der Gläubige kann nicht von sich sagen, dass in ihm keine Sünde ist (1Joh 1,8), aber auf unseren Herrn Jesus trifft dies zu. Er kannte Sünde nicht einmal, und das ist mehr, als dass in Ihm keine Sünde war. Vielleicht denkt jemand: Zwar war in dem Herrn selbst keine Sünde, aber könnte Er nicht durch die Geburt von einer sündigen Frau mit der Sünde in Verbindung gekommen sein? Nein, denn da der Herr der zweite Mensch, der Mensch vom Himmel ist, steht Er nicht in Verbindung mit dem ersten Menschen, der in Sünde gefallen war, und hat somit keine Verbindung mit der Sünde. Deshalb lesen wir in Matthäus 1,20: „Das in ihr Gezeugte ist von dem Heiligen Geist.“

„Den, der Sünde nicht kannte“ – mit diesen Worten wird der Herrn Jesus so weit von der Sünde entfernt beschrieben, wie es weiter nicht möglich ist. Aber dann wiederum wird Er mit der Sünde so nah in Verbindung gebracht, wie es näher nicht sein kann: „zur Sünde gemacht“. Nicht nur ein Opfer für Sünden, nicht nur ein Opfer für die Sünde, nicht nur Träger unserer Sünden – sondern „zur Sünde gemacht“!

Deshalb sind die Gläubigen in Christus „die Gerechtigkeit Gottes“ geworden (2Kor 5,21). Das ist ein Ausdruck der Versöhnung, denn das Wesen Gottes wird durch Gerechtigkeit charakterisiert. In Christus sind wir zur Gerechtigkeit Gottes gemacht worden. Es gibt keine Ungerechtigkeit mehr, die das Wohlgefallen Gottes an uns behindern könnte. Das geht sogar so weit, dass wir sagen können, dass wir die Gerechtigkeit verkörpern, die Ihn selbst charakterisiert. Und das ist die Umkehrung dessen, was uns vorher charakterisiert hat: Sünde. Christus ist für uns dazu gemacht worden! Was für eine Wende!

„Damit wir Gottes Gerechtigkeit würden“ – das geht wesentlich weiter als das, was wir im Römerbrief finden. Dort lesen wir, dass die Gerechtigkeit Gottes „auf alle kommt, die glauben“ (Röm 3,22). Im zweiten Korintherbrief werden wir selbst „Gottes Gerechtigkeit“ genannt. Der erste Mensch, der durch den Sündenfall in Ungerechtigkeit fiel, ist also vor Gott beseitigt, er existiert sozusagen nicht mehr; darum werden wir „in Christus“ selbst „Gottes Gerechtigkeit“. Und da wir nun selbst „Gottes Gerechtigkeit“ sind, kann Gott in alle Ewigkeit mit Wohlgefallen auf uns sehen. Doch bevor der Gläubige vollkommen „Gottes Gerechtigkeit“ werden konnte, musste Christus am Kreuz selbst vollkommen „zur Sünde“ gemacht werden.

„In Christus“ sind wir „Gottes Gerechtigkeit“ – in dem Geliebten; in dem, der aus den Toten auferstanden ist; in dem, der Satan, Sünde, Welt und Tod besiegt hat; in dem, der in den Himmel aufgefahren und sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt hat. Könnten wir höher kommen? Könnten wir angenehmer vor Gott werden? Wir sind „angenehm gemacht in dem Geliebten (Eph 1,6; Fußnote)“.


Fußnoten

[1] „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“

[2] Wie kann ein Gläubiger keine Sünde tun? Indem er das Fleisch im Tod hält, das heißt auf die Regungen des Fleisches nicht reagiert. Alles, was von dort kommt, muss der Gläubige sofort verurteilen. Die Sünde hat keine Chance, wenn der Gläubige im Geist wandelt, die Weisungen des Geistes beachtet und Ihn nicht betrübt (Röm 8,13).

Letzte Aktualisierung: 11.05.2017

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